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Part 17

Chapter 173,519 wordsPublic domain

Da gewahrte ich eine kleine Schar Männer am jenseitigen Ufer, die durch das sandige Flussbett herüberkamen: die Blauäugigen. Gesenkten Hauptes schritten sie an mir vorbei. Zuerst ein gebücktes Wesen mit einem vielfach gefurchten, wie zersprungenen Gesicht, als wäre es tausend Jahre alt. Von dem ungewöhnlich hohen Schädel fielen lange schlichte Silbersträhnen. Es kam mir einen Augenblick in den Sinn, es könne eine Frau sein. Dann die andern! Lauter hohe, abgezehrte Gestalten. Der letzte, ein wenig grösser und aufrechter schreitend, blickte sich nach mir um. Ich schaute in das schönste Gesicht, das ich je gesehen habe, das Antlitz Pateras ausgenommen. Wie aus Porzellan geformt war das reine Eirund des Kopfes. Mit den durchsichtig dünnen Nasenflügeln, dem schmalen, etwas eingedrückten Kinn, kam mir der Mann wie ein überfeinerter Mandschuprinz oder wie ein Engel aus einer buddhistischen Legende vor. Seine schlanken, langen Gelenke sprachen von äusserster Entwicklung der Rasse. Alles Haar war abgeschabt und vollkommen glatt spannte sich seine Haut. Mit einem unvergleichlichen Blick aus seinen blauen Augen sah er mich an. Das konnte keine Zurückweisung sein -- ich folgte ihm nach.

Da dehnte und streckte sich der Boden wie Kautschuk, ein betäubender Knall wie von vielen hundert Kanonen erschütterte die Luft. Langsam neigte sich die Fassade des Palastes, bog sich wie ein Fahnentuch im Wind und begrub den grossen Platz unter ihrem Angesicht. --

Von allen Türmen Perles ertönten die Glocken, melodisch, imposant läuteten sie den Schwanengesang der sterbenden Stadt. Ich war zu Tränen gerührt, mir war als schritte ich im Leichenzug beim Begräbnis des Traumreiches.

Ich folgte den blauäugigen Männern durch ein schmales Tor, das in die Felswand eingelassen war. Im trüben Licht einzelner Fackeln führte eine lange Stiege mit ungleichmässigen Stufen empor. Meine Führer verschwanden in einem Felsgeschoss, das seitlich in die Wand gegraben war. Ich aber stieg immer höher, um mich nach einem geschützten Platz umzusehen und gelangte wieder ins Freie und sah den geröteten Himmel über mir. Ich befand mich in der alten Bergfestung. Einzelne Geschütze standen noch auf die Stadt gerichtet, sonst waren die Lafetten zerbrochen und die bronzenen Rohre lagen verstreut auf den Wällen. Schroff fiel hier die Bergwand einige hundert Meter ab. Ich setzte mich. Unter mir sah ich ein Labyrinth von Gängen, ich traute meinen Augen kaum! Die Stadt war vollständig unterminiert gewesen wie ein Maulwurfsbau. Ein breiter Tunnel verband den Palast mit der Vorstadt, andere reichten bis weit in das Land hinein. Diese nun offen daliegenden Gänge füllte jetzt das dunkle Wasser des Negro, alles was noch stand, versank allmählich in ihnen. -- Von der anderen Seite flutete der Sumpf immer näher heran.

Das Geläute war verstummt, die Türme eingestürzt, nur der grosse Uhrturm stand noch, seine mächtige Glocke summte in tiefen Basstönen. Leben sah ich kaum mehr. Ein kleiner Trupp Menschen schien nur entronnen zu sein. Sie schossen nach allen Richtungen auseinander und fuhren dann wieder auf einen Punkt zusammen, wie Marionetten, von einer einzigen Schnur regiert; so sahen sie von hier oben aus. --

Zwecklos schienen die Leute da unten herumgehetzt zu werden. Endlich rasten alle, einem unsichtbaren Kommando folgend, über die Trümmer in erstaunlichen, letzten Sprüngen gegen den Strom, setzten durch sein leeres Bett und warfen sich gegen die Vorstadt.

