Die Amazone

Part 1

Chapter 13,731 wordsPublic domain

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Die Amazone

Von Kasimir Edschmid

In den Auseinandersetzungskämpfen der östlichen Randstaaten wurde um Weihnacht von den Polen Feuer auf dem Gut des Großbesitzers Voß gelegt. Der alte Voß hatte westfälisches Blut in sich. Der Vater war ein Eingeborener, der bis an die Küste den Forst jagdbar gemacht hatte. Frederik de Voß war ungefähr fünfzig Jahre und unter der früheren Regierung Landschaftsdirektor.

Auf seinem Besitz gründete er die »Pania watja«, von der eine große Bewegung für die nationale Sache ausging. Bei den Abstimmungen in den Grenzgebieten, in denen auch seine Äcker und Scheuern lagen, stand Frederik de Voß mit allen Pferden und Dienern im Sattel vor den Lokalen und hielt die nationale Fahne in der Hand. Neben ihm standen in den Bügeln aufgerichtet seine Kinder, vier Söhne und seine Tochter Granuella. Auf dem Gut verkehrte die gesamte litauische Intelligenz. In Granuella bewegte sich das baltische Blut und sie stand mitten in der Atmosphäre von Haß und Freiheitslust, wie sie litauische Frauen nur schwer aufzubringen vermögen. Um diese Zelt annektierte der polnische Staatsstreich ihr Gebiet mit zwei anderen Grenzprovinzen. Granuella war damals fünfzehn Jahre und vermochte Helden zu entfachen mit dem weißgrauen Blick in dem Madonnengesicht. Das Haus wurde ein Mittelpunktt der Irredenta; einer der Brüder, Roland, reiste mit litauischen Ministern zu einer Konferenz des Völkerbunds, die anderen reizten die etwas stumpfe Bevölkerung gegen die Eroberer auf.

Frederik de Voß, sagte man, vermochte diesen letzten Schlag nie ganz zu verwinden und schwor überall, daß, wenn die europäischen Mächte das polnische Unrecht sanktionierten, er das ganze Terrain in eine Wüste verwandle. Vierzehn Tage nach Abreise der Kommission zum Völkerbund wurden Kisten auf den Hof gebracht. Nachts wurden mit Fackeln Tiere herausgelassen und an Ketten gelegt. Mit eisernen Maulkörben tobten sie in einem zementierten Keller, bis durch einen Unglücksfall eines entwich und in voller Flucht vom Voß-Hof herjagend ein polnisches Kind zerbiß. Daß Voß Wölfe aussetzte, steigerte die Erregung der Bevölkerung jenseits der Grenze.

»Schlangen und Haifische,« sagte Voß, »sollen folgen,« und ritt mit seinen Söhnen quer über das blühende Ackerland, das sie jahrhundertlang angebaut hatten. Er dachte es preiszugeben. Sie ritten die Kanäle hinauf und schauten mit den Pferdeköpfen kaum über den Mais. »Misericordia«, schrie plötzlich eine Figur in einer Priestersoutane und sprang entsetzt in die Höhe. Die Reiter warfen sich mehr, als sie sprangen, von den Pferden auf den Bauch, und der polnische Priester fing mit gebreiteten Armen die Salve von zehn Kugeln auf, welche durch sein Signal die de Voß erledigen sollten. Sie waren in fünf Minuten im Galopp auf dem Hof und ließen die Wölfe hinter den Franktireuren her. Drei warfen sie vor dem Dorf und fraßen die Weichteile heraus. Die Polen, die sich am Abend heranschlichen, zitterten vor Wut. In der Nacht zündeten sie die Scheuern um das Gut herum an.

Vor Granuellas Augen fielen die drei Brüder. Zu Zweien gingen die litauischen Knechte durch den Feuerschein über den Hof durch ein Detachement polnischer Soldaten, die ihre Uniformen nur oberflächlich mit Radmänteln und Säcken, durch die sie Kopflöcher geschnitten hatten, verdeckten. Ihre Blicke waren alle auf einen Mann gerichtet, der einen leicht ergrauten Schnurrbart trug und auf einem Maultier saß und unbeirrt in den Brand schaute.

