Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald
Part 16
Weinend schob Kito mit den anderen den alten Bretterwagen auf den Weg hinaus; behutsam und sacht holte er das Stroh und ein Pferd. Mit finsterem, starrem Angesicht sah Hanzo noch zu, wie Juro auf das Stroh gebettet wurde; dann schloß er das Tor, indes der alte Kito draußen von dannen fuhr.
Oh, das war eine traurige Fahrt! Die Nacht so öde, der Weg so lang. Und so dahinfahren in Schande und Herzeleid mit einem, den man lieb hat! In seinem langen Leben hatte der alte Kito keine Stunde gehabt, die so bitter gewesen wäre wie diese. Und er zergrübelte seinen alten Kopf, wie er's nun anstellen sollte. Es war noch finster. Was würden die Leute auf der deutschen Herrschaft sagen, wenn er mit einem solchen Fuhrwerk daherkäme? Wie sollte er, der Knecht, sich vor die Augen eines gnädigen Herrn trauen und ihm sagen: »Auf dem Stroh meines Bretterwagens liegt Ihr Herr Schwiegersohn!«
Wie hatte es nur der alte Hanzo tun können! Was für einen wilden Zorn mußte er in seinem Herzen haben, daß er dem Sohn diese Schande antat!
O Gott, was sollte er nur tun, der alte Kito? Vielleicht war der, den er so langsam dahinfuhr, schon gestorben.
Da hielt Kito an, da wandte er sich um nach dem Wagen, kniete bei Juro nieder und tastete mit seinen stumpfen Fingerspitzen nach Juros Herzen. Es dauerte lange, ehe er einen schwachen Herzschlag fühlte.
Dann fuhr er weiter in müdem, schleppendem Tempo. Und als er an den Seitenweg kam, der nach dem Witholdschen Schlosse führte, fuhr er daran vorbei. Er hatte zu viel Angst, mit einem solchen Auftrage dem deutschen Herrn vor die Augen zu treten.
Weiter ging es den Sandweg entlang. Was war das für eine Nacht! So gab es wirklich die alte Krone der Wenden! So war Hanzo wirklich ein König! Und seinen ältesten Sohn hatte der Schlag getroffen, als er sich an der Krone vergriff. Heilig war sie! Mochte Gott allen vergeben und alle schützen vor der Gewalt des Nachtjägers! Der Morgen kam. Ein kalter Morgen. Vielleicht begegneten Kito Leute vom Schloß, denen er Juro übergeben könnte. Da -- da sprang auch wirklich jemand über den Graben ...
»Heda -- heda!« schrie der alte Kito.
Ein Mann kam näher. Es war Heinrich von Withold. Er trug eine Büchse über der Schulter.
»Was ist los? -- Was schreien Sie?«
»O Gott -- gerade der gnädige junge Herr!«
»Nun, was ist da weiter? Wohin wollt Ihr?«
»Ich soll -- ich will -- Gott schütze mich!«
»Aber Mann, was macht Ihr für Gerede?«
»Sehen Sie, sehen Sie einmal in meinen Wagen!«
»Juro!«
Die Büchse fiel auf den Weg.
»Ja -- was -- was ist denn? Ist er verunglückt? Wo bringt Ihr ihn denn her? Was ist geschehen? Juro! Juro!«
Heinrich kletterte auf den Wagen, griff nach der Stirn Juros, fühlte nach seinem Puls.
»Der Schlag hat ihn getroffen«, sagte Kito.
»Nein, er scheint nur ohnmächtig zu sein -- Gott sei Dank, nur ohnmächtig ...! Spannen Sie das Pferd aus, damit es nicht anrückt! Dann helfen Sie mir! So! -- Den Kopf tief betten -- er ist ja leichenblaß -- und nun die Arme und die Beine reiben -- tüchtig!«
Heinrich flößte dem Kranken Kognak aus seiner Feldflasche ein und rieb ihm die Herzgrube.