Aus einem grossen Loch in der Erde blies ein eiskalter Wind bis zu mir herauf, so dass die Flüchtenden über den Haufen purzelten. Das unheimliche Loch atmete die ausgestossene Luft wieder ein, Bretter, Balken und Menschen verschwanden in ihm; wie eine Windhose war es anzusehen. -- Nur einige wenige entkamen und wollten sich in den Häuschen der Vorstadt verstecken. Dann hörten die Windstösse auf, und vorsichtig streckte sich ein Kamelskopf aus dem dunklen Loche. Er sass an einem endlosen Halse, blickte sich klug um und hob sich bis zur Höhe meines Standortes. Da lachte er lautlos und zog sich wieder zurück.

Die Hütten fingen an, sich zu bewegen, die Windmühlen schlugen mit ihren Armen nach den Eindringlingen, die Strohdächer sträubten ihr struppiges Haar, die Zelte blähten sich, als beherbergten sie Winde, die Bäume griffen mit ihren Ästen nach den Menschen, die Stangen bogen sich wie Rohre, schliesslich kletterten die Tempelchen und Häuser aufeinander und +sprachen+ mit entsetzlich lauter, vernehmlicher Stimme in schnarrendem Ton seltsame Worte -- -- eine unverständliche, dunkle Häusersprache! -- -- --

In den Kanälen schwammen noch immer Leichen, die jetzt langsam in den Schoss der Erde eingesogen wurden. Dann verwischte sich alles vor mir, ich glaube noch bemerkt zu haben, dass die Häuserpyramide in der Vorstadt krachend zusammenstürzte.

Es war, wie wenn sich eine Wasserschicht zwischen mich und die Dinge da in der Tiefe schieben wollte. Von oben senkten sich Nebel, undeutlich verschwimmend glänzte der Feuerherd, einige Male noch hörte ich ein Massengeschrei, ein langgedehntes; ohooo -- ohoooo -- -- -- -- dann sah ich nichts mehr, alles war in dichten Nebel gehüllt, kaum die Hand vor den Augen konnte ich erblicken. -- -- -- Bald wurde es heller, eine grosse glänzende Scheibe war am Himmel, unzählige glimmernde Pünktchen überdeckten das dunkelblaue Firmament .... Es waren der Mond und die Sterne .... Seit drei Jahren hatte ich diesen Anblick entbehrt, fast vergessen hatte ich diese grosse Welt über uns und ich musste mich dem Eindruck dieses unendlich hohen Himmels eine Weile willenlos hingeben. Eine scharfe Kälte drang mir in die Knochen und ich blickte fröstelnd hinab. Die weite Wolkenbank, der Himmel des Traumreichs, hatte sich gesenkt.

Da begann ein dumpfes Rollen in der krausen Wolkenmasse unter mir, ein Donnern, als stürmten unsichtbar die apokalyptischen Reiter daher, endlos schwoll es an, brandete an den steilen Bergen, kam doppelt und dreifach zurück, nahm ab und stieg ins Ungeheure, verteilte sich, grollte aus allen Hochtälern und über alle Pässe, wollte kein Ende nehmen, dauerte lange, lange und verebbte langsam. -- --

Das war der +Untergang des Traumreichs+.

Eine graue Decke war über das Land gebreitet, am Horizont ragten klar im Mondlicht die Gletscher des Tien-schangebirges.

VIERTES KAPITEL

VISIONEN -- DER TOD PATERAS

I.

