Die altindische Säule: Ein Beitrag zur Säulenkunde

Part 4

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Das Hauptgebiet des Grottenbaues ist vorzüglichen Materials zufolge der Gebirgszug der Westghats. Bevor aber eine anschließende Stufenreihe altindischer Pfeilerentwicklung dorthin führt, sei als Einleitung das älteste und einfachste Beispiel des vielgenannten Lomas Rishi-Kellers (Abb. 29) im Norden von Gayá erwähnt. Bei der Entstehungszeit dieser Grotte um die Mitte des 3. Jahrhunderts v. C. bietet ihr unmittelbares Konstruktionsnachbild von Holz in Stein den ersten Beleg für die bisher vertretene Theorie des Ursprunges raumbildender Steinarchitektur. Die Arbeit in Granit macht es erklärlich, warum der Hindu, welcher soeben noch in bildsamem Holze entwarf, an dem Pfeiler ohne jede schmückende Beigabe lediglich die Funktion im Aufbausysteme zum Ausdruck bringt. Im Zusammenhange mit der Gesamtkonstruktion zeigt die Stütze insofern Holzbaugepräge, als ein schlichtes Kantholz oben einwärts geneigt ist, um den Biegungskräften des eselsrückenförmigen Daches vorteilhaft zu begegnen. -- Wenige Jahrzehnte späteren Alters, weist die Grotte von Bhaja (Abb. 30) ähnliche Technik auf. Auch hier einwärtshängend und noch ohne jede Gliederung nach den Grundregeln einer Säule, erscheint die achteckige Stütze lediglich als ein Teil des nackten Gerüstes. Einige Ornamentstücke waren bezeichnenderweise aus Holz angesetzt.

Es kann ja keineswegs in dem Rahmen dieses Essays liegen, eine beträchtliche Zahl altindischer Pfeilerbildungen beizubringen, die des Einzelstudiums harren, sondern nur ein Abriß ihres Werdeganges soll versucht werden. Besondere Gründe aber sprechen dafür, ein ungefähr gleichaltriges Gegenstück zur letzten Stütze nicht zu übergehen. Einmal mag der Ganesá Kumbha genannte Kellertempel von Cuttack (Abb. 31) ein Beispiel der beginnenden Pfeilerentwicklung im äußersten Osten bilden, dann aber trägt dieser Typus, im Gegensatz zu der Absteifung einer hochgestelzten Dachkurve zu Bhaja, horizontalen Deckenabschluß. Die daraus entspringenden Unterschiede treten deutlich hervor. Während dort der Pfeiler mehr als Glied des gesamten Konstruktionsgerüstes betrachtet erschien, neigt sich ihm zu Cuttack der Schwerpunkt der Durchbildung zu. Ein unbewußtes Gefühl für logische Trennung der Säule in Basis, Schaft und Kapitell scheint schon in dem Ganzen zu schlummern, doch lebte eben das unverkennbare Vorbild des Baumstammes noch zu sehr in dem Formensinn des Künstlers, als daß ein klares Aussprechen solcher Gliederung möglich gewesen wäre. Durch einbiegenden Kurvenanlauf ist das Gepräge sicherer Standfestigkeit erreicht, -- eine Beobachtung wiederum, die wohl unmittelbar dem Wurzelansatze des Baumes entstammt. Erst in der Hälfte des Vierkantpfostens setzt Dekoration mit der Eckfasung an, die in drei Viertel Pfeilerhöhe zu quadratischem Querschnitt zurückführt. Senkrechte Stellung ist von der Stütze gerader Decke des Holzbaues beibehalten. Durch Ornament und Kurvenführung in Holzcharakter einstimmend, stellt die Kopfstrebe als Ganzes einen merkwürdigen Anhalt an solches Vorbild dar, weil sie als Steinkonstruktion logischer Berechtigung entbehrt. Seltsamer berührt es zudem, daß der Architekt damit nicht den Architrav, sondern die darüber lagernde Decke selbst zu stützen sucht. Soll man annehmen, ein gedankenloses Nachbilden habe derartigen Lapsus unterlaufen lassen? Wahrscheinlicher wohl stellt der Architrav den Unterzug einer der Pfeileranordnung entsprechenden Balkenlage vor, die von bewußten Kopfbändern verstrebt wurde. -- Dieselben Glieder sind wiederum als Vorläufer gewisser dem mittelalterlichen Bauschaffen eigener Gebilde zu betrachten, die am Schafte ansetzend in der Mitte eines Joches einander gegen die Decke versteifen, während die Säule selbst als eigentliche Stütze des Architraves weiter emporsteigt. --

