Die alte Krone: Ein Roman aus dem Spreewald
Part 11
Krok und Bohuslaw fanden ihn bald darauf im vordersten Zimmer fassungslos in einem Lehnstuhl sitzen.
»Pán Samo,« sagte Krok, »nicht umsonst weihte ich Euch in das größte Geheimnis meines Lebens ein. Alles hat einen Sinn, und alles geht darauf hin, unserem Slawentum zu dienen. Pán Samo, vergeßt dieses nicht: Symbole sind nötig; Gedanken, vom Symbol losgelöst, verfliegen im Wind. Kommt noch einmal allein zu mir, ehe Ihr abreiset; ich habe Euch etwas zu sagen, das mir in dieser Nacht eingefallen ist.«
Spätherbst droben im Wendenlande.
Die letzten Sommerfäden nahm der Wind; der letzte Singvogel zog fort.
Irgendwo in der Welt gibt es sonnige, glänzende Fluren, irgendwo gibt es laute, große Städte.
Das muß weit von hier sein. Denn hier wohnt die graue Einsamkeit. Spät dämmert der müde Tag, früh geht er zur Rüste. Oft liegt der Waldweg die ganze Woche einsam. Kein Wanderer kommt daher.
Und doch wäre es ein Weg, wo einer den Frieden suchen könnte, wo müde Augen ruhen und wilde Herzen stille werden könnten.
Hier wandeln in den tiefen Wäldern, wie im Traum hinhören auf die knisternden Sagen der Föhren, am alten Heidenhügel früherer Zeit nachdenken, an die Lutchen denken, die Zwergmännlein, die jetzt selbst zur Mittagszeit die Zipfelkappe fest über die dicken Köpfe ziehen und bei sinkender Sonne fröstelnd in ihr warmes Haus flüchten tief unter der Erde! O ja, das täte den klugen, unglücklichen Menschen draußen gut!
Nur wer eine wehe Reue im Herzen trägt, dürfte hierher nicht kommen; die Smjertniza könnte ihm begegnen. --
Drunten im Spreewald führte ein junger Bursch zur Abendzeit seinen Kahn heim. Ihm gegenüber saß seine einzige Schwester. Sie war von großer Schönheit; aber nun war sie traurig und blaß und sah immer ins Wasser hinein, in dem die letzten bunten Blätter des Waldes schwammen.
Da fing der Bursche an zu singen:
»~Sla je holčka po wodu ...~«
Das Mädchen sah den Bruder bittend an, er möge schweigen; aber er sang das Lied:
»Gingen nach Wasser drei Mägdelein In den weißen See hinein ...
Die erste schöpfte die Kanne ein Und verlor ihr Ringelein. Mädchen an zu weinen fing -- Ihr Liebster kauft einen neuen Ring.
Die zweite schöpfte die Kanne ein, Verlor ihr seiden Tüchelein. Das Mädchen weinte und klagte genug -- Doch ihr Liebster kauft ein neues Tuch.
Die dritte schöpfte die Kanne ein, Verlor ihr Rautenkränzelein; Das Mädchen wollte vor Jammer vergehn -- Ihr Liebster ließ sie am Wasser stehn.«
Der Bursche schaute finster auf den Boden des Kahnes, das Mädchen saß gebrochen vor ihm und hatte die Hände vor dem Gesicht.
Die Abendglocke läutet. Oh, der Küster weiß nicht, daß der Bursch auf den Kirchturm geschlichen ist und in die Glocke den Namen des Mannes, der seiner Schwester Glück und Ehre nahm, geschrieben hat, dort, wo der Klöpfel anschlägt. Nun geht mit jedem Glockenschlag der Name des Schelmen über alles Land und hinauf zum Himmel, und wenn Liza stirbt und die Glocke läutet, dann wird durch ihr Wimmern der Name des Verführers an Gottes Ohr klingen.
* * * * *
Nicht überall ist es zur Herbstzeit so trüb im Wendenlande.
Droben im Oberland der alte Weber Domasch ist ein friedlicher Mann. Vor seinem Häuschen steht ein wilder Apfelbaum, der einzige Baum, den er besitzt. Domasch läßt die Holzäpfel immer bis tief in den November hängen. Dann verlieren sie zwar etwas an Saft, sagt er, aber sie werden mürber und lassen sich besser beißen. Nun ist er mit seinem Weibe auf den Apfelbaum gekrochen. Die beiden Alten hocken sich auf zwei Ästen gegenüber.
