Die Ahnfrau

Chapter 3

Chapter 33,910 wordsPublic domain

Jaromir. Ist's doch nur gerechte Strafe! Seht doch! Konnten sie es wagen Die Verruchten, rückzuschlagen, Da auf sie das Schicksal schlug! Menschen, Menschen!--Toller Wahn! Außer uns wer geht uns an? Fort hinaus aus unserm Kahn, Der nur uns und Unsre faßt, Fort hinaus unnütze Last! Wenn empor ein Schwimmer taucht, Schnell das Ruder wohl gebraucht. Weg vom Rande deine Hände, Daß sich unser Kahn nicht wende, In dem Wellenstrudel ende!

Graf. Jaromir, was ficht dich an?

Jaromir. Ach verzeiht! Kaum weiß ich's selber! Es ward mir die Jagdlust rege Bei der fröhlichen Erzählung Wie die Netze sei'n gestellt Und nun bald das Wild gefällt.

Graf (zum Hauptmann). Ihr verzeihet wohl, mein Herr, Seht, der Unfall dieser Nacht, Und dann noch so manches andre, Hat sein Wesen so zerrüttet, Daß er kaum er selber noch.

Hauptmann. So bewegt, in dieser Stimmung Ist nicht von Beleidigung, Von Verzeihen nicht die Rede. Pflegt der Ruhe, Herr von Eschen. Unser widriges Geschäft, Hat's gleich seine gute Seite, Taugt für kein bewegt Gemüt.

Berta. Wohl, mein Lieber, folge mir.

Jaromir. Nicht doch! Laß mich! Laß mich! Sieh, Mir ist wohl, wahrhaftig wohl.

Hauptmann. Uns geziemt es vorzuschlagen, Anzunehmen steht bei Euch, Und so nehm ich denn jetzt Urlaub Zu vollenden mein Geschäft.

Graf. Doch Herr, kennt Ihr auch die Räuber? Daß Ihr arglos stille Wandrer Nicht belästigt ohne Not.

Hauptmann. Kennen? Ich nicht. Denn im Dunkeln Überfielen wir sie heute, Und in Kampfes blut'gem Ringen Sieht man auf der Feinde Klingen Mehr als auf ihr Angesicht: Doch im Vorgemache draußen Harret einer meiner Leute, Der, von seinem Trupp getrennt, Einst in ihre Hand geraten, Der oft Zeuge ihrer Taten, Und die Räuber alle kennt. Heda! Holla!

(Soldat kommt.)

Hauptmann. Walter komme!

(Soldat ab.)

Graf. Zwinge dich doch länger nicht, Jaromir, und geh zu Bette. Leichenblaß ist dein Gesicht Und aus deinem düstern Auge Blickt des Fiebers dumpfe Glut. Geh zu Bette, lieber Sohn!

(Auf die Seitentüre rechts zeigend.)

Hier in diesem stillen Zimmer Soll nichts deine Ruhe stören.

Berta. Jaromir, laß dich erbitten.

Jaromir. Wohl, ihr wünscht es, und es sei! Fast fühl ich mich selber unpaß.

(Das Schnupftuch an die Stirne pressend.) (Walter kömmt.)

Hauptmann. Komm! Wir machen jetzt die Runde, Und du folgst mir!

Walter. Wohl Herr Hauptmann.

Hauptmann. Ist dir dein Gedächtnis treu; Wirst du jeden dieser Räuber Wieder kennen, der sich zeigt?

Walter. Sicher werd ich, sorget nicht!

Berta (Jaromir führend). Wie du wankst! Sieh, hier hinein!

(Jaromir geht durch die Seitentüre rechts ab.)

Graf. So, und jetzt geht denn mit Gott!

Hauptmann. Eins ist vorher noch zu tun, Meines Auftrags leichtste Hälfte, Die mir hier zur schwersten wird. Aber sei's, ich muß.--Gar manches Scheint dem Menschen überflüssig Und ist's dem Soldaten nicht. Mein Herr Graf, Ihr mögt erlauben, Daß ich Eures Schlosses Innres Noch vor allem erst durchforsche.