Nach den Erstlingswerken steinerner Raumbildung setzt nun merkbar die architektonische Begabung des indischen Volksgeistes ein, der nach Adamy[13] »fähig gewesen wäre, das Vollendetste zu schaffen, seine Phantasie aber nicht losreißen konnte aus den Fesseln, in die der erschlaffende Reichtum einer allzugütigen Natur ihn geschlagen«. Ein halbes Jahrhundert kaum trennt die Grotten zu Bhaja und Cuttack von der zu Bedsá, doch welcher Unterschied! Die Bahn ist eingeschlagen, auf welcher die altindische Kunst Schritt vor Schritt vordringt zu eigener Steinformensprache. Mag ein Säulenkapitell der Vorhalle (Abb. 32) als Architekturtypus dieses Kellertempels gelten. Unverkennbar liegt eine Umbildungsphase des Lát in die tragende Säule vor. Ein frischer, selbstschöpferischer Zug aber durchweht die alten Formen. So stellt sich die Vermittlung von Glockenrund und viereckiger Deckplatte zwar noch als das übliche Wulstglied dar, doch wird dieses in wohlerwogener Absicht von einem den Abakusecken entsprechend gerichteten Rahmengestell umgrenzt. Die kleinen, schlichten Vierkantpfosten verkörpern dabei eine geschickte Ecklösung, welche sich günstig in die perspektive Kapitellwirkung einfügt. Konstruktiv wie ästhetisch einwandsfrei ist der frühere einfache Abakus der Ediktsäule als Unterlage des lastenden Architraves in eine Folge von vier einander überkragenden Platten verwandelt. Dagegen erscheinen die darüber lagernden Reiterskulpturen ohne Kritik ihrer konstruktiven Urbedeutung von dem Stambha übertragen. Obgleich der zu Grunde liegende Sattelholzgedanke des persischen Vorbildes dem altindischen Holzbaue ebenfalls geläufig war, ist er an dieser Plastik dem Künstler -- seltsam, aber unleugbar -- nicht zur Erkenntnis gekommen. Darauf läßt die Anordnung der Tierleiber, welche seitlich des Architraves und in halber Überschneidung vorgenommen ist, schließen. Ein zweckmäßiges Hineinkomponieren solcher Skulptur in die Masse eines Sattelstückes ist nicht denkbar. Unbewußterweise hat somit eine Rückkehr des rein dekorativ an dem Lát weitergeführten Motives zu seiner konstruktiven Entstehungsstelle stattgefunden, und auch dort wird ihm erst allmählich wieder die Rolle einer vermittelnden Architravunterlage beigelegt. Ob dabei die mehr und mehr geschlossene Anlage der Figuren einem vorteilhaften Herausholen aus dem Steinblocke, engerer Beziehung zum Holzurbilde oder auch dem Zusammenwirken dieser beiden Möglichkeiten zuzuschreiben ist, mag bis zu späterer Untersuchung dahingestellt bleiben. --

Die Vorhallensäule steigt regelgemäß als Träger gerader Decke lotrecht auf. Wie aber verhält sich das wachsende Verständnis im Steinbaue gegenüber den einwärts neigenden Stützen des gekurvten Daches? -- Konstruktiv berechtigt strebten diese Steifen dem seitlichen Ausdrücken der Holzrippen entgegen, doch in Stein umgesetzt beansprucht die hochgestelzte Eselsrückendeckung den Pfeiler lediglich auf Vertikaldruck. Eine interessante Erscheinung ist es nun, wie der Architekt immer geringere Säulenneigung annimmt, je logischer er im neuen Materiale urteilen und konstruieren lernt.

