Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald
Part 18
Ein paar Minuten starrte er stumpf vor sich hin. Dann öffnete er die Kommode und durchsuchte sie. Dabei brummte er:
»Es war doch -- es war doch -- ein Strick im Schube! -- -- Wo ist er nur -- ist er nur? Immer, wenn man was braucht, findet man's nicht. Wo ist nur der Strick?«
Beim Suchen fiel ihm eine Geldbörse in die Hand.
»Das Geld hat sie dagelassen -- hat sie dagelassen -- o ja, anständig war sie ...«
Er trat ans Fenster und stand dort regungslos wohl eine Viertelstunde. Der junge Morgen leuchtete ihm ins Gesicht.
Da steckte er die Börse und einige Papiere zu sich, verließ das Zimmer, schloß es ab und trat wieder auf die Straße.
Es war an einem regnerischen Märzabend des Jahres 1866. Eine Frau erschien an der Tür Juros, der in einer ansehnlichen deutschen Stadt als Arzt lebte. Die Frau begehrte den Herrn Doktor zu sprechen.
Das Dienstmädchen öffnete eine Tür.
»Sie wünschen?« fragte der Doktor.
Die Frau rührte sich nicht. Sie blieb an der Tür stehen. Da kam ihr Juro näher.
»Womit kann ich Ihnen -- -- Hanka! Hanka! Hanka! -- Bist du es wirklich? -- Komm -- nimm meinen Arm! Setze dich! Aber, Hanka, reg dich doch nicht so auf! Sei doch ruhig! Wir wollen ja ganz ruhig sprechen. Rege dich nicht auf! Wir kommen schon zum Ziel. Sei doch ruhig -- fürchte dich nicht!«
»Ich komm -- ich komm um Verzeihung bitten -- ich ...«
»Was? Laß das, Hanka! Werde erst ruhig! Laß mich lieber fragen. Du warst bei Samo, bei deinem Manne, nicht wahr?«
»Ja -- er -- er hat -- hat alle betrogen -- er hat -- hat die Krone eingegraben -- und sie war -- war gefälscht!«
Sie weinte leidenschaftlich. Juro faßte sie an beiden Händen.
»Liebes Kind, das weiß ich schon, das ist mir ja nichts Neues -- reg' dich doch darum nicht so auf! Das ist eine alte Geschichte für mich, die nun endlich vergessen sein soll.«
»Ich bin -- bin bei ihm geblieben, bis ich das wußte. Aber jetzt -- jetzt konnte ich nicht mehr.«
»Du bist fort von ihm?« sagte Juro düster. »Du hältst es bei ihm nicht aus?« Weiteres mochte er nicht fragen.
Hanka aber sagte unter einem Strom von Tränen:
»Er ist -- ist ganz liederlich geworden -- er erträgt es nicht, daß er so ausgestoßen ist -- und ich -- ich erwarte ein Kind -- und das Kind kann da nicht aufwachsen, nicht bei diesen schrecklichen Menschen in Prag -- nicht, wo ich jetzt alles weiß ...«
Juro sah sie mitleidig an. Er streichelte ihr den Kopf, und sie schwieg eine lange Weile, ehe sie sich fassen konnte. »Und nun bin ich gekommen,« fuhr sie dann fort, »um Verzeihung zu bitten -- dich und deine Frau und deinen Schwager Heinrich und unsern alten -- alten Vater Hanzo.«
Da stand Juro auf.
