Part 5
Die Häuser spielten da eine bedeutende Rolle. Oft war es mir, als ob die Menschen nur ihretwegen da wären und nicht umgekehrt. Diese Häuser, das waren die starken, wirklichen Individuen. Stumm und doch wieder vielsagend standen sie da. Ein jedes hatte so seine bestimmte Geschichte, man musste nur warten können und sie stückweise den alten Bauten abtrotzen. Diese Häuser wechselten sehr mit ihren Launen. Manche hassten sich, eiferten gegenseitig aufeinander. Es gab garstige Brummbären unter ihnen wie die Molkerei da gegenüber; andere schienen frech und hatten ein loses Maul, gerade mein Café ist dafür ein gutes Beispiel. Weiter hinauf zu, das Haus wo wir wohnten, war eine vergrämte alte Tante. Klatschsüchtig und böswillig schielten die Fenster. Schlimm, sehr schlimm war das grosse Magazin von M. Blumenstich, derb und jovial die Schmiede neben der Molkerei, unbekümmert, leichtsinnig das daran gebaute kleine Häuschen des Flussaufsehers. Aber mein besonderer Liebling war der Eckbau, der am Flusse lag: Es war die Mühle. Die hatte ein lustiges Gesicht: sie war weiss getüncht und trug ein moosiges Schindeldach als Kappe. Gegen die Strasse zu, hoch oben, steckte ein klobiger Balken in der Mauer, wie eine gute Zigarre. Ein wenig verzwickt und schlau war allerdings ihr Ausdruck um die oberen Dachluken herum. Sie gehörte zwei Brüdern. Oder gehörten die zwei ihr, gleich wie eine Mutter zwei Söhne hat?
Ich könnte hier noch gar vieles erzählen, wüsste ich, dass meine Leser diese komplizierten Verhältnisse auch so auffassen, wie ich es wünsche. So glaubte ich nach einiger Zeit zu bemerken, dass die Häuser einer Strasse etwas wie eine Familie repräsentierten. Zankte man sich untereinander, nach aussen war man einig. Es gingen mir hier in dem verödeten Perle Ideen auf, welche mir an den lauten Orten der Aussenwelt nie so bewusst geworden wären. Noch weit intimer aber drang ich in diese Verhältnisse ein, als sich mein Geruchsinn wunderbar schärfte. Das geschah schon nach einem halben Jahre. Von da an bestimmte meine Nase meine Sympathie und meinen Widerwillen. Stundenlang schlich ich nun in all den alten Winkeln umher, beschnupperte und beroch alles. Hierbei erschloss sich mir ein ganz neues, unabsehbares Gebiet. Jedes dieser gebrauchten Geräte teilte mir ein kleines Geheimnis mit. Meine Frau lächelte oft: es kam ihr komisch vor, wenn ich an irgendeinem Ding, einem Buch oder einer Spieldose, verständnisvoll herumschnüffelte. Ich war auch wirklich fast wie ein Hund; erklären konnte ich das alles nicht so genau, das waren Empfindungssachen so fein, dass die Worte versagen.
Zunächst war es ein ganz bestimmter, unbeschreiblicher Duft, der durch das ganze Traumreich rann und allem anhaftete. Manchmal war er stärker vorhanden, dann wieder spürte man ihn kaum. Wo er sehr konzentriert war, lässt sich dieser eigentümliche Geruch als eine leichte Mischung von Mehl und getrocknetem Stockfisch bezeichnen. Sein Entstehen konnte ich mir nicht erklären. Weit bestimmter waren aber die Eigengerüche einer jeden Sache. Ich analysierte sie scharf, dabei packten mich oft starke Abneigungen. Gegen in meinem Sinne missduftende Menschen konnte ich leicht unfreundlich werden. Aber schliesslich liessen alle diese Geschöpfe und scheinbar leblosen Gegenstände, wenngleich durch eine bizarre Laune zusammengebracht in ihrer Mannigfaltigkeit doch eine unfassbare Einheit durchfühlen.
VI.