Zur vollen Reife kommt diese statische Erkenntnis im Keller zu Kárli, wo genau senkrechte Säulenstellung eintritt. Mit dem Werke, dessen Beginn 78 v. C. fällt, ist ein Hochstand des altindischen Grottenbaues erreicht, wie er durch bisherige Funde nicht übertroffen worden ist. Frei und reizvoll entfaltet sich hier die Dekoration, und doch wieder ordnet sie sich zu rechtem Grade dem konstruktiven Organismus unter, welcher die Holzbaumängel der monolithen Vorläufer meidet. In dem gedämpften Lichte der Grotte erwecken wuchtige, enggesetzte Stützen mit reichem Kopfschmucke nach Schilderung Fergussons[14] wie andrer Augenzeugen[15] eine selten erhabene Stimmung. Der Pfeilerabstand, welcher der längsten Basisseite gleichkommt, bildet, gegenüber den beträchtlich größeren Säulenweiten der am Holzbausysteme hängenden früheren Beispiele, einen neuen Beleg dafür, daß der Architekt nunmehr im freikonstruktiven Bauschaffen das neue Material wesensgerecht zu verwenden weiß. Auf den ersten Blick fesselt der Pfeiler (Abb. 33) durch die Sicherheit der Proportion, welche sich hauptsächlich in der klaren Scheidung von Basis, Schaft und Kapitell sowie dem kraftvollen, doch keineswegs schwerfälligen Gesamtcharakter offenbart, und verdient so als hochwichtige Entwicklungsstufe der altindischen Stütze gerechte Würdigung. -- Vom Boden bis zur Scheitelhöhe der Reiter erreicht die Säule 5,70 m. Der Architekt hat den Druck des Pfeilers als eines Trägers gewaltiger Last durch vermittelnde, abgetreppte Unterlagsplatten gleichmäßig auf größere Grundfläche verteilt. Mit dieser konstruktiv-praktischen Logik ist zugleich der ästhetische Zweck eines Überganges aus der Erdgleiche zu der straffen Vertikaltendenz des Schaftes erfüllt. Nun aber setzt unmittelbar über den Platten ein vasenförmiges Glied an, das in klassischer Kunst kein Gegenstück hat und darum unserem Formengefühle seltsam erscheinen mag. Woher dieses eigenartige Gebilde? -- Die Analogie solcher Form in assyrisch-persischer Architektur dürfte ein Wegzeichen zur rechten Deutung bieten. Ein vergleichender Blick auf die Basis der Grottensäule von Iskelib (Abb. 34) beispielsweise ersieht dieselbe Grundgestaltung, deren Ursprungserklärung in der Kürze darzulegen versucht sei. -- Die südliche Regenzeit bewirkte Fäulnis am Fuße der alten Holzsäule, deshalb wurde der Stamm durch eine Unterlagsplatte von Stein oder Bronze über den Boden erhoben. Um dabei die Zapfen- oder Einlaßöffnung gegen eindringendes Wasser zu schützen, umwickelte man die kritische Stelle anfangs mit Binsenseilen, daher in der alten Architektur des Orients oft ein oder mehrere Ringe als Basis. Fortgeschrittenere Technik aber hüllte den Pfostenfuß in einen Metallschuh, wie dies heute noch in Japan gebräuchlich. Dieser Schutz mag dem auf unsere Zeit überkommenen Türzapfen von Balawat (Abb. 35) geähnelt haben, nur wird die bronzene Hülle festen Standes wegen nicht spitz in den Unterbau eingelassen worden sein. Die rein formale Nachbildung des Schuhes in Stein hat nun die vasenförmige Basis ergeben, wobei aber unentschieden bleiben muß, ob dieser Grundbegriff auch dem indischen Holzbaue geläufig war, oder ob lediglich die Steinform aus persischer Kunst übernommen wurde. -- Auf derartigem Basisgliede also erhebt sich zu Kárli ein achteckiger Schaft, dessen Diameter etwa ein Sechstel der Pfeilerhöhe bis Oberkante Abakus beträgt. Während an zeitlich kurz vorausgehenden Kapitellen die Querschnittsfigur des Schaftes ohne weiteres auf die Glocke übergeführt ist, vielleicht da als letzter Rest an die ehemaligen Einzelblätter erinnernd, steht hier eine eigenartige, belebende Kannelur in ansprechenderem Einklang mit dem polygonalen Schafte. Nach Art des Beispieles von Bedsá hat die elegante Überleitung der Glocke zu den vier Deckplattengliedern statt. Als krönender Schmuck des Abakus tragen zwei kniende Elefanten, gleich trefflich in Anlage wie Ausführung, je zwei verschlungene Gestalten. Die Komposition der Skulptur ist sichtlich aus einem vorstehenden Stück des Blockes entwickelt, der als Unterlage des Architraves dient, doch wird der Gedanke an bewußten Sattelholzursprung durch die Anordnung rechtwinklig zum Architrave hinfällig. --