»Nein,« rief er, »nein, Hanka, der Vater darf davon nichts wissen, der darf nie, nie erfahren, daß die Krone gefälscht war.«
»Er muß es doch erfahren!«
»Nein, Hanka! Sieh, ich bin nicht mehr der alte. Wohl erkenne ich jetzt noch meine Prinzipien als richtig, wohl glaube ich jetzt noch, daß für unser Wendenvölklein allein im innigsten Anschluß an die Deutschen das Heil liegt, aber ich weiß auch, daß ich nicht unschuldig bin an allem, was geschehen ist. Ach, Hanka, uns arme Menschen quält alle eine Schuld. Keiner von uns ist weiß wie Schnee, keiner von uns ist schwarz wie die Nacht.«
Er sah ein Weilchen vor sich hin, dann fuhr er fort: »Mein Jugendungestüm, oder sage ich ruhig, mein geistiger Hochmut, hat mich verleitet, rücksichtslos mein Ziel zu verfolgen, hat alles kluge Abwarten vereitelt. Daß ich den Hügel aufgrub, war nicht recht! Die Schicksale der Völker gehen ihren Weg wie die großen Ströme; es ist töricht, unsere paar Hände voll Sand gegen sie zu werfen. Und es ist sündhaft, altes, gläubiges Vertrauen ohne Not niederzureißen. Selbst Gottes Sonne schmilzt ja altes Eis nicht an einem Tag.«
Wieder machte er eine Pause, ehe er weitersprach:
»Dem Vater muß sein Vertrauen zu der alten Krone erhalten bleiben. Was nützt es, seinem sinkenden Tag das Abendgold zu nehmen? Und so wie er ist sein wendisches Volk. Dessen langer mühsamer Tag geht zur Neige. Es stehen noch ein paar rote Träumerwolken an seinem Himmel; ich habe erkannt, daß es unrecht ist, den Wenden dieses letzte Glück zu nehmen.«
Hanka hörte auf zu weinen, als er so redete. Nach einiger Zeit beruhigte sie sich so weit, daß sie einen Bericht über die zwei letzten Jahre ihres Lebens geben konnte. Sie stockte oft und brachte die Worte nur mühsam heraus, und als sie der letzten Tage gedachte, mußte sie alle Kraft zusammennehmen. Als sie geendet hatte, sagte Juro:
»Hanka, auch du darfst das Vertrauen nicht verlieren. Du darfst nicht so in bitterem Groll an deinen Mann denken. Schon um deines und seines Kindes willen darfst du es nicht. Hanka, ich bin überzeugt, daß Samo, als er die Krone eingrub, glaubte, er tue etwas, das unerläßlich sei, er begehe nichts als eine Kriegslist, zu der ich ihn gezwungen hatte. Mit diesem Gedanken ist er von dem alten Manne aus Prag zurückgekehrt. Und, Hanka, was er gefehlt hat, hat er bitter büßen müssen. Er ist ja so unglücklich geworden!«
»Ich kann nicht zu ihm zurück; sein Leben ist schrecklich!«
»Du sollst und du darfst auch jetzt nicht zu ihm. Vielleicht findet er später noch eine friedliche Stätte.«
Hanka schüttelte traurig den Kopf.
»Er hat wirklich sehr an seiner Heimat gehangen; er findet sich draußen nicht zurecht.«
Juro grübelte. Er hatte längst Erkundigungen eingezogen, ob denn keine Aussicht sei, daß durch des Königs Gnade die Gefängnisstrafe, die Samo zu gewärtigen hatte, wenn er zurückkehrte, in Festungshaft umgewandelt werden könnte. Er hatte nichts Tröstliches erfahren. Daß Samo nach der Tat geflohen war, und daß er sich nicht selbst gestellt hatte, daß er unter einem falschen Namen sich so lange verborgen hatte, machte die Sache aussichtslos.
Armes Weib! So jung und so tief in der Verlassenheit. Armes Kind, das zum Leben strebte und schon jetzt keinen Vater mehr hatte!
Juro suchte nach freundlichen Trostworten; er fand keine. Es würgte ihn an der Kehle, er brachte nichts Ordentliches heraus. Endlich sagte er:
»Du mußt bei uns zu Gaste bleiben, Hanka!«
Sie wehrte mit beiden Händen ab.
Nein! Nein! Sie wollte bloß ihre Pflicht tun, Aufklärung geben, Abbitte leisten und dann sehen, ob ihre Eltern sie aufnehmen würden. Sie wolle bald wieder fort.
Da ging Juro hinaus und holte seine Frau. Elisabeth eilte herbei. Ach, diese kleine deutsche Frau lachte und weinte und lachte wieder und war so offenbar glücklich, Hanka zu sehen, daß sich das arme Weib ihren Zärtlichkeiten nicht entziehen konnte.
Juro schlich hinaus. Nach einem Weilchen kam er mit einem Kindchen zurück.
