Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald
Part 6
»Wenn ich nicht meinen guten Anzug anhätte,« sagte er, »würde ich dir eine ›Pflaume‹[7] geben, an der du zu kauen hättest -- du -- du Demokrat du!«
»Warte nur den Abend ab«, entgegnete der andere. »Die Pflaume kommt zurecht. Sie wird desto blauer und saftiger werden -- für dich.«
»Pst!« machte ein dritter. »Sie war die Frau des Kral. Da ist es etwas anderes. Da haben alle Anteil am Begräbnis. Der Branntwein war gut. Es wird ein Leichenschmaus, wie ihr noch keinen erlebt habt.«
Darauf sprachen sie von Mädeln und von Manövern. --
Zwei alte Weiber humpelten zusammen.
»Mein Gott«, sagte die alte Wičaz, die Mutter des Knechtes Lobo, »man kommt im Leben zu nichts. Ich hab' doch so viel Wanzen in meinem Bett, und da hab' ich ein paar gefangen und in eine Federspule gesperrt und die Spule an beiden Enden mit Wachs verklebt. Ich wollte sie in den Sarg stecken, daß ich alle Plagegeister los würde. Aber ich habe ja nicht allein an den Sarg kommen können. Es waren ja immer Leute da. Nun ist gar das Wachs von der Spule in meiner Tasche abgegangen, und die Viecher sitzen mir im Kirchenkleide. Ein armer Mensch hat kein Glück.«
»Wart, bis der alte Kito stirbt«, tröstete die andere. »Der macht's nicht mehr lange. Und bei dem sind nicht viel Leute. Der nimmt die Wanzen mit.«
»Hast du nicht deine Wanzen dem Merten mitgegeben?«
»Ja, aber sie haben nicht mit ihm gehen mögen, weil der sich doch gehangen hat und in die Hölle gekommen ist. Sie sind wiedergekommen.«
»Also warten wir, bis der alte Kito stirbt. Auf den hat man sich immer verlassen können!« -- -- --
Juro ging mit den beiden Deutschen vom Kirchhof zurück. Sie redeten nicht viel. Es war nur, daß die Gäste nicht allein blieben. Am Kretscham stand Heinrichs Fuhre. Dort nahmen sie bald Abschied. Elisabeth sagte leise zu Juro:
»Es tat mir weh, daß ich am Grabe deiner Mutter allein so fremd war. Die Leute sahen mich an, als ob ich nicht dahin gehöre, und ich gehörte doch gewiß dahin.«
»Ich danke dir, daß du gekommen bist, Elisabeth. Es wird eine schwere Sache, die wir übernehmen wollen, weil wir nicht zu den Leuten hingehen, weil wir sie zu uns herüberziehen müssen. Aber wir wollen mutige Kameraden sein.«
Sie reichten sich die Hände und schieden. -- --
Samo ging mit Hanka. Sie sprachen eine Weile nicht, dann hob Samo den Kopf, wies nach vorn und sagte:
»Da gehen die Deutschen. Sie sind aufdringlich. Wie alle Deutschen! Gestern das studentische Gefasele dem Vater gegenüber war direkt ekelhaft. Sie sind hinter Juro her.«
»Wie meinst du das?« fragte das Mädchen arglos wie ein Kind.
»Es ist nicht schwer zu raten. Sie wollen ihn für das deutsche Mädchen.«
»Für diese da? -- Als Mann? Als Ehemann?«
»Ja natürlich!«
Hanka schüttelte den Kopf und sagte ruhig:
»Das darf er nicht. Eure Mutter hat es mit meinen Eltern ausgemacht, daß Juro mich heiratet. Das muß er nun doch tun!«
»Nimmst du ihn gern?«
»Ich weiß es nicht. Er spricht nicht mit mir. Gestern hat er mich ausgeschimpft und mir den Leichentopf zerschlagen. Eigentlich fürchte ich mich vor ihm. Aber er ist ein hübscher Mann.«
»Ja! Und er ist ein Glückspilz!« knirschte Samo zwischen den Zähnen.
Hanka senkte traurig den Kopf.