Er war voll in der blutigen Flammenpracht erleuchtet und setzte sich allen möglichen Schüssen aus. Man sah über sein totenblasses Gesicht die Scheine unaufhörlich hinwehn. Sein Pelz deckte nicht den Säbel seines Regiments, und die Epauletten stießen Beulen in den Mantel über seinen Schultern.

Der junge Oberst ritt nun bis dicht vor das Gebäude, um dessen Holzsäulen das Feuer wie ein Karussel sich drehte und rief ein paar Worte zu dem Balkon hinauf, wo der alte Voß stand. Der hatte keine Kugeln mehr in seinem Gewehr, warf die beiden Pistolen nach dem Polen und rief: »Verdammt will ich sein, Fürst Gagarin, wenn ich davonkomme, so ich nicht die Kanäle morgen bis Warschau übers Land laufen lasse.« Er fing bitter zu lachen an, als gleichzeitig die Flammen sich gegen den Balkon warfen. Er sah den Tod sicher.

Wieder sagte darauf der junge polnische Oberst etwas, das Voß in eine Art Raserei brachte. Er suchte herunterzuspringen, woran ihn Granuella hinderte, die an dem Gitter herangelaufen kam, dem einzigen feuerfreien Platz. Der junge Oberst ward fast wahnsinnig, als er sie sah.

Er ritt so nahe, daß sein Tier sich auf den Hinterbeinen hob, sah fest in die Augen des Mädchens und ritt mit gesenktem Kopf wieder weg, als habe man ihn zwischen die Schultern geschossen. Er liebte das Mädchen wie ein Verrückter, aber wie sollte er sie gewinnen, wo er ihre drei Brüder getötet hatte. Er schalt sich feig, daß er sie nicht gezwungen hatte vor dem Brand sich retten zu lassen, aber es war unmenschlich, in die Flamme zu springen, um jemand herauszuziehen, der lieber starb als ihn ansah. Er watete mit dem Maultier in einen Kanal, ließ sein Detachement mit den gefangenen Litauern, die rekrutiert werden sollten, an sich vorbeiziehen und war nahe daran, sich hinter ihnen eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Nach einer halben Stunde war er wohl wieder bei sich, aber er hatte das Gefühl, keine Frau je wieder ansehen zu können.

Der Brand hatte sich auf alle Scheuern und Schober ausgebreitet. Das Vieh verbrannte unter großem Lärm in den Ställen. Die Schober brannten viel heller und höher, acht Stück, im Kreis um das Herrenhaus, wo man in immer rasenderen Stößen am Zittern des Bodens die Stöße empfand, mit denen die Bullen ihre Steinwände einzurennen versuchten.

Der Platz zwischen den Scheuern und der Mauer, die die Hofsiedelung im Viereck umgab, war hundert Meter weit, der Zwischenraum zwischen den Scheunen und dem Gutshaus zweihundert, und alles war so hell, daß man die Mäuse am Boden herumspringen sah. Das Tor war verrammelt mit Wagen, die übereinandergestürzt in der Einfahrt lagen, und der eiserne Teilflügel des Tors hing riesenhaft, schräg, nur in einer Achse in die Luft und spießte mit seinem Hellebardenabschluß ein Schwein, das von einem turmhohen Furagewagen hineingesprungen war. Plötzlich ritt eine Abteilung eines Litauerregiments über die Äcker und Kanäle heran.

Sie saßen ab, steckten die Köpfe über die Mauer, hoben die Nasen neugierig und sprangen auf einen Befehl hinüber. Der junge Leuchtenberg, der sie führte, kam mit dem Pferd über die Mauer und war der erste auf der Leiter, mit der man Granuella und den Vater rettete. Er trug sie selbst Schritt um Schritt und nicht sehr eilig über den dreihundert Meter taghellen Hof nach dem Kanal hinter der Mauer. Als er sie niederlegte, um sie mit Wasser an den Schläfen zu waschen, ward sie, die immer in seinen Blicke hineingeschaut hatte, ohnmächtig.

