Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald
Part 3
»Na, hört sich alles auf! Kommt so'n Kerl, Wilhelm Tielscher oder so ähnlich -- also Ihr Knecht -- kommt der mitten in der Nacht, klingelt mich raus und sagt, ich müsse sofort zu seiner verunglückten Frau kommen. Na, ich hab' den Morgen abgewartet und bin nun hier. Die Fahrt durch Ihre Sandgruben und Schlammgräben ist doch kein Vergnügen. Ist das nu Ihre Frau?«
»Ja! Und verunglückt, schwer verunglückt ist sie auch -- ja! Aber Sie rufen lassen habe ich nicht -- nein!«
»Das ist stark! Mich hierher in dieses weltverlorene Nest -- Ja, Mann, sehen Sie nicht, daß die Frau stirbt?«
»Ja, das sehe ich!« sagt der Scholta ganz leise.
»Und Sie lassen die Frau so liegen? Was ist denn das für ein schauderhafter Qualm hier?«
Der alte Kito tritt vor.
»Ich habe die Frau angeräuchert und das Blut besprochen«, sagt er mit großem Ernst.
»Beräuchert? Besprochen? Ja, Menschenkinder, gibt's denn im neunzehnten Jahrhundert wirklich noch solch schafsdämliche Gesellschaft? Seid ihr denn verrückt?«
»Herr Doktor! -- Herr Doktor! -- Herr Doktor!«
Mehr bringt der weißhaarige Alte nicht heraus. Aber mit seinem angebrannten Grasbüschel fährt er dem Arzt vor dem Gesicht herum.
»Herr Doktor -- ich habe -- im Namen Gottes --«
»Im Namen Gottes wird der hellste Blödsinn vollführt seit ewigen Zeiten!« schrie der Doktor. »Macht das Fenster auf! -- Und Sie -- Sie sind doch der Mann von der Frau? Soll ich sie nun untersuchen oder nicht?«
Der Scholta senkte den Kopf und schwieg.
»Also -- da -- da macht doch, was ihr wollt!«
Zornschnaubend wandte sich der Arzt nach der Tür. Da eilte ihm Hanzo nach.
»Herr Doktor -- können Sie -- können Sie meiner Frau wirklich das Leben retten?«
»Natürlich kann ich. Dafür bin ich Doktor! Aber ihr mit eurem blödsinnigen Quatsch macht ja alles zuschanden. Adieu!«
»Herr Doktor! Herr Doktor! Ich bitte so sehr! Ich gebe alles, was Sie wollen, wenn Sie es wirklich können!«
»So! Auf einmal! Erst wird man behandelt wie'n Schuhputzer, und dann --«
Er kehrte um, tat einige barsche Fragen und enthüllte dann die bewußtlose Frau, um sie zu untersuchen.
Der alte Hanzo wandte sich ab. Er schluchzte, und seine Brust krampfte sich zusammen. Der Sohn der Heide litt darunter, daß ein fremder Mann seine Frau sah. Der alte Kito schlich mit seinem Grasbüschel hinaus.
Eine lange schmerzliche Pause. Die Sonne sah zum Fenster herein und vergoldete den Rautenkranz, den der Scholta bei seiner Trauung getragen, und in dem alten Glasschrank war Licht und Glanz, und in der keuschen Seele des Bauern war Nacht und Qual.
»Hm! Da ist nichts mehr zu machen! Da ist es vorbei!«
»Herr! -- Und da -- da -- da -- haben Sie erst --«
»Was habe ich?«
»Sie -- Sie -- Mariana --«
Der alte Scholta sinkt am Bett nieder und deckt alles, was er mit seinen zitternden Händen erlangt, hastig über seine Frau.
»Ja, Mann, was wollen Sie eigentlich?«
Der Scholta springt auf.
»Können Sie -- können Sie ihr nicht helfen?«
»Nein! -- Es ist vorbei --!«
»Und Sie haben --«
»Was habe ich?«
»Sie erst -- erst -- erst --«
»Also, Mann, brüllen Sie mich nicht an! Ich hab' die Sache endlich satt. Adieu!«
Mit kraftlos herabhängenden Armen, an denen sich die Fäuste ballten, sah der alte Wende dem Arzte nach. -- --
Oh, es war schade!