Dabei fragte er Kito:
»Wo habt Ihr ihn gefunden?«
Stammelnd, unter vielen Tränen, sagte der Alte:
»Er hat -- hat -- die alte Krone ausgegraben, und da hat ihn der Schlag getroffen.«
»Die alte Krone? Seid Ihr irre?«
»Ich war selbst dabei. Ich hatte am Kronenhügel Wache.«
»Und er hat wirklich eine alte Krone gefunden?«
»Ja, in einem alten grauen Topf.«
»Das ist nicht möglich!«
»Ich habe es gesehen, Herr! Ich hab' die Krone ja selbst wieder in den Topf getan und sie wieder eingegraben.«
»Kräftiger reiben! Kräftiger! -- Und er fiel also ohnmächtig um? -- Die Nerven! Er war schon so aufgeregt vorher. Er hat nächtelang nicht geschlafen! -- Ja, Mann, wie kommt Ihr denn zu dem Wagen?«
Kito gab jammernd Auskunft.
»Was -- auf einen Mist- -- auf einen Schand- und Schinderwagen -- der eigene Vater?! -- -- -- Bande! Bande! Bande!«
Juro schlug die Augen auf. Da lachte Heinrich gezwungen.
»Na also, alter Junge! Du machst schöne Geschichten! Aber es ist nichts dabei, wird bald vorüber sein! Da trink mal!«
»Wo bin ich? Was ist?«
»Davon reden wir später. Jetzt trink mal!«
Juros Auge wanderte umher; seine Stirn runzelte sich zu angestrengtem Nachdenken, und dann sagte er erschauernd:
»Die Krone! Die Krone!«
»Laß das jetzt, Juro! Ich weiß alles. Laß das jetzt! Spannen Sie ein, Mann! Dann den Weg rechts hinab!«
»Es ist schrecklich, Heinrich! Sie ist da! Es ist alles -- alles wahr! Sie ist da!«
»Sei jetzt ruhig! Wir wollen nach Hause.«
»Ich schäme mich -- ich hab' ein Heiligtum geschändet -- ich bin schlecht!«
Sie fuhren einen Weg hinab. Kurz vor dem Schloß half Heinrich dem Kranken vom Wagen. Juro stützte sich auf die beiden Männer und trat durch eine Hintertür ins Schloß.
Es waren etwa zwei Wochen vergangen. Da ließ sich Heinrich von Withold beim alten Scholta Hanzo anmelden. Er wartete im Kretscham auf Antwort. Es dauerte zwei Stunden ehe die Nachricht eintraf, daß der Scholta Heinrich erwartete. Die beiden Männer begrüßten sich stumm. Der Scholta wies auf einen Stuhl.
»Ich danke,« lehnte Heinrich ab; »ich habe nicht viel zu sagen. Allerdings, was ich zu sagen habe, ist wichtig. Mein Freund und Schwager Juro hat, gehetzt durch die aufgestachelte öffentliche Meinung und in der Überzeugung, daß eine alte Krone der Wenden nicht existiere, nach ihr gegraben und zu seiner schweren Überraschung eine Krone gefunden. Da ist er dem Schreck, einem plötzlichen Nervenanfall, erlegen -- er ist ohnmächtig geworden.«
»Gott hat ihn geschlagen!« sagte Hanzo ernst.
Heinrich beachtete den Zwischenruf nicht, sondern fuhr fort:
»Als ich Juro auf Ihrem Düngerwagen liegend fand, hatte ich zuerst vor, die ganze Sache der Behörde anzuzeigen.«
»Das konnten Sie! Von uns aus ist nichts Unrechtes geschehen.«
»Ich weiß nicht,« entgegnete Heinrich kalt, »wieweit sich die beiden Würden eines preußischen Schulzen und heimlichen Wendenkönigs miteinander vertragen, jedenfalls habe ich die Anzeige unterlassen, weil ich mich zu solchen Dingen nicht eigne. Aber ich habe etwas anderes getan: ich habe mir die Krone auch einmal angesehen! Hier ist sie!«
Er zog unter dem weiten Kragen seines Mantels ein Paket hervor und legte es auf den Tisch.
»Was -- was -- was sagen Sie? -- Was ist das?«
Heinrich löste die Umhüllung, eine alte Krone, ein schmaler silberner Stirnreif wurde sichtbar.
»Da! -- Das hat Juro gefunden!«
Der alte Hanzo streckte entsetzt die Hände aus gegen den Tisch.