»Eine schöne Ernte!« lächelt der Weber.
»Eine Gottesernte!« sagt das Weiblein.
»Wenn's nur der Küster nicht zu kurz macht, daß wir sie gut herunterkriegen. Siehst du, Mutter, weil wir unsere Äpfel nur immer beim Abendläuten geschüttelt haben, deshalb hat uns auch Gott alle Jahre so reichlich beschert.«
»Ja, so ist es!« sagt die Frau.
Nun beginnt die Glocke zu läuten, und nun fangen die beiden an zu schütteln. Die verrunzelten kleinen Äpflein prasseln zur Erde; die beiden verrunzelten Alten schütteln, so viel sie können. Denn der Küster läutet gewöhnlich nicht lange, und wenn der letzte Ton verhallt, muß die Arbeit beendet sein. Deshalb herrscht eine ganz bestimmte Strategie, eine genaue Einteilung; jedes von den zweien weiß, welche Äste es zu schütteln hat.
Oh, wie das prasselt! Hastig steigen Mann und Frau von einem Ast zum andern und schütteln mit ihren dünnen Armen. Endlich sagt der Alte:
»Hör auf, Mutter, für die Eichhörnchen muß auch noch was drauf bleiben; der Mensch soll nicht genußsüchtig sein und nicht alles für sich haben wollen.«
Und sie klettern die Äste und die kurze Leiter hinab. Noch immer tönt die Glocke.
»Der Küster macht's aber heute lang«, sagt die Frau.
»Ja,« lächelt der Mann schlau, »das weißt du gar nicht: Ich hab' ihm heut früh gesagt, daß ich Äpfel schütteln will, und hab' ihn einmal schnupfen lassen.«
Darauf lesen die beiden glücklich ihren sauren, armen Herbstsegen zusammen, aber in ihrer goldenen Zufriedenheit finden sie ihn süß und reich.
»Es hat schon zu Abend geläutet«, sagte der alte Knecht Kito, als er zu Hanka in die Stube trat.
Das Mädchen, das ganz allein war, saß am Tisch bei der Lampe und war mit einer Näharbeit beschäftigt.
»Ja, Kito, ich habe es gehört, wenn wir auch schon die Doppelfenster haben.«
»Es ist erst fünf, es wird jetzt zeitig Abend.«
»Ja, bis zur ~pšaza~[35] sind noch zwei Stunden Zeit. Füttern die Mägde schon?«
»Sie haben angefangen. Deine Spinnstube ist gut, Hanka. Du bist die einzige Kantorka hier, die keine schlechten Lieder duldet.«
Das Mädchen errötete.
»Ich mag solche Lieder nicht leiden; ich habe sie auch zu Hause nicht zugegeben.«
Der Alte nickte.
»Ja, es geschieht an den Spinnabenden mancherlei. Voriges Jahr sind drei Mädchen aus unserem Dorf unglücklich geworden. Eine hat noch geheiratet, die anderen ...«
Er machte eine bedauernde Handbewegung.
»Wie ich noch jung war,« fuhr er fort, »da hab' ich auch solche Schelmenlieder gesungen. O ja -- was für welche! Wenn man dann alt ist, gefällt einem das nicht mehr. Aber du bist noch jung, Hanka, jung und hübsch!«
»Was soll das bedeuten?« sagte Hanka und sah verwundert auf. Der Alte stand auf, redete hin und her, dies und das, von der Wirtschaft allerlei.
»Du hast etwas auf dem Herzen, du willst etwas«, sagte Hanka.
Kito wandte sich ab und stopfte seine Tabakspfeife. Endlich setzte er sich wieder. Aber er richtete die Augen starr auf die Tischplatte.
»Hanka, du kennst die Bibel. Du weißt, daß Abraham seinen Knecht Elieser ausgesandt hat, um für seinen Sohn Isaak eine Frau zu suchen. Elieser war nur ein Knecht, aber er bekam doch dieses wichtige Amt.«
»Wo soll das hinaus?«
Kito zündete sich aufs neue seine Pfeife an, stand wieder auf und spuckte dreimal hinter den Ofen, ehe er weitere Worte fand.
