Die Amazone

Part 4

Chapter 43,736 wordsPublic domain

Damals ging die Taktik seiner Gesinnungsgenossen darauf hin, durch Schwierigkeiten am Balkan die Polen mürbe zu machen zu Konzessionen in den immer noch umstrittenen Gebieten. Er hatte einige Erfolge erzielt und wollte versuchen, seine Stellung, soweit es ihm die Ehre, wie er glaubte, gestattete, abzuwickeln. Seine Rückkehr stand in aussichtsreicher Nähe. Inzwischen rollte sich seine Scheidung ab. Die Douglas behandelte er mit jener schroffen Ritterlichkeit, die nicht verhehlte, daß er sie haßte. Sie nahm an, daß es sein Kollektivhaß auf die interalliierten Völker sei, die sein Land verschacherten und die Gerechtigkeit nicht ehrten. Sie verschwieg auch, daß diese ewige Ritterlichkeit ihr auf die Nerven ging. Sie fuhr mit bis Florenz, man machte einen Umweg, um sich dort zu trennen. Als sein Schiff abfuhr in der Frühe, stand Granuella auf dem Balkon ihres Hotels. Sie winkte mit einem Taschentuch hinunter nach dem Meer, auf dem das Schiff groß wie eine Hand langsam hinausfuhr. Sie vermochte Lady Douglas nicht zu verbergen, daß ihre Lippen weiß waren wie Kalk. Sie wäre beinah über das Geländer gestürzt.

Nach einigen Monaten begab sich Leuchtenberg über Beirut nach dem Kaukasus, er hatte diese Expedition nicht verhindern und nicht ausschlagen können. Die Nachrichten hörten auf. Das dauerte ein Jahr. Es gab ein Dutzend Gründe, es zu erklären. Das Frühjahr verbrachte die Douglas auf ihrem schlesischen Gut. Im Mai tratschten die Pferdeknechte eines Besuchs von einer abenteuerlichen Karriere Leuchtenbergs im Osten. Den Sommer ging man ans Meer. Dort tauchte Romanoff auf und machte Granuella in fast einfältiger Weise den Hof. Man mußte ihn darauf hinweisen, wie albern es sei, bei ihrem Anblick zu erröten, beim Verabschieden blaß zu werden und nachts unter ihrem Zimmerfenster herumzurennen und die Beete zu zerstampfen. Die Douglas erwartete immer einen Gewaltstreich und hatte sich darauf eingerichtet. Eines Tages war er verschwunden. Bald darauf traf Granuella, die spazieren ging, hinter den Dünen einen Mann, der sich ihr zu Füßen warf. Man sah sie nunmehr viel mit St. Goar.

Sie machten Ausflüge zusammen, schwammen oder lagen in den Stühlen am Strand. Das Badevolk sprach über sie, das Einvernehmen schien eng. St. Goar war ein Mann von heldischen Schultern und schmalen Hüften. Er ging sehr elastisch und mit Haltung und hatte unstreitig Geist. Er war einer der nobelsten Männer und nicht ohne den Charme, der verbindet. Vielleicht besaß er zuviel Vorzüge und nicht genug Bestimmtheit. Er pflegte ohne Ursache gern angenehm zu lachen, was ihn sehr beliebt machte. Das ging wochenlang ohne Trübung. Beim Lunch wurde plötzlich ein Billet für St. Goar abgegeben, woraufhin er sich empfahl. Als Granuella ihren Abendgang nach der Mole machte, fand sie ihn auf der Landungsbrücke ganz vorn an der Dampferanlage in heftigem Wortwechsel mit einem Mann. Es hatte tags und die Nacht vorher gestürmt. Die Brechwellen überrannten, ohne daß die beiden es merkten, mit Gischtwolken die Barriere und hüllten hinter ihnen den Himmel in eine Schale von wildem Schaum. Granuella hielt einen Augenblick an. Die rote Sonnenglut lag prall auf dem Meer gerade vor dem Erlöschen des Gestirns, das in die Gischt hineinstürzte mit ungeheurer Majestät. Das junge Mädchen bebte vor Zorn. Als sie zu ihnen trat, standen Tränen der Güte in ihren Augen: »Ist es Ihnen zuviel geworden Romanoff«, fragte sie, »ich wähnte Sie bei meinem Vater, den zu bewachen Sie mir vorschlugen.« Er konnte ihr Auge nicht ertragen und stammelte: »Mein Fräulein«, er bediente sich der malenden litauischen Ausdrucksweise, obwohl er vor Aufregung bebte, »Frederik de Voß benötigt nur selten noch eines Wärters. Er geht in seinem Garten herum, wo man blitzende Glaskugeln aufgestellt hat, in die er vernarrt ist. Er würde sie nie mehr verlassen. Vergessen Sie diesen Mann, Herrn de Voß, und wenn Sie ihn rasch in Ihrem Herzen vergessen, um so besser, um so besser. Er hat seinen Frieden.« Das Mädchen drehte sich herum, daß es in die Röte sehen mußte und unwillkürlich die Augen zukniff:

»Man hat ihm drei Söhne vor den Augen erschossen«, sagte sie hart. Die zwei standen wie Soldaten vor ihr. Ja, sie wären auf ihren Wunsch ins Meer gesprungen, obwohl es wohl das Sinnloseste gewesen wäre. Sie gingen dann langsam die Landungsbrücke nach dem Strand zurück. St. Goar versuchte ihr zuzureden, da ihn ihre Härte erstaunte, er konnte in der Dunkelheit nicht sehen, daß sie Tränen in den Augen hatte und deshalb schwieg, um sich nicht zu verraten. Ihr glühendes Herz litt furchtbar aus Stolz, aber auch aus Mitleid mit dem Alten. Romanoff verschwand in der gleichen Nacht. Man geht nicht fehl zu vermuten, daß er innerlich befreiter abfuhr. Er konnte nach seinen Erfahrungen sicher sein, daß er auf St. Goar nicht eifersüchtig zu sein brauchte. Es war wohl, wie er dachte, vorteilhafter für ihn, um den Alten herum und also ihrem Herzen doch nah auf die Dauer zu sein, als sich in ihrer britischen Nähe zu befinden, wo er täglich sie verlieren, aber nie augenblicklich gewinnen konnte. St. Goar dagegen versuchte einen anderen Weg der Hoffnung.

Er war in dem Jahr, das ihm die Douglas seinerzeit in England nicht aussichtslos gelassen hatte, vor Sehnsucht bald schwindsüchtig geworden. Er stand eines Nachts auf, lief mit zwei Pistolen am Strand herum, schrie und delierierte, kehrte gegen Morgen zurück und begann plötzlich offenkundig zu werben. Er ging völlig tollkühn vor und überraschte Granuella ganz und gar. Sie waren etwa eine Stunde in der Dämmerung nach dem Leuchtturm zu gegangen und an den ersten Büschen der Anlage erst bemerkte sie seine völlige Verstörung. Er gebärdete sich auch bald wie ein Rasender. Was kann ich anderes tun als ihn beruhigen, dachte sie und stieß ihn sanft zurück. Sie bekam feuchte Lippen und ein fast vor dunklem Glanz perlmutternes Auge, was der Besinnungslose für ein gutes Zeichen hielt. Natürlich vermochte Granuella sich dem Geheimnis der Gelegenheit und der sinnlichen Kraft dieser Erklärung nicht ganz zu entziehen. Sie war innerlich ohne Zweifel weit entfernt auf ihn zu hören. Ihre Hand fuhr über seinen Kopf, aber sie dachte nicht an ihn. Das brachte ihn zur Verzweiflung. Sie war, seitdem sie einem Manne zugehörte, empfänglicher geworden für Leidenschaft und trotz der silbernen Dämmerung sah er, daß ihre Nasenflügel sich strafften. Er warf sich zu Boden, als er ihre Erregung sah und empfand, daß er sie dennoch nicht haben werde. Er war jedoch klug genug, sich zu mäßigen, da er ihr Gesicht voll Tränen sah. Es entsprach dem mystischen Glauben, der sie beide an ihre Nation band, daß sie keine Scheu hatte, ihm von Leuchtenberg zu sprechen. Die Angelegenheiten ihres Lebens und ihrer Leidenschaft waren mit einer bestimmten und fast vorgeschriebenen Planmäßigkeit in die Ziele ihrer politischen Absichten verwebt, und in diesem Dämmerklar der Gefühle verstand es sich von selbst, daß St. Goar begriff, daß ihr Leben nur dem Mann gehöre, der sie aus den Flammen gerissen hatte und auf dessen Lebenslauf ihr Herz als den vornehmsten und ersten horchte. Sobald er Gewißheit hatte, ließ ihn das nicht ohne Hoffnung, denn er war sich der Zuneigung und der vertrauensvollen Ergebenheit dieser Frau sicher. Fast zu eilig verließ er sie, als sie ihn bat zurückzukehren, um mit ihren Gedanken allein zu sein.

