Die Amazone

Part 3

Chapter 33,660 wordsPublic domain

Granuella war so, daß sie einmal vertrauen konnte. Eine zweite Enttäuschung würde sie töten oder zur Rasenden machen. Sie war zu ungewandt in der Kenntnis der Charaktere und hatte keine Erfahrung in der Gesellschaft, um die Schwäche ihres Vaters als unheilbar zu erkennen. Sie beschränkte sich darauf, mit dem ganzen Edelmut ihres Herzens an ihn zu glauben, eine Fähigkeit, die ebenso großartig wie verrückt war. Voß verlor wieder dauernd. Ohne Geld und Anhang verstrickte er sich an suspekte Kerle. Der Kampf ums Geld wurde riesenhaft für ihn. Eines Abends war er im Kasino aufgesprungen, hatte die Brusttaschen seines Fracks gewendet und das Futter in den Händen, als ihn jemand in seiner Verzweiflung anstieß. Der Mann war ihm dem Namen nach irgendwie bekannt und er folgte ihm hinaus. Dort sagte er ihm, die Provinzen seien den Polen zugesprochen worden. Darauf ging er schlendernd wieder weg, Voß war wie ein Pferd zusammengestürzt. Sein Zustand war um so entsetzlicher, als er sich auch wegen des Zustands seiner Kasse die entsetzlichsten Vorwürfe machen mußte. Er sah sich in jeder Hinsicht vernichtet und wäre für einen guten Tod dankbar gewesen. Die ganze Nacht weinte er mit Granuella, die ihn tröstete. Wirklich stellte sich anderen Tags heraus, daß die Zuteilung der Provinzen an Polen nur provisorisch war. Voß hatte aber nicht mehr Kraft genug, das auszuhalten. Das linke Auge schloß sich von dieser Nacht ab völlig. Er war seelisch zu sehr verludert, als daß der Schlag ihn nicht mitten durchgebrochen hätte. Sein Stolz ging mit diesem Unglück für allemale in den Kot. Er wurde fast kindisch und dachte überhaupt nur noch an Geld. Die Habgier wurde mit einer phantastischen Leidenschaft von ihm betrieben. In seinen Träumen weinte und bebte er um ungeheure Summen. Der Geiz saß in seinen Augen, die Geldlust machte seine Finger zittern. Dazu wurde er greisenhaft launisch, wackelte mit dem Kopf und fürchtete immer, er könne nicht mehr leben, während sich sein Kopf mit wirren Plänen quälte. Dabei verwaltete Granuella ohne sein Wissen die Ausgaben ihres Hausstandes mit Darlehen, die Lady Douglas ihr besorgte und für die sie mittlerweile ihre russischen Besitzungen verpfändet hatte.

Die Lebenshaltung des alten Voß war außerhalb des Hauses sehr trist geworden. Er verlor, je tollere Träume von großen Vermögen und ungewöhnlichen Verdiensten ihn juckten, in der Wirklichkeit auch die letzte Kritik. Er vernachlässigte seine Kleidung, um auf das Mitleid der Reichen spekulieren zu können. In seinen Rücken hatte sich ein devoter Zug eingeschlichen, er war entsetzlich unsicher und weinerlich geworden und seine Gesellschaft war abscheulich. Einmal sagte im Kasino ein Mann, der in der Diplomatie sehr bekannt und sein zynischster Gegner war, als er seinerzeit mit Wagen und Pferden das erstemal in Lausanne eingezogen war: »Dieser Mann da schien uns jungen Leuten der Konferenz albern, aber wir beneideten ihn. Er ist noch alberner geworden, aber man kann ihn nicht mehr beneiden und ich glaube man sollte ihn deshalb totschlagen.« Die Umstehenden lächelten, weil, ohne ihr Gespräch zu beachten, Frederik de Voß mitten durch sie gegangen kam, aber der Sprecher schien es zu erbärmlich zu finden, um zu lachen, schob den hohen Hut in die Stirn und ging aus dem Foyer. Frederik de Voß las aus den Gesichtern der Menschen nur noch wie an einem Thermometer, wie weit sie für Geld in Betracht kamen. Alles andere übersah er bereits, er war nicht mehr zu kränken. Er hatte den Vogelblick mit seinem rechten Auge bekommen, mit dem er nach Beute spähte. Er dürstete so nach Geld, daß er alles an Geschäften annahm, was herbeikam, um es wieder zu verspielen. Die Briefe seines Sohnes schob er zitternd in eine Schublade, um sie aus dem Gesicht zu bekommen. Er hatte wahrscheinlich gar keine Vorstellung mehr davon, daß er Buchenwälder besaß, die bis ans Meer grenzten, und daß seine Maisfelder zwischen den Kanälen flimmerten.

Alle Welt wußte bereits über diesen Zusammenbruch Bescheid und man erzählte sich von ihm die abenteuerlichsten Geschichten der Erniedrigung. Als ein skrupelloser Agent, dem er mit seinem Namen ein übles Geschäft über die Grenze gedeckt hatte, ihm ein Drittel der Verdienste auszahlte, stürzte Voß vor ihm auf die Knie. »Väterchen«, rief er und schüttelte die Hand des Agenten mit seinen beiden Armen, »meine Kinder verhungern«. »Was wollen Sie«, fragte der Spediteur, der einen unglaublichen Namen trug. »Fünftausend Franks«, wimmerte der Alte in seinen Bart. Er war tiefunglücklich. Der andere trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und starb bald vor Lachen. Er kannte die Verhältnisse genau. In seinen Karpfenaugen glomm eine diabolische Idee, er warf eine Hand voll Silbermünzen durch sein Bureau und schlug die Arme über dem Kopf zusammen, so strengte ihn das Lachen an, um Luft zu bekommen, als der Edelmann wie ein Narr herumlief, und die Stücke einsammelte. Dieser Mann benutzte ihn nun zu seinem Vergnügen zu allen möglichen Peinigungen und Quälereien. Er hatte eine schwere Jugend gehabt und genoß nun, daß einer der Herrenkaste in seiner Hand war. So ließ er ihn die grauenhaftesten Dinge vornehmen, die Voß für das Geld, das ihn verzauberte, ohne Besinnen machte. Von alle dem ahnte Granuella nichts.

Granuella war überzeugt, daß die Sorgen ihren Vater abmagern ließen, gab keinem Zweifel in ihrem Herzen Platz und verdoppelte ihre Liebe zu ihm. Eines Abends fand sie Abschriften von Briefen. Es war kein Zweifel, daß ihr Vater mit den Polen verhandelte. Aus Goldgier hatte der Alte den besessenen Vorschlag gemacht, zurückzukehren. Er beabsichtigte die Okkupation anzuerkennen und verlangte dafür Rückgabe seines Vermögens und Auslieferung der beschlagnahmten Guthaben. Es war offensichtlich, daß dieses Vorgehen nur aus einem völlig zerrütteten Hirn kommen konnte. Die Erkenntnis war aber für Granuella so grausam, daß sie das Mädchen, da sie sie nicht tötete, furchtbar hellsichtig machte. Sie erkannte mit einem Blitzschlag alles. Sie fiel wortlos zu Boden.

Als sie die Augen aufschlug, kam die Dämmerung über den See. Sie glaubte diese Verhöhnung des Lebens nicht ertragen zu können. »Welch ein erbärmliches Schicksal«, dachte sie voll Wut. Darüber geriet sie so außer sich, daß sie aus ihrer tötlichen Müdigkeit aufsprang. Das rettete ihr wahrscheinlich das Leben, denn als sie mit geschlossenen Lidern die Stirn an das Fenster drückte, war sie mehr eine Wölfin wie eine Sterbende. Sie fühlte einen ungeheuren Zorn. Von einem Geräusch aufmerksam gemacht, drehte sie sich um. Voß stand in der Tür mit weißem Gesicht, schielend, nicht ganz nüchtern. »Du bist toll,« sagte sie und ging hinaus.

Er folgte ihr durch zwei Zimmer. Sie stampfte auf, als er nicht zurückging. Sie konnte ihn nicht sehen, so außer sich war sie. Schließlich hielt sie sich mit der Hand fest an dem Vorhang, der an der Tür niederfiel und sagte: »Folge mir nun nicht weiter. Du zwingst mich sonst, einiges mit Dir zu reden, was ich Dir ersparen könnte,« und setzte rasch hinzu: »Ich vermag es Dir aber auch zu sagen.« Er schwieg und sah sie mit flackernden Augen wütend an. Da ging sie mit einer stürmischen Bewegung bis dicht an sein Gesicht heran. Ihre Kieferknochen strafften sich vor Energie und wurden weiß wie Seile: »Erbärmliche Geschichten, die Du machst,« rief sie, »Du verhandelst mit den Polen. Du warst imstande, das Beste unseres Lebens unter deine Füße zu schmeißen. Ich wäre lieber gestorben, als dies erleben zu müssen.« Das junge Mädchen war in einem Schmerz, der sie nichts mehr ertragen ließ: »Geh weg von mir. Ich ertrage Deinen Anblick nicht länger. Gott helfe mir,« schluchzte sie.

Voß blickte sich im Zimmer um, er sah, daß er sie besänftigen müsse. Sein Auge blieb an dem Schreibtisch hängen. Er verwünschte seine Nachlässigkeit: »Du hast in falschen Sachen geblättert,« sagte er und suchte zu lachen, obwohl seine Kniee deutlich zitierten. Er beschloß rasch, sich herauszuwinden, indem er ihr bewies, daß die Listen eine Falle für das polnische Gouvernement wären. Es gelang ihm gar nicht zu reden. Er hatte die unklare Vorstellung, daß er im Begriff stand, etwas sehr Wertvolles zu verlieren und krallte die Hände immer auf und zu. Aber die Angst, die in seinem Gesicht herumzuckte, schnürte ihm die Gurgel zu. Das junge Mädchen sah ihn an, ein Wrack, eine Leiche. Er hatte sie ohne Zweifel wieder getäuscht.

»Das will ich Dir sagen,« flüsterte sie, »daß ich Dich durchschaue und entschlossen bin, ein Ende zu machen.« Sie erstickte fast vor Tränen. Trotzdem war in diesen Sekunden das unerfahrene Mädchen zur Furie verwandelt. »Ich bin entschlossen, ein Ende zu machen, eh Du alles ruinierst. Du hast unsere große Sache zertrümmert. Du hast Dich an der Idee der Freiheit, für die wir heute gelebt haben, wie ein Wahnsinniger vergangen. Du hast uns von St. Goar leben lassen, ohne daß ich es ahnte. Ich habe Romanoff abreisen sehen wegen Verrätereien von Dir, die er einzurenken bestimmt war. Unser Geld fließt zu Roland, der es mit Dirnen vertut. Du verspielst es beim Roulette. Meinst Du, ich ahne die Posse nicht, die ihr alle mit meinem Herzen getrieben. Wir sind Bettler geworden, aber kein Strolch kann uns Ehre erweisen, und wenn wir noch leben, so ist es das Glück, das wir hatten, immer mit edlen Menschen zusammengetroffen zu sein.« Sie warf sich auf den Divan und schlang die Arme um die Kniee. »Dieser alte Mann ist mein Vater«, dachte sie. »Ich erkenne ihn nicht in diesem scheinheiligen Greise, der sich abmüht, mich durch Winseln zu rühren. Wie schändlich hat diesen edlen Mann das Leben zerstört. Warum ist er nicht gestorben, als unsere Jugend in die Pania watja ihm noch zulief.« Der alte Voß war gekränkt. Er verstand nicht, warum ihr Herz blutete, und um welcher erhabener Ideen willen sie litt. Er vermutete, daß sie ihm wegen seiner Bettelarmut Vorwürfe mache und murmelte vor Angst gröhlend: »Halte an Dich, sprich nicht über Dinge, von denen Du keine Kenntnis hast, denn ich habe mit Silberminen ein Vermögen gestern erworben in einer Spekulation, die einen anderen wie mich vernichtet hätte.« Es war offensichtlich, daß er log. »Du wirst es morgen wieder verlieren. Ich will Dir etwas sagen,« meinte Granuella, die plötzlich aus ihrer Vereisung erwachte, »ich bin Deine Tochter,« und sie ging ungestüm auf ihn zu und küßte ihn . . ., »aber ich sehe keinen Kameraden mehr in Dir. Es ist wahr, daß ich Dich verlasse.«

Sie trat zurück. In diesem Augenblick geschah etwas Seltsames. Langsam öffnete sich das linke Auge des Alten und wurde ganz groß, weiter als das rechte. Das Mädchen überlief ihn mit einem Blick. Sie war plötzlich von einer wundervollen Fremdheit. Sie mußte das hinzufügen, was sie noch zu sagen hatte: »Ich möchte nicht,« sagte sie und merkte, wie sein linkes Auge starr und entsetzt sie ansah, »daß ich vergäße, Du seist mein Vater, wenn ich Dir entgegentreten müßte.« Sie fügte diesen Satz kalt hinzu und ging hinaus. Nach einer halben Stunde erst fand der alte Voß nach einer ihm unerklärlichen Aufregung die Kraft in ihr Zimmer zu laufen und nachzusehen, ob sie Schmuck zurückgelassen hätte. Sie besaß schon lange keinen mehr, er nahm aber an, sie hätte ihn darum betrogen und wühlte verzweifelt und auf sie fluchend in den Fächern. Sein linkes Zuge schloß sich wieder völlig. Granuella ballte auf dem Schiff währenddem die Hände um die Börse, die sie mitgenommen, im Anblick von Genf, das sie erreichen wollte:

»Dieses Metall hat vermocht, einen glühenden Geist wie meinen Vater zu zerstören,« dachte sie voll heißem Kummer. Sie war kindlich genug, es wie Gift zu hassen. Drei Schritte weiter auf dem Verdeck kam St. Goar auf sie zu.

Dieser junge Mann hatte sich in anmutiger Ehrerbietung ihr gegenüber jederzeit bewährt. Sie hatte keinen Grund sich ihm nicht anzuvertrauen, zumal sie ja sich nicht verschwieg, daß er Grund hatte, ihrer Familie aufs heftigste zu zürnen: »Ich würde mich wundern, wenn Sie die Abscheulichkeiten ganz verwunden hätten, denen Sie durch unsere Schuld ausgesetzt waren,« sagte sie, worauf er sehr unglücklich war und heftig errötete, denn er verehrte sie so, daß er ganz andere Dinge auf sich genommen hätte. Sie gab sich ihm vollständig in die Hände, als ob Vertrauen das natürlichste sei. Er besaß die Ritterlichkeit und Kraft genug, seine tiefe Leidenschaft zu verbergen oder wenigstens sich nicht zu erklären. Sie gestattete ihm, sie zu Lady Douglas zu begleiten. Er war stolz, von dieser schönen, hin und wieder verzagten Frau als Beschützer ausgewählt zu sein. Wenn sie über die vergangenen Dinge erschauerte, nahm er ihre Partei gegen den Schatten ihres Vaters, indem er diesen aber zu schonen verstand. Er hatte den Takt ihr eine wirkliche Hilfe zu sein. Der arme Bursche starb aus Anstand fast vor Leidenschaft, aber seine gute Gesinnung hinderte ihn wirklich daran, zu sprechen, bis sie bei der Douglas ankamen und er das Mädchen dem Schutz der erfahrenen Frau übergab. Er lief darauf einige Tage herum, ehe er sich zu erklären wagte. Dabei machte er eine so seltsame Figur, daß es sich bei den Gästen des Landgutes herumsprach und alle eher als Granuella wußten, wie es um ihn stand.

Entschlossen lauerte er ihr im Park eines Abends auf und sah sie herzklopfend einen der Wege hinuntergehen, an deren Ende schon der Mond zwischen blauen Schatten und Düften stand. Er wartete, bis sie umdrehte und nun voll Gewölk und den Abglanz des sie im Rücken treffenden und umhüllenden Mondlichts zurückkam. Da hielt ihn wieder eine geheimnisvolle Scheu zurück. Er flüchtete in eine Fliederlaube und fühlte den Abendtau sein Gesicht überströmen. Halb von Sinnen eröffnete er sich der Lady, die mit Granuella sprach. Sein Vermögen war in der Lage, ihr Leben vollständig zu ändern, er sagte auch über die Behandlung ihres Vaters das Vornehmste. »Sagen Sie ihm,« meinte Granuella nach einer besinnlichen langen Pause und wandte sich brüsk herum, daß die Douglas ihr fast nachlaufen mußte, und kaum das folgende Flüstern Granuellas hörte. Es schien jedoch dem Gesicht St. Goars zufolge, der den Abend abreiste, daß sie ihn nicht ohne Hoffnung gelassen hatte. Diese Vermutung hatte einen weiteren seltsamen Grund. Seit dieses Mädchen mit einem Male so entsetzlich hellsichtig geworden war, schien sie überhaupt nicht mehr ihr Leben von den Hoffnungen ihres nationalen Ehrgeizes trennen zu können. Sie wurde dabei und wahrscheinlich dadurch immer weicher und frauenhafter.

Manchmal brach sie in Tränen aus über das Geschickt ihres Vaters, aber während sie in Weinen zerging, stand eine Zornfalte ihr wie einer gerührten Amazone auf der Stirn. Lady Douglas vermochte ihr leicht die Selbstvorwürfe zu nehmen. Sie bewies ihr durch Briefe alten und neuen Datums, daß die fürchterliche Gier nach Geld den Alten bis zur Besinnungslosigkeit beherrschte. Das war entsetzlich, nahm ihr aber den Alpdruck der Härte. »Man hätte Sie diesem Mann entrissen, wenn Sie nicht gekommen wären,« meinte die Douglas mit einem etwas hochmütigen Gesicht. Granuella hatte eine Art, unerhört zu gefallen, daß es ihre Freundin ängstete, zumal das Mädchen selbst es überhaupt nicht zu bemerken schien.

Manche Dummköpfe von jungen Leuten, fürchtete die Douglas, würden aus Verzweiflung oder aus Ehrgeiz vielleicht skandalöse Dinge wagen, und sie sprach mit dem Mädchen vorsichtig darüber. Sie wollte sie wappnen. Es war überflüssig. Sie kam zur Einsicht, daß Granuella, je weniger sie sich aktiv an den politischen Dingen beteiligte, um so leidenschaftlicher mit der ganzen Glut ihrer Frauenhaftigkeit auf deren Erfolg zu warten und in einem unbestimmbaren Sinne sich als Preis für den kühnsten der Feuerköpfe zu betrachten schien. Irgend etwas Geheimnisvolles dieser Art bestimmte jedenfalls ihr Leben völlig und gab ihr auch den Reiz phantastischer Sicherheit. Bestimmt waren ihre Kindheitseindrücke mit grandioser Größe in ihr aufgerichtet und alles Spätere war geneigt, dagegen abzufallen oder von ihr leicht vergessen zu werden. Sie war ohne Zweifel im Innern nur darauf gerichtet, daß ihr Schicksal notwendigerweise mit dem ihrer Heimat zusammenfiele.