Eine nie empfundene Leichtigkeit war in mir, ein süsslicher matter Duft drang aus meinem Innern herauf, meine Gefühle waren von Grund aus verwandelt, mein Leben war nichts als ein waches Flämmchen. Schlief ich vielleicht? -- Wachte ich? -- War ich tot? Von ferne hörte ich ein paar leerklingende Rufe, wie helle gebrochene Akkorde. Es krähte ein Hahn und ich vernahm leises Orgelspiel, einen einfachen Choral. -- Ich blickte auf und sah tief unter mir eine anheimelnde deutsche Winterlandschaft, ein Gebirgsdörfchen; es schien gegen Abend zu gehen, die Orgelklänge drangen aus dem geöffneten Portal einer kleinen Kirche. Dorfjungen zogen ihre Handschlitten durch den aufgeweichten Schnee der Strasse, Frauen in grosse bunte Tücher gehüllt, kamen aus dem Gotteshaus; unter den weit vorspringenden, mit Steinen belegten Holzdächern der Bauernhäuser standen gebückte Gestalten. -- Auf einmal erkannte ich alles; -- es war der Flecken, in dem ich meine Kindheit verlebt habe. Jeder dieser Menschen war mir gut bekannt, in einem Paar entdeckte ich mit freudigem Schreck meine Eltern -- mein Vater trug seine gewöhnliche braune Pelzmütze. -- Ich wunderte mich nicht, dass die meisten Menschen da unten längst gestorben waren, sondern wollte mich gerade in diese wirklich gewordene Vergangenheit begeben, aber ich konnte kein Glied rühren. Ich sah ein paar Raben gegen den zugefrorenen See fliegen, über den vermummte Wesen gingen, -- da wurde alles blass und blasser -- und verschwand. --

Ich sah nichts mehr in der Finsternis. Die Orgelmusik erfüllte mich so wunderbar, dass ich glaubte, selbst in ihren Klängen zu leben; immer neue, noch vollere Akkorde gesellten sich hinzu, -- doch unvermittelt brach die Harmonie ab. --

Die Stadt Perle stand am alten Fleck. -- Aus dem Palaste trat Patera, atmete tief und so geräuschvoll, dass ich es bis herauf hörte, streckte sich, und wurde dabei immer grösser. Schon war sein Kopf bis in meine Höhe gewachsen, er hätte den ganzen Palast als Schemel benutzen können. Seine Kleider waren geplatzt und von ihm abgefallen. Sein Gesicht bedeckten die lang herabfallenden Locken. -- Mit den ungeheuren Füssen schob er die Strassen auseinander, und beugte sich über den Bahnhof, wo er nach einer Lokomotive griff. Darauf blies er wie auf einer Mundharmonika, wuchs aber zusehends immer nach allen Seiten, so dass ihm sein Spielzeug bald zu klein wurde. Da brach er den grossen Turm ab und schmetterte damit entsetzliche Drommetenstösse gegen den Himmel, schrecklich war sein nackter Leib anzusehen. Jetzt entwickelte er sich ins Grenzenlose, grub einen Vulkan aus, an welchem noch ein schneckenförmig gewundener Granitdarm der Erde hing. Dieses gigantische Instrument setzte er an seine Lippen -- es dröhnte, dass das Weltall erzitterte. Längst war die Stadt unter seinen Füssen verschwunden. Aufgerichtet stand er da, seine oberen Körperteile reichten in die Wolken, sein Fleisch war wie aus Hügeln zusammengesetzt. -- Er schien von Wut erfüllt! In der Ferne sah ich ihn niederknien, Vogelscharen fingen sich in seinem langen Haar. Er watete in ein Meer, das ihm kaum bis zu den Hüften reichte, aber austrat und die ganze Erde überschwemmte. Mit seinen ungeheuren Armen ruderte er in den Gewässern und fing Schiffe und zappelnde Meerungeheuer. Zerquetscht warf er alles wieder von sich. Er zertrat die Gebirge, die wie Lehm aufspritzten, grosse Ströme ergossen sich in seine Fussstapfen. Er wollte alles vernichten. Bis in die entferntesten Berghütten spritzte er seinen siedenden Harn, dass die nichtsahnenden Bewohner, von dem Dampfe verbrüht, umkamen. Er stampfte in der graugelben Sintflut herum, sein erregter Leib war von Rauchwolken eingehüllt. Aus meilenweiter Entfernung warf er Fäuste voll Menschen herüber, die als ein Leichenregen niedersausten. Jetzt kam in einen gewaltigen Gebirgszug, der sich von West nach Ost erstreckte, Bewegung. Ich sah, dass es der schlafende Amerikaner war. Patera warf sich der Länge nach auf diesen Feind; während sie rangen, kochte das Meer in haushohen Wellen auf. Ich aber wusste mich in der Hand meines Schicksals und blieb ruhig.

