Part 3
Solche ungeheuerlichen Lilienformen kenne ich nur noch dreimal in der ägyptischen Kunstgeschichte: auf einem in Koptos gefundenen, angeblich aus dem mittleren Reiche stammenden Thronfragment[38] mit dem Reste eines Sảm-Zeichens, auf einem ebensolchen aus dem neuen Reiche unbekannter Herkunft im Kairiner Museum, und auf einer Ptolemäischen Säule[39]. In die Datirung des Stückes aus Koptos[40] möchte ich Zweifel setzen. Mir scheinen vielmehr diese ganzen missverstandenen Sảm-Zeichen aus einer späten Epoche zu stammen, da ich nicht annehmen kann, dass gerade in den ältesten Zeiten derartige Symbole, die doch eben erst künstlich zusammengestellt sind, bereits so unvernünftig umgestaltet worden sein können. Da ich also die Chefren-Statuen für Werke einer späteren Epoche, vielleicht auch nur für Wiederholung älterer Monumente nach vorgefundenen Resten wirklich alter Statuen halten muss, habe ich die an ihnen auftretenden Lilien oben nicht als Beispiele aus dem alten Reiche mit angeführt.
Nach diesem Excurse kehren wir zurück zu unseren Liliensäulen, mit denen wir schnell genug zu Ende kommen werden, da dieselben bis zum Ende des neuen Reiches nur spärlich auftreten. Aus dem alten und mittleren ist mir kein Beispiel bekannt. Im Anfang des neuen kommt das erste vor, aber dieses ist eigentlich auch nur mit demselben Rechte hierher zu rechnen, wie wir etwa die sculpirten Pfeiler aus Sawijet el Meitin bei den offenen Nymphaea Lotus-Säulen mit erwähnten. Es sind die oft abgebildeten[41] Thutmosispfeiler aus Karnak (Abb. 37).
Die hier dargestellten Pflanzen geben getreu die übliche Lilienform wieder; besonders bemerkenswert sind die nur hier allein deutlich dargestellten Füsse der Stengel. Dieselben haben gelbe Hüllblätter, genau wie sie sonst der Papyrus hat, auch die nur diesem eigene Schwellung zeigt sich hier; wir können jedoch nach diesem einmaligen Vorkommen nicht sagen, ob der Fuss dieser Säulenart so aussah, oder ob unser Beispiel nur seinem Pendant, der Papyrusform, angepasst ist, wie wir das ja sogar schon bei Nymphaeensäulen beobachten konnten. Der Lilie ist die Schwellung des Stengels sonst nicht eigen, wie die Darstellung der Sảm-Zeichen darthun, bei welchen dem Papyrus stets die Schwellung gegeben ist, während die Lilie immer glatt aus dem Boden hervorkommt. Sonst lässt sich das Lilienkapitell, von dem wohl nicht erst besonders gesagt zu werden braucht, dass es nur offen vorkommt, ausser an einigen Baldachinen, welche auf Särgen der 19. und 20. Dynastie dargestellt sind (Abb. 38) nur noch an Bouquetsäulen nachweisen; z. B. an der schon öfter herangezogenen aus dem Grabe der Sen-nudem (Abb. 34) und einigen anderen. Beachtenswert ist unter diesen letzteren nur eine Darstellung aus Grab 6 zu Tell-Amarna (Abb. 39). Hier ist nämlich der mittlere Kolben der Lilie nicht mit abgebildet, und dies scheint mir bereits zu den Lilienkapitellen der Spätzeit überzuleiten, bei denen der Kolben auch nicht plastisch dargestellt, sondern vielleicht nur in Farbe auf dem Kapitelle angegeben wurde, während die blauen überfallenden Blätter sculpirt hervortreten. Diese späten Lilienkapitelle sind äusserst häufig; es mögen solche aus Kôm-Ombo als Beispiel genügen (Abb. 40). Hier ist die Anordnung ganz ähnlich wie bei dem oben (S. 11) angeführten späten Nymphaea Lotuskapitell, nur dass die zuletzt zwischengesetzten Pflanzen jungen, noch geschlossenen Papyrus darstellen sollen. Die Anhängsel an den überfallenden Blättern fehlen, wie schon oben bemerkt, in der Spätzeit nie.