»Das -- das -- die Krone! -- Sie haben es gewagt -- Sie ...«
»Regen Sie sich nicht auf,« sagte Heinrich ruhig; »die Krone ist gefälscht!«
Der alte Wende sank auf einen Stuhl; die Zähne schlugen ihm aufeinander.
»Ist das -- ist das -- die Krone aus dem Hügel?«
»Ja, und sie ist nicht die alte Kralskrone, sie ist gefälscht!«
»Sie haben sie ausgegraben?«
»Ja -- unter der Zeugenschaft von zwei gebildeten Männern.«
Da stürzte der alte Hanzo mit geballten Fäusten auf Heinrich los, schlug auf ihn ein, rang mit ihm und mußte doch von dem Angegriffenen halb gehalten werden, damit er nicht niederfiel. Schließlich sank er völlig gebrochen, kraftlos und erschöpft auf seinen Stuhl.
Da öffnete sich die Tür, und Samo trat ein.
»Was geht hier vor?«
»Ich habe dem Scholta die Krone gebracht, die mein Freund Juro neulich gefunden hat.«
Samo wurde bleich.
»Wie kommen Sie zu der Krone?«
»Ich habe sie ausgegraben mit noch zwei gebildeten Männern; ich habe sofort erkannt, daß es sich um eine wertlose Imitation handelt, und habe mir meine Ansicht durch ein Sachverständigenurteil in Berlin bestätigen lassen. Hier ist eine beglaubigte Abschrift!«
»Sie sind ein Lump!« schrie Samo heiser.
»Es ist mir eine Ehre, von Ihnen beschimpft zu werden,« erwiderte Heinrich mit eisiger Kälte; »denn ich bringe Sie mit dem schmählichen Betrug, der hier vollführt wurde, in Verbindung.«
»Herr! Sie werden mir mit der Waffe Genugtuung geben. Diese Schmach kann nur Ihr Tod sühnen!«
»Ich schlage mich nicht mit Verbrechern!« sagte Heinrich verächtlich.
Da fiel Samo über ihn her, Heinrich aber schleuderte ihn beiseite und verließ rasch das Haus.
»Vater!«
Samo beugte sich über den Alten, dessen Kopf auf der Tischplatte ruhte. Hanzo hob das Haupt. Er sah seinem Sohne starr ins Gesicht und sprach:
»Samo, hast du's gehört? Hast du es auch gehört, was der Mensch Schreckliches sagte, oder ist alles ein Spuk, oder bin ich irrsinnig geworden durch all die schwere Zeit?«
»Ich habe es gehört, und da ist die Krone!«
»Die Krone!«
Furchtsam starrte der Alte wieder auf den silbernen Reif.
»Er sagt -- er sagt -- sie ist falsch!«
»Er ist ein deutscher Hund!« schrie Samo zornig; »einer, dem nichts heilig ist, einer, der auf unseren Grund und Boden eindrang und die Krone stahl.«
»Ist das -- ist das wirklich die Krone aus dem Hügel?«
»Frage Kito -- er hat sie gesehen.«
Kito wurde gerufen. Als er auf dem Tisch die Krone sah, wollte er an der Tür umkehren. Gespenster, nichts als Gespenster in seinen alten Tagen! Aber er mußte in die Stube, mußte an die Krone herantreten.
»Es ist die Krone aus dem Hügel«, sagte er bebend. »Ich kenne sie genau wieder.«
Da traten alle drei Männer von dem Tische zurück.
»Da liegt ein Papier,« sagte Hanzo endlich scheu, »auf dem soll stehen, die Krone ist gefälscht.«
»Willst du es lesen, Vater?« fragte Samo und hielt ihm das Blatt Papier hin, das Heinrich dagelassen hatte. »Lies es!«
»Nicht hier, nicht bei der Krone!« wehrte der Vater ab.
»Weißt du, was auf solchen Papieren von Deutschen schon alles gestanden hat?« fragte Samo. »Daß es keinen Gott gibt, daß es kein Vaterland gibt, daß es kein Eigentum gibt, daß es kein Recht der Slawen gibt, ja daß es überhaupt keine Welt gibt, daß alles Einbildung, Täuschung ist. Alle solche Dinge haben auf deutschen Urkunden von sogenannten deutschen Sachverständigen schon gestanden. Auf diesem Papier da wird zur Abwechslung stehen, es gibt keinen Kral der Wenden, und der tausendjährige Beweis, die Krone, ist falsch. Es gibt nur eine deutsche Herrschaft, eine deutsche Krone! Können wir von unseren Feinden ein anderes Urteil erwarten? Kann ein Urteil, das unsere Widersacher bei ihresgleichen bestellt und bezahlt haben, anders ausfallen?«
»Nein!« sagte Hanzo, »du hast recht!«
Er zerriß das Papier in viele kleine Teile.
