Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald
Part 8
»Zwei Adler fliegen aus dem Wendenland. Einer kommt zurück und baut sein Nest. Einer stürzt in den Lóbjofluß«[25].
»Was meinst du damit?« fragte Samo überrascht.
Die Alte antwortete mit einem Spruch:
»Wem Gott wohl will, Dem kommt's im Schlafe; Wem Gott nicht wohl will, Dem fällt's vom Löffel.«
Samo blieb stehen und sah der Alten scharf ins Gesicht.
»Ich glaube, daß ich dich verstehe. Aber ich weiß nicht, ob ich dir trauen darf.«
»So erlaube mir der junge Herr, daß ich ihm die Karten lege. Ich werde dann in seine Seele sehen und er in meine.«
Samo sah sich um. Es war niemand in der Nähe. Er setzte sich also auf einen Rand des tiefen Feldweges und wies mit stummer Gebärde der Alten ihren Platz gegenüber an. Sie zog ein Päckchen schmutziger Karten, auf die allerhand mystische und allegorische Bilder gezeichnet waren, aus der Tasche, mischte sie und ließ Samo abheben. Er tat es und wischte sich gleich darauf die Hand am Grase ab.
Die Alte breitete die Karten vor sich auf den Wegrand, kniete davor, fuhr mit dem Finger über die Karten, brummte allerlei vor sich hin und sagte dann:
»Der junge Herr wird bald sein Examen sehr gut bestehen.«
Samo lachte.
»Das denkst du dir. Da hast du was davon läuten hören.«
»Es steht in den Karten«, sagte die Wičaz ernst.
Dann suchte sie wieder lange mit ihrem dürren gelben Finger und fuhr fort:
»Der junge Herr liebt ein wendisches Mädchen!«
Sie sah dabei Samo an, der sehr rot wurde. Da war die Alte schon wieder bei den Karten.
»Das Mädchen ist für einen andern bestimmt; der junge Herr wird viel Kämpfe bestehen müssen, aber er wird das Mädchen erringen, weil es das Volk will.«
»Was heißt das: weil es das Volk will?«
Samo fragte es schnell und erregt.
»Der junge Herr wird der Kral werden!« sagte die Alte sehr ernst.
Da sprang Samo auf, und seine flackernden Blicke suchten die Umgebung ab.
»Bist du toll, Wičaz,« sagte er im Zischton, »du weißt, daß ich einen älteren Bruder habe.«
»Mit dem Kopfe werfen wie ein Herrenpferd, das frommt nicht zum Glück. Das Volk wird ihn nicht mögen, es wird den Herrn Samo wollen. Zwei Adler fliegen aus vom Wendenland. Einer kommt zurück und baut sein Nest, der andere ertrinkt im deutschen Fluß.«
»Du redest ja wie eine Weise, Weib!« rief Samo in höchster Überraschung. »Woher hast du diese Gedanken?«
Die Alte lächelte.
»Ich lese in den Karten und ich lese auch in den Herzen. Ich komme weit herum. Ich kenne viele Leute und sage ihnen ihre Zukunft. Soll ich Euch noch mehr prophezeien?«
Er wehrte ab. In angestrengtem Nachdenken saß er da. Ein tiefes, grünes Feuer glimmte in seinen Augen, die einen neuen Weg sahen.
Eine ganze Weile sagte er nichts.
»Ihr legt vielen Leuten die Karten?« fragte er dann.
»Es sind wenig Bauern auf dem Wege von hier nach der Stadt, und es ist keine Bäuerin, der ich nicht die Karten gelegt hätte. Alle jungen Männer kommen zu mir, auch viele Burschen, und in der Stadt habe ich eine Stube, wo ich alle Freitage und an jedem 7., 13. und 17. des Monats die Karten aufschlage; da sind oft an die dreißig, ja fünfzig Leute bei mir.«
»Wenden?«
»Ich spreche nicht Deutsch.«
Samo nickte.
»Ihr verdient viel Geld?« fragte er leichthin.
Sie lächelte.
