Part 9
Wir setzten uns zu Tisch, Lampenbogen nahm mit seinem Elefantenleib eine ganze Breitseite ein. Er war Gourmand. Während er ass, wurde sein Gesicht zum Blasebalg, man sah und hörte, dass es ihm schmeckte. Mir stand der Sinn nicht nach Essen, trotzdem ich nichts im Magen hatte. Lampenbogen aber wurde vor dem Tischtuch ein ganz anderer Mensch, ein „Priesterfeldherr“, wenn man so sagen darf. Andächtig und zugleich scharf überblickte er die Schüsseln, und wenn man sie ihm nicht gleich reichte, schnalzte er mit den Fingern, ganz kurz. Bereits abgetragene Speisen verlangte er kategorisch aus der Küche zurück. „Wie oft habe ich es ihr schon gesagt, dieser Bestie“, knirschte er und wurde rot. In diesem Moment glich er dem japanischen Glücksgott Fukuroku. Den Salat bereitete er selbst an einem kleinen Nebentisch. Geschickt hantierte er mit zwei Gabeln, mir fiel auf, wie sicher seine kleinen, fetten Hände sich bewegten. Ich dachte: der muss gut zu operieren verstehen. Schliesslich schien er trotzdem mit seinem Werk nicht zufrieden. „Man bekommt hier rein gar nichts mehr“, grollte er, und überblickte missbilligend eine ganze Batterie farbiger Fläschchen und Dosen. „Lampenbogen im Querschnitt“, ein Stoff für Castringius.
„Aber Sie essen ja gar nichts!“ rief er beim Käse. Seine Frau wies ihn zurecht! „Odoaker, du weisst doch!“ Übrigens bemerkte ich, dass er gleich mir eine feine Nase hatte. Das war aber auch die einzige Ähnlichkeit zwischen uns.
Nach Tisch bekam ich meine Zigaretten; bedauernd, seufzend erhob sich der Fettberg:
„Leider, leider muss ich heute in den Klub und wir könnten so schön noch beisammen sitzen.“ Auch ich bedauerte. „Wo ist der Klub?“ frug ich. Er wollte mich natürlich sofort einführen, in den hinteren Räumen der „blauen Gans“ befand sich eine Kegelbahn. Ich dankte. Für heute wäre es mir ein bisschen zu viel.
„Nun also, in Gottes Namen denn“, sagte er und schüttelte mir die Hand.
Seine Frau erhielt einen Klaps auf die Wange. Im Kontrast zu seiner Schwere hatten seine Bewegungen eine gewisse federnde Grazie.
Wir blieben allein. -- -- --
„Ihr Gatte hat eine massive Gesundheit“, bemerkte ich, um etwas zu sagen.
„Ach ja“, gab sie zurück.
Die Stimmung wurde ein wenig drückend; ich hatte Angst vor der Nacht und wollte meine Anwesenheit hier möglichst lange hinausziehen. Jetzt erst betrachtete ich die schöne Frau näher. Sie trug ein blau- und weissgestreiftes, bauschiges Kleid und das üppige Haar in einem Netz nach der damaligen Mode im Traumreich. Ihr Gesicht erschien mir auffallend klein, die Stirne schmal, die Augenbrauen stark geschwungen und zwar aussen höher. Die Nase war ziemlich kurz, eine Stumpfnase, der Mund sehr voll und breit, leichte Negerlippen. Das schönste waren ein Teint wie Alabaster und das Haar. Für ein Weib war sie gross.
Ich wunderte mich, wie scharf ich in meiner Lage noch beobachten konnte. -- Melitta kramte in einem Körbchen nach einer Arbeit, dann setzte sie sich an den Kamin, in welchem lange Buchenscheiter prasselten. Das reiche, braungetäfelte Esszimmer war leicht überhitzt, draussen knirschten die Bäume im Sturm, ab und zu schlug ein Regenschauer gegen die Fenster.
Ich erwartete, dass die Dame etwas sprechen würde, ich war heute ein schlechter Gesellschafter. -- Aber sie schwieg. -- Ich musste also ins Treffen. -- „Gnädige Frau, Sie haben sehr schönes Haar“, sagte ich aufs Geratewohl.
