Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald
Part 17
Pöbel saß in den niederen Gaststuben. »Flamender« werden diese Vagabunden des Lebens in Prag genannt: Diebe, Zuhälter, entlassene Sträflinge, Bettler, Trunkenbolde, Dirnen und dazwischen die große Schar der Entgleisten aus guten Familien: verbummelte Literaten und Studenten, Musiker, fortgelaufene Schüler, herabgekommene Komödianten, bankerotte Kaufleute. Der Massenhaftigkeit dieser Existenzen war es zuzuschreiben, daß in demselben Jahre in Prag, das damals zweihunderttausend Einwohner zählte, über zwanzigtausend Leute verhaftet wurden, also immer der zehnte Mensch. Und da wurde noch geklagt, die Polizei sei zu nachlässig! --
Der Tabaksqualm war heut ärger denn je. Die schmierige Wirtin, der fettquabbelnde Wirt liefen her und hin, Fusel tragend und schlechten Wein. Zweimal war schon eine Prügelei gewesen, einmal war die Polizei einem Taschendieb nachgegangen, der sich hierher flüchtete, hatte ihn weggeholt und bei dieser Gelegenheit noch einen andern Kerl und ein Frauenzimmer mitgenommen.
Jetzt war verhältnismäßig Ruhe. Ein paar Individuen unterhielten sich in der »Hantyrka«, der Gaunersprache, und manch ein Ohr lauschte hin, um etwas von dieser Kunst zu profitieren.
Am Tisch bei Samo saßen noch zwei Männer, beide in schäbigen, abgetragenen Kleidern. Ihre Gesichter waren zerdunsen, von vielen schlimmen Leidenschaften entstellt. Aber jene Linien im Menschenantlitz, die aus den besten Jahren des Lebens stammen und deren tiefe Schönheit durch nichts von der Stirn wegzuwischen ist, waren auch noch in den Gesichtern jener Männer.
Draußen läutete eine tiefe Glocke. Da sagte der eine:
»Das ist die Veitsglocke! Ich erkenne sie am Klang. Sie hat mich oft genug zur Kirche gerufen.«
»Du bist Katholik?«
»Ich meine schon. Ich habe in jener Kirche ungezählte Male das Hochamt gesungen.«
»Ach, du warst Priester?«
Der andere zuckte die Schultern.
»Prosit!« sagte er und trank seine ganze Flasche leer.
»Siehst du, Pfäfflein,« sagte der zweite, »ich hab' mich mein ganzes Leben lang mit den Schwarzen nicht vertragen. Als ich noch Bezirksrichter war, habe ich ihnen zu schaffen gemacht. Jetzt ist's anders. Da sitze ich gemütlich hier mit dir. Laß mich einmal aus deiner Flasche trinken, Brüderlein! Pfui, leer -- na also, die Kirche hat immer noch einen guten Magen.«
Er lachte unflätig.
»Ja,« fuhr er fort, »da sitzt man hier mit sechs Kreuzern in der Tasche. Wo sind nun die Mündelgelder, die ich geschluckt haben soll? Der Teufel hol' die ganze Gesellschaft!«
»Ein Cikán! Ein Cikán!«
Ein Zigeuner trat in die Stube und verlangte Schnaps. Er hatte ein schwarzes Weibsbild mit, das alsbald die Karten aufschlug oder aus der Hand weissagte. Sie erhielt nur einige Kreuzer für ihre Kunst; aber alles lauschte gespannt und gläubig ihren Worten. Sie mischte ihre Vorhersagungen aus buntem Glück und schwarzem Unheil, prophezeite goldene Reichtümer oder auch den Tod am Galgen. Da gab es Gelächter und Zähneknirschen. Auch der frühere Geistliche hielt ihr seine Hand hin. Sie sah ihn einige Augenblicke forschend an. Dann sprach sie:
»Du bist der Luzifer, der vom Himmel in die Hölle gefallen ist. Und du wirst dort liegen bleiben!«
»Hallo, sie weiß alles! Der Luzifer! Das ist nicht schlecht! Er ist ein Pater gewesen! Aber das ist doch lange keine Hölle hier, Zigeunerweib?! Oder doch eine lustige Hölle! Laßt uns trinken!«
Auch an Samo trat die Zigeunerin heran. Er dachte an die alte Wičaz zu Haus, die ihm einmal geweissagt hatte, und hielt seine Hand hin. Die Zigeunerin betrachtete erst sein Gesicht, dann seine Hand und sagte:
»Es sind zwei Blutflecken in deinem Leben. Einer ist von einem Fremden, der andere ist von deinem eigenen Blut. Es ist ein anderer schuld, daß du hier bist. Du wirst dich an ihm rächen.«
Samo nickte düster.