Es war ein Blutozean, der sich, soweit meine Blicke schweiften, da unten dehnte. Die purpurnen heissen Fluten stiegen immer höher, meine Füsse wurden von dem rosenfarbenen Schaum der Brandung bespült. Ein ekelhafter Dunst stieg mir in die Nase. -- Das rote Meer trat zurück und verfaulte vor meinen Augen; immer dicker und dunkler und schwärzer wurde das Blut, während es manchmal in allen Farben des Regenbogens schillerte. Oft teilte sich die zähe Flüssigkeit, es ward der Grund dieses Meeres sichtbar, der mit weichem Kot bedeckt war und entsetzliche Dämpfe verbreitete.

Patera und der Amerikaner verkrallten sich zu einer unförmlichen Masse, der Amerikaner war gänzlich in Patera hineingewachsen. Ein ungeschlachter, nicht übersehbarer Körper wälzte sich nach allen Seiten. Dieses gestaltlose Wesen besass eine Proteusnatur, Millionen kleiner, wechselnder Gesichter bildeten sich an seiner Oberfläche, schwatzten, sangen und schrien durcheinander und zogen sich wieder zurück. Aber auf einmal kam Ruhe in das Ungeheuer, das sich zu einer gigantischen Kugel drehte, den Schädel Pateras. Die Augen, gross wie Weltteile, hatten den Blick eines hellsehend gewordenen Adlers. Jetzt bekam er ein Parzengesicht und alterte vor mir um Millionen Jahre. Die Urwälder seiner Haare lösten sich von dem Haupte, die glatte Knochenschale trat zutage. Plötzlich zerstob das Haupt, ich starrte in ein unbestimmtes grelles Nichts ....

Jetzt sah ich weit draussen den Amerikaner, welcher nun selber die furchtbare Grösse Pateras hatte. Die Augen in seinem Cäsarenkopfe schossen diamantene Blitze, er kämpfte mit sich selbst in einem dämonischen Paroxysmus, die enormen Wölbungen seiner strotzenden Adern schlängelten sich in einem bläulichen Netz an seinem Halse, er versuchte, sich zu erdrosseln, -- vergebens! Mit aller Kraft schlug er sich auf die Brust, es klang wie ein stählernes Schallbecken, das Gedröhne betäubte mich fast. Dann schmolz dieses Ungeheuer schnell zusammen, nur sein Geschlecht wollte nicht kleiner werden, und schliesslich klebte er wie ein unscheinbarer Parasit an einem über alle Möglichkeit grossen Phallus. -- Dann fiel der Parasit wie eine vertrocknete Warze ab, gleich einer ungeheuerlichen Schlange kroch das fürchterliche Glied über die Erde, wand sich wie ein Wurm und verschwand, kleiner werdend, in einem der unterirdischen Gänge des Traumstaates.

Meine Blicke durchdrangen die Erde, in all diesen Gängen wohnte ein tausendarmiger Polyp, elastisch wie Kautschuk streckten sich seine Glieder unter alle Häuser, schlüpften in alle Wohnungen, saugten sich unter jedes Bett, beunruhigten mit ihren feinen Härchen und Warzen alle Schläfer, dehnten sich endlos auf viele Meilen hinaus, ringelten sich zu Klumpen zusammen, die bald schwarz, bald oliv, bald bleich fleischfarben irisierten.

Wieder blendete mich die Helligkeit. Zwei violette, leuchtende Meteore stiegen von entgegengesetzten Richtungen auf, näherten sich einander und stiessen zusammen. Die Luft stand in Weissglut. Bunte Blitze zuckten und kreuzten sich vielfach. Da war es, als entständen auf Sekunden prachtvoll gefärbte sonnige Welten mit Blumen und Geschöpfen, wie ich sie nie auf Erden gesehen habe. Ein sprühendes, ungebärdiges Leben sauste durcheinander an meiner Seele vorbei. Denn nicht mehr mit dem Auge sah ich das -- nein, +nein!+ ich hatte mich vergessen, ich selbst ging auf in diesen Welten, nahm teil am Schmerz und an der Freude zahlloser Wesen. Rätsel entschleierten sich mir, fremdartig und unschilderbar.