Graf. Dieses? Meines Schlosses, Herr?

Hauptmann. Streng gemessen ist mein Auftrag, Jede Wohnung zu durchsuchen, Wem sie sei, wem sie gehöre, Nach der flücht'gen Räuber Spur. Mag ich ungestüm erscheinen, Ich erfülle meine Pflicht. Und zudem, Ihr mögt verzeihen, Wer bürgt Euch für Eure Leute?

Graf. Und wer Euch, denkt Ihr, für mich!

Hauptmann. Hätt' ich wirklich Euch beleidigt, So bedenkt--

Graf. O laßt das! laßt das! Wird es mir denn nimmer klar Welcher weite Abgrund scheidet Das was ist von dem was war. Muß es mich denn immer mahnen! Ich gedachte meiner Ahnen, Deren Wort hier, weit und breit Mehr galt, als der höchste Eid, Unter denen der Verdacht Und des Argwohns finstre Macht, Schamrot sich geweigert hätten Diese Hallen zu betreten. Doch ich bin der Letzte und ein Greis! Nun so glaubt denn Euren Augen!

(Die Türen nach der Reihe öffnend.)

Kommt und seht!--Hier dies mein Zimmer Meiner Tochter Schlafgemach

(An der Türe von Jaromirs Gemach.)

Hier--

Berta. O gönnt ihm Ruhe, Vater!

Graf. Nun, Ihr saht ja erst vor kurzem Meinen Eidam es betreten.

Hauptmann. Ihr verlangt mich zu beschämen.

Graf. Nur zu überzeugen, Herr! Und nun kommt!

Hauptmann. Wohin?

Graf. Ins Freie Mit Euch auf der Räuber Spur.

Hauptmann. Wie, Ihr wolltet?

Graf. Was ich muß. Bin ich nicht Vasall des Königs? Und ich kenne meine Pflicht Minder nicht als Ihr die Eure. Drum ohn' eine zweite Mahnung Laßt uns gehen--

Berta. O mein Vater! So bedenkt doch!

Graf. Still, mein Kind! Hier hör ich nur eine Stimme Und die hat bereits gesprochen.-- Kommt mein Herr, und sagt dem König, Daß ich Graf von Borotin Kein Genoß von Räubern bin, Sagt, daß in des Löwen Höhle, Statt des kräftigen, gesunden Einen welken Ihr gefunden, Der gebeugt und hilflos zwar (aufgerichtet) Aber doch noch Löwe war.

(Ab mit dem Hauptmann.)

Berta. Ach er geht, er hört nicht, geht! Läßt mich hier allein zurück, Der Verzweiflung preisgegeben Und der Sorge Natterzahn.

Soll ich für den Vater beben, Fürchten was dem Trauten droht? Hab doch nur dies eine Leben Warum zweifach mir den Tod! (An der Türe von Jaromirs Gemach) Jaromir! Mein Jaromir! Keine Antwort, alles stille, Alles schweigend wie das Grab.

Wie bezähm ich diese Angst, Wie bezähm ich dieses Bangen, Das mir schwül wie Wetterwolken Auf der schweren Brust sich lagert.

O ich seh es in der Ferne, Es verhüllen sich die Sterne, Es erlischt des Tages Licht, Der erzürnte Donner spricht, Und mit schwarzen Eulenschwingen Fühl ich es gehaltnen Flugs Sich um meine Schläfe schlingen. O ich kenn dich finstre Macht, Ahne was du mir gebracht, Muß ich's vor die Seele führen! O es heißt, es heißt verlieren, Und des Unheils ganzes Reich Kennt kein Schrecken deinem gleich Weh! Besitzen und verlieren! Besitzen und verlieren!--

Wohin seid ihr goldne Tage? Wohin bist du, Feenland? Wo ich ohne Wunsch und Klage, Mit mir selber unbekannt, Lebte an der Unschuld Hand.