»Du scheinst deine Sache besser zu verstehen als die alte Wičaz. Was faselte sie von den zwei Adlern? Nun wird wohl nicht der eine im Lóbjofluß ertrinken, sondern der andere in der Moldau.«
Er warf der Zigeunerin einen Gulden hin.
Da setzte sie sich auf sein Knie, küßte ihn auf die Wange und flüsterte ihm dann ins Ohr:
»Mach dir nichts aus dem, was ich dir gesagt habe. Aber wenn du einen Feind hast, räche dich!«
In der Nähe der Tür saß ein Slowak. Er war aus dem fernen ungarischen Karpathenwald vor Jahr und Tag ausgewandert und hatte Weib und Kind daheim gelassen. Mit Mausefallen hatte er gehandelt, sich durch Drahtbinden seine Kreuzer sauer verdient. Er hatte fast allen Verdienst erspart, nur von übriggebliebenem Essen anderer gelebt und war nun, da er sechzig Gulden im Beutel hatte, ein wohlhabender Mann, der in seine arme Heimat zurückkehren und sich dort ein Häuschen kaufen wollte.
Nun war er müde an der Tür eingeschlafen. Er saß auf bloßer Erde; die anderen ließen ihn nicht bei sich sitzen, denn er trug sein fettgetränktes Hemd schon ein ganzes Jahr. Aber als die Zigeunerin herumging, stand einer der Gäste auf, trat an den Slowaken heran und rüttelte ihn.
»He, Slowak, wach auf, laß dir eine Grafschaft prophezeien.«
Einige lachten. Der müde Slowak brummte etwas und schlief weiter.
Da kam ein »Kastelmann« in die Stube, ein Händler mit Kämmen, Knöpfen, Spiegeln, Tabakspfeifen und anderem Kleinkram. Er machte geringe Geschäfte. Während er noch schacherte, erwachte der Slowak und fing plötzlich laut an zu schreien.
Sein Geldbeutel mit den sechzig Gulden, an denen er fast zwei Jahre fern der Heimat gespart hatte, war verschwunden. Der arme Mann schrie, jammerte, warf sich auf die Erde, schlug verzweiflungsvoll mit Armen und Beinen.
»Der Cikán! Der Cikán!« schrie einer.
Der Zigeuner und die Zigeunerin waren verschwunden.
»Nein, nicht der Cikán!« rief Samo, »sondern dieser da, der vorhin den Slowaken gerüttelt hat. Heraus mit dem Geld!«
Der Angegriffene tobte und fluchte und ging auf Samo los. Samo aber rief in das Lokal hinein:
»Wir sind alle arme Leute! Wir müssen auf uns halten. Hier darf keinem was passieren. Da könnte sich keiner mehr hertrauen.«
Nun hatte er die meisten für sich. Dem Dieb wurde der Beutel, den er in der Tat hatte, entrissen, und der Slowak kam zu seinem Gelde.
Er fiel vor Samo auf die Knie und küßte ihm die Hand.
»O danke, Pán, o danke, Pán!« -- -- --
Von der Tür aus sah ein hochgewachsener junger Mann der Szene zu. Als Samo aufschaute, erkannte er seinen früheren Freund Bohuslaw, den Neffen des alten Krok.
Er machte sich rasch von dem Slowaken, der immer noch seine Hand hielt, los, bezahlte seine Zeche und trat mit Bohuslaw auf die Straße.
»Das war wieder einmal echt königlich«, sagte Bohuslaw draußen.
»Was willst du hier?« fragte Samo unwirsch.
»Ich habe dich überall gesucht! Seit langer, langer Zeit haben wir nichts mehr von dir gehört; wir glaubten schon, du seist gar nicht mehr in Prag.«
»Ich habe bei euch nichts zu suchen! Ihr seid ja anständige Leute!«
Er lachte höhnisch. Sie gingen ein Stückchen die Straße entlang. Da setzte sich Samo auf eine niedere Gartenmauer.