Das Detachement suchte die Polen noch zu erreichen. Die hatten die alte Polengrenze bereits überschritten, man kehrte daher auf das umstrittene Gebiet zurück, das dem Recht nach wohl den Litauern, der Macht zufolge den Polen gehörte, das eine Art Freikampfplatz der irregulären Truppen darstellte und um dessen Schicksal seit zwei Jahren in Lausanne beraten ward. Mit gesenkten Karabinern kamen sie zurück.

Voß schwur, als er seine Söhne sah, wie sie nebeneinander lagen, durch und durchgeschossen, mit einer plötzlich weinerlichen Stimme, nicht eher zurückzukehren, bis das Terrain wieder litauisch sei und er in einem schauerlichen Kreuzzug durch Europa an den Polen seine Rache genommen habe. Mit den drei Leichen auf einem Leiterwagen, neben jedem ein Bauer, der ihn umarmt aufrecht hielt, fuhr er über den Dünensand in die Fichtenwälder nach Kowno, Soldaten vor und hinter sich.

Neben dem Wagen Granuellas ritt der junge Herzog von Leuchtenberg eine Weile, salutierte dann und ritt zurück, denn das Mädchen schien immer noch in einer Ohnmacht, obwohl sie sprach und auf Anruf sich bewegte. Ihre Aufmerksamkeit schien völlig in der Feuersbrunst zurück gebannt zu sein und es war seltsam, wie sie mit einer eigenartig zarten Bewegung sich hinderte, den Kopf dahin zu wenden, woher sie kamen. Er beobachtete sie einige Augenblicke, nahm die Mütze von seinem ganz blonden Scheitel, unter dem eine angenehm gebogene Adlernase hervorsprang, pfiff den Rest des Detachements zusammen und sprengte die Grenze lang zurück, während der Trauerzug aus dem Wald ins freie Feld torkelte. Solange man ihn am hellen Himmelsrand sehen konnte, blickte Granuella, stehend, im Wagen ihm nach.

Der alte Voß hielt sich monatelang in Lausanne auf. Er richtete sich umständlich ein, mietete ein altes Hotel und stellte eine Wache davor. Er suchte durch seine Versipptheit mit belgischen Adelsfamilien einen Einfluß auf den Gang der Verhandlungen auszuüben und machte den Aufwand eines Fürsten. Die ständig arbeitenden Bureaus sahen in der Ruhe ihrer Arbeiten dem kleinen Kriegsspiel im Osten nicht ohne Neugier aber ohne jedes Interesse zu. Man erwartete Entscheidungen, die man selbst zu fällen vermied. Man hatte durch Zufall diese Randvölker, deren Namen man früher nicht wußte, befreit und hätte lieber gesehen, daß sie aus dem Erlös ihrer Schweine eine Börse bauten und sich mit Parfum bespritzten, statt daß sie die westlichen Ehrbegriffe mit übertriebener Entzündlichkeit nachmachten. Diese Kriegstüchtigkeit war allerdings ein Rechnungsposten gegen die Macht Lenins und man ehrte sie dadurch, daß man die Sache hinhielt und sich für keinen vorderhand entschied. Da Voß leidenschaftlich seine Sache liebte, langweilte er alle Instanzen zu Tode. Man gab ihm den Rat zu verschwinden. Zu seinem Unheil befolgte er ihn nicht.

Die jungen Attachés, die an seinem Tisch saßen, fingen an, hinter den Servietten ihn zu verspotten. In den Stuben ihrer Sekretäre wurde er vertröstet, wie man jemanden traitiert, der der Ansicht ist, die Welt sei der Gerechtigkeit halber da. Er schadete seiner Sache, weil niemand mehr davon hören wollte. Die Reisenden fanden es imposant, wenn er als Freiheitsheld ihnen gezeigt wurde, wie er mit Granuella am Quai des eaux vives mit seinem mächtigen Körper und dem Blond seiner Rasse herunterkam, aber seine Politik hatte gar keinen Transport.