Es war schade, daß kein besserer Arzt, kein besserer Deutscher, kein besserer Mensch in diese wendische Krankenstube trat. Und es war schade, daß der deutsche Knecht Wilhelm Tielscher sechs Wochen lang ins Gefängnis gesteckt wurde, weil er den Arzt, den er auf der Heimfahrt begleitete, unterwegs aus dem Wagen gezogen, durchgeprügelt und zu Fuß hatte heimgehen lassen.
Als der Abend kam, sagte die kranke Frau: »Nehmt mich aus dem Bett. Holt das Sterbestroh und legt mich darauf!«
Alle wehrten ab.
»Ich muß sterben,« sagte die Frau, »und es möchte niemand mehr in den Betten schlafen, in denen ich gestorben bin. Legt mich auf das Stroh!«
Sie verlangte den alten wendischen Brauch, der das Bettzeug nicht unbrauchbar werden lassen will, weshalb der Kranke vor seinem Verscheiden neben das Bett auf Stroh gelegt wird.
»Es ist schade um die Betten!« sagte die sparsame Frau. »Ihr müßtet sie verbrennen!«
Hanzo neigte sich über sie und sagte:
»Weißt du nicht, wer du bist?«
Da flog ein stolzes Lächeln über das Antlitz der Kranken, und sie sagte wieder:
»Hanzo, es war eine Gnade!«
Dann sprach sie stolz zum alten Kito und zu Hanka:
»Ich sterbe im Bett, weil mein Mann der Kral[3] ist.«
Sie nahm ihn an der Hand und flüsterte:
»Ich werde noch so lange leben, bis Juro kommt. Ich muß noch mit ihm reden wegen Hanka und vom Kral.«
Er nickte und saß am Bette und hielt ihre Hand.
Und so warteten die beiden auf ihre Söhne und auf den Tod.
Aber zwischen alles schwere Leid und alle Erwartung mischte sich immer der Königsgedanke. Der Königsgedanke war im ganzen Haus -- bei der Frau als die stolzeste Erinnerung ihres entfliehenden Lebens, bei dem Manne und bei allen Wenden in Haus und Hof.
Es war die Gewißheit, hier geschehe etwas anderes, Größeres, als wenn sonst eine wendische Frau starb.
Die Frau des Kral starb, die heimliche Königin der Wenden schied aus dem Leben.
Dieser Gedanke ging durchs Dorf: der alte Briefträger trug ihn über die Heide; ein Händler fing die Kunde auf und trug sie weiter; am Ackerpflug, am Webstuhl wurde er besprochen, und bald sagten sich die Schiffer und Fischer drunten im Niederland an der Spree wie auch die Schafhirten im Oberlande heimlich und scheu: »Die Frau des Kral stirbt!«
Als dieser Abend weiter vorschritt und der Nachtwind ans Fenster klopfte, schrie die Frau auf:
»Oh -- der Nachtjäger!«
Die Mägde stürzten mit neuem Tee herbei, mit Wohlverleih und Schwarzwurzel, die da gut sind für die Wunden, und sie brachten Bitterklee gegen das Fieber.
Im Wundfieber sprach die Frau vom König der Wenden. Wirr waren ihre Worte: vom verblühten Flieder sprach sie, von der ledernen Brücke, von toten Kindern und vom Spinnen und Weben -- abgerissene, harte Worte vom Untergang, und dann lachte sie dazwischen, rief nach Juro und Samo, gab Befehle für die Milchwirtschaft und kam wieder auf den Kral und sprach von einer silbernen Schaufel, von einer weißen Wolke und einem weißen Fisch ...
* * * * *
Es ist aber dieses die
+Sage vom Wendenkönig.+
Es war vor tausend und vielen Jahren. Der Winter war mit seinem Eis bis auf den Grund der Spree gedrungen und sprach mit knirschenden Worten zu den Waldbäumen, die, in silberne Panzer gezwängt, seine Fronsleute waren.
