Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald
Part 14
»Das eine können Sie Juro sagen, daß ich über die Verbindung mit Ihnen glücklich bin und daß ich euch Gottes Segen wünsche.«
»Vater Hanzo!«
Das deutsche Mädchen sprang auf. Zitternd stand sie vor dem wendischen Bauern, und plötzlich umschlang sie seinen Hals.
»Gott segne Sie, Elisabeth!« sagte Hanzo und küßte das Mädchen ehrfürchtig, aber auch zärtlich auf die Stirn. Ein schönes, stilles Weilchen blieben die beiden so, dann sagte Elisabeth:
»Und darf ich ihm auch sagen, daß Sie keinen Groll auf ihn haben?«
Hanzo antwortete ausweichend:
»Sagen Sie ihm, ich wünsche ihm Gottes Segen zu allem, was er tut, ausgenommen das, was er gegen die Wenden tun will.«
»Er will nach seiner Überzeugung gar nichts +gegen+ die Wenden, alles +für+ die Wenden tun.«
»Diese Überzeugung verwerfe ich. Gott wird sie zunichte machen.«
Dabei blieb es. Hanka kam. Sie brachte eine Flasche Wein und drei Gläser. Auf Geheiß des Hausherrn setzte sie sich, aber sie setzte sich ganz abseits. Der alte Hanzo füllte die Gläser und trank Elisabeth zu:
»Herzlich willkommen!« sagte er warm.
Auch Hanka stieß mit Elisabeth an. Das Glas zitterte leise in ihrer sonst so kräftigen Hand, und ihr »Willkommen« war kaum vernehmbar. Auch Elisabeth war wieder verwirrt. Sie suchte nach irgendwelchen Worten.
»Nicht wahr -- Sie -- Sie haben sich dieser Tage verlobt? Darf ich Ihnen Glück wünschen? Es kommt von Herzen!«
Hanka sah zum Fenster hinaus.
»Ich danke!« sagte sie.
»Es war in derselben Stube,« erzählte Hanzo, nur um die peinliche Spannung zu unterbrechen, »das ist nämlich unsere Spinnstube!«
Dann fragte er nach der letzten Ernte des Vaters. Elisabeth gab freundliche Auskunft, und die Spannung ließ etwas nach. Sie sagte auch, daß der Vater Herrn Hanzo gut kenne; sie seien schon einigemal Wahlmänner zusammen gewesen, auch einmal Geschworene.
»Ja, das stimmt«, sagte Hanzo. »Ich hätte nicht geglaubt, daß sich der gnädige Herr darauf erinnert.«
So ging es noch eine kleine Weile. Da stand Elisabeth auf.
»Ich muß jetzt gehen. Es wird so zeitig finster.«
Da ging Hanka rasch hinaus. Nicht lange darauf fuhr ein Wagen vor. Es war Hanzos guter Glaswagen mit den beiden Kutschpferden, das Staunen aller wendischen Kleinbauern. Der deutsche Knecht Wilhelm saß auf dem Bock.
»Elisabeth, erlauben Sie mir, daß ich Sie so weit fahren lasse, bis Sie in Sicherheit sind, und daß ich Sie begleite. Der Weg ist lang und einsam.«
»Ich bin Ihnen dankbar,« sagte Elisabeth erfreut, »wenn ich mich auch nicht fürchte. Es geschieht selten eine Schlechtigkeit in der Wendei.«
Hanzo lächelte, sagte aber nichts. Mit tadelloser Höflichkeit, die er sich in den langen Jahren eines an öffentlichen Ehren nicht armen Lebens angeeignet hatte und die auch der Güte seines Charakters entsprach, geleitete er Elisabeth zum Wagen, nachdem er ihr nochmals für ihren Besuch gedankt und ihr gesagt hatte, er werde ihr ihn nie vergessen.
An der Haustür trafen Hanka und Elisabeth noch einmal zusammen.
»Leben Sie wohl, Fräulein Hanka, und haben Sie vielen Dank.«
»Ich wünsche glückliche Heimfahrt, und wir danken für den Besuch«, sagte Hanka, die die Stelle der Hausfrau vertrat.