Da der Alte mit Wagen und Pferden wirtschaftete wie zu Hause, konnte er auf die Dauer die Differenz zwischen der litauischen Mark und dem schweizer Franken nicht aushalten und begab sich nach Paris. Er war halb von Sinnen über die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen. Revenüen aus den Gütern bezog er nicht mehr. Von einem Teil des Barvermögens lebte der letzte Sohn in London als Beirat immer zweckloser sich gestaltender Konferenzen. Man schien plötzlich überhaupt die ganze Frage suspendieren zu wollen und wartete auf einen Zufall, der das Grenzabkommen endgültig von selbst erledigte Für jemanden, dessen Güter während des Krieges sechsmal die Deutschen und fünfmal die Russen erobert und annektiert hatten, war die wirtschaftliche Lage mehr als ein Kartenspiel wert. Plötzlich galt es zu leben. Man hatte alle Energie nötig, den Unterhalt auf der Höhe zu halten. Seither kamen dem Besitzer von hunderttausend Morgen, der eine Provinz beherrschte, Gedanken derart nicht im Traume vor. Mitten in seinen Unternehmungen, die eine fixe Idee der Gerechtigkeit umkreisten, sah er sich mit ungeheuerlicher Energie in die Enge getrieben und fand sich in einer Situation gefangen, die schon fast verzweifelt war, als sie ihm bekannt wurde.

Seine Eitelkeit litt in dieser Nacht erstaunliche Qualen. Man war mittlerweile nach London übergesiedelt. Er stürmte im Salon seiner Hotelwohnung mit sich redend auf und ab, bestellte um drei Uhr Allasch und Tee, durchmaß die Wohnung knurrend in schräger Richtung hin und her. Um vier Uhr stürzte er plötzlich an das Balkonfenster, zog den Vorhang zurück und blieb, die abgerissene Schnur in der Hand, über dem Frühnebel stehen. Schon in der Frühe begab er sich auf die Bank von England mit einem Diener, der zwei große Aktienpakete unterm Arm trug. Er rechnete damit, eine Rente in Pfunden oder Sterling aufzunehmen über einen Teil seiner Besitzungen, die in Rußland lagen. Die englischen Banken übernahmen gern die Besitzrechte zu einundfünfzig Prozent auf ertraglose Werte, um sie bei einer Kursänderung der Arbeiterstaaten gewaltig unter der englischen Flagge auszubeuten. Trotzdem man in London an das baldige Ende Lenins glaubte, hatte man kein Interesse für die von Voß angebotenen Werte. Man empfahl ihm, seine litauischen Güter zu beleihen. Die Herren der Prokura, die ihn empfingen, sollten eine große Szene erleben. Der alte Seigneur riß seinen Kragen vom Hals und sagte, er werde eher Portier der Bank. Darauf wandte er sich um, winkte dem Boten und warf die Tür hinter sich zu. Obwohl die Offerte der Bank verständig war, fühlte er sich tagelang beschimpft. Das Gefühl, den Boden, um dessen politische Freiheit er sich in ihm unerträgliche Prozesse gestürzt hatte, geschäftlich benutzen zu müssen, gab ihm einen Schlag ins Gesicht. Er wankte in seinem ganzen Seelenbezirk. Mit irren Augen sah er die Ereignisse herankommen, die er nicht begriff und die ihn, pfui Teufel, noch weniger zu begreifen schienen. Mit zitternden Händen rückte er seinen Zylinder zurecht, als er Granuella den Mittag bei ihrer Freundin abholte, der Lady Douglas, die, zehn Jahre älter als sie, sie unter ihren Schutz genommen hatte. Die Douglas war eine entfernte Verwandte und hatte ihr Haus und ihre Anmut den Flüchtlingen geöffnet. Voß verschwieg ihr seine Lage. Wenn er von seiner Provinz in Zukunft sprach, hatte er mitten in seinem blondumbarteten Mund eine gewisse Weichheit bei der Artikulation. Im Herzen war er verzweifelt. Natürlich wären viel Hilfsmittel zu seiner Verfügung gewesen, allein durch seine Eigenart verlor er die Freiheit, sich ihrer zu bedienen. Wo es ihm gepaßt hätte, sich Freunden zu eröffnen, war das fragliche Vermögen zu gering. Die Blicke des Hoteldirektors zwangen ihn zu Entscheidungen im Hinblick auf seine lang aufnotierte Rechnung. Von allen Seiten bestürmten ihn nunmehr Schwierigkeiten, denen er nicht gewachsen war mit seiner herrischen Natur und Erziehung. Das englische Pfund begann sich gegen den Dollar stark zu senken, die Gläubiger holten ihre Ausstände ein. Er ging an der Börse ein Baisseengagement auf die polnische Mark ein, die sich besserte und ihn zerschlug.