»Ich möchte am liebsten wieder heim. Es ist so schön zu Hause. In der Spinnstube war ich schon die Kantorka[8], und ich bin doch erst achtzehn Jahr.«
Samo blieb vor ihr stehen und sah sie an. Und die Trauer wich auf ein paar Sekunden aus seiner Seele, und er sah, daß Hanka schön und lieblich sei.
»Man sollte dich auf Händen tragen, Hanka!«
»Sie sind alle gut zu mir. Nur Juro ist streng. Er schalt mich gestern, daß ich wendisch sprach.«
Da kollerte ein leises, grimmes Lachen über Samos Lippen.
»Der zukünftige Kral!« sagte er verächtlich. »Nun, ich bin da und will aufpassen. Gehen wir durch die Seitengasse, Hanka. Ich will nicht am Kretscham vorbei. Ich mag diese Deutschen nicht grüßen.«
»Aber ich will das Mädchen sehen«, sagte Hanka. »Sie ist ein Fräulein, man sieht es gleich.«
Samo ging allein durch die Seitengasse. -- -- --
Der Kral schritt hochaufgerichtet seines Weges. Sein Gesicht war ebenmäßig feierlich. An diesem schweren Tage seines Lebens brach eine rote Sonne durch graue Nebel des Schmerzes, zeigte sich seine Königswürde.
Bis von Muskau her im Nordosten waren Trauergäste gekommen, viele aus dem Spreewald von Burg, Leipe und Lehde, auch von den Städten Lübbenau und Kottbus. Dann welche aus Wittichenau und den Dörfern um Hoyerswerda, endlich viele aus dem Sächsischen, und sogar der berühmte und gelehrte Herr Buchdrucker Schmaler aus Bautzen hatte den weiten Weg nicht gescheut. Er ging jetzt neben dem Kral, und seine Brille funkelte, und sein Slawenherz freute sich dieser einmütigen Kundgebung des Wendenvolkes. Er sprach vom reinen Slawentum, und daß es wohl vereinbar sei mit der preußischen Königstreue.
Alle aber, die von weither gekommen waren, drängten sich an den Kral heran, wollten genau sehen, wie er ausschaue, und daheim Kunde geben vom König, dessen Bild auf keiner Münze und in keinem Buche stand. Eine Röte stieg dem Kral in die Wangen und verdrängte die bleiche Trauer. Und Dankbarkeit war in seinem Herzen für die Frau, die jetzt eingescharrt wurde. Zweimal in seinem Leben hatte er durch sie sein Königtum deutlich gefühlt, am Hochzeitstag, da er sie bekam, und heute am Begräbnistag, da er sie verlor. Beide Male hatte das Wendenvolk seine Vertreter zum Kral geschickt aus allen Dörfern und Städten.
»Gebt uns die Ehre!« hatte der Kral zu allen gesagt, die ihn begrüßten. Der König lud sein Volk zum Mahle. Im Großgarten waren lange Tafeln aufgeschlagen; in allen Stuben, selbst in der Scheune waren Tische und Stühle. Das war kein gewöhnlicher ~zakopowane~[9] mit gelber Suppe und etwas Branntwein und Butterbrot, das war ein großes Mahl mit gekochtem und gebratenem Fleisch. Es gab Bier, Branntwein und Tabak für die Männer und Kaffee mit Kuchen und Schokolade für die Frauen. Selbst Zuckererbsen für die Kinder gab es wie bei einer Hochzeit. Der Kral ging ein paarmal durch die Reihen der Schmausenden, hörte viel Gerede an und sprach selbst selten ein Wort.
Samo setzte sich der Reihe nach zu allen Leuten aus fremden Ortschaften, war freundlich und vertraulich mit ihnen.
Hanka herrschte über die Küche und die Speisenträger. Die Burschen sahen sie mit Entzücken, die Mädchen mit Neid. »Ob sie heut abend im Kretscham mittanzen wird? Denn getanzt muß werden bei einem so großen Begräbnis.«
»Jawohl! Aber das Mädchen ist zu nahe verwandt, sie wird nicht tanzen. Sie wird Juros Frau werden. Deswegen ist sie hier.«
»Wo ist Juro?«
»Der ist nicht zu sehen. Sein Bruder macht sich viel gemeiner«[10]. -- -- --
Juro ging einsam durch die Felder. Der Totenschmaus war ihm zuwider. Kaum, daß das Totengeläut verhallt ist, geht das Klingen der Gläser an. Barbarisch ist das, abscheulich! Es ekelte ihn.