Alles, was man im Traumreich zu Gesicht bekam, war matt und stumpf. Wie weit das ging, bemerkte ich eines Tages beim Rasieren. Giovanni bediente mit gewohnter Eleganz, nur der Zustand seines Messers und des Kupferbeckens störten; sie waren blind.
„Was soll das heissen?“ sagte ich zu dem Friseur, welcher mir eben einen schwer verständlichen Exkurs aus Leibniz’ Monadologie vorlas, „der Herr Assistent könnte wohl diese Sachen ein bisschen besser in stand halten.“
„Wie beliebt?“ fragte erschrocken der grosse Philosoph mit der Miene eines Abgestürzten.
„Ich meine, dies Becken hier könnte blitzblank und das Messer poliert sein.“
„Ja, was will man da machen? so ist’s nun einmal. Ich hüte mich vor Neuerungen.“
Um ihn zu fangen, wies ich auf die Spiegel und sagte: „Schauen Sie die an, die sehen gewiss blinkend und geputzt aus.“
Da verliess ihn seine Philosophie, er sass in der Klemme: „Ja, die Spiegel!“ Nachdenklich und zögernd entrangen sich ihm die Worte:
„Spiegel sind doch überhaupt +nichts+!“
Es war ihm augenscheinlich peinlich, davon zu sprechen.
„Ich wollte Sie nicht beleidigen!“ meinte ich freundlich und verliess sein Lokal.
Gleichviel! Es war schön unter diesen oxydierten alten Sachen zu leben, und ich trage kein Bedenken, nachfolgenden Brief hierher zu setzen. Er ist ganz aus meiner damaligen Stimmung geschrieben. Ausserdem enthält er die Schilderung eines sonderbaren Brauches, welcher zum Kultus, von dem ich nachher reden werde, hinüberleitet. Ich meine den +grossen Uhrbann+. Dieser Brief lag in dem Notizbuch, das man unter meinen Lumpen fand, als das Traumreich untergegangen war. Auch das weiter unten angegebene Verzeichnis der heiligen Sachen fand ich in dem Buche, sonst waren die Blätter nur mit unleserlichen Schriftzügen bedeckt; ausgenommen die Innenseite des Umschlags, auf der sich die oberflächliche Skizze eines Stadtplans von Perle, sowie flüchtige Angaben befanden, die ich mir zur eigenen Orientierung in den ersten Tagen gemacht hatte.
Den Brief schrieb ich im dritten Monat meiner Anwesenheit. Es war mein erster Versuch, eine Verbindung mit dem Ausland herzustellen. Nach zwei Jahren erhielt ich das Schreiben als unbestellbar zurück; sein Umschlag ist über und über mit Stempelabdrücken und Vermerken bedeckt. Brief und Notizbuch sind die einzigen Beweisstücke aus dem Traumreich, die ich Besuchern vorlegen kann.
Lieber Fritz!
„Ich bin im Traumreich, Du wirst es unglaublich finden. Doch ich kann Dir nur das eine raten: Packe umgehend nach Erhalt dieses Briefes Deine Siebensachen und komme auch hieher. Perle ist ein wahres Dorado für Sammler, diese Stadt ist geradezu ein Museum, natürlich riesig viel Mist, aber auch die grossartigsten Stücke. Ich habe heute eine geschnitzte gotische Truhe, ein Paar silberne Wandleuchter (XVI. Jahrhundert) und eine jener märchenhaften Renaissancebronzen (Knabe auf Stier von unserm Cellini) nach denen Du immer so fahndest, gesehen. Vorige Woche schwelgten wir in Porzellan; von den niedern Preisen muss ich schweigen, weil ich sonst geradezu für deine Gesundheit fürchten müsste. Und solche Kleinodien findet, wer den Rüssel dazu hat, täglich auf Schritt und Tritt. Es gibt überhaupt +nur Altes+, man lebt wie Grossvater im Vormärz und pfeift auf den Fortschritt. Ja, mein Lieber, wir sind konservativ, unsere Handwerker sind