Chapter 4
Im Gewölbe, wo in Reihen Deiner Väter Särge stehn, Führt ein Fenster nach dem Freien, Dort, mein Kind, sollst du mich sehn--
Und schnell eil ich, wenn das Zeichen Von der lieben Hand erschallt, Schnell dahin, wo unter Leichen, Mir dies liebe Leben wallt.
Dort an deiner Väter Särgen, Die Verdacht und Argwohn fliehn, Soll die Liebe sich verbergen, Und dann schnell ins Weite hin!
Also kommst du?
Berta (leise). Ja, ich komme!
Jaromir. Also willst du?
Berta. Ja, ich will!
Jaromir. Jetzt leb wohl, denn ich muß fort; Daß sie uns nicht überraschen. Lebend soll man mich nicht haschen. Doch noch eins! Kind, schaff mir Waffen!
Berta. Waffen? Waffen? Nimmermehr! Daß du von Gefahr gedrängt, Selber nach dem eignen Leben--
Jaromir. Sei nur unbesorgt, mein Kind. Seit ich weiß wie du gesinnt, Seit ich deinen Schwur gehört, Hat mein Leben wieder Wert. Auch bedürft' es nicht der Waffen. Um mir Freiheit zu verschaffen, Wär' dies Fläschchen wohl genug.
Berta. Fort dies Fläschchen!
Jaromir. Kind, warum?
Berta. Glaubst du denn, mir würde Ruh', Glaubst ich könnt' es bei dir wissen Ohne daß mein Herz zerrissen?
Jaromir. Macht's dich ruhig, nimm es hin!
(Das Fläschchen auf den Tisch werfend.)
Doch nun schaff mir Waffen, Waffen!
Berta. Waffen? Ach woher?
Jaromir. Ei hängt nicht, Hängt denn nicht an jener Mauer Dort ein Dolch?
Berta. Ach laß ihn, laß ihn! Zieh ihn nicht aus seiner Scheide, Unglück hängt an dieser Schneide. Von dem Dolche, den du siehst, Ward der Ahnfrau unsers Hauses Einst in unglücksel'ger Stunde Eingedrückt die Todeswunde. Als ein Zeichen hängt er da Von dem nächtlichen Verhängnis Das ob unserm Hause brütet. Blut'ges hat er schon gesehn, Blut'ges kann noch jetzt geschehn!
(Die Ahnfrau erscheint hinter den beiden, die Hände, wie abwehrend, gegen sie ausgestreckt.)
Berta. Was starrst du so gräßlich hin? Mann du zitterst? Ich auch bebe! Grabesschauer faßt mich an, Leichenduft weht um mich her!
(Sich an ihn schmiegend.)
Ich erstarre! Ich vergehe!
Jaromir. Laß mich!--Diesen Dolch da kenn ich!
Berta. Bleib zurück! Berühr ihn nicht!
Jaromir. Sei gegrüßt, du hilfreich Werkzeug! Ja du bist's, fürwahr du bist's! Wie ich dich so vor mir sehe Tauchen ferner Kindheit Bilder, Lang verborgen, lang entzogen Von des Lebens wilden Wogen, Wie der Heimat blaue Berge, Auf aus der Erinnrung Flut.-- An dem Morgen meiner Tage Hab ich dich schon, dich gesehn.
Seitdem durch die Nacht des Lebens Schwebtest du mir gräßlich vor Wie ein blutig Meteor. In der flucherfüllten Nacht, Als ich auf der ersten Stufe Meinem furchtbaren Berufe Scheu die Erstlinge gebracht, Da sah ich mit bleichem Schrecken In der Wunde, die ich schlug, Statt des Dolches, den ich trug, Deine, deine Klinge stecken. Und seit jenem Schreckenstag Blieb dein Bild mir immer wach! Sei gegrüßt, du hilfreich Werkzeug! Lockend seh ich her dich blinken, Und mein Schicksal scheint zu winken. Du bist mein! Drum her zu mir!