Man verkaufte sein Auto, seine Pferde. Solange reiste er nach Brüssel und kam zurück, als sei in der Tat nichts geschehen. Auf seinem Tisch lag ein Telegramm seines Sohnes Roland, das nichts über die Verhandlungen enthielt, jedoch Schweizer Franks wünschte. Er konnte nicht helfen. Zum erstenmal im Leben empfand er Heimatlosigkeit. Er fühlte seine Umgebung feindlich und unzugänglich. Als er plötzlich sich an seine Gärten und die flache braungelbe Schonung erinnerte, zerriß ihn fast die Verzweiflung. Mit dröhnenden Schritten stolperte er in die Gassen hinein, die Vorstädte umgaben ihn mit dem Nachtgewölb. Das Elend, die Hilflosigkeit übermannten ihn. Seitdem er den Boden seiner Heimat verlassen, der ihm Sicherheit durch das Leben hindurch gewährleistet hatte, sprangen lauter unglückselige Dinge hinter ihm her. Er bewegte die Arme alle paar Minuten vom Körper weg. Es kam ihm vor, als sei er gefesselt. Er war von einer Hilflosigkeit zerschmettert, die ihn kindisch machte. Er hatte nur noch Gedanken nach Geld. Die Schatten der Vorbeihuschenden türmten sich über ihn, alles drückte ihn zu Boden, was ihm begegnete. Er kam über eine Brücke mit gurgelndem Wasser und sah sich plötzlich in einer bekannten Straße. Mit Erstaunen bemerkte er, daß er nach einigen Schritten sich an der Tür eines Emigrantenklubs befand. Er stieg hinauf, riskierte seine Ehre, indem er auf Wort spielte und gewann die Nacht tausend Pfund und fuhr nächsten Tags nach Paris. Daß er gerettet war, machte ihn glücklich und heiter.

Sie machten die Reise in kleinen Stationen über Antwerpen, Gent, Calais. Er beabsichtigte, für seine Tochter etwas zu tun, die ihm in den letzten Monaten aus dem Gesicht gekommen war. Das Unternehmen dieser Reise war heiter. Er nahm seine Tochter vor Rührung in die Arme, als sie zum erstenmal Buchenwald wieder an das Meer heranrücken sahen. Dahinter flogen Windmühlen und eine Herde Kühe kam ihnen entgegen. Sie waren beide hingerissen. De Voß, mit Tränen in den Augen, begann aus voller Kehle im Auto halbstehend, die nationale Hymne zu singen. Die Ebenen und Wiesen mit den Arbeitenden und dem Vieh hätten ihn fast zum Jüngling gemacht.

In Paris scharte er entschlossen die Jugend seines Randstaats um sich. Da die Verhandlungen in der Schweiz keine Fortschritte machten, verlegte er einige Wochen seinen Wohnsitz wiederum in die Schweiz, ohne indes etwas zu erreichen. Er hatte allerdings die Ehre, daß Lord Chamberlain ihn empfing, der das britische Reich damals vertrat und ein Vetter der Douglas war. Die Unterredung war kurz, aber er vermochte den Diplomaten an die besten Traditionen seines Volkes zu erinnern und sah ihn in einem majestätischen Moment bewegt, als er ihm die geschäftliche Feigheit der europäischen Staaten vorwarf, aber ein furchtbarer Schlag zwang ihn nach Paris zurück. Er vermochte sein Vermögen nicht mehr zu retten.