»Weiter gehe ich nicht mit dir!« sagte er.
Bohuslaw setzte sich neben ihn.
»Sollten wir nicht lieber in ein besseres Lokal --«
»Ich gehöre in kein besseres Lokal. Dort in die Spelunke gehöre ich! Da brauche ich mich wenigstens vor den andern nicht zu schämen.«
»Du brauchst dich überhaupt nicht zu schämen, Samo!« sagte Bohuslaw traurig.
»Nicht?! Verzeih, daß ich lache. Aber du bist zu gütig! Ich brauche mich nicht zu schämen? Das ist gut! Nein, nein, Pán Bohuslaw, das steht doch anders! Aber es wird noch mancherlei dazukommen! Vorhin hat mir eine Zigeunerin geweissagt. Unsinn. Oder vielleicht nicht Unsinn -- ich weiß es nicht! Das eine, was sie sagte, stimmte: Ein Fremder ist schuld an meinem Unglück, und an dem soll ich mich rächen! Und dieser Fremde ist dein elender, verfluchter Onkel Krok.«
»Samo!«
»Ist dies nicht die Wahrheit?! Ich war ein ehrlicher Kerl; ich wollte meine slawische Überzeugung mit ehrlichen Waffen durchkämpfen; da ist dieser verrückte Altertumskrämer in mein Leben getreten und hat mich auch verrückt gemacht! Mit seinem Kerzengeflimmer und Altarklimbim hat er mich so sentimental, so duselig, so toll gemacht, daß ich schließlich auf seine hirnverbrannten Ideen eingegangen bin.«
»Samo, darf ich etwas zur Verteidigung des alten Krok sagen?«
Samo antwortete nicht. Da fuhr Bohuslaw fort:
»Erinnere dich, Samo, wie die Sache eurer Lausitzer Sorben stand, als du meinen Onkel kennen lerntest. Du selbst gabst ihre Sache fast verloren. Und den Hauptschlag gegen das Slawentum an der Sprewja fürchtetest du von deinem Bruder Juro, der gedroht hatte, den Kronenhügel aufzugraben und so den einfachen Leuten da oben den Beweis zu erbringen, daß es eine wendische Krone nicht gäbe. Da hat dir der alte Krok gesagt: Symbole sind für das Volk alles. Sieht das Volk, daß das Symbol fehlt, dann vergeht ihm der Glaube, dann ist die slawische Sache der Lausitz verloren, dann wird die Lausitz deutsch!«
»Was wärmst du den alten Kohl auf?«
»Um Krok zu verteidigen. Er hat es ehrlich gemeint.«
»Ehrlich! Indem er mich zu dem ungeheuren Betrug verleitete.«
»Er hielt es nicht für Betrug. Die wendische Krone ist in Wahrheit da, die ideelle Krone, das war und ist seine Überzeugung. Die Kralswürde ist echt. Und der Glaube daran darf nicht an der äußerlichen Tatsache scheitern, daß die substanzielle Krone fehlt oder wenigstens dort fehlt, wo man sie vermutete.«
»Ja, und also haben wir uns eine Krone machen lassen und sie im Kronenhügel eingegraben. Eine kluge und herrliche Tat fürwahr! Oder vielleicht auch eine romantische Schufterei.«
»Krok hat doch alles anders geraten, als du es ausgeführt hast. Er hat dir doch geraten, nachdem die Krone eingegraben war, dafür zu sorgen, daß du selbst sie vor vielen Zeugen ausgraben und nach einem würdigeren Platz bringen solltest, etwa nach eurer Heimatkirche. Dann war der Glaube befestigt, dann konnte auch nichts passieren, dann konnte ja nichts entdeckt werden.«
Samo sprang von der Mauer herab.
