Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald

Part 4

Chapter 43,886 wordsPublic domain

Gero verwüstete das Land, und seine Mannen verfolgten den Kral durch die Heide, durch alle Wälder und verborgensten Winkel, über Seen und Moräste.

Und der Kral hatte weder ein Roß noch einen Kahn. Wie ein Hirsch floh er durch die Wälder, wie ein Fisch schwamm er durch den Fluß. Kam er aber an ein Wendenhaus und bat um Schutz und Einlaß, dann schlossen die Leute die Tür vor ihm und jagten ihn fort, denn sie fürchteten die Rache des Markgrafen und fluchten dem Kral, um dessentwillen alles Unheil über das Land gekommen sei.

Gehetzt von den Deutschen, verraten von seinem Volk, mit zerrissenen Füßen, mit durchnäßten, zerfetzten Kleidern, die Augen fieberglänzend von Anstrengung und Hunger, so brach einmal bei herandämmernder Nacht der Kral zusammen, als dreißig deutsche Reiter hinter ihm her waren. Aber noch ehe der erste vollends herankam, brach in donnerndem Ritt ein schwarzer Reiter aus dem Gebüsch, erfaßte den Kral, hob ihn auf sein Roß und ritt durch die Luft mit ihm davon.

Und der schwarze Reiter drehte das Gesicht in den Nacken und bleckte den Deutschen eine lange behaarte Zunge heraus, und als er das Gesicht dem Kral wieder zuwandte, war es Morkusky, sein Begleiter aus Morgenland.

»Morkusky, du bist der Nachtjäger?« rief der Kral entsetzt.

»Ich bin wer ich will«, zischte der Schwarze. »Willst du keine Gemeinschaft mit mir? Willst du es mit den Wenden oder mit den Deutschen halten?«

»Ich fluche den Wenden wie den Deutschen!« schrie der Kral. Da lachte der Nachtjäger.

* * * * *

An der Spree türmte der Nachtjäger einen Berg, grub einen tiefen See rundum, ließ gelbe giftige Lichter um den Uferrand erbrennen und baute in einer Nacht für den Kral auf dem Berge mitten im See ein festes Schloß.

Zum jenseitigen Ufer führten nur eine lederne Brücke und ein blutroter Kahn. Die Deutschen wollten das Schloß erstürmen, aber die meisten von ihnen gingen in einem Sumpf elend zugrunde.

* * * * *

Der Wendenkönig wurde nun ein Räuber. Er sammelte eine Horde verkommener Leute um sich, raubte, brannte und mordete und feierte mit seinen Spießgesellen, mit Hexen und schlechten Weibern auf seiner Burg teuflische Feste. Weit breitete er seine Macht aus. Die Wenden plünderte und unterdrückte er, den Deutschen aber stahl er Kinder. Die Mädchen schlachtete er und fraß sie auf, die Knaben steckte er in sein Räuberheer und machte sie zu Unholden. Zuletzt wurde er so schlimm wie Morkusky, sein Meister.

Und als dieser ganz zufrieden mit ihm war, verließ er ihn, um nach anderen Ländern zu reiten und dort Zwietracht zwischen die Völker zu säen -- zwischen Wenden und Deutschen war Morkuskys Werk getan.

Der Kral wurde oft verfolgt von Wenden wie von Deutschen. Aber er schlug seinem Rosse die Hufeisen verkehrt auf, so daß er seine Verfolger täuschte. In höchster Not flüchtete er in sein Schloß, indem er über die lederne Brücke ritt, die sich hinter ihm aufrollte.

* * * * *

Da geschah es, daß der König einmal ein wunderholdes Mädchen raubte. Das hieß Rinetta und war zehn Jahre alt. Und es saß unter einem Fliederbaum, als er es stahl. Während nun der Kral heimritt mit seiner jungen Beute, war eine blühende Nacht. Alle Wege grün und bunt, die Sterne so träumerisch am Himmel, der sanfte Wind wie ein heiliger, heilender Strom.