Wo ein Hänfling meine Liebe, Eine Blume meine Lust, Und der schmerzlichste der Triebe Noch ein Fremdling dieser Brust.

War der Himmel auch umzogen, Heiter strahlte doch mein Sinn Und auf spiegelhellen Wogen Taumelte das Leben hin.

Spielend in dem Strahl der Sonne, Lockte mich des Bechers Rand, Und ich trank der Liebe Wonne Und ihr Gift aus seiner Hand.

Seit sein Arm mich hat umwunden, Seit ich fühlte seinen Kuß, Ist das Feenland verschwunden Und auf Dornen tritt mein Fuß;

Dornen, die zwar Rosen schmücken, Aber Dornen, Dornen doch, In dem glühendsten Entzücken Fühl ich ihren Stachel noch.

Sehnend wünsch ich seine Nähe, Und er kommt. Wie jauchzt die Braut! Doch wie ich ins Aug' ihm sehe, Werden innre Stimmen laut,

Tief im Busen scheint's zu sprechen Wenn mein Blick in seinem ruht, Deine Liebe ist Verbrechen, Gottverhaßt ist diese Glut.

Jenes dumpfe, trübe Brüten, Seines Auges starrer Blick, Scheint Entfernung zu gebieten Und ich bebe bang zurück.

Doch will ich mich ihm entziehen, Trifft sein Blick mich weich und warm, Mit dem Willen zu entfliehen, Flieh ich nur in seinen Arm,

Und wie der Charybde Tosen, Erst von sich stößt Schiff und Mann, Dann verschlingt die Rettungslosen, Stößt er ab und zieht er an.

Wer mag mir das Rätsel lösen? Ist es gut; warum so bang? Ach und führet es zum Bösen; Woher dieser Himmelsdrang?

(Mit ausgebreiteten Armen.)

Kann mein Flehen dich erreichen, Unerklärbar hohe Macht, Die ob diesem Hause wacht, So gib gnädig mir ein Zeichen, Einen Leitstern in der Nacht!

Ist es Tod--(Es fällt ein Schuß.) Ha!--Was war das?--Ein Schuß! Deut ich es das grause Zeichen? Ward mein frevler Wunsch erhört?-- Weh mir!--Weh!--Ich bin allein!-- Ha, allein?--Was streifte da Kalt und wehend mir vorüber!-- Bist du's geist'ge Sünderin?-- Ha, ich fühle deine Nähe, Ha, ich höre deinen Tritt! (An der Türe von Jaromirs Gemach.) Jaromir, wach auf, wach auf! Schütze deine Berta!--Jaromir! Nur ein Wort, nur einen Laut, Daß du wachst, daß du mich hörst, Daß ich nicht allein!--Bei dir!-- Schweigst du?--Ha ich muß dich sehen, Dich umfangen, dich umschlingen, Sehen, fühlen daß du lebst.

(Öffnet die Türe und stürzt hinein. Es fällt noch ein Schuß. Heraustaumelnd.)

Haltet ein! O haltet ein! Alles leer!--das Fenster offen! Er ist fort!--ist tot! tot!--tot!

Ende des zweiten Aufzuges

Dritter Aufzug

Halle wie in den vorigen Aufzügen.

Berta (sitzt am Tische, den Kopf in die Hand gestützt). Liebe das sind deine Freuden, Das Besitz ist deine Lust? Wie sind dann der Trennung Leiden, Und wie martert der Verlust?

(Sinkt in ihre vorige Stellung zurück.) (Pause--Jaromir öffnet die Seitentüre rechts, und will schnell zurück da er jemanden erblickt.)

Berta. Jaromir!--Du weichst zurück? Weichst vor mir zurück?--O bleib! Wie hab ich um dich gezittert, O Geliebter, wie gebebt! Sprich, wie fühlst du dich?

Jaromir (scheu und düster). Gut! Gut!

Berta. Gut? O daß ich's glauben könnte! Jaromir, wie siehst du bleich! Gott! Am Arm die Binde--

Jaromir. Binde?

Berta. Hier!