(Drauf los gehend.)
Berta (zu seinen Füßen). Ach, halt ein!
Jaromir (immer unverwandt auf den Dolch blickend). Weg da!--Zurück!
(Er nimmt den Dolch. Die Ahnfrau verschwindet.)
Jaromir. Was ist das? Was ist geschehn? Als du dort noch flimmernd hingst, Schien von deiner blut'gen Schneide Auszugehn ein glühend Licht, Das durch der Vergangenheit Nachtumhüllte Nebeltäler, Scheu, mit mattem Strahle flammte. Und Gestalten, oft gesehn, Wie in einem frühern Leben Fühlt' ich ahnend mich umschweben. Diese Hallen grüßten mich Dies Gerät schien mir zu winken, Und in meines Busens Gründen Schien ich mir mich selbst zu finden. Und jetzt ausgelöscht, verweht, Wie ein Blitzstrahl kommt und geht.
Berta. Diesen Dolch! O leg ihn hin!
Jaromir. Ich, den Dolch? Nein, nimmermehr! Er ist mein, ist mein, ist mein! Ei fürwahr ein tüchtig Eisen! Wie ich ihn so prüfend schwinge Wird mit eins mir guter Dinge Und mein innres Treiben klar. Wen's mit dir, mein guter Stahl, Mir gelingt so recht zu fassen, Der wird mich wohl ziehen lassen Und kömmt nicht zum zweitenmal. Nun leb wohl, leb wohl mein Kind! Mutig! Froh! Die Zukunft lacht! Und gedenk!--Um Mitternacht!
(Mit erhobenem Dolche ins Seitengemach ab.)
Ende des dritten Aufzuges
Vierter Aufzug
Halle wie in den vorigen Aufzügen. Lichter auf dem Tische. Berta sitzt, den Kopf in die flachen Hände und diese auf den Tisch gelegt.
Günther (kommt). Ihr seid hier, mein gnäd'ges Fräulein? Mögt Ihr weilen so allein In den düsteren Gemächern Und in dieser, dieser Nacht? Wahrlich, eine schreckenvollre Hat dies Aug' noch nie gesehn. Wimmernd heult der Sturm von außen Und im Innern schleicht Entsetzen Sinnverwirrend durch das Schloß. Auf den dunkeln Stiegen rauscht es, Durch die öden Gänge wimmert's, Und im Grabgewölbe drunten Poltert's mit den morschen Särgen, Daß das Hirn im Kreise treibt Und das Haar empor sich sträubt. Manches steht uns noch bevor, Wandelt doch die Ahnfrau wieder; Und man weiß aus alten Zeiten, Daß das Großes zu bedeuten, Schweres anzukünden hat, Unglück oder Freveltat!
Berta. Unglück oder Freveltat? Unglück, ach und Freveltat.-- Reichte nicht das Unglück hin Dieses Dasein zu vernichten, Warum noch den schweren Frevel Laden auf die wunde Brust? Warum, du gerechtes Wesen, Noch mit des Gewissens Fluch Deinen harten Fluch verschärfen? Warum, Gott, zwei Blitze werfen, Wo's an einem schon genug?
Günther. Ach, und Euer grauer Vater Draußen in dem Wintersturm Bloßgestellt der Wut des Wetters Und der blut'gen Räuber Dolch!
Berta. Dolch?--Was sagst du?--Welcher Dolch? Gab ich? Nahm er nicht?
Günther. Liebes Fräulein, Laßt den Mut nicht ganz entweichen! Alle diese trüben Zeichen Sind ja doch nur Wetterwolken, Die des Sturmes Nahn verkünden: Doch nicht alle Donner zünden, Und des Blitzes glühnder Brand Liegt in Gottes Vaterhand.
Berta. Du hast recht.--In Gottes Hand! Du hast recht!--Ja ich will beten! Er wird Hilf' und Trost verleihn; Er kann schlagen, er kann retten, Er kann strafen und verzeihn!