Da ritt vom verrufenen Kreuzweg her der Nachtjäger Sturm gegen die gepanzerten Bäume. Er hatte das Gesicht im Nacken und pfiff mit gellem Ton seinen sieben Wolfshunden. Die hatten Schweinsköpfe und kamen mit fliegenden Flanken und triefenden, behaarten Zungen dahergejagt. Das pechschwarze Roß des Nachtjägers sprang zur Höhe, daß Funken von den Hufen auf das Eis des Weges sprühten, und gelbes Feuer brach aus den Nüstern des Rosses.
So ritt der Nachtjäger Sturm. Ein Beben ging durch den Wald, und alle Panzer klirrten, und alle Bäume duckten sich angstvoll und gramvoll nieder.
»Hallojoho! Hallojoho! Hallojoho!«
Eine Peitsche knallte, die Rüden bellten heiser und hohl. Der Nachtjäger lachte. Wo er vorüberritt, verhüllten sich alle Sterne. Wo er vorüberritt, kam das Sterben über das Vieh, erblindeten alte Leute, ging Jungfrauenehre verloren, ringelten sich graue Stricke gleich lockenden Schlangen in die Hände verzweifelnder Menschen.
»Hallojoho! Hallojoho!«
Die Luft dröhnt und brüllt, Raben flattern zuckend am Boden, die ersten Bäume brechen zusammen.
Hallojoho! Der Nachtjäger ist da! -- --
Da tritt ein Mann aus dem Wald. Er trägt einen Pilgermantel und einen Stecken als Stab.
»Hallojoho! Ich reite dich zu Blut und Knochenbrei, und meine Hunde fressen dir Auge und Herz!«
Der Fremdling aber hebt seinen Stab und steht plötzlich in großer Stille, steht in silbernem Mondenlicht und lächelt. Da bäumt das Roß des Nachtjägers hoch auf, da dreht sich der Kopf des wilden Reiters in wüstem Wirbel, da heulen die Hunde wie unter grausamer Peitsche, da wendet sich der böse Troß zu jäher Flucht.
Die Wolken zerreißen, Mondenschein und Sonnenlicht fällt auf die Wiese, der Wald richtet sich auf, und der Wanderer geht auf ein kleines Haus zu, in dem ein Licht brennt.
* * * * *
Am knorrigen Ast des Apfelbaumes vor dem Hause hing ein alter Mann. Die Glieder zuckten noch im Todeskampf. Der Fremdling knüpfte den Gehenkten los, stellte ihn auf die Füße, stützte ihn mit jugendstarkem Arm und fragte nach einer Weile:
»Warum wolltest du sterben?«
Der Greis keuchte etwas von Not und Elend, von Krankheit unter dem Vieh, vom harten Winter und harten Hunger.
»Der Nachtjäger hat dich betört! Komm ins Haus!«
In der Hütte saß die Frau des alten Mannes. Sie war blind.
»Warum bist du blind?« fragte der Fremdling.
»Weil ich so viel geweint habe!«
»Und warum hast du geweint?«
Sie machte eine müde Gebärde.
Da zog der Fremdling eine goldene Schale aus der Tasche, darin war eine kristallklare Flüssigkeit, und er strich mit der Flüssigkeit über die Augen des alten Weibleins, und sie jauchzte und lachte mit ihren wieder geöffneten Augen.
Der alte Mann aber kniete am Tische nieder und sagte: »Du bist der König der Wenden!«
Und das alte Weiblein kniete am Tische nieder und sagte: »Du bist unser Kral.«
»Ja, ich bin der Kral der Wenden«, sagte der Fremde mit Feierlichkeit.
Dann zog er eine Spindel aus der Tasche und ein Säckchen mit Leinsamen und belehrte die alten Leute, wie sie Flachs bauen und spinnen sollten. Und wenn erst alle Leute Flachs bauten und spännen, dann würde die Not fort sein aus dem Wendenlande.
Diese Leute hatten aber eine schöne Tochter. Sie war groß gewachsen und üppig gebildet, hatte helle Haare und ein rotes Gesicht; ihre Arme waren stark und ihre Füße flink.
Sie trat nun in die Stube und sah den Fremdling, und er sah sie. Und sie sahen beide ihre junge Gesundheit und ihre schöne Kraft und liebten sich alsobald.
»Ich höre, daß die Krankheit unter dein Vieh gekommen ist«, begann der Fremde.
»Ja, es ist so«, antwortete das Mädchen.