Meister im Flicken und Ausbessern. In jedem fünften Haus ein Antiquitätenladen; hier lebt man vom Trödel. Auch architektonische Extravaganzen wirst Du sehen, im Palast sind mindestens zwanzig Stilarten mühelos zusammengekleistert. Und sonst noch die spasshaften Entdeckungen! Wer’s nicht sieht, glaubt’s nicht! Damit Du meine gute Laune begreifst, will ich dir den letzten Scherz, den ich beobachtete, erzählen. Es ist der „+grosse Uhrbann+“ so ist hier sein Name. Also höre einmal: Auf unserm Hauptplatze steht stämmig und massiv ein grauer Turm, so eine Art untersetzter Campanile. Er ist das Wohnhaus einer alten Uhr, deren Zifferblatt das obere Drittel einnimmt. Von dieser bei Nacht transparenten Scheibe, lesen wir unsere Normalzeit ab, und alle übrigen Uhren in Stadt und Land werden nach ihr reguliert. Das wäre nun nichts Besonderes, wenn nicht dieser Turm eine ganz seltsame Eigenschaft noch nebenbei hätte. Er übt nämlich auf sämtliche Bewohner eine mysteriöse, unglaubliche Anziehungskraft aus. Zu bestimmten Stunden wird dieses alte Gemäuer schwarmweise von Männern und Frauen umringt. Der Fremde bleibt verwundert stehen und betrachtet das merkwürdige Gebaren dieser Versammlung. Die Leute stampfen nervös den Boden und blicken immer wieder auf die langen rostigen Zeiger da oben. Fragt man sie, was da vorgehe, so erhält man zerstreute, ausweichende Antworten. Wer noch näher zusieht, bemerkt zwei kleine Eingänge am Fusse des Turmes. Dahinein drängt alles. Ist die Menge gross, so bildet man Reihen, die Frauen wachen ängstlich, die Männer wütend darüber, dass auch alles hübsch geregelt zugehe. Je weiter die Zeiger vorrücken, desto stärker wird die Spannung. Einer nach dem andern verschwindet; jeder will ein bis zwei Minuten da drin bleiben. Die Heraustretenden haben dann sämtlich tiefbefriedigte, fast glückliche Mienen. Kein Wunder, wenn man da neugierig wird. Und ich frug auch gelegentlich einen meiner neuen Bekannten vom Café, wie sich das mit der Uhr verhalte, kam aber recht schlecht an. Es sei geradezu unanständig von so etwas zu sprechen, überdies zeuge es von Dummheit. „Damit Sie es aber ein für allemal wissen: +Es ist der grosse Uhrbann!+ schreiben Sie sich’s auf!“ Diese Entrüstung spannte mich nur um so mehr. Meine anfängliche Erklärung, es hier mit einer Sehenswürdigkeit, vielleicht einer Camera obscura oder einem Panoptikum zu tun zu haben, fiel zusammen. Kurz entschlossen riskierte ich’s auch einmal, wurde jedoch grob enttäuscht. Weisst Du, was da drinnen war? Auch Deine Erwartungen werden sinken. Man kommt in eine kleine, winklige, leere Zelle, zum Teil mit rätselhaften Zeichnungen, wohl Symbolen, bedeckt. Hinter der Mauer hört man das gewaltige Pendel mächtig hin- und herschwingen. So! tick ...... tack ...... tick ...... tack. Über die Steinwand strömt Wasser, ununterbrochen strömt es. Ich tat, wie der Mann, der nach mir eintrat, blickte die Wand starr an und sagte laut und deutlich: „+Hier stehe ich vor Dir!+“ Dann geht man wieder hinaus. Mein Gesicht muss ziemlich verdutzt ausgesehen haben. Die Frauen haben ihre eigene Seite mit eigenem Eingang, was wie in der ganzen Welt durch kleine Aufschriften kenntlich gemacht ist. Aber das Merkwürdigste: Seit dem Tage, an dem ich mir diese Erfahrungen verschaffte, fühlte ich, wie auch mich der Zwang überkam. Zuerst gab’s mir nur so einen kleinen Ruck, wenn ich am Turme vorbeiging, die nächsten Tage wuchs meine Unruhe immer mehr, es +riss+ mich geradezu hin. Ich gab also dem Blödsinn nach, kämpfen half da nichts. Und jetzt ist’s gut. Nach dem Hauptmuster sind in der ganzen Stadt kleinere Türme verteilt. Auf dem Lande soll jeder Bauernhof sein Uhrwinkel haben. Ich suche Tag für Tag zur bestimmten Stunde das meinige auf. Ja, lache mich nur aus. „Herr, hier stehe ich vor Dir!“