So empfand sie es mehr schändlich als mitleiderregend, daß Briefe ihres Vaters an sie selbst einzulaufen begannen, der sie mit fieberhaften Beschwörungen um Geld anging, ohne etwas hinzuzufügen, als einen Haufen von wirren Spekulationen, in die er sich stürzen wollte. Sie antwortete, sie besäße nichts, als was die Douglas ihr spende. Sie vermöge nur sich selbst anzubieten, schrieb sie voll Wut. Er antwortete wie ein Verrückter, er wolle kommen, sie anzusehen. Sie brauchte einen ganzen Tag, den sie im Garten herumlief, aufgescheucht und fassungslos, bis sie erfaßte, daß das Hirn dieses Mannes, der sie erzeugt hatte, unrettbar verworren sei. Sie verbot ihm zu kommen. Diesen Brief las die Douglas über ihrer Schulter in der Fliederlaube, deren Blätter sich duftig bewegten: »Ich glaube nicht, daß es eine Zeit gab, wo die edlen Charaktere so grenzenlos vor dem Geld kapitulieren mußten. Es hat die Kraft die besten Gebete zu zerbrechen.« Die Lady hatte Grund, in anklagenden Metaphern sich über die Welt, die sie zu verstehen glaubte, aber doch wohl nur aus der Klugheit des Schmerzes heraus ablehnte, zu äußern. Sie mußte England verlassen, da ihr Gatte mit einer Person aus der Filmindustrie von schlechtem Wuchs und miserablen Zähnen öffentlich zusammenlebte, um vom Ausland her die Scheidung gegen diesen Mann in Gang zu bringen. Sie nahm Granuella mit auf ein großes schlesisches Besitztum, das sie mit nicht viel englischen Pfunden gekauft hatte aus dem fiskalischen Nachlaß einer Adelsfamilie, die infolge der Kriege und Teuerung ausgestorben war.

Die Erntezeit im Osten hatte einen entzückenden Glanz. Nach Jahren der Vagabondage durch Europa war es eine erstaunliche Erfrischung. Zwei Schritt über die Allee hinaus sahen sie einen riesigen Horizont überall auf das Land fallen. In offener Sicht war alles von der Helligkeit der Sonne bewegt und das Licht flutete in diesem unermeßlichen Raum herauf und herunter. Man sah wie die Sensen tief in das Korn einschnitten und hörte die Mägde schreien. Die ganze Ebene durchbrochen breite Wagen voll getürmter Garben. Die Farben waren unbeschreiblich. Niemand spürte, daß Granuella sich vor Sehnsucht verzehrte. Eines abends näherte sich mit hier seltenem Geschrei eine Verfolgung dem Park, über dem die Gesellschaft auf den Stufen der erleuchteten Terrasse thronte. Der Raum bis zu den Springbrunnen war nur ein paar Schritte weit. Dahinter lag das massive Dunkel der Bäume, durch die nur manchmal leuchtende Käfer schnurrten. Plötzlich trat ein junger Mann mit einer Dogge ins Helle und lachte über die Schulter ins Dunkle zurück, wo sofort wieder Stille anbrach. »Das Gesindel war toll genug, mich zu verfolgen,« sagte er, indem er mit großer Liebenswürdigkeit zur Terrasse hinaufgrüßte. Man war erstaunt über diese Sprache. Lady Douglas machte ihn, als er heraufkam, aufmerksam, daß er von ihren Leuten spreche. Er nahm den Tadel nicht an, sondern bat um Gastfreundschaft. Es war ihm nicht zu widerstehen. Er war Flüchtling vor den Polen und wollte zu seinen litauischen Gütern zurück. Schon als er die Helligkeit betreten hatte, hörte Granuella ihr Herz schlagen. Er amüsierte die Frauen sehr mit seiner Erzählungsart. Die Männer wurden durch seine abenteuerliche Überlegenheit verärgert. Einer versuchte sogar eine Ungezogenheit, doch der Fremde gab ihm nur gesteigerte Höflichkeit zurück. Er hatte tolle Dinge zu erzählen dabei. Seit drei Jahren hatte sich unter dem Dach des von den Interalliierten Nationen geschützten Friedens ein kleiner Guerillakrieg entsponnen. Es war ein trojanisches Heldenleben, das man um die Grenze herum führte. Die Geschlechter, Städte und Stände hatten eine Art Turniere eingerichtet mit für jeden von ihnen passendem Ehrenkodex, je nachdem man die Unterlegenen bewirtete oder beraubte. Die Miniatur eines kleinen Mittelalters mit ebenso wahnsinnigen wie tugendhaften Manieren lag genau hier zwischen den Arbeiterzaren und den westlichen Demokratien in leidenschaftlichem Ausbruch, und es war kein Zweifel, daß, so kindisch im Grunde es ihnen klang, alle Männer den jungen Mann beneideten. Die Probleme Europas und der einzelnen hatten ihre Glatzen beschwert und ihre Nächte schlaflos gemacht, ohne daß diese überlegenen Standpunkte ihnen schließlich etwas anderes als einen ungeheuren Zynismus geboren hätte. Der junge Mann hatte eine Trompetenstimme, die ohne Hemmung in den Park hinausschmetterte. Er nannte Namen um Namen, die Granuella kannte. Sie äußerte kein Wort. Glücklicherweise beherrschte der Fremde die Situation so völlig, daß niemand etwas auffiel. Bald schilderte er die Rettung von Frederik de Voß. Ohne Zweifel hatte er daran teilgenommen.