(Am Sessel niederknieend.)
Günther (ans Fenster tretend). Es erhellet sich die Gegend, Fackeln streifen durch das Feld. Man verfolgt den Rest der Räuber, Der sich hier verborgen hält.
Berta (knieend). Heil'ge Mutter aller Gnaden, Laß mich dir mein Herz entladen, Aus mich schütten meinen Schmerz; Mild, mit weichem Finger streife Von der Brust den Kummer, träufe Balsam in dies wunde Herz!
Günther. Rund herum im Kreis sie stehen, Jeder Ausweg ist verstellt. Da mag keiner wohl entgehen, Wie er sich verborgen hält.
Berta (in steigender Angst). Hüll ihn ein in deinen Schleier Den Geliebten, mir so teuer, Er ist ja zurückgekehrt! Wollest gnädig ihn bewahren! Führ ihn durch der Späher Scharen, Führ ihn durch der Feinde Schwert!
Günther. Wär' doch Euer Vater hier. Daß es ihn hinausgetrieben! Wär' er doch bei uns geblieben, Wenn--mit Schaudern denk ich's mir!
Berta. Schau herab vom Sternensitze, Und auch ihn, auch ihn beschütze, Dem man schon so viel geraubt; Was den Teuern, Lieben dräuet, Sei auf dieses Haupt gestreuet, Sei gelegt auf dieses Haupt!
Günther. Jetzt scheint etwas auf gespürt! Alles eilt der Mauer zu. Setzt er sich auch noch zur Wehr, Der entkömmt wohl nimmermehr.
Berta (in höchster Angst, fast schreiend). Wend es ab!--Ach, wende! wende! Hier erheb ich meine Hände. Oder ende!--ende!--ende!
(Pause.--Beide horchen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Berta richtet sieh langsam auf.)
Günther. Horch!--Ein Schrei!
Berta. Ein Schrei!
Günther. Wieder Stille.
Berta. Wieder Stille--
Günther. Himmel! War das nicht die Stimme?
Berta. Wessen Stimme?
Günther. Fort Gedanke! Das zu denken wär' schon Tod!
Berta. Wessen Stimme?
Günther. Ei nicht doch! Alle stehen sie versammelt Rings um einen Gegenstand, Der, so scheint's, am Boden liegt.
Berta. Liegt? Am Boden liegt?
Günther, Ich kann Nicht hinvor bis dahin blicken, Denn des Hauses scharfer Vorsprung Hemmt die Aussicht nach der Seite. Doch dünkt mich an jener Linde, Die das Fenster dort beschattet--
Berta. An der Linde?
Günther. Ja, so dünkt mich.
Berta. An der Linde?--Liegt am Boden?
Günther. Wie ich sagte. Also scheint's.
Berta. Gott, mein Jaromir!
Günther. Ei Fräulein, Der schläft ruhig in der Kammer.
Berta. Schläft? Ach schläft um nie zu wachen!
Günther. Horch, man kömmt.--Da laßt uns fragen Was sich unten zugetragen.
(Hauptmann kommt.)
Hauptmann (eintretend). Heda! Betten! Tücher! Betten!
Günther. Ach sagt an doch, edler Herr!
Berta (steht bewegungslos).
Hauptmann. Ihr auch hier, mein holdes Fräulein? Darauf war ich nicht bereitet. Hilfe wollt' ich hier begehren, Nicht des Unglücks Bote sein. Euer Vater ist--
Berta (schnell). Und Er?
Hauptmann. Wer, mein Fräulein?
Berta. Und--die Räuber?
Hauptmann. Noch ist es uns nicht gelungen. Ach und Euer Vater--
Berta. Nicht?-- Nun habt Dank für Eure Botschaft! 2
Hauptmann. Botschaft? Welche Botschaft?