Einen Augenblick ruhten die Hände der Mädchen ineinander. Bald darauf fuhr der Wagen zum Hofe hinaus. Unterwegs plauderte Hanzo mit Elisabeth über alltägliche Dinge. Erst, als sich der Weg zu Ende neigte, wurden beide wieder sehr ernst.
»Kommen Sie doch einmal mit zu uns«, bat das Mädchen. »Und wenn es auch nur auf eine Viertelstunde wäre.«
»Nein, Elisabeth, das kann ich nicht. Das brächte ich jetzt nicht fertig. Wenn Juro fort sein wird, werde ich Ihnen und Ihrem Herrn Vater einen Besuch machen.«
»Darf ich -- darf ich -- gar keine Hoffnung mitnehmen?«
Hanzo antwortete nicht gleich.
»Wenn Juro von seiner Idee lassen würde, dann wär' alles gut.«
»Das tut er nicht.«
»Nun, da bleibt uns nichts übrig, als auf die Zeit zu hoffen.«
Sie erreichten einen Seitenweg, der nach dem Witholdschen Schlosse führte, das jetzt ganz nahe war; da stieg Elisabeth aus, und der Wagen kehrte um.
Hanzo sah noch einmal aus dem Fenster auf das Mädchen, das ihm in tiefer Traurigkeit nachschaute.
Samo war aus der Stadt zurückgekehrt und hatte gehört, wer dagewesen sei und daß der Vater im guten Wagen den Gast nach Hause geleitet. Samo war mit rotem Kopf nach Hause heimgekommen. Er hatte in einem Gasthaus für das Slawentum der Wenden große Reden gehalten und dabei viel getrunken. Nun rief er nach Hanka. Barsch stellte er eine Frage wegen des Besuches. Das Mädchen gab ihm ruhige Auskunft. Da blitzte es zornig auf in den Augen Samos. Grimmig fuhr er das Mädchen an:
»Du führst die Deutsche selbst ins Haus, du rufst ihr den Alten herbei, du trägst ihr Wein zu, du bestellst ihr die Fuhre -- was hat sie dir denn für Trinkgeld gegeben?«
»Samo!«
Das Mädchen richtete sich beleidigt auf.
»Das lasse ich mir nicht gefallen. Ich habe nur das getan, was die Gastfreundschaft gebietet.«
»Gastfreundschaft gegen Deutsche gibt's nicht«, rief Samo. »Gastfreundschaft gibt es gegen Hottentotten, Indianer, Kannibalen und sonst noch einigermaßen achtbare Völker, aber nicht gegen Deutsche! Wendische Gastfreundschaft gegen Deutsche ist die Gastfreundschaft der Schafe für den Wolf!«
Hanka wandte ihm ohne Antwort den Rücken und ging fort.
Als der Vater nach Hause kam, erneuerte sich der Streit. Der alte Hanzo wurde blaß.
»Mir scheint,« sagte er, »noch bin ich der Herr in meinem Hause, und wenn es so anfängt, dann will ich mir doch noch alles anders überlegen.«
Samo zuckte die Schultern.
»Es muß doch anders kommen. Schon fängst du an nachzugeben. Schon versuchen sie mit List und Schmeichelei das zu erreichen, was sie mit Gewalt nicht bekommen können. Die Wenden sind dann verloren.«
»Sie sind nicht verloren! Ich habe um keinen Fuß breit nachgegeben. Was das Mädchen getan hat, war gut und brav, und deine Anschuldigung fällt auf dich zurück. Mir scheint, Gott hat mir zwei wackere Schwiegertöchter zugedacht; was ich aber von meinen beiden Söhnen denken soll, weiß ich nicht mehr.«
Auch der Vater ließ ihn stehen.
Da lief Samo aufs Feld hinaus, wo es bereits dunkelte. Er traf die alte Wičaz, die mit Paketen aus der Stadt kam.
»Nun, Alte, was sagen die Leute zu meiner Verlobung?«
»Die meisten freuen sich.«
»Die meisten? Nicht alle?«
»Hm -- es gibt doch viele, die schon halb deutsch sind, die beim Militär gewesen sind oder in deutschen Dienststellungen. Denen gefällt der Herr Juro gar nicht schlecht.«
»So, er hat also wendischen Anhang? Großen Anhang?«
Die Alte zuckte die Achseln.