»So komm mit mir in den Stall!«
Sie gingen in die Winternacht hinaus nach dem Stalle, in dem die Kühe krank die Köpfe hängen ließen.
Der Fremde ließ die Tiere an einem Salz lecken, hob dann die Hand und sagte:
»Neun Brunnen sind im Mittagsland, Neun Würmer nagen am Ufersand. Die Brunnen versiegten beim Morgenrot, Die Würmer waren am Mittag tot, Zu Abend und Nacht ich spreche dies Wort: All' Krankheit weiche von diesem Ort!«
Da wurden die Tiere gesund.
Am nächsten Tage, als es Mittag war und die Sonne klar über das weiße Feld strahlte, nahm der Fremde das Mädchen an der Hand, führte es in den kleinen Garten vor der Hütte und sagte:
»Ich schenke dir diesen Stab, den ich hier in die Erde stoße. Er wird zu einem Baume werden, an dem tausend Blumen blühen werden. Und der böse Jäger wird nimmermehr Macht haben über euch.«
Das Mädchen dankte ihm, und als sie der Fremde so sah in ihrer Schönheit und Stärke, sagte er:
»Du bist schön und gefällst mir wohl, und ich möchte dich zum Weibe nehmen, wenn du mir in Wahrheit sagen kannst, daß du eine reine Jungfer bist.«
Da erglühte das Mädchen, und dann wurde es blaß, und es sah auf den herrlichen Jüngling und zögerte noch drei Herzschläge lang und sagte dann:
»Wohl, ich bin eine reine Jungfrau!«
Er fragte weiter:
»Sage mir noch, wer der Mann war, den ich gestern abend von deinem Hause schleichen sah, ehe ich bei euch eintrat.«
Sie antwortete:
»War es keiner vom wilden Heer, so war es wohl ein Dieb.«
Darauf nahm er sie in seine Arme, küßte sie und sagte: »Am Tage des nächsten Vollmondes soll unsere Hochzeit sein.« --
Nach drei Tagen war aber im Kretscham des Dorfes Spiel und Tanz. Da war auch der Fremde dabei, und er tanzte mit seiner Braut bald zierlich, bald keck und feurig, bis die Sterne hoch standen.
Dann aber fielen die Burschen des Dorfes, die von einem eifersüchtigen jungen Manne aufgehetzt waren, über den Fremden her, um ihn zu töten.
Er aber warf sie -- hundert an der Zahl -- mit Riesenkräften der Reihe nach auf die Straße, und den einen, der das Messer nach ihm zückte, schlug er mit einem Fausthieb nieder.
Da riefen die draußen auf der Straße: »Weh', er hat ihren Buhlen erschlagen!«
Der Fremde sagte zu den Spielleuten, der Tanz sei aus, und ging in den Wald.
Am anderen Tage, als wieder die Mittagssonne klar übers Feld schien, kam er zurück in die Hütte seiner Braut, nahm das Mädchen bei der Hand und führte sie nach dem Garten, wo der Wanderstecken in der Erde steckte.
Und er fragte sie mit strenger Stimme:
»Hatten jene recht, die sagten, ich habe deinen Buhlen erschlagen?«
Weil aber das Mädchen nicht »nein« sagen konnte, riß er den Stecken aus der Erde und schlug sie nieder.
Noch ehe sie starb, fragte er:
»Warum hast du mich belogen?«
Da sagte sie, daß sie ihn ja früher nicht gekannt hätte, daß sie ihn aber mit Treue geliebt hätte, als sie ihn sah. Und sie starb.
Der Fremdling stand drei Stunden neben ihr in tiefem Nachdenken. Dann holte er eine Schaufel, begrub das Mädchen und steckte den Stecken auf ihr Grab. Am selben Abend noch zog er fort in die Welt.
Als der Frühling kam, wuchs aus dem Stecken ein Fliederbaum. Und der Flieder war fortan im Wendenland. Die Blüten waren hold und lieb in jedem Jahr, und ihr Duft war süß und zart; aber wer sie pflückte, dem welkten sie an der Brust, noch ehe die Frühlingssonne unterging.
* * * * *
Nach vielen Jahren kam der König wieder ins Wendenland. Als er die Heimat betrat, wurde sein Antlitz rot und jung; er war wieder ein Jüngling.