Jaromir. Ei Scherz!

Berta. Ein blut'ger Scherz! Sieh das Blut hier an dem Ärmel.

Jaromir. Hat's geblutet? Possen, Possen!

Berta. Reiß mich doch aus dieser Angst! Wo wardst du, und wie verwundet?

(Ihre Augen begegnen den seinigen, er wendet sich schnell ab.)

Berta. Du erbebst? du kehrst dich ab?

Jaromir (einige Schritte sich entfernend). Nein ich kann nicht, kann nicht, kann nicht! Seh ich diese reinen Züge, Senkt zu Boden sich mein Blick Und der finstre Geist der Lüge Kehrt zur finstern Brust zurück. Hölle! eh' du das begehrst, Laß zuvor dies Herz sich wandeln, Und soll ich als Teufel handeln, Mache mich zum Teufel erst!

Berta. Jaromir, ich laß dich nicht! Steh mir Rede, gib mir Antwort! Wo wardst du und wie verwundet?

Jaromir (mit gesenktem Aug'). Schlafend ritzt' ich mich am Arme.

Berta. Schlafend? Du hast nicht geschlafen! Sieh, ich war in deiner Kammer, Du warst fort, das Fenster offen!

Jaromir (erschreckend). Ha!

Berta. Geliebter, laß mich's wissen! O du weißt nicht, welche Bilder Schwarz vor meine Seele treten. Heiß sie weichen! Heiß sie fliehn! Wo wardst du, und wie verwundet?

Jaromir (mit Bedeutung). Du begehrst's, so sei es denn! (Mit Absätzen.) Angelangt in meiner Kammer Hört' ich schießen, klirren, schreien-- Deinen Vater wußt' ich unten-- Wollte helfen--schützen--retten-- Weiß kaum selbst mehr was ich wollte. (Gefaßter.) Wie ich nun so sinnend stehe, Da gewahr ich einer Linde, Die die frostentlaubten Aste Bis zu jenem Fenster streckt. Ich ergriff die starken Zweige, Die sie hilfreich bot, und steige, Unbesonnen, unbedacht Rasch hinunter in die Nacht. Hundert Schritte kaum gegangen-- Fällt ein Schuß--Ob Freund ob Feind-- Weiß ich nicht--genug--er traf. Da erwacht' ich zur Besinnung, Sah mit Schreck was ich gewagt. Weiter gehen schien gefährlich, Drum eilt' ich zurück zur Linde, Die herab mir half, und finde Auch den Rückweg so zurück.

Berta. Und bei allen dem befiel dich Auch nicht ein, nicht ein Gedanke Nur an mich, an meinen Schmerz. Einem Einfall hingegeben, Wagtest lieblos du dies Leben Das zugleich das meine ist. O du fühlst nicht so wie ich! Wenn dich gleiche Sehnsucht triebe, Wüßtest du wohl, daß die Liebe Auch das eigne Leben ehrt, Weil's dem Teuern angehört.

Jaromir (an seinem verwundeten Arm zerrend). Tobe, tobe, heißer Schmerz, Übertäube dieses Herz!

Berta. Warum zerrst du so am Arme? Deine Wunde--

Jaromir. Ist verbunden!

Berta. Rauh die Schärpe umgewunden! Harter, fühle meine Schmerzen, Wenn du deine auch nicht fühlst.

Hier ist Balsam--hier ist Linnen-- Mir den Arm! Ich will ihn heilen. Reich mir ihn; ich will versuchen, Ob es mir vielleicht gelingt, Einen jener lieben Blicke, Ein Geschenk in schönern Tagen, Jetzt als Lohn davonzutragen. Jaromir, ich will's versuchen, Ob die Hand hier mehr erreicht, Als dies Herz voll heißer Triebe, Ach und ob dein Dank vielleicht Reicher ist, als deine Liebe, (Die Schärpe ablösend.) Sieh doch nur, die schöne Schärpe, Die ich mühevoll gestickt, Und auf die, statt reicher Perlen, Manche Träne frommer Liebe, Dir einst teurer Schmuck, gefallen, Sieh, wie ist sie doch zerrissen. Ach zerrissen, wie mein Herz!

