Part 2
»Man muß arm sein, um eine Sache richtig machen zu können,« wagte eines Tages sogar Voß zu sagen, als er erfreut zurückkam. Zu seinem Unheil war das bescheidene Leben aber ebenfalls zu knapp. Man streifte wieder die Not. In diesen Tagen mußte Rolands Scheck erneuert werden. Es blieb nur die Möglichkeit, den Sohn zurückzurufen. Granuella sagte: »Wir dürfen unseren Stolz nicht so sehr wachsen lassen. Wir müssen des Erfolges halber auf die Revenüen der Güter zurückgreifen, auch wenn die Polen darum herumsitzen. Man schmeckt es dem Gelde nicht nach, daß es nach den Schwarzbeinigen riecht.« Sie hatten sich angewöhnt, nach den Landarbeitern in den Kanälen die ganze Station so zu nennen. Zu ihrem Erstaunen widersprach der von Geld durch die Not wieder ganz bezauberte Voß kaum. Es war umsonst. Denn bald kam die Nachricht, daß ein Semjimbeschluß die Ausfuhr von Geld aus dem annektierten Gebiet verboten habe. Das zertrümmerte Voß. An Rückkehr war nicht zu denken. Er wäre eher vom Dach des Hotels gesprungen. Wahrscheinlich hätte man sie ihm nicht einmal erlaubt. Nun empfand er seine totale Losgelöstheit. Es gab tatsächlich keinen Halt mehr für ihn, man hatte die Heimat wie ein Stück Körper von ihm abgeschnitten und er befand sich mitten in einer furchtbaren unübersichtlichen Flut. Es konnte nur ein Ziel geben, das gleichzeitig allein Halt verbürgte: Geld. Er bekam einen Zug, der seine Nase schärfer machte, den Mund spitzte, im Auge flackerte manchmal mit einem gelben Schein die Gier. Die Hände schnellten oft wie bei einem Vogel, der einen Ast ergreift, zusammen. Er war gemacht für Kämpfe, die eine gewisse Höhe an Stolz und Anspruch voraussetzten. Zu anderer Zeit wäre er ein großer Anführer für die Freiheit gewesen. Zu seiner Verwunderung wurde er rücksichtslos umgeworfen. Wo er an Adel sich klammerte, krachte die Not. Er glitt fast widerstandslos in die Hände von Glückssrittern und in die Fallen von Habenichtsen. Plötzlich war er hilflos, aber auch unfähig wie ein Kind. Er ging einfach glatt vor die Hunde in dieser Quälerei um die Existenz. Sein Widerstand war so erstaunlich gering, weil er selber fühlte, wie er abstarb in diesem Zeitalter, das seine Voraussetzungen schon gar nicht mehr kannte. Man mußte Paris verlassen. Er jagte hinter allen Möglichkeiten des Geldes wie ein Besessener her. Im Grunde ward das die mächtigste Bewegung in seiner Seele. Er hatte Angst in einem Vorstadthotel zu krepieren. Aus dieser Furcht entwickelte sich eine namenlose Habgier nach Geld.
Zuerst waren es noch korrekte Sachen, die an ihn heran kamen. So war er zum Beispiel wohlgelitten bei der Großherzogin von Luxemburg, die ihn ihr Gestüt beaufsichtigen ließ. Wegen seiner Zugehörigkeit zur Pania watja erreichte nach einigen Monaten diese Beziehung ein Ende. Der polnische Geschäftsträger wies darauf hin, daß Voß Anwesenheit am Hofe seine Regierung stark verstimme. Da der luxemburgische Frank gut stand, mußte man den Alten opfern. Zu allem Elend kam nun, daß die Polen, gegen die er den »Kreuzzug durch Europa« unternommen hatte, ihn wie einen Fuchs zu jagen begannen, als sein Kreuzzug schon ein erbärmliches Gehetz durch immer erschrecklichere Not wurde. Das Halali des Staatschefs Pilsudski hinter ihm her brachte ihn fast ins Grab in den nächsten Monaten. Er war zu mürbe schon, um zu sterben an seiner Galle. Er war entschlossen nicht Hungers zu sterben. Also starb er auch nicht an Ehrgeiz, denn es fehlte die Zeit dazu. Ein Lichtblick war, daß er in Kissingen einen abgesetzten deutschen Fürsten am Brunnen traf, der auf seinem Gut übernachtet hatte und ihm nun klagte, daß Auseinandersetzungen mit englischen Banken sein Vermögen zerstörten. Er