»Tu nicht so einfältig, alte Wičaz. Was habe ich dir angetan?«
»Nichts habt Ihr mir angetan. Dem Kito, dem alten Scheusal, habt Ihr einen Pelz angetan, einen richtigen Kuppelpelz --«
»Ach ja -- ich verstehe -- für dich kommt's auch noch --«
Die Alte sah ihn von der Seite her listig an.
»Was ihm -- dem Juro -- die Leute am meisten übelnehmen, ist, daß er sich am Kronenhügel vergreifen will.«
Samos Augen glimmten auf. Ein Schein wilder Freude flog über sein Gesicht.
»Wissen denn die Leute von dieser Absicht?« fragte er möglichst ruhig.
»Es spricht sich so langsam herum.«
»Es könnte nichts schaden, wenn es sich etwas schneller herumspräche«, sagte Samo und schenkte der Alten einen Taler.
Sie nickte.
»Früher wolltet Ihr das nicht! Aber man kann das schon machen.«
»Also mache es! Daß ich nicht geizig bin, weißt du!«
Er nickte ihr zu und ging allein weiter.
»Oho,« sagte er bei sich, »ich wäre ein Esel, wenn ich es mir so dumm verderben würde wie Juro. Ich muß sehen, daß ich die Geschichte mit Hanka und dem Alten wieder ins Geleise bringe.«
Wie mag nur ein Winter im Föhrenwald vergehen, wenn alles so tot und still ist draußen und dieselben Menschen immer zusammenhocken in derselben niederen Stube? Zuletzt lachen sie wohl nicht mehr, reden wohl nicht mehr, wissen sich nichts mehr zu sagen!
Sind sie nicht wie Gefangene? Weg und Steg verschneit, das liebe Brot schmal, der Beutel leer, das Herz leer.
Dann sind wohl manche wie stumpfe Tiere, die mit der Kette an magerer Krippe hängen, dumpf hinstarren vor sich in die grausige Langeweile. Und die anderen, die die Sehnsucht kennen, wandern aus. Im fahlen Schneelicht reist ihre Seele nach großen Städten, wo die prangenden Theater sind, wo die schönsten Frauen der Erde in lichtstrahlenden Sälen tanzen, oder nach den Ländern des Südens, wo jetzt die blauen Schwalben fliegen über roten Blüten.
Wie mag nur ein Winter im Föhrenwald vergehen? Im Unterland, wo die Sprewja breit und vielfach verzweigt ist, ist jetzt lustige Zeit. Da laufen selbst die alten Weiber auf Schlittschuhen, und jeder Bursch fährt seine Liebste auf dem Schlitten. Die Unterländer sind lustig, aber leichtsinnig; die ernsteren Oberländer haben das immer behauptet und immer etwas auf die Spreewaldleute herabgesehen.
Doch auch sie wollen ihr Vergnügen, und auch in ihren stillen Stuben stirbt das Lachen nicht in der langen einsamen Zeit. -- --
Der alte Kito steht im Hof und unterhält sich mit einem Sperling.
»Was, ~wrobel~[52], was sagst du? ›Lieber Kito, 'ne Ähre‹? Das sagst du? Und was sangst du im Sommer? ›Dem Kito 'n Strick, dem Kito 'n Strick!‹ Und was sangst du noch im Herbst: ›Korn ist Dreck, Korn ist Dreck!‹ Wart, ~wrobel~, ich schmeiß dich tot!« Und er warf nach ihm mit fünf Haferkörnchen.
Es ist doch gut, daß die Lieder sind und die alten Sagen und die alten Bräuche. So schläft die Seele nicht ein. Und auch der Magen fühlt sich wohl dabei. Am Sebastianstag muß auch der Ärmste sein Pfund Fleisch essen, sonst wird das Vieh krank, muß geschlachtet werden, und es gibt bald Fleisch in Fülle.
Dann kommt die lustige Faschingszeit. Welcher Spaß ist größer, wo in der Welt wird herzlicher gelacht, als wenn in den Spinnstuben am ~cazowečor~[53] sich die Burschen und Mädel gegenseitig die Gesichter mit Ruß schwärzen? Am Faschingsdienstag gar schallt der stille Föhrenwald wider von jubelndem Lachen, wenn die Burschen »zampern« gehen, alle als Weiber verkleidet, jeder mit einem großen Korb, in dem er Speck und Eier einsammelt. Wer ein einziges Mal den alten Kito in der Tracht eines jungen Mädchens gesehen hat mit dem gestickten Busentüchlein und der großen Bänderhaube und dem bunt gestreiften Rock, der vergißt es sein Lebtag nicht. Dieses Jahr ist er aber nicht als junges Mädel, sondern als alte Wičaz gegangen, hat mit verklebten Federspulen, in die er gelbe Sandstückchen getan hatte, die wie Wanzen aussahen, überall Schrecken und Angst erregt, zumal er die Spulen den Weibern in den Nacken steckte. Auch hat er Karten gelegt und unerhörte Dinge geweissagt, so, daß auf den Sonntag der Montag treffen wird und daß ein Dreierlicht auch dann noch einen Dreier kosten wird, wenn das Wachs aufschlagen sollte. Die wirkliche Wičaz ist ihm nachgegangen, und die beiden Wičaze, die echte und die unechte, sind sich in die Haare geraten, und so ein schöner Spaß ist noch nie und nirgends dagewesen. Oh, es lebt sich lustig und herrlich zur Winterzeit im Föhrenwald! Und »am Ostermorgen tanzt die Sonne«.
Hanka hat mit ihren Spinnmädchen am Karfreitag draußen gestanden auf dem freien Feld, sie sind feierlich im Kreise zusammengetreten und haben gesungen: »~Nět daj moj Jezus dobru noc~«, »Nun gib, mein Jesus, gute Nacht«, und als am Karsamstag Mitternacht vorbei war, haben die Burschen in allen Dörfern geschossen; Hanka aber ist, noch ehe die Sonne aufging, schweigend mit einem Krüglein zur stillen Spree gegangen und hat Osterwasser geholt; das wird sie nun gesund erhalten das ganze Jahr. Viele Mädchen und Frauen sind ihr begegnet, keine hat ein Wort gesprochen.
Ja, am Ostermorgen tanzte die Sonne! Winter war aus, neues Leben kam in die Heide.
* * * * *
Und auch der Sommer verging.
Hanka war zu ihren Eltern zurückgekehrt, als ihr Bräutigam Samo als »~Pán doctor~« nach Hause gekommen war.
Mit gewaltigem Respekt betrachteten die Dorfleute den jungen Arzt. Ja, es kam so weit, daß die Bäuerin Pösch, die die Rose bekam, allen Ernstes daran dachte, sich den neuen Doktor rufen zu lassen, wenn sie es zuletzt doch nicht vorgezogen hätte, sich lieber von der Wičaz »besprechen« zu lassen.
Samo war nicht lange zu Hause geblieben, sondern wieder nach Prag gefahren. Von dort war er erst nach Monatsfrist zurückgekehrt.
So ging der Sommer vorbei. Wieder spielte der junge Herbst mit den gelben Blättern, die auf der Spree schwammen, wie mit kleinen Schifflein. Ein Jahr und einen Tag war es nun her, seit Mariana, die Frau des Scholta, gestorben war.
Da war die Trauerzeit zu Ende.
Und zwei Tage später war die Hochzeit Samos mit Hanka. Sie fand in Hankas Heimatsort statt. Kito als Brautführer war schon einige Wochen vorher daselbst eingetroffen, um alles vorzubereiten. Denn der Bräutigam hatte ausdrücklich gewünscht, daß bei seiner Hochzeit alles genau nach der Väter Sitte hergehe. Und alle Leute lobten den Bräutigam, der, obwohl er ein ~Pán doctor~ war, sich nicht stolz von ihnen und ihrer Art absonderte.
So erschien Samo in wendischer Bauerntracht, den kleinen Rautenkranz auf dem Kopf, am Hochzeitsmorgen vor der Tür der Braut. Alle Männer, die ihn begleiteten, trugen lange, buntbebänderte Stöcke. Eine Musikbande war auch dabei. Ein Fiedler strich die ~husla~, die dreisaitige wendische Geige; ein anderer Musikant entlockte seiner ~tarakawa~ schreiende Oboetöne, die Hauptsache aber war der Dudelsackpfeifer, dessen ~kozol~ mit einem mächtigen gehörnten Ziegenbockkopf gekrönt war.
Kito, der ~družba~, klopfte an die verschlossene Tür des Hochzeitshauses, begehrte Einlaß und verlangte die Braut heraus. Ein altes Weib mit einem mächtigen Höcker wurde durch die Tür geschoben.
»Was, das soll die Braut sein?« schrie der ~družba~. »Ich schlag' ihr den Buckel entzwei.«
Und er schlug mit seinem Stock auf den Buckel, der auch wirklich zersprang, weil er aus einem untergebundenen Topf hergestellt war.
Nun wurde ein junges Mädchen durch die Tür geschoben. Aber auch jetzt schrie Kito:
»Das ist nicht die Braut! Das ist nur die ~družka~[54]. Der ~zagolka~[55] soll sie bekommen.«
Endlich kam Hanka im Brautstaat. Sie war blasser als sonst, aber sie lächelte. Mit großem Lärm wurde sie empfangen. Nun ging es ins Haus hinein zum Frühstück. Der Bräutigam mußte sich von der Braut fernhalten; nur der ~družba~ hatte das Recht, ihr Kavalier zu sein. Kito strahlte vor Stolz und Freude. Und er sorgte für alles. Er fragte die Mutter, ob sie der Tochter auch einen Taler in den Strumpf gesteckt, ob sie ihr auch Salz in den Schuh geschüttet habe, damit der Reichtum nicht ausbleibe, und ob sie auch nicht vergessen habe, ihr ein Äpflein mitzugeben, damit der Kindersegen nicht fehle. Er wolle gewiß drei Bissen Brotes unterwegs essen, damit die Ehe eine glückliche werde.
Alles war erfüllt. Alle Vorzeichen waren gut. Zunehmender Mond war, und es war Dienstag, der beste Tag für eine Hochzeit.
Zur Trauung ging es zu Wagen, und wieder war Kito der Begleiter der Braut. Kinder und große Leute standen am Wege, Zuckerwerk und kleine Münzen wurden ausgestreut, und es war Jubel aller Enden.
Unterwegs geschah aber etwas, worüber sie alle erschraken. Eine Kuhherde kreuzte den Weg. Der Brautwagen mußte anhalten. Das war kein gutes Zeichen. Kito aß nun neunmal drei Bissen trockenes Brot, um den Zauber abzulenken, und sagte nach dem siebenundzwanzigsten Bissen: »Jetzt bin ich zwar satt, und das ist schade an einem solchen Tage, zumal, wenn man sein Lebtag nicht immer an der Bratenpfanne gesessen hat; aber nun wird doch alles gut gehen in der Ehe.«
Hanka nickte freundlich. Sie war sehr still in allen diesen Tagen und ließ alles schweigend über sich ergehen.
Bei der Rückkehr aus der Kirche hielt der Wagen vor dem Tor. Die Mutter kam aus dem Hof. Sie hielt einen neuen Topf mit Milch in der Hand. Daraus tranken Bräutigam und Braut, und der ~družba~ zerschellte darauf den Topf an einem Stein. Nun ging die ganze Hochzeitsgesellschaft in den Hof; der ~družba~ hielt eine Rede, in der er wieder Abbitte leistete für alles etwa geschehene Unrecht, dann setzte die Musik ein, und es wurde im Hofe getanzt.
Und dann wurde geschmaust und gegessen den ganzen Tag lang und in der Schenke die ganze Nacht getanzt.
* * * * *
Es waren aber zu dieser Hochzeit Gäste von nah und fern gekommen, Gäste, die nicht zur Verwandtschaft und nächsten Freundschaft gehörten, sondern Ehren halber als Vertreter großer Gemeinden oder Bezirke vom Kral eingeladen worden waren.
Einer von diesen Leuten traf bald nach dem Essen mit Hanzo im Großgarten zusammen und sagte:
»Höre Kral, ich muß dir etwas sagen. Da wir nun zu diesem frohen und schönen Feste so viele Dorfväter beisammen sind, so wollen wir etwas besprechen und abmachen, was allen von uns sehr am Herzen liegt. Dein Sohn Juro ist nicht hier, obwohl sein einziger Bruder Hochzeit hält.«
Hanzo errötete leicht.
»Juro ist auf einer Reise,« sagte er; »er ist jetzt in Italien.«
»Ja, und er ist vier Wochen vor der Hochzeit dorthin gereist. Aber das geht uns nichts an. Etwas anderes müssen wir mit dir abmachen. Sieh, Hanzo, du bist noch nicht alt, und Gott soll dir noch viele Jahre schenken. Aber deine Frau war auch nicht alt und starb doch. ›Ihr wisset weder den Ort noch die Stunde‹, sagt die Bibel. Wenn du nun einmal den Tod finden wirst, müssen unsere Leute wissen, wer ihr Kral ist. Und ihr Kral kann dann nur Pán Samo sein.«
Hanzo schwieg.
»Er hat heute«, fuhr der andere fort, »die Hanka geheiratet, das einzige Mädchen, das noch aus der Familie des alten Kral ist. Er hält zu uns, er beachtet unser Volk; er soll unser Kral sein.«
Hanzo entgegnete darauf:
»Der Erbsohn ist Juro, und er hat sein Recht nicht abgetreten und will es auch nicht abtreten.«
»So müssen wir ihn absetzen, und zwar werden wir ihn heute absetzen.«
»Nicht heute«, wehrte Hanzo ab.
»Warum nicht heute? Heute ist der richtige Tag. Wann werden wir wieder so viele beisammen sein, die da mitzureden haben?«
»Wir können uns am Martinimarkt in der Stadt treffen.«
»Wozu willst du den Aufschub?«
»Ich möchte es nicht hinterrücks tun. Ich will meinem Sohn Juro schreiben, was ihr vorhabt; dann kann er sich verteidigen.«
Der andere sagte mit finsterer Miene:
»Er kann sich nicht verteidigen. Er hat offen und vielmal gesagt, daß er kein Wende, daß er ein Deutscher ist; er hat sogar gesagt, er werde den Kronenhügel aufgraben, um den Wenden zu zeigen, daß ihr Glaube Dummheit ist, daß in dem Hügel keine Krone ist, sondern nur Erde und Steine. Und das kann ihm nicht verziehen werden.«
»Er hat es doch nicht getan! Er scheut sich doch und weiß, es wäre ein Verbrechen.«
»Aber er wird es tun«, sagte der andere. »Er hat es bestimmt gesagt.«
»Wissen viele Leute davon?« fragte Hanzo trostlos.
»Alle!« entgegnete der andere.
»Woher wissen sie es? Er schreit es doch nicht auf die Straße.«
»Das kann ich nicht sagen. Es ist in aller Mund. Und alle wissen, was Juro gegen die Wenden gesagt und getan hat -- alle! Es ist alles gegen ihn. Und es wird täglich schlimmer.«
Sie schwiegen beide. Dann fuhr der andere fort:
»Bezwinge dich, alter Hanzo! Es mag schwer sein, aber es muß sein! Treten wir zusammen, die wir hier sind, und machen wir es aus. Einmal muß es doch sein.«
»Heute nicht! -- ~Njok!~«
Mit diesem »~Njok!~«, diesem messerscharfen, endgültigen: »Ich will nicht!« schnitt der Kral die Unterhaltung ab. Kein Widerspruch erfolgte mehr.
War auch die Zeit längst vorbei, wo der Kral eine heimliche Kopfsteuer erhielt, so war doch sein Einfluß so stark, sein Wille so mächtig, daß alle anwesenden »Volksvertreter« sich dem »~Njok!~« Hanzos fügten und die »Absetzung« Juros, sein Ausschluß von der Kralswürde, auf eine große ~Gromada~ am Martinimarkt vertagt wurde.
* * * * *
Im Kretscham saß Samo auf der Bank und sah dem Tanz zu. Mit seiner jungen Frau durfte er nicht tanzen. Auch mit den Brautjungfern durfte er sich nur dann im Kreise drehen, wenn es der allmächtige ~Družba~ erlaubte. Der Bräutigam ist im Wendenland an seinem Hochzeitstag rechtlos.
Es war Samo ganz lieb so. Am liebsten wäre er fortgegangen, hinaus in die Nacht. Es war ihm eigen zumute. Wenn er Hanka ansah, die nun seine Frau war, dann sagte er sich wohl, daß sie ihm gefalle. Von Liebe wußte er nichts, hatte er nie etwas gewußt. Das war töricht Zeug für Schwärmer und unreife Menschen, nichts für ihn.