Während er mit fast zu Sicherheiten sich spannenden Hoffnungen den Strand entlang mit aufgewühlter Seele lief, ging Granuella die zweihundert Stufen zu dem Leuchtturm hinauf. Sie stand mit einem Herzen da, das die Erlebnisse dieser leidenschaftlichen Szene mit ungeheurer Empfindlichkeit nach der Richtung seines eigentlichen Ziels gewandt hatte, ja man hätte sie für eine Wahnsinnige halten müssen, wie sie, die Arme aufgerissen, auf der Brüstung stand. Mit der Energie einer Tollen erlebte sie das phantastische Glück der Gegenwart ihres entfernten Geliebten. Sie wäre fast von der Zinne gestürzt. Trotzdem der Herzog tausende Kilometer von ihr entfernt war, empfand sie in der Tat eine ungeheuerliche Bewegung. Seine Anwesenheit hätte sie nicht verstärkten können und die Verbindung, die sie auf der Höhe dieser Minute mit aller Tiefe ihres Wesens durchatmete, war fast tötlich schön. Das Meer lag unter ihr wie Getreide. Der Mond spannte mit seinen Lichtfurchen die Kanäle ihrer Heimaterde dazwischen. Was blieb ihr, als zu erstarren vor Glück, obwohl sie immer den eiligen kaum mehr vor Eile wahrnehmbaren Herzschlag in sich vernahm. Sie war keine eigentlich schwärmerische Natur und eher mit Geduld begabt, auf Genuß zu warten, als sich an Visionen zu begeistern in der Abwesenheit des Gegenstands ihrer Wünsche und ihres Schicksals. Sie hatte aber die bestimmte hellsichtige Zuversicht in dieser Nacht, daß ein ungeheures Glück nahe.

Dieses junge Mädchen mußte am Morgen hören, Leuchtenberg sei gefallen. Sie nahm es ohne Gefühlsäußerung auf, vielleicht lächelte sie sogar in den Winkeln ihres kühlen und doch wollüstigen Mundes. Sie sagte am Abend zu St. Goar, als er kam und sich stumm zu ihr setzte: »Ich glaube nicht, daß ich vergessen kann, Sie eine kleine Freude bei der Nachricht empfinden zu sehen.« Ihre Offenheit beschämte ihn grenzenlos und öffnete wieder das Tor des Verstehens zwischen ihnen, das durch seine Unsicherheit einen Augenblick zugeschlagen war. Natürlich konnte er weder jetzt noch je in seinem Leben den Gedanken verlieren, daß er der natürliche Nachfolger Leuchtenbergs sein müsse und die Hoffnung auf eine Füsilierung des Herzogs war eines der sichersten Besitztümer seiner Seele. Er hätte den Triumph meistern müssen, denn er setzte damit alles, nämlich ihr Stück Zuneigung zu ihm, aufs Spiel. Er klagte sich fassungslos an. Sie war sehr gütig und entschuldigte ihn selbst. St. Goar empfand an diesem Tag die Furchtbarkeit seiner Lage, die ihm Granuella für immer nahm. Das einzige, was ihm den Weg zu ihr frei machte, würde als Gespenst sie ihm mit der Pistole noch weigern. Er verfiel in eine tragische Melancholie, in der der Entschluß in ihm reifte, sein Leben lang für dieses Stück Zuneigung bei ihr zu werben, auch wenn er sie nicht besitzen solle, zufrieden, wenn ihm das wenigstens bliebe. Von ihm wurde sie wohl am meisten und besten geliebt, obwohl er nicht wie andere dafür in den Tod hineinjagte. Sie zeigte ihm dafür eine nachsichtige Freundschaft nicht ohne Zärtlichkeit bis zu ihrem Sterben.