Berta. Daß-- Ich erwarte wollt' ich sagen, Ich erwarte Eure Botschaft.
Hauptmann. Hört sie denn mit wenig Worten.-- Euer Vater ist verwundet.
Berta. Ist verwundet? Wie, mein Vater? O ich will ihn pflegen, warten, Sorglich heilen seine Wunden, Und er soll gar bald gesunden An der Tochter frommen Brust.
Hauptmann. Nun mich freut's, daß meine Botschaft, Euch gefaßter, mut'ger trifft, Als ich fürchtete und--hoffte.
Günther. Also war's doch seine Stimme! Ich will alsogleich hinaus--
Hauptmann. Bleib! Bereite lieber alles, Denn man bringt ihn schon hierher. Hart traf ihn der Stoß des Räubers--
Berta. Ha!--des Räubers?
Hauptmann. Wohl, des Räubers; Wessen sonst? Doch ja, Ihr wißt nicht.-- Wir durchstreiften rings die Gegend, Euern Vater in der Mitte, Denn trotz meiner warmen Bitte, Blieb er, tief die Kränkung fühlend, Die ich schuldlos ihm gebracht, Helfend, leitend unter uns-- Horch! Da rauscht's durch die Gebüsche, Und die Wachen rufen's an. Keine Antwort. Meine Leute Froh ob der gefundnen Beute Stürzen jubelnd drauf und dran. Und nach einem jener Gänge Die in wildverworrner Menge, Halb verfallen, weit umhin Dieses Schlosses Wall umziehn, Sahn wir einen Schatten fliehn. Euer Vater stand der Nächste, Und mit vorgehaltnem Degen Stürzt er jugendlich verwegen, Nach dem Räuber in den Gang. Da ertönt ein matter Schrei. Eilig stürzen wir herbei. Euer Vater liegt am Boden, Ohne Leben, ohne Odem, Seiner selbst sich nicht bewußt, Einen Dolch in seiner Brust.
Berta. Einen Dolch?
Hauptmann. Ja, liebes Fräulein!
Berta. Einen Dolch?
Hauptmann. Ja, einen Dolch.
Berta. Fort! hinaus! hinaus! hinaus!
Hauptmann (sie zurückhaltend). Bleibt doch, liebes Fräulein, bleibt doch! Seht man bringt ihn.--
(Soldaten und Diener bringen den Grafen auf einer Tragbahre, die sie in der Mitte der Bühne niedersetzen.)
Berta. Gott! Mein Vater! Laßt mich! Laßt mich!
Hauptmann. Ruhig, Fräulein! Denn Ihr tötet Euch und ihn! Ruhig!
Berta. Ruhig?--Laßt mich! Laßt mich!
(Sich losreißend und an der Bahre niederstürzend.)
Vater! Vater! O mein Vater!
Graf (in Absätzen). Ah bist du es, meine Berta? Gutes Mädchen, armes Kind, Armes, armes, armes Kind!
Berta. Vater, mir nicht diese Güte, Vater, mir nicht diese Huld, Sie vergrößert meine Schuld!
Graf. Wenn in jenem Augenblicke Bei der Fackeln fernem Licht Mich getäuscht mein Auge nicht, Wenn er's war, er den ich meine-- Armes, armes Kind, dann weine Um dich selber, nicht um mich! Wo ist Jaromir?
Berta (bebend, leise). Ich weiß nicht.
Graf. Wo ist Jaromir, mein Kind?
Berta (ihr Gesicht in die Kissen verbergend). Vater! Vater!
Graf. Nun, es sei! Fahre wohl denn, fahre wohl Meine letzte, einz'ge Hoffnung! Wohl, die Sonne ist hinunter, Ausgeglimmt der letzte Schein, Dunkle Nacht bricht rings herein. Es ist Schlafens-, Schlafenszeit!-- Gutes Mädchen, armes Kind, Klage, dulde, leide, stirb! Dir kann nimmer Segen werden, Für dich gibt's kein Glück auf Erden, Bist du ja doch meine Tochter, Bist doch eine Borotin.