Mit der Malerei ist nicht viel los. Man schätzt Kunstwerke hauptsächlich als Gebrauchsgegenstände. Ein paar alte Maler leben wohl auch verstreut. Was ich sah war dunkle, dünn gemalte Leinwand, ein versprengter Johannistrieb Alt-Hollands. Wirklich gute Sachen, Ruysdael, Breughel, Altdorfer und Primitive trifft man dann und wann in reichen Häusern. Bankier Alfred Blumenstich, unser Krösus, Direktor der traumländischen Bank, besitzt eine wertvolle Galerie, sogar einen Rembrandt und einen echten Grünewald, von dessen Existenz bei Euch kein Mensch eine Ahnung hat. „Die sieben Todsünden essen das Lamm Gottes“, heisst dieses Gemälde. -- Hier gibt es keine lustigen Farben, rein zeichnerisch ist mehr zu holen. Ich habe eine ganz nette Stelle beim illustrierten Traumspiegel: 400 fl. und bequeme Bedingungen. Meinen einzigen Kollegen, den Zeichner Nikolaus Castringius, habe ich noch nicht kennen gelernt. Wenn Du kommst, könnte ich Dich wohl bei dem Blatt unterbringen.
Nun sei mir nicht böse, dass ich schliesse. Ich hoffe auf Wiedersehen!
Dein alter Freund, Träumling und Zeichner.
N. B. Du kannst bei uns in einem romantischen Haus am Rande der Stadt wohnen, ganz ungestört, wie auf dem Lande.“
Damals war ich noch in vergnügter Stimmung, wie aus dem Briefe hervorgeht. Die Schattenseiten, welche sich bereits zu der Zeit bemerkbar machten, werde ich am Ende dieses Kapitels schildern, soweit sie mir schon zum Bewusstsein kamen. Vorläufig will ich einiges über den Kultus -- oder was ich dafür hielt -- bemerken.
VII.
Das war ein ebenso interessantes wie verwickeltes Gebiet. Bis auf den Grund sah ich nie, auch später nicht. Ich ahnte jedoch die Lösung manches Rätsels. Wenn meine Untersuchungen negative Resultate zeigen, so ist das nicht meine Schuld, denn gerade hier durchkreuzte ein feindliches Geschick meine ernsten Bestrebungen, und die erreichte Ausbeute blieb nur zu gering.
Alle grossen Religionen der alten Welt hatten im Traumland mehr oder weniger Vertreter. Das war aber bloss äusserlich, ein aufgepappter Flitter. Die Gebildeten gaben dies auch ohne weiteres zu. Sie waren kluge Freigeister und konnten sich nicht so leicht einem hieratisch starren Schema unterwerfen. Zudem waren viele helle Köpfe unter ihnen. Aber trotzdem, es war etwas da: der fatalistische Glaube an das spitzfindig gerechte Schicksal, und dann allerhand unverständliche und dunkle Anschauungen. Über diese durfte hier nicht gelächelt werden. Das bekam auch mir einmal schlecht.
Noch im ersten Vierteljahre lernte ich im Café einen sympathischen jungen Herrn kennen, einen Baron Hektor von Brendel, durchaus vornehme und saubere Atmosphäre, Lebemann, ein wenig neurasthenisch und müd, aber nicht im mindesten dumm. Seine leichte, stets im Zaum gehaltene Melancholie war es, die ihn mir von Anfang anziehend machte. Später sahen wir uns täglich.