»Ich sagte dir, Hanka, daß ich auch einmal jung war. Ich habe bei der ~kremuša~[36] drei Tage lang gegessen und getrunken und drei Nächte lang mit den Mädeln getanzt. Ja, das habe ich! Ich hab' bei der ›verheirateten Männerkirmes‹ als lediger Bursch auf einem fremden Dorf getanzt, und es ist nicht herausgekommen. Jawohl, das war ich! Ich war der Anführer der ›Wurstbrüder‹, und wehe dem Bauern oder der Schenke, wo wir nicht unseren Speck bekommen hätten, wenn wir ankamen! Jawohl, das war ich! Und weißt du, wer ich noch war? Der Jan beim Johannisfest war ich! Der tollste Reiter! Bei den Husaren habe ich gedient, und wenn ich der Jan war, da hatte ich aus Birkenrinde eine Larve[37] vorm Gesicht und den ganzen Buckel voll Blumengirlanden -- ei ja, schön war ich! Über und über Blumen, bis zum Hute! Und dann aufs beste Pferd! Ohne Sattel und ohne Zaum! Wie der wilde Reiter durchs Dorf! Beim letzten Hause hat sich das ganze Dorf aufgestellt. Sie machen eine Kette. Sie woll'n mich aufhalten. Ich aber wie der Blitz durch die Kette! Sie schreien, sie laufen. Ich kehre blitzschnell um. Vom Pferd runter. Alle Weiber fall'n über mich her. Jede will 'ne Blume. Die verheirateten, daß sie starke Kinder kriegen, die ledigen, daß sie 'n Mann kriegen. Und ich immer rechts und links mit beiden Armen und Händen das ganze Weibsvolk abgestreift. Und hinauf auf die Linde geklettert bis zum obersten Aste. Und von oben eine Predigt gehalten. Dunderwetter, eine Predigt gehalten! Ich bin ein Prediger, hab' ich gesagt! Denkt ihr, ein Prediger wie der invalide Unteroffizier, den der alte Fritz den Wenden schickte? Drei Jahre lang predigte dieser Mann alle Sonntage dieselbe Predigt, die er sich auswendig gelernt hatte. Und als drei Jahre um waren, gingen die Wenden zum alten Fritz und sagten, sie wollten einen anderen Prediger, weil der Alte bloß immerfort dasselbe predigte. Nun, was predigt er denn? fragte der alte Fritz. Ja, da kratzten sie sich auf dem Kopfe und wußten nichts. Nun, sagte da der alte Fritz, so soll nur der Mann noch ruhig seine zehn Jahre weiterpredigen! Dunderlitzen, so ein Prediger war ich nicht! Ich hab' von meiner Linde gepredigt, daß sie unten rot und blau wurden, daß sie manchmal schrien: ›Pfui Deibel!‹ Die Frauvölker, die Kerle, der Schulze, die Schöffen, ja sogar die Frau Pastorin, alle kriegten was ans Bein. Rot und blau wurden sie. ›Hurra!‹ schrien die einen, ›Haut ihn!‹ die andern. Ja, so ein Prediger war ich! Bis ich mich selbst von der Linde herunterpredigte. Dunderlitzen, wie ich gerade eine Kraftstelle sage, daß die eine Hälfte lacht und die andere Hälfte flucht, fall' ich runter von meinem blätterigen Predigtstuhl und breche mir die Hüfte. Und wenn man die Hüfte gebrochen hat, sage ich dir, ist es mit dem Reiten und kräftigen Predigen vorbei.«
Kito seufzte schwer und trommelte mit seinen stumpfen, dicken Fingern auf dem Tisch. Hanka sah ihn lächelnd an. »Hanka, denke nicht an den ~palenc~[38]. Drei Gläschen habe ich getrunken; aber drei Gläschen sind nötig zu dem, was ich vorhab'.«
»Ja, was hast du denn eigentlich vor, alter Kito?«
Kito stand auf, stieß mit dem Mittelfinger dreimal in die abermals erloschene Pfeife, ging zum Feuer, um einen neuen Span zu entzünden, spuckte dreimal hinter den Ofen und sagte dann passend:
»He, was ich vorhab'? Wenn das so glatt rauszukriegen wäre, da säß ich doch nicht so lange hier und versäumte bei einem Mädel dummerweise meine Zeit!«
Er setzte sich wieder an den Tisch.
»Ja, Hanka, das Lied ist auf mich gemacht:
»~Moja mač jo wúdowa, Ja som liderlich škrodawa.~«[39]
Herr, meine Zeit, was habe ich als Junge alles angerichtet! Es ist schwer zu glauben. Da muß ich dir einen Witz erzählen, Hanka! Es waren einmal drei Jungen, die hatten einen Käse gefunden. Und weil sie nicht einig wurden, wem der Käse gehören sollte, so wollten sie wetten. Und sie machten es also aus: Wer von uns dreien die größte Lüge sagt, der kriegt den Käse! Sie logen nun die Sterne vom Himmel herunter, aber sie konnten nicht einig werden, wer den Käse bekommen sollte. Da kam der Herr Pastor gerade vorbei und fragte die Jungen aus, um was sie sich so händelten. Und da er alles angehört hatte, machte er die Stirn runzelig und sagte: ›Pfui, ihr Lügner! Als ich ein Junge war, wie ihr, hab' ich +nie+ gelogen!‹ Und richtig -- so ein frecher Schlingel gibt ihm den Käse und sagt: ›Sie haben gewonnen, Herr Pastor.‹ Ja, und diese Range war ich!«
Hanka sah überrascht auf.
»Ih, du bist ja ein kurioser Kauz gewesen, Kito!«
Kito schüttelte melancholisch den Kopf.
»Kauz hin -- Kauz her -- es ist doch aus! Jetzt -- jetzt lauert bloß die alte Wičaz, daß sie mir ihre Wanzen in den Sarg stecken kann. Aber ich werd' ihr was ... Hanka, ich schlag' mit allen vieren aus, daß der ganze Sarg umkippt, wenn die alte Schraube mit ihrer wanzigen Federspule angerückt kommt.«
Hanka suchte ihn zu beruhigen.
»Ach, Kito, du bist noch rüstig. Du machst es noch länger als die Wičaz.«
Kito wehrte ab.
»Nein, nein! Was nutzt alles! Die Frau habe ich mit heiligem Gras angeräuchert, weil ich das so gehört habe, aber genutzt hat es nichts. Siebzig Jahre laufe ich hier im Wendenland herum. Eigentliche Wunder habe ich wenig bemerkt. Den Vampyr habe ich manchmal gesehen -- jawohl, aber nur, wenn ich lange in der Schenke gesessen hatte. Da hatte ich am nächsten Morgen blasse Lippen. Da hatte er mir das Blut ausgesaugt. Und oft bin ich geprellt worden. Wenn man nachts um zwölf Uhr auf der Wiese kleine Flämmchen brennen sieht, da brennt Geld. So hat es mir meine Großmutter erzählt. Da braucht man dann bloß sein Erspartes zwischen die Flämmchen zu werfen und fortzugehen. Am anderen Morgen hebt man einen Schatz. Ja, ich hab' mein Vierteljahreslohn unter die Flämmchen geworfen, und am anderen Morgen war alles futsch -- der Schatz und der Lohn.«
»So hast du den Ort vergessen«, warf Hanka ein.
»Ort hin -- Ort her! Ich bin auf meine alten Tage ungläubig geworden. Seit das Gras bei unserer guten Frau nichts geholfen hat, denk ich mir das meine. Und siehst du, der ~domjacy~[40], der Juro, der glaubt auch nicht an solche Dinge und ist doch bald ein ~Pán doctor~.«
»Schlimm genug, daß er nichts glaubt«, sagte Hanka.
»Mädchen, der Juro ist der allergrößte Prachtkerl. Das war er schon als Kind. Da war ich doch sozusagen sein Erzieher. Offen und ehrlich ist er, ein bißchen Hitzkopf und Eigensinn, aber auch gutherzig. Und ein richtiger Kerl. Der könnte den Jan beim Johannisfest machen!«
Hanka seufzte tief und schwer. Kito lachte plötzlich über sich selbst.
»Das heißt, ich bin schon wirklich der allerdümmste Kerl auf Gottes weiter Welt. Red' ich nicht dahier gegen mein eigenes Maul?«
Er schwieg. Dann brachte er stoßweise heraus:
»Hanka, schenke mir einen Branntwein ein!«
Das Mädchen war ganz verwundert über den Alten.
»War es das, was du auf dem Herzen hattest?«
»Nein, Hanka, nein! Der Branntwein ist bloß dazu, daß ich es leichter herauskriege, was ich zu sagen habe. Ich versitz' dahier sonst bloß unnütz meine Zeit.«
Hanka schloß einen Wandschrank auf, goß ein Glas Branntwein ein, nippte der Sitte gemäß erst selbst davon und stellte es dann vor den Alten.
»Ich sehe dich, Hanka«, sagte der und trank ihr zu.
»Nun komm aber auf das, was du vorhast«, sagte das Mädchen.
»Jawohl, jawohl! Es ist gar nicht so einfach, wie du wohl bemerkt hast.«
Er zündete sich erst seine Pfeife wieder an und spuckte hinter den Ofen.
»Also, Hanka, du kennst die Geschichte vom Elieser. Er war nur ein Knecht und hatte doch ein wichtiges Amt: er sollte für den Sohn seines Herrn die Braut werben. Als ich noch jung war, bin ich auch oft Brautwerber gewesen. Du kennst das ja. Im Oberlande heißt man's ~družba~, im Niederlande ~pobratz~ (Brautwerber). Na, du kannst glauben, Hanka, es ist nicht so einfach, wenn man für einen anderen auf die Brautschau geht. Man kann nicht mit der Tür ins Haus fallen. Man muß erst über alles mögliche andere schwatzen, und dann muß man politisch und fein und sachte hintenrum mit seiner Absicht rausrücken. Und man geht immer so um die Abenddämmerung. Da fällt's nicht so auf, wenn man rausgeschmissen wird.«
Hanka stand auf. Ganz erregt sagte sie:
»Ich frag' dich jetzt, Kito, was soll das ganze Gerede bedeuten?«
»Immer sachte, Jungfer, immer sachte, man kann doch nichts überstürzen. Neunmal bin ich Freiwerber und Zurater gewesen in meinem Leben; siebenmal haben sie mich rausgeschmissen, aber zweimal ist was aus der Sache geworden. Nun, man hat seine Erfahrungen!«
»Kito, jetzt sprichst du endlich oder ich gehe hinaus!«
Da stand Kito erschrocken auf, und sein Gesicht wurde plötzlich sehr ernst, und er faltete die Hände auf dem Tische. Er stockte noch eine Minute lang, dann sagte er mit bewegter Stimme:
»Wie der Elieser um die Rebekka geworben hat, so werbe ich in Gottes Namen um dich, Jungfrau Hanka, für unseren Gutssohn Samo.«
Hanka saß regungslos hinter dem Tisch. Sie schluckte ein paarmal, und ihr Gesicht war bleich.
»Bist du -- bist du toll?« fragte sie stockend.
»Es ist heiliger Gottesernst, Hanka«, entgegnete der Knecht.
Er setzte sich die Brille auf, zog einen Brief aus der Tasche und las mit feierlicher Stimme:
Breslau, am 20. November 1860.
Mein lieber alter Freund Kito!
Nach dem alten, schönen Brauche unseres lieben sorbischen Volkes bitte ich dich, daß du der Freiwerber für mich bist bei unserer ehrbaren Jungfrau Hanka. Wir sind von derselben Abstammung und gehören zueinander, nachdem mein Bruder Juro ein Deutscher geworden ist und auch ein deutsches Mädchen heiraten wird. Aber ich wähle auch die Hanka, weil ich sie von Herzen lieb habe, weil sie ein braves sorbisches Mädchen ist. Du sollst erst mit meinem Vater sprechen und dann für mich werben. Ich werde dir stets dankbar sein. Gott möge dir helfen!
Samo.
Dem Alten rannen die Tränen übers Gesicht, wie er so las. Ohne auf das fassungslose Mädchen zu achten, sprach er dann:
»Ein braver Bursch! Ich bin bloß ein Knecht, aber er nennt mich ›mein alter Freund‹. Er hält sich an die alte Sitte. Das werden ihm alle Leute hoch anrechnen, wenn sie es hören werden.«
Hanka stand auf.