Günther. Haltet ein, mein gnäd'ger Herr! Eure matte, wunde Brust Leidet unter Eurem Sprechen.
Graf. Laß mich, treuer Diener, laß mich Noch einmal, am Rand des Grabes, Diesem wüsten, wirren Leben, Wüst und rauh und dennoch schön, Noch einmal ins Auge sehn. Seine Freuden, seine Leiden Mich zum letzten, letzten Abschied, Noch einmal als Mensch mich fühlend, Drücken an die Menschenbrust. Noch zum letzten Male schlürfen Aus dem bittersüßen Becher-- Und dann Schicksal nimm ihn hin!
Berta. Vater, nein! Nicht sterben!--Nein! Nein, Ihr dürft nicht, dürft nicht sterben! Seht, ich klammre mich an Euch Seht, Ihr dürft, Ihr könnt nicht sterben!
Graf. Willst du mit den Kinderhänden In des Schicksals Speichen greifen? Seines Donnerwagens Lauf Hält kein sterblich Wesen auf.
(Ein Soldat kömmt.)
Soldat (zum Hauptmann). Eben hat man einen Räuber, Der im Schilfe lag verborgen Von dem nahgelegnen Weiher, Edler Herr, hier eingebracht.
Graf. Einen Räuber?
Berta. Güt'ger Gott!
Graf. Jüngling noch? Von schlankem Wuchse?
Soldat. Nein, Herr Graf, beinah schon Greis. Er verlangt mit Euch zu sprechen. Wicht'ges hab' er zu verkünden, Wichtiges für ihn und Euch.
Hauptmann. Mag der Bösewicht es wagen Dieses Mannes letzte Stunden--
Graf. Laßt ihn kommen, lieber Herr! Hat er sich gen mich vergangen, Will ich sterbend ihm verzeihn, Oder ward vielleicht von mir Ihm Beleid'gung oder Unbild, Soll ich aus dem Leben scheiden Mit des Armen Fluch beschwert?
Hauptmann. Wohl, er komme!
(Soldat ab.)
Günther. Gnäd'ger Herr, Unbequem ist dieses Lager. Ihr erlaubt es wohl, wir tragen Euch in Euer Schlafgemach.
Graf. Nein, nicht doch! Hier will ich bleiben, Hier in dieser heil'gen Halle: Die des Knaben muntre Spiele, Die des Jünglings bunte Träume, Die des Mannes Taten sah, Soll auch sehn des Greises Ende. Hier, wo meiner Ahnen Geister Mich mit leisem Flug umschweben, Hier, wo von den hohen Wänden Eine lange, würd'ge Reihe, Die noch jetzt der Ruhm erhebt, Niederschaut auf ihren Erben, Wo die Väter einst gelebt, Soll der letzte Enkel sterben!
(Boleslav tritt ein, von Wachen geführt.)
Boleslav (sich auf die Kniee niederwerfend). Gnäd'ger Herr, ach habt Erbarmen! Laßt mich Gnade, Gnade finden, Sprecht für mich ein mächtig Wort! Und zum Lohne will ich dann Eine Kunde Euch erteilen, Die schnell Euer Siechtum heilen, Euch mit Lust erfüllen soll.
Graf. Gibt's für mich gleich keine Kunde, Die so mächtig wie du sprichst, Doch versprach ich dir zur Stunde, Hier in meines Freundes Geist, Wenn's zum Guten was du weißt Sollst du gnäd'ge Richter finden, Gnädig auch bei schweren Sünden.
Boleslav. Wohl so hört, ach, und verzeiht! Einst, jetzt sind's wohl zwanzig Jahre, Ging ich eines Sommerabends, Damals schon auf schlimmen Wegen, Hier an Euerm Schloß vorbei. Wie ich lauernd ringsum spähe, Da gewahr ich an dem Weiher, Der an Eure Mauern stößt, Einen schönen, holden Knaben, Kaum drei Jahre mocht' er haben; Der warf spielend Stein auf Stein In die klare Flut hinein.