„Sie sind doch schon drei Jahre hier, Brendel,“ sagte ich einmal am Stammtisch zu ihm, als wir gerade allein waren, „ich lasse es mir nicht nehmen, hier im Traumstaat besteht irgend so ein geheimes Glaubensband, eine Art Freimaurerorden. Wissen Sie etwas Näheres? Können Sie mich vielleicht ein wenig einweihen? Riten? Gebräuche?“
Er sah mich von der Seite an, hüstelte und frug trocken: „Was ist Ihnen denn aufgefallen?“
„Ach, nichts Bestimmtes, die Schicksalsideen sind ziemlich alt. Aber sonst im allgemeinen, dieses zähe Festhalten an der gleichen altmodischen Lebensordnung, dieser Mangel an fortschrittlicher Gesinnung, dann sonst noch einiges!“ -- Ich erzählte ihm meine Affäre mit dem Friseur und seinem Kupferbecken. Er hörte mich ernst an, drehte sich langsam eine Zigarette und bemerkte mit traurigem Lächeln:
„Um ganz offen zu sein, ja, mein Lieber, es ist wohl was da. Aber viel mehr als Sie weiss ich beim besten Willen auch nicht.“
„Also doch!“ Ich war enttäuscht. „Wissen Sie denn gar nichts darüber? Dass ich schweigen kann, wenn es sein muss, ist selbstverständlich.“
Brendel dachte einige Augenblicke nach, dann sprach er halblaut:
„Gewissen Dingen bringt man hier Ehrfurcht entgegen, ich weiss aber nicht, ob Sie viel davon haben, wenn ich Ihnen die paar Heiligtümer nenne.“
„O bitte, tun Sie mir den Gefallen!“ bat ich ihn, glühend vor Wissbegierde.
„Nun, das Ei, die Nuss, Brot, Käse, Honig, Milch, Wein und Essig sind besonders geweiht.“
„Aha!“ rief ich frohlockend, „ein hygienischer Kult auf der Magenbasis. Vortrefflich!“ Eines leichten Spottes konnte ich mich nicht enthalten. „Warum denn nicht gleich Tee, Kaffee und Zucker?“
Da wandte mir Brendel den Rücken und zahlte. Ein Windstoss riss die Tür zum Café auf, die warme feuchte Erdluft drang herein, stark gemischt mit dem aufregenden Traumgeruch. Brendel ging mit kurzem Gruss, ich sah ihm durch die hohen, angelaufenen Scheiben nach. -- Draussen war es dunkel.
Nein, so hätte ich es nicht machen sollen, da hatte ich mir etwas verscherzt. Ein anderes Mal würde ich vorsichtiger sein.
Speise und Trank allein konnten diese Religion übrigens nicht erschöpfen. Bald darauf erfuhr ich, dass Haare, Horn, Tannenzapfen, Pilze, Heu ebenfalls heilig seien. Sogar Pferde- und Kuhmist hatten höhere Bedeutung. Von den inneren Organen galten Leber und Herz, unter den Tieren die Fische für besonders wichtig. Gegerbte Häute nahmen auch einen mysteriösen Rang ein. Hingegen waren Stahl und Eisen und einzelne Metall-Legierungen sozusagen Antipoden jener Schätzungen. Hier traf das Gegenteil zu: sie schienen Gefahren zu symbolisieren. All diese Einzelheiten habe ich von Bauern und Jägern in Erfahrung gebracht; um sie zu erlangen, sind weite Spaziergänge ins freie Land nötig gewesen. Ich notierte mir alles, was ich diesen wortkargen Menschen im Laufe der Zeit abgerungen habe, eine komplette Liste will ich aber, um unnütze Längen zu vermeiden, nicht hierher setzen. Nur eines dürfte vielleicht noch interessieren: Es gab einsame Orte in Wäldern und an Sümpfen, wohin sich in der Dämmerung kein Wanderer wagte. Sie waren als unheimlich verschrien, und jeder Träumer war froh, der dort nichts zu suchen hatte.
