Die Ahnfrau

Chapter 2

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Graf. Du? An uns ist's so zu stehn! Ist doch unser Dank so wenig, Ach, und deine Tat so viel!

Jaromir. Viel? O daß ich's sagen könnte! Daß es etwas mich gekostet! Daß ich eine Wunde trüge, Eine kleine, kleine Narbe Nur als Denkmal jener Tat! Es kränkt tief das Köstliche Um so schlechten Preis zu kaufen!

Graf. Ziert Bescheidenheit den Jüngling, Nicht verkenn er seinen Wert!

Berta. Glaubt ihm nicht, o glaubt ihm nicht! Er liebt selber sich zu schmähen, Ich weiß das von lange her! Wie so oft lag er vor mir, Meine Kniee heiß umfassend, Und mit schmerzgebrochner Stimme Rief er klagend, weinend aus, Ich verdiene dich nicht Berta! Er nicht mich, er mich nicht!--

Jaromir. Berta!

Graf. Wolltet Ihr wohl, daß sie minder Des Geschenkes Wert erkennte! Trieb Euch gleich zu jener Tat Nur des Herzens edles Streben Recht zu tun und groß und gut, Laßt uns glauben, laßt uns schmeicheln, Daß auf uns, auf unsre Not Auch ein flücht'ger Blick gefallen, Daß Ihr nicht nur bloß beglücken, Daß ihr uns beglücken wolltet. Wer sich ganz dem Dank entzieht, Der erniedrigt den Beschenkten, Freund, indem er sich erhebt!

Jaromir. Was erwidr' ich auf das alles! Wie ich bin, vom Kampf ermüdet, Von den Schrecken dieser Nacht, Taug ich wenig zu bestehen In der Großmut edlem Wettstreit.

Graf. Mußtet Ihr mich erst erinnern Daß Ihr müd und ruhedürstend!

Berta. Ach, was ist ihm denn begegnet?

Graf. Das auf morgen, liebes Kind. Berta komm und laß uns gehn. Unser Günther mag ihn weisen In das köstlichste Gemach. Dort umhülle tiefer Frieden Mit der Segenshand den Müden Bis der späte Morgen naht. O er hat ein weiches Kissen Ein noch unentweiht Gewissen, Das Bewußtsein seiner Tat!-- So, noch diesen Händedruck, So, noch diesen Segenskuß, So, mein Sohn jetzt geh zur Ruh' Ein Engel drück' das Aug' dir zu!

Berta (den Alten abführend). Schlummre ruhig!

Jaromir. Lebe wohl'

Berta (an der Türe umwendend). Gute Nacht denn!

Jaromir. Gute Nacht!

(Graf und Berta ab.)

Günther. So, nun kommt mein wackrer Herr Ich will Euch zur Ruhe leiten.

Jaromir (in den Vorgrund tretend). Nehmt mich auf Ihr Götter dieses Hauses, Nimm mich auf du heil'ger Ort, Von dem Laster nie betreten, Von der Unschuld Hauch durchweht. Unentweihte, reine Stelle Werde wie des Tempels Schwelle Mir zum heiligen Asyl!--

Unerbittlich strenge Macht, Ha nur diese, diese Nacht, Diese Nacht nur gönne mir, Harte! und dann steh ich dir!

(Mit Günther ab.)

Ende des ersten Aufzuges

Zweiter Aufzug

Halle wie im vorigen Aufzuge. Dichtes Dunkel.

Jaromir (stürzt herein). Ist die Hölle losgelassen Und knüpft sich an meine Fersen? Grinsende Gespenster seh ich Vor mir, an mir, neben mir, Und die Angst mit Vampirrüssel Saugt das Blut aus meinen Adern, Aus dem Kopfe das Gehirn! Daß ich dieses Haus betreten! Engel sah ich an der Schwelle Und die Hölle Hauset drin!-- Doch wo bin ich hingeraten Von der innern Angst getrieben? Ist dies nicht die würd'ge Halle, Die den Kommenden empfing? Still! Die Schläfer nicht zu stören! Stille! Wenn sie würden innen Hier mein seltsames Beginnen!