Er ging weiter den Feldrain entlang und hing in Gedanken der Mutter nach, dachte an lichte Kindertage, da ihre Liebe sein junges Leben vergoldet hatte.
Schließlich mußte er doch umkehren.
Da sah er ein bewegliches Männlein den Weg entlangkommen. Juro kannte den Mann sehr gut. Schmaler, der Buchdrucker aus Bautzen, war er. Juro wußte seine ganze Geschichte. Wie er mit einem Stipendium des preußischen Königs studiert, wie er dann seine ganze Lebensarbeit der Erhaltung des wendischen Slawentums gewidmet hatte. Ein Mann, der seine kleine Buchhandlung hatte, der ein wendisches Blättchen herausgab, selbst redigierte, die meisten Artikel selbst schrieb, das Blatt selbst druckte und versandte. Ein seltsamer Mann. Wenige seiner großen buchhändlerischen Kollegen waren so weit bekannt wie dieser Zeitungs- und Bücherkrämer. In Moskau kannte man ihn, aus Prag wallfahrteten tschechische Politiker, Schriftsteller, Studenten zu ihm. Er trug auch heut am Begräbnistag an seinem schwarzen Rock den russischen St. Annenorden zweiter Klasse. Er war der Mann, auf den die Panslawisten aller Völker für das »Slawentum an der Sprewja«[11] ihre Hoffnungen setzten.
Inzwischen trafen sich die beiden Männer, Schmaler, der wirkliche, geistige Kral der Wenden, und Juro, der nominelle Erbe des wendischen Königtums.
»Sie werden sehr vermißt!« sagte Schmaler in wendischer Sprache.
»Ich kann diese Totenschmausereien nicht ertragen«, antwortete Juro deutsch.
Schmaler sah überrascht auf ihn.
»Sie sprechen deutsch mit mir?«
»Ja, Sie sind aus Bautzen, und Bautzen ist, denke ich, eine deutsche Stadt.«
»Sie wissen sehr wohl, wer ich bin, werter Herr, und Sie wissen auch, daß Budissin[12] eine uralte wendische Stadt ist. Was verdrießt Sie an den Wenden? Man hat mir schon gesagt, daß Sie kein Freund der Wenden sind.«
Schmaler hatte ruhig und mild gesprochen; Juro entgegnete heftig:
»Ich bin kein Freund der Wenden? Wer Ihnen das gesagt hat, Herr Schmaler, ist ein Lügner! Wer Ihnen das gesagt hat, ist ein Schuft!«
»Nun, nun, es kommt viel auf die Auffassung an. Wir können ja ganz ruhig miteinander sprechen. Und wenn Ihnen heute eine Aussprache nicht paßt, so verstehe ich das wohl und will Sie gewiß nicht quälen.«
»Wir können miteinander sprechen, Herr Schmaler, aber ich fürchte, wir werden uns nicht verstehen. Ich kenne Sie und Ihr Werk, und ich habe Hochachtung vor Ihren Talenten, Ihrer Ausdauer, Ihrem Opfermut. Sie sind ein Freund der Wenden in Ihrem Sinne, ich bin ein Freund der Wenden im gerade entgegengesetzten Sinne. Ich glaube nicht, daß so scharfe Gegensätze, wie sie zwischen uns sind, sich oft wiederholen.«
»Das soll heißen,« sagte Schmaler düster, »daß Sie alle meine Bestrebungen um die Erhaltung sorbischen Slawentums in der Lausitz verwerfen, wenn nicht gar bekämpfen wollen.«
»So ist es!« sagte Juro aufrichtig.