Das Kindlein weinte in des Räubers Arm, aber allgemach schlief es ein, ruhte an der Brust seines Mörders und sagte im Traum zu ihm: »Du guter Vater!«

Da sah der König erschrocken auf das Kind. Er sah es mit finsterem Auge an. Aber er sah es zweimal und dreimal, und durch die Mainacht kamen in Sternenglanz und Mondschein alte Freunde, Jugendfreunde seiner Seele: reine, wundersame Gedanken. Nur weil er so versonnen war, nur weil er wie in müdem Traum durch den Wald ritt, wies er sie nicht ab.

Und er sah das Kindlein noch einmal an, wie es im Glanz des Himmelslichtes in seinem Arm lag, und wandte in Sinnen versunken langsam sein Roß und trug das Kind in das Haus seiner Eltern zurück.

Die schrien, als sie den Kral erkannten. Das erwachte Kind aber, als es sich wieder bei seinen Eltern sah, lächelte und sagte:

»Oh, er hat mir nichts getan; er hat mich nur ein wenig auf seinem Pferde reiten lassen.«

Da ging der Kral rasch von dannen.

* * * * *

Und die gute Tat ging dem Kral nach in sein böses Leben. Wohl blieb er ein wilder Räuber, aber er stahl keine Kinder mehr. Und wenn das bittere Heimweh kam, das alle bösen Herzen von Zeit zu Zeit überkommt, wenn es nicht wich bei Raubzug und Zechgelag, dann lenkte der Kral sein Roß zu dem Hause der Rinetta, die lieblicher aufblühte von Jahr zu Jahr.

Zuletzt faßte den Kral eine so verzehrende Liebe zu dem Mädchen, daß er einsam wurde und wochenlang aus seiner Burg nicht herauskam.

Seine Spießgesellen murrten. Viele jagte der Kral davon, andere zogen auf eigene Faust in die Fremde. Am Ende war der Kral allein, und am nächsten Tage kam Rinetta zu ihm als seine Frau. Von da an tat er keinen Raubzug mehr.

* * * * *

Und es geschah ein großes Wunder im Wendenland, als Rinetta dem Kral einen Sohn schenkte. Da ward der Kral dem Lande ein gütiger Vater. Er verteilte von den ungeheuren Geldschätzen, die er gesammelt hatte, er baute Weiler und Dörfer, er wurde ein Feind und Vernichter aller Räuber, die noch im Lande waren.

Einmal, als der Kral auf einer Wiese ein Fest feierte, fiel vor ihm eine silberne Kugel vom Himmel. Alles Volk sah das Wunder. Und es kam ein Mann aus dem Walde, der hob die Kugel auf und fing an, sie zu kneten und zu drücken, als sei sie aus Wachs, und er formte aus dem Silber eine Krone.

Die Krone übergab er kniend dem Kral. Der setzte sie aufs Haupt, und alle Wenden jauchzten ihm zu.

Der Mann, der die Krone geformt hatte, verschwand und ist nicht mehr gesehen worden.

* * * * *

Einzelne von den ehemaligen Spießgesellen des Kral aber hatten in der Welt Morkusky, den Nachtjäger, getroffen und hatten ihm gesagt: »Freue dich, es ist Friede zwischen den Deutschen und den Wenden, und der Kral sitzt bei seiner Frau und singt ihrem Sohne Wiegenlieder.«

Da brach der Nachtjäger zornschnaubend auf und sammelte in allen verrufenen Spelunken der Welt, in den Felsgründen wilder Gebirge und auf unwirtlichen Straßen ein großes Räuberheer. Damit fiel er im Wendenlande ein. Als er an die Spree kam, verwandelte er sich in einen Adler, der so groß war wie ein Pferd, flog zwölfmal um die Burg und tat beim dreizehnten Mal einen Zauberspruch, durch den das Schloß mit allem, was darin war, in die Erde sank und der See austrocknete, so daß nur einige kleine Wässerchen übrigblieben.

Der Kral aber, der durch einen guten Geist gewarnt worden war, war mit seiner Frau und seinem Sohne ausgezogen.