»Vom Botengehen wollte ich nicht leben. Die Bäuerin gibt mir für einen schweren Korb, den ich ihr aus der Stadt mitbringe, einen Silbergroschen, und wenn ich ihr auf ein paar Minuten die Karten aufschlage, gibt sie fünf Silbergroschen. Nur mein Lobo darf nicht wissen, was ich verdiene. Ich will ihm einmal eine kleine Wirtschaft kaufen, wenn er erst ein ordentliches Weib hat.«
»Wenn Ihr Geld habt, warum wohnt Ihr in der kleinen Kamorka bei uns?«
Die Wičaz lächelte überlegen.
»Die Kartenlegerin muß arm sein,« sagte sie, »muß in einer Kamorka wohnen. Und sie muß Wanzen haben. Das gehört dazu. Und in Eurer Kamorka wohne ich, weil ich eben beim Kral wohne.«
»Ah -- ich verstehe Euch!«
Samo betrachtete das Weib mit steigender Verwunderung und mit großem Interesse. Aber er beherrschte sich und sagte wieder leichthin, ja spöttisch:
»Nun, ich kann mir wohl denken, was die Leute auf dem Herzen haben und was Ihr ihnen weissagen müßt: ob man das ~čelatko~[26] großziehen oder besser dem Fleischer verkaufen soll, wieviel Junge die ~ranca~[27] bekommen wird, und vor allem, ob der Jakub der Maruška treu ist und ob der Pilip die Marja kriegen wird.«
Die Alte war nicht gekränkt.
»Ja, das fragen sie wohl. Die Burschen fragen mich, ob sie beim Militär Gefreiter werden können, und die Mädel, ob sie im grünen Rautenkranz zum Traualtar gehen werden; die Männer, ob ihre Wirtschaft in die Höhe gehen wird, und die Weiber, was sie tun sollen, daß sie der Mann nicht prügelt. Und ich sag' ihnen immer das Richtige. Sie fragen mich auch, wo der billigste und beste Kaffee zu haben ist und von welchem Kaufmann die Schürzenbänder am besten halten. Sie zahlen immer fünf Silbergroschen dafür. Und die Kaufleute wissen mich zu schätzen. Ich habe stets besseren Kaffee getrunken als die Frau Mutter.«
Samo staunte über die menschenkundige Alte.
»Ihr seid ein siebenmal schlaues Beest«, sagte er. »Aber warum wollt Ihr nur durchaus beim Kral wohnen?«
»Alles, was vom König kommt, hat Ansehen.«
»Habt Ihr auch manchmal Botschaften zu bringen -- ich meine wendische Nachrichten?«
»O ja -- der Herr Vater hat mir immer vertraut. Ich habe manches auszurichten gehabt, und einmal hat ein Deutscher in der Stadt auf mich gesagt: Sieh da -- das ist der wendische Staatskurier, das ist die Geheimrätin Wičaz! Ich habe ihn ausgelacht und gesagt, der Scholta vertraue mir nicht einmal an, ein paar Hühner zu verkaufen.«
»So seid Ihr verschwiegen. Nun sagt mir, von wem habt Ihr das Gleichnis von den zwei Adlern?«
»Ich habe es aus den Karten gelesen.«
Samo machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Nun, so nehmen wir an, es ist mir eingefallen, wenn ich auf den weiten Wegen allein war, und es fiel mir immer ein, wenn ich in den Hof des Kral kam. Da sah ich es mit offenen Augen.«
»Erzählt Ihr dieses Gleichnis auch anderen Leuten?«
»Ich habe es noch nicht erzählt. Ich wollte es nicht sagen, daß der eine in dem Lóbjofluß ertrinken wird; sie würden sich sonst zu sehr freuen.«
»Freuen? Über diesen Untergang?«
»Ja; denn der eine Adler hat scharfe Krallen und läßt sie die Wenden fühlen, wo er nur kann. Er kratzt, bis es blutet.«
Samo nickte und sah die Alte versonnen an.
»Und der andere?« fragte er leise.
»Der andere wird im Wendenland wohnen und herrschen.«
Sie schwieg. Und er schwieg.
»Ihr könnt Euch auf mich verlassen, alte Wičaz«, sagte er endlich und gab ihr einen Taler.
Da sah sie ihn durchdringend an und sprach:
»Ich werde die Geschichte von den zwei Adlern jetzt überall erzählen, in allen Bauernstuben, allen Kleinbauern und Häuslern -- auch den Wenden in der Stadt.«
Er gab ihr noch einen Taler.