Er fuhr direkt zur Börse. Der Krach war entgültig und erledigte ihn. Es blieben lediglich einige südafrikanische Shares. Diesmal schien es keine Rettung mehr zu geben. Er wurde tiefsinnig. Er erholte sich wohl auch nie mehr von der Demütigung, die ihn zwang, wieder dem Gelde nachzulaufen. Bei einem Spaziergang in den Tuilerien fiel ihm ein Bankier ein, den ihm Lady Douglas als ihren Vertrauensmann in Geldsachen bezeichnet hatte. Hier griff zum erstenmal die Douglas in das Leben dieser Familie ein, die um ein Lebensrecht kämpfte, das sie seit einem Jahrhundert schon verloren hatte. Er ging zur Avenue Wagram zu Fuß und widerrief seine Absicht bei jedem dritten Schritt. Aber beim vierten entschloß er sich wieder von neuem. Schließlich trat er in das Privatbureau des Präsidenten.

Als dieser eintrat, hatte er sofort solchen Widerwillen gegen den Mann, daß er versuchte, mit einer Ausrede ihn zu verlassen, dann sah er ihn einige Sekunden an von dem schlechten Scheitel bis zu den falsch geknöpften Schuhen. Er nahm seinen Hut ab, verneigte sich und sagte: »Sie sehen in mir einen Mann, der sein Vaterland über alles liebte und der vernichtet ist.«

»Bedecken Sie sich,« sagte der andere, der einen kleinen Sprachfehler hatte, »ich will sie retten.« Der Mann hielt ihn trotz seiner imposanten Ausgaben drei Monate über Wasser, bis die Baisse nachließ und die Kurse der Unternehmungen, an denen er ihn gegen gute Prozente beteiligt hatte, wie die Affen kletterten. »Mein verehrter Baron,« sagte der Bankier, »Sie sind saniert und ich hatte das Vergnügen dabei, einer verehrten Frau eine Gefälligkeit erweisen zu dürfen. Jetzt kehren Sie auf Ihre Besitzungen zurück.«

Darauf nahm Voß den Hut mit einer feierlichen Bewegung, als ob er etwas in tiefster Ehrerbietung heimlich grüße, bekam einen Kopf wie ein Schlagflüssiger und verließ ohne Dankeswort den Sprecher. Er schüttelte die Faust über diesen Zeloten. Er gewann seinen ganzen Stolz zurück. Es war prächtig, wie er damit sich selbst zurückgewann und mit sich prunkte. Einen Teil seines Gewinns sandte er in aufsehenerregender Weise an Roland de Voß nach Lausanne und eiferte ihn an, aufs heftigste tätig zu sein. Einige Wochen ging es ausgezeichnet.

Die Fürstin Trobetzkoi kam aus Nizza zu Besuch. Das Haupt der von ihm gegründeten Pania Watja, der jüngere St. Goar, ein Vetter der Fürstin, die den letzten polnischen Marschall auf der Promenade zur Rede gestellt hatte, traf ein. Noch einmal flatterten die kleinen Litauerfahnen an seinem Wagen mit der aufsehenmachenden Silberfaust zwischen den drei roten Kugeln. Auf den Wunsch St. Goars fuhren sie ans Meer. Sie standen am Vormittag lang auf der Düne und sahen in den starken Wind. Es war ein angenehmer Tag. In der Nacht tappte Voß an seinen Safe, der in einen suite-case eingebaut war. Er fand nichts mehr darin, Die Hände fingen ihm an zu zittern. Man war wieder am Ende. Von nun ab trug er das eine Auge etwas geschlossen.