»Wo willst du hin, Hanka?«
»Hinaus!«
»Und gibst du mir keine Antwort?«
Sie war schon draußen. Der alte Kito steckte seinen Brief ein. Betrübt senkte er den weißen Kopf.
»Und ich glaubte, ich hätte es so lustig, so ausführlich und so gut gemacht!«
Die Spinngesellschaft war abgesagt worden. Die Gutstochter Hanka war krank.
Fünf Tage schon war das Mädchen allein in ihrer Stube. Eine Magd brachte ihr Essen, das fast immer unberührt zurückkam. Tee wollte die Kranke nicht trinken; alle Hilfsmittel verschmähte sie.
Am sechsten Tage schlich sich die alte Wičaz bei Hanka ein. Das Mädchen wollte anfangs nichts von ihr wissen; aber schon nach einer Viertelstunde lagen die Wahrsagekarten ausgebreitet auf dem Tisch. Hanka sah mit großen Augen vom Bett her auf die Alte. Ihr Gesicht war in der kurzen Zeit blaß und schmal geworden.
»~Wuše stupaš, dale widžiš~«, begann die Alte; »je höher du steigst, je weiter du siehst.«
Dann machte sie eine lange Pause, bohrte die grauen Augen in die Kartenbilder, fuhr mit den gelben, knochigen Fingern darüber, zuckte mit den Lippen.
Dann sprach sie:
»Ich sehe zwei junge Adler und ein junges Adlerweibchen. Der eine Adler kommt an das Nest des Weibchens, kreischt es an und hackt es mit seinem scharfen Schnabel, daß es blutet. Dann fliegt er fort und paart sich mit einer Krähe. Und sie fliegen bis an den Lóbjofluß. Da werden sie erschossen und sinken ins Wasser. Der andere Adler gewinnt das Adlerweibchen, und sie bauen sich ein gutes Nest auf dem höchsten Baume und verjagen alle Krähen. ~Wuše stupaš, dale widžiš.~ Je höher du steigst, je weiter du siehst.«
Hanka hörte der Alten staunend zu.
»Woher weißt du das?«
»Ich lese es in den Karten, und mehr kann ich nicht sagen.«
Die Wičaz stand auf und ließ Hanka allein. -- --
Am Nachmittag desselben Tages kam der alte Scholta zu Hanka.
»Kannst du es nicht über dich bringen?« fragte er.
Hanka schlug die Hände vors Gesicht.
»Juro ist für uns verloren,« sagte der Alte traurig; »nicht bloß für dich, auch für mich, auch für uns alle. Was er will, kann ich nie zugeben.«
Der Scholta stand am Fenster und schaute in den herbstlichen Großgarten.
»Ich brauch' dich so notwendig hier wie das tägliche Brot«, sagte er nach einer Weile. »Das weißt du wohl, Hanka. Wo keine Frau im Hof, da ist der Böse im Hof. Ich müßte aber doch jetzt sagen: ›Fahr wieder heim, Hanka!‹ Doch ich schäme mich, ich schäme mich!«
Er legte den Kopf an die Fensterscheiben. Das Mädchen begann bitterlich zu schluchzen. Der alte Hanzo fuhr fort:
»Meine selige Frau hat es mit deinen Eltern ausgemacht, die Leute hier auf dem Hofe wissen es; ich mag dich nun so nicht heimgehen lassen.«
Da richtete sich das Mädchen halb auf.
»Ja, es wär' -- es wäre eine Schande für mich! Sagt mir, sagt mir das eine in Gottes Wahrheit: will mich Samo bloß aus Barmherzigkeit nehmen, weil mich Juro nicht mag?«
Da leuchteten die Augen des Alten auf.
»Nein, weil er dich gern hat, weil er dich lieb hat! Wer sollte dich auch nicht gern haben? Er hat es mir geschrieben, und er hat es mir schon gesagt, als er noch hier war.«
Drei Minuten wohl lag das Mädchen mit geschlossenen Augen, dann sagte es leise:
»Ich werde dankbar sein und den Samo nehmen.«
Hanzo ergriff freudig ihre beiden Hände und küßte Hanka dreimal auf die Stirn.