Niemand vermochte ihr abzuraten, als sie sich entschloß in die Heimat zu fahren. Ihre Familie galt immer noch als Mittelpunkt der Irredenta der Provinz. Sie begab sich, alle Warnungen freundlich ablehnend, am festgesetzten Tag auf die Reise. Jedermann sah einen schlechten Ausgang, sie allein tat es nicht im mindesten. In der Tat sah sie den Wind mit den Maisfeldern spielen, roch den Duft, den beseligenden träumerischen Duft der Gartenerde und sah die Sonne zwischen dem kühlen Schatten der Kastanienallee. Aber nur mit geschlossenen Augen in ihrem Kupee. Man fing sie gleich hinter der Grenze ab und gab ihr ein anständiges aber sie völlig abschließendes Gefängnis in einer Festung, von deren Namen sie keine Ahnung hatte. Man transportierte sie nachts und in geschlossenem Auto. Sie vermochte sich nicht mit der Douglas in Verbindung zu setzen, und die Nachforschungen, die diese anstellte, zogen sich wochenlang resultatlos hinaus.

Granuella suchte verhört zu werden, verfaßte Proteste, bat um Erklärungen. Es war, als verschwände jedes Zeichen von ihr in der Luft. Sie konnte über nichts klagen, aber sie kam nicht aus der geheimnisvollen Isolierung heraus. Es blieb nichts übrig, als sich auf den Stolz zurückzuziehen und die Dinge mit Hochmut abzuwarten. Das war nicht immer leicht, wenn man die Vögel und die Wolken ansehn mußte. Zu ihrem Glück liebte die Wärterin sie ebenso umständlich wie tief. Sie hatte die Neigung eines ergebenen Haustiers zu ihr gefaßt und sie tat ihren Dienst unter Schmerzensausbrüchen über ihre schöne Gefangene. Wenn sie Granuella in schwachen Stunden zart und in Tränen aufgelöst fand, küßte sie ihr das Kleid wie einer Heiligen.

Nach einer Zeit von etwa zwei Monaten kam eine Kontrolle der Regierung in die Festung. Der Führer benahm sich äußerst seltsam, prallte an der kaum geöffneten Tür Granuellas, die schlief, zurück, hauchte den Atem scharf aus und verschloß die Tür rasch hinter sich. In dieses Zimmer trat er überhaupt nicht ein, ließ sich die Listen vorlegen, tobte durch die anderen Zellen, steckte drei Pförtner sofort in strengen Arrest, fluchte über die Unsauberkeit und ließ den Kommandeur kommen: »Pfui Teufel, Sie Schwein«, schrie er ihn an, »schreiben Sie Ihren Abschied«, und warf ihm ein Papier auf den Tisch und schlug die Reitpeitsche quer über das Blatt. Weiter äußerte er nichts, ließ einen seiner Leute als Kommandeur zurück und reiste ab. Nach zwei Tagen kam er nachts wieder zurück. Man sagte, er hätte den Berg selbst wie ein Rasender hinauf gelenkt. Er blieb da, ob in Urlaub ob in einer Mission war nicht klar. Täglich ging er mit entschlossenem Schritt bis an die Tür der Gefangenen. Es war um die Zeit, wo sich niemand auf den Gängen befand. Wenn er die Klinke fassen wollte, griff er höher, bis sein Arm senkrecht stand. Dann drehte er um, ließ den Arm herunterfallen und verschloß sich im Bureau, wo er Akten studierte.

Nach einiger Zeit ging in dem Augenblick, wo er anmarschierte, die Tür weit auf. Die Wärterin, die nicht in dem Zimmer zu sein hatte, warf sich ihm zu Füßen und bettelte, ob sie ihm einen Brief übergeben dürfe. Das war verboten und er schob sie mit einem Tritt bei Seite. Granuella sah in das Gesicht des Obersten Gagarin. Ihre Blicke, die aus dem Wolfshaß heraufkamen, hatten einige Zeit, sich ineinander zu verketten. Der Fürst war General geworden und noch tiefer ergraut. Sein Gesicht war marmorweiß und fast jung geblieben. Zugleich nahm sie in seinem Blick, der die schrankenlose Energie der Soldaten seiner Zeit hatte, die gleiche Energie eines schmerzlichen Zugs wahr, der eigentlich sein ganzes Gesicht nun erfüllte. Plötzlich griff er an die Schläfe, grüßte und begann zu sprechen: »Es ist meine Aufgabe, Ihre Angelegenheit zu prüfen und zu bedenken, welchen Wert Ihre Anwesenheit für meine Nation hier haben kann. Die Verantwortung darüber ist völlig in meine Hände gelegt, auch inwieweit man sich Ihrer als Geisel für zukünftige Fälle bedienen kann. Diese Verantwortung ist ungeheuer, da ich jeden Tag meines Lebens für das Wohl der Nation nur atme. Ich würde mich eher in den Kasematten auf meinen eigenen Befehl erdrosseln lassen, als daß ich nicht auch in diesem Falle lediglich für die Nation handelte. Sie werden begreifen, wie entsetzlich mir die unerwartete Aufgabe über Sie zu entschließen geworden ist.« Sie sah in den Hof hinab, wo man aufgeregt hin und her lief und dachte nach, welche Vorbereitung zu welchen Schrecken das sein solle. »Es ist meine Pflicht, Ihnen diese Briefe zu übergeben, die eingelaufen sind.« Er hielt sie ihr hin und da sie nicht zugriff, legte er sie auf den Tisch. Sie standen sich wieder gegenüber. Er rang mit etwas, hielt es aber zurück.

»Obwohl es nicht mein eigentliches Amt ist, habe ich Ihnen eine weitere Mitteilung zu machen.« Es war offensichtlich, daß er sich trotz seiner eisigen Ruhe in tiefster Bewegung befand. Sie dachte, indem sie ihn mit halbgesenkten Lidern ansah: er hat meine Brüder erschossen. Möge Gott ihn bei der ersten Gelegenheit töten . . . und schloß die Augen. Er hob die Hand an sein Käppi und salutierte: »Ich bringe Ihnen die Nachricht Ihrer Freiheit, Baroneß.« Sie sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Sie glaubte, er wolle ihr Herz langsam martern. Es war klar, daß er noch etwas, worauf es ihm überhaupt ankam, im Hintergrund habe. Er sagte langsam: »Wenn Sie die Grenze nicht innerhalb fünf Stunden überschreiten, werden Sie heute Abend erschossen sein. Bis zur Grenze kann Sie mein Auto bringen. Eilen Sie sich, je eiliger, um so besser. Es geht um Ihr Leben. Später wird die Grenze geschlossen sein, da man Unruhen befürchtet. Ich werde in der Zwischenzeit einen Brief nach Warschau zu telephonieren haben, den ich, an Sie gerichtet, öffnen mußte. Noch einmal, beeilen Sie sich.«

Sie wurde totenfahl. Sie erkannte die Schriftzüge Leuchtenbergs. Es wurde ihr klar, daß der Mann ein furchtbares Spiel gegen sie vorhaben müsse. Er reichte ihr ungeöffnet das Schreiben. Sie öffnete es aber nicht, sondern legte es auf den Tisch zurück. In diesem Augenblick empfand sie, daß dieser Mensch sich in einem grauenvollen Zwiespalt wand. Er war so unglaublich, daß sie ihn kaum anzusehen wagte. Seine Augen bohrten sich förmlich in ihr Herz hinein. Es wäre dem Fürsten ein Leichtes gewesen, mit ihr als Angelhaken den Leuchtenberg heranzulocken, den er mehr haßte, als er hätte sagen können. Er hatte den Entschluß gefaßt, die Frau loszulassen, mit der er als Geisel seiner Karriere einen starken Dienst hätte tun können. In der Tat hatte er sich geschworen für das, was er seinem Edelmut nachgab, sich zu rächen und den Herzog sofort zu töten, wo er ihn erreichen konnte, wenn dessen Ankunft den Beginn neuer Schwierigkeiten in den Provinzen bedeutete. Das Mädchen begriff in der einen Sekunde alles und schlug die Hände vor das Gesicht. So schlich sie bis an die Tür. Als sie diese erreicht hatte, blieb sie einen Augenblick stehen. Fürst Gagarin salutierte noch immer, obwohl ihm der Hals bald sprang. Sie sah ihm auf die Zähne. Er sagte aber nichts mehr.

Da sie aber an die Hölle, die sie in ein paar Minuten durchlebt hatte, nicht mehr glauben konnte, als sie im Auto saß, sondern alles für einen Traum hielt, fragte sie den Chauffeur, der sie an die Grenze fuhr: »Höre, ist Dein Herr, der General, der Herzog von Leuchtenberg?« Sie hatte sich nach vorn gebeugt, er konnte aber in der rasenden Fahrt nicht zurückschauen und sie mußte wiederholen und ihr Ohr weit nach vorne schieben. »Nein, Frau«, sagte er kopfschüttelnd, »es war nicht der Herzog von Leuchtenberg.« Darauf fragte sie: »Und nun? War es Fürst Gagarin?« Darauf erwiderte der Chauffeur, es wäre der General Gagarin gewesen. Mittlerweile kamen sie an die Grenze. Sie hielt den Brief noch in der Hand, sie hatte vergessen ihn zu öffnen. Sie erbrach ihn und erbleichte. Das Blut schoß ihr in die Schläfen. Als sie ausstieg, sandte sie durch den Chauffeur dem General, der ihre Brüder erschossen hatte, das Tuch, mit dem sie in Florenz ihrem ersten Geliebten gewinkt hatte. Sie hätte es in der nächsten Sekunde lieber mit den Zähnen zerrissen. Dieser Mann, dem sie das Tuch sandte, hatte keinen anderen Gedankten, als den Herzog von Leuchtenberg zu töten. Es kam jedoch anders, und Fürst Gagarin kam nicht in die Lage, dafür, daß er Granuella de Voß, die er wahnsinnig liebte, zu ihrem ersten Geliebten entweichen ließ, zum Schutz seines Landes und als Sühne für seine Tat den Herzog abzuschießen. Leuchtenberg kam nicht in die Provinz.

Das junge Mädchen traf eine Woche nachher Lady Douglas und reiste mit ihr Leuchtenberg entgegen nach Süden, wo man sich besser traf als in der Nähe fanatisierter Kugeln. Diese Reise war der Höhepunkt ihres Lebens. Dieses Glück hatte sie nicht für möglich gehalten. Sie mußte immer wieder innehalten und von vorne anfangen zu denken, weil die Vorstellungen sich ihr verwirrten. Zu manchen Zeiten wußte sie kaum, was sie sprach, und starrte mit erschreckten Augen um sich, wo sie sich überhaupt befinde. Diese Woche war so, als trete sie immer aus einem Traum, um für Sekunden Wahrnehmungen zu machen, worauf sie wieder in den Traum zurücksank. Ein Gefühl von so maßlosem Entrücktsein hatte sie ergriffen, daß vor dieser machtvollen Verzauberung Lady Douglas Beängstigung empfand. Es schien unfaßlich, wie diese völlige Verwandlung noch zu übertreffen, ja überhaupt je wieder ins einfache Leben zurückzuleiten sei. Das Gespenst einer ungeheueren Gefahr lebte in dieser Wonne alle acht Tage hindurch. Die Douglas hatte eine Schatulle mit Papieren bei sich, um die Eheschließung, wo auch immer sie sich träfen, sofort vornehmen zu lassen.