»Siehst du, Bohuslaw, und das brachte ich nicht fertig. So einen Quark, so einen betrügerischen Schmarren, den hier in Prag ein Pfuscher gemacht, nach dem Altar unserer Heimatkirche bringen, das vermochte ich nicht. Ich ließ es darauf ankommen. Grub Juro den Hügel nicht auf -- nun gut -- dann war alles nicht nötig. Grub er ihn auf, dann war ihm die Überraschung zu gönnen, und der Beweis für unsere Leute war gebracht. Aber das Ding, das mir dein Onkel gegeben hat, war ein elendes Pfuschwerk, dessen Unechtheit ein simpler deutscher Student erkannte.«
»Die Kopie der Krone wurde getreu nach der alten Krone Przemisls gemacht; mein Onkel hat die Arbeit selbst Tag und Nacht überwacht.«
»Ja, weil er um seinen Schatz fürchtete. Warum gab er nicht seine echte, alte Krone, wenn ihm so viel daran lag, den slawischen Gedanken an der Sprewja zu befestigen? Weil er ein selbstsüchtiger Geizhals ist! So wurde ein Stümperwerk geschaffen, das mich ins Verderben brachte.«
»Krok hat gewollt -- ich sage es noch einmal --, du selbst solltest den Wenden die Notwendigkeit klarmachen, die Krone auszugraben und nach einem sicheren Ort zu bringen, da sie durch Juro bedroht sei. Hättest du das getan, wär alles gut.«
»Und -- ich sag' es auch noch einmal -- ich konnte es nicht! Ich brachte es nicht fertig, den Quark ans Licht zu ziehen und in unsere Kirche zu bringen. Oh, und dann hat mich doch -- doch der Vater gezwungen, das falsche Ding auf dem Kirchhof zu begraben über dem Kopf meiner Mutter. Und das, Mensch, das ist es, was mich wie ein Fluch verfolgt, das war es, was mir schon am nächsten Tag den Sinn so verwirrte, daß ich den Feind niederstach, der die Fälschung entdeckt hatte. Das ist es, was mir noch jetzt keine Ruhe läßt. Ich sehe in den Nächten nichts anderes als den Totenkopf meiner Mutter mit der falschen Krone. Ich sage dir, ein schlechter Spaß ist das, ein sehr schlechter Spaß ist das! Und wenn ich noch verrückt werde, werde ich darüber verrückt!«
Bohuslaw seufzte schwer auf.
»Und deswegen,« fuhr Samo ingrimmig fort, »deswegen bin ich hier, bin ich ein Säufer, ein Verfolgter. Aber ich werde das tun, wozu mir die Zigeunerin riet, ich werde mich an dem alten Krok rächen, der mich vom geraden Pfade ehrlichen Kampfes abbrachte und mit allerlei blödem romantischem Geschwätz auf diesen elenden Irrweg lockte. Leb wohl, ich gehe nach dem Wirtshaus zurück.«
»Samo!«
Er ließ sich nicht halten; er ging wieder nach der Kaschemme.
Drei Tage später war Hanka wieder allein. Samo war schon am frühen Morgen fortgegangen. Es war wieder eine schreckliche Nacht gewesen. Erst spät war er nach Hause gekommen, mehr betrunken als sonst. Und er hatte wieder soviel laut geredet im Schlaf. Das Schrecklichste war, wenn er schrie:
»Mutter, nimm die Krone vom Kopf, nimm die Krone vom Kopf! Mutter, sie drückt dich! Mutter, ich kann es nicht leiden, daß du die Krone auf dem Kopf hast!«
Dann sprang er oft aus dem Bett, dann zitterte er und streckte die Hände entsetzt von sich, dann schluchzte und weinte er, bis er erwachte und erschöpft ins Bett zurücksank. Was er nur mit der Krone hatte! Er sprach niemals ein gutes Wort von ihr; sein Gesicht wurde finster, wenn die Krone nur erwähnt wurde.
Und doch, war er nicht ein Märtyrer der alten Krone? Hatte er sie nicht verteidigt gegen Frevlerhände, mußte er nicht Schmach und Verachtung für sie erdulden, war es nicht die Krone, um derentwillen er Heimat und Ehre verlor?
Um dieses Martyriums willen liebte Hanka ihren Mann, hatte sie für seine Verirrungen nichts als liebendes Bedauern.
Nun saß sie wieder einmal allein. Sie nähte an kleiner Wäsche für das Kind, das sie erwartete. Sie freute sich auf dieses Kind. Vielleicht würde Samo erlauben, daß ihre Eltern zur Taufe kämen. Das würde doch ein Lichtblick sein in ihr so dunkles, einsames Leben; vielleicht würde Samo gar ordentlicher werden, mehr zu Haus bleiben, wenn erst das Kindchen da war. Dann würde Hanka zufrieden sein.