»Sieh, Hanka, das ist unser Kind. Es ist sechs Monate alt.«
Da nahm Hanka das Kind auf ihre Arme, und das Gefühl einer großen heiligen Versöhnung überkam sie. Schwere, erlösende Tränen quollen aus ihren Augen, aber ihre Augen glänzten durch diese Tränen. Eine süße Vorahnung eigenen Mutterglücks ward in ihr lebendig und tilgte das Herzeleid und machte die Stunde schön und lieblich.
* * * * *
Während die Frauen später an der Wiege des kleinen Mädchens saßen und Elisabeth echte Töne des Trostes und der Beruhigung für Hanka fand, saß Juro in seinem Arbeitszimmer und schrieb einen ernsten Brief in wendischer Sprache.
Lieber Vater!
Dein Sohn Juro klopft an Deine Tür und bittet Dich um Verzeihung für all das, was Du Bitteres durch ihn erfahren hast. Ich habe eingesehen, daß der Weg, auf dem ich meine Prinzipien in Tat und Wahrheit umsetzen wollte, nicht der richtige war, daß überall da, wo zwischen Menschen und Völkern der Kampf geführt wird, der beglückende wahre Sieg fehlen muß, wenn als Kampfmittel nur Klugheit und List, Energie und sachliche Überlegenheit oder gar Gewalttat und Rücksichtslosigkeit eingestellt werden, wenn die Liebe fehlt, die allein zu versöhnen, zu überzeugen und zu gewinnen vermag. Ich habe geirrt; es tut mir leid. Ich will nicht mehr dessen gedenken, was auf der Gegenseite verschuldet wurde; ich will auch die Schande, die mir widerfahren ist, als ich auf jenem Wagen aus dem Dorfe gefahren wurde, hinnehmen als eine Strafe, die der Vater dem Sohne aufzuerlegen für gerecht fand. Ich rede nur von mir und bekenne mich in vielen Dingen für schuldig.
Von dem Versöhnungsgedanken getrieben, ist heute Hanka in meinem Hause eingekehrt. Sie sitzt, während ich diesen Brief schreibe, mit meiner Frau an dem Bettchen unseres Töchterchens, Deines ersten Enkelkindes. Hanka ist mit uns im Frieden. Auch sie wird ein Kind bekommen in der nächsten Zeit. Sie hat aber doch ihren Mann, unseren Samo, verlassen müssen, weil sein Leben zu unsicher ist und Hanka in ihrer schweren Zeit nicht bei ihm bleiben konnte. Sonst ist Samo gesund, und wir alle hoffen, daß er noch einmal eine friedliche Stätte findet und daß Hanka dann mit ihrem und seinem Kinde zu ihm zurückkehren kann.
Um den Stein des Anstoßes zwischen uns zu begraben, verzichte ich für mich und meine Nachkommenschaft auf die Erbfolge an der wendischen Kralswürde, und zwar zugunsten des zu erwartenden Kindes meines Bruders Samo und seiner Frau Hanka.
Gott gebe Dir, lieber Vater, versöhnliche Gedanken!
In Liebe: Dein Sohn Juro.
Drei Tage später stand der alte Hanzo unter der Tür seines Sohnes Juro. Er hielt den Hut in der Hand und sagte: »Darf ich zu euch herein? Ich möchte zu meinen Kindern.«
Sommer 1866. Der Deutsche Krieg brach los. Die preußischen Heere drängten durch die Pässe des schlesischen Gebirges und zogen den Elbstrom hinab nach Böhmen. Auch die Wenden zogen in den Kampf. Was diesseits der preußischen Grenze war, für Preußen, was drüben in Sachsen wohnte, für Österreich. Das Völkchen der Wenden in zwei Lager zerrissen. Da standen sich oft Bruder und Bruder gegenüber. Der alte »Kral« Hanzo litt schwer in diesen Tagen um sein kleines, getrenntes Volk.
Juro machte den Feldzug als preußischer Militärarzt mit. Er war einem Regiment, in dem besonders viele Wenden waren, als Hilfsarzt zugeteilt.
Und wo er auf dem Schlachtfeld einen fand, der seine Schmerzen in wendischen Lauten beklagte, da fragte er nicht: »Sprichst du auch Deutsch?« Da kniete er bei ihm nieder und erquickte ihn nicht nur mit ärztlicher Hilfe, sondern auch mit dem süßen Trost der Muttersprache.
