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Part 11

Chapter 113,494 wordsPublic domain

„Die Liga der Freude“ wurde bei einem grossen Fest im ehemaligen Theater von Mitgliedern der reichen Klassen gegründet. Melitta spielte hier eine besondere Rolle und genoss ihre traurige Berühmtheit. Einmal brannte sie durch und trat eine Woche Tag für Tag im Variété in einer Entkleidungsszene, „die neue Eva“ auf. Obgleich das Gesicht von einer Maske bedeckt war, erkannte sie jedermann. Dieser Skandal brachte Lampenbogen und Brendel einander näher. Beide sahen sich in ihrer Ehre gekränkt und gemeinsames Leid trägt sich leichter. Brendel war ihr gänzlich verfallen, er konnte nicht mehr „wechseln“. Hohläugig und bekümmert ging er einher und wich auch mir aus -- er schämte sich. Melitta dagegen, unersättlich in ihren Gelüsten, fürchtete die Schande nicht. Sie schmachtete auch nach dem Amerikaner. Seine starken Schultern, seine gesunde, im Traumreich seltene Hautfarbe lockten sie. Man hat gesehen, wie sie vor ihm herging, die Röcke bis über das Knie raffte und nacheinander Taschentuch, Lorgnon und Portemonnaie fallen liess. Ungalant reagierte der Mann des Westens auf diese Scherze nicht, und als sich die schöne Dame selbst bückte, dem Menschenbändiger ihre Kruppe bittend zugewandt, sagte dieser kalt: „Na, Kleine, mach’ Platz!“ und schob sie zur Seite. Hasserfüllt hetzte sie jetzt Brendel auf den Hartnäckigen, doch ohne Erfolg. Der Amerikaner liess antworten, er pflege sich ausschliesslich mit der Hundspeitsche zu schlagen. Damit war auch dieser Skandal erledigt.

Am meisten Erfolge hatte der Verein „Luzifer“ mit Werbungen bei den neuzugezogenen Träumern. Diesen war es meist zuwider, sich in die alten, komischen Kleider stecken zu lassen. Auch der sonstige unmoderne Kleinkram, das schon historische Möbelzeug usw. behagte ihnen wenig. Solche Leute schlugen sich zur Partei des Amerikaners.

Ich wunderte mich manches Mal, dass der wahre Meister so tatenlos diesem Treiben zusah, das der bisherigen Leitung des Traumstaates so offen widersprach. Unser Caféwirt, neutral in der Gesinnung, meinte pfiffig: „Sie, der ist schlau!“

Die Grenzüberwachung funktionierte nach wie vor gut, aber innerhalb der Mauern war alles wie geladen von drohendem Unheil. Schwül und drückend, wie früher nie, war die Luft; ein fahler, heller Glanz lag über unserer Stadt, es drangen sogar einige Male schräge Sonnenstrahlen durch den sonst unbeweglichen Wolkenschleier. Dieses unangenehm blendende Licht war sehr unheimlich, wir waren keine Sonne mehr gewohnt, ein erfrischender Regen wäre uns weit lieber gewesen.

Die Zeit schien ein anderes Tempo angenommen zu haben. Überall auf den Strassen standen Gruppen angstvoll aufgeregter Menschen beisammen, was dem sonst ruhigen Perle den künstlichen Anstrich einer verkehrsreichen Stadt gab. Hastig warfen sich Parteigänger Erkennungsworte zu. Im grossen und ganzen fiel alles, trotz der Uneinigkeiten im einzelnen, in zwei grosse Gruppen auseinander: in solche, die noch an den +Herrn+ glaubten, und in die andern, die dem +Amerikaner+ ihr Ohr liehen. Unbedingt verlässlich waren diese Elemente allerdings nicht, das wusste er auch. Er betrieb daher seine Propaganda weiter.