Irgendwo splitterte etwas -- ich hörte Klumpen fallen. -- Weiche knochenlose Massen entstanden, weiblich im Ausdruck. Es durchpeitschte sie ein intensiver Formungsdrang; prickelnd glühten Lichtpunkte auf, tausend Harmonien durchfuhren die Räume. Diese wieder flossen ineinander zu einem unteilbaren, wässerigen, leuchtenden Schleim. -- Wo eben noch ein Meer gerauscht hatte, gefror eine Eiskruste, die zerplatzt, geometrische Figuren nach allen Seiten warf.

Ich gehörte dazu und erfasste alles mit namenlosen Kräften. Nach Ereignissen, die zeitlos, ewig waren, nach Spannungen eines immer eruptiver werdenden Wandels, schlug alles ins Gegenteil um. Auf das Gebären folgte ein Drang nach einem Mittelpunkt -- und im Nu war er erreicht. Eine sanfte, selige Schwäche durchstrahlte die Welt. Aus einem matten Verstehen wurde eine Kraft, eine Sehnsucht. -- Es war eine ungeheure, selbstverständliche Gewalt, -- es wurde dunkel. -- In klaren, regelmässigen Schwingungen versank das All in einen Punkt.

Ich wusste nichts mehr. --

II.

Unter einem stechenden Schmerz erwachte ich zum Glück, denn die Kälte war dermassen gestiegen, dass nicht viel gefehlt hätte, so wäre ich erfroren.

Ein weites Tal öffnete sich vor mir, zum Teil noch erfüllt von den violetten Nebeln der Nacht, grandiose, zerklüftete Bergketten, steile Alpenmatten; über dieses Bild wölbte sich ein zarter grünlicher Morgenhimmel und die höchsten, mit Schnee bedeckten Spitzen glänzten schon im rosigen Schein. Schon zerteilten sich die Nebel, einzelne Flocken versanken in den dunkeln Wäldern. Ich rieb mir die Augen. -- In welchem Lande war ich? -- Würzige Düfte stärkten mich, auf einmal rötete sich der Himmel, es kam hinter den Firnen hervor wie eine tönende Glanzfanfare -- ich sprang schreiend auf: das war die +Sonne+, die grosse Sonne! -- Aber meine Augen waren zu schwach, um diesem Eindruck standzuhalten, ich vertrug den Tag nicht mehr und versuchte, das Dunkel des Berges zu gewinnen. Aus der fernen Ebene drangen Hornrufe, man sah von weitem dunkle Kolonnen näher kommen! Unter mir erblickte ich ein weites Trümmerfeld, durchzogen von unzähligen, mit Steinen angefüllten Gräben. Ich stieg zitternd in den Bergschacht.

Ich betrat den Felsensaal; mit seinen zwei Reihen mächtiger, figurenbedeckter Säulen erinnerte er an einen Höhlentempel. In einem weiten ehernen Becken brannte eine Naphtaflamme, eine unruhige, orangegelbe Zunge. Sie war das einzige Licht hier und drang kaum bis in den tiefen Hintergrund, wo die Blauäugigen hockten. Am liebsten hätte ich mich in meiner Angst zurückgezogen, aber ich wollte ihnen für meine Rettung danken; über die Zukunft hatte ich noch keinen Augenblick nachgedacht.