gewann Voß dafür, durch eine Reise seine Londoner Beziehungen in den Dienst seines Prozesses zu stellen. Voß fuhr nach Dover, dann nach London. Er war zu ungeschickt, trotz besten Drucks durch seine Bekannten, den Prozeß geschickt gegen die gerissenen Advokaten des englischen Fiskus zu leiten. Er nutzte Beziehungen falsch aus, bestach nicht und versprach, wo man Tatsachen sehen wollte. Er verlor durch schlechte Laune seine Beziehungen, denen er seine Unterlassungen und Fehler empfindlich vorwarf. Er hatte mehr zerstört, als vorher möglich schien. Gedrückt kam er nach Deutschland zurück. In München wachte er auf und besaß noch für drei Tage Geld. Das Gespenst saß schon auf seinem Bett. Es hatte ihn eingeholt. Es hatte lange im Dunkel gedroht. Da war es vor seinem Gesicht. Er war zerrissen und zerschlagen. Hoffnungslos schlich er durch die Straßen. Da drückte ein junger Mann dem Alten die Hand. Er sah St. Goar in die Augen. Er mußte im ersten Augenblick einige Schritte zurücktreten, dann frug er gierig: »Haben Sie Geld.« St. Goar hatte reichliche Mittel. Er sanierte Voß, beteiligte ihn an schlesischen Werten, die gerade haussierten. Das sollte St. Goar aber schlecht bekommen.
Als der Alte sich im Besitz starker Mittel sah, erwachte das Gefühl für seine politische Aufgabe wieder in ihm, und zwar in ungeheuerlichem Maße. Die Hälfte seiner Einkünfte sandte er sofort an Roland de Voß, der gerade mit einer Studienkommission im Osten war. Mit einem Stab junger Feuerköpfe reiste er an allen Gouvernements und Börsen herum. Er ließ Proklamationen an die Parlamente und Bittschriften an die führenden Kabinette verfassen, Versammlungen abhalten und die Presse beeinflussen, kurz er machte soviel Wind und Redens um seine Angelegenheit, daß er sich alle zu Feinden zuzog, die am Schweigen darüber interessiert waren, und das waren die Mächtigsten und gerade die, die allein hätten helfen können.
Voß hatte nunmehr einen neuen Plan ausgeheckt, die Sache seiner Provinz zu beschleunigen, indem er sie in die Hände der Großindustrie legte, und jeweils, wo er zu Konferenzen erschien, sah man ihn von jungen Leuten und Dienern begleitet, die Gesteinproben mitschleiften. Er suchte nachzuweisen, daß gewaltige Schätze in dem umstrittenen Terrain steckten, und daß ein faules Volk wie die Polen sie vernichten würden oder zu dumm seien, sie zu verwenden. Er war jedoch bereit, jeder ausländischen Interessentengruppe alle Konzessionen, ja allen Verdienst, abzutreten, wenn sie über ihre Regierung den Sieg seiner Nation durchsetzten. Dieser Plan wurde damals von vielen Seiten ernstlich in Betracht gezogen, und es war nicht unsinnig, an seine Verwirklichung zu glauben.
Der treuste seiner Begleiter war ein junger Mann aus der bürgerlichen Familie Romanoff, die in Litauen ansässig war und eine hervorragende Menge von Begabungen in die noch spärliche Intelligenz sandte. Er hatte veilchenblaue Augen und ganz blonde Brauen. Sein Hals war fast klassisch, sein Haar mehr blau wie schwarz. Mit dem Mund verstand er so zu schweigen, daß es eine der anmutigsten Gesten war, die es in dieser Zeit gab. Die Überzeugtheit des alten Voß nahm damals eine solch riesenhafte Höhe an, daß sie wie eine plötzliche Krankheit wirkte. Das machte den alten Seigneur verdächtig bei aller Welt. Mit von Widerständen krankhaft aufgereiztem Feuer begann er nach so langer Pause des Verschollenseins und nach so atemloser Jagd nach dem Geld sich wie ein Ertrinkender in ein Schlachtfeld von neuen Plänen zu stürzen und sich daran zu verwirren. Unter anderem zahlte er St. Goar auf eine peinliche Weise den Dank für die Gutmütigkeit, mit der jener ihn an den Haaren aus dem Dreck und Skandal gezogen.