Wie meine Leser sich erinnern werden, gab es in Perle zwei Tageszeitungen und die illustrierte Wochenschrift. Das Amtsblatt war natürlich für den neuen Machthaber nicht zugänglich, es hielt sich regierungstreu bis auf die letzte Zeile. Hingegen wirkte er nach Kräften auf die „Stimme“ ein, mit dem Erfolge, dass die Redaktion die Verantwortung für die aufrührerischen Artikel am Schlusse eines jeden unumwunden ablehnte. Diesem Doppelspiel musste sich unser Redakteur fügen, dem es wohl auch nicht allzu schwer geworden sein mag. War er doch seit jeher der heimliche Leiter aller drei Blätter, die erschienen und drei verschiedene Tendenzen verfolgten.

Wir zwei Zeichner mussten nach wie vor unsere Arbeiten in der bisher üblichen Traumspiegelmanier weiter liefern; Castringius versuchte allerdings oft genug, versteckt dem Amerikaner zu huldigen. Er zeichnete ihn als Riesen, wie er in goldener Rüstung dastand und Staatspapiere und Obligationen in seine Pfeife stopfte; bis er eines Tages eine Karte von Herkules Bell erhielt, auf welcher nur ein Wort stand, nämlich „Esel“!

Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, der Amerikaner wolle mit grossen Summen die „Stimme“ und den „Traumspiegel“ kaufen und selbst herausgeben. Zuvor führte er seinen Hauptschlag aus: die Proklamation. Dazu musste unser armer Redakteur und Druckereibesitzer erst vergewaltigt werden. „Das drucke ich nicht!“ versicherte er zuerst angstvoll. Doch der Unhold lachte nur und blies dem ängstlichen Pflichtmenschen seinen Tabakrauch ins Gesicht.

„Sie werden das sofort auf knallrotes Papier drucken“, brüllte er ihn an.

Der Misshandelte warf sich auf die Knie nieder und winselte: „Gnade! Gnade! Aber das +kann+ ich nicht drucken, das wäre mein Tod!“

Da zog der Unerbittliche einen Revolver aus der Tasche, hielt ihn dem Ärmsten an das Ohr und schrie: „Wenn Sie nicht sofort gehorchen, knalle ich los!“ Schlotternd und kreideblass nahm der Redakteur das Blatt: „Ich bin Familienvater“, jammerte er, wobei Tränen seine Wangen hinunterliefen.

Der Amerikaner überwachte selbst den Druck; ging’s ihm zu langsam, so schoss das Scheusal in die Luft. Bis abends waren sechstausend Proklamationen fertig, für mehr hatte das rote Papier nicht gereicht.

„Nun, Sie Kindskopf, was ist denn jetzt passiert?“ fragte er den noch immer tiefbekümmerten Herausgeber. Jedem Angestellten der Druckerei aber gab er hundert Gulden in Gold.

III.

Das hier abgedruckte Exemplar der Proklamation erhielt ich von einem russischen Offizier, der dabei war als das Traumreich erobert wurde. Er hat sie mir zum Abdruck liebenswürdig zur Verfügung gestellt.

PROKLAMATION!

+Bürger von Perle!+

Als ich hierher kam, dachte ich ein Land von feenhafter Pracht zu schauen! Euch ging es wohl allen ebenso. Sieben Jahre lang wandte ich mich mit Bitten um Aufnahme in den Traumstaat an Patera. Endlich gewährte er meinen Wunsch; doch es wäre für mich besser gewesen, wenn er auf seiner Weigerung bestanden hätte. Ich fand ein Reich, in welchem der Unsinn herrscht! Nur das grosse Mitleid mit euch veranlasst mich, euch die Augen zu öffnen. Ist euer Leben schon verdammt? Nein! Und noch einmal +nein+! Aber ruhelos, unglücklich seid ihr! Das müsst ihr mir zugeben, alle, jeder! Einem Schwindler seid ihr in die Falle gegangen, einem Hochstapler, einem Magnetiseur! Er hat euch um eure Gesundheit, euer Hab und Gut und euern +Verstand+ gebracht! Unglückliche! Ihr seid einer Massenhypnose verfallen! Keiner gehorcht mehr seiner eigenen Vernunft. Nein, die fremde Suggestion in seinem Schädel hält er für eigene Gedanken! So lasst ihr euch zu Tode hetzen und dieser Teufel findet daran seinen Spass!