Dann stand er aufrecht und feierlich da, und er, der sonst scheu und schweigsam war, sprach:
»Hanka, wenn du einen Sohn bekommst, wird er der Herr auf diesem Hofe und der Kral der Wenden sein! Wenn auch Juro darauf vergißt, wir anderen wollen es nicht vergessen, daß du in Wahrheit eine Königstochter bist, aus älterem Geschlecht als manche Prinzessin. Darum sollst du den Kopf hochtragen und nicht mehr weinen.«
»~Nan!~«[41]
Das eine Wort sagte das Mädchen und schlang die Arme um den Hals des Alten ...
Hanzo stieg glücklich in den Hof hinab. Unten traf er seinen Altknecht Kito.
Er drückte ihm die Hand und sagte:
»Kito, sag den Leuten, nächsten Sonntag ist noch eine kleine Kirmes. Tanzen dürfen sie hier im Hof nicht, weil Trauerjahr ist, aber im Kretscham werde ich alles bezahlen.«
Kito erschrak aufs heftigste und versuchte dann einen kleinen Freudensprung, der infolge seiner lahmen Hüfte mißriet.
»Hat sie -- hat sie?«
»Ja, sie wird ihn nehmen! Du kannst es Samo schreiben, denn er hat dich zum Brautwerber gemacht.«
Kito ging freudetrunken über den Hof, wackelnd wie ein lahmer Enterich. Am Ziehbrunnen blieb er stehen.
»Zehnmal bin ich jetzt ~družba~ gewesen; siebenmal haben sie mich rausgeschmissen, dreimal ist es geglückt. Schade, daß ich schon so alt bin; ich könnte noch viel Gutes stiften.«
Zum Unglück kam die alte Wičaz daher. Kito, der sonst ihr erklärter Widersacher war, ging auf sie zu, erfaßte unversehens ihre rechte Hand, hob die Hand über ihren Kopf und drehte die Frau etliche Male blitzschnell um ihre Achse.
»Was fällt dir denn ein, du verrückter Kerl?« fragte die Alte schnaufend.
»Ach, ich wollte wieder mal mit einem jungen Mädchen ~serska reja~[42] tanzen und sehe eben, daß ich mich vergriffen habe.«
Die Alte sah ihn neugierig forschend an und ging dann schimpfend davon. Kito aber begab sich nach dem Kretscham, der gleichzeitig das Kaufhaus des Dorfes war, trank erst drei Gläser Schnaps, kaufte dann Tinte, Feder und Papier und schrieb am selben Abend noch an Samo folgenden Bericht:
Lieber Freund Samo!
Ich habe es mir ehrenvoll entledigt. Drei Gläser ~palenc~ hatte ich getrunken, und eines hat die Hanka gegeben und selbst zugetrunken. Sie ist nicht übel. Über den alten Fritz und den Pastor mit dem Käse hat sie sehr gelacht. Die alte Wičaz hat mit mir ~serska reja~ tanzen müssen. Oh, die hat geflucht! Aber sie soll nur mit ihren Wanzen kommen! Ich fühle mich wieder ganz jung. Ich sterbe noch sehr lange nicht. Und sie wird schon wieder gesund werden. Denn solche Mädel haben solche Mucken, das war immer so. Die Spinnstube ist abbestellt. Aber auf den Sonntag ist eine kleine Kirmes. Wenn ich noch auf die Linde könnte, würde ich schon eine starke Predigt halten. Womit ich schließe als dein treuer Freund und Brautwerber
Kito.
Die Spinnstube Hankas war wieder eröffnet. Zwei Mädchen, denen die ehrbare ~pšaza~ Hankas zu »langweilig« war, hatten die Unterbrechung benutzt, sich einer lustigeren Spinngesellschaft anzuschließen. Für die eine kam die Reue gar bald und gar schmerzlich. Hanka war verändert. Ihre große Kindlichkeit war ausgelöscht, der wissende Ernst lag auf ihrer Stirn, eine leise Trauer, aber auch eine feste Entschlossenheit leuchtete aus ihren Augen. Sie war stiller geworden. Eine Herbheit war in ihrem Wesen, die oft in Stolz überging. Sie weinte nie mehr, auch nicht, wenn sie allein war. Mit Samo wechselte sie alle Wochen einen Brief. Er schrieb zärtlich, sie antwortete freundlich-kühl.