(An des Grafen Gemach horchend.)

Alles stille.

(An der Türe zur linken Seite des Hintergrundes.)

Welche Laute! Süße Laute, die ich kenne, Die ich einzuschlürfen brenne! Horch!--ha!--Worte!--Ach sie betet! Betet!--Betet wohl für mich! Habe Dank du reine Seele! (Horchend.) »Heil'ger Engel steh uns bei!« Steh mir bei du heil'ger Engel! »Und beschütz uns!«--O beschütz uns! Ja beschütz mich vor mir selber! O du süßes, reines Wesen! Nein, ich kann mich nicht mehr halten, Ich muß hin, ich muß zu ihr. Will vor ihr mich niederstürzen Und an ihrer reinen Seite Ruh' und Frieden mir erflehn! Ja sie möge über mir Wie ob einem Leichnam beten, Und in ihres Atems Wehn Will ich heilig auferstehn!

(Er nähert sich der Türe; sie geht auf und die Ahnfrau tritt heraus, mit beiden Händen ernst ihn fortwinkend.)

Jaromir. Ach, da bist du ja du Holde! Ich bin's Teure, zürne nicht! Wink mich nicht so kalt von dir, Gönne dem gepreßten Herzen Die so lang entbehrte Lust, An der engelreinen Brust, Aus den himmelklaren Augen Trost und Ruhe einzusaugen!

(Die Gestalt tritt aus der Türe, die sich hinter ihr schließt, und winkt noch einmal mit beiden Händen ihm Entfernung zu.)

Jaromir. Ich soll fort? Ich kann nicht, kann nicht! Wie ich dich so schön, so reizend Vor den trunknen Augen sehe Reißt es mich in deine Nähe! Ha ich fühle, es wird Tag In der Brust geheimsten Tiefen Und Gefühle, die noch schliefen, Schütteln sich und werden wach.-- Kannst du mich so leiden sehn? Soll ich hier vor dir vergehn? Laß dich rühren meinen Jammer, Laß mich ein in deine Kammer! Hat die Liebe je verwehrt Was die Liebe heiß begehrt?

(Auf sie zueilend.)

Berta! Meine Berta!

(Wie er sich ihr nähert, hält die Gestalt den rechten Arm mit dem ausgestreckten Zeigefinger ihm entgegen.)

Jaromir (stürzt schreiend zurück). Ha!

Berta (von innen). Hör ich dich nicht Jaromir?

(Beim ersten Laut vom Bertas Stimme seufzt die Gestalt und bewegt sich langsam in die Szene. Ehe sie diese noch ganz erreicht hat, tritt Berta aus der Türe, ohne aber die Gestalt zu sehen, da sie nach dem in der entgegengesetzten Ecke stehenden Jaromir blickt.)

Berta (mit einem Lichte kommend). Jaromir du hier?

Jaromir (die abgehende Gestalt mit den Augen und dem ausgestreckten Finger verfolgend). Da! Da! Da! Da!

Berta. Was ist dir begegnet, Lieber? Warum starrst du also wild Hin nach jenem düstern Winkel?

Jaromir. Hier und dort, und dort und hier! Üb'rall sie und nirgends sie!

Berta. Himmel, was ist hier geschehn?

Jaromir. Ei bei Gott, ich bin ein Mann! Ich vermag was einer kann. Stellt den Teufel mir entgegen Und zählt an der Pulse Schlägen Ob die Furcht mein Herz bewegt! Doch allein soll er mir kommen. Grad als grader Feind. Er werbe Nicht in meiner Phantasie, Nicht in meinem heißen Hirn Helfershelfer wider mich! Komm' er dann als mächt'ger Riese, Stahl vom Haupte bis zum Fuß, Mit der Finsternis Gewalt, Von der Hölle Glut umstrahlt; Ich will lachen seinem Wüten Und ihm kühn die Stirne bieten. Oder komm' als grimmer Leu Will ihm stehen ohne Scheu, Auge ihm ins Auge tauchen, Zähne gegen Zähne brauchen, Gleich auf gleich. Allein er übe Nicht die feinste Kunst der Hölle, Schlau und tückevoll, und stelle Nicht mich selber gegen mich!