In der Frühe beeilte er sich zu Granuella hinüberzugehen. Die war erstaunt, daß er ohne sich anzumelden, kam, weil das noch nie geschehen war, solang sie denken konnte. Selbst als ganz kleines Kind wurde sie jeweils erst von einem Mädchen auf seinen Besuch aufmerksam gemacht. Sie bemerkte, daß er eine graue Haut hatte. Daraufhin richtete sie sich auf. Im Zimmer flogen aus drei hängenden Käfigen Kanarienvögel hin und her und sangen. Die Zofe hatte die aufgewellten Cremegardinen halb hochgezogen und eilte hinaus.

»Packe alles,« sagte er und sah sie mit aufgerissenen Lidern an. »Wir werden uns in Zukunft einzuschränken haben. Entlasse das Personal. Ich werde gehen, eine unseren Verhältnissen angemessene Wohnung zu finden.«

»Wie,« sagte Granuella, »wir müssen anfangen zu verzichten? O, wie danke ich Dir, daß wir endlich dazu bereit sind.«

Voß war es in diesem Augenblick, als müsse er sterben. Denn er sah zum erstenmal seine Tochter so. Er hatte gedacht, daß sie toben würde. Diese Hingabe rührte ihn derart, daß er sich aus Schwäche auf ihren Bettrand setzen mußte, und immer wieder ihre Hand nahm und sie an sein Herz preßte. Er war restlos besiegt und erschüttert und küßte ihre Haare.

Als er allein war, machte das ihn unsicher. Er wollte seine Tochter das Opfer in Wirklichkeit nicht erleben lassen. Wie er in den Spiegel sah und dachte, daß er alle die Monate und Jahre an seiner Tochter vorbeigelebt hatte, brach er sogar in Tränen aus. Um Geld herbeizuschaffen, lief er zu dem Bankier, erreichte aber nichts, da er verreist war. Er suchte ihn gegen Abend noch einmal auf. Er hatte wieder keinen Erfolg, trotzdem dachte er nur daran, Granuella das seitherige Leben fortführen zu lassen. Als Granuella den Zurückkehrenden gedrückt sah, durchschaute sie alles, überraschte ihn mit fertigen Tatsachen, das Personal war entlassen, das Etablissement gekündigt, manches zum Verkauf ausgeschrieben und das meiste schon gepackt. Am nächsten Mittag zogen sie in eine kleine Wohnung am Friedhof Pair La Chaise.

Eine Weile lebten sie, daß es Granuella später vorkam, es sei die beste Zeit gewesen in ihrem Leben. Wenn Voß die Treppe herunterkam, sprang jedesmal der Concièrge aus seiner Loge und schlug mit dem Holzbein an den Schellenbaum, den er bei Verdun getragen. Voß pflegte kurz zu grüßen. Trotzdem war der Mann über die Frische begeistert, die da die Treppe herunterkam, und hinter der er einen General vermutete. Sein Herz schlug höher, er salutierte noch hinter ihm her, manchmal verfolgte er ihn mit seiner Krücke ein Stück auf der Straße und rief hinter ihm her: »So sehen Sie doch, mein Herr, wie frisch die Bäume sind. Es muß einen neuen Krieg geben, sapristi . . .« Er blies sogar in die Hände über diesen Mieter und drehte sich vor Vergnügen im Kreis, wenn man ihn nicht sah.

Es war für Vater und Tochter eine entzückende Sache sich einzuschränken, weil sie es nicht gewohnt waren. Man machte Entdeckungen. Es war mehr eine Robinsonade und ein unterhaltendes Spiel als die Not. Was war das für ein Leben ohne Telephon und Diener. St. Goars Blicke wurden bei diesem Anblick der rührenden Sparsamkeit glücklich. Man gründete die Pania watja mit neuen Formeln, ein Strom von Belebung ging von beiden aus. Zu ihrem Glück setzten die polnischen Studenten-Manipel durch, daß die Pania watja aufgelöst werden mußte. Sie bestand unter anderem Namen verstärkt fort.