Vielleicht hätte ich mehr Klarheit erworben und würde nicht so im Dunkel tappen, wenn ich nur ein einziges Mal den Tempel am See mit eigenen Augen erblickt hätte. Dieses Heiligtum muss nach allem was ich gehört habe ein märchenhaftes Wunder gewesen sein. Eine gute Tagereise von Perle entfernt, war er am Traumsee gelegen. Künstliche Wasserterrassen und ein stiller Park umgaben ihn. In diesem Tempel sollen die grössten Kostbarkeiten des Traumstaates aufbewahrt worden sein. Er war aus edelstem Material so kunstvoll erbaut, dass der Beschauer den Eindruck einer schwebenden Architektur erhielt. Die grösste Halle war in Braun, Grau und Grün, den Farben Pateras gehalten. In unterirdischen, geheimnisvollen Gelassen waren die symbolischen Statuen aufgestellt. Leider war er nur einmal im Jahre dem Besuche zugänglich und selbst dann waren gute Protektionen nötig. Anfangs hatte ich die Hoffnung, meine persönlichen Beziehungen zu Patera würden mir Einlass verschaffen. Doch mein Besuch bei ihm verzögerte sich immer mehr, und später kamen dann: +die Ereignisse+.
So unermüdlich ich auch der wahren Traumreligion nachforschte, so wenig habe ich gerade hier erreicht. Es war ein Verhängnis, wie oft ich Anstoss erregte!
Einmal war ich bei Bankier Blumenstich geladen. Da waren eine Menge Leute, und es herrschte eine sehr heitere Stimmung. Der Hausherr war dekoriert worden für die Badeanstalt, welche er ins Leben gerufen hatte. Diese Auszeichnung wurde nach Gebühr gefeiert.
Das Diner war vorüber. -- Alles rauchte und man sass gemütlich bei Kaffee und Likör zusammen. „Hier sind die gescheitesten Leute von ganz Perle versammelt, wenn ich heute nichts erfahre, erfahre ich nie etwas“, dachte ich, und voll Mut platzte ich plötzlich heraus. Ich erzählte von meinem Ärger und den fruchtlosen Bemühungen, den wahren Kultus der Traumleute kennen zu lernen. Sehr schön klangen meine Worte, sehr glatt; wie getrieben von innen flossen sie von meiner Zunge. Endlich glaubte ich, alle von meinem brennenden Wissensdurst überzeugt zu haben, und bat die Anwesenden, mich ein wenig aufzuklären. Dann verstummte ich. Ich hätte auch nicht mehr weiter gekonnt, denn die Kehle war mir ausgetrocknet. Alles war sprachlos, verwirrt, beklommen. Zwei alte würdige Herren mit geistvollen Köpfen, in eleganter Biedermeierkleidung, verzogen sich bereits ins Nebenzimmer. Auf sie hatte ich meine Haupthoffnung gesetzt. Endlich sprach der Hausherr und kratzte sich dabei die schwarzen Koteletten:
„Junger Mann, waren Sie schon einmal in der Vorstadt drüben? Sehen Sie sich immerhin das alte Nest an.“ Seine Stimme klang scharf, und etwas abweisend.
Man war wie von einem dumpfen Druck erlöst. Wenigstens einer hatte gesprochen! Die Unterhaltung erstreckte sich jetzt über die gleichgültigsten Themen. Mich beachtete kein Mensch mehr. Nur mein Redakteur, der auch anwesend war, meinte besänftigend:
„Ja, ja, diese Zeichner!“
Damit war mir aber auch nicht gedient. In Gedanken versunken ging ich bald heim. „Niemals werde ich dahinter kommen!“ rief ich in die Nacht.
Beim Uhrturm riss es mich. Sollte vielleicht der Uhrbann damit zusammenhängen? Über den durfte auch nicht gesprochen werden. Das war doch auch unanständig! Woher käme wohl sonst die Verlegenheit? Ich war scheint’s wieder einmal ein „enfant terrible“ gewesen! Aber was soll’s mit der Vorstadt, diesem alten Dörfchen über der Brücke, um das sich kein Mensch kümmerte? Faule Ausflüchte! Ich wollte schon noch hinter den Schwindel kommen! Das gelobte ich mir und ballte die Faust.
VIII.