(Sie verbindet ihn. Die Schärpe fällt vor ihr auf den Boden hin.)

Berta. Immer stumm noch, immer düster! Ach du bist so sonderbar. Im Gesichte wechselt Glut Mit des Todes fahler Farbe, Gichtrisch zuckt der bleiche Mund Und dein Aug' sucht scheu den Grund. Gott, du schreckst mich!

Jaromir (wild). Schreck ich dich?

Berta. Güt'ger Himmel, was war das?

Jaromir. Horch!--Im Vorsaal--Hörst du? Tritte! Fort!

Berta. Bleib doch!

Jaromir. Nein, nein, nein! Horch, man kömmt!--Schnell fort! fort! fort!

(Eilt ins Gemach zurück.)

Berta. Ist er's noch? Ist's noch derselbe? Wie er bebte, und erblich, Wie sein Aug' zu Boden sank! Himmel! Wie er's auch verhehle, Schwer ist noch sein Körper krank, Oder--schwerer seine Seele.

Ein Soldat (kömmt, ein abgerissenes Stück von einer Schärpe in der Hand). Ihr verzeiht! Ist hier mein Hauptmann?

Berta. Nein, mein Freund.

Soldat. Wo mag der sein? Erst war er bei unsern Posten, Und jetzt nirgends aufzufinden. Glaubt' ihn schon zurückgekehrt Um der Ruhe hier zu pflegen.

Berta. Und mein Vater?--

Soldat. Ist bei ihm! Habt nicht Angst, mein holdes Fräulein. An den Räubern ist's zu zittern, Denn wir sind auf ihrer Spur. Zielte Kurt ein bißchen schärfer, Oder hatt' ich beßres Glück, War der Räuberhauptmann unser. Ja der Hauptmann! Staunt nur Fräulein. Ei, ich war ihm nah genug Um ihn wieder zu erkennen! Wie er da so um die Mauern Und durch die Gebüsche kroch, Da schoß Kurt nach ihm, und brav, Denn, bei meiner Treu, es traf, Hier, am Arme.

Berta. Gott!--Am Arme?

Soldat. Ja, am Arm, 's floß Blut darnach. Taumelnd wankt' er hart und schwer, Und es wollt' uns fast bedünken, Jetzt müss' er zu Boden sinken. Wie ich ihn so wanken sehe, Ich hervor, und auf ihn hin. Hart faßt' ich ihn an am Gürtel Und am Hals mit starker Hand, Trotz dem Sträuben, trotz dem Ringen, Meint' es müsse mir gelingen: Doch bald war er aufgerafft, Packte mich mit Riesenkraft, Wie ich mich verzweifelt wehrte, Mußt' ich dennoch auf die Erde Und der Höllensohn verschwand. Ob wir rasch gleich nach ihm setzen, All umsonst, und dieser Fetzen, Blieb statt ihm in meiner Hand.

(Das Stück der Schärpe hinhaltend.)

Berta (es erkennend). Ha!

(Sie läßt ihr Schnupftuch auf die Erde fallen, so daß es die am Boden liegende Schärpe bedeckt, und steht zitternd.)

Soldat. Ei ja mein schönes Fräulein. Glaubt, fürwahr es ist kein Scherz Dem da in den Weg zu treten. Ich war lang in seinen Klauen, Und noch jetzt denk ich mit Grauen, Mit Entsetzen jener Zeit. Wenn er so nach seiner Weise Stand in der Gefährten Kreise, Mit dem dunkel glühnden Blick, Wie da nicht ein Laut entschwebte, Und der Mutigste selbst bebte, Und der Ungestümste schwieg. Bis er mächtig dann begann: Frisch Genossen, drauf und dran! Jeder zu den Waffen eilte, Und der wilde Haufen heulte, Daß es bis gen Himmel drang Und die Gegend rings erklang. Und dann fort der ganze Troß, Er vorauf auf schwarzem Roß, Wie des Teufels Kampfgenoß, Heiß von Wut und Rachgier glühend, Blitze aus den Augen sprühend. Wo der Haufe sich ließ sehen War's um Menschenglück geschehen; Nichts verschonte ihre Wut, Alles nieder! Menschenblut Rauchte auf der öden Stätte Mit den Trümmern um die Wette. Schaudert ihr? Es ist darnach. Doch gekommen ist der Tag, Wo auch ihnen wird ihr Lohn Und der Henker wartet schon.