Aber noch ist es Zeit zur Rettung! Jeder, der noch einen Funken Kraft in sich hat, unterstütze mich in meinem Vorhaben.

Merkt nun auf, was ich euch zu sagen habe. Der Bann +ist+ abzuschütteln! Ihr braucht nur ernsthaft zu +wollen+ und ihr seid frei! Schart euch um mich, bildet Bataillone und stürmt den dreimal verfluchten Palast! Ich setze einen Preis von

+einer Million Gulden+

auf das Haupt dieses Satans. Wisst ihr denn, in was für Häusern ihr wohnen müsst? Ich kann es euch sagen: Es ist fast keines darunter, das nicht von Verbrechen, Blut und Gemeinheit besudelt worden wäre, bevor es auf seinen jetzigen Platz gebracht wurde. Der Palast ist zusammengeflickt aus Trümmern von Stätten, die der Schauplatz blutiger Verschwörungen und Revolutionen waren. Patera ging beim Sammeln bis auf die ältesten Zeiten zurück. Bruchstücke vom Escurial, von der Bastille, von altrömischen Arenen wurden zu seinem Bau verwandt, Steinblöcke vom Tower und vom Hradschin, vom Vatikan und vom Kreml sind auf sein Anstiften gestohlen, losgebrochen und hierhergeschleppt worden.

Wo es menschliches Unglück gab, dahin streckte euer Meister seine Fühler. Das Kaffeehaus in der Langen Gasse war noch vor fünfzig Jahren ein verrufenes Wiener Vorstadtcafé, die Molkerei eine oberbayerische Räuberhöhle. An der Mühle, die in Schwaben gekauft wurde, klebt seit zweihundert Jahren das Blut eines Brudermords! Dies sind nur Beispiele, ich will euch nicht die Ergebnisse aller meiner Nachforschungen mitteilen. Es mag euch die Versicherung genügen, dass Patera in den ekelhaftesten Teilen der Grossstädte die meisten seiner geheimnisvollen Häuserkäufe betrieb. Paris, Stambul etc. gaben ihr Scheusslichstes!

Bürger! Nun, da ich euch die Augen geöffnet habe, schliesst sie nicht wieder! Noch einmal fordere ich euch alle auf, den Sturz dieser Bestie zu beschleunigen. Einen Rat gebe ich euch! +Hüte sich jeder vor dem Schlaf!+ Das ist die Zeit, in welcher der Herr euch knechtet! In der Ohnmacht des Schlafes seid ihr ihm ausgeliefert, da bläst er euch seine tückischen Ideen ein, erneuert und verstärkt er täglich seinen infernalischen Bann und zerstört euren Willen. Ich bin überzeugt, in allen von euch noch einmal glückliche und zufriedene Menschen zu sehen!

Die grosse Welt da draussen hat einen Riesenschritt dem Lichte der Zukunft entgegen getan! Ihr seid zurückgefallen und hockt in einem Sumpf. Keinen Anteil habt ihr an den herrlichen Erfindungen unserer neuen Zeit, den zahllosen Erfindungen, welche Ordnung und Glück verbreiten, steht der Träumer fremd gegenüber! Bürger, ihr werdet staunen, wenn ihr hinauskommt! Das Blau des Himmels, das Grün der Wiesen wird euch wieder zulächeln, die Sonne wird wieder Rosen auf eure matten Wangen zaubern, unsägliche Freude werdet ihr wieder an euren Kleinen erleben und an den sterilen Schmutz des Traumstaates nur mit Abscheu zurückdenken. Hütet euch vor jeder List dieses verbrecherischen Schauspielers!

Nieder mit Patera! sei euer Schlachtruf! Werdet alle Söhne Luzifers! Dixit +Herkules Bell+.

Für diese Proklamation machte Castringius eine Kopfzeichnung: Eine Freiheitsgöttin mit Diadem hält eine Tafel, auf deren Rückseite die Worte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gesellschaft, Wissenschaft, Recht zu lesen waren. In ihrem Kopfschmuck steckte die amerikanische Flagge und zog sich wimpelartig um den Rand des Aufrufes.