In Lausanne überwarf er sich wegen einer technischen Frage der Propaganda mit St. Goar beim Lunch und beleidigte den Verblüfften auf eine gewaltsame Art, worauf dieser mit einem langen Blick auf Granuella den Saal verließ. Voß vermochte Widerspruch nicht mehr zu ertragen. Genau so großartig, wie er knapp am Hunger lebend die Erzlager seiner Provinz den internationalen Industriekapitänen vor die Füße schmiß, genau so vergaß er, von welchem Geld er überhaupt lebte, als er seinen besten Helfer barbarisch traktierte. Es gelang allerdings, ihn zu einer Aussprache mit St. Goar zu bringen.
Sie fand im Salon des Hotels statt und St. Goar bewies viel Würde und Wille zur Verständigung. Er vermochte allerdings nicht, sich einem Gesichtspunkt seines Gegners, den er für verrückt hielt, anzuschließen. Leider ereiferte sich Voß maßlos und, um St. Goar für seinen Gewaltplan zu zwingen oder ihn unschädlich zu machen, drohte er einen Augenblick, ihn wegen gewisser Unregelmäßigkeiten aus der Bewegung auszuschiffen. In diesem Augenblick trat Granuella ein. Sie führte ihren Vater in die Ecke und sprach leis einige Worte zu ihm. Es schien, als ob sie ihn um Mäßigung bitte. Voß ging darauf ganz weiß im Gesicht an die Tür, öffnete sie und telephonierte im Nebenzimmer. Nach zwei Minuten kam der Portier des Hotels mit zwei Beamten der Fremdenpolizei.
»Dieser Herr hier,« sagte Voß, und deutete auf St. Goar, »besitzt einen falschen Paß. Ich teile das Ihnen mit im Interesse des Landes, das mir Gastfreundschaft gewährt.« Voß war in furchtbarer Verfassung. Am liebsten hätte er gesehen, daß man St. Goar an den Spiegel stellte und füsilierte. Er beachtete überhaupt nicht, daß die beiden Beamten ihn baten mit zur Präfektur zu kommen. Er sah in ihm lediglich den Feind seiner Methoden und seiner Sache, der zu vernichten sei. Er war durch die erbarmungslosen Stöße des Lebens in den letzten Jahren von einer fieberhaften seelischen Erkrankung begleitetet, die jedenfalls kein Irrsinn war, ihn aber veranlaßte, aus Angst vor dem raschen Ausgehn des Geldes alles mit einem bedeutenden Größenwahn zu sehen. Ohne Zweifel war er überzeugt, daß an der kleinen Differenz der Anschauungen mit St. Goar das Schicksal seiner ganzen Mission hänge und daß noch sicherer ohne seine eigene Hilfe die ganze Sache rettungslos zerfalle. Diese Verantwortung brachte ihn fast zum Wahnsinn.
Er bedachte dabei nicht, daß er mit St. Goar seine Börse verhaften ließ. Er war bei aller Begeisterung eigentlich ein Kind, dem entging, daß die Schicksale der Nationen keineswegs auf den Rollschuhen entzündeter kleiner Patrioten liefen. Er war der Trümmerhaufen einer abgeschiedenen Zeit aber immerhin sehr interessant, wie er, dampfend vor Zorn, mit seinem großen Körper über den Klubsessel gebreitet dalag. Granuella stand noch an der Wand. Nun kam sie herüber: »Ich vermute, daß Du sehr unrecht getan hast,« sagte sie und bemerkte daß sein linkes Auge fast zugefallen war.
Daß seine Tochter, die nunmehr achtzehn Jahre alt war, aus ihrer Anonymität heraustrat, ließ Voß zuerst erstarren. Dann sprang er auf. Wie alle falsch Illuminierten entschloß er sich sofort, alles, was ihm lieb war, in seinem Herzen zu massakrieren und sich völlig zu isolieren. Er dachte damit seine Kühnheit zu verstärken, während er sich kastrierte. Auch konnte er seltsamerweise den Blick der Tochter schwer ertragen, kurz, er brüllte sie plötzlich nach einigem Schwanken wie ein Panther an. Sie wich zurück. Dann sagte sie kalt, sie billige die Ansichten St. Goars.
Der Alte schlug die Hände zusammen. Er vermochte es nicht zu fassen: »Meine Tochter! Meine Tochter!!« . . . rief er dauernd. Granuella sagte nun mit festem Ton: »Ich erwarte, daß du St. Goar sofort deckst. Telephoniere zum Präfekten. Schreibe der Polizei. Lauf zum Gesandten . . . was Du vorziehst.« Sie ereiferte sich.