Berta. Weh!

Soldat (den Fetzen auf den Tisch werfend). Da lieg unnützes Stück. Will noch mal hinaus zum Tanz, Und was gilt's, ich bring ihn ganz! Gott befohlen, schönes Fräulein! (Ab.)

Berta. Weh mir weh!--Es ist geschehn!

(In den Sessel stürzend, und die Hände vors Gesicht schlagend.)

Jaromir (die Türe öffnend). Ist er fort?--Was fehlt dir Berta?

Berta (deutet mit abgewandten Blicken auf das am Boden liegende Schnupftuch hin).

Jaromir (es aufhebend). Meine Schärpe!

Berta (hält ihm das abgerissene Stück vor, mit bebender Stimme). Räuber!

Jaromir (zurücktaumelnd). Ha! Nun wohlan, es ist geschehn! Wohl, der Blitzstrahl hat geschlagen, Den die Wolke lang getragen, Und ich atme wieder frei. Fühl ich gleich es hat getroffen, Ist vernichtet gleich mein Hoffen, Doch ist's gut, daß es vorbei! Jene Binde mußte reißen Und verschwinden jener Schein; Soll ich zittern das zu heißen, Was ich nicht gebebt zu sein? Nun braucht's nicht mehr zu betrügen, Fahret wohl ihr feigen Lügen, Ihr wart niemals meine Wahl: Daß ich es im Innern wußte, Und es ihr verschweigen mußte, Das war meine gift'ge Qual. Wohl, der Blitzstrahl hat geschlagen, Das Gewitter ist vorbei; Frei kann ich nun wieder sagen Was ich auf der Brust getragen, Und ich atme wieder frei.--

Ja ich bin's, du Unglücksel'ge, Ja ich bin's, den du genannt! Bin's den jene Häscher suchen, Bin's dem alle Lippen fluchen, Der in Landmanns Nachtgebet Hart an an dem Teufel steht; Den der Vater seinen Kindern Nennt als furchtbares Exempel, Leise warnend: Hütet euch, Nicht zu werden diesem gleich! Ja ich bin's, du Unglücksel'ge, Ja ich bin's, den du genannt! Bin's den jene Wälder kennen, Bin's den Mörder: Bruder nennen, Bin der Räuber Jaromir!

Berta. Weh mir, wehe!

Jaromir. Bebst du Mädchen? Armes Kind, schon bei dem Namen Faßt es dich mit Schauder an? Laß dich nicht so schnell betören, Was du schauderst anzuhören, Mädchen, das hab ich getan! Dieses Aug', des deinen Wonne, War des Wanderers Entsetzen; Diese Stimme, dir so lieblich, War des Räuberarms Gehilfin Und entmannte bis er traf; Diese Hand, die sich so schmeichelnd In die deinige getaucht, Hat von Menschenblut geraucht!

Schüttle nicht dein süßes Haupt, Ja ich bin's, du Unglücksel'ge! Weil die Augen Wasser blinken, Weil die Arme kraftlos sinken, Weil die Stimme bebend bricht, Glaubst du, Kind, ich sei es nicht? Ach der Räuber hat auch Stunden, Wo sein Schicksal, ganz empfunden, Solche Tropfen ihm erpreßt. Berta, Berta, glaube mir, Dessen Augen jetzt in Weinen Fruchtlos suchen nach den deinen, Ist der Räuber Jaromir!

Berta. Himmel! Fort!