Ganz gleichgültig ist es auf dem Felde der Leiden, auf welcher Seite der verwundete Mann gefochten hat. Juro, der auf der Sprachgrenze der Obersorben und Niedersorben aufgewachsen war, erforschte mit feinem Ohr die Gegend, aus der der Verwundete stammte, und sprach zu ihm in seinem heimischen Dialekt, und ehe es ans Sterben kam, betete er mit dem Mann aus dem Oberlande: »~Wótcě naš, kiž sy w njebjesach~« und mit dem Mann aus Niederland: »~Woschz nas, kenž sy na niebju~«, und es hieß immer: »Vater unser, der du bist im Himmel.« -- Da trat mitten im großen Völkerschicksal das eigene Schicksal wieder an Juro heran.
Als der Krieg eben sein rasches Ende gefunden hatte, schrieb ihm ein Freund und ärztlicher Kollege aus Königgrätz: »In unserem Spital liegt dein Bruder Samo. Er ist bei Sadowa im böhmischen Heer schwer verwundet worden. Er nennt sich Wenzel Halek. Aber ich kenne ihn doch von früher. Wenn du ihn noch sehen willst, eile -- er ist verloren!«
Nun, es ließ sich machen, daß Juro Urlaub bekam.
Und die beiden Brüder sahen sich wieder ...
»Bruder Samo!«
Samo wandte das Gesicht zur Seite.
»Willst du mir nicht die Hand geben?«
»Es ist keine Ehre, mir die Hand zu geben.«
»Es ist eine Ehre! Du bist ein tapferer Krieger gewesen!«
»Tapferer Krieger?«
Samo lachte gequält, dann wandte er sich halb um: »Als gemeiner Mann, als Wenzel Halek eingestellt! Ein lustiger Krieg -- nicht wahr? Deutsche gegen Deutsche! Es ist die alte Katzbalgerei, die Mode ist bei dieser großen Nation!« Er schwieg erschöpft. Juro war erschüttert. Nach so langer Zeit, nach so vielen schweren Schicksalen sahen sich die Brüder wieder, und sofort begann Samo seine alte Weise. Das Reden fiel ihm schwer; aber er bezwang sich und sprach mit dem alten Haß in der Stimme:
»Die alten deutschen Herzöge haben sich geprügelt, die Grafen und Ritter haben sich geprügelt, die deutschen Kaiser haben mit den deutschen Gegenkaisern gerauft, der Dreißigjährige Krieg ist gewesen, dies große Schauspiel der Schande, Maria Theresia hat mit dem preußischen Friedrich gerungen, die katholischen deutschen Bayern haben die katholischen Tiroler gemetzget, der Schlesier Blücher hat die sächsische Stadt Leipzig genommen -- alles -- alles -- alles Deutsche -- und jetzt wieder -- wieder dasselbe -- und das ist die Nation der wir uns -- uns unterwerfen sollen.«
Kraftlos schloß er die Augen. In steigendem Fieber hatte er geredet.
Juro legte ihm die Hand auf die Stirn.
»Samo -- streng dich doch nicht an -- du bist krank --«
Samo schlug die Augen auf. Er lächelte verächtlich.
»Krank? Ich bin morgen früh tot. Das weiß ich. Die preußische Kugel ist mir -- mir in den Unterleib -- weißt du, das ist das Gescheiteste -- was -- was die Preußen seit langem gemacht haben, -- daß mich -- daß mich einer getroffen hat.«
»O dieser unglückselige Krieg!«
Samo schüttelte den Kopf. Erst nach einer Weile konnte er wieder sprechen, die Schmerzen quälten ihn sehr.