Schmaler schwieg eine Weile, dann sagte er:
»Ich könnte Sie um die Begründung Ihres Urteils fragen, aber ich kenne alle Einwände, die gegen mein Werk erhoben werden. Sie halten es für vergeblich.«
»Ja! Für so vergeblich, wie wenn Sie in heißen Frühjahrstagen mit einem eisernen Haken eine Eisscholle in der Spree festhalten wollten. Die Wenden schwimmen im deutschen Fluß, und unter der deutschen Kultursonne wird Ihnen die Scholle, die Sie festzuhalten sich bemühen, trotz aller Haken und Anstrengungen zerrinnen.«
Wieder entgegnete Schmaler nicht gleich. Dann sagte er:
»Sie wissen, daß alle Gleichnisse hinken. Ich könnte Ihnen hundert andere entgegenstellen, z. B. daß es mir lieber ist, als armer Häusler in eigener Hütte zu wohnen, als daß ich als Dominialknecht zu einem großen Herrn zöge.«
»Knechte sind die Wenden nur so lange, als sie Wenden bleiben. Werden sie Deutsche, so sind sie freie Kinder des freien Hauses.«
»Mein Gott, so spricht der zukünftige Kral!«
»Herr Schmaler, Sie wissen, daß unser Königtum eine Illusion ist.«
»Nehmen Sie die Illusion aus der Welt, und die Staaten und die Gemeinschaften und die Familien und alles individuelle Leben geht in Trümmer. Fällt Ihnen nie ein, was für Kulturwerte versinken, wenn dieses Volk untergeht? Glauben Sie nicht, daß nur im Individualismus die Welt schön und liebenswürdig sein kann? Glauben Sie nicht, daß es zum Sterben langweilig wäre, wenn auf der Welt überall dieselbe Art Menschen wohnte?«
»In der Welt ja; aber ein Reich ist nur in einer Einheit bewundernswert. Das weiß sonst niemand besser als die Panslawisten.«
Juro sagte es mit einem Seitenblick auf Schmaler. Der entgegnete ruhig:
»Ich bin ein Panslawist. Es sind mir oft in slawischen Ländern gute, wohlbesoldete Stellen angeboten worden; ich bin im sächsischen Budissin geblieben, habe dort meine Kraft, meine Gesundheit, mein Vermögen zugesetzt im Dienst der wendischen Sache. Aus Eitelkeit, werden meine Feinde sagen, aus der Sucht heraus, ein Eigenbrötler zu sein, der Beachtung findet. Das mögen sie sagen; ich verachte es.«
»Ich meine, daß Ihre ehrlichen Gegner an Ihren Idealismus glauben, Herr Schmaler; ich jedenfalls gehöre zu diesen.«
»Danke! Das eine kann man mir auch jedenfalls nicht bestreiten, daß ich ein loyaler sächsischer Untertan bin.«
»Sehen Sie, Herr Schmaler, das würde ich bestreiten. Ich glaube, daß Sie Ihre staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen, aber Ihre Seele gehört hinüber zu den Tschechen, mit denen Sie eine Spracheinheit anstreben, mit denen Sie ständig sympathisieren.«
»Was soll ich tun? Sie selbst sagen, daß meine Scholle zerbröckelt. Festigkeit, geistigen Inhalt für meine Sache kann ich nur bei unseren slawischen Brüdern suchen. Ich suche Stärkung bei den Slawen für unser wendisches Volkstum, aber ich suche keinen politischen Anschluß an sie. Ich will die Erhaltung des sorbischen Slawentums innerhalb der bestehenden Staatsverbände. Ist das Landesverrat?«
»Landesverrat nicht! Nein! Sicherlich aber auch nicht Patriotismus, der die Wurzeln seiner Kraft nicht im Auslande hat.«
»Vaterland? -- Welches Blut haben uns unsere Väter vererbt? Wo zieht es uns hin?« --
Sie waren inzwischen nahe an das Gehöft gekommen, wo festliches Treiben war. Mitten aus dem Lärm hob sich das widerliche Geschrei eines Betrunkenen ab:
»~Njet hordujo ta kóža přepita!~«[13]
»Hören Sie! Hören Sie!« keuchte Juro. »Ist das nicht eine Roheit sondergleichen? Ist das nicht gemeiner Kannibalismus! Wenn ich den Kerl erwische, schlage ich ihn nieder!«
Er wollte voran. Schmaler faßte ihn am Arm und hielt ihn fest.