Jaromir. Ja du hast recht! Fast vergaß ich wer ich bin! Feige Tränen fahret hin! Darf ein Räuber menschlich fühlen? Darf sein heißes Auge kühlen Einer Träne köstlich Naß? Fort! Von Menschen ausgestoßen, Sei dir auch ihr Trost verschlossen, Dir Verzweiflung nur und Haß! Wie ich oft mit mir gestritten, Wie gerungen, wie gelitten, Darnach frägt kein Menschenrat. Vor des Blutgerichtes Schranken Richtet man nicht die Gedanken, Richtet man nur ob der Tat!

Nun, so weiht mich eurem Grimme, Willig steig ich aufs Schafott, Doch zu dir ruft meine Stimme, Auf zu dir du heil'ger Gott! Du hörst gütig meine Klagen, Dir Gerechter will ich's sagen, Was mein wunder Busen hegt, Du, mein Gott, wirst gnädig richten, Und ein Herz nicht ganz vernichten, Das in Angst und Reue schlägt.

Unter Räubern aufgewachsen, Groß gezogen unter Räubern, Früh schon Zeuge ihrer Taten, Unbekannt mit milderm Beispiel, Mit dem Vorrecht des Besitzes, Mit der Menschheit süßen Pflichten, Mit der Lehre Lebenshauch, Mit der Sitte heil'gem Brauch; Wirst du wohl den Räuberssohn, Wirst Gerechter ihn verdammen, Menschenähnlich, schroff und hart, Wenn er selbst ein Räuber ward! Ihn verdammen, wenn er übte, Was die taten, die er liebte, Und an seines Vaters Hand, Dem Verbrechen sich verband. Weißt du doch, wie beim Erwachen Aus der Kindheit langem Schlummer, Er mit Schrecken sich empfand, Seinem schwarzen Lose fluchte, Zweifelnd einen Ausweg suchte, Suchte, Himmel, und nicht fand. Weißt du doch, wie seit den Stunden, Als ich sie, ich sie gefunden, Die mich nun bei dir verklagt, Meinem wüsten Tun entsagt; Weißt du--Doch wozu die Worte! Wie mein Herz auch schwellend bricht, Bleibt versperrt des Mitleids Pforte, Du weißt alles, ew'ges Licht, Und die Harte hört mich nicht. Ab von mir bleibt sie gewendet.-- Nun wohlan, so sei's vollendet! Ach, geendet ist's ja doch! Ob mein Blut die Erde rötet: Hat doch sie mich schon getötet, Henker, sprich! Was kannst du noch?

(Geht rasch der Türe zu.)

Berta (aufspringend). Jaromir!--Halt ein!

Jaromir. Was hör ich? Das ist meiner Berta Blick! Ihre Stimme tönt mir wieder, Und auf goldenem Gefieder Kehrt das Leben mir zurück.

(Auf sie zueilend.)

Berta! Berta! Meine Berta!

Berta. Laß mich!

(Sie eilt fliehend gegen den Vorgrund. Jaromir erreicht sie und faßt ihre Hand, die sie nach einigem Widerstreben in seiner läßt. Sie steht mit abgewandtem Gesichte.)

Jaromir. Nein, ich laß dich nicht! Ach soll denn der Unglücksel'ge, Kaum dem Schiffbruch nur entgangen, Dem die Kraft schon schwindend sinkt, Treibend auf der Wasserwüste, Denn umklammern nicht die Küste, Die ihm reich entgegenblinkt? Nimm mich auf, o nimm mich auf! Was aus meinem frühern Leben Noch mir hafte, noch mir bliebe, Alles, bis auf deine Liebe, Als unwürdig deinem Blick, Stoß ich's in die Flut zurück; Als ein neues, reines Wesen, Wie aus meines Schöpfers Hand, Lieg ich hier zu deinen Füßen Um zu lernen, um zu büßen.

(Ihre Kniee umfassend.)

Nimm mich auf! O nimm mich auf! Mild, wie eine Mutter, leite Mich, dein Kind, wie's dir gefällt, Daß mein Fuß nicht strauchelnd gleite In der neuen, fremden Welt. Lehr mich deine Wege treten, Glück gewinnen, Glück und Ruh', Lehr mich hoffen, lehr mich beten, Lehr mich heilig sein wie du!

Berta, Berta, und noch immer, Und noch immer fällt kein Blick Auf den Flehenden zurück? Meine Berta, sei nicht strenger, Als der strenge Richter, Gott; Der mit seiner Sonne Strahlen In des Sünders letzten Qualen Noch vergoldet das Schafott.-- Ha ich fühle--dieses Beben-- Ja--du bist mir rückgegeben!

(Die schwach sich Sträubende in seine Arme ziehend.)

Berta! Mädchen! Gattin! Engel!

(Aufspringend.)

Stürze jetzt die Erde ein! Ist doch hier der Himmel mein!

Berta. Jaromir, ach Jaromir!

Jaromir. Fort jetzt Tränen, fort jetzt Klagen! Mag das Schicksal immer schlagen, Wenn dein Arm mich, Teure, hält, Trotz ich einer ganzen Welt.

Meine Schuld ist ausgestrichen, Jubelnd bin ich mir's bewußt, Und Gefühle, längst verblichen, Blühen neu in dieser Brust.

Wieder bin ich aufgenommen In der Menschheit heil'gem Rund, Und des Himmels Geister kommen Segnend den erneuten Bund.

Unschuld mit dem Lilienstengel, Liebe mit der goldnen Frucht, Hoffnung, jener Friedensengel, Der sich jenseits Kronen sucht.

Nun stürmt immer, wilde Wogen, Schwellt in himmelhohen Bogen, In des Hafens sichrer Hut Lach ich der ohnmächt'gen Wut.

Und nun höre, meine Berta! Lange noch eh' ich dich kannte, Dacht ich schon auf künft'ge Flucht. Weit von hier, am fernen Rhein Ist ein Schloß, ein Gütchen mein, Gelder, Wechsel stehn bereit, Fertig wie mein Wink gebeut. Dorthin, wo mich niemand kennt, Wo man mich: von Eschen nennt, Nach dem stillen Gütchen hin, Dahin, Berta, laß uns fliehn. Dort fang ich auf neuer Bahn Auch ein neues Leben an, Und nach wenig kurzen Jahren, Dünkt uns was wir früher waren Wie ein altes Märchen, kaum Klarer als ein Morgentraum.

Berta. Fliehen soll ich?

Jaromir. Kann ich bleiben? Kann ich fliehen ohne dich?

Berta. Und mein Vater?

Jaromir. Weib, und ich? Wohl so bleib, auch ich will bleiben! Hier, hier sollen sie mich finden, Fassen, würgen, fesseln, binden, Hier vor deinem Angesicht. Wohl, so bleib du gute Tochter, Pflege deinen grauen Vater, Führ lustwandelnd ihn hinaus, Hin zu jener schwarzen Stätte, Wo auf sturmdurchwehtem Bette Im durch dich vergoßnen Blut Dein ermordet Liebchen ruht. Zeig ihm dann am Rabensteine Jene modernden Gebeine--

Berta. Ach, halt ein!

Jaromir. Du willst?

Berta (halb ohnmächtig). Ich will!

Jaromir. So hab Dank, hab Dank, mein Leben! Schnell jetzt fort, ich kann nicht weilen; Hier wird mich ihr Arm ereilen, Meine Spur ist schon entdeckt. Dieses Schloß wird man durchspüren, Sie durch die Gemächer führen Denn ihr Argwohn ist geweckt. Abwärts suchen jetzt die Späher, Dieses Schlosses Außenwerke, Seine halbverfallnen Gänge Sind dem Räuber längst bekannt. Dorthin will ich mich verbergen, Bis der Augenblick erscheint, Der auf ewig uns vereint.

Wenn erschallt die zwölfte Stunde Und kein lebend Wesen wacht, Nah ich leise, leis im Bunde Mit der stillen Mitternacht.