Berta (auf ihn zueilend). Jaromir, mein Jaromir!

Jaromir (zurücktretend). O ich kenn dich, schönes Bild! Nah ich mich wirst du vergehn Und mein Hauch wird dich verwehn!

Berta (ihn umfassend). Kann ein Wahnbild so umarmen? Und blickt also ein Phantom? Fühle, fühle ich bin's selber Die in deinen Armen liegt!

Jaromir. Ja, du bist's! Ich fühle freudig Deine warmen Pulse klopfen, Deinen lauen Atem wehn. Ja, das sind die klaren Augen, Ja, das ist der liebe Mund, Ja, das ist die süße Stimme, Deren wohlbekannter Laut Frieden auf mich niedertaut. Ja, du bist's, du bist's, Geliebte!

Berta. Wohl bin ich's, o wärst du's auch! Wie du zitterst!

Jaromir. Zittern! zittern! Wer sieht das und zittert nicht? Bin ich doch nur Fleisch und Blut, Hat doch keine wilde Bärin Mich im rauhen Forst geboren Und mit Tigermark genährt, Steht auf meiner offnen Stirne Doch der heitre Name: Mensch! Und der Mensch hat seine Grenzen! Grenzen, über die hinaus Sich sein Mut im Staube windet, Seiner Klugheit Aug' erblindet, Seine Kraft wie Binsen bricht Und sein Innres zagend spricht: Bis hierher und weiter nicht!

Berta. Du bist krank, ach geh zurück, Geh zurück nach deiner Kammer.

Jaromir. Eher in die heiße Hölle Als noch einmal auf die Stelle! Ehrt Ihr so die Pflicht des Hauses Und des Gastes heilig Recht? Arglos und vertrauensvoll Folgt' ich meinem Führer nach In das weite Prunkgemach. Müde, ruhelechzend steig ich Schnell das hohe Bett hinan Und das Licht ist ausgetan. Wehend fühl ich schon den Schlummer, Mild wie eine Friedenstaube Mit dem Ölzweig in dem Munde, Über meinem Haupte schweben, Und in immer engern Kreisen Sich auf mich herniederlassen. Jetzo, jetzo senkt sie sich, Süße Ruhe fesselt mich. Da durchzuckt es meine Glieder, Ich erwache, horch und lausche. Laut wird's in dem öden Zimmer, Rauschend wogt es um mich her Wie ein wehend Ährenmeer, Seltsam fremde Töne wimmern, Zuckend fahle Lichter schimmern, Es gewinnt die Nacht Bewegung Und der Staub gewinnt Gestalt. Schleppende Gewänder rauschen Durch das Zimmer auf und nieder, Hör es weinen, hör es klagen Und zuletzt in meiner Nähe Wimmert es ein dreifach Wehe! Da reiß ich des Bettes Vorhang Auf in ungestümer Hast; Und mit tausend Flammenaugen Starrt die Nacht mich glotzend an. Lichter seh ich schwindelnd drehen Und mit tausend fahlen Ringen Schnell sich ineinander schlingen, Und nach mir streckt's hundert Hände, Kriecht an mich mit hundert Füßen, Fletscht auf mich aus hundert Fratzen. Und an meines Bettes Füßen Dämmert es wie Mondenlicht, Und ein Antlitz tauchet auf Mit geschloßnen Leichenaugen, Mit bekannten, holden Zügen, Ja, mit deinen, deinen Zügen. Jetzt reißt es die Augen auf, Starrt nach mir hin, und Entsetzen Zuckt mir reißend durchs Gehirn. Auf spring ich vom Flammenlager, Und durchs flirrende Gemach Stürz ich fort, der Spuk mir nach. Wie von Furien gepeitscht Lang ich an hier in der Halle. Da hört' ich dich Holde beten, Will zu dir ins Zimmer treten, Da verstellt mir--Siehst du? Siehst du?