Sie begegneten sich in Triest. Der Herzog kam mit einer Art Janitscharenregiment auf einem eigenen Schiff. Die Kapellen spielten, Schüsse wurden abgefeuert und Signale gewechselt. Der Einzug hatte einen beinahe offiziellen Anstrich, da die Souveränitäten von Dutzenden neuer östlicher Staaten nie durchschaubar waren, solange die asiatischen Auseinandersetzungskämpfe mit den Bolschewiken dauerten. Der Herzog hatte offenbar ein kriegerisches und abenteuerliches Dasein zu Ende gebracht. Er hatte so wilde Sitten, daß die Douglas ihre ganze Autorität gebrauchte, ihn kein Aufsehen erregen zu lassen. Granuella war fast von Sinnen vor Aufgelöstheit. Sie sah nichts und hörte nichts. Offenbar wußte sie gar nicht, wo sie sich befand. In der Nacht raubte sie Leuchtenberg, nachdem er sie geschickt während einer kurzen Abwesenheit der Engländerin in den Garten geführt hatte.

Auf einem eigenen Motorboot, in das er Blumen hatte werfen lassen, fuhr er sie nach einer kleinen Insel. Zwischen einer Lichterkette gelangten sie zu einem Haus auf einem Hügel. Er trug sie mehr, als sie ging. Was Granuella in dieser Nacht erlebte, war das Süßeste und Unfaßbarste für sie. Sie spürte selbst, alles Spätere sei überflüssig. Am liebsten wäre sie nicht wieder erwacht. Sie erinnerte sich, daß ihre Jugendträume alle auf etwas hingingen, das sie noch nicht damals erfassen und erblicken konnte. Das war es. Es war nun da. Sie empfand eine Bestätigung heute für alles, was sie getan und unterlassen hatte in ihrem Leben. Sie mußte Leuchtenberg wie einen Gott empfunden haben, der sie besuchte. Bei diesen beiden Menschen schlug das Feuer ihrer Begeisterung und ihrer Liebe immer wieder zusammen, wenn sie sich die Nacht zurückriefen, wo er sie aus ihrem Kindheitshause holte. Baroneß Granuella de Voß war überzeugt, daß sie ihr Vaterland umarme, wenn sie ihre Mädchenarme zärtlich um ihren Geliebten schlang, und daß die Sehnsucht, um die sie Jahre hindurch in der Fremde gewandert und die sie grauenhaft durchlitten, ihr nun mit Dank in dem besten Mann ihrer glühenden Nation sich erfülle.

Am Morgen vermochte sie von der Adlernase dieses Mannes nicht mehr zu entdeckten als die ferne Spur seines Schiffes, das wie ein Hauch in dem Meerblau schwebte. Der Herzog hatte sich aus dem Hafen des Freistaats entfernt und das Schiff wieder südlich gesteuert, nachdem er einen diplomatischen Auftrag erledigt hatte. Gewiß war er nicht ohne etwas wie Gewissen, obwohl bei Männern in Frauensachen diese Tugend nicht viel mehr als eine angenehme Verlogenheit bedeutet, aber er war keineswegs der Mann, ein wildes und hartes männliches Leben für eine auf Jahre verlängerte Schäferszene hinzugeben. Und er hatte in der Tat, abgesehen davon, ob sein Ideal gewichtig oder erbärmlich sei, wahrhaftig die Empfindung, Träger und Bringer eines unsterblichen und nie wieder erreichbaren Glücks gewesen zu sein. Granuella starb um eines Haares Breite, als sie begriff. Sie hatte bis zum Mittag aufgerichtet im Bett allein am Fenster gesessen. Als die Douglas sich über sie beugte, sah sie diese einen Augenblick an. Die Engländerin, die sie den Tag mit großer Ängstlichkeit gesucht hatte, nickte. Granuella wurde weiß und fiel auf das Gesicht. Sie hatte lange mit dem Tod zu kämpfen, und Lady Douglas vermochte lange nicht, ihrem Nicken hinzuzufügen, daß sie diese ganze Sache vorausgesehen habe.