»Die Krone ist genug beleidigt«, sagte er. »Gehet jetzt hinaus. Laßt mich allein!«
Und der Kral blieb bei der Krone mit einer großen königlichen Andacht im Herzen.
* * * * *
Am Nachmittag desselben Tages wurde der Kronenhügel noch einmal aufgegraben, und zwar in Gegenwart Hanzos, Samos und dreier Zeugen aus dem Dorfe. Die Männer überzeugten sich, daß der Hügel nunmehr leer sei, und Hanzo gab den Befehl, daß er der Erde gleich gemacht werde.
»Tausend Jahre lang hat er unsere heilige Krone beherbergt,« sagte er ergriffen; »nun ist seine Ruhe gestört und entheiligt worden, nun soll er nicht mehr sein!«
Dann ging er mit den Zeugen nach seinem Hause, zeigte ihnen die Krone und sagte:
»Das ist die Krone der Wenden! Ihr Silber ist vom Himmel gefallen, ein gottgesandter Mann hat sie geformt. Der Urkral hat sie getragen. Aus ihrem tausendjährigen Hause ist sie vertrieben worden. Sie soll zurück in die mütterliche Erde. Denn nicht ist die Jungfrau mit der silbernen Schaufel gekommen und hat sie ans Licht geholt, Frevlerhände haben es getan. Ich werde die Krone wieder begraben an einem anderen Ort. Den soll aber niemand wissen als mein Sohn Samo und ich, als immer der Kral und sein ältester Sohn. Was ihr gehört und gesehen habt, dürft ihr den Wenden erzählen, aber keinem Deutschen.«
Die Männer gelobten das und gingen in größter Erregung von dannen. -- -- --
Als Hanzo mit Samo allein war, sprach er:
»Unter der Kirchhoflinde, dort, wo die Mutter liegt, werden wir eine Grube graben, dahin werden wir die Krone legen. Sie wird dann über Mutters Kopf sein und bald auch über meinem.«
Samo wandte sich ab.
Er stand am Fenster und schaute hinaus auf die Straße. Sein Atem ging rasch. Endlich wandte er sich um.
»Wähle einen anderen Ort, Vater! Der Kirchhof ist die Stätte der Toten. Unsere Krone aber ist lebendig, und unsere Hoffnung knüpft sich daran, die Hoffnung, daß wir Slawen noch einmal loskommen von diesem elenden Lande der Deutschen. Deshalb muß die Krone lebendig bleiben, Vater. Ganz lebendig vor aller Augen und in aller Herzen! Daran, an diesem Glauben, hängt unsere Zukunft. Wähle einen anderen Ort!«
Der Vater blieb bei seinem Vorsatz.
»Die in der Kirchhofserde liegen,« sagte er, »sind nur tot für eine Zeit, dann wird sie unser Herr Christus auferwecken. Und auch unsere Krone wird eines Tages auferstehen. Du wirst sie mit mir dort begraben, wo ich dir gesagt habe. Sie ist dort sicher; denn sie hat dort Wächter, an die sich nicht leicht jemand wagt.«
»Ich werde dir gehorchen!« sagte Samo.
Auf dem Bahnhof zu Prag stand Hanka. Sie sah sich verängstigt um. Ihre Stirn war weiß, aber auf ihren Wangen brannten große rote Flecken. Da stellte sie plötzlich das Paket hin, das sie getragen, und begann heftig zu zittern.
»Da -- da -- ist er -- Samo!«
Samo kam auf sie zu und küßte sie scheu auf den Mund.
»Samo! Samo!«
»Pst -- still! Nur keinen Namen nennen! Hier lauern überall Polizeihunde. Komm weiter!«
Er zog Hanka aus dem Bahnhof hinaus und nahm einen geschlossenen Wagen. Im Wagen fiel sie ihm um den Hals und weinte leidenschaftlich.
»O Samo -- Samo! Endlich seh' ich dich wieder!«
Er sagte etwas, was sie nicht verstand.
»Ist es dir nicht lieb, Samo, daß ich dir nachgekommen bin?«
»Warum soll es mir nicht lieb sein? Aber ich fürchte, dir wird es nicht lieb sein, daß du es getan hast, wenn du erst siehst, wie ich lebe!«
Er sprach mit abgewandtem Gesicht.
»Ich gehöre zu dir; ich bin dein Weib. Oh, warum hast du uns so lange nicht geschrieben? Fast zwei Jahre! Was haben wir ausgestanden um dich!«
»Ich konnte nicht! Ich mußte glauben, daß ihr mich verfluchtet!«
»Das haben wir nie getan. Von Anfang an nicht! Du warst nie schlecht!«
Samo sah finster zur Seite. Eine Weile schwiegen sie. Nur Hanka weinte leise vor sich hin.
»Also, er ist nicht tot?« begann Samo wieder. Seine Stimme war düster.
»Nein, er war kaum zwei Monate lang krank.«
Samo schüttelte den Kopf.
»Merkwürdig! Ich weiß doch als Arzt, wo das Herz sitzt. Und ich hab' aufs Herz gezielt. Das Messer muß abgeglitten sein.«
»Sprich nicht davon, Samo, sprich nicht davon!« rief Hanka erschauernd.
»Ja, ich spreche +nur+ davon! Ich hab' in den ganzen zwei Jahren eigentlich nichts anderes mit mir selbst verhandelt als immer das eine. Ich glaubte, er sei längst vermodert.«
»Samo, sprich nicht so Schreckliches!«
»Hätte er sich mit mir duelliert,« fuhr Samo fort, »wäre es anders gekommen. Vielleicht hätte er dann eine Kugel in diesen heißen, unglücklichen Schädel geschossen, und es wär' gut gewesen.«
»Samo!«
»Aber er verachtete mich! Er behandelte mich wie einen Hund. Er schickte meinen Zeugen heim. Er beleidigte mich aufs neue, als ich ihn persönlich stellte. Da bekam er das Messer in die Brust. Ich konnte nicht anders. Meine Hand tat es von selbst.«
»Er hat dich schwer beleidigt, Samo, wir wissen es; er hat sich auch frech an unserer alten Krone vergriffen; er hat die meiste Schuld gehabt!«
»Sie haben einen Steckbrief hinter mir erlassen?«
»Ja, der alte Withold hat's nicht gewollt -- um Juros willen -- wegen des Namens --, aber der Staatsanwalt ist gekommen, und es hat sich nichts ändern lassen. -- Juro hat damals seine Verlobung aufgelöst --«
»So?«
Samo schwieg eine Weile.
»Weil sein Name geschändet war -- weil ich den Bruder seiner Braut -- nun ja, ich kann mir's denken!«
»Das Mädchen, die Elisabeth, ist aber dem Juro nachgegangen nach Breslau. Sie hat ihn nicht losgelassen. Jetzt sind sie schon verheiratet.«
»Na also! Ist Hochzeit zu Haus gewesen, und man hat nichts davon gewußt!« lachte Samo gezwungen. »Wo wohnt denn das junge Paar? Beim Vater zu Haus auf der Scholtisei?«
»Nein, unser Vater und Juro sind noch in Feindschaft. Der Vater verzeiht es Juro nicht, daß er sich an der Krone vergriffen hat, wie er dir alles verzeiht, weil du doch die Krone verteidigt hast.«
Samo sah zum Wagenfenster hinaus.
»Die verfluchte Krone!« sagte er leise und ingrimmig.
»Was -- was sagst du, Samo?« fragte Hanka erschrocken.
»Ja, Weib, ahnst du denn, was ich ausgestanden habe? Kannst du nur ein wenig einsehen, was das heißt, zwei ganze Jahre mit einem Ermordeten zu ringen, was das heißt, verbannt, geächtet, verfolgt zu sein, ein Mordbube zu sein, dem jeder Straßenpassant gefährlich und verdächtig erscheint, was das heißt, wenn einem so das ganze Leben und alle Hoffnung zusammenbricht?«
»Der junge Withold ist nicht tot«, sagte Hanka.