Er wanderte mit ihnen in einen tiefen Wald. Dort vergrub er die Krone in einen Hügel und sprach:

»Hier soll die Krone liegen, bis eine Jungfrau sie mit einer silbernen Schaufel ausgraben wird.«

* * * * *

Es kam zu der großen Schlacht der Wenden gegen die Räuber. Das Blut floß derart in Strömen, daß es eine Wassermühle in Bewegung setzte, die die Blutmühle heißt bis auf den heutigen Tag. Und die Heide färbte sich rot und bleibt rot für alle Ewigkeit. Die Verwundeten selbst kämpften, auf ihre Schilde gestützt. Die Wenden siegten; alle Räuber wurden getötet. Der Kral selbst erschlug ihrer hundertundeinen.

* * * * *

Zuletzt aber sprengte der Nachtjäger gegen den Kral an, wie er es schon einmal vor vielen Jahren getan, als der junge König nur den Fliederstecken trug.

Auch jetzt hob der Kral den Arm gegen den wilden Jäger. Aber das Schwert, das er aufhob, triefte von Blut, und der Nachtjäger floh nicht wie damals, sondern schrie höhnisch:

»Wiegenliedsänger! Kinderfresser! Sieh, was ich habe!« Er hatte das Schlangenschwert, mit dem der Kral ehemals seine Untaten vollführt und das er nach seiner Bekehrung in einen Sumpf geworfen hatte.

Dieses Schlangenschwert stieß der Nachtjäger dem Kral ins Herz. -- --

Eine weiße Wolke stieg von dem Leichnam des Kral zum Himmel. Diese weiße Wolke wandert immerzu über das Wendenland. Auch an ganz sonnenhellen Tagen ist sie tief im Blauen am Himmel zu sehen.

* * * * *

Die Königin Rinetta aber hatte am Tage der Wendenschlacht ein weißes Roß bestiegen und war über die Heide gejagt, um dem geliebten Gemahl beizustehen, wenn er in Not sei. Als sie an die Spree kam, traten ihr drei wendische Männer entgegen, klagten und riefen: »Unser Kral ist tot!« Da sprang das Roß der Königin in die Spree und versank mit ihr. Nichts war mehr von beiden zu sehen. Nur ein weißer Fisch schwamm im Wasser.

* * * * *

Und der weiße Fisch sah aus dem Wasser, und die weiße Wolke hielt still am Himmel, wenn der junge Königssohn am Uferrande spielte.

* * * * *

Es geschah aber, daß die Deutschen, als sie hörten, der Kral sei gefallen und sein Schloß sei versunken, in das Land kamen und es unter ihre Herrschaft brachten. Die Wenden waren zu schwach, um ihnen zu widerstehen. Die Deutschen forschten nach dem Königskinde, aber niemand hat es verraten, obwohl alle Leute im Wendenlande es kannten.

* * * * *

Und der Sohn des Kral wurde ein Bauer. Er hatte sechs Söhne, und dem ältesten von ihnen zeigte er den Ort, wo die silberne Krone begraben lag, und sprach:

»Bewahre das Geheimnis, und vererbe es auf den ältesten Sohn! Wenn die Zeit erfüllt ist, wird die weiße Wolke in den Himmel verschwinden, wird der weiße Fisch ins Meer schwimmen bis dorthin, wo das Meer in den Himmel fließt, und eine reine Jungfrau wird kommen und mit einer silbernen Schaufel die Krone ausgraben. Der, der dann Kral sein wird, wird die Krone tragen und unser Volk zum ersten der Erde machen. Wenn ich tot bin, bist du der Kral. Und wenn du tot bist, wird dein ältester Sohn der Kral. So soll es sein und bleiben durch alle Zeit.«

* * * * *

Der Nachtjäger aber wagt sich nur noch in den sieben bösen Nächten, die zwischen Weihnachten und Neujahr sind, ins Wendenland. Dann ist die weiße Wolke hinter undurchdringlichen Nebeln verborgen, der weiße Fisch wohnt in einem festen Haus von Eis, und die silberne Krone liegt tief unter dem Schnee im Walde.