Wenn das nächste Beispiel (Abb. 36) dem gegen die Grotte von Kárli stark abfallenden Nahapana-Keller zu Nassick, dessen Alter um das Ende des 1. Jahrhunderts n. C. einzuschätzen ist, entnommen wird, so geschieht dies außer unter dem allgemeinen Gesichtspunkte, eine fortlaufende zeitliche Reihe zu verfolgen, besonders als Stichprobe der ferneren Skulpturanlage auf dem Abakus. Es ordnen sich die geschlossen behandelten Höckerochsen als interessante Gruppierungsvariante in die Richtung des zwischengeschobenen Architraves, was deutlich erkennen läßt, daß hierbei höchstens der Gedanke einer gabelförmigen Sicherung gegen seitliches Verschieben, keineswegs aber einer Untersattelung zu Grunde liegen kann. Die schematisch-rohe Technik des Pfeilers hält in der Folge der Säulengebilde lange hinaus an. So trägt noch die Stütze der Gautamiputra-Grotte zu Nassick (Abb. 37) aus dem Anfange des 4. Jahrhunderts dasselbe Gesamtgepräge zur Schau. Diese Zeit des Verfalles bildet in der Architekturgeschichte Altindiens einen bedeutungsvollen Abschnitt. Es zeigt das Stocken der Ausbildung ererbten Formenschemas, daß der Künstler solch begrenztem Gebiete keinen Reiz mehr abzugewinnen vermochte. Sein Schaffensdrang brauchte und suchte neue Anregung, um vollkundig des Steincharakters Originelles hervorzubringen. So deckt sich diese Episode altindischer Kunst mit der häufigen und wohlerklärlichen Erscheinung, daß aus einer Brachzeit desto kräftigere Blüte entspringt.