Berta. Was Geliebter?

Jaromir. Siehst du nicht? Dort im Winkel, wie sich's regt, Wie's gestaltlos sich bewegt!

Berta. Es ist nichts Geliebter, nichts, Als die wilde Ausgeburt Der erhitzten Phantasie. Du bist müde, ruh ein wenig, Setz dich hier in diesen Stuhl. Ich will schützend bei dir stehn, Labekühlung zu dir wehn.

Jaromir (sitzend, an ihre Brust gelehnt). Habe Dank, du treue Seele! Süßes Wesen, habe Dank! Schling um mich her deine Arme, Daß der Hölle Nachtgespenster, Scheu vor dem geweihten Kreise, Nicht in meine Nähe treten. Lieg ich so in deinen Armen, Angeweht von deinem Atem, Über mir dein holdes Auge; Dünkt es mich auf Rosenbetten In des Frühlings Hauch zu schlummern, Klar den Himmel über mir.

(Der Graf kömmt.)

Graf. Wer ist hier noch in der Halle? Berta, du? Und ihr?

Berta. Mein Vater!--

Jaromir. Weiß ich doch kaum was ich sagen, Weiß kaum wie ich's sagen soll. Töricht werdet Ihr mich nennen, Und fast möcht' ich's selber tun, Fühlt' ich nicht im tiefsten Innern Jede meiner Fibern beben, Beben, ja; und Ihr mögt glauben, Es gibt Menschen, welche leichter Zu erschüttern sind als ich.

Graf. Wie versteh ich?--

Berta. Ach, so hört nur, Oben in der Erkerstube Hatte man ihn hingewiesen. Schon senkt schlummernd sich sein Auge, Da erhebt sich plötzlich--

Graf. Ah! Zählt man dich schon zu den Meinen? Ist's in jenen dunkeln Orten Also auch schon kundgeworden Sohn, daß du mir teuer bist. Warum kamst du auch hierher! Glaubtest du, getäuschter Jüngling, Wir hier feiern Freudenfeste? Sieh uns nur einmal beisammen In der weiten, öden Halle, An dem freudelosen Tische; Wie sich da die Stunden dehnen, Das Gespräch in Pausen stockt, Bei dem leisesten Geräusche Jedes rasch zusammenfährt, Und der Vater seiner Tochter Nur mit Angst und innerm Grauen Wagt ins Angesicht zu schauen, Ungewiß, ob es sein Kind, Ob's ein höllisch Nachtgesicht Das mit ihm zur Stunde spricht. Sieh, mein Sohn, so leben die, Die das Unglück hat gezeichnet! Und du willst den mut'gen Sinn, Willst die rasche Lebenslust Und den Frieden deiner Brust, Köstlich hohe Güter, werfen Rasch in unsers Hauses Brand? O mein Kind, du wirst nicht löschen, Wirst mit uns nur untergehn. Flieh, mein Sohn, weil es noch Zeit ist: Nur ein Tor baut seine Hütte Hin auf jenes Platzes Mitte, Den der Blitz getroffen hat.

Jaromir. Möge was da will geschehn, Ich will Euch zur Seite stehn, Muß es, mit Euch untergehn!

Graf. Nun wohlan, ist das dein Glaube, So komm her an meine Brust So, und dieser Vaterkuß Schließt dich ein in unsre Leiden, Schließt dich ein in unsre Freuden. Ja in unsre Freuden, Sohn, Ist kein Dorn doch also schneidend, Daß er nicht auch Rosen trägt.

(Der Alte setzt sich, von Jaromir und Berta unterstützt, in den Stuhl. Die beiden stehen Hand in Hand vor ihm.)

So, habt Dank, habt Dank, ihr Lieben!-- Seh ich euch so vor mir stehen, Mit dem freudetrunknen Auge, Mit dem lebensmut'gen Blick, Will die Hoffnung neu sich regen, Und erloschne, dunkle Bilder Aus entschwundnen, schönern Tagen Dämmern auf in meiner Brust. Seid willkommen Duftgestalten, Froh und schmerzlich mir willkommen!

(Er versinkt in Nachdenken.)

Jaromir. Berta, sieh doch nur, dein Vater!

Berta (mit ihm etwas zurücktretend). Laß ihn nur, er pflegt so öfter Und sieht ungern sich gestört. Aber, Lieber, sei vergnügt! Sieh, mein Vater weiß schon alles.

Jaromir (rasch). Alles?

Berta. Ja, und scheint's zu bill'gen! Heute nur--er war so gut, Ach so gut, so mild und sanft. Sanfter, gütiger als du, Der du kalt und trocken stehst, Während ich nicht Worte finde, Für mein Fühlen, für mein Glück.

Jaromir. Glaube mir--

Berta. Ei, glauben, glauben! Besser stünd' es dem zu schweigen, Der nicht weiß wie Liebe spricht: Kann der Blick nicht überzeugen, Überred't die Lippe nicht. Sieh, man hat mir wohl erzählet, Daß es leichte Menschen gebe, Deren Liebe nicht bloß brennt Auch verbrennt, und dann erlischt: Menschen, die die Liebe lieben, Aber nicht den Gegenstand; Schmetterlinge, bunte Gaukler, Die die keusche Rose küssen, Aber nicht weil sie die Rose, Weil sie eine Blume ist. Bist du auch so, Stummer, Böser?

(Vom Nährahmen eine Schärpe nehmend.)

Ich will dir die Flügel binden, Binden--binden Trotz'ger--binden Daß kein Gott sie lösen soll!

Jaromir. Süßes Wesen!--

(Sie bindet ihm die Schärpe um.)

Graf (hinüberblickend). Wie sie glüht! Wie es sie hinüberzieht! Aller Widerstand genommen Und im Strudel fortgeschwommen. Nun Wohlan, es sei! Der Himmel Scheint mir selbst den Weg zu zeigen, Den ich wandeln soll und muß. Stemmt gleich manches sich entgegen, Glimmt gleich in der tiefsten Brust Noch verborgen mancher Funke Von der einst so mächt'gen Glut. Töricht Treiben! Eitles Trachten! Der Palast ist eingesunken, Kaum noch geben seine Trümmer Eine Hütte für mein Kind. Wohl es sei! Ach wie so schwer Lösen sich die Hoffnungen, In der Jugend Lenz empfangen, Holde Zeichen, eingegraben In des Bäumchens frische Rinde, Aus des Alters morscher Brust. Als sie mir geboren ward Und vor mir lag in der Wiege Freundlich lächelnd, schön und hold, Wie durchlief ich im Gedanken Die Geschlechter unsers Landes, Sorgsam wählend, kindisch suchend Nach dem künftigen Gemahl. Fand den Höchsten noch zu niedrig, Kaum den Besten gut genug: Damit ist's nun wohl vorbei! Ach, ich fühl es wohl, wir scheiden Kaum so schwer von wahren Freuden, Als von einem schönen Traum!

Berta (an der Schärpe musternd). Halt mir still, du Ungeduld'ger!

Graf. Und ziemt mir so ekles Wählen? Wenn es wahr was er gesprochen, Was im Nebel der Erinnrung Aus der fernen Jugendzeit Unbestimmt, in sich verfließend Meine Stirn vorüberschwebt; Wenn sie wahr die alte Sage, Daß der Name, den ich trage, Der mein Stolz war und mein Schmuck, Nur durch tief geheime Sünden-- Fort Gedanke!--Ha, und doch, und doch!