Günther. Güt'ger Gott!
Graf. Was werd ich hören!
Boleslav. Schön und köstlich war sein Kleid, Und um seinen weißen Nacken Hing ein funkelndes Geschmeid. Mich gelüstet nach der Beute. Ringsum schau ich, nirgends Leute, Ich und er nur ganz allein. Ich versuch's ihn anzulocken, Abzulocken ihn vom Schlosse, Zeig ihm Blumen, zeig ihm Früchte, Und der Knabe froh und heiter Folgt mir weiter, immer weiter Bei des Abends Dämmerschein In den düstern Wald hinein.
Graf. Ach es war, es war mein Sohn!
Günther. Und wir glaubten ihn ertrunken, In des Weihers Schlamm versunken, Weil sein Hut im Wasser schwamm!
Graf. Jubelst du in toller Lust, Glaubst du, daß in Räubers Brust Menschlichkeit und Mitleid wohnet? Glaubst du, daß er ihn verschonet?
Boleslav. Ja ich habe ihn verschont! Morden wollten ihn die Brüder, Daß nicht durch des Knaben Mund Unsre Wege würden kund, Doch ich setzte mich dawider. Und als die Gefährten schwören, Nimmer soll' er wiederkehren Aus des Waldes Nacht heraus In der Eltern heimisch Haus, Da, Herr, dau'rte mich der Kleine, Da ward Euer Sohn der meine. Bald vergaß er Euch und sich, Und er ehrt als Vater mich.
Graf. Gott! Mein Sohn!--Er lebt! er lebt! Aber wie?--Ha, unter Räubern! Ist wohl gar?--Weh ist--
Boleslav (mit gesenkten Augen). Was ich!
Graf. Räuber?--Gott, er sagt nicht: Nein! Schweigt erstarrt und sagt nicht: Nein! Ha mein Sohn ein Räuber, Räuber! Hätt' ihn doch dein schwarzer Mund Tückisch Wassergrab verschlungen, Besser, schien's mir gleich so hart, Wär' sein Name nie erklungen, Als mit Räuber jetzt gepaart. Aber ach, was fluch ich ihm? Gott, hab Dank für diesen Strahl! Räuber! War's denn seine Wahl? Bring ihn, Guter, bring ihn mir, Auch für den Räuber dank ich dir!
Boleslav. Er ist hier in Euerm Schlosse!
Graf. Hier?--
Boleslav. Ja, Herr, Euch unbekannt. Jener Fremde der heut abend Matt und bleich um Zuflucht bat--
Berta. Jaromir?
Boleslav. Derselbe, ja!
Graf. Teufel! Schadenfroher Teufel! Nimm's zurück das Donnerwort, Nimm's zurück!
Boleslav. Er ist's, mein Herr!
Graf. Widerruf!
Boleslav. Ich kann nicht, Herr!
Graf (sich mit höchster Anstrengung aller Kräfte vom Lager aufrichtend). Widerruf!
Hauptmann (besänftigend zum Grafen). Herr Graf!
(Auf Boleslav zeigend.)
Fort mit ihm!
Boleslav. Mein Herr Ritter!
Hauptmann. Fort mit ihm!
(Boleslav wird abgeführt.)
Graf. Er geht fort, und sagt nicht: Nein! So begrabt mich denn ihr Mauern, Und Verwüstung brich herein, Stürzet ein ihr festen Säulen, Die der Erde Ball getragen, Denn den Vater hat sein Sohn erschlagen!
(Zurücksinkend.)
Berta (aufs Lager hinstürzend). Todespforte tu dich auf!
(--Pause.--Alle stehen in stummen Entsetzen.)
Graf. Wie hab ich so oft geklagt, Daß ein Sohn mir ward versagt, Kampfgerecht und lehenbar, Wie der Väter hohe Schar. Seht des Schicksals giftigen Hohn! Seht, ich habe einen Sohn, Es erhielt ihn mild am Leben, Mir den Todesstreich zu geben!
Wenn mein Aug' sich tränend netzte, War die Klage ohne Not, Väter, ich bin nicht der Letzte! Noch lebt einer!--am Schafott!-- Was liegt dort zu meinen Füßen Und blinkt mich so blutig an?
Günther (den Dolch aufhebend und hinhaltend). 's ist der Dolch, der Euch verwundet!
Graf. Dieser war es? Dieser Dolch? Ja du bist es, blutig Eisen, Ja, du bist's, du bist dasselbe, Das des Ahnherrn blinde Wut Tauchte in der Gattin Blut. Ich seh dich, und es wird helle, Hell vor meinem trüben Blick. Seht ihr mich verwundert an? Das hat nicht mein Sohn getan! Tiefverhüllte, finstre Mächte Lenkten seine schwanke Rechte!
(Günthern anfassend.)
Wie war, Alter, deine Sage, Von der Ahnfrau früher Schuld, Von dem sündigen Geschlecht, Das in Sünden ward geboren Um in Sünden zu vergehn! Seht ihr jenen blut'gen Punkt Aus der grauen Väterwelt, Glühendhell herüberblinken? Seht, vom Vater zu dem Sohne Und vom Enkel hin zum Enkel Rollt er wachsend, wallend fort, Und zuletzt zum Strom geschwollen, Hin durch wildgesprengte Dämme, Über Felder, über Fluren, Menschendaseins, Menschenglücks Leichtdahingeschwemmte Spuren, Wälzt er seine Fluten her, Uferlos, ein wildes Meer. Ha, es steigt, es schwillt heran, Des Gebäudes Fugen krachen, Sinkend schwankt die Decke droben Und ich fühle mich gehoben!
Tiefverhüllte Warnerin, Sünd'ge Mutter sünd'ger Kinder, Trittst du dräuend hin vor mich? Triumphiere! Freue dich! Bald, bald ist dein Stamm vernichtet; Ist mein Sohn doch schon gerichtet! Nimm denn auch dies Leben hin, Es stirbt der letzte Borotin! (Sinkt sterbend zurück.)
Günther. Gott! Es sprengen die Verbande! Weh, er stirbt!
(Über ihn gebeugt, die Hand auf seine Brust gelegt, nach einer Pause.)
Er ist nicht mehr!-- Kalt und bleich sind diese Wangen, Diese Brust hat ausgebebt. Qualvoll ist er heimgegangen, Qualvoll, so wie er gelebt. Fahr denn wohl, du reine Seele, Ach und deine Tugenden Tragen dich wie lichte Engel, Von der Erde Leiden los In des Allerbarmers Schoß. Schlummre bis zum Morgenrot, Guter Herr, und was dies Leben, Karg und hart, dir nicht gegeben, Gebe freundlich dir der Tod!
(Er sinkt betend auf die Kniee nieder. Der Hauptmann und alle Umstehenden entblößen die Häupter. Feierliche Stille.)
Hauptmann. So, ihm ward der Andacht Zoll! Und jetzt Freunde, auf, zu rächen Das entsetzliche Verbrechen Auf des blut'gen Mörders Haupt!
Günther. Wie, Ihr wolltet?
Hauptmann. Fort, mir nach!
(Ab mit seinen Leuten.)
Günther. Güt'ger Himmel! Haltet ein! Hört Ihr nicht? Es ist sein Sohn! Meines Herren einz'ger Sohn! Fräulein Berta!--Hört doch, hört!
(Dem Hauptmanne nach.)
Berta (sich aufrichtend). Rief man mir?--Nu, Berta rief es, Ei, und Berta ist mein Name.-- Aber nein, ich bin allein!