Es ist nun an der Zeit, auch die Schattenseiten unseres Lebens ein bisschen zu zeigen. Sonst könnte am Ende gar einer glauben, hier sei es nur amüsant gewesen. Das kurzweilige Leben brachte auch viel Widerwärtiges mit sich. Um gleich einmal mit dem Hause anzufangen, worin wir wohnten: unter unsern Zimmern hatte sich ein altes Fräulein einquartiert, eine Prinzessin von X. Sie war hässlich wie eine kranke Ratte und dabei zanksüchtig. Dieses Wesen verursachte besonders meiner Frau viel Ärger. Sie war ein Geizhals, verfügte über viel Geld, doch war ihr Leben so verschlossen, dass kein Mensch Näheres darüber wusste. Sicher fand das alte Weib im ewigen Händelsuchen Befriedigung. Wenn ich nach neun Uhr abends im Zimmer noch umherging, klopfte sie regelmässig an die Decke -- ein Zeichen, dass sie Ruhe wünsche. -- Sah sie uns die Stiege herabkommen, ertönte jedesmal ihr Gekeife. Vor ihrer Wohnungstür stand immer eine Reihe von Töpfen und Schüsseln, für Milch und ähnliche Lieferungen bestimmt. Einmal habe ich ihr in der Dunkelheit einen irdenen Hafen zerschlagen; na, da war’s ganz aus! Erklärte Feindschaft! Sogar beim Friseur wollte sie mich anschwärzen. Dieser hatte trotz seiner Philosophie noch einigen Respekt vor der „Hoheit“. Als sie es aber zu arg trieb, und meine Frau im Stiegenhause insultierte, fuhr ich sie einmal tüchtig an:
„Wie Sie dastehen, sind Sie für mich die Dreckprinzessin!“ -- Das alte Ferkel war unfrisiert. -- Ein wenig half’s. Die adelstolze Dame verzog sich von jetzt an in ihren Bau, wenn sie mich hörte. Dies geschah einmal so hurtig, dass einer ihrer geflickten Pantoffeln vor mir liegen blieb. Ich stiess ihn von mir fort, und zu meiner Überraschung klimperten Goldstücke die Stiege hinab. „Einbrecher, Mörder!“ kreischte sie und machte das ganze Haus rebellisch.
Solche Sachen kamen oft vor; sie verbitterte uns gehörig das Leben. Noch gründlicher aber besorgte dies: „Der Student.“
Dieser hatte auf demselben Flur wie wir zwei Zimmer inne und war ein Saufaus. Ein ausdrucksloses, aufgedunsenes Gesicht mit einer Schramme auf jeder Wange, so dass es aussah, als hätte er einen dreifachen Mund. Dafür schien sein Verstand nur ein Drittel des Menschenmasses zu erreichen. Unser Nachbar mit ausgesprochener Nachtexistenz irrte sich jedesmal in der Tür, wenn er, bis oben hin voll, sein Lager aufsuchte. Fast jede Nacht fuhren wir erschrocken auf bei seinem Fluchen und Herumhämmern. Unzählige Male stellte ich ihn darob zur Rede. Aber was halfen uns seine Entschuldigungen? Es blieb beim alten. -- Nur um des lieben Friedens willen fügten wir uns schliesslich ins Unvermeidliche.
Dann gab es noch anderes. Es war manchen Tag rein wie verhext. Um nur einiges herauszugreifen:
Da läutete früh um fünf Uhr ein Maurer mit einem Kübel Mörtel und Handwerkszeug und behauptete steif und fest, er hätte den Auftrag, in unserer Wohnung die Fenster zuzumauern. Ein andermal brachte man uns am späten Abend ein Ständchen. Eine Zigeunerkapelle konzertierte vor unserer Tür; natürlich lag ein Irrtum vor. Besucher mit den verschiedensten Anliegen kamen, fremde Gegenstände wurden abgeliefert und nicht wieder geholt. Ein Paket mit alten Käserinden lag einmal vierzehn Tage bei uns. Als ich es schliesslich fortgeschmissen hatte, kamen drei Offiziere und forderten barsch ihr Eigentum. Der Hausbettel trieb in Perle die schönsten Blüten. Oft wurde es aber noch viel unangenehmer. Es schleppten z. B. eines Abends in der Dämmerung mehrere schwarzgekleidete Männer einen Sarg zu uns. Er sei wohl hier bestellt? frugen sie höflich. Meine arme Frau hat sich dabei recht aufgeregt.