Das ist die Sage vom Kral, die durch tausend und viele Jahre im Wendenvolk lebt und die an dem Abend, da Hanzos Frau am Sterben war, wieder lebendig wurde, von den Heidewiesen des Oberlandes an bis tief hinunter in die Strohhütten an der Spree, so daß sich die Fischer im Niederland wie die Hirten im Oberland es zuraunten: »Die Frau des Kral stirbt.«

Wieder einmal stand das Volk an einer Wende. Nur wenig änderte der schmale Weg, den seine Geschicke durch das Land der Geschichte nahmen, seine Richtung.

Nur die Frau des Kral starb. Ein derbes, tüchtiges Bauernweib ging dahin. Der Kral selbst lebte.

Er ging durch den Hof und durch die Zimmer so steiffeierlich wie immer. Nichts war anders an seiner hohen Gestalt. Und die schmalen Lippen des bartlosen Gesichtes waren so fest, so ohne sichtbare Linie des Grams zum Schweigen aufeinandergepreßt wie in den Tagen der Freude, wo auch kaum ein leises Lächeln um seinen Mund, ein heimliches Leuchten in seine Augen kam.

Nur die Frau des Kral starb!

Aber sie war für den Königsgedanken wichtiger als alle. Ihre Frauenseele hatte das große Geheimnis am besten betreut. Weil ihre Kindlichkeit an alle jene nationalen Wunder am festesten glaubte. Nicht, daß sie die Hoheit des Gedankens erfaßt hätte. Sie war keine Heldin, sie war eine Hausfrau. Sie hütete den Königsgedanken wie ein kostbares Erb- und Prunkstück.

Es war ein Unglück für wendisches Volkstum, daß diese Frau starb. Die alte Art fing an zu vergehen. Die jungen Burschen lachten über den Nachtjäger; und wer bei der Garde gedient hatte, erwartete vielleicht, daß ihn sein Kral grüße. Die Mädchen, kaum fürchteten sie noch. Und die alten Sagen standen nur lebendig wieder auf, wenn etwas Schreckliches kam: ein wildes Wetter, der bleiche Tod oder die bleiche, unglückliche Liebe.

Dann wurden auch für die jungen Herzen die alten Wunder wieder wach. --

In lichten Augenblicken, wenn das Fieber etwas nachließ, betete die Frau mit lauter Stimme zu ihrem Herrn und Heiland Jesus Christus. Sie hatte jenes Christentum, das den Alten eigen war, die im Walde immer noch ihre heidnischen Geister huschen hörten, wenn sie gläubig zur christlichen Kirche schritten, oder wie jene Heilandsleute, die in Christus den größten Helden und in seinen Aposteln Ritter und Reisige voll Kraft und Mut verehrten.

Und zwischen ihrem Beten lenkte die Kranke das Ohr lauschend nach dem Hoftor, ob die Söhne nicht kämen.

»Ich muß mit Juro reden wegen Hanka und vom Kral.«

Dann kam das Fieber wieder, und sie sprach von ihrer Brauthaube, von der Heyka des Urvaters und von Morkusky, dem bösen Zauberer.

Es war schon tief in der Nacht, als ein Wagen in den Hof fuhr. Das Hoftor war seit dem Morgen weit geöffnet geblieben.

Die Dienstboten huschten aus dem Gesindehaus; der alte Scholta erschien in der Haustür.

Juro und Samo, mit Staub bedeckt, entstiegen dem Wagen. Sie waren die ganze Nacht gewandert, den ganzen Tag gefahren.

Der Scholta ging seinen Söhnen entgegen.

»Ihr kommt noch zur rechten Zeit. Morgen früh wäre es zu spät gewesen.«

Da schmiegten sich die Söhne an den Vater, und er schlang die Arme um sie, und es war ein Bild einträchtiger Liebe zu der einen.

Leise gingen sie dann nach der Krankenstube, und die jungen Männer knieten nieder am Bett der kranken Frau, die bewußtlos war. Sie weinten, wie heimkehrende Söhne weinen, wenn sie die Mutter im Sterben finden.

Bis an die zartesten Wurzeln unseres Seins rührt der Tod, wenn er uns die nimmt, die uns das Leben gaben oder denen wir das Leben gaben. Aber wenn beim Tode einer Frau der Gatte mehr leidet als ihre Kinder, ist das Entartung?