Hierher gehört wohl auch die von PETRIE aufgenommene Vorzeichnung eines Kapitells aus den Steinbrüchen vom Gebel Abu Fodah (Abb. 41). Die Kreise an der rechten Seite des Kapitells scheinen mir wenigstens den Aufriss eines Anhängsels darzustellen.
III. Papyrussäulen.
Hier können wir wieder den geordneten Gang einschlagen und mit der Beschreibung der Pflanze nach der Natur beginnen.
Das Aussehen des Cyperus papyrus L. ist zwar so hinreichend[42] bekannt, dass wir uns bei seiner Beschreibung sehr kurz fassen können; nur auf die Hauptpunkte, welche für die Säulenfrage wichtig sind, wird es nöthig sein an der Hand unserer Abbildung 42 hinzuweisen.
Die einzelnen, buschartig zusammenstehenden, sich nach oben stark verjüngenden Stengel der Pflanze wachsen aus einem sie dicht umgebenden Kranze von lanzettlichen, meist gelbbraunen Blättern hervor und erheben sich oft -- in Kew Gardens bei London sah ich einen Stengel von über 3,00 m -- beträchtlich über das Wasser, das ihre Wurzeln verbirgt. Der Querschnitt des Stengels ist dreieckig, am Fussende mit abgerundeten Ecken (siehe den Querschnitt in Abb. 42), mehr nach oben scharfkantiger. Am oberen Ende jedes Stengels sitzt die Blüthendolde, welche rings von Blättern, ähnlich denen am Fussende, umschlossen ist; bei jungen noch geschlossenen Dolden sind diese Blätter grün, bei geöffneten meist gelbbraun. Die einzelnen, übrigens sehr zahlreichen grünen Strahlen der Dolde sind äusserst fein und gegen die Mitte ihrer Länge noch in feinere Strahlen getheilt, an deren Ende dann die kleinen bräunlichen Blüthen sitzen.
Die charakteristische Umrisslinie der Dolde ist für das junge, noch ganz oder fast geschlossene Exemplar leicht zu bestimmen; es erinnert etwas an die Linie der Knospe von Nymphaea caerulea, nur dass die Spitze nicht scharf ist wie bei dieser, sondern etwas abgestumpft; eine nur ganz wenig geöffnete Knospe von Nymphaea caerulea würde dieselbe Umrisslinie haben, wie der geschlossene Papyrus. Schwieriger ist es zu sagen, welche Linien für die geöffnete Dolde bezeichnend sind, da ihre Strahlen sich scheinbar regellos nach allen Seiten ausbreiten. Bei nicht zu weit geöffneten Büscheln sieht man jedoch, dass die Enden der Strahlen mit den Blüthen ungefähr eine oben etwas abgeplattete Kugelfläche bezeichnen, die sich in der Seitenansicht etwa als wenig gedrückter Bogen darstellen würde. Die einzelnen Strahlen zeigen eine je nach ihrer Stellung in der Dolde verschiedene Linie; während die mittelsten mehr oder weniger gerade sind, zeigen die seitlichen geschwungene Curven, die untersten sind ganz schwach wellenförmig gebogen. Die ganze Dolde hätte demnach ungefähr diesen Contour:
Dem nicht unähnlich sind auch die von den ägyptischen Künstlern dargestellten Papyrusdolden, die eines der beliebtesten Motive der ägyptischen Kunst aller Epochen bilden. Eines der ältesten Beispiele ist das hier abgebildete (Abb. 43), einen Papyrus darstellende Hieroglyphenzeichen w3ḏ (s. a. L. D. II, 3). Der Papyrus ist natürlich stilisirt wiedergegeben, aber unverkennbar. Der Blattkranz am unteren Ende -- den wir der Kürze halber im Folgenden als „Fussblätter” bezeichnen wollen -- ist zwar vorhanden, aber etwas deformirt; die Blätter sind sämmtlich, wie auch bei anderen Darstellungen derselben Pflanze, zu kurz gerathen. Dass die Blätter sich theilweise überdecken, ist richtig beobachtet. Der Stengel verjüngt sich nach oben, hat jedoch am unteren Ende eine geringe Schwellung, die bei der natürlichen Pflanze nur vorhanden ist, wenn die Fussblätter anliegen. Für die Darstellung des Papyrus und für seine Verwendung als Säulenmotiv ist diese Schwellung bezeichnend und überträgt sich von den Papyrussäulen, wie wir gesehen haben, auch auf andere Pflanzensäulen, von denen eigentlich sonst keine von Hause aus die Schwellung zeigen sollte. Bei den Hüllblättern der Dolde -- den „Kopfblättern” -- tritt dasselbe ein, wie bei den Fussblättern: sie werden meist -- mit wenigen Ausnahmen[43] -- zu kurz und nicht so spitzig, wie sie eigentlich sein sollten, gezeichnet.
Die Darstellung der Dolde selbst musste den Alten natürlich viele Schwierigkeiten machen; auf die Möglichkeit, sie durchsichtig darzustellen, verzichten sie von vornherein, sie geben die Umrisse ungefähr so, wie wir sie uns oben angemerkt hatten, jedoch meist nicht so weit ausladend, sondern steiler; nur selten kommen breitere Dolden vor. Eine Wiedergabe der einzelnen Strahlen lassen sie in den meisten Fällen gar nicht eintreten, höchstens deuten sie dieselben durch einige Striche in dem grün ausgefüllten Doldencontour an. Die Blüthen oder vielleicht auch die vertrockneten Spitzen der Strahlen geben sie durch gelbe Färbung des oberen Randes[44], in dem oben angeführten Beispiel, bei dem die Farben jetzt fehlen, nur durch die Doppellinie des oberen Randes wieder.
Die Beispiele von Papyrusdarstellungen sind für das alte Reich unzählbar: Papyrusernte[45] zum Bootsbau und zu anderen Zwecken, Papyrussümpfe[46] als Jagdreviere für Vogel- und Fischfang und Aehnliches finden sich zur Genüge dargestellt. Zwischen den offenen Pflanzen finden sich auch häufig junge, noch geschlossene Exemplare (Abb. 44). Diese haben, wie schon oben bemerkt, in der Umrisslinie Aehnlichkeit mit den spitzen Blüthen von Nymphaea caerulea, bei guten Darstellungen sind sie jedoch nicht ganz spitzig, sondern etwas abgestutzt. Bemerkenswerth ist die falsche Darstellung der Kopfblätter hierbei; dieselben hüllen in Wirklichkeit fast die ganze junge Dolde ein, in den Darstellungen sind sie aber meist ebenso kurz angegeben wie bei den geöffneten Büscheln. Nur in einigen Typen aus dem neuen Reiche kann man, wie wir hier vorwegnehmen wollen, eine wesentliche Verbesserung in dieser Hinsicht bemerken. So zeigt eine Fayenceform aus Tell-Amarna (Abb. 45) uns eine junge Papyrusdolde mit langem, spitzen Hüllblatt, neben dem schon einige Doldenstrahlen hervorsehen.
Aus dem mittleren Reiche mag hier ein Beispiel Platz finden, das auch den verbissensten Lotomanen deutlich über den Unterschied zwischen Nymphaea und Papyrus belehren wird (Abb. 46). Die biegsamen Stengel einiger Nymphaeen sind hier um drei starre Stiele Papyrus herumgelegt; der Papyrus hat seine Fussblätter, die bei der Nymphaea natürlich fehlen; die bewegