Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald
Part 15
Nach zwei Monaten kehrten sie heim. Da fand Juro in seiner Breslauer Wohnung einen Brief des Vaters vor. Der Vater machte ihm die Mitteilung, daß die Vertreter der wendischen Gemeinden beschlossen hätten, ihm die künftige Kralswürde abzusprechen auf Grund seines feindlichen Verhaltens gegen das Wendentum und vor allen Dingen auf Grund seines geäußerten Vorsatzes, den Kronenhügel aufzugraben und das Nichtvorhandensein der alten Krone der Wenden nachzuweisen. Am Martinitage mittags solle in dem und dem Lokal die Ausschließung Juros von der Kralswürde erfolgen. Es sei Juro anheimgestellt, bei dieser großen ~Gromada~ zu erscheinen und daselbst seine Sache zu führen, wolle er aber klug handeln und seinem Vater einen Schmerz ersparen, so solle er vorher durch freiwilligen schriftlichen Verzicht das traurige Schauspiel unnötig machen.
»So wirf ihnen doch die ganze Geschichte hin«, sagte Heinrich, der mitanwesend war und den Brief ebenfalls las. »Das ist doch alles Humbug! Darum wirst du dir doch nicht das Leben verbittern!«
»Nein!« rief Juro, »nein! Ich gebe nicht nach!«
»Aber, Mensch, du siehst doch, daß du sowieso keinen Einfluß auf die Wenden hast. Wozu also dieses trotzige Festhalten an dieser phantastischen Würde? Bei denen wirst du nichts ausrichten, auch wenn du der eingebildete zukünftige Kral bleibst.«
»Ich werde etwas ausrichten, denn ich bin nicht ohne Anhang. Die Jungen, die einmal ins Land hinausgerochen haben, die sind denn doch anders als die alten Nesthocker. An die Jungen muß ich mich wenden. Ich werde jetzt wirklich den Kronenhügel aufgraben!«
»Das laß nur hübsch bleiben! Das könnte dir schlecht bekommen!«
»Mir kann nichts mehr schlechter bekommen als dieser Brief meines Vaters. Vor allem aber weiche ich meinem Bruder Samo nicht, dessen Hand ich hinter all diesen Machenschaften deutlich sehe. Die Wenden allein wären viel zu schläfrig, viel zu indolent, um so vorzugehen. Es ist einer, der hetzt und das alles leitet, und das ist Samo.«
»Das ist allerdings auch meine Ansicht. Tue also, was du nicht lassen kannst!«
Ein niederes, aber sonst geräumiges Hinterzimmer in einem wendischen Gasthof. Um einen ungedeckten Tisch sitzen zwölf Männer, darunter Hanzo und Samo. Jeder hat ein Glas Wein vor sich stehen, das Hanzo bestellt hat. Es herrscht bedrücktes Schweigen. Die Rathausuhr draußen schlägt zwölf. Da tritt Juro ein.
»~Pomogaj Bóg wam!~« grüßt er. Er hat sich nach langem Überlegen zu dem wendischen Gruß entschlossen.
»~Bóg žekuscho!~« kommt es bedrückt zurück.
Juro geht auf seinen Vater zu und streckt ihm die Hand hin, die dieser langsam ergreift. Nun reichen auch die anderen Männer zögernd die Hand. Seinen Bruder Samo übersieht Juro völlig.
»So wollen wir in Gottes Namen beginnen«, sagt der alte Hanzo mit etwas zitternder Stimme. »Ihr habt mich zum Leiter dieser Versammlung gewählt. Es ist Klage gegen Juro, meinen ältesten Sohn. Die Klage will ich nicht selbst vorbringen, sondern das wird der Bur Klin tun.«
Der Bauer Klin war sonst ein Wichtigtuer und Maulheld. Heute aber stotterte er und versprach sich oft, als er Juro, der für ihn der gelehrte und gebildete Mann war, die Anklage ins Gesicht sagen mußte. Aber er stammelte doch die Anklage heraus: Juro sei gegen das Wendentum, er habe in diesen und diesen Fällen Wenden schwer beleidigt, er habe die wendischen Gebräuche nicht nur selbst gemieden, sondern auch gesagt, er wolle sie ausrotten, er habe die wendische Sprache geschmäht, er habe öffentlich erklärt, er wolle alle Wenden zu Deutschen machen; endlich, er wolle sich am heiligen Kronenhügel vergreifen und nachweisen, daß es überhaupt keine wendische Krone gebe. Darum sei das Volk eines Sinnes, daß ein solcher Mann nicht der zukünftige Kral sein könne.
»Hat noch jemand der Anklage was hinzuzufügen?« fragte Hanzo.
»Ja«, rief Samo. »Die Hauptsache ist, daß er sich im Wendenland festsetzen und den Einfluß, den er als erstgeborener Sohn des Kral hat, dazu mißbrauchen will, unser Kraltum zu vernichten und die Wenden den Deutschen auszuliefern.«
Nun bekam Juro das Wort.
»Ich möchte zuerst fragen: Ist mein Bruder Samo ansässiger Bürger oder Bauer der Wendei, hat er in einer Gemeinde bereits Sitz und Stimme?«
»Nein!«
»Also gehört er nicht hierher, und ich bitte, ihn von dieser Versammlung, in der er nichts zu suchen hat, auszuschließen.«
Es ging ein Tumult los. Es wurde durcheinandergeredet. Der Erfolg war, daß Samo bleiben durfte.
»Gut,« sagte Juro, »so bleibt er gegen alles Recht. Ich werde annehmen, daß auf seinem Platze eine Säule nicht ganz reiner Luft sei!«
Samo sprang auf, es gab neuen Tumult; Hanzo verwies Juro die getane Beleidigung aufs strengste und forderte ihn auf, sich zu der Klage, die der Bauer Klin im Namen aller hier vorgebracht habe, zu äußern.
Da überkam Juro seine Spottlust.
»Pán Klin,« begann er, »Ihr habt eine gewaltige Rede gegen mich geführt, und deshalb sage ich: Ihr müßt in den Landtag gewählt werden.«
Hanzo stand auf. Seine Augen funkelten zornig.
»Juro, es ist höchst unangebracht, hier zu spotten; es ist uns heiliger Ernst!«
»Es ist mir auch Ernst«, erwiderte Juro. »Um aber noch einmal auf den Landtag zu kommen; warum habt ihr Wenden keinen Vertreter dort, warum seid ihr politisch so rechtlos? Warum habt ihr nicht einmal versucht, eure Stimme zu erheben? Weil ihr rückständig seid, weil ihr eure Zeit verträumt und selbst nicht so viele Rechte in Anspruch zu nehmen wagt wie alle anderen Kinder des Staates.«
Unwilliges Murren.
»Wenn ihr auch murrt, die Wahrheit muß ich euch sagen. Und wie ihr keinen wendischen Abgeordneten habt, so habt ihr auch keinen wendischen Arzt ...«
»Samo!« schrien sie. »Samo!« Juro zuckte die Achseln.
»Habt ihr keinen wendischen Arzt,« wiederholte er, »keinen Advokaten, keine Gelehrten, kein großes Kaufhaus, kein Theater oder sonstiges Kunstinstitut. Warum seid ihr so arm? Oh, nicht ihr, die ihr hier seid! Ich weiß, jeder von euch ist ein Bur und hat soundsoviel Hufen Landes. Aber die Mehrzahl, warum ist sie so bettelarm? Warum wohnen so viele in windschiefen Hütten, essen so schmales Brot, haben so wenig Freude? Weil ihr Wenden seid! Wäret ihr Deutsche, es ginge euch allen zehnmal besser!«
»So haben uns die Deutschen unterdrückt!« sagte einer.
»Das ist nicht wahr! Die Deutschen haben stets in Frieden mit euch gelebt und ihr mit ihnen, bis eine gewissenlose Hetze eingesetzt hat. Ich frage euch, was wollt ihr eigentlich? Ewig sitzen bleiben auf euren paar Dörfern, da man eure Sprache schon in Bautzen oder in Kottbus nicht mehr richtig versteht? Da in den Hauptstädten der Länder, zu denen ihr gehört, in Berlin und Dresden, die meisten Leute nicht einmal recht wissen, was ein Wende ist, geschweige, daß sie je ein wendisches Wort gehört hätten?! Könnt ihr paar Leute heutzutage noch daran denken, einen eigenen Staat zu bilden? Seht ihr nicht ein, daß das lächerlich ist? Ein Staat, wo ihr nicht einmal einen Abgeordneten zustande bringt? Aber freilich, ich kenne Leute, die hinüberschielen zu den Tschechen. Nicht ihr! Ihr habt euch euer Leben lang nicht um die Tschechen gekümmert, trotz aller Versuche, die von dort gemacht worden sind. Die Tschechen waren euch hundsegal; es gibt sogar viele, die dem wendischen Schmied Stosch recht geben, der den Buchdrucker Schmaler für einen Todsünder erklärt, weil er in eure Gesangbücher die tschechische Schreibweise eingeführt hat. Ihr seid von Kindheit an brave, zuverlässige Preußen oder Sachsen gewesen, und so wie ihr waren es eure Väter und Urväter. Ist das so?«
»Ja, das ist so!«
»Nun denn, wenn ihr gute Preußen oder gute Sachsen seid, warum wollt ihr es nicht auch äußerlich sein in Kleidung und Sitte, hauptsächlich aber in der Sprache, damit auch ihr mit euren Kindern besser fortkommt in der Welt? Und wenn euch jemand zur Vernunft, zum eigenen Nutzen rät, sagt an, ist er nicht in Wahrheit euer Freund?«
Ein alter Bauer stand auf.
»Ich bin ein guter Preuße, und mein Vater und Großvater waren gute Preußen. Aber wir waren auch gute Wenden. Und dabei soll es bleiben.«
Juro wurde wieder erregt.
»Das ist die alte -- die alte -- ich will es nicht aussprechen. Niemand kann zweien Herren dienen! Das wißt ihr schon aus der Bibel! Man soll nur eines sein und das eine ganz! Alles andere ist Zwiespältigkeit oder schlimmer: Hinterhältigkeit. Ja, ich glaube, daß der Staat nichts verliert, wenn er euch euer Wendentum läßt. Er nicht! Er, der Staat, hat eine fleißige, genügsame, ruhige Bevölkerung in einer Gegend, wo sonst nicht viel zu holen ist. Oh, der Staat ist zufrieden! Darum auch nicht die Spur von Unterdrückung, darum das Eingehen auf eure, ach so bescheidenen Wünsche. Ihr seid ja schon selig, wenn euch das Dresdener Kabinett einmal eine Verfügung in wendischer Sprache schickt. Der Staat fährt gut dabei; aber ihr fahrt schlecht, weil ihr nicht die gleichen Aussichten, nicht die gleichen Möglichkeiten habt wie die anderen. Nehmt mich zum Beispiel! Ich bin wendischer Geburt. Als ich auf die Schule kam, ist es mir viel schwerer geworden fortzukommen als den deutschen Mitschülern, weil ich das mühsam erst lernen mußte, was diese schon mitbrachten. Solcher Beispiele gibt es Tausende. Denkt an jeden Kaufmann, jeden Gewerbetreibenden, ja sogar jeden Rekruten. Die Sprache, die sonst allen eine Helferin ist, ist uns ein Hemmnis!«
»Und das ist,« rief Samo erregt dazwischen, »weil wir in einem fremden Lande wohnen. Gehörten wir zu den Tschechen, so verstände eure Sprache jedermann. Deutschland ist nicht unser Land; wir sind Slawen und gehören zu den Slawen!«
»Ich will nicht von Hochverrat reden,« sagte Juro, »der euch vereidigten Ortsvorstehern ja ganz fern liegt; ich bin auch weder Aufpasser noch Denunziant; ich will nur die ungeheure Dummheit der Tschechenillusion beleuchten. Hier hängt zu meiner Freude eine Karte von Europa an der Wand. Nun seht einmal her! Dieses kleine Fleckchen ist also Böhmen. Darin wohnen Tschechen, d. h. nur zur reichlichen Hälfte Tschechen. Die anderen sind deutsch. Nähmen wir nun wirklich zu dem kleinen Fleckchen auch Mähren hinzu, das noch weniger Tschechen hat als Böhmen, und ein bißchen slowakisches Hinterland -- was käm' heraus? Ein Weltstaat, nicht wahr?! Eine kolossale Macht?! Nein, ich sage euch, es wäre ein Kleinstaat mehr, noch dazu sprachlich und national zersetzt, ein Staat, der für sich gar nichts bedeutete, der im Norden, Westen und Süden von Deutschen umklammert wäre, im Osten die Polen hätte, mit denen sich die Tschechen mäßig, und die Ungarn, mit denen sie sich gar nicht vertragen. So könnte aus dem Ganzen nichts anderes werden als ein russischer Vasallenstaat, eine russische Provinz, und da wir wieder nur ein Provinzchen dieser Provinz sein könnten, so wären wir die Aftermieter der Aftermieter, und der Hausherr säße in Petersburg. Wir danken für eine solche Ehre! Wir wollen lieber deutsche Einwohner des großen deutschen Landes sein!«
Nun stand Samo auf.
»Des großen deutschen Landes,« lachte er höhnisch; »wo gibt es ein großes deutsches Land? Wo gibt es etwas Zersplitterteres, etwas Uneinigeres als dieses deutsche Land, wo gibt es etwas Lächerlicheres als diese »Frankfurter«? Wohin deine Sprache weist, da steht dein Vaterhaus, da ist deine Heimat, da ist dein Vaterland!«
Der Streit hatte sich zu einem Wortgefecht zwischen Juro und Samo ausgewachsen, das über die Köpfe der Bauern wegbrauste. Die meisten saßen mit verdrossenen Gesichtern gelangweilt da. Das bemerkte Samo eher als Juro; darum spielte er einen guten Trumpf aus:
»Wollt ihr jetzt zum deutschen Händler gehen, eure schöne Volkstracht einhandeln gegen einen schäbigen deutschen Anzug, sollen eure Frauen und Töchter nicht mehr ihre herrlichen Wendenkleider tragen dürfen, sollen die Spinnstube, die Kirmes, das Osterreiten aufhören, soll euer alter wendischer Gruß verboten sein, sollen eure wendischen Gesangbücher verbrannt, soll ...«
Er wurde unterbrochen.
»Nein, nein, nein! Wir sind Wenden! Wir bleiben Wenden!« schrie es durcheinander. Alle Schläfrigkeit war vorüber.
»Wir bleiben Wenden!« rief ein alter Bauer zitternd.
»Und -- und wer sich der wendischen Tracht und der wendischen Sprache schämt, der soll -- der soll gehen ...«
Alle stimmten ihm zu. Juro sah, wie alle seine Behauptungen und deren Beweise vor alter Gewöhnung in nichts zerflossen.
»Nun, so ist euch nicht zu helfen«, sagte er. »Die Kultur wird weitergehen auch gegen diese ~Gromada~, und die Betrogenen seid allein ihr!«
»Und -- unsere alte Krone?« fragte ein Bauer.
Alle sahen gespannt auf Juro.
»Das Kraltum ist eine Sage,« sagte er ausweichend, »eine Sage, die sich jahrhundertelang erhalten hat, von der sogar hohenzollersche Fürsten gewußt haben, die aber durch nichts und in nichts anderem begründet ist als in der Einbildung unseres Volkes.«
Der alte Hanzo sprang auf.
»Du -- du -- du ...«
Die Stimme brach ihm.
»So stellst du mich -- mich -- als einen Lügner, als einen Theaterspieler hin -- vor diesen -- diesen Leuten ...«
»Gott behüte mich -- nein! Wahr spricht, der das spricht, was er glaubt!«
»Und du glaubst nicht, daß ich der Kral bin?«
»Ich weiß es nicht!«
Alle standen auf, ein großer Lärm entstand, Gläser wurden umgeworfen, einzelne Männer liefen gestikulierend in der Stube herum, alle sahen voll Abscheu auf Juro.
»Und -- unsere alte Krone?« fragte nun Hanzo. »Jetzt weichst du nicht aus -- jetzt frage ich dich: Unsere alte Krone?«
»Existiert nicht!«
»Der Kronenhügel ...«
»Ist leer!«
»Hast du -- hast du nachgegraben ...«
»Nein! Aber wenn ich es täte, würde ich nichts finden als Steine und Erde!«
»Gottloser Mensch du!«
Hanzo sank auf seinen Stuhl zurück, unfähig, weiterzusprechen.
Da sprang der älteste der anwesenden Männer auf wie ein Jüngling und rief:
»Er wird es nie wagen, an den Kronenhügel zu rühren.«
Juro warf trotzig den Kopf zurück.
»Ich werde es wagen! Ich werde es nun bestimmt tun. Ich werde beweisen, daß ich recht habe!«
»Hinaus mit ihm! Das ist eine Gemeinheit! Hinaus!«
Sie drangen auf Juro ein.
Der wehrte sie ab.
»Ihr habt hier kein Gastrecht«, schrie er sie an. »Wehe dem, der mich anrührt!«
Da wichen sie zurück. Der alte Wende aber sprach:
»Wie es in der Bibel steht, so frage ich jetzt: Was haben wir noch Zeugen nötig?«
»Jawohl,« rief Juro, »so könnt ihr fragen. Die in der Bibel so fragten, waren die Pharisäer, und die Frage geschah vor dem elendesten Gerichtshof der Welt. Die paßt hierher!«
Der Alte beachtete das nicht. Er sprach mit erhobener Stimme, indem er auf Juro mit dem Finger zeigte:
»Wer mit mir der Meinung ist, daß dieser da mit den Wenden nichts mehr zu tun hat und nicht unser künftiger Kral sein kann, der stehe auf!«
Alle erhoben sich.
»So ist er für immer und ewig von uns abgesetzt!«
Juro lachte laut auf.
»Setzt mich doch ab, soviel ihr wollt! Ihr habt gar kein Recht dazu. Wer gibt euch dieses Recht? Von wem habt ihr's? Von euch selbst oder von jenem Schleicher da, der euch aufgehetzt hat?«
Es entstand ein solcher Skandal, daß Juros Worte untergingen. Schließlich hatte er zu tun, einige tätlich auf ihn Eindringende abzuwehren. Er nahm seinen Hut. An der Tür rief er noch:
»Wenn zwölf über einen herfallen, wird wohl der eine gehen müssen. Aber das sage ich euch: ich bin und bleibe der zukünftige Kral, der euch beweisen wird, daß es keinen Kral gibt!«
Es war tiefe Nacht. Nur selten brach ein Mondstrahl durch das dichte schwarze Gewölk. Es war so still im Föhrenwald, daß man das leise Murmeln der Spree hören konnte.
In der Nähe des »Kronenhügels« hockten zwei Männer.
»Bis es Morgen ist,« sagte der eine, »bin ich tot vor Angst.«
»Du hast doch eine Axt.«
»Was nutzt mir die Axt, Kito, wenn der Nachtjäger kommt? Ich sage dir, Morkusky nimmt mir die Axt und spaltet mir den Kopf. Und ich hab' einen sehr schwachen Kopf!«
»Man soll einen Schneider nicht zum Wächter machen«, sagte Kito.
»Du hast leicht reden, Kito; du bist ein Junggeselle, und ich habe sieben Kinder.«
»Warum zogst du mit auf die Wache?« fragte der alte Knecht.
»Was soll ich machen -- wenn sie's doch verlangten? Sie sind doch alle meine Kunden, von denen ich leben muß. Und eine Nacht kommt jeder daran.«
»Ja, solange noch der Juro drüben sitzt beim Withold, muß hier gewacht werden.«
»Er ist ein gottloser, schrecklicher Mensch! Wenn er es nun wirklich tut? Der alte Kral wird aus seinem Grabe aufstehen und ihn mit seinem Schlangenschwert erstechen. Der alte Kral hat hier die silberne Krone selbst vergraben vor der Wendenschlacht.«
»Ja,« sagte Kito traurig, »und nur eine Jungfrau mit silberner Schaufel soll sie heben, und dann wird das Wendenvolk stark sein.«
Er schüttelte schmerzlich den weißen Kopf.
»Er war so ein guter Junge, immer aufrichtig, nie hat er gelogen, auch immer freundlich, gut zu Mensch und Tier. Und nun -- und nun ...«
Er preßte eine Hand über die Augen. Kito hatte viel Kummer auf seine alten Tage. Die gute Frau tot, der Herr blaß und schweigsam, Hanka gar nicht die fröhliche, glückliche Frau, wie er es gedacht und gewünscht hatte, selbst Samo ein wunderlicher Mann. Er lief so viel in den Städten und auf den Dörfern herum, saß so viel bei den Männern in der Schenke, war schon vierzehn Tage nach seiner Hochzeit wieder nach Prag gefahren. Was wollte er immer in Prag?
»Bis morgen früh bin ich tot vor Angst«, begann der Schneider wieder. »Horch -- horch -- hörst du's rascheln?«
»Ich höre nichts.«
»O Kito, wenn du allein wachtest! Wenn du mich nach Hause gehen ließest! Ich würde dir auch gern meine Axt hier lassen.«
»Ich brauche keine Axt. Aber wenn du willst, geh nach Haus. Hier nützest du doch nichts.«
»Wirst du es auch niemand verraten?«
»Nein!«
»O Kito, ich mache dir deine neue Weste ganz umsonst.« Und fort war er.
Nun Kito ganz allein war, überkam auch ihn Furcht und Grauen. Die Nacht war so unheimlich still, so unheimlich dunkel. Und alle alten Sagen und bösen Geschichten wurden lebendig im Herzen des Alten.
Da hörte er ein Geräusch. Hatte er sich getäuscht? Da war wieder das Geräusch. Jetzt hörte er Tritte, deutliche Tritte. Kito lehnte sich an einen Baum. Eiskalter Schweiß rann ihm von der Stirn. Mühsam hielt er sich aufrecht.
Da -- eine dunkle Gestalt, noch eine, noch eine. Drei oder vier.
Kito fing laut an zu ächzen.
»Ist hier jemand?« fragte eine Stimme. Es war die Stimme Juros.
»Da ist ein Mann. Kito -- Kito -- bist du es?«
»Pán Juro!«
Der Alte wimmerte.
»Was wimmerst du? Fürchte dich nicht! Hier ist nichts zu fürchten. Wir tun dir nichts. Was machst du hier?«
»Ich -- ich soll -- soll bei dem Kronenhügel wachen.«
»Wer hat es dir befohlen?«
»Die ~Gromada~.«
»Aah!«
Juro lachte leise.
»Höre, Kito, ich bin mit diesen drei Männern gekommen, den Kronenhügel aufzugraben.«
»Tut es nicht, Pán Juro, tut es nicht!«
Der Alte lag vor ihm auf den Knien.
»Steh auf, Kito, ich kann das nicht sehen! Deine Bitten nützen nichts. Sieh, das sind drei wendische Männer, Ehrenmänner, die haben sich in der Welt umgesehen, und die werden nun Zeugen sein, daß in dem Kronenhügel nichts ist als Erde, Sand und Stein. Und so werden die Wenden von einem alten Aberglauben erlöst werden.«
»Tut es nicht, Pán Juro, tut es nicht!«
»Hör auf zu bitten; ich sagte dir schon, es nützt nichts. Oder willst du ins Dorf gehen und Skandal schlagen?«
»Ich müßte es eigentlich tun; es wäre meine Pflicht. Aber, ich kann ja nicht, ich kann ja nicht; die Bauern kämen und schlügen Pán Juro tot.«
»So stelle dich beiseite und warte! In weniger als einer Stunde wirst du sehen, daß ich recht habe, und dann werden alle Wenden es sehen. Du bist mir der willkommenste Zeuge.«
»Tut es nicht, Pán Juro; es geschieht ein Unglück!«
Juro schob den Alten beiseite. Er winkte den drei Männern. Jeder hatte Spaten und Hacke. Auch Juro trug diese Werkzeuge.
»Ans Werk!«
Die drei Wenden zögerten. Da sah Juro sie lächelnd an. Dann sagte er:
»Nun wohl, ich werde die ersten dreißig Spatenstiche selbst tun, und wenn ihr seht, daß kein Morkusky und kein Kral sich einmischt, wird euch der Mut schon kommen.«
»Tut es nicht, Pán Juro!«
Kito warf sich auf den kleinen Hügel.
»Nehmt den Alten weg!« befahl Juro. Die drei Männer zogen Kito empor und führten ihn abseits.
Einen Augenblick später tat Juro den ersten Spatenstich in den heiligen Kronenhügel.
Weinend kniete Kito beiseite mit gefalteten Händen, die er zum Himmel hob. Die drei Männer schauten mit ernsten Gesichtern zu. Juro grub und grub. Da kam erst einer der Männer und half ihm graben, und dann halfen alle drei. Der Mond brach durch die Wolken, es wurde ganz hell, und man hörte nichts als das schwere Atmen der Arbeitenden, das leise Wimmern Kitos.
Eine gute Weile verging -- -- --
Da ... »Da liegt was!« schreit ein Mann und springt aus der Grube.
»Da -- da ist ein Topf!«
»Eine Urne!«
»Um Jesu willen, Pán Juro, den Hügel zu -- den Hügel zu!«
»Weg mit euch! Es gibt viel Urnen in der Welt!«
Juro hebt ein altersgraues Gefäß aus der Erde, er setzt es neben die Grube, löst den Deckel, schaut hinein ...
»Was -- was -- was ...«
Er stammelt -- er röchelt -- er stöhnt ...
»Um Jesu willen, Pán Juro ...«
Der greift in die Urne, nimmt etwas heraus, richtet sich auf, wendet sich gegen das Mondenlicht, steht so drei Herzschläge lang und bricht, wie vom Blitz erschlagen, mit einem markerschütternden Schrei zusammen.
In der rechten Hand hält er eine alte Krone. --
Die vier Männer knien zitternd, stammelnd, ächzend am Boden. Kito nimmt zitternd die alte Krone auf, küßt sie scheu am Rande und ruft weinend:
»Du Heilige -- du Heilige -- du Heilige -- um Gottes willen, verzeih uns!«
Und bettet die Krone wieder in die Urne, schließt mit zitternden Händen die Urne und senkt sie in die Erde.
»Zuschütten! Den Hügel zuschütten! Schnell zuschütten! Sonst richtet uns Gott!«
Wie die Rasenden arbeiten die Männer. In ganz kurzer Zeit ist der Hügel geschlossen.
Dann läuft einer fluchtartig waldein. Die zwei andern helfen dem alten Kito, Juro aufzuraffen.
»Lebt er?«
»Sein Herz schlägt!«
»Er ist so weiß wie eine Leiche. Er kann jeden Augenblick sterben.«
»Helft ihn tragen!«
Sie tragen ihn mühsam ins Dorf. -- -- --
Vor dem Tor seines Vaterhauses wird Juro auf die Erde niedergelegt. Er schlägt die Augen auf.
»Was -- was ist? Wo? -- Wer?«
Plötzlich verzerrt er sein Gesicht.
»Die alte Krone!«
Und er sinkt in die Ohnmacht zurück.
Der alte Kito wird über den Gartenzaun gehoben und dringt ins Haus. Er klopft an die Tür des Scholta.
»Kommt herunter, Herr -- vors Tor -- es ist ein Unglück geschehen ...«
Mehr bringt er nicht heraus.
Vor dem Tor findet der alte Hanzo seinen Sohn. Er starrt ihn an und fragt dann mit eisiger Stimme:
»Hat er nach der Krone gegraben?«
»Ja.«
Der Alte lehnt sich an das Tor.
»Und ...?«
»Und er hat sie gefunden!«
Die drei Männer beugen vor dem Kral das Haupt.
»Er hat sie gefunden!« wiederholt der Kral langsam. Trotz seiner schweren Herzensnot tritt ein sieghaftes Leuchten in seine Augen, die sich zu stummem Dank gen Himmel richten.
»Er hat sie gefunden! Die alte Krone ist da! Gott sei gelobt in Ewigkeit! Amen!«
Eine lange feierliche Stille. Dann sagt Kito:
»Herr, Euer Sohn ...«
Hanzo streckt die Hand aus gegen Juro.
»Dieser ist nicht mein Sohn. Er ist ein Verbrecher. Ob er tot ist oder noch lebt, schafft ihn aus dem Dorf!«
»Wohin sollen wir mit ihm?«
»Wohin ihr wollt! Zu den Deutschen, die ihn verführt haben, oder irgendwohin; mir ist es gleich!«
»Er ist schwerkrank. Wir müssen einen Wagen haben für den weiten Weg.«
Hanzo besann sich eine kleine Weile; dann sagte er:
»Den Wagen könnt ihr haben. Er steht schon hier am Tor.«
Da faßte ihn Kito am Arm.
»Herr, nicht auf den alten Bretterwagen, nicht den Sünderwagen, auf dem die Gehängten auf den Kirchhof gefahren werden!«
»Es ist der rechte Wagen für diesen da! Einen anderen gebe ich für ihn nicht. Spannt ein Pferd an, legt eine Schütte Stroh auf den Wagen und schafft ihn fort!«