Zum Anschlagen und Verteilen dieser roten Blätter wurde Jaques und seine Rotte bestimmt. Jaques, ein halbwüchsiger Bursche, hatte nur eine Mama, sein Vater war unbekannt. Die Mutter, Madame Adrienne, war eine Kupplerin von Ruf und Inhaberin des bessern der beiden Etablissements im französischen Viertel, aus dem sie nie herauskam. Jaques, eine Galgenphysiognomie, konnte man überall sehen, wo es verderbt zuging; er hatte den Rang eines Apachengenerals und seine Streiche, oft von ausserordentlicher Tollkühnheit, waren unter seinesgleichen berühmt. Der Amerikaner lernte dieses Subjekt in einer Garküche kennen und engagierte es sogleich mit reichlichem Handgeld. Für Jaques, der seinen Lebensunterhalt auf eine nicht wiederzugebende Art verdiente, hatte der Reichtum des Politikers etwas Bestechendes. Gleich beim ersten Zusammentreffen verschrieb er sich ihm mit Haut und Haar und erbot sich, mit einem Schwarm dunkler Existenzen aus dem französischen Viertel die Leibgarde des Krösus zu bilden.

Nicht jeder freilich war käuflich. Zum Beispiel der Neger Gotthelf Flattich, ein geborener Kameruner, ein ehemaliger Lastträger, der in das Traumreich verschlagen worden war, widerstand der Versuchung. Bell kannte ihn von früher, denn der Schwarze hatte eine seiner Dienerinnen, ebenfalls eine Negerin, geheiratet. Ein reiches Geschenk erwarb Bell damals die Zuneigung des Mannes; als er ihn im Traumreiche wiederfand, freuten sich beide. Flattich war stark wie ein Ochse, dabei gutmütig. Hüten musste man sich nur davor, ihn aus seinem Phlegma zu wecken, dann wurde er fürchterlich. Verwitwet, beschäftigte er sich mit dem Abrichten von Vögeln. Bell wollte ihn sogleich für sich werben, fand jedoch für seine Pläne ein taubes Ohr. Flattich war ein glühender Verehrer von Patera und um nichts in der Welt diesem abspenstig zu machen. Er beteiligte sich auch nicht am Aufstand, sondern blieb ruhig bei seinen Passionen. Er wohnte im französischen Viertel und war dort allgemein beliebt. In unserer Geschichte wird er noch einmal auftauchen.

Als Folge der Debauchen und Schwelgereien war die Nervenzerrüttung im Traumland eine furchtbare geworden. Die bekannten Geistes- und Nervenkrankheiten, Veitstanz, Epilepsie und Hysterie traten jetzt als +Massenerscheinungen+ auf. Nahezu jeder Mensch hatte einen nervösen Tik oder litt an einer Zwangsvorstellung. Platzangst, Halluzinationen, Melancholien, Starrkrämpfe mehrten sich in besorgniserregender Weise, aber man tollte fort, und je mehr sich die grauenhaftesten Selbstmorde häuften, um so wüster trieben es die Überlebenden. In den Gastwirtschaften kam es zu den blutigsten Messerstechereien. Ich konnte keine Nacht mehr ruhig schlafen, der Lärm drang störend aus dem Kaffeehaus bis in mein Zimmer. Die Zügellosigkeit steigerte sich, man wagte schliesslich alles.

Eines Abends trat eine Chansonette im Café auf, da war’s anfangs, bis auf das verstimmte Piano und den Applaus etwas ruhiger, aber um 3 Uhr hub Kreischen und Lachen an; ich stand auf und sah vom Fenster aus, wie die Soubrette, völlig entkleidet und mit einem Kranz von Champagnerflaschen garniert, auf einem Handwagen von der betrunkenen Gesellschaft durch die Stadt gezogen wurde. Herr Leutnant de Nemi führte den sonderbaren Zug mit entblösstem Degen.