Berta (ihr Werk betrachtend). So nun steht es schön und gut. Aber nun sei mir auch freundlich, Daß mich nicht die Arbeit reue!

Graf. Jaromir!

Jaromir (aufgeschreckt). Was!--Ihr Herr Graf!

Graf. Noch bist du uns Kunde schuldig Von den Deinen, deiner Abkunft. Jaromir von Eschen heißt du, Fern am Rhein wardst du geboren, Dienste suchst du hier im Heer, So erzählte mir mein Mädchen, Aber weiter weiß ich nichts.

Jaromir. Ist doch weiter auch nichts übrig. Mächtig waren meine Ahnen, Reich und mächtig. Arm bin ich. Arm, so arm, daß wenn dies Herz, Ein entschloßner kräft'ger Sinn Und ein schwergeprüfter, doch vielleicht Grade darum festrer Wille Nicht für etwas gelten können, Ich nichts habe und nichts bin.

Graf. Du sagst viel mit wenig Worten. Also recht! Du bist mein Mann! Sieh, mein Sohn, ich bin ein Greis. Die Natur winkt mir zu Grabe, Und ein dunkel, dumpf Gefühl Nennt mir nah des Lebens Ziel. Nie hab ich dem Tod gezittert, Und auch jetzt schreckt er mich nicht. Doch dies Mädchen, sie mein Kind. Könntest du in meinen Tränen, Hier in meinem Herzen lesen Was sie alles mir gewesen, Du verstündest meinen Schmerz. Daß ich sie allein muß lassen In der unbekannten Welt, Macht dem Tode mich erblassen, Das ist's was so tief mich quält. Sohn, auf dich ist ihrer Neigung Schlaferwachtes Aug' gefallen; Du weißt ihren Wert zu schätzen, Weißt zu schützen was dir wert; Du gabst einmal schon dein Leben Und wirst's freudig wieder geben, Wenn das Schicksal winkt, für sie. Dir vertrau ich dieses Kleinod, Sohn du liebst sie?

Jaromir. Wie mein Leben!

Graf. Und du ihn?

Berta. Mehr als mich selbst.

Graf. Mög' denn Gottes Finger walten! Nimm sie hin, die du erhalten!

(Schläge ans Haustor.)

Graf. Was ist das?--Wer naht so spät Noch sich dieses Schlosses Toren!

Berta. Gott, wenn etwa--

Graf. Sei nicht kindisch. Glaubst du wohl, verdächtig Volk Wage sich an feste Schlösser, Wohlverwahrt und wohlbemannt.

Günther (kömmt). Herr, ein königlicher Hauptmann An der Spitze seines Haufens Bittet Einlaß an der Pforte.

Graf. Wie? Soldaten?

Günther. Ja, Herr Graf.

Graf. Weiß ich gleich nicht was sie suchen, Öffne ihnen schnell die Pforten, Stets willkommen sind sie mir.

(Günther geht.)

Graf. Was führt den hierher zu uns? Und in dieser Stunde? Gleichviel. Wird doch seine Gegenwart Wohl die Stunden uns beflügeln Dieser peinlich langen Nacht.

Berta. Jaromir, geh doch zu Bette. O du bist noch gar nicht wohl! Sieh, ich fühl's an diesem Zucken, An dem Stürmen deiner Pulse, Daß du krank, bedenklich krank!

Jaromir. Krank? ich krank? Was fällt dir ein! Stürmen gleich die raschen Pulse, Grad im Sturme ist mir wohl!

(Günther öffnet die Türe. Der Hauptmann tritt ein.)

Hauptmann. Ihr verzeihet, mein Herr Graf, Daß ich noch in später Nacht Eures Hauses Ruhe störe.

Graf. Wer des Königs Farben trägt Dem ist stets mein Haus geöffnet; Euch, mein Herr, auch ohne sie.

Hauptmann. Hier grüß ich wohl Eure Tochter?

Graf. Ja, es ist mein einzig Kind.