Granuella sank fast zur Erde. Sie hielt in der Dunkelheit ihres Platzes ihr Herz mit den Händen bedeckt. Sie vermochte keine Silbe zu sprechen. Als der junge Mann ins Innere des Gutshauses trat, sich verabschiedete, um sein Zimmer aufzusuchen, erhielt er einen Zettel in die Hand gedrückt. Mit demselben Blick, mit dem er las »Kommen Sie«, verfolgte er die Dame, ging ihr nach und erkundete ihr Zimmer. Als er nach einer Weile mit geschmeicheltem Lächeln und ein wenig prahlerisch eintrat, fand er eine Dame, die ihm sagte:

»Mein Herr, ziehen Sie keine falschen Schlüsse und verurteilen Sie nicht meine Handlungsweise. Ich bin die Tochter von Frederik de Voß. Sagen Sie mir die Adresse und den Aufenthalt des Herzogs von Leuchtenberg und führen Sie mich hin.« Mit Blut übergossen vermochte der junge Offizier kaum seine Haltung zu wahren. Er verneigte sich tief und nannte, was sie wollte. Am anderen Tag erzählten die Domestiken, Fräulein von Voß sei in großer Eile abgereist und habe einen Teil ihrer Wäsche vergessen.

Lady Douglas gab ihrer Freundin einen großen Beweis der Zärtlichkeit, daß sie sie nach Kowno begleitete. Sie folgte Granuella fast auf dem Fuße. Dort lernte sie den Herzog von Leuchtenberg kennen, dessen leichte sichere Art ihr gefiel und dessen Männlichkeit fast wie ein Nationalheld gefeiert ward, als er ankam. Mit einer schicksalhaften Bestimmtheit wußte Granuella auf den Mann zu treffen, der sie aus dem Feuer gerissen und für den sie sich, ohne daß sie es wußte, bestimmt hatte. Sie galt als die schönste Frau der Gesellschaft und die Neidischsten konnten ihm nicht versagen, daß er an der Spitze der Tugenden des jungen Landes stand. Hätte er nicht eine Frau besessen, mit der er in Scheidung lag, sie hätten sich wohl auf der Stelle vermählt. Es war ein beispiellos schönes und auffallendes Paar. Lady Douglas deckte ihre Beziehungen, es hätte niemand ihnen irgendeinen Vorwurf zu machen vermocht. Die Douglas war nicht nur eine der feinsinnigsten, sondern auch der instinktvollsten Frauen, was sie aber mit großer äußerer Überlegenheit verbarg. Ihre Eleganz war so ungewöhnlich raffiniert, daß man sie nicht schildern konnte, aber sie genau spürte. Sie hatte Granuella, als Leuchtenberg in die Stadt einfuhr, mit ihrem Wagen an den seinen gedrängt und er hatte sie sofort wiedererkannt. Sie reiste auch mit, als der Herzog, der in türkischen Diensten stand, zurück mußte.