Die neun Halbwaisen aus meinem alten Wohnhaus erhielten nun öfters Besuch von Alfred Blumenstich, dem bekannten Wohltäter. Wie man sagte, sollen diese Visiten hauptsächlich den beiden ältesten Töchterchen gegolten haben. Er fuhr mit grossen Konfektdüten beladen vor, man sah ihn in der Tür verschwinden, die der Vater selbst bewachte, damit Herr Blumenstich nicht gestört würde.

Äther und Opium lösten bisweilen den Alkohol ab, öffentlich machte man sich Injektionen, um die erschlafften Nerven durch sie aufzupeitschen oder zu beruhigen.

Dass solche Zustände einer Katastrophe zuführen mussten, war den wenigen einsichtigen Elementen klar; mit Entsetzen musste man die wachsende Ruhelosigkeit im Gehaben dieser Halbwahnsinnigen feststellen. Die geheimnisvollen gellenden Schreie, welche nachts aus den Häusern drangen, regten mich ganz besonders auf, das beschleunigte Geschehen verlieh dem Leben etwas Schattenhaftes, tatsächlich Traumartiges.

Denkt man sich dazu noch die drückende, heisse Luft, die gespensterhafte Gewitterbeleuchtung -- dann und wann zuckte ein greller Schein über den schwefeligen Himmel -- so kann man sich eine ungefähre Vorstellung von meinen bangen Gefühlen in jenen Tagen machen.

Und jetzt kam noch die Proklamation -- sie wurde an allen Strassenecken angeschlagen und in jedes Haus gebracht. Die Gegensätze, welche sich zwischen der Partei des Amerikaners und den alten, zu Patera haltenden Traumstädtern zugespitzt hatten, mussten dadurch verschärft werden. -- Es waren böse Zeiten.

ZWEITES KAPITEL

DIE AUSSENWELT

I.

Man war in der zivilisierten Welt etwa zwölf Jahre lang in Unkenntnis von dem Bestehen des Traumlandes geblieben. Gewiss, es kamen Fälle vor, dass Personen plötzlich auf unerklärliche Weise verschwanden. Wohl wurden viele noch auf Bahnen und Schiffen gesehen, später aber blieb jedes Nachforschen ohne Ergebnis. Solange es sich um Leute handelte, die auf irgendeine Art mit dem Kulturleben zerfallen waren und Grund hatten, sich zu verbergen, machte man wenig Aufhebens. Für bankerotte Menschen hat die Welt geringes Interesse übrig.

Weit empfindlicher wurde die Gesellschaft getroffen, als anerkannte Mitglieder der Gelehrten-, Künstler- und Finanzkreise zu rätselhaften Flüchtlingen wurden. Meist erhielten die Angehörigen zwei bis drei Wochen nach Abgang des ungetreuen Familienmitgliedes noch ein Lebenszeichen -- wenigstens einen Brief mit ein paar Zeilen. Aber was liess sich daraus entnehmen, wenn es hiess: „Forschet nicht nach mir, ich bin gut aufgehoben“ oder „eingetretener Umstände halber muss ich Dich bitten, auf meine Hand zu verzichten“ oder „Verzeihet alle, ich kann nicht anders“.

Jeder hätte ungläubig gelacht, wenn ihm einer gesagt hätte, dass diesem Verschwinden eine gemeinsame Ursache zugrunde lag. Die Polizei versagte.

Am bemerkenswertesten war das Verschwinden der Prinzessin von X. Nun war man zwar in jenen Tagen an das Entwischen hochstehender Damen gewöhnt, aber es kamen doch zumeist die jüngeren Jahrgänge in Betracht. Dieses Mal war es eine Alte, der es auch daheim gut gegangen war. Ihre Spuren führten bis an das Schwarze Meer. Einigen türkischen Gepäckträgern war sie durch ihr ungewöhnliches Knausern mit den Trinkgeldern aufgefallen. Dadurch hatte man sie erkannt. Ernstlich getroffen wurden durch ihr Verschwinden nur einige Neffen und Nichten, die auf die Erbschaft rechneten. Leider hatte das alte Fräulein sein gesamtes Eigentum mitgenommen. -- Die Prinzessin von X. blieb verschollen.