Hauptmann. Wie soll ich mich hier entschuld'gen? Doch bringt meine Ankunft Schrecken, Soll sie Schrecken auch zerstreun. Jene mächt'ge Räuberbande, Die die Geißel dieser Gegend--

Graf. Ja, fürwahr, 'ne schwere Geißel! Dieses Mädchen, meine Tochter, Daß sie lebt noch, daß sie ist, Dankt sie nur dem kühnen Mute Ihres wackern Bräutigams Jaromir von Eschen hier. Ja er selbst, noch diese Nacht Ward im Forst er überfallen, Seine Diener ihm erschlagen, Kaum entging er gleichem Los.

Hauptmann. Diese Nacht?

Jaromir. Ja, diese Nacht.

Hauptmann. Und wann--

Jaromir. Vor drei Stunden etwa!

Hauptmann (ihn ins Auge fassend, dann zum Grafen). Euer Eidam?

Graf. Ja, mein Herr.

Hauptmann. Reistet Ihr ein Stündchen später War euch jene Angst erspart.

(Zu den übrigen.)

Fürder mögt Ihr ruhig sein Und nichts Arges mehr befahren, Denn die Euer Schrecken waren, Jene Räuber, sind nicht mehr! Lange schon auf ihren Fersen, Überfielen wir sie heute. Nach beherztem, blut'gem Streite Trat der Sieg auf unsre Seite Und die Mörderschar erlag. Teils getötet, teils gefangen, Retteten sich wen'ge nur; Wir verfolgen ihre Spur.

Graf. Nun habt Dank, ihr wackern Krieger, Habt den wärmsten, besten Dank!

Hauptmann. Jetzt noch nicht, bis es vollendet. Ist der Stamm gleich schon gefallen, Haften doch noch manche Wurzeln; Und ich hab mir's selbst geschworen, Als man mich zur Tat erkoren, Auszurotten diese Brut. Bauern haben ausgesagt, Daß hier in des Schlosses Nähe, In des nahen Weihers Schilf, Den verfallnen Außenwerken Sich verdächtig Volk gezeigt. Drum erlaubt, mein edler Graf, Daß ich hier aus Euerm Schlosse, Meiner Späher Suchen leite, Stets bereit nach jeder Seite Wo es Not tut abzugehn. Bald, so hoff ich, ist's vorüber. Ringsum stehen meine Posten; Wenn sich auch in Busch und Feld Einer noch verborgen hält Sollen sie ihn tüchtig fassen, Ihm ist nur die Wahl gelassen Zwischen Ketten, zwischen Tod.

Graf. Dieses Schloß ist nicht mehr mein. Bis Ihr Euer Werk vollendet, Ist es Euer, ist des Königs. O wie lieb ich diesen Eifer, Der das Rechte schnell ergreift Und fest hält, was er ergriffen.

Hauptmann. Nicht mehr Lob, als ich verdiene. Führ ich hier des Rechtes Sache Führ ich meine auch zugleich. Hat doch dieses Räubervolk Mir mein Stammschloß überfallen, Und geraubt, gebrannt, gemordet, Daß noch jetzt bei der Erinnrung Mir das Herz im Busen bebt. O mich drängt es, zu bezahlen Was ich schwer nur schuldig bin. Ich will schonen, grimmig schonen! Nicht der Tod in Kampf und Schlacht Werde dieser Brut zu Teile, Nein, dem Rad, dem Henkerbeile Sei ihr schuldig Haupt gebracht.

Berta. Nicht doch! Wollt Ihr Menschen richten, Geht als Mensch ans blut'ge Werk!