Da klopfte es an die Tür, und es stürzte ein alter Mann in höchster Aufregung ins Zimmer.
»Sind Sie -- sind Sie Frau Halek?«
»Ja, -- was wollen Sie?«
»Sind Sie die Frau Samos?«
»Mein Mann heißt Wenzel Halek.«
»Ja, gut, gut; aber ich weiß, wer er ist, woher er stammt. Wo ist Ihr Mann?«
»Das weiß ich nicht! Wer sind Sie? Was wollen Sie?«
»Wo ist Ihr Mann?« schrie der Alte.
»Ich weiß es nicht!«
»Sie wissen es bestimmt! Sie wissen auch, wo die Krone ist! Wo ist meine Krone? Meine kostbare Krone?«
Der Alte brüllte es. Hanka sah ihn erschrocken und verängstigt an. Sie glaubte, einen Irrsinnigen vor sich zu haben. Verzweiflungsvoll fuhr sich der Mann mit beiden Händen über den kahlen Kopf.
»Wenn Sie es nicht sagen, dann hole ich die Polizei! Dann lasse ich alle einsperren -- alle!«
»Was wollen Sie eigentlich von meinem Mann?«
»Die Krone hat er mir gestohlen. Aus dem Altar heraus hat er sie mir gestohlen. Hat sich eingeschlichen, weil er meine Wirtschafterin kennt!«
»Was für eine Krone? Was redet Ihr immer von einer Krone?«
»Die Krone Przemisls. Die echte Krone! Das Heiligtum! Die Krone, nach der Ihre wendische Krone gemacht worden ist.«
Noch immer sah ihn Hanka fassungslos an.
»Die wendische Krone gemacht worden ist --?« wiederholte sie verständnislos.
»Nun ja, ich hab' doch meine echte böhmische Krone hergeliehen, daß sich Samo eine Krone machen lassen konnte --«
»Eine Krone machen lassen konnte -- --? Wozu braucht Samo jetzt eine Krone?«
»Jetzt?! Frau, verstellen Sie sich nicht! Wer redet von ›Jetzt?‹ Damals -- als er die Krone für den wendischen Königshügel brauchte, -- als er sich die Krone machen ließ --«
»Für -- für unseren -- unseren Hügel?!«
Hanka fragte es mit entsetzt starrenden Augen. Ein grausiges Licht ging ihr auf.
»Nun, natürlich für Ihren Hügel -- Sie verstellen sich doch bloß -- Sie müssen doch das wissen als seine Frau. Und das ist der Dank, daß er mir --«
Er hielt inne. Die Frau vor ihm war ohnmächtig zusammengesunken.
»Was ist das? Was ist mit ihr? -- Aah -- Sie erschrak vor der Polizei! O hätt' ich doch -- hätt' ich doch -- meine Krone --«
Er begann die ganze Stube zu durchsuchen, öffnete den Schrank, riß die Schübe auf, wühlte alles durcheinander. Darüber kam Samo nach Haus.
»Was geht hier vor? -- Was macht der alte Halunke? -- Stiehlt er? -- Ahnt' ich es doch!«
Er schloß die Tür hinter sich ab.
»Meine Krone will ich -- meine Krone will ich -- wo hast du sie -- du -- du ...« brüllte der Alte. Samo schob ihn beiseite.
»Hanka -- was ist mit Hanka? Hat sie der Lump erschlagen?«
»Sie ist von selbst umgefallen. Ich habe ihr nichts getan.«
»Hast du es ihr gesagt, daß wir unsere Krone nach deiner ...«
Der Alte nickte. »Ich glaubte, sie wüßte es! Und es ist alles egal -- alles egal -- meine Krone will ich.«
»Oh, du -- du -- du Lump -- auch das noch -- auch das noch!«
Samo schüttelte den alten Mann, daß ihm der Atem ausging. Dann raffte er Hanka auf und legte sie aufs Bett. Dabei erwachte sie. Sie schaute entsetzt auf Samo:
»Ist es wahr, was jener Mann dort ...«
»Ja,« stieß Samo heiser heraus, »es ist wahr! Nun sollst du's schon wissen!«
Da schloß Hanka die Augen und rührte sich nicht mehr.