Wer litt hier am tiefsten? Samo, der sich leidenschaftlich schluchzend an den Bettpfosten klammerte -- Juro, dessen Brust zuckte und dessen Hände irr über das blasse Gesicht fuhren -- oder der alte Scholta, der am Tische lehnte, seine Frau betrachtete und sich nicht rührte?

Diese drei dort, die beiden Jünglinge und die Frau, sind ein Fleisch und ein Blut, sind sich innig verbunden von der ersten Sekunde ihres Seins an.

Er, Hanzo, ist nicht ihr Fleisch und Blut, er hat sie vor kaum dreißig Jahren nicht einmal gekannt.

Und wenn sie jetzt geht? Wenn ihr Leben ausgelöscht wird wie eine Kerze? Wird nicht dennoch auf dem Wege jener beiden bald ein neues Licht leuchten, und wird nicht der alternde Mann seine dunkle Straße allein ziehen?

Feine, stille Grenzen sind im Menschenland. Und die volle Lebenskameradschaft hat doch ein weiteres Gelände, als die Erbgebiete des Blutes sind. --

Die Söhne erhoben sich, setzten sich auf zwei Stühle. Sie waren müde. Müde von der langen Reise und von Angst und Groll, die sie gequält hatten.

Hanka trat ins Zimmer. Die Jünglinge reichten ihr die Hand. Sie kannten sie kaum. Vor vielen Jahren hatten sie das Mädchen einmal gesehen, als sie noch heranwachsende Burschen waren und die Hanka noch ein Kind war. Aber sie wußten, daß sie eine entfernte Verwandte war, drüben aus dem Sächsischen. Eine aus der Familie, die nach der Tradition als die königliche galt. Auch die Mutter war von dort her. Wie kam das Mädchen hierher?

Der Vater gab flüsternd eine kurze Aufklärung. Nun erst erfuhren die Söhne, auf welchem Wege die Mutter verunglückt war.

Beklommen standen sie dem Mädchen gegenüber.

Die Kranke begann wieder zu sprechen.

»Eine reine Jungfer muß es sein -- die mit der silbernen Schaufel nach der Krone gräbt ...«

»Nicht die, die unter dem Flieder liegt ...«

»Ja, der Lobo ist ein Süffling -- ja ...«

»Aber Juro -- Juro und Hanka ...«

»Ich will mit ihm reden -- wegen Hanka und vom Kral.«

»Ach, bleib mit deiner Gnade Bei uns, Herr Jesu Christ!«

Da erwachte sie.

»Juro! -- Samo! -- Seid ihr da? Seid ihr gekommen? -- Seid ihr gesund? -- Geht es euch gut? Habt ihr schon zu essen bekommen?«

Sie herzte die Söhne, sie hörte ihre Liebesworte. Sie herzte sie wieder. Sie sah Juro forschend an.

»Ich wollte -- wollte -- etwas mit dir reden -- ich weiß es nicht mehr -- was wollte ich doch mit dir reden ...?«

Dann plötzlich schrie sie:

»Macht das Fenster auf!«

Und sie versank in den Todeskampf.

Der Scholta wurde blaß bis auf die Lippen. Aber er ging ohne Schwanken zum Fenster und öffnete es.

Noch als er sich an dem einen Flügel festhielt, starb die Frau.

Und der Mann glaubte zu fühlen, wie die erlöste Seele vom Bette herschwebte, ihm noch einmal die Stirn berührte und sich dann durch das geöffnete Fenster aufschwang zum Firmament, das mit Millionen winkender ferner Heimatlichter herniedergrüßte.

Hanka und die Söhne knieten weinend am Bette.

Der alte Hanzo trat heran und drückte der Toten die Augen zu. Er nahm ihre rechte Hand zwischen seine beiden Hände zum Abschied und zum Gebet. Dann wandte er sich ab, nahm ein großes Tuch, verhängte den Spiegel, der an der Wand hing, und hielt die Uhr an. Das alles tat er mit ruhiger Gewissenhaftigkeit.

Zuletzt ging er in den Hof und rief das Gesinde zusammen.