„Es ist nicht soweit her damit, früher hatte ich mehr. -- Offen ist es hübscher!“
Da durchfuhr mich auf einmal ein jäher Schreck. Ich fühlte, wie ich blass wurde.
Was sich jetzt ereignete, wird mir niemals vollständig erklärbar werden. -- Ich hatte in den letzten Tagen die furchtbarsten Erschütterungen durchgemacht, die ein Mensch zu ertragen imstande ist. Ich war gebrochen -- lag am Boden -- ohnmächtig und verzweifelt.
Beherrscht unsere Natur etwa eine Art von Pendelgesetz? Was war es sonst, dass in mir gerade jetzt leise, aber plötzlich ein ganz kleiner Gedanke auftauchte, kalt und lauernd?
Fast im gleichen Moment spürte ich, wie sich dumpfe, unermessliche Kräfte in mir regten. Das ging alles irgendwo im Tiefen vor sich, an der Oberfläche meines Bewusstseins war ich empört über mich selbst. Aber blitzartig wandelte sich jetzt alles, alles in einen gesammelten starren, einheitlichen Willen: so wurde es irgendwo bestimmt; ich war besonnen, berechnend wie eine Schlange. -- Von aussen gesehen war ich ein Mann, welcher rauchte.
Melitta legte ihr Nähzeug hin und sagte ruhig: „Als Maler müssen Sie natürlich einiges von Schönheit verstehen.“
Ich war vollständig Herr über ein kristallklares Gedankengefüge.
Jetzt +wollte+ ich handeln -- -- doch erst sondieren.
„Ihr geöffnetes Haar muss wirklich ein wunderbarer Anblick sein“, sagte ich und verbarg mich hinter Rauch.
„Sie wären enttäuscht, fürchte ich!“ dabei beugte sie sich wieder rasch über die Arbeit und lachte ein wenig.
„Ach so ...“ dachte ich; nein, auf ein kitzelndes Spiel kam es mir wirklich nicht an, das war nie meine Sache gewesen. Gleichgültig stand ich auf und bemerkte mit kühler Galanterie:
„Schade, dass Ihr Mann nicht Künstler ist.“ -- -- (Das war eine Diversion, der Gegner sollte weiter vordringen, sich zu erkennen geben), und richtig: „Grosser Gott, der merkt das alles gar nicht!“ Es kam mit einem leicht verächtlichen Achselzucken heraus; ich hatte es nicht anders erwartet. Jetzt war sie mein. Trotzdem war noch nichts geschehen, die Situation durchaus unverfänglich.
Das Stubenmädchen trat herein: „Haben die Herrschaften noch Wünsche?“
„Nein, Sie können gehen!“
„Was würden Sie sagen, wenn ich so frech wäre und Sie bäte, Ihr Haar zu öffnen?“
(Ich brauchte diese Frage, bevor ich die Schlinge zuzog, denn ein Refüs wäre zu lächerlich.)
„Heute, am Begräbnistage Ihrer Frau?!“
(Ein Scheinhieb.)
„Ausser dem Tode gibt es auch noch das Leben“, schauspielerte ich weiter. Trotzdem empfand ich eine leichte Kontrawelle, aber was vermochte sie gegen die Gewalt, die bereits über mich entschieden hatte.
„Also, wenn Sie wollen, wenn ich Sie damit trösten kann?“
(Aha, der versteckte Stachel gegen den Witwer, ihre letzte Parade.)
„Wie dumm ist dieses Weib .... eine wie die andere ....“ Irgendwoher stieg dieser Gedanke in mir auf. Melitta erhob sich und nestelte an ihrer Frisur.
„Wird das Mädchen nicht kommen?“ sprach ich sehr ruhig und ganz leise.
(Das war ein Riegel und zugleich Vorsorge, dass das Geplänkel nicht noch weiss Gott wie lange dauerte. Ausserdem fühlte ich die Ordnung in meinem Kopfe schwinden.) Leise kam es aus ihrem Munde:
„Wir sind sicher.“ (Was kann man mehr verlangen?) Zwei prachtvolle, rotbraune Flechten fielen ihr den Rücken hinab. Sie trat hinter den hohen Schutzschirm am Kamin und löste ihr Haar völlig.