»Der Krieg ist gut -- gut -- gut -- er spaltet die Deutschen -- und durch den Spalt -- braust -- braust frische Luft -- ins slawische Feuer!«
Er blieb bis zum Tode derselbe. Draußen auf der Straße marschierten preußische Krieger vorbei; die Kapelle spielte »Heil dir im Siegerkranz!«
»Hörst du sie --? Das ist die Trostmusik, die sie uns spielen, uns Sterbenden! Aber laß sie schmettern! Besiegt ist das Deutschtum, zersprungen in zwei Hälften; die Zeit der Slawen ist näher als sonst. Dieser Krieg war gut. Die Deutschen haben ihn geführt, die Slawen haben den Sieg davongetragen.«
Juro mochte ihm in nichts mehr widersprechen. Er stand mit gesenktem Kopf am Lager Samos und wartete, ob ihm denn nicht ein Erinnern kommen würde an seine Heimat. Aber länger als eine halbe Stunde sprach Samo mit vielen Pausen noch von dem Niedergang des Deutschtums, dem Sieg der Slawen. Endlich fragte er doch ganz schüchtern, ganz furchtsam:
»Lebt der Vater noch?«
Er fragte es mit abgewandtem Gesicht.
»Er lebt und denkt an dich ohne Groll.«
»Weiß er --?«
»Nein, er weiß es nicht«, unterbrach ihn Juro rasch. »Er wird es nie erfahren. Der Glaube an sein Kraltum soll ihm nicht genommen werden.«
»Das sagst du? Da hast du dich geändert.«
»Ich habe mich in mancherlei geändert -- ja!«
»Aber ein Deutscher bleibst du?«
»Ja.«
Samo seufzte tief, er sagte, ihn schmerze seine Wunde. Als er ruhiger wurde, sagte Juro mit tiefbewegter Stimme:
»Ich habe auf die Kralswürde verzichtet. Ein anderer wird Kral sein -- dein Sohn!«
Samo starrte ihn mit weitaufgerissenen Augen an. Er sagte kein Wort.
»Hanka hat im Mai einen Knaben geboren, Samo!«
Noch immer sah ihn Samo starr an. Endlich sprach er leise:
»War es ein Knabe? -- -- Ich fürchtete immer, es werde ein Mädchen sein.«
»Ein gesunder Knabe!«
Da schloß Samo die Augen. Juro stand regungslos. Die große Feierlichkeit, da ein scheidendes Leben erfuhr, daß ein Kind, ein Teil seines Wesens, auf der Erde zurückbleiben würde, durfte kein Wort stören. Die Hände Samos falteten sich auf der Bettdecke. Gott allein wußte, wo die Gedanken waren. Endlich tastete die Rechte nach Juros Hand. Ein leiser Druck. Lange schwere Feindschaft war ausgelöscht. Die Lippen bewegten sich. Juro beugte sich tief über den Bruder.
»Wie heißt er?«
»Er heißt Hanzo wie sein Großvater.«
Samo nickte.
»Es ist gut, daß er nicht heißt wie ich.«
Noch einmal zuckten die Lippen.
»Er soll gesegnet sein!«
Dann rief er laut und ängstlich:
»Mach das Fenster auf!«
Juro öffnete das Fenster. Als er ans Lager zurückkehrte, lag Samo im Todeskampf. -- -- --
Als es überstanden war, drückte Juro dem toten Bruder die Augen zu. Und er, der Deutsche, übte den wendischen Totenbrauch; er hielt die kleine Wanduhr an und deckte über den winzigen Spiegel, der auf dem Tisch lag, ein Taschentuch.
Vor dem Fenster saß ein kleiner Vogel und sang.
Zu dem sagte Juro mit tränenerstickter Stimme:
»Der Herr ist gestorben!«
Da flog der kleine Vogel davon.
Vielleicht flog er nach der Heimat.
Die Jahre gingen dahin, der Französische Krieg war geschlagen, die Wenden hatten ihre alte Tapferkeit bewiesen im Kampfe für das große Vaterland. Und es war Friede geworden im deutschen Land, alter Hader beglichen, alte Wunden vernarbt.
Auch im Wendenland war Friede. Keinerlei Auflehnung und Untreue des kleinen stillen Völkchens, keinerlei Bedrückung, kein unfreundliches Wort von seiten der Deutschen. Noch flatterten die großen Haubenbänder im Wind, noch schnurrten in den Spinnstuben die Rädchen und die Mäulchen, noch ritten die Osterreiter übers Feld, noch klangen die alten wendischen Lieder. Und mit Liebe und Sorgfalt gingen gelehrte Gesellschaften und Einzelpersonen daran, zu sammeln, zu hegen, daß nichts Wertvolles, nichts Köstliches aus diesem Völkerleben verlorengehe oder vergessen werde. Und diesen Leuten stehen alle Deutschen nahe, die guten Willens sind.