»Aber ich habe es geglaubt; ich habe darum nicht an euch geschrieben, hab' mich verkrochen in die elendesten Spelunken Prags unter falschem Namen, als Vagabund zu den Vagabunden, bis ich es nicht mehr aushielt, bis ich euch doch eine Nachricht gab.«
»Jetzt wird es besser werden, Samo, lieber Samo!«
»+Besser+ -- vielleicht! Es kann aber nicht mehr +gut+ werden. Der Schatten freilich wird mich jetzt in Ruhe lassen; aber die Heimat ist verloren, die Ehre ist verloren, das Leben ist zerbrochen.«
Er preßte die Fäuste vor die Augen. Sie schlang den Arm um seinen Hals.
»Samo, ich hab' dich lieb!«
Er nickte versonnen und sah mit verlorenem Blick vor sich hin.
»Das ist das Sonderbare! Als es mir gut ging, hattest du mich nicht lieb, da liebtest du den Juro.«
Sie wurde rot.
»Und jetzt bist du mir nachgekommen ins Elend. In ein viel schlimmeres Elend, Hanka, als du meinst. Du wirst es nicht aushalten.«
»Ich werde alles aushalten, Samo! Ich hab' dich lieb!«
Er schob sie sacht beiseite.
* * * * *
Es war ein elendes Quartier, das Samo in einer Vorstadt Prags bewohnte, die Parterrestube eines schmutzigen Hauses. Ein Bett stand in dem sonnenlosen Raum, ein wackeliges Sofa, ein Tisch und ein paar Stühle. An der Wand waren einige Kleiderhaken, auf einem Stuhl stand ein halbzerbrochenes Waschbecken.
»Also, da wohne ich!« sagte Samo. »Das ist die Residenz des zukünftigen Krals der Wenden.«
Er lachte höhnisch und bitter. Hanka flog ein Schauer durch Leib und Seele. Sie, deren ganzes Sinnen von Jugend an auf Ordnung, Reinlichkeit und behaglichen Wohlstand gerichtet war, erschrak vor dieser liederlichen Höhle.
»Hier wohnst du?« fragte sie tonlos. »Die ganzen Jahre?«
»Seit einem halben Jahr. Meine frühere Wohnung war noch schlimmer; zeitweise hatte ich überhaupt keine Wohnung.«
Da brach sie in Tränen aus.
»Es wird jetzt besser, Samo; ich bringe dir Geld mit von deinem Vater -- sechstausend Taler!«
Samos Augen blitzten auf.
»Geld? -- Sechstausend Taler? -- Ah, mein Mutterteil! Das ist nicht schlecht!«
Er lächelte vergnügt.
»Geld habe ich schon lange nicht mehr gehabt. Aber sag' das niemandem, Hanka, das darf niemand wissen! Das würde gleich Verdacht erregen. Ich bin hier der verbummelte und verarmte Journalist Wenzel Halek. Das darfst du nie vergessen. Ich heiße Wenzel Halek.«
Sie setzte sich müde und traurig auf einen Stuhl.
»Ja, ja, Hanka, so weit kann es kommen. Selbst den Namen muß man sich schließlich erschachern oder stehlen. Ich habe einem verbummelten Kerl seine Papiere abgekauft. Um fünfzig Kreuzer! Die fünfzig Kreuzer hat er noch vertrunken, und am anderen Tage ist er am Delirium in einem Spital gestorben, ohne noch einmal zur Besinnung zu kommen.«
»O Gott, o barmherziger Gott!«
»Ja, Hanka, ich will dir von vornherein sagen, in was für eine Welt du kommst. Ich sagte dir schon, du wirst es nicht ertragen. Ich -- ich habe mich schon daran gewöhnt. Ich passe schon hierher!«
»Samo!«
»Ich heiße Wenzel! Vergiß das nicht! Samo ist tot -- der neue Wenzel Halek ist ein Lump -- er sauft ebenso wie der alte Wenzel Halek.«
»Samo, Samo, was -- was redest du --«
»Ich will dich nicht belügen. Ich bin ein Süffling geworden. Es gab Zeiten, wo ich durchschnittlich in der Woche siebenmal betrunken war. Das wird so, wenn man mit -- mit Schatten kämpft und wenn man alles, was einem lieb war, verloren hat.«
Er stieß es rauh, brutal, unbarmherzig heraus. Hanka sank mit dem Kopf auf den Tisch.