Ich war überrascht, trotzdem übertrieb ich. Detaillierte Sachkenntnis gab ich zum besten, tropfenweise goss ich leidenschaftliche Ausdrücke dazu. Mir war es ja gar nicht so um das Haar zu tun.
Eine Beklemmung presste mir den Schlund zusammen. Ich sah es kommen, wenn ich noch viel redete, würden meine Worte idiotisch.
„Ihr Haar ist einzig, darf der Künstler nicht mehr sehen? Bitte, bitte“, schmeichelte ich und bemerkte, wie sehr Melitta verwirrt wurde.
„Sie verlangen weiss Gott viel“, meinte sie, auf kokette Weise indigniert. -- Ihre Röte zeigte mir, dass ihr Widerstand schmolz. Mit zitternden Fingern durfte ich die Zofe ersetzen ....
Im Boudoir nebenan verbreiteten zwei kleine Wandleuchter gedämpftes Licht. Ich wollte sie ihrer Dumpfheit entreissen, zugleich freute ich mich über diese Dumpfheit. Ich spürte den berauschenden, im Traumland nur zu bekannten Duft -- -- meine Frau hatte für mich nie gelebt. -- -- -- -- -- -- --
Auf der Strasse war es ruhig, der nächtliche Sturm hatte sich gelegt; es war noch sehr nass und kalt. Ein Säbel rasselte, zwei Passanten kamen.
„Das Trinkgeld des Teufels“, hörte ich Castringius wohlbekanntes Meckern. Ich lief und lief, um möglichst weit von der Villa fortzukommen. Niemand, nichts konnte mich dahin zurückbringen.
Im Kaffeehaus trank ich einen starken Punsch, und sagte wie im Galgenhumor: „Endlich allein!“ Nach dem dritten Glase machte ich eine Bilanz über das, was ich im Leben erstrebte und erreicht hatte: Ein Blick ins Nichts. Ähnlich wie Brendel mit seinen Liebschaften ging es mir mit allem. Ich verfolgte Vorspiegelungen eines Glückes, das mich narrte. Ich wollte von dieser Affenkomödie nichts mehr wissen. Beim vierten Glase watete ich tief im Sumpfe der Selbstmordideen. Lieber gar nicht existieren, als ein Narr unter Narren sein.
Dabei folterte mich Reue über das zuletzt Geschehene. Ich leistete der Toten Abbitte. Seit einigen Stunden deckte sie die nasse Erde, eingeengt und verlassen in ihrem hölzernen Gefängnis, während ich die Last des lebendigen Fleisches schleppen musste. Selbst in dieser Stunde neckten mich zwischendurch laszive Gedanken, welche gleich Blasen in mir aufstiegen und zerplatzten.
Beim fünften Glase der Entschluss: „Hier mich vollsaufen, dann ins Wasser.“ Von dem vielen Tabakrauchen brannte mir die Zunge und brummte mein Schädel.
An dem Nebentische sprach man von der Mühle. Jakob, der abgängige Müller, war Ende voriger Woche noch gesehen worden, er hatte sich von der Fähre weiter unten übersetzen lassen; eine Strasse führt daselbst durch einen endlosen Urwald, ein noch unerforschtes, wildes Gebiet des Traumlandes. Nachts drangen wahre Höllensymphonien bis über den Fluss herüber. „Vielleicht hat sich der Müller verlaufen und ist irgendeiner Bestie zum Opfer gefallen“, das war die Durchschnittsansicht hier. Trotzdem zog man über den andern Bruder her und hängte ihm den schwersten Verdacht auf.
Ich trank einen schwarzen Kaffee und konstatierte, dass ich weder zum Selbstmord, noch zum Leben fähig war. „Ich werde ein vegetatives Halbleben zwischen den beiden Möglichkeiten führen und den Todesstoss wie ein Schlachtochse erwarten, lange kann er ja nicht ausbleiben.“ -- Ein Blick in den Spiegel zeigte mir ein krankes, aufgeschwollenes Gesicht.
Es war drei Uhr morgens, da ass ich drei Portionen Schinken und extra noch einen Rosinenkuchen; ein Wolfshunger hatte mich gepackt. Als späte Gäste erschienen Castringius und de Nemi. Der Zeichner sah mich sofort, ich ergriff aber schnell „die Stimme“, und vertiefte mich darin. Beide verstanden, was ich damit sagen wollte. Gesperrt gedruckt stach mir mein Name in die Augen, ein kurzer Nachruf für meine Frau. Über die Zeitung hinweg musste ich immer auf Castringius’ Hände sehen, jetzt hing eine, die rechte, über die Stuhllehne, ein schauderhaftes Werkzeug; das musste eine Rückbildung sein, vielleicht eine Zwischenform. Aber Castringius gab zu verstehen, dass er zum Menschengeschlechte gezählt werden wolle. Schiffsschrauben nannte ich die kurzen, fleischigen Finger mit den breiten, hornigen Nägeln; sie waren gelb und rissig. Weil ich wusste, dass mich mein Kollege im Grunde nicht mochte, war ich ungemein höflich zu ihm.
Der Wirt kam an meinen Tisch; verschlafen frug er mich, ob ich meine Wohnung auch fortan beibehalten würde. „Um des Himmels willen, nein!“ Ich erklärte ihm, dass ich augenblicklich obdachlos sei, ob er etwas wisse? -- „Gewiss, bei mir.“ Er hatte ein Zimmerchen, lang und schmal wie ein Gang. Hier schlief ich den Rest dieser Nacht, und hier blieb ich. Durch einen Vorhang abgetrennt stand in einem dunkeln Alkoven das Bett. -- Der Raum kam mir so altbekannt vor, als hätte ich nie in einem andern gewohnt, er heimelte mich an mit seinen etwas schadhaften vergilbten Ledertapeten, dem altertümlichen Uhrkasten und dem bauchigen Kachelofen.
Todmüde schlief ich ein und wurde erst am übernächsten Tage geweckt, als man mein Zeichenpult herüberschaffte. -- -- --
Es überfiel mich ein Arbeitsdelirium; im nächsten halben Jahre produzierte ich unter dem Drucke des Schmerzes meine besten Sachen. Ich betäubte mich im Schaffen. Meine Blätter, in der düstern und fahlen Stimmung des Traumreiches gehalten, sprachen auf verborgene Weise mein Weh aus. Fleissig studierte ich die Poesie der dumpfigen Höfe, der verborgenen Dachkammern, der schattigen Hinterzimmer, staubigen Wendeltreppen, verwilderten, nesselbestandenen Gärten, die blassen Farben der Ziegel- und Holzpflaster, die schwarzen Schlote und die Gesellschaft der bizarren Kamine. Immer wieder auf neue Art variierte ich den einen melancholischen Grundton, das Elend der Verlassenheit und den Kampf mit dem Unverständlichen. Ausser diesen vielen Blättern, die ich unter die Leute und zum Traumspiegel brachte, machte ich aber auch anderes. Ein paar kleine Serien Arbeiten entstanden, nur für wenige bestimmt. Hier versuchte ich unmittelbar neue Formgebilde nach geheimen mir bewusst gewordenen Rhythmen zu schaffen; sie ringelten, knäuelten sich, und platzten gegeneinander. Ich ging noch weiter. Ich verzichtete auf alles bis auf den Strich und entwickelte in diesen Monaten ein seltsames Liniensystem. Ein fragmentarischer Stil, mehr geschrieben wie gezeichnet, drückte es wie ein empfindliches meteorologisches Instrument die geringsten Schwankungen meiner Lebensstimmung aus. -- „Psychographik“ nannte ich dieses Verfahren und wollte später Erläuterungen dazu verfassen. Im Bezirke neuen Schaffens fand ich die Entlastung, die mir so not tat. Doch weit entfernt mit dem Schicksal ausgesöhnt zu sein, führte ich im Grund ein Zwitterleben.