Stilles friedliches Einvernehmen! Die Schönheit des wendischen Spreewalds wurde den Leuten im weiten Lande durch Hunderte von Bildern kundgetan, und bald besannen sich die klugen Berliner, daß ihre Spree, an deren »grünem Strand« sie wohnen, ja doch irgendwoher kommen müsse, und kühn wie die Sucher der Nilquellen drangen sie stromaufwärts, gerieten in den Spreewald und staunten, daß da ein wundersames Lagunenland war, märchenhaft wie das alte Venedig, mit hohen grünen Walddomen und Gondolieren, die auf leisen Nachen den Fremden durch verträumte Wasserstraßen fahren.
Auch ins noch stillere Oberland kam manch ein Maler, mancher Künstler und Volksfreund.
Und die deutsche Sprache kam mit ihnen. Aber die Wenden suchten sie auch selbst auf den Märkten, in den Fabriken, in den Studiersälen. Aufgezwungen darf sie nicht werden. Nationalität ist Liebe, und Liebe kann nicht erzwungen werden!
Friede war auch bei den Menschen, von denen dies Buch erzählt hat.
Hanka war die aufrechte, starke Herrscherin auf dem Hof des alten Scholta Hanzo. Als sie von dem Tode ihres Mannes erfahren hatte, legte sie weiße Trauerkleider an und trug sie ein Jahr und einen Tag. Sie sprach nie von Samo, aber sie wies alle Freier, die sich an sie drängten, herb und kurz ab. Selten versah sich jemand von ihr eines übermäßig freundlichen oder gar scherzenden Wortes; sie hielt strenge Zucht, und sogar der alte Kito bekam öfters seinen Tadel. Aber sie war gerecht. In ihrem ganzen Haus und Hof war nichts Unordentliches, nichts Unsauberes. Die alte Wičaz mit ihrem Sohn hatte fortziehen müssen. Der Scholta überließ Hanka mehr und mehr das volle Regiment, und der Wohlstand mehrte sich von Jahr zu Jahr.
Über ihrem Söhnchen Hanzo wachte sie mit äußerer Kühle, aber desto innigerer Herzenssorge. Einmal, als der Knirps eben fünf Jahre alt geworden war, trat er vor seine Mutter, hatte einen Papierhelm auf dem Kopfe und einen Holzstecken als Schwert an der Seite und sagte: »Mutter, ich bin der Kral!«
Da erschrak Hanka so, daß sie erst kein Wort herausbrachte. Dann berief sie den alten Kito und fuhr ihn hart an. Es stellte sich heraus, daß Kito unschuldig war; die Knaben auf der Gasse hatten dem kleinen Hanzo zugerufen, daß er der Kral sei.
Da sagte Hanka kein Wort mehr über diese Sache, aber sie gewöhnte ihren Sohn noch mehr als früher an Bescheidenheit und friedfertiges Wesen.
Zweimal im Jahre ließ sie die gute Kutsche anspannen und fuhr zu Besuch auf den Hof des Herrn von Withold. Und der alte Edelmann nannte sie »gnädige Frau« und küßte ihr die Hand. Mit Elisabeth verband sie seit den Tagen von Breslau eine stille Freundschaft. Von Juro hielt sie sich ferner. Sie fragte ihn nie um Rat, auch nicht wegen der Erziehung ihres Sohnes, dessen Pate er war. Desto größere Zärtlichkeit brachte sie seinem Töchterchen entgegen, das das einzige Kind seiner Ehe geblieben war. Juro lebte mit seiner Frau auf dem Gut seines Schwiegervaters. Sein Schwager Heinrich hatte seinen Willen, sich ganz der Musik zu widmen, durchgesetzt. Er war Kapellmeister in einem kleinen Hoftheater geworden. Er hatte eine Oper geschrieben, die allerdings durchgefallen war; aber sein Leben war nicht ohne Glanz, denn sein Heros Richard Wagner hatte ihn einmal auf die Schulter geklopft und »Mein lieber, geschickter Freund!« zu ihm gesagt. Von solcher Hocherinnerung ließ sich leben.