Gegen Ende der Zeit zwischen der Entstehung beider Pfeiler keimt das neue Leben auf, wofür gerade an der Gautamiputra-Säule interessante Anzeichen nachzuweisen sind. Zwei Momente erscheinen hier, welche in der Folge rasch hervorragende Bedeutung erlangen. Einmal das Band um die Einkurvung der Glocke. Am vorliegenden Typus zwar entstehen dadurch Teilglieder, wie sie der Engländer drastisch als »pudding forms« zu bezeichnen pflegt, doch stellt ja allein schon der bestimmte Hinweis auf eine Stelle, wovon neue Formengebung des Kapitelles ihren Ausgang nehmen konnte und sollte, einen Markstein der Säulenentwicklung dar. -- Als andrer Punkt nimmt die Abakuskrönung mit dem Beispiel der Gautamiputra-Grotte wirklich tragendes Gepräge an, indem sich die von dem Lát her bekannte, zentral nach den Deckplattenecken gerichtete Löwengruppe dem Architrave unterlagert. Man könnte billig zweifeln, ob der Architekt wohl mit klarer Absicht solch organische Verwendung gewählt habe, wenn nicht gleichzeitige und unmittelbar folgende Bildungen ähnlicher Art denselben Grundbegriff aufwiesen. Tatsächlich ist der Urzweck dieser Skulptur nunmehr neu entdeckt. Damit soll nicht gesagt sein, daß etwa im Steinbau eine allmähliche Rückentwicklung der rein dekorativ auf die Stütze übernommenen Plastik zum ursprünglichen Sattelholzgedanken stattgefunden habe, welcher gerade um diese Zeit durch die Halbinsel allgemeine Aufnahme zu finden beginnt. Eher mag umgekehrt dieses unmittelbare Nachbilden der heimischen Holzkonstruktion zur sinngemäßen Erkenntnis der Skulptur gewichtig beigewirkt haben.

Denn zum Hauptteile erweist sich der Holzbau Altindiens als Quickborn der Neugestaltung, die an den nächsten Beispielen das archaïstisch erstarrte Traditionsschema der Säule durchbricht. Grundzüge derselben Herkunft hatten im Vereine mit indopersischer Látformensprache die altindische Stütze als ausgesprochenen Typus erstehen lassen; jetzt wieder knüpft ein frischer Aufschwung der Säulenentwicklung engere Beziehungen zu diesem heimischen Kunstzweige an, im eigenartigen Umschaffen früherer wie Übernehmen neuer Motive. Als kennzeichnendste Neuform aber des Pfeilerbildes tritt eben das Sattelholz -- oder, wenn man will, das Kragsteinglied -- heraus, dessen Geschichte ein kurzer Überblick verfolgen mag.

Bekanntlich stellt das untergelegte Balkenstück ein zentralasiatisches Urmotiv dar, das sich nach Dieulafoy[16] an Blockbauten von Ghilan und Mazendéran (Abb. 38) bis zur Gegenwart erhalten hat. Als Beleg dafür, daß diese Konstruktion auch dem altindischen Holzbaue eigen war, mag ein interessantes Steinzaunrelief von Bhárhut aus der Mitte des 3. Jahrhunderts v. C. dienen (Abb. 38). Auf Steinbau überführt, bewahrt sich das Sattelholz als Kragsteinanlage, welche die freitragende Länge des Architraves verkürzt, konstruktive Berechtigung. Aus diesem Grunde hat es an frühesten, rein konstruktiv behandelten Granitbauten der Hindus Verwendung gefunden. Der sogenannte »große Kachahri« in Dhamnár (Abb. 39), um hierzu nur ein Beispiel unter mehreren herauszugreifen, zeigt auf dem schlichten Vierkantpfeiler allein das Kragsteinkapitell. Etwa vom 3. Jahrhundert n. C. ab prägte eine umfassende Verbreitung dieses Motiv allmählich zu einem Hauptzuge der stützenden Säule aus. Kaum absehbar erscheint der Wechsel der Durchbildung, welche das Glied dann insgesamt erfahren hat. Naturgemäß mußte der Kragstein stets unmittelbar unter dem Architrav bleiben, ganz unabhängig von Anlage und Ausgestaltung des eigentlichen Kapitelles. Vorerst folgt die Auskragung in ihrer Aufgabe, die Durchbruchsgefahr des Steinbalkens zu verringern, lediglich dessen Richtung. Hat die einer Überblattung zweier Hölzer entsprechende Architravkreuzung statt, so werden vier Kragstücke erforderlich. Mit der Zeit aber findet diese Form teilweise zu rein dekorativen Zwecken Verwendung. Endlich begnügt man sich auch mit der Vierzahl nicht mehr, wie ja eine Regel des altindischen Architekturlehrbuches von Mánará[17] besagt, daß die Kragsteinanlage aus ein bis acht Strahlen bestehen kann, je nachdem Konstruktion oder Dekoration es beanspruchen. -- Nach Einschaltung dieses Überblickes mag nun dem Kragsteinmotiv weitere Würdigung in der fortgeführten Beispielreihe altindischer Pfeilerentwicklung zu teil werden.