Für das Ende meiner Frau habe ich, viele Nächte nachdenkend, nach Erklärungen gesucht. -- Mich traf auch etwas die Schuld; sie war eine reale, gesunde Natur, welche in dem Boden dieses gespenstischen Reichs niemals Wurzel fassen konnte. Das hätte ich mir beizeiten sagen und lieber auf das ganze Abenteuer verzichten sollen.
Als ich wieder unter Menschen zu gehen anfing, erfuhr ich von allerhand Veränderungen. Im Traumreich ging es womöglich noch ärger drunter und drüber.
Eines Tages trug man Frau Goldschläger, die uns seinerzeit bedient hatte, tot aus dem Hause, die dritte Leiche in einem halben Jahr. -- Den armen neun Kindern ging es nun schlecht.
Hektor von Brendel sollte ein Verhältnis mit der Lampenbogen eingegangen sein; ob die wohl zur „Reife“ gelangen würde? De Nemi ging zu Lampenbogen, weniger der Melitta als eines schlimmen Leidens wegen, einer Folge seiner galanten Anlage. Von Giovanni Battista hörte ich nur Erfreuliches; er war ein Meister seines Faches und der Friseur kaufte ihm eine Altersrente.
Ein starker Zuwachs machte sich nicht bemerklich, die paar Neuangekommenen fanden wenig Beachtung. Sie erzählten wohl viel von der Welt da draussen mit ihren Fortschritten und grossartigen Erfindungen. Das interessierte jedoch die Träumer nicht im mindesten, man sagte so obenhin: „Ja, ja, ist schon recht!“ und ging zu etwas anderm über. Uns erschien das Traumreich unermesslich und grandios, die übrige Welt kam gar nicht in Betracht, man vergass sie. Kein Mensch, der sich hier eingelebt, wollte wieder hinaus, „da draussen“, das war Schwindel, das gab’s gar nicht.
Eines späten Abends ging ich zum Flusse hinunter. Ich hatte vor, einige Nachtschnüre, zum Fang für Aalrutten bestimmt, auszulegen; Fischerei war eine Jugendleidenschaft von mir.
Um die Mühle knisterte und webte noch immer die sonderbare gasartige Substanz. Grünliche phosphoreszierende Streifen sah ich über die Wände huschen. Deutlich fühlbare, unangenehme Störungen beunruhigten mich in ihrer Nähe. Unter der Tür, an der ein Eulenkopf, eine lebendig gekreuzigte Fledermaus und ein Rehlauf als glückbringende Zeichen befestigt waren, unter dieser Tür stand der Müller. Die Glut seiner Pfeife leuchtete. Vor diesem verschlossenen Menschen hatte mich schon immer geschaudert, aber heute ging ich absichtlich kühn an ihm vorbei. Die Plätze für die Angeln hatte ich mir schon ausgedacht, gleich hinter dem grossen Rechen. Als ich eben auslegen wollte, hörte ich leise und deutlich eine Stimme aus nächster Nähe: „Pst, pst, Obacht! bitte mehr links zu gehen!“ Es war niemand zu sehen. Da gewahrte ich mit Schrecken ein dickes, rundes Gesicht in dem Sande zu meinen Füssen. Ich fürchtete schon wieder einen Teufelsspuk, aber es erklärte sich bald auf natürliche Weise: Ein Kriminal hatte sich hier eingegraben und belauschte den Müller. -- Ich war erleichtert.
Nachdem ich meine Arbeit verrichtet hatte, ging ich wieder heim. An der Brücke blieb ich stehen, -- ein eintöniges, gezogenes Singen hallte herüber. -- In dieser Richtung lag die Vorstadt mit ihren niedrigen Häuschen. Dorthin war ich noch nie gekommen, ich hatte gerade genug Traumlandunterhaltung gefunden. Der Gesang griff mir eigenartig ans Herz, feierlich monoton klang es, ich lauschte stumm; eine merkwürdige Ruhe lag über dem Wasser. „Ich will doch demnächst hingehen“, nahm ich mir vor, und wieder wie so oft, dachte ich an Pateras grosse Geheimnisse, und was ich darüber wusste. Von solchen Dingen wird im nächsten Kapitel die Rede sein.