Hauptmann. Hättet Ihr gesehn, mein Fräulein, Was ich sah, mit Schauder sah, Ihr verschlösset Euer Herz, Wieset das geschäft'ge Mitleid Gleich 'nem unverschämten Bettler Von der streng geschloßnen Tür. Jene rauchenden Ruinen, Von der Flamme Glut beschienen, Greise zagend, Weiber klagend, Kinder weinend An erschlagner Mütter Brüsten Durch die leergebrannten Wüsten. Und dazu nun der Gedanke, Daß die Geldgier, daß die Habsucht Wen'ger feiger Bösewichter--

Jaromir (vortretend und ihn hart anfassend). Wollt Ihr dieses holde Wesen, Ihrer Seele schönen Spiegel, Der auf seiner klaren Fläche Rein die Schöpfung stellet dar, Weil er selber rein und klar, Mit der Rachsucht gift'gem Hauch, Mit des Hasses Atem trüben! Laßt sie süßes Mitleid üben, Und in dem Gefallnen auch Den gefallnen Bruder lieben. O es läßt der Binse wohl Der gebrochnen Eiche spotten!

Hauptmann. Rasch ins Feuer, wenn sie brach.

Jaromir. Eure Zunge richtet scharf; Doch was vorschnell sie gesündigt Macht der Arm wohl zögernd gut.

Hauptmann. Ha, wie nehm ich diese Worte?

Jaromir. Nehmt sie, Herr, wie ich sie gab.

Hauptmann. Wär' es nicht an diesem Orte--

Jaromir. Legtet Ihr den Trotz wohl ab!

Hauptmann. Warm seh ich Euch Räubern dienen!

Jaromir. Wer in Not ist, zähl' auf mich!

Hauptmann. Nah der Beste unter ihnen--

Hauptmann. Ruft ihn! Vielleicht stellt er sich!

Graf. Jaromir, was muß ich hören! Führt der Eifer dich so weit. Magst du meinen Gast beleid'gen, Kannst du Menschen wohl verteid'gen, Welche selber sich verdammt. Doch was gilt's, trotz dieser Hitze Hab ich richtig dich erkannt, Braucht es wen'ge Worte nur Und dem Fehlgriff folgt die Reue, Ja du folgst uns selbst ins Freie Auf der Bösewichter Spur.

Jaromir. Ich?

Graf. Ja, du!

Jaromir. Ich, nimmermehr! Wie? Ich sollte einen Armen, Einen Stiefsohn des Geschicks, Den die unnatürlich harte Mutter Stiefgesinnt hinausgetrieben, Fern von Wesen seiner Art Zu des Waldes Nachtrevieren Wo im Kreis von Raubgetieren Selber er zum Raubtier ward, Wie, ich sollt' ihm, wenn er naht, Alles bietend was er hat, Mit der Reue herben Zeichen, Statt der Hand, um die er bat, Meinen blut'gen Degen reichen? Wer tut das, und ist ein Mann? Einen Feind mir, der noch ficht, Doch zum Häscher taug ich nicht!

Graf. Und wenn ich nun selber gehe, Und, des Königs Lehensmann, Diese Häscher führe an, Wirst du folgen?

Jaromir. Ihr?

Graf. Ja, ich. Ich mag Menschenleben schonen, Weiß zu schätzen Menschenwert: Doch laß uns nicht grausam sein Gegen unsre bessern Brüder Um den Schlimmen mild zu sein. Ob das Herz auch ängstlich bebe, Laß uns tun die strenge Pflicht, Und damit der Gute lebe Mit dem Mörder zum Gericht!

Jaromir. Recht gesprochen! Recht gesprochen! Daß die Kindlein ruhig schlafen, Mit den Hunden vor die Tür! Mir ein Schwert! Ich will hinaus, Will hinaus auf Menschenleben! Ei, sie werden tüchtig fechten! Ist das Leben doch so schön, Aller Güter erstes, höchstes, Und wer alles setzt daran, Wahrlich, der hat recht getan! Waffen, Waffen! Gebt mir Waffen! Fort, hinaus! auf Menschenleben! Laßt die Treiber fertig sein, Und dann wacker losgejagt, Bis der späte Morgen tagt! Waffen! Waffen! Heda Waffen!

Berta. Sagt' ich Euch es nicht, mein Vater? Er ist krank, gefährlich krank.