Eine Woche später trat Juro durch das Feldtürchen in den Großgarten. Es war Abendzeit. Die stille Melancholie des Herbstes war über allen Feldern und Wegen und war auch in dem Herzen des jungen Mannes, der drüben bei der Geliebten gewesen war und von ihr Abschied genommen hatte.
Morgen reiste er nach Breslau zurück. Die Ferien neigten sich dem Ende zu.
Er hatte wieder mit Elisabeth gesprochen: von seinen Plänen, von der Zukunft. Er hatte ihr nicht gesagt, wie sehr der Vater gegen die Heirat sei; denn er hoffte, den stillen Mann schon noch für sich zu gewinnen, aber er hatte ihr doch wieder schwere Kämpfe in Aussicht gestellt.
Und da hatte sie ihn das erstemal gefragt: ob er denn sein Werk nicht zu heftig angreife, ob er nicht mit mehr Geduld und Nachsicht die Herzen der Wenden eher gewinnen und besser an sein Ziel kommen werde.
Herzlich hatte er gelacht, als sie sagte, sie ängstige sich oft um ihn; denn es gebe doch rohes, rachsüchtiges Volk. Nein, hatte er gesagt, er wolle nicht mit Geduld ans Ziel kommen. Geduld sei etwas für müde, rückständige Leute. Die Geduld, mit der die Regierung diesen Verhältnissen seit Jahrhunderten zuschaue, die Geduld, mit der der Wende seit tausend Jahren schläfrig und denkfaul in seinem Waldwinkel hocke, sie sei schuld an diesen Zuständen. Er kämpfe wie ein Deutscher, er erkläre laut und rücksichtslos den Krieg und greife dann den Gegner von vorn an ohne Maske und Schliche, nachdrücklich und kaltblütig.
So hatte er wieder einmal in Worten und Ideen geschwelgt.
Dann aber war die fernere Zukunft ganz in die Ferne entwichen und in ihrem jungen Herzen nur das lebendig gewesen, was ihnen unmittelbar bevorstand.
Seufzer und Küsse, Zärtlichkeiten und Treueschwüre, die Vereinbarung einer Stunde, in der sie täglich aneinander denken würden, wo und in welcher Lage sie sich auch befänden, eine Blume, ein blaues Band, eine Locke -- alle diese Dinge, die in den Abschiedsstunden junger deutscher Liebesleute ihre süßschmerzliche Rolle spielten, sie hatten auch hier nicht gefehlt.
Und nun, als Juro in den heimischen Garten trat, war er wie in der Fremde, das Herz war ihm so voll von Liebe und Leid und Zukunftsträumen, und die Gedanken gingen die abendlichen Wege zurück zu der Geliebten, die ihm nun mit ihrer süßen Mädchenliebe gewiß traurig nachschaute. -- -- --
»Birnbaum steht im weiten Felde, Gold'nes Ringlein schläft darunter, Von dem Turme schallt die Glocke, Mädchen macht ein Federkränzlein.«
Der leise Gesang schreckte Juro auf. Er sah Hanka drüben in der Nähe der Haustür unter einem Baume sitzen. Sie bürstete Schuhe ab. Und als er näher kam, sah er, daß es seine eigenen Schuhe waren, die er tags zuvor getragen hatte, als er bei Elisabeth war, und die auf regendurchweichtem Wege recht schmutzig geworden waren.
Es war ihm arg unangenehm, das zu sehen, und ob er sonst wenig, fast nie mit dem Mädchen sprach, blieb er jetzt bei ihr stehen und sagte halb freundlich und halb ärgerlich:
»Das sind ja meine Schuhe! Warum bürstest du sie ab? Das kann doch ein anderer machen. Wozu sind denn die Dienstleute da?«
Sie war bei seiner Ankunft erschrocken. Nun wurde sie so knallrot, daß er bei sich dachte, sie habe doch eigentlich ein recht gewöhnliches Gesicht. Sie gab keine Antwort.
»Warum machst du das?« fragte er wieder und nahm ihr den Schuh aus der Hand. Er wußte gar nicht, daß er wendisch mit ihr sprach.
»Mache ich es nicht gut?« fragte sie.