Ich konnte mich nicht entschliessen, in meinen ausgefransten Kleidern vor diese ernst schweigende Versammlung zu treten. Verborgen, im Schatten einer Säule, wollte ich warten. Da schreckte mich ein heiserer Seufzer. Am Eingange bewegte sich etwas Dunkles, ein Haufen schwarzer Stoffe, wie ich in der unsicheren Beleuchtung annahm. Mühselig, ächzend und mit schleifenden Schritten näherte sich da ein Wesen. Ein Mensch? -- Er hielt das verhüllte Haupt tief gebeugt und trug ein weit nachschleppendes Gewand. Beim Feuerbecken blieb es stehen und schlug seinen Schleier zurück. -- Patera?? -- Ja, und nein! -- Aber er war es doch! -- -- -- Welche Veränderung war mit ihm vorgegangen?! Wie unter einer seine Kräfte übersteigenden Last stöhnend kam er näher, die merkwürdige Fähigkeit, sich beliebig wandeln zu können, schien von ihm gewichen zu sein; nur von Müdigkeit -- von namenloser Müdigkeit sprach dieses Gesicht. Seine Augen waren halbgeschlossen. Er hatte jetzt wieder etwas Menschliches, und ich empfand nicht die geringste Furcht mehr vor ihm. Die wächserne tote Farbe war verschwunden, er erinnerte wieder an den Menschen, den ich auf der Schule gekannt. So schleppte er sich, wie unter etwas Unabwendbarem leidend, zögernd an mir vorbei und den Blauäugigen entgegen. Diese hatten sich erhoben und erwarteten ihn -- wie Bildsäulen anzusehen -- in einem Halbkreise vor dem Feuerbecken. Einer der Ältesten trat auf ihn zu und überreichte ihm ein kleines Gefäss, eine Vase, soweit ich erkennen konnte; dann fiel der Greis vor dem Herrn zu Boden; auch die anderen hatten sich niedergeworfen und ihr Antlitz verborgen. Eine tiefe, religiöse Wallung überkam mich so stark, dass ich unwillkürlich meine Knie beugte und die Hände faltete.

Patera bewegte sich mit schwerem Schritt in einem Bogen um den brennenden Quell und stieg mehrere Stufen hinunter bis zu einer kleinen, halbrunden Türöffnung. Daraus leuchtete ein so unerhörter Glanz, dass ich beide Hände vor meine Augen halten musste. Die Naphtaflamme qualmte dagegen trübe. Der Herr wandt sich gegen uns, die wir alle regungslos dalagen und ihn wegen des Glanzes kaum anzusehen wagten. -- Pateras Augen hatten auch die letzte Spur des Unheimlichen verloren -- -- diese grossen Augen leuchteten nunmehr in einem feuchten, dunklen Blau -- -- und umfassten uns alle mit einem Blick grenzenloser Güte. Dann sah ich noch einmal das Profil von denkbar schönster Reinheit strahlend hell vom Hintergrunde sich abheben. Er warf mit einer kurzen Bewegung seines Kopfes die dichten, langen Locken zurück und verschwand. Langsam wurde der lange, schwarze Flor nachgezogen. Die erzene Tür fiel ins Schloss.

Alle erhoben sich und traten vor die Pforte; auch ich kam aus meinem Winkel hervor. Im Nebenraum musste etwas Aussergewöhnliches vor sich gehen. Man hörte ein Geräusch, als wenn Kolonnen von Menschen sich bewegten. Auf einmal zuckte die Flamme im Feuerbecken wild auf, färbte sich grün und erlosch. Wir befanden uns in völliger Finsternis.

Von drinnen schallten schauerlich lang anhaltende Schreie und erschütterten derart mein Herz, dass ich zusammenzuckend mir die Ohren zuhalten musste, um die Besinnung nicht zu verlieren.

Es waren schneidende Töne, wie von einer Riesensäge, die mit ihren Zähnen den Fels zerfrisst. Zuletzt ging es in das tiefe, rauhe Stöhnen eines verwundeten Raubtieres über, -- auch das wurde nach und nach schwächer und hörte mit einem entsetzlichen Rasseln auf. -- -- --

Als wir öffneten, fanden wir in dem Gemache welches ein bläuliches Licht matt erhellte, alles zertrümmert, geschmolzene Metalle, zernagte Steine, abgesprengte Felsstücke. -- -- Und da -- der Herr ....!