Auf dem Sandwege im Föhrenwald begegnete ihm ein wendisches Mädchen. Sie war zierlich und schlank und trug ein Bündel unter dem Arm.
»Wie heißest du? Woher bist du? Wohin gehst du? Und was trägst du unter dem Arm?«
»Das sind viele Fragen. Ich heiße Trudetzka, ich bin aus Burg und reise nach der reichen Stadt, um mein Garn zu verkaufen.«
»Zeige mir dein Garn.«
Er prüfte es und fand es fein und regelmäßig gesponnen.
»Wer hat euch diese Kunst gelehrt?«
Sie erzählte ihm vom Kral.
Er hörte versonnen zu und fragte am Schlusse nur: »Blüht der Flieder?«
»Ja, der Flieder blüht im ganzen Lande.«
Darauf besann sich der König eine Weile lang und sagte dann:
»Verkaufe dein Garn nicht an die Deutschen. Behalte es und gehe heim. Ich werde mit dir gehen und dir das Geld geben, das du verdienen wolltest.«
Das Mädchen ging mit ihm, und sie kamen nach langer Wanderung nach Burg, das an der Spree liegt. Dort kaufte sich der Wendenkönig ein Haus. Und er baute alsbald mit kundiger Hand einen Webstuhl und wurde ein Leinweber.
Da kamen die Wenden aus allen Häusern und Wäldern. Sie kamen auf Kähnen und auf Rossen, besahen sich den Webstuhl und kehrten heim. Viele aber erkannten den starken, klugen Mann, und sie flüsterten unter sich: »Er ist unser Kral.«
Es geschah aber, daß Boten des Markgrafen Johannes, der an der Grenze herrschte, in das Haus des Kral traten und ihn fragten, ob er nicht Dienste nehmen wolle bei den deutschen Kriegern. Ein Obrist solle er sein mit goldenem Stern und funkelndem Degen.
Der Kral wies das Angebot stolz von sich. Er wollte kein Diener sein und sich auch nicht trennen von Trudetzka, um deren Lieblichkeit willen er nach Burg gekommen war.
Sein Ansehen wuchs von Tag zu Tag, und bald sagten die Leute in den Spinnstuben:
»Der Leinweber in Burg ist der König der Wenden. Er ist uns nachgekommen aus dem fernen Asia. Er wird uns reich und groß machen.«
Trudetzka aber, die goldene Münzen am Mieder trug, die ihr der Kral geschenkt hatte, sie führte den Kral an einem rotseidenen Faden wie einen Narren, und einmal lockte sie ihn in eine einsame Waldgegend und verriet ihn an Häscher des Markgrafen Johannes.
Der Kral schlug die Häscher tot. Das Mädchen aber trug er sieben Stunden weit bis an den tiefsten Sumpf. Dort senkte er Trudetzka hinein.
Und er tat einen Fluch gegen Wendenland und ging in die Welt.
* * * * *
Nach drei Menschenaltern saß der Kral in einer Herberge des Morgenlandes. Er war zum Greise geworden. Ihm gegenüber saß ein Mann mit dunklem Haar und stechend schwarzen Augen.
Der Kral hob den Kopf und sagte zu dem Fremden:
»Bist du aus Armenia?«
Da lachte der Dunkle und wies gen Norden:
»Droben im Nordland ist meine Heimat. Ich bin ein Sorb, ein Slaw; denn ich habe ›~slovo~‹, das Wort, und die Deutschen sind ›~njemski~‹, das ist stumme Hunde, denn sie können meine Worte nicht sprechen.«
Da erschrak der Kral und sagte:
»Erzähle mir von deiner Heimat!«
Und der Fremde begann:
»Es ist ein Fluß, der heißt Sprewja, und es ist ein Ort daran, der heißt Burg. Weithin bis nach der berühmten Stadt Budissin dehnen sich Felder, Wälder und Wiesen. Dort wohnen die Sorben, die von den ~njemski~ Wenden genannt werden. Das Volk war arm, aber nun ist es reich und stark, denn ein Kral ist erstanden, ein Retter und Erlöser, der hat das Volk nützliche Künste gelehrt, die es groß und reich gemacht haben.«
»Ein Kral sagst du?« fragte der Alte. »Ist er noch unter euch? Ist er jung und stark?«
Die Stirn des Fremden umwölkte sich.