»Wie . . .,« schluchzte der Alte . . ., »wie -- -- Du sprichst mit Deinem Vater . . . .«
»Ich spreche,« sagte Granuella, »mit einem Freund des Vaterlandes, der einen anderen den Feinden ausgeliefert hat, und ich weiß, was man in diesem Falle zu tun hat.« Sie dachte damit zu sagen, er solle sich entschuldigen und die Sache wieder gut machen. Voß wurde im Übermaß der Erregung völlig ruhig, trotzdem oder wahrscheinlich, weil er den Sinn ihrer letzten Worte falsch als Rebellion verstand: »Ich gebe Dir Gelegenheit, dich nicht zu übereilen,« sagte er und schloß sie ein.
Granuella war in einer furchtbaren Lage. Sie war entschlossen, St. Goar zu befreien, indem sie sich für ihn verwandte. Doch nach der Szene im Salon mußte der Gefangene der Ansicht sein, daß sie wie stets ihres Vaters Mitwisserin sei und seine Handlung billige. Dazu kam, daß Frederik de Voß sie eingesperrt hielt und überhaupt nicht mehr sichtbar ward. Sie mußte fürchten, wenn sie gewaltsam zu fliehen versuchte, auch den Vater durch den Skandal zu belasten und die Sache damit noch weit mehr zu verwickeln.
Nach etwa acht Tagen hörte sie ein Geräusch am Kamin, und als sie sich umdrehte, sagte eine Stimme, sie möge nicht erschrecken. Dann krümmte sich etwas, das zwischen den Paravants herausfiel, sich überschlug und aufschnellte: Romanoff. Sie vermochte ihr Staunen, ja ihr Zittern nicht zu verbergen.
»Ich komme durch den Luftschacht,« sagte er stolz.
»Schweigen Sie,« flüsterte Granuella, und legte den Finger auf die Lippen, »wenn mein Vater Sie erblickt, wäre es aus.«
Der junge Mann lachte leis: »Mit mir? Ich bin unabhängig und denke die Mittel zu kennen, die Ihren Vater fesseln.«
Diese unklar anmaßende Sprache mißfiel Granuella, aber es war einiges an dem Jüngling, was sie anzog. Vor allem bewies er ihr in jeder Bewegung eine Verehrung, die weit das landläufige übertraf. Sie war damals durch die Umstände ihrer Flucht und ihr Leben, ohne daß sie sich überhaupt je besonders geäußert hätte, etwas wie eine kriegerische Heilige für die jungen Schwärmer ihrer Nation. Sie war stets völlig hinter Frederik de Voß zurückgestanden. Man dachte, wenn man sie mit ihrem elastischen, fast federnden Körper und dem beinahe wollüstigen Madonnengesicht sah, an eine blonde Amazone, die den Tod und den Genuß mit einer unendlich süßen Kraft in sich vereinigte. Er schied auf dem gleichen Wege von ihr, auf dem er gekommen war.
Sie hatte ihm ihre Ansicht über St. Goar übermittelt; er erreichte es, bei einer Gegenüberstellung, die er zu einem anderen Zweck herbeiführte, ihn zu sprechen und überbrachte ihr die Nachricht, St. Goar habe nie an ihr gezweifelt. Seine Sache stand nicht gut, da Voß sich wie ein altes Raubtier in diesen Haß verbissen hatte und auf irgendeine geheime Art immer neues Material gegen ihn den Behörden zufließen ließ, die in einer panischen Furcht vor dem Eindringen revolutionärer Subjekte in die Schweiz lebten.
Granuella verabredete, daß sie bei der Lady Douglas interpellieren wolle, die den Schweizer Gesandten in England auf den Fall verweisen könne, und daß St. Goar infolge dieses mächtigen Protektorats frei werde, ohne daß Voß in die Sache hineingezogen werde.
»Er ist mein Vater, den ich wohl verehre,« sagte sie lächelnd, »aber er ist närrisch geworden über die Liebe zum Vaterland, daß er es bald verdirbt.« Romanoff schwieg nach dieser Äußerung betreten. Die ganze Unschuld und Unwissenheit des Mädchens ging ihm mit einer wundervollen Weichheit auf. Doch äußerte er nichts, er ließ sein Auge sprechen. Ihm war wichtiger als das Politische, daß Granuella seine Leidenschaft spürte. Doch hemmte ihn seine Verehrung und er kam nicht weit.