»Darauf kommt's nicht an! Es ist keine Arbeit für dich. Du bist meine Verwandte!«
Da sah sie ihn groß an, und ihr Gesicht wurde blässer und schöner, und sie sagte:
»Laß mich's nur tun! Ich tue es gern.«
Und dann schluckte sie ein paarmal und brachte heraus:
»Denn ich bin doch deine Braut!«
Da trat er langsam einen Schritt zurück und lehnte sich an den Baum.
»Was sagst du? Wer -- wer hat dir das gesagt? Hat dir das wirklich jemand gesagt?« fragte er mit erstaunter, schmerzlicher Stimme.
Nun kam die Scham über sie, und sie wollte ins Haus laufen. Er hielt sie aber zurück.
»Bleib, Hanka, es ist gut, wenn wir miteinander reden. Morgen muß ich fort.«
Sie nickte traurig.
»Du hast fast nie mit mir gesprochen. Du bist so fein und so stolz!«
»Ich bin nicht fein und stolz. Ich will mit dir alles ordentlich und vernünftig besprechen. Komm mit, dort unter den Nußbaum!«
Sie gingen tiefer miteinander in den Großgarten hinein. Unter dem Nußbaum war eine Bank. Er setzte sich und lud sie ein, neben ihm Platz zu nehmen. Aber sie weigerte sich und blieb mit gesenktem Haupte vor ihm stehen. Durch das Gezweig des Baumes fielen rote Lichtfunken auf ihren schlichten, blonden Scheitel, und Juro sah, daß Hanka ein kraftvolles, gesundes, hübsches Mädchen war. Da faßte ihn ein Unbehagen und eine Trauer, und er sagte:
»Ich finde es unerhört, dir solche Dinge vorzureden. Nicht wahr, Hanka, du selbst hast nie daran gedacht?«
»Wie sollte ich wohl? Ich habe dich gar nicht gekannt!«
»Und wer hat dir das vorgeredet?«
»Deine Mutter hat es mit meinen Eltern besprochen, als sie mich abholte, und dein Vater hat es auch gesagt.«
Er nahm den Hut ab und fuhr sich nervös durch die Haare.
»Wie alt bist du, Hanka?«
»Achtzehn Jahre.«
»Das ist sehr jung! Aber das weißt du doch, daß zwei Menschen nicht von Vater und Mutter miteinander verheiratet werden können, daß es auf sie selber ankommt?«
»Ich habe meinen Eltern immer gehorcht.«
Er haschte nach ihrer Hand. Hart und schwer lag sie in seiner feinen Rechten.
»Du bist ein gutes Kind, Hanka! Aber sieh mal, wenn man sich heiraten soll, muß man sich doch liebhaben, nicht wahr? Du hast gewiß einen schönen Burschen in deiner Heimat lieb.«
Sie erglühte.
»Siehst du, Hanka, und du brauchst mir das gar nicht zu sagen. Aber ich verspreche dir, daß ich dafür sorgen werde, daß dich niemand mehr mit solchen Dingen belästigt; ich verspreche dir, dafür einzutreten, daß du deinen Liebsten heiraten kannst.«
Da sagte sie:
»Ich habe keinen Liebsten!«
»Du hast keinen?«
»Nein, ich habe immer gehört, daß ich -- daß ich ...«
»Daß du mich heiraten mußt!« vollendete er. »Aber, Hanka, das ist nicht so, dazu kann dich kein Mensch zwingen, auch dein Vater und deine Mutter nicht. Dazu bist du nicht verpflichtet, weder vor Gott noch vor den Menschen! Am wenigsten bist du es mir schuldig! Damit du aus allen Zweifeln herauskommst, will ich dir sagen, Hanka: ich habe schon eine Braut!«
Da hob sie jäh den Kopf und starrte ihn erschrocken an.
Sie brachte kein Wort heraus.
»Ja, Hanka, ich muß es dir sagen, daß du im klaren bist. Freust du dich denn nicht, daß du jetzt frei bist, daß du mich los bist?«
Er versuchte in scherzhaftem Tone zu fragen.