»Meine Krone will ich, meine heilige Krone will ich!« heulte wieder der Alte.
Samo stieß ihn auf einen Stuhl.
»Deine heilige Krone habe ich verkauft!«
Der Alte schrie auf.
»Ich habe sie an einen Matrosen verkauft, der hier zu Besuch war und jetzt über alle Berge ist.«
»Das kann nicht wahr sein, das kann nicht wahr sein,« heulte Krok; »das gibt Gott nicht zu!«
»Laß Gott aus dem Spiel, alter Lump! Deine Krone wird in irgendeinem Hafenort verschachert oder eingeschmolzen werden. Fünf Gulden habe ich dafür bekommen. Da hast du das Geld!«
Er warf es dem Alten vor die Füße. Der schnappte nach Luft, brachte aber kein Wort mehr heraus.
»Siehst du, alter Krok, das ist meine Rache! Eine viel zu winzige Rache. Ich habe dir einen alten Silberscherben genommen, der tot und leblos war; du hast mir die lebendige Krone meines Volkes vom Haupte gerissen, du hast aus dem künftigen Wendenkral einen versoffenen Vagabunden gemacht. Wenn ich sage, wir sind quitt, bin ich großmütig. Ich zerstörte dir eine Marotte, du zerstörtest mir das Leben.«
Nun schlug der alte Krok einen andern Ton an:
Mit gefalteten Händen stand er vor Samo:
»Erbarme dich, Samo, erbarme dich! Sei großmütig, wirklich großmütig! Gib mir die Krone wieder!«
»Gib du mir meine Krone wieder, wenn du kannst!«
»Sieh es ein, Samo, ich habe es gut mit dir gemeint. Denke an die schöne, feierliche Nacht, da du zuerst bei mir warst.«
»Ich verfluche diese Nacht; sie war der Anfang zu meinem Verderben.«
»Es mußte doch so sein, wenn das Slawentum bei euch gerettet werden sollte -- sieh es doch ein!«
»Nein, es mußte nicht so sein!«
»Ich habe es dir anders geraten ...«
»Ich weiß, was du mir geraten hast. Selbst sollte ich die Krone ausgraben oder von dieser Frau dort, die damals noch ein Mädchen war, mit einer versilberten Schaufel ausgraben lassen und die Krone nach meiner Heimatkirche übertragen. -- Ich konnte es nicht; ich brachte diese elende Komödie nicht fertig ...«
»Völker sind oft durch Komödien geleitet worden, Samo, tausendmal sind Völker durch ein Spiel, das ihre Phantasie ergötzte, zum Glück und zur Größe geführt worden. Wer das nicht wagt, was kleine Leute Betrug nennen, kann nicht der Führer eines Volkes sein; denn die Völker wollen und müssen von Zeit zu Zeit betrogen werden. Es gibt keinen Staat der Welt, wo so etwas nicht bewußt geschehen wäre.«
»Das ist deine Sophistik!«
»Du hast ihr zugestimmt. Und dann ist das Ganze an deiner Schwäche gescheitert.«
»An meiner Ehrlichkeit!«
»Nenne es, wie du willst! Aber wenn du ehrlich bist, gib mir die Krone wieder, die du aus meiner Kapelle geholt hast. Ich bitte dich um Himmel und Erde willen, gib mir die Krone!«
Hanka sprang vom Bett auf. Finster schaute sie auf Samo.
»Gib ihm die Krone zurück! Sei wenigstens kein Dieb!« sagte sie hart.
»O gute Frau! O brave Frau Hanka!«
Samo lachte laut und lange. Er wandte sich an Hanka:
»Nun hast du mich also ganz erkannt, Hanka! Ein Prachtkerl, nicht wahr? Und das, was ich bin, bin ich durch diesen Mann. Schau ihn an, den kahlen Affen! Er hat kein anderes Ideal als alten Kram, in dem er sich wohlfühlt. Ich wußte, daß ich ihn nicht ärger treffen konnte, als daß ich ihm seine alte Krone nahm; deshalb nahm ich sie ihm, und deshalb bleibt sie ihm genommen.«
»Samo, erbarme dich ...«
Der Alte fiel vor ihm auf die Knie.