Nassick, dessen Säulen jene Periode des Niederganges vertraten, mag zu interessantem Vergleiche auch ein Beispiel der neuen Strömung beibringen. Der Yádnya Srí-Vihára, dem die Stütze (Abb. 40) entnommen, ist gegen Anfang des 5. Jahrhunderts einzuschätzen. Entschieden weist dieses Pfeilergepräge auf enges Anlehnen an ein Holzvorbild hin, sowohl mit dem konstruktiv klar entwickelten Sattelholzmotive als mit der schnitzartigen Gesamtbehandlung des Schaftes. Aus der Flacharbeit sind die pflanzlichen Ecküberhänge hervorzuheben, da sie einen der beiden Haupttypen fernerer Kapitellbildung andeuten, wie sie in den nächsten Abschnitten erläutert werden.

Hier aber sei weiter dem unmittelbaren Einflusse nachgegangen, welchen das Rückgreifen auf den Holzbau bewirkt hat. Mit Eifer und Geschick überträgt der Hindu eine gefällige Grazie wechselnden polygonalen Querschnittes, die durch reizvolles Ornamentspiel erhöht wird, auf den Steinpfeiler. Ein feinzügelndes Gefühl hält bei dieser Gliederung die schmückende Phantasie noch im rechten Geleise, so daß der Organismus des Gesamtgebildes klar den dekorativen Reichtum durchleuchtet. Aus den künstlerisch hochbewerteten Grotten Nr. 16 und 17 zu Ajunta, die aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts stammen, sind hierzu zwei Beispiele herausgegriffen.

Auf einer Plinthe, die dem Architrave parallel führt, setzt mit leichtem Anlaufe der kraftvolle Pfeiler des Vihára 16 (Abb. 41) an. Durch Fasung geht die Vierkantform zum Achteck und dieses dann zum Sechzehneck über. Nach kreisförmigem Bande nimmt der Schaft wieder Achtecksquerschnitt an, um endlich in quadratischer Platte seinen Abschluß zu finden. In abgeklärter Eleganz ladet darüber das Kragsteinglied der Architravrichtung folgend aus. -- Grundzügige Ähnlichkeit und gleichen Hochstand zeigt das Beispiel aus dem Vihára 17 (Abb. 42) -- und doch wieder eine verschiedenartige Lösung desselben Vorwurfes! Nach der Abfasung ins Achteck nimmt der Pfeiler in beiläufig ein Drittel Höhe unter Vermittlung typischer Halbmedaillons sechzehnteilige Kannelur an, und das gleiche Ornament führt hiervon unmittelbar in quadratischen Schaftquerschnitt zurück. Die Kreuzanlage des Kragsteinkapitelles setzt sich aus zwei tragenden Figürchen in hockender Stellung und einer Achse ähnlich der am Bruderpfeiler von Vihára 16 zusammen. Die Decke bietet übrigens ein interessantes Nachbild altindischer Holzkonstruktion, wie sie auf der Halbinsel heute noch gebräuchlich.[18]

Die beiden Pfeiler können und sollen nur als Stichproben des Säulengepräges in den Ajuntagrotten gelten, wo ja jedes andere Beispiel für sich abgeschlossen behandelt ist. Mag Fergussons[19] Urteil als das eines Augenzeugen und bedeutendsten Kenners altindischer Architektur angeführt sein, dieser stets wechselnden Formengebung gerecht zu werden. Es besagt über Ajunta: »The pillars in these caves are almost indefinitely varied, generally in pairs, but no pillars in any one cave are at all like those in any other. In each cave, however, there is a general harmony of design and of form, which prevents their variety from being unpleasing. The effect on the contrary is singularly harmonious and satisfactory.«