»Der Kral ist lange nicht mehr bei uns. Er ist aufgegangen an unserem Himmel wie eine Sonne und ist untergegangen hinter zwei schwarzen Wolken!«
»Hinter zwei schwarzen Wolken?«
»Ja! Siehe, der Mann ist ein Stern, der auf die Erde scheint, und das Weib ist die Wolke, die von ihm vergoldet wird, die ihn weiß umrahmen, die ihn aber auch nächtlich verdecken kann. Es standen zwei schwarze Wolken an unserem Himmel, das waren zwei unwürdige Töchter unseres Volkes. Dahinter verschwand der Kral.«
Der Alte seufzte und fragte:
»Ist nun das Land ohne Fürsten?«
Da schwieg der Fremde lange, als kämpfe er mit tiefem Gram. Dann berichtete er:
»Das Land war so groß und reich, daß es einunddreißig Fürsten hatte. Aber an der Grenze lauerte der stumme Hund. Der ~njemz~! Der Deutsche. Es war ein Markgraf, Gero mit Namen --, der tat freundlich den Wenden. Der lud die einunddreißig Fürsten auf sein Schloß zu üppigem Mahl und flößte ihnen einen Teufelswein ein, der sie trunken und ihre Hände schlaff machte, und er ließ dreißig erschlagen. Ein einziger entkam.«
Aufsprang der Kral in weher Wut.
»Und der eine -- der letzte -- er hat das Volk gesammelt, er hat an dem ~njemz~ Rache genommen, sein Blut vergossen, seine Burg zerstört, sein Land verwüstet -- gesiegt --«
»Schweig, ehrwürdiger Greis -- schweige, denn ich ertrage deine Worte nicht -- die Schamröte verbrennt meine Wangen, wenn du so redest -- -- der letzte, der einunddreißigste, floh vor hundertfacher Übermacht und sitzt, ein beschämter Pilger, an deinem Tisch.«
»Du bist es?«
»Ja, ich!«
Still und traurig ging die Stunde weiter. Der Dunkle legte den Kopf auf den Tisch, der Alte deckte die Hände über die Augen, und seine Tränen tropften.
»So ist das Volk ohne Führer?« fragte er endlich mit tiefer Traurigkeit.
»Es ist allein. Wer bin ich, ihm zu helfen? Ein einziger könnte ihm helfen -- -- der Kral. Aber die Sonne ist untergegangen, und die Flur der Wenden liegt in Nacht.«
Da stand der Alte auf und sprach mit Feierlichkeit:
»Ich bin der König der Wenden.«
Und der Fremde sah ihn erschrocken an und sank am Tisch in die Knie und fragte erschüttert:
»Du bist der König der Wenden?«
»Ich bin es! Und wenn mich mein Alter trägt durch die fremden Länder bis zur Heimat, dann will ich für mein Volk kämpfen und dann sterben!«
* * * * *
Sie saßen lange beisammen in der Herberge des Morgenlandes. Und der Fremde sagte:
»Großer Kral! Das Volk wartet auf dich. Ich bin nichts als Morkusky, dein Diener. Aber Morkusky ist ein nützlicher Diener. Er ist jahrelang bei einem großen Meister gewesen und nun selbst geheimer Kräfte Meister.«
Am folgenden Morgen reiste der Kral mit Morkusky gen Norden.
Als er in seine Heimat kam, wurde er mit jedem Tage um ein Jahr jünger. Dieses Heimatwunder dauerte so lange, bis der Kral wieder ein starker, schöner Jüngling war. -- --
Auf seiner Reise kam er gen Schorbus. Dort ist ein Berg, auf dem zwei Felsblöcke liegen. Auf dem einen Stein saß Bely Bog, der weiße Gott, der den Menschen, die über den Berg wanderten, die Hände mit guten Gaben und das Herz mit guten Gedanken füllte; auf dem andern Stein saß Zarny Bog, der den Menschen die guten Gaben nahm und in den Schmutz warf, die guten Gedanken in alle Winde stieß.