»Die Frau ist gestorben!« sagte er schlicht und stand hochaufgerichtet im mondbeschienenen Hofe. Nach den wenigen Worten ging er nach dem Hause zurück. Der alte Knecht Kito aber trennte sich von dem jammernden Weibsvolk, ging nach den Viehställen, trieb die schlummernden Tiere auf und rief mit seiner alten Stimme durch den Stall:

»Die Frau ist gestorben!«

Da brüllten ein paar Kühe auf, und die Pferde klirrten mit den Halfterketten.

Kito ging weiter bis in den Großgarten, wo die Bienenstöcke standen, klopfte dreimal an jedes Bienenhaus und sagte dann laut und deutlich:

»Die Frau ist gestorben!«

Da kam es wie ein leise summendes Geflüster aus den Bienenstöcken.

Kito ging an die Hundehütte.

»Tyra, die Frau ist gestorben!«

Das Tier rührte sich nicht. Es war tot.

Zitternd ging der alte Knecht in seine kleine Stube, wo in einem kleinen Bauer ein schlafender Kanarienvogel saß. Er weckte das Tierchen, das ihn müde anblinzelte, und sagte ihm:

»Die Frau ist gestorben!«

Da sang der Vogel eine wehmütige kurze Melodie und schlief wieder ein.

Am Tage vor dem Begräbnis ritt Heinrich von Withold, Elisabeths Bruder, in den Hof des Scholta. Er sprang vom Pferde und reichte die Zügel einem Mädchen hin, das eben in die Haustür trat. Es war Hanka.

»Bind mal den Gaul an einer passenden Stelle fest, schönes Kind!« sagte Heinrich leutselig.

Das Mädchen errötete, und ihre hohe Gestalt straffte sich.

»Ich werde einen Knecht oder eine Magd rufen«, sagte sie.

Da sah Heinrich von Withold ein, daß er wohl eine Unhöflichkeit begangen habe. Er stammelte eine Entschuldigung und band sein Roß selbst fest.

»Ich bitte um Verzeihung, verehrtes Fräulein«, sagte er dann; »ich bin ja hierzulande nicht fremd, aber ich kann mir die Abzeichen der Wendentracht partout nicht merken. Wollen Sie mir sagen, meine Gnädigste, ob ich den Herrn Scholta sprechen kann?«

»Da kommt er schon.«

Der wendische Großbauer und der deutsche junge Edelmann traten sich gegenüber. Heinrich geriet in Verlegenheit, aber dann nahm er all seinen Schliff zusammen und sagte:

»Herr Scholta, ich erlaube mir, Ihnen namens meiner Familie einen Kondolenzbesuch abzustatten und Ihnen anläßlich des Hinscheidens Ihrer Frau Gemahlin unser herzlichstes Beileid auszudrücken. Mein alter Herr würde dieser traurigen Pflicht selbst nachgekommen sein, aber er ist noch verreist. Wollen also mit dieser Stellvertretung gütigst vorliebnehmen.«

Auf diese geschniegelte Rede hin wußte der alte Wende nichts zu sagen. Er nahm verlegen seine Kappe ab und sagte:

»Ja -- ja, die Frau ist gestorben!«

Darauf wußte wieder Heinrich von Withold nichts zu sagen. Und so entstand eine peinliche Pause. Zum Glück kam Juro aus dem Hause. Heinrich eilte auf ihn zu, umarmte ihn, küßte ihn und drückte ihm dann warm die Hände.

»Alter Junge, das hat mir aber scheußlich leid getan!« sagte er bewegt.

Nach diesem studentischen Freundschaftsausbruch besann er sich aber gleich wieder auf seinen höflichen Ton und erklärte Juro:

»Ich habe mir erlaubt, dem Scholta, deinem alten Herrn, anläßlich des Hinscheidens deiner Frau Mutter die Kondolation unserer Familie zu überbringen.«

Es entstand wieder eine Pause, und Heinrich erklärte also, er habe bloß seine Mission ausrichten wollen, werde jetzt nicht weiter stören und gestatte sich also, sich zu empfehlen. Darauf begann endlich Hanzo, der Scholta, zu reden. Er sagte wohl an die zehnmal: »Nein, nein!« Der gnädige junge Herr müsse ins Haus treten und dürfe eine kurze Gastfreundschaft nicht verschmähen. Der Scholta selbst band Heinrichs Pferd los, um es nach einem Stall zu führen. Der höfliche junge Mann suchte diesen Dienst auf alle Weise zu hindern, was ihm aber mißlang, und ging schließlich selbst mit nach dem Stall, wo er über die dort befindlichen Pferde enthusiastische Urteile abgab, die in der Mehrzahl Unsinn waren und von gar keiner Sachkenntnis zeugten und die der Scholta schweigend anhörte.