Bald folgte der Fall des amerikanischen Milliardärs Bell, welcher die Gesellschaft auf den Traumstaat aufmerksam machte und schliesslich zur Aktion trieb. Dieser Pökelfleischkönig hatte auf mir unbekannte Weise von dem sonderbaren Land gehört und sich in den Kopf gesetzt, ein Bürger dieses Reiches zu werden. Der sofortigen Aussprengung, dass er geisteskrank sei, begegnete Bell dadurch, dass er sich einen namhaften Nervenarzt zur eigenen, ständigen Beobachtung hielt; diese Koryphäe konnte nur bestätigen, dass der Amerikaner vollkommen bei Verstand sei. Jahrelang trieb sich der Sonderling auf allen Meeren und in allen Gegenden der Welt herum, um das Traumreich zu suchen, er war von seinem Arzte und zwei Dienern begleitet. Bald sah man ihn in Neu-Seeland alle Inseln durchstöbern, bald tauchte er im indischen Archipel auf. In Hongkong verliess ihn sein Arzt. Er erklärte, er könne es bei Herkules Bell nicht mehr aushalten, seine anfangs günstige Meinung müsse er dahin korrigieren, dass er den Amerikaner jetzt doch für belastet halte und an fixen Ideen leidend. Der Arzt fuhr nach Hause, der reiche Mann folgte seinen Einbildungen. Und dann das Sensationelle: Der Amerikaner hatte einen Boten geschickt, der eines Tages mit einem dicken Brief und einer Proklamation in das Kabinett des englischen Premierministers trat. Se. Lordschaft musste sich überzeugen von dem Vorhandensein einer allen Gesetzen Hohn sprechenden Vereinigung, in welcher ein ebenso spitzbübischer wie unermesslich reicher Machthaber sein Unwesen trieb. Viele Tausende braver Europäer wurden hier in widerrechtlicher Gefangenschaft gehalten. Der Amerikaner schrieb, dass er sich an die Engländer wende, als den erklärten Feinden jeder entwürdigenden Sklaverei, und von ihnen die schnellste und durchgreifendste Hilfe erwarte.

Wenngleich Brief und Proklamation in einem derben und marktschreierischen Ton gehalten waren, man konnte sich den Bitten um schleunige Hilfe nicht gänzlich verschliessen, wenn man das geheimnisvolle Verschwinden so vieler Personen bedachte. Sollte doch auch die Prinzessin X. dort in Gefangenschaft schmachten. Auch die sonderbaren Häuserkäufe, die seinerzeit in der europäischen Presse so viel Befremden erregt hatten und für die Marotte eines asiatischen Kleinfürsten galten, erklärten sich nun. Die Folge war ein eifriger Depeschenwechsel zwischen den Regierungen der europäischen Grossmächte; es schien geboten, ohne viel Lärm rasch zu handeln. Russland erhielt als Grenzreich das Mandat zum Eingreifen; die gewöhnlichen Eifersüchteleien schwiegen, die Parlamente wurden vorläufig nicht verständigt.

In einem Monat war eine russische Division mobilisiert und dem Befehl des fähigen Generals Rudinoff unterstellt. Man schrieb: „Für christliche Moral und Nächstenliebe!“ auf die Fahnen und dachte an die zu erobernden Goldbarren. Der Zar erhoffte nebenbei, dass ihm eine steuerkräftige Provinz zufallen würde; lag doch das sagenhafte Land ganz nahe der russischen Grenze.

Eine Reihe von Zeitungsberichterstattern, Photographen, Spekulanten und sachverständigen Kaufleuten wurden in aller Stille eingeladen und mitgenommen.

Zwar protestierten die chinesischen Gesandten bei allen Mächten gegen diese offenkundige Verletzung der Grenze des himmlischen Reiches, doch da war es bereits zu spät und die bezopften Herren mussten sich zurückziehen.