Unwillkürlich schweift bei dieser Schilderung ein vergleichender Blick hinüber zu den europäischen Säulenbauten des Altertums. Jene abgeklärte Vollendung der klassischen Ordnung, die an ihr jeweiliges, bis ins kleinste erwogenes Gesetz der Verhältnisse gebunden, mangelt den altindischen Monumenten, wenn auch ein Kernsystem des Pfeilers als Leitmotiv alle seine Spielarten durchklingt. Doch, Hand aufs Herz, ob nicht ein Hauch der Eintönigkeit manche Werke der Antike umweht? -- Gerade das unendlich wechselreiche Detail altindischer Säulenarchitektur wird demgegenüber immer aufs neue intime, eigenartige Reize offenbaren, immer aufs neue zu fesseln wissen.

Kapitel 5.

Das Polsterkapitell.

Die gleiche frische Kunstströmung, welche so erfolgreich altindische Holzformensprache verarbeitete, durchbrach das erstarrte Glockenschema des ausschlaggebenden Säulengliedes. Wie am Beispiel des Gautamiputra-Kellers gestreift, entsprang jetzt aus dem altpersischen Motive, das seit 250 v. C. kaum von der Grundgestalt losgekommen war, nach wenigen befreienden Änderungen eine lebendige Entwicklung. Der Impuls solchen Aufschwunges wird in den Zentralprovinzen gegen Anfang des 3. Jahrhunderts n. C. merkbar, erst seit 400 etwa gewinnen aber neue Kapitellformen eine allgemeinere Verbreitung über die Halbinsel. Mannigfache Spielarten treten auf, doch tauchen sie zumeist in den pfadlosen Dschungeln indischer Ornamentik bald wieder unter, oder sie gelangen erst im Mittelalter zu wirklicher Bedeutung wie beispielsweise eine dem ägyptischen Palmenkapitell ähnliche Gestalt. Es ist schwer, einen geraden Richtweg durch diesen anfangs fast systemlos scheinenden Wechsel von Kapitelltypen zu finden, denn nicht Aufgabe dieser bescheidenen Abhandlung kann es sein, die Nebenzweige zu berücksichtigen. Manch schönes und interessantes Kapitell Altindiens wird darum hier vielleicht vergebens gesucht. Ich bitte diesbezüglich um Nachsicht und Verzeihung, doch halte ich nichtsdestoweniger an der Hoffnung fest, in rechter Weise eine Skizze der Hauptlinien des Kapitellstammbaumes zu entwerfen. Nur eine verhältnismäßig geringe Zahl sich aufeinander aufbauender Phasen ist herausgegriffen, -- nicht immer die schönsten, doch möglichst kennzeichnende und lehrreiche Beispiele. An dem beschränkten Illustrationsmateriale aber sollen dafür Einzel- wie Gesamtanlage, Vorzüge wie Nachteile der jeweiligen Entwicklungsstufe eingehender kritisiert werden, als dies bei großer Kapitellzahl angängig wäre.

Zwei Haupttypen überragen am Stammbaume neuen Kapitellgepräges weit alle anderen Verästelungen -- das Polster- und das Vasenmotiv. Und als bedeutsamere Form dieser beiden wieder muß die Vase mit Eckgerank unter dem Abakus gelten, welche durch das ganze Mittelalter noch gewichtigen Einfluß behauptet. Wie das nächste Kapitel im besonderen ausführen wird, gibt diese eigenartige Neuschöpfung auf ihrem Werdegange die Umrißkurve der alten Glocke auf. Der Paralleltypus hingegen bewahrt bis zu seinem Erlöschen am Ausgange des Altertums immerhin engeren Anschluß an solche Linienführung. Aber auch hierbei liegt ein völlig bedeutungsneues Motiv zu Grunde, dem vorliegender Abschnitt über das Polsterkapitell gewidmet sei.