Da nahm Samo seinen Hut und stürmte davon. Der Alte lief ihm wimmernd und händeringend nach.
Der trübe Tag verging, eine sternenlose Nacht folgte ihm. Und als auch sie vorüber war und das fahle Morgenlicht durch die Straßen schlich wie ein zu früh gewecktes, müdes Kind, das auf Arbeit ausgehen muß, da verließ Samo das Wirtshaus, in dem er so lange gewesen war, und irrte erst ziellos durch die Gassen und kam schließlich, von innerem Drang geleitet, an das Haus des alten Krok.
Was er dort wollte, wußte er nicht; er wollte sich wohl mit dem alten Manne weiter streiten. Es tat ihm wohl, mit ihm Händel zu haben. So klopfte er an die Tür.
Nur wenige Minuten, und die alte Haushälterin kam und erschrak so vor Samo, daß sie sich auf die Treppe setzen mußte. Samo schloß die Tür von innen und ließ die Alte sitzen, nachdem er ihr unter einer rauhen Drohung verboten hatte, Lärm zu schlagen. Das Weiblein duckte sich zitternd und heulend zusammen.
Oben im Eckzimmer war Licht, auch der Nebenraum war erleuchtet. Aber Krok war nicht zu sehen. Da ging Samo nach der Kapelle.
Sie war hell erleuchtet. Ungezählte Kerzen flammten.
Der beraubte Tabernakel des Altars stand offen.
Und auf den Stufen des Altars lag lang dahingestreckt der alte Krok und war tot.
Regungslos stand Samo, starrte mit stumpfem Sinnen in das Kerzengeflimmer und dann wieder auf den toten Greis. Lange stand er so. Dann aber war es, als würden die Heiligen und Helden an den Wänden lebendig.
Wenzeslaus schwenkte seine Fahne, der große König Karl stieg aus dem Bilde, Wallenstein zückte den Degen, Przemisl, der König, dessen Krone geraubt worden war, sprang auf von seinem Pflug.
Da lief Samo davon, die Treppe hinab, hinaus auf die Straße.
Die kühle Morgenluft ernüchterte ihn. Er ging zwei oder drei Straßen weiter, dann setzte er sich müde auf die Stufen, die zu einer Kirchenpforte emporführten.
Krok war tot. Weil er die Krone verloren hatte! Weil das alte Heiligtum nun ein wüster Matrose irgendwo versetzte und das Geld, das er dafür bekam, verliederte.
Ei, alter Krok, dir ist es schlecht ergangen!
Aber ich habe auch keine Krone. Ich bin auch tot.
Tröste dich! Siehe, der dort auf der Straße dahertorkelt, der war früher ein Priester. Siehst du, wie er stehen bleibt? Siehst du, wie er ein paar Sekunden lang her auf die Kirche sieht? Da hat er früher Hochamt gehalten, und an seinem Altar brannten viele Lichter.
Er hat auch eine Krone verloren.
Viel, viel Menschen verlieren eine kostbare, alte Krone, sinken von einem Thron in den Pfuhl.
Tröste dich also, alter, toter Krok! Ich will jetzt nicht mehr bös auf dich sein. Davon hast du schon etwas; denn ich bin doch ein Königssohn. Weißt du noch, wie du mich vergöttert hast? Wie du mir die Hand küßtest? Es ist dumm genug, daß alles so kommen mußte!
Als es heller wurde, ging Samo nach Hause.
Nun kam noch ein ernstes Wort mit dem Weibe. Am Ende war der auch Unrecht geschehen. Aber Unrecht muß geschehen, Hanka, muß! Hast halt auch Unglück gehabt. Glaubtest, einen künftigen König zu heiraten, und bekamst einen Lumpen ...
Die Stube war leer. -- -- --
Auf dem Tische lag ein Zettel. In Hankas wenig geübten Schriftzeichen stand darauf zu lesen:
»Ich habe bei dir ausgehalten, weil ich glaubte, du seiest im Recht. Jetzt gehe ich fort. Ich will unser Kind ordentlich erziehen oder es doch zu guten Leuten bringen. Deiner mag sich Gott erbarmen. Hanka.«
Samo las den Zettel zweimal, dann nickte er mit dem Kopf.
»Es stimmt!«