Juros ärztliche Praxis war nicht bedeutend. Es gab immer noch viele Wenden, die ihre Krankheiten besprechen ließen oder sich mit Hausmitteln behalfen. Immerhin: nach geraumer Zeit sickerte durch, daß der »~Pán doctor~« selten für seine Hilfe Geld beanspruche, ja daß er bei armen Leuten eher etwas aus eigener Tasche zulege. Und nun mehrten sich die Patienten. Juro sprach mit den Leuten wendisch. Manchmal -- wie von ungefähr -- sprach er deutsch. Und das war immer ein leises Examen. Endlich kam eine Zeit, wo ihn die Leute fragten, was sie mit ihren Kindern beginnen sollten, wenn sie aus der Schule entlassen wurden. Dann gab er ihnen die Ratschläge, die seine Überzeugung ihm vorschrieb. -- --
Eines hatte die Großbäuerin Hanka lange gequält. Ihr Schwiegervater Hanzo hatte einmal in einer ernsten Stunde zu ihr gesagt:
»Hanka, ich muß dir etwas anvertrauen, was eigentlich nur eine Sache für Männer ist. Aber seit Samo tot ist, stehst du an seiner Stelle. Der kleine Hanzo ist ein Kind, mit dem ich über solche Dinge nicht reden kann. Und Juro hat verzichtet und steht abseits. So will ich dir sagen, wohin unsere alte Krone gekommen ist, als sie aus dem heiligen Hügel gerissen wurde, damit du es deinem Sohne anvertraust, wenn er groß ist und ich nicht mehr bin. -- Die alte Krone habe ich mit Samo in nächtlicher Zeit unter unserer Kirchhoflinde begraben, dort, wo die Mutter liegt und wo ich einmal liegen werde. Und die Krone wird über unsern Häuptern sein, wenn wir da schlafen. Niemand weiß das; die Kronenstätte ist dem wendischen Volke fortan unbekannt. Nur der Kral darf sie wissen und sein Erbe. Das ist dein Sohn. Und bis er es erfahren kann, sollst du es wissen!«
Nach dieser Aussprache war die Großbäuerin Hanka tagelang bleich und vergrämt umhergegangen, so daß die Leute unter sich flüsterten: »Die Frau ist krank!« Das war aber, weil kein Schlaf mehr über ihre Augen kam. Denn in der Nacht, wenn Hanka in halbwachem Traumschlummer lag, trat Samo an ihr Bett, sah sie mit heißen, verängstigten Augen an und rief:
»Die Mutter muß die Krone vom Kopfe nehmen!«
Das war wie in den schrecklichen Tagen von Prag. Und wenn der Morgen kam, grübelte Hanka, was sie tun solle. Ein einziger Mensch war, den sie hätte um Rat fragen können, das war Juro. Aber sie fragte ihn nicht. --
Nach sieben bangen Tagen und sieben schweren Nächten hatte es Hanka mit sich ausgemacht.
Heimlich verließ sie zur Nachtzeit Haus und Hof. Gestählt durch ihren bewußten Willen, ging sie zum hochgelegenen Gottesacker. Alles, was an Furcht- und Spukgestalt seit der Kindheit Tagen in ihrem Herzen lebte, war besiegt. Und sie ging zu der Linde, unter deren Krone die Frau ruhte, mit der sie in dies Dorf gezogen war. Sie stach mit ihrem Spaten vorsichtig den Rasen ab. Sie grub. Das Herz bangte ihr, der Spaten werde den Sarg jener Frau treffen, aber es geschah nicht. So arbeitete Hanka zwischen Grabsteinen und alten Holzkreuzen im Mondenlicht.
Und sie fand zwischen den Wurzeln des Slawenbaums, der Linde, die silberne Krone. Die putzte sie mit ihrer Schürze ab und legte sie beiseite. Dann schloß sie die Grube, fügte den Rasen auf seine Stelle.
Eine kleine Weile stand sie an dem Grabe und sprach in ihrem Herzen:
»Ich wollte deine Ruhe nicht stören, gute Mutter, aber ich mußte diese Krone holen, weil es dein Sohn Samo verlangt. Nun sollt ihr beide in Gottes Frieden ruhen!« Die Krone trug Hanka auf ihrer Brust unter dem großen Umschlagtuch davon.