Man kannte zwar die Lage des Traumreiches ziemlich genau nach der Karte, zur Vorsorge sollte der Bote des Amerikaners die Truppen führen. Aber man fand diesen Mann eines Tages in seinem Hotelzimmer tot vor. Ein Dolch steckte ihm im Bauch und mit Befremden las man die drei Worte, die in die Klinge geätzt waren:

„+Schweigen ist Gold!+“

Rudinoff musste allein suchen.

DRITTES KAPITEL

DIE HÖLLE

I.

Es ist ein trüber Vormittag. Der Amerikaner Herkules Bell liegt noch zu Bett, die Arme verschränkt, halbsitzend, mit der Miene des tiefsten Nachdenkens. „Ich werde siegen!“ murmelt er, und ein stolzer Schein verklärt sein wenig schönes, allzu energisches Gesicht. „+Ich werde siegen+“, wiederholt er laut und erhebt sich.

„Ich bin gesund!“ denkt er triumphierend und tritt nackt vor den grossen Stehspiegel. Mit herausforderndem Blick mustert er seinen Körper und lässt durch ein paar gymnastische Übungen die Muskeln spielen: „Das ist alles unbeugsam!“ -- er klatscht sich auf die behaarte Brust. Wie ein Ringkämpfer kommt er sich vor und ruft in einer frohen Aufwallung: „Erster Preis für Herkules Bell!“

Er denkt an die Traummenschen und speit unwillkürlich in die Ecke. Rasch genug wird er mit dieser kraftlosen Herde fertig werden!

Da runzelt er plötzlich die Stirn. Die Vorstadt kommt ihm in den Sinn. Nur ein einziges Mal ist er drüben gewesen und hat sich ihre Bewohner angesehen. „Humbug“, darin fasste er sein Urteil über den alten Stamm zusammen und ging nie mehr in das Dorf, das ihm „unsympathisch“ war.

Nachdem er sich von der abweisenden Kälte der blauäugigen Asiaten überzeugt hatte, kam er zu dem Schluss, dass die Vorstadt ein unfruchtbarer Boden für den Parteikampf sei. Trotzdem fürchtete er aus einem dunklen Gefühl heraus immer noch einen Streich dieser seltsamen Greise. Sie wurden von der beginnenden Umwälzung gar nicht berührt und lebten tatenlos in den Tag hinein. Zum Teufel noch einmal, da waren ihm die verkommensten Traumstädter noch lieber! -- --

Er kleidet sich an und rasiert sich sorgfältig, hernach massiert er kunstgerecht sein Gesicht, wobei die gesunkene Stimmung wieder besser wird. Sein Hauptschlag soll erst noch kommen, diesen Triumph ahnt noch niemand. Er denkt an die Nacht, in der er sich von seinem ergebenen Lieblingsdiener trennte. Unter Lebensgefahr hat sich dieser Mann, welcher schon seit zwanzig Jahren die Stellung eines Leibjägers bei Herkules Bell bekleidete, aus dem Traumreich entfernt, um dem Auslande Nachricht über den neuen Staat zu bringen. Connor befand sich also ausserhalb der Grenzmauern. Dieses praktisch-technische Genie hatte mit raschem Blick erkannt, dass der +Fluss+ die einzige Möglichkeit zur Flucht bot. Da, wo er unter dem Bollwerk der Mauer verschwand, tauchte Connor unter und stiess auf ein Eisengitter. Unter dem Schutze der nächtlichen Dunkelheit gelang es ihm, einen Stab zu durchfeilen, wodurch eine Öffnung entstand, durch die er seinen schmalen und gewandten Körper zwängen konnte. Das tat er eines Nachts -- und eine von draussen weit über die Mauer emporsteigende Rakete zeigte dem Amerikaner an, dass dem kühnen Mann das Wagestück gelungen war. In einem Gummibeutel trug er den wichtigen Brief auf der Brust; für seinen gestählten Organismus war von dem nächtlichen Bad nicht viel zu fürchten. -- Jetzt konnte es an nichts mehr fehlen! -- In Abenteuern aller Art hatte Connor seine Klugheit und Ausdauer bewiesen.

Nach längstens vier bis sechs Wochen musste Hilfe eintreffen.