Und der Kral wußte nicht, zu wem er sich wenden sollte. Denn ob er gleich wieder ein Jüngling war von Gestalt und Aussehen, so war doch sein Herz alt und kalt geblieben, hatte böser Jahre und bösen Verrats nicht vergessen und war hart und ohne Liebe.
Und der Kral stand mitten zwischen den beiden Göttern, nicht um Haaresbreite dem einen näher oder entfernter.
Da kam von der anderen Seite her den Berg herauf ein junger Mann, fast noch ein Knabe. Er war blond und schön, und seine Augen blühten wie blaue Blumen. Er ging nach der Seite des guten Gottes hin und grüßte nach Art der Deutschen.
»Wohin willst du, deutscher Jüngling?« fragte finster der Kral.
»Ich suche den König der Wenden.«
»Was willst du vom Kral?«
»Ich komme für Gero, den Markgrafen. Er lud dreißig wendische Fürsten zu sich auf sein Schloß. Er sprach gütlich mit ihnen. Sie aber tranken und prahlten mit der Deutschen Tod. Da wurden sie getötet.«
»Er hat sie gemeuchelt«, schrie der Kral und trat einen Schritt nach der linken Seite.
»Er hat sie alle dreißig im Kampf selbst erschlagen.«
Da trat der Kral drei Schritt weiter auf den schwarzen Gott zu.
»Was faselt der Knirps? Ein Deutscher hätte dreißig Wenden erschlagen? Drückt ihn der ~Plon~?[4] Was willst du hier, Knabe?«
»Ich bin kein Knabe; ich bin fünfzehn Jahre alt. Aber Gero ist alt geworden. Alle Nächte kämpfen die dreißig Wenden mit ihm. Er ist in sieben frommen Klöstern gewesen, er ist nach Rom gewallfahrtet und findet doch keine Ruhe. Darum suche ich den Kral.«
»Was willst du vom Kral?«
»Ich will, daß er meinem Vater das gibt, wonach er alle Nächte seufzet: die Versöhnung mit den Wenden.«
Als die Menschen so redeten, schwiegen die Götter. Nun aber erhob sich Bely Bog, der gute Gott, und er streckte seine weißen Hände aus, die eine über Wendenland, die andere dem Lande der Deutschen zu, und hob dann die Hände über sein Haupt und wob aus Sonnenschein zwei goldene Ringe der Eintracht. Die hielt er wortlos den beiden hin.
Zwei zögernde Schritte ging der Kral auf den guten Gott zu. Aber auch der deutsche Jüngling nahm nur zögernd den Ring.
Und er sagte dabei:
»Es ist um Geros Ruhe willen!«
»Um Geros Ruhe willen, sagst du? Verabscheust du selbst die Tat nicht?« fragte der Kral.
»Nein, Gero ist krank geworden am Gemüt. Wäre ich wie er gewesen, ich hätte in Mannentreue die Wenden erschlagen und es nie bereut.«
Da schrie der Kral auf, da stürzte er zum schwarzen Gott; da griff Zarny Bog unter seinen Steinsitz und zog eine Schlange hervor, die sich in ein Schwert verwandelte, und gab das Schlangenschwert dem Kral.
Der stieß es dem Jüngling ins Herz.
»Hier steht der Kral der Wenden!« --
Das junge Herzblut rann, die blauen Augen verblühten, und eine Knabenstimme sprach:
»Ich bin Geros einziger Sohn.« --
Der gute Gott schlug seine weißen Hände vors Angesicht, der Zarny Bog aber wuchs wie eine schwarze Wolke zum Himmel, und der Kral lachte ein schmerzliches wildes Gelächter.
Die goldenen Ringe rollten die zwei Bergseiten hinab und sanken ins tiefste Wasser.
Gero, der Stadt und Kloster Gernrode gebaut hatte und mit müdem, krankem Sinn daselbst alter Blutschuld nachhing, erfuhr von dem grausamen Tod seines Sohnes.
Oft zertritt die Göttin des Leids mit schwerem Tritt das Gewürm nagender Zweifel.
So auch hier. Gero erwachte aus langem Angsttraum, der alte Mut, der alte Haß lohte auf in seiner Brust, und sieben Tage, nachdem die Todeskunde nach Gernrode gedrungen war, rauchten im Wendenlande die ersten Trümmerhaufen.