Dann ging ich auf ein Viertelstündchen ins Kaffeehaus. Anton war nicht zu zitieren. Eifrig sprach er zu einem Tisch voll Gäste und schwang in der Hand den Fremdenanzeiger der letzten Nummer der „Stimme“.
„Nun haben wir ihn, gestern ist er angekommen“, schallte es bis zu mir.
Endlich bemühte er sich auch dienstbeflissen um mich.
„Heute ist der +Amerikaner+ angekommen“, berichtete er wichtig.
„Wer?“
„Nun der Amerikaner, ein Mann mit vielem Gold.“
FÜNFTES KAPITEL
DIE VORSTADT
I.
Verschnörkelte, zackige Giebel, Strohdächer! Es war ein kleines Dörfchen, in das ich trat. Niedere Holzhäuschen, schrullig in ihrer Form, winzige Kuppelbauten, kegelförmige Zelte. Jede Wohnung war von einem gepflegten Gärtchen umgeben. Von ferne gesehen, wirkte diese Kolonie wie eine ethnographische Musterausstellung. Signalstangen mit Wimpeln und Glasscheiben, zahllose grosse und kleine groteske Figuren in Steingut, Holz, Metall standen herum, ein Durcheinander mit Moos bewachsen. Ehrwürdige Bäume verhüllten das meiste mit ihren tief herabhängenden Zweigen.
Hier waren die Ureinwohner des Traumlandes zu Hause. Eine eigentümliche Ruhe lag über allem. Die bizarren unverständlichen Gestalten auf ihren fremdartigen Holzaltären waren verwittert und fügten sich trotz ihren oft scheusslichen exotischen Formenkonglomeraten harmonisch in den umgebenden Frieden ein. Eine geraume Zeit wandelte ich da herum, bis ich auf die ersten Menschen stiess. Drei hochgewachsene, sehnige Gestalten kamen einen Hügel herab.
Auf meinen Gruss neigten sie ernst die rasierten Köpfe und wandelten ruhig weiter. Es waren Greise von deutlich mongolischem Typus, in matt-orangegelbe Tücher gehüllt. Bald sah ich andere. Regungslos, statuenhaft sass jeder anscheinend ohne Beschäftigung vor seiner Hütte. Einer hatte Gefässe mit Blumen vor sich, ein anderer betrachtete einen schlafenden Hund, ein dritter war in den Anblick einiger Steine versunken. „Über diese Leute schüttelt man in Perle den Kopf“, dachte ich. Man ging nie hieher, sie waren beinahe verachtet. Trotzdem war dieser Stamm sehr stolz, er leitete seine Herkunft in gerader Linie von dem grossen Dschingis-Khan ab. Allerdings erinnerte er in nichts mehr an diesen asiatischen Despoten. Was jetzt noch hier lebte, waren durchgehends alte Leute, die paar Frauen unter ihnen waren kaum zu unterscheiden; Haltung, Kleidung und Gesichtsausdruck glichen sich. Das schönste an diesen Menschen waren ihre leicht schräg gestellten Augen von strahlendstem Blau. Wie widersprach hier alles den Zuständen im übrigen Traumreich! Dort die Hast, hier die Ruhe. Doch mussten diese alten Leute auch ihren Kampf gehabt haben, tiefe Furchen in den Gesichtern sprachen davon.
Nach diesem ersten Besuch wanderte ich öfters über die Brücke zu den Blauäugigen. Obwohl mich niemand einlud, verwies man mich auch nicht. Immer mehr fiel mir der schroffe Gegensatz auf. Ich ruhte mich hier aus und beobachtete still. Die Abgeklärtheit machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich dachte darüber nach und versuchte, die Ergebnisse meinen andern Erfahrungen anzugliedern.