»Ja, liebes Mädel, jetzt bist du frei, jetzt kannst du alles auf mich schieben. Auf meinem Rücken hat viel Platz!«
Sie zupfte an ihrem Brusttuch und sagte kein Wort. Er fragte betroffen:
»Ja, bist du denn nicht einverstanden? Freust du dich nicht?«
Da stammelte sie:
»Ja, -- ja -- ich freue mich -- ich wäre ja auch viel -- viel zu gewöhnlich ...«
»Hanka, davon ist nicht die Rede! Ich hatte doch meine Braut schon, ehe ich dich sah!«
Ihre Augen flogen noch mit ein paar flackernden Blicken zu ihm hin, dann sagte sie:
»Ich muß hinein!«
Und sie ging trotz seines Zurufes.
* * * * *
Am späten Abend lehnte Juro am offenen Fenster seiner Giebelstube. Die Herbstnacht war dunkel, ein müder Wind ging durch welkes Laub und dürres Gras.
Dort vom Berge her grüßte der Hochwald.
Dahinter lag das Haus der Geliebten.
Morgen war er weit.
Wie still es war! Einmal nur klagte ein Vogel, dann war tiefe Ruhe.
Da drang leises Weinen an Juros Ohr.
Unten aus dem Garten.
Lehnte nicht dort ein Mädchen?
War das nicht Hanka?
»Hanka!« rief Juro leise hinab. »Hanka!«
Eine Gestalt huschte in tiefes Dunkel, und nichts regte sich mehr. Juro lehnte noch eine Weile am Fenster, ehe er es fröstelnd schloß.
»~Budže bohu skoržene! Zrudna wutoba!~« sagte er in seiner wendischen Muttersprache zu sich.
»Gott sei es geklagt: Ein trauriges Herz!«
Ehe der Kral in die große Wendenschlacht zog, vergrub er die Krone, die er zu Burg vor allem Volk getragen hatte, an einem sicheren Orte. Im tiefsten Wald hat der Kral die Krone vergraben, an einer Stelle, wohin kein Weg noch Fußpfad führt. Einen kleinen Hügel hat er über dem Grabe des Königsschmuckes errichtet. Den haben die Kiefern mit langen, braunen Nadeln zugedeckt.
Der Kronenhügel ist ein heiliger Ort.
Der Holzschläger achtet seinen geweihten Bannkreis auf hundert Schritt. Was am Kronenhügel wächst und steht, welkt oder fällt, entsteht und vergeht nach den Gesetzen des Urwalds.
Kein Jäger schießt am Kronenhügel ein Wild. Dort ist Gottesfriede für Mensch und Tier.
Die alten Weiblein, die Pilze suchen, die Kinder, die im Walde spielen, fürchten sich, allein zum Kronenhügel hinzugehen.
Selten steht ein ernster Wende sinnend an dem Hügel; die meisten wissen gar nicht den Weg zu ihm. Sie wissen nur, in welchem Walde er liegt, und mancher, dem sonst die Kappe fest auf den Ohren sitzt, lüftet sie in heimlicher Stunde, wenn er einsam an dem Walde vorbeikommt. Auf dem Hügel ist ein einzelner Stein. Er sieht aus wie ein altersgrauer Grenzstein. Ein Hufeisen ist darauf eingedrückt.
Der Nachtjäger hat einmal Sturm geritten gegen den Hügel; aber als das Roß den Huf auf den Stein setzte, ist ihm das Eisen glühend geworden, und es ist mit dem Nachtjäger davongerast, und der wilde Jäger hat sich nimmer getraut an selbigen Ort.
Seit tausend Jahren liegt die Krone des Kral in jenem kleinen Hügel.
Wann wird die Jungfrau mit der silbernen Schaufel kommen, nach ihr zu graben?
Gott weiß es! Aber dann wird Wendenland groß und mächtig werden.
Indessen schlafe in Gottes Hut, alte Krone! Das Volk denkt an dich! Der Schiffer tief drunten an der Spree träumt manchmal von dir, wenn er in langsamer Fahrt durch das stille Wasser zieht; der Pflugtreiber, der sich auf sandigem Hügelfeld im Oberland um geringen Lohn quält und müht, ermißt in seinen einsamen Gedanken deinen Wert; im heimlichen Kreis der winterlichen Spinnstuben wird von dir geraunt und geflüstert, und keines dieser treuen armen Menschenkinder wird dich je verraten.
Schlaf in Gottes Hut, alte Krone, bis der junge Morgen tagt, da du auferstehst aus deinem ehrwürdigen tausendjährigen Grabe!
Inzwischen wird die weiße Wolke, die über Wendenland segelt, oft über dir halten und im Abendrot auf dich herniederglühen, wird der weiße Fisch in der Sprewja im stillen Wasser stehen und nach dem grünen Walde hinüberlugen, wo du schläfst.
* * * * *
Samo und die alte Wičaz, die sich wieder einmal von ungefähr auf dem Felde getroffen hatten, sahen von ferne den grünen Kronenwald.
Da wies die Alte nach dem Walde hin und sagte:
»Daran will er sich auch vergreifen!«
»Woran? Doch nicht an dem Kronenhügel?«
»Ja, an dem Kronenhügel.«
»Wer? Juro?«
»Ja!«
»Pah! Das ist Unsinn! Daran wagt sich keiner!«
Die Wičaz zuckte die Achseln.
»Ich weiß es!«
»Das ist nicht möglich. Aber erzähle, was du weißt!«
Er gab ihr wieder ein Geldstück.
Die Alte duckte sich ein bißchen zusammen, wandte den grauen Kopf zu Samo hin und sagte:
»Drin in der Stadt hat ein Kaufmann hinter seinem Laden eine Weinstube. Da hat der Herr Juro mit seinem Freunde Heinrich von Withold gesessen. Und sie haben fünf Flaschen Wein zusammen getrunken. Ihi! Die Wenden saufen. ~Palenc je walenc~! Die Deutschen saufen nicht. Wein ist wohl kein Umwerfer -- wie? Wein ist teuer, die Deutschen sind reich; Branntwein ist billig, der Wende ist arm.«
»Alle Völker saufen!« sagte Samo verächtlich. »Halte mich nicht auf, erzähl, was ich hören will!«
»Wie sie schon etwas betrunken waren, hat der Herr Juro wieder davon gesprochen, daß er die Wenden deutsch machen will, hat über das Wendische geschimpft und hat auch vom Kronenhügel angefangen. Das sei ein blöder Ameisenhaufen, hat er gesagt.«
»Das hat er nicht gesagt«, fiel Samo ein, »dafür ist er zu klug.«
»Er hat es gesagt. Und dann hat er von einem deutschen Bischof angefangen, einem ganz alten, der hat einmal eine Eiche umgehackt.«
»Bonifacius?«
»Jawohl -- so hieß er. Ich konnte den deutschen Namen nicht behalten. Die Eiche ist den Leuten dort heilig gewesen. Und der Bischof hat sie umgehauen, daß die Leute sehen sollten, die Geschichte mit der Eiche sei Lüge und Plunder.«
Samo tat drei rasche Atemzüge.
»Und so -- so will sich Juro an dem Kronenhügel vergreifen? Etwa nachgraben? Den Leuten beweisen, daß keine Krone in dem Hügel liegt, dadurch ihren Volksglauben, ihre ganze Hoffnung, ihre Nationalität zerstören?« Er sprach mehr zu sich selbst. Aber die alte Wičaz antwortete:
»Ja, er wird den Hügel aufreißen. Er hat es gesagt.«
»Wer hat es gehört?«
»Der Kaufmann. Sonst niemand! Denn der Lehrling, den er hat, versteht nicht Deutsch.«
»Und der Kaufmann -- wird er es nicht weitererzählen?«
»Nein. Er hat gewartet, bis ich in seinen Laden kam, und es erst mir erzählt; denn ich verschaffe ihm viel Kundschaft. Und er weiß, daß Juro der Sohn vom Kral ist, bei dem ich wohne. Ich habe ihm gesagt, er dürfe es niemand weitererzählen, was er gehört hat.«
»Warum?«
Die alte Wičaz zuckte die Achseln.
»Ich wollte Euch erst fragen, Pan Samo!«
Er antwortete nicht. Er blieb stehen, und seine Augen hafteten am Boden.
»Wenn Ihr wollt, Pan Samo, so wissen es in acht Tagen alle Wenden«, sagte sie in lauerndem und vertraulich klingendem Tone.
Er wehrte heftig ab.
»Nein! Es darf niemand wissen, -- niemand -- hörst du? -- Oder du fliegst aus dem Hof, -- hörst du? -- Ich will es nicht! -- Er ist mein Bruder! -- Und ich -- ich glaube überhaupt nicht, daß er das gesagt hat. Geh jetzt!«
Er machte wieder seine wegwerfende Handbewegung. Die alte Wičaz starrte ihn an und wußte nicht, was sie zu dieser Veränderung sagen sollte.
»~Tý plundrawa!~[28] Scher' dich zum Teufel!«
Sie wandte sich erschreckt ab.
Da rief er sie noch einmal an.
»Ich will keine Vertraulichkeiten mit dir, verstehst du? Das ist selbstverständlich! Das gibt es nicht! Ich habe mit dir nichts zu schaffen. Gar nichts! Natürlich nicht! Und was du mir gesagt hast, ist alles Unsinn! Altweiberquatsch! Wičaz, ich sage dir, halte dich fern von Juro und mir! Sage nicht so -- sage nicht anders. Sage gar nichts! Dann kannst du auf dem Hof wohnen bleiben, und es bleibt alles, wie es war. Sonst -- du weißt, ich bin der einzige, der dich halten kann.«
Er wandte sich ab und schlug rasch einen Seitenpfad ein. »Herrendienst ist rund«, sagte bestürzt die »Sprichwörter-Wičaz«. Aber nach einer Weile, als sie nachgedacht hatte, sprach sie schlau blinzelnd bei sich selbst: »~Stóž je z kóčdu wločil, najljepe wje kak čelńe.~«[29]
Über die ehrwürdige Karlsbrücke im »goldenen Prag« gingen zwei junge Männer. Es war bereits Nacht. Die »argandischen Lampen« der damaligen Straßenbeleuchtung erhellten den Weg nur schwach und unvollkommen; hin und wieder nur blitzte die Laterne eines Kahns vom dunklen Moldauwasser herauf; der Hradschin aber, die heilige Akropolis von Prag, lag in Sternenlicht und hob sich zauberisch schön von dem dunkelblauen Nachthimmel ab.
»Wie fühlst du dich in der Tschamarka?« fragte der eine der jungen Männer.
»Ich bin glücklich!« sagte darauf der andere.
Es war Samo. Er war, ehe er nach Breslau zurückkehrte, nach Prag gefahren, um einige Tage bei guten Freunden zu sein, die er früher in Breslau kennengelernt und mit denen er einer slawischen Geheimverbindung angehörte.
Der andere betrachtete ihn von der Seite.
»Sie kleidet dich trefflich. Ha, sie haben uns auch diese Nationaltracht nehmen wollen; jahrelang durften wir uns in der Tschamarka nicht sehen lassen, -- jetzt wird es wieder anders!«
Samo betrachtete sich. An dem bunten, mit vielen Schnüren, Bändern und Litzen verzierten Rock schaute er hinab bis auf die Stiefel, die ihm bis an die halbe Wade reichten. Und er rückte an dem runden slawischen Hut, den er trug.
»Ich fühle mich wohl in diesem slawischen Ehrenkleide, und ich wünschte, daß alle Böhmen es trügen«, sagte er.
»Hab nur Geduld; bald wird es so sein.«
Bei der Nepomuk-Statue blieben sie stehen.
»Es ist eigentlich schade, daß ihr Protestanten seid«, sagte der Prager.
Samo zuckte die Achseln.
»Religion läßt sich ändern, Nationalität nicht«, sagte er gleichgültig.
»Das heißt, -- verstehe mich nicht falsch«, rief der zweite darauf, »ich meine nur, es ist schade für die Einheitsbestrebungen! Sonst weißt du wohl, daß ich kein Freund der Pfaffen bin. Ach du, -- wenn wir noch Hussiten wären! Da wäre alles anders!«
Sie lehnten sich an die Brückenbrüstung und schauten hinunter zur dunklen Moldau.
»Ich sage dir, Samo, ich kann keine Hussitenfahne sehen, ohne daß ich toll werde. Und wenn die ~pamatka mistra Jana Husi~[30] kommt, da weiß ich, da wissen Tausende und aber Tausende hier im Lande, zu welcher Religion wir eigentlich gehören sollten. Dann wallt sie wieder auf, die schwarze Fahne mit dem roten Kelch, und ich sag' dir, Tausende von treuen Papisten kommen in inneren Zwiespalt, weil sie den als religiösen Ketzer verdammen sollen, den sie als nationalen Helden vergöttern müssen. Denn so wie Jan Hus hat selten einer die Deutschen gehaßt.«