»Es ist roh! Ja, es ist widerlich roh! Aber der Mann ist betrunken!«
»Oh, es wird nicht lange dauern, da brüllen sie alle dieselbe Gemeinheit!«
»Nicht doch! Denken Sie daran, daß solch arme Leute jeden öffentlichen Anlaß zu einer Festlichkeit benutzen, weil ihr Leben so wenig Feste hat.«
»Da sind sie voll von diesem eklen Kannibalenfraß, da dürfen sie von einer edlen Toten sprechen wie von einem geschlachteten Tier! Ich halte es nicht aus! Ich werfe sie hinaus; ich werfe sie alle hinaus!«
»Es sind die Gäste Ihres Vaters! Roheiten kommen überall vor. Beruhigen Sie sich! Es ist ein ungebildetes Volk! Sie denken sich nichts so Schlimmes dabei!«
»Prosit! Prosit!« scholl es vom Großgarten her, und wieder kam der rohe Satz:
»~Njet hordujo ta kóža přepita!~«
Da überfiel Juro ein starker physischer Ekel; ein Brechreiz würgte ihn, dann riß er sich los und eilte nach dem Großgarten. Er sah eine Gruppe zechender Männer.
»Prosit, Juro, prosit!« schrien sie. »~Njet hordujo~ ...«
»Wollt ihr schweigen, ihr -- ihr -- Schweine!«
Juro brüllte es.
»Ist das ein Sauffest? Dürft ihr so von meiner Mutter sprechen? Hinaus, sage ich, hinaus mit euch besoffenem Pack!«
Die Gesellschaft erschrak. Blöde, ernüchtert sahen sie den tobenden jungen Mann an.
»Was -- Was sagt er?« grunzte einer.
»Was ich sage? Daß ihr eine besoffene Horde seid, die sich benimmt wie die Wilden!«
Nun ging ein Skandal los.
»Wir haben doch den Branntwein nicht gestohlen!«
»Wir sind doch nicht zum Spaß so weit hergelaufen!«
»Er ist ein aufgeblasener Bengel!« -- »Er hat uns beim Totenschmaus der eigenen Mutter verjagt!« -- »Pfui, er ist geizig!«
»Da -- da hast du dein Fett!«
Und es warf einer das Schnapsglas nach Juro, das haarscharf an seinem Kopf vorbeisauste. Mit einer unflätigen Beleidigung stampfte der Kerl davon. Eine Anzahl anderer warf die Gläser ebenfalls ins Gras und ging davon.
Der Kral kam schnell heran und sagte laut:
»Ich bin hier der Herr! Wer mein Gast ist und wem es hier gefällt, der bleibt!«
Aber wenige blieben. Juro ging zitternd vor Aufregung ins Haus.
Schmaler trat an den Scholta heran und sprach einige aufklärende Worte.
»Es hat mir auch wehgetan, wenn sie so brüllten«, sagte der alte Hanzo; »aber es ist eine Redensart seit alters her. Und Gäste soll man nicht vertreiben.«
»Juro ist kein Wende mehr«, sagte Samo, der auch herangetreten war. »Er hat sich so mit Haut und Haaren den Deutschen verschrieben, hat sich so an geschniegelte Kreise angeschlossen, daß ihm alles in der Heimat zu roh ist, daß er sich zimperlich benimmt wie ein Frauenzimmer. Mit den Deutschen ist er gegangen; mit einem Wenden hat der feine Herr nicht gesprochen.«
»Nur mit mir!« sagte Schmaler. »Freilich haben wir gestritten. Ich kehre bedrückten Herzens heim, weil ich gesehen habe, wie der zukünftige Kral über das Wendentum denkt.«
Ein Seufzer kam aus der Brust des alten Hanzo, und er wandte sich, ohne weiter ein Wort zu sagen, wieder zu seinen Gästen. Eine Anzahl kam zurück. Es wurde weiter geschmaust und getrunken, aber es ging stiller her. -- Schmaler und Samo gingen nun ein Stück den Feldweg entlang. Sie verstanden sich besser.
Schmaler erzählte mit Begeisterung von Prag.
»Ich kann es nicht begreifen«, sagte Samo, »daß mein Vater darauf bestand, ich müsse in Breslau studieren. Mir ist das deutschgewordene Nest, das Slawen gegründet haben, zuwider. Wir wendischen Studenten gehören nach Prag. Denn die Lausitz gehört ebenso wie Schlesien geschichtlich und rechtlich zur ›~Koruna ceska~‹«[14].
Schmaler schüttelte den Kopf.