Stand ich doch schon seit sechs Monaten dem grossen Rätsel Pateras nicht mehr ganz blind gegenüber. Der alte Professor hatte in manchem recht. Das gesamte Traumland war einem Bann unterworfen, die Schrecken und der unleugbar humoristische Einschlag in unserm Leben standen in Verbindung. Der Meister steckte wirklich hinter allem und manifestierte sich häufiger als es angenehm war auf geheimnisvolle Weise. Der Gedanke, dass er der Lenker von fast 65000 Träumern sei, war nicht von der Hand zu weisen, so ungeheuerlich er mir auch schien. Wo die Grenzen seiner Macht lagen, konnte ich unmöglich absehen, denn ich bekam noch genug Beweise, dass er auch allem tierischen und pflanzlichen Wesen seine Impulse mitteilte. Wir ahnten das auch sämtlich und nahmen es als ein besiegeltes Schicksal ruhig hin. Das Ganze war derart verworren, dass der spitzfindigste Geist daraus nicht klug werden konnte. Pateras Art blieb unergründlich, ebenso unverständlich die Macht, die uns im Traumlande zu Marionetten machte. Bei jeder Kleinigkeit fühlte man sie. Der Herr besass unseren Willen, trübte unsere Vernunft. Er bediente sich seiner puppenhaften Untertanen, aber wozu? Wir hatten doch keine Abgaben zu zahlen, schufen doch nichts für ihn? Es wurde immer dunkler, je mehr man darüber dachte. Sicherlich litt diese mysteriöse Persönlichkeit, er war Epileptiker, und wir alle empfanden seine Anfälle mit, das war der „Klaps“. Er wird altern, er wird sterben, was soll dann sein? Wird dann jeder Funke unserer eigenen Kraft mit verglühen? Wir brauchen ihn ja zu allem, nur um nicht umzusinken. Woher besass er diese masslosen Energien? -- Nun lebte hier ein Überrest eines alten, vornehmen Stammes, seine Gewohnheiten waren den unseren entgegengesetzt, wie hingen diese mit dem Meister zusammen? Die Greise starrten stundenlang trockenen Auges in die Ferne, beugten sich tagelang über irgendwelche Kleinigkeiten, Steine, Knochen, Federn.
Niemals lachend, kaum miteinander sprechend, waren diese Blauäugigen die Verkörperung des vollkommensten Gleichgewichts. Davon zeugten die massvollen Gebärden, die gefurchten, den Stempel geistiger Kraft tragenden Gesichter. Ihre fast aussermenschliche Gleichgültigkeit liess sie wie ausgebrannt erscheinen. Teilnahmslose Anteilnahme -- diese widersprechenden Worte fallen mir immer ein, wenn ich ihrer gedenke, und ich werde ihren Zauber bis in meine letzte Stunde spüren. Über das Alter der einzelnen wagte ich keine Schlüsse zu ziehen. Trotz greisenhaften, allen Gefühlen scheinbar unzugänglichen Mienen, konnte ich aus ihren gewissermassen von innen erleuchteten Blicken nichts bestimmtes lesen. -- Auch ihre Zähne waren ohne Fehl -- der übrige Körper hager, fast dürr wie ein Gerippe. Ihre Anzahl wird fünfzig schwerlich überschritten haben. Dreimal sah ich sie, wie sie ihre Toten bestatteten, dabei konstatierte ich, wie sehr sie sich von christlichen wie buddhistischen Anachoreten unterschieden. Die Leichen wurden in ihr Gewand gewickelt, mit Moos und Blättern in die Erde gebettet und überdeckt; die Grube wurde mit Erde wieder aufgefüllt. -- Neben der Hütte, in der sie gelebt hatten, wurden sie verscharrt; ohne irgendein Zeichen zu errichten, ebnete man den Boden wieder. Da gab es keine Aufregungen, keine Gebete. -- Allein aus der Beobachtung dieser eigentümlichen Dinge habe ich unermesslichen Gewinn gezogen.
Hier unterbreche ich den Fluss der Erzählung und Schilderung, um dem Leser die Philosophie der Blauäugigen so wie ich sie erfasste, nicht ganz vorzuenthalten.
II.
DIE KLÄRUNG DER ERKENNTNIS