Voß verspielte im Kasino den Rest seines Geldes, während seine Tochter über den Speicher an einem Seil Besuch empfing. Doch war das Glück ihm plötzlich günstiger, er gewann zeitweise, und fand Gelegenheit, schon auf der schiefen Bahn, dennoch seiner fixen Idee mit der Hartnäckigkeit des schon halb gefällten Alters nachzugehen. Als er einmal Romanoff im Vorzimmer sah, schöpfte er, mißtrauisch wie er geworden war, Verdacht. Romanoff mußte nun nachts kommen. Das gab dem Zusammentreffen eine gewisse Heimlichkeit und Intimität. Granuella erwartete mit Herzklopfen den Moment um Mitternacht, wo es dreimal zirpte. Das andere ging mit jeweils neu bestaunter Energie vor sich, fast lautlos.
Diese beiden jungen Leute erglühten an dem Eifer, der ihre Ziele zusammenhielt. Diese Familien, die nur teilweise litauisches Blut in sich trugen, meistens Baltenfamilien entstammten, aber alle litauische Mischungen bis in die letzte Zeit in sich trugen, waren alle von einem unaufhörlichen blonden Haß gegen alles Polnische erfaßt. Diese mittelalterlichen Ritter waren durchaus von der sauberen Heiligkeit ihrer Kreuzzüge überzeugt. Hätte man einen ihrer Führer im Dialekt des zwölften Jahrhunderts angesprochen, er hätte vermutlich ebenso geantwortet. An der Wiege einer jungen Nation wiederholen sich in verkürztem Tempo aber ohne ein Überspringen alle Tugenden, aber auch alle Irrtümer der alten. Die Geschichte der Völker ist eine Kartothek des gleichen Unsinns, der, wo er tragisch wird, eine besondere Größe erreicht. Hinter diesem Glanz rennen die jungen Völker wie Verzauberte her. Die Gelehrten vermöchten von Babylon bis nach Karthago oder jenem Augenblick, wo von Byzanz die Macht an Rom überging, oder wo die Souveränität des Westens nach New York wanderte und die Idee der Völker in Moskau statt in Paris proklamiert ward, ihren Nationen zur Belehrung Beispiele in Haufen vorzuführen. Die Randstaaten, die am Kreisbogen des alten Europa entstanden, hätten eine Welt vor Staunen erstarren lassen, wenn sie den tausendsten Teil eines durchschnittlich klugen Gedankens gehabt hätten, als sie ihr Nest etablierten. Sie zogen es vor, statt die westlichen Demokratien einfach zu kopieren, deren Säuglingsniveau noch einmal darzustellen. An der Wiege neuer oder befreiter Nationen entstehen alle Dummheiten, aber sie werden durchgeführt mit den blendendsten Eigenschaften, deren das menschliche Geschlecht fähig ist. Diese beiden jungen Menschen, die nie über das Reich Gottes und nie über die furchtbaren Probleme der Einzelnen und der Massen nachgedacht hatten, erglühten einfach in schwärmerischer Hingabe an die Idee ihres Staates.
Eines nachts kam er wie außer sich. Er vermochte aus irgendeinem Grunde seine Leidenschaft nicht zurückzuhalten. Granuella fand seinen Kopf in ihrem Schoß. Seine Hände suchten immer über ihre Arme zu streifen. Sie sprang zurück und sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Sie empfand die Liebe, die ihr entgegenschlug, aber sie dachte in diesem Augenblick nicht an Romanoff, sondern an den Herzog von Leuchtenberg, der sie aus dem brennenden Haus geholt.
»Was wollen Sie?« schrie sie, »was wagen Sie?«
Der junge Mann war zerschmettert. Sie suchte ihn aufzurichten, als sie ihn so blaß sah.
»Verzeihen Sie,« meinte er mit zuckenden Lippen, »ich habe Sie nicht beleidigt. Man zwingt mich abzureisen und ich vermag nicht ohne ein Wort der Zuneigung von Ihnen zu gehen. Lieber erschieße ich mich vor Ihrer Tür.«
Das Mädchen war tief gerührt. Sie nahm ihm die Pistole aus der Hand, die er ihr wie gelähmt überließ:
»Ich vermöchte keinen Mann zu lieben, der sich nicht um die Heimat die unausdenkbarsten Verdienste gemacht hätte. Aber ich spüre nichts für Sie, als jene Zärtlichkeit, die ich Ihnen schulde.«
»So lieben Sie einen andern,« schrie Romanoff und schlug die Faust auf die Brust, als wolle er sie zerschmettern. Er dachte an St. Goar und fühlte sich plötzlich schmählich mißbraucht. Granuella war an die Wand getreten und so hinreißend, daß er sich unwillkürlich vor Bewunderung aufrichtete. Sie sagte fast tonlos etwas, das nicht vernommen werden konnte und schüttelte den Kopf.