»Ich gehe nicht so weit, ich fasse unsere Stellung zu den verwandten Tschechen anders auf!«
»Was man will, muß man ganz wollen, Meister Schmaler. Los von den Deutschen! Die deutsche Länderkrume, die uns von den tschechischen Brüdern trennt, ist dünn genug, daß man sie durchbrechen kann. Wir müssen nur ausharren, festhalten, hier treu bleiben auf dem slawischen Vorposten. Jahrhundertelang hat unser armes Volk den deutschen Druck ertragen und ist slawisch geblieben im fremden Joch, im fremden Land. Sehen Sie dagegen auf die Deutschen! Alle fremden Sprachfetzen lesen sie auf, die vom Schneidertisch anderer Nationen fallen, behängen sich damit und glauben sich geschmückt. Ihre Nationalität hält im fremden Land nicht vom Vater auf den Sohn. Weil sie nichts taugt! Und deshalb werden unsere tschechischen Brüder Tag um Tag weiter vordringen gen Norden, und eines Tages werden wir mit ihnen vereinigt sein. Dann wird man sowohl vor den Mauern Berlins wie vor den Mauern Wiens die slawische Sprache hören.«
»Sie gehen zu weit, Sie gehen viel zu weit in Ihren Plänen und Hoffnungen«, sagte der vorsichtige Schmaler besorgt.
»Ich setze mir ein Ziel: Erhaltung des Sorbentums als Vorposten der siegreich vordringenden Slawen.«
Schmaler schwieg. Er mochte sich zu solch kühnen Worten nicht äußern.
»Liegt es nicht an der Feigheit unserer Intelligenz, wenn das Sorbentum leider Gottes zurückgeht?« fuhr Samo fort. »Wenn wir solche Führer haben wie meinen Bruder Juro, dann Gnade uns Gott!«
»Auch ich fürchte von ihm viel«, sagte Schmaler.
»Er darf kein Führer werden; er darf es nicht! Ich werde es verhindern. Gott sei Dank, ich glaube, er will es auch nicht. Er ist zu feig und oberflächlich dazu. Ich sah mit scheelen Augen darauf, daß er hinter einer Deutschen herlief. Ich war ein Esel. Ein Glück ist diese Liebschaft! Er soll sich nur sein bleichsüchtiges Ding nehmen, nach Berlin ziehen und alle zehn Jahre einmal nach Hause zur Kirmeß kommen. Öfter gehört er auf unsern Hof nicht! Da ist er unmöglich! Vollends mit seiner deutschen Zierpuppe. Auf unsern Hof gehöre ich!«
»Er ist der Erbsohn«, warf Schmaler ein. »Er ist auch nach der Tradition der zukünftige Kral.«
»Haben nicht andere abgedankt als er, wenn sie unfähig waren für ihre Sache? Er wird abdanken!«
»Ich will mich in einen Familienstreit nicht mischen«, sagte Schmaler wieder vorsichtig.
»Das ist kein Familienstreit, das ist eine Sache, die alle angeht und die Sie unterstützen sollten, wenn eine Unterstützung nötig wird.«
»Ihr Vater ist noch jung. Wir müssen die Entwicklung der Dinge abwarten.«
»Die Dinge werden sich rasch entwickeln. Denken Sie an Hanka! Sie ist das letzte Mädchen aus dem Geschlechte, das uns als das königliche gilt. Meine Eltern und ihre Eltern haben sie für Juro bestimmt. Und wenn er sich um seiner deutschen Liebsten willen weigert, das Mädchen zu nehmen? Wenn er mit seiner deutschen Frau als Arzt nach irgendeiner Stadt zieht? Nach allen seinen Äußerungen glaube ich bestimmt, daß er das tun wird. Nun, irgend jemand wird wohl die Sache hier übernehmen müssen.«
Schmaler drückte Samo die Hand.
»Sie wissen, daß ich Sie hundertmal lieber als Herr auf dem Hofe sehen würde als Ihren Bruder.«
»Das genügt mir!« sagte Samo, und seine dunklen Augen funkelten.
Dann sprach er von der Zeitung, die Schmaler herausgab, von der »~Sorbske Nowiny~«. Er lobte Schmalers Bestreben, die deutschen Fremdwörter und Lehnformen aus der wendischen Sprache auszurotten und überall da, wo ein rein wendisches Wort nicht vorhanden war, tschechische Formen einzuführen. Er versprach auch, selbst an der »~Sorbske Nowiny~« mitzuarbeiten, zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche und wies auf einen Artikel.