Zu einem Bündel geknäult, gegen die Wand gekehrt, lag er in einer Ecke, wie von einer fremden Gewalt hingeschleudert, das Gesicht nach unten. --

Der verschrumpfte Körper erschien mir auffallend klein und schwächlich. Der Herr und dieses in sich zusammengezogene Ding, das musste zweierlei sein. Ich begriff nicht! Diese grässliche, Mitleid heischende Hinfälligkeit sollte dasselbe sein, was soeben diesen Raum betreten hatte?!

Ein unvorstellbarer Todeskampf hatte den Leib des gewaltigsten Geschöpfes verkrümmt. Wenn auch russig und beschmutzt, das war dasselbe mächtig gewölbte Haupt, das wir alle so gut kannten.

Die Greise hoben ihn auf. Als man die Leiche gewaschen hatte, löste sich langsam die Starre. Aus dem Gesicht verschwand die Verzerrung. Die Augendeckel liessen sich schliessen und das Grinsen machte dem erhabensten Ausdruck der Ruhe Platz. +Die dunkelblonden Locken Pateras waren im Sterben weiss geworden!+

Auf den Boden ausgestreckt, kam mir die Leiche bedeutend länger vor, aber zu meinem Schrecken wuchs sie noch immer -- ruckweise, knackend, wie aus einem geheimen Kraftüberschuss. Erst nach einiger Zeit hörte dieses Wachstum auf. Im Verhältnis zur Länge des Körpers wirkte das wuchtige Haupt fast zierlich, hell umflossen von der bleichen Mähne: marmorn, kalt, gleich einem Götterbildnis der antiken Welt.

Der Körper war von einer unbeschreiblichen Schönheit. Ich schaute eine Anmut und Reinheit der Formen, dass ich nicht begriff, wie so etwas auf unsere Erde kommen konnte. Ich stand vor ihm, dem Herrn, in meinen Lumpen und sah zum ersten und letzten Male die wirkliche Majestät. Keiner der anwesenden Blauäugigen wagte, durch eine Bewegung die stille Unnahbarkeit zu durchbrechen. Einer nach dem andern ging hinaus. Ich war wieder der letzte; mit angehaltenem Atem und auf den Zehenspitzen schlich ich mich fort. Die Blauäugigen verliessen den Berg, keinen habe ich mehr gesehen.

Ich setzte mich auf die unterste Treppenstufe.

Ein Weinkrampf erfasste mich.

FÜNFTES KAPITEL

SCHLUSS

Ein weites, weites Trümmerfeld; Schutthaufen, Morast, Ziegelbrocken -- der gigantische Müllhaufen einer Stadt. Es ist noch alles in bläuliche Frühnebel gehüllt. Nur die Felsenberge im Hintergrunde fangen an, sich im Scheine der aufgehenden Sonne zu vergolden. Der Himmel, obgleich noch ziemlich dunkel, ist wolkenlos. Ein barhäuptiger Mann mit einem wuchtigen Gepäckstück auf der Schulter bahnt sich mit festen und doch elastischen Tritten den Weg durch das Geröll. Er trägt einen schmalschwänzigen Frack mit breiten Sammetaufschlägen, und enge, an den muskulösen Beinen straff angezogene Pantalons nach der Wiener Mode der sechziger Jahre. Aber diese Garderobestücke sind mit Brand- und Blutflecken bedeckt und an vielen Stellen durchlöchert. Er gleicht einem Einbrecher, der seinen Raub in Sicherheit bringen will. Nun stellt er seine Last auf einen grossen Stein, welcher sich ihm wie ein Tisch darzubieten scheint. Den schmutzigen Überzug streift er herunter, -- ein nagelneuer Lederkoffer mit polierten Messingbeschlägen steht da. Diesem entnimmt Herkules Bell einen eleganten Anzug sowie modernes Unterzeug und beginnt sich umzukleiden. Dann rasiert er sich sorgfältig, prüft sein Gesicht in einem Handspiegel, holt einen neuen, breitkrämpigen Panama hervor und steckt sich seine kurze Pfeife an; ein dünner Pfefferrohrstock mit goldener Krücke gibt seiner Toilette die letzte Vollendung.