Da öffnete sich die Tür, ohne daß angeklopft worden war. Eine dicke, alte Tschechin trat ein. Sie besah sich mit frecher Neugier Hanka.
»Also -- das ist die Frau Halek? Das ist das neue Frauchen? Ein schmuckes Frauchen! -- Nu, Herzchen, wie gefällt es Ihnen hier? Ja, mein Fräulein, das Zimmer ist nicht groß, aber es ist gemütlich!«
»Mach, daß du hinauskommst, alte Schwarte«, tobte Samo.
»Oho, das ist meine Stube! Und Sie sind noch zehn Gulden schuldig.«
»Kriegst du morgen! Und nun hinaus, ~murguta Myrlawa!~«[56]
Er schob die Alte zur Tür hinaus.
»Wer -- wer ist diese Frau?« fragte Hanka betroffen.
»Meine Wirtin.«
»Was will sie? Sie nannte mich Fräulein. Hast du ihr nicht gesagt, daß ich deine Frau bin?«
»Ich hab' es ihr gesagt. Aber solches Volk glaubt das nicht. Hier läuft alles durcheinander.«
Sie nahm ihn ängstlich an der Hand.
»Nicht wahr, Samo, wir werden eine ordentliche Stube nehmen und ein ordentliches Leben führen?«
Er machte sich achselzuckend los von ihr.
»Das geht nicht so auf einmal. Das fällt doch auf.«
»Du kannst doch sagen, ich -- ich habe dir das Erbteil mitgebracht --«
»Vorsichtig müssen wir sein. Ich werde sehen, was sich wird machen lassen.«
Ein und ein halbes Jahr waren seitdem wieder vergangen. In eine »ordentliche Stube« waren Samo und Hanka gezogen, hoch in den oberen Stock eines sauberen Hauses. Aber ein »ordentliches Leben« führten sie nicht.
Samo war liederlich geworden.
Er hielt es nicht aus in der engen Klause, wo das stille Weib saß und mit heimwehkranken Augen zum Fenster hinausstarrte, hinauf zu den Wolken, die am Himmel wanderten. Er wußte, daß ihre Sehnsucht immer mit auf die Reise ging, hinstrebte nach der wendischen Heimat, die für ihn und sie auf immer verloren war.
Und er hatte keine geordnete Beschäftigung. Am Anfang hatte er manchmal Bücher aus einer Bibliothek besorgt und etwas studiert. Aber was nutzte ihm das Studieren? Er interessierte sich in der Hauptsache für medizinische Schriften, und was in aller Welt sollte ihm noch die medizinische Wissenschaft nutzen? Wenzel Halek war nicht approbiert, Wenzel Halek hatte nur das Äußere mit Samo ziemlich ähnlich gehabt; geistig war er ein verlumpter Kerl gewesen, der sich keinerlei Qualifikationen erworben hatte. Das elende Leben Haleks, das im Delirium geendet war, mußte Samo nun fortsetzen.
»Hat der erste Wenzel Halek gesoffen, kann auch der zweite Wenzel Halek saufen«, sagte er oft zynisch und brutal.
Hanka vermochte nichts über ihn. Sie war ihm geistig nicht gewachsen; er unterhielt sich auf die Dauer nicht gern mit ihr, zumal sie nicht viel anderes zu reden wußte als von ihrer wendischen Heimat. Einmal hatten ihre Eltern auf Besuch kommen wollen; sie hatte es auf Samos Wunsch verhindern müssen.
So war Hanka in schwerster Verlassenheit.
Samo lief viel in die Wirtshäuser. Und er verkehrte in untergeordneten, schlechten Vorstadtlokalen. »Damit es nicht auffalle, daß er plötzlich mehr Geld habe«, gab er als Grund an. In Wirklichkeit hatte er -- seit er aus der besseren Gesellschaft ausgestoßen war -- einen Haß auf alles, was sicher, ordentlich, anständig erschien; er degradierte sich in tollem Grimm über sein Schicksal, ja in Haß gegen sich selbst mehr und mehr. Schließlich gewöhnte er sich an die wilde Gesellschaft.