In seiner Brust herrschte nur das eine: maßloser Ehrgeiz. König sein, wenn auch ein heimlicher König, wenn auch nur ein König über ein kleines, unterjochtes Volk! Aber im Glauben eines Volkes an erster Stelle stehen! Der Mann sein, auf den auch die Slawen anderer Länder mit ehrfürchtiger Scheu sahen, dem alte Leute die Hand küßten und für den der gelehrte Krok die Krone Przemisls aus dem Tabernakel nahm!
Oh, das war etwas Großes, das zu erstreben sich lohnte! Und dann den heimlichen, zähen Kampf führen mit dem Soldatenkönig in Berlin! Sich äußerlich bescheiden und doch wissen: ich stehe auf Vorposten gegen dich und bahne den slawischen Brüdern einen Weg vor die Mauern deiner Stadt! Um das zu erreichen, nahm man alles, was Geschmack und Bildung schwer genießbar machten, willig hin, ließ man sich von einem ~Družba~ tyrannisieren, trank man mit den Burschen ein Glas Branntwein ums andere. -- --
* * * * *
Am selben Tage, da Samo und Hanka im Wendenlande Hochzeit hielten, saß Juro mit seinem Freunde Heinrich von Withold auf dem Posilip bei Neapel. Und er träumte hinüber zu den silbernen Städten Castellamare und Sorrent und nach Capri und Ischia. Die schönste Inselflur der Welt lag vor ihm. Weit hinaus dehnte sich das blaue Meer. Da war es ihm, es geschähen Wunder vor seinen Augen, als seien Märchen zur Wahrheit geworden, Träume in Erfüllung gegangen; Märchen und Träume, denen seine junge Seele nachging, als er noch einsam im Wendenwald war.
Ja, hier war die Welt schön und darum groß und reich. Und war auch das Volk ärmlich gekleidet, es war dennoch reich, denn es hatte immer Herrlichkeiten leibhaftig vor Augen, von denen selbst Königspaläste nur mit matten Bildern ihre Wände schmücken konnten.
Aber es geschah, daß die Seele des Wendensohnes beim Rauschen des blauen Südmeeres und beim Duft der roten Mandelblüten das Heimweh überkam nach den Sandwegen der Wendei, nach den Föhren an der stillen Spree. Und das geschah, weil er nicht nur von der Heimat weg eine Reise getan, sondern weil man ihn aus der Heimat verbannen wollte.
Das Menschenherz lenkt auch im glänzendsten Exil seine Sehnsucht nach Hause. --
Seit Weihnachten hatte Juro mit seinem Vater mancherlei Briefe gewechselt. Er war ihm aber dadurch nicht näher gekommen, nein, die Kluft hatte sich noch vertieft. Schließlich hatte ihm der Vater sogar gegen seinen Willen sein mütterliches Erbteil auszahlen lassen.
Das war der Bruch; damit sollte Juro völlig ausgeschlossen werden von dem heimischen Hof.
Eine tiefe Bitternis war über Juro gekommen. Seine frohe, selbstbewußte Art drohte in finsteren Trotz umzuschlagen. Er war oft schweigsam und müde wie ein Kranker. Da kam Samos Hochzeit immer näher heran. Samo lud den Bruder erst auf ausdrücklichen Befehl des Vaters zu dem Fest; er tat es in der denkbar kältesten Form. Juro schlug die Einladung aus, und um allen Peinlichkeiten zu entgehen, um sich andererseits zu zerstreuen und wieder einmal Sonne in die Seele zu bekommen, begab er sich mit seinem Freunde auf die Reise.
Oh, wohl war es schön in Florenz und Rom, wohl war es ein Genuß, mit Heinrich, der seit Jahren Kunstgeschichte studiert hatte, durch die Museen zu wandern, wohl war es herrlich hier am alten Posilip! Aber die Bitterkeit wich nicht ganz aus Juros Herzen, und als einmal Musikanten ein italienisches Volkslied sangen, sagte er:
»Wir haben ein ähnliches Lied; ich finde es sogar schöner.«
Und er sang dem Freunde leise das Lied vor -- in wendischer Sprache. -- -- --