(Vom Boden aufstehend.)
Stille, still! Hier liegt mein Vater, Liegt so sanft und regt sich nicht. Stille! Stille! Stille! Stille!
Wie so schwer ist dieser Kopf, Meine Augen trübe, trübe! Ach ich weiß wohl, manche Dinge, Manche Dinge sind geschehn, Noch vor kurzem erst geschehn; Sinnend denk ich drüber nach; Aber ach, ein lichter Punkt, Der hier an der Stirne brennt, Der verschlingt die wirren Bilder!
Halt! Halt! Sagten sie denn nicht, Nicht, mein Vater sei ein Räuber? Nicht mein Vater, nicht mein Vater! Jaromir, so hieß der Räuber! Der stahl eines Mädchens Herz Aus dem tiefverschloßnen Busen, Ach, und statt des warmen Herzens Legte er in ihren Busen Einen kalten Skorpion, Der nun grimmig, wütend nagt Und zu Tod' das Mädchen plagt. Und ein Sohn erschlug den Vater
(freudig.)
Und mein Bruder kam zurück, Mein ertrunkner, toter Bruder! Und der Bruder--Halt!--Hinunter! Nur hinunter, da hinunter! Fort in euren schwarzen Käfich!
(Die Hand krampfig aufs Herz gepreßt.)
Nage, nage, gift'ges Tier, Nage, aber schweige mir!
(Ein Licht vom Tische nehmend.)
Ei, ich will nur schlafen gehn, Schlafen, schlafen, schlafen gehn. Lieblich sind des Schlafes Träume, Nur das Wachen träumt so schwer!
(Ihre umherschweifenden Blicke auf den Tisch heftend.)
Was blinkt dort vom Tisch mich an? O ich kenn dich, schönes Fläschchen! Gab mir's nicht mein Bräutigam? Gab zum Brautgeschenke mir's. Sprach er nicht als er mir's gab, Daß in dieser kleinen Wiege Schlummernd drin der Schlummer liege? Ach der Schlummer! Ja, der Schlummer! Laß an deinem Rand mich nippen, Kühlen diese heißen Lippen, Aber leise--leise--leise.--
(Sie geht auf den Zehenspitzen, mit jedem Schritte mehr wankend auf den Tisch zu. Eh' sie ihn noch erreicht, sinkt sie zu Boden.)
Ende des vierten Aufzuges
Fünfter Aufzug
Schloßzwinger. Von allen Seiten halbverfallene Werke. Links an einer Wand des Vorgrundes ein Fenster in der Mauer. Im Hintergrunde ein Teil des Wohngebäudes mit der Schloßkapelle.
Jaromir (kommt durch die Nacht). So,--Hier ist der Ort, das Fenster! Hier in diesen wüsten Mauern Will ich tiefverborgen lauern, Bis des Glückes Stunde schlägt.
(Auf und ab gehend.)
Fort, ihr marternden Gedanken, Schlingt nicht eure dunkeln Ranken In dies weichliche Gefühl! Pfui! Der nie dem Tod gezittert, Fest und mutig, den erschüttert Loser Bilder leichtes Spiel!--
Ha, und wenn ich ihn erschlug, Ihn der mich erschlagen wollte, Was ist's, daß ich zittern sollte? Hat die Tat nicht Grund genug? Hab ich ihm den Tod gegeben, War's in ehrlichem Gefecht, Ei, und Leben ja um Leben, Spricht die Sitte, spricht das Recht! Wer ist's, der darob errötet, Daß er seinen Feind getötet, Was ist's mehr?--Drum fort mit euch, War ich sonst doch nicht so weich!--
Und wenn's recht, was ich getan, Warum faßt mich Schauder an? Warum brennt es hier so heiß, Warum wird mein Blut zu Eis? Warum schien's, als ich es tat, In dem schwarzen Augenblicke, Teufel zögen mich zur Tat, Gottes Engel mich zurücke!