»Und der Blauschimmel, Herr Scholta, der Blauschimmel! Ein Götterroß!«

Der alte Hanzo rückte verlegen an seiner Kappe.

»Ich habe das Pferd für eine Forderung eingetauscht«, sagte er. »Es wird wenig benutzt. Ich brauche es nur fürs Osterreiten. Und sonst ist es für die Jungen, wenn die mal zu den Ferien sind.«

»Ein Götterroß, Herr Scholta! Ich kann mir's denken; es ist vom alten Hinzberg, von dem deutschen Rittermäßigen, der überall Schulden hatte, natürlich auch bei Ihnen.«

Hanzo antwortete nicht. Sie verließen den Stall.

»Ich möchte riesig gern noch etwas mehr von Ihrer Musterwirtschaft sehen, Herr Scholta«, sagte Heinrich darauf. »Wissen Sie, wenn man nun mal Landwirtschaft studiert, interessiert einen das mächtig. Aber die Veranlassung meines Besuches ist zu trauriger Art.«

Hanzo machte eine Handbewegung und führte dann Heinrich durch sämtliche Wirtschaftsräume, zeigte ihm alle Wirtschaftsgeräte, führte ihn bis hinter das Gehöft, von wo man einen großen Teil der Felder übersah, und erklärte alles mit einer ihm sonst ganz ungewöhnlichen Gesprächigkeit. Hanzo wäre kein wendischer Bauer gewesen, wenn er das nicht getan hätte.

Und als er seinen Gast endlich in ein kleines Stübchen geführt hatte, wo seine Söhne und Hanka mit einem Frühstück warteten, ging er selbst nach »der guten Stube«, wo seine Frau aufgebahrt war. Und es war, als ob die tote Bäuerin lächelte.

»Hast du ihm auch alles gezeigt? Nicht wahr, es hat ihm gefallen? Es muß ihm ja gefallen!«

Juro begleitete seinen Freund nach Hause. Sie legten die gute Wegstunde zu Fuß zurück. Das Reitpferd führte Heinrich am Zügel. Sie gingen lange schon über die Felder, da fragte Heinrich:

»Ist das hier noch euer Besitz, Georg?«[5]

»Ich glaube wohl; aber es ist erst dazugekauft worden von meinem Vater und Großvater. Das waren tüchtige Landwirte. Und deshalb muß ich ja durchaus landwirtschaftliche Studien machen, obwohl ich doch Mediziner bin.«

»Ja, ich weiß es. Sie wollen einen gelehrten Herrn auf großem Besitz aus dir machen. So 'ne Art kleinen ›König der Wenden‹.«

Juro errötete und schwieg.

»Und was wird jetzt werden?«

»Ich möchte -- wenn das möglich wäre -- Jura studieren und Theologie und Medizin und möchte alles tun für die braven Leute, die hier wohnen, und möchte sie so recht heimisch machen und vorwärtsbringen im deutschen Vaterland.«

Heinrich lachte.

»Ein guter Prediger würdest du sein. Wenn du willst, sprichst du mit Schwung. Und ernst bist du. Eigentlich doch ein Grübler. Es ist ein reines Wunder, daß du mit einem so leichten Huhn, wie ich bin, dich befreundet hast.«

Er wartete keine Antwort ab.

»Übrigens, dein Bruder Samo -- du, der hat mir heut wieder Augen gemacht! Höflich war er ja -- na ja, weil ich der Gast war, aber Augen -- -- du, wenn der mich fressen könnte, mich und alle Deutschen!«