Er stürzte auf ihre Hand und überströmte sie mit Küssen. Sie forderte ihn auf, zu bleiben und seine Reise aufzuschieben. Er sagte düster, er könne nicht.
»Warum?« Er wandte sich um. Er suchte auszuweichen, etwas zu erfinden. Er fluchte auf sich, daß ihm nichts einfiel und verwirrte sich. Schließlich erfuhr sie, daß sie von St. Goars Geld gelebt hatten, daß Voß durch monatelange Versäumnisse das Vertrauen seiner Kreise eingebüßt habe, daß er sogar gewisse wichtige Akten und Namensverzeichnisse ohne Skrupel aus Rachelust mit St. Goar zusammen hatte verhaften lassen. Romanoff war auf dem Wege, daraus folgernden Schwierigkeiten vorzubeugen. Es traf sie fast tödlich. Sie hatte die Augen lange geschlossen und zitterte am Körper, als hinge sie im Wind. Zuletzt fragte sie mit harten Augen: »Warum habe ich das nicht lange bereits erfahren. Es wäre Ihre Pflicht gewesen, mich aufzuklären. Warum blieben Sie in seiner Gesellschaft?«
»Ihretwegen,« sagte Romanoff und sah sie mit aller leidenschaftlichen Erregung an. »Ich konnte nicht vor Sie treten und sagen: »Frederik de Voß ist ein vom Geld zermorschter Habenichts, ein Verräter und ein gewissenloser Freund der Nation. Gott hilf mir. Ich habe es nun gesagt.«
»Gehen Sie, gehen Sie,« rief sie und schlug mit der Faust in die Hand. »Es ist genug.« Er wollte sich ihr zu Füßen werfen, da wurden sie unterbrochen. Es klopfte, sie öffnete. Ihr Vater trat ein.
Er sah Romanoff mit großen Augen an. Dann wandte er sich an seine Tochter. Er hatte Wind davon, daß sie St. Goar irgendwie stützte und mit dem erbarmungslosen Haß des Greises suchte er ihr diese Betätigung zu zerschlagen. Jedoch nach einigen Sätzen hielt er inne, als schraube ihm jemand die Rede von den Lippen ab. »Gehen Sie,« sagte Granuella zu Romanoff. Der junge Mann kettete sein Auge an sie, bis die Tür sich hinter ihm schloß.
Vater und Tochter sprachen ungefähr eine halbe Stunde miteinander. Es gelang Voß noch einmal zu einem günstigen Resultat zu kommen. Sie beschlossen am Ende des Gesprächs die Wohnung zu verlassen. Voß sah sich plötzlich zwar seiner Autorität beraubt, aber von der Tochter mehr als früher verehrt. Es gelang ihr, ihr Herz dazu zu bringen, seine Fehler zu verzeihen. Infolgedessen gab sie ihm St. Goar preis und versprach, Romanoff nicht mehr zu sehen. Sie glaubte, wie auch als Kind schon, als sie den gewaltigen Mann vor sich weinen sah, wie an das Sakrament von neuem an seine Liebe zum Vaterland. Ihre Herzen einigten sich wieder, unter Tränen lächelnd schätzte Granuella sich glücklich, einen solchen Vater zu haben. Bei all ihrer Weltunkenntnis konnte ihr nicht entgehen, daß Voß überzeugt war von dem, was ihn bewegte. Als sie auf die Straße traten, trafen sie einen Trupp der polnischen Delegation, der, den Fürsten Gagarin in der Mitte, aus einem Konferenzgebäude über den Reitweg herüberkam. Das Gesicht des Fürsten war von Erregung so blaß wie damals, als die Flammen ihres Hauses sein Gesicht beleuchteten. Wie er vorbeiging, mit einer tiefen Verbeugung und aschfahlen Augen, drückten Vater und Tochter sich die Hände. Sie wünschten ihm einen fürchterlichen Tod.