»Den müssen Sie abdrucken. Der trifft das Richtige!«
»Sie lesen Russisch?« fragte Schmaler.
»Ja, ich habe mich von Kindheit an mit dieser Sprache befaßt.«
Schmaler, der ebenfalls des Russischen mächtig war, las:[15] »Wir Slawen bewundern den Genius der Semiten auf dem Gebiete religiöser Schöpfungen, den der Griechen auf dem Gebiete der Wissenschaften und Künste, den Genius der Römer auf dem Gebiete des Rechts und der Politik; wir bewundern den begeisterten Schwung des Spaniers und Italieners, das gesellschaftliche Talent und den Geschmack des Franzosen, die schöpferische Kraft und die Erfindungsgabe des Engländers. Was kann dagegen der Deutsche für sich beanspruchen? Was ist an ihm genial, was ideal, was vollendet? Ist sein Glaube nicht abstrakt und sein Unglaube kühl, seine Philosophie phantastisch und seine Poesie philosophisch? Seine soziale Existenz, sein Feudalismus, sein Junkertum, sind sie nicht die Negation der Menschenrechte, die organisierte Gewalttat? Können seine gute militärische Disziplin, seine Mäßigkeit und Akkuratesse, sein kaltes, herzloses, maschinenartiges Ausführen dessen, was ihm befohlen wird, selbst auf Kosten der geheiligten Gefühle der Großmut und des Mitleids -- können sie dieses Volk erheben und Liebe erregen? Können seine Arbeitsamkeit und Pünktlichkeit den Mangel an Humanität und schöpferischer Kraft ersetzen? Möge die geschichtliche Vorsehung die Slawen vor dem Wege der Entwicklung bewahren, auf dem sie den Deutschen ähnlich werden könnten!«
»Haben Sie das selbst geschrieben?« fragte Schmaler.
Samo zuckte die Achseln.
»Geschrieben oder nicht, es ist meine Meinung. Und Sie sollen den Artikel abdrucken.«
»Nein«, sagte Schmaler, »er ist zwar geistreich, aber er schießt über das Ziel hinaus. Die Russen können unmöglich den Deutschen den Vorwurf kalter Herzlosigkeit, Unfreiheit und schöpferischer Unproduktivität machen. Solche Angriffe verfehlen ihren Zweck.«
Samo zuckte die Achseln.
»Wer dieses Volk angreift, hat immer recht. Die ›~Nàrodni listi~‹ in Prag sollten Sie sich zum Muster nehmen. Das Blatt nennt das Ziel, stellt die Aufgabe klar, wenn es schreibt: ›Wir werden immer auf seiten jenes Volkes stehen, das gegen die Deutschen den Krieg unternimmt, weil der Feind unseres Feindes stets unser Freund ist.‹ Sehen Sie, Pàn Schmaler, das ist stark und zielbewußt! Für Ihre ›~Sorbske Nowiny~‹ aber werde ich nichts schreiben können, weil ich fürchte, dies Blatt ist zu deutschfreundlich.«
Das mußte sich der alte Wendenführer von dem jungen Manne sagen lassen. Als er gen Bautzen nach Hause fuhr, mußte er sich eingestehen, daß er sich mit keinem der beiden Söhne des Kral verstanden hatte, mußte er sich sagen, es sei doch eine mißliche Sache, in Prag und Moskau als Vertrauensmann zu gelten und daheim dem König von Preußen ein Wendenbuch zu widmen.
An dem Begräbnis hatten auch Hankas Eltern, wohlhabende Bauersleute aus dem Sächsischen, teilgenommen. Am Abend noch sprach der Scholta zu ihnen: »Herr Vetter und Frau Muhme, ich hätte euch eine herzliche Bitte auszusprechen. Meine Frau hat sich eure Tochter Hanka auf ein paar Wochen zum Besuch ausgebeten. Es war unser beiderseitiger Wille, daß die Jungfer und mein Sohn Juro sich wiedersehen sollten, damit, wenn Gott es will, ein Paar aus ihnen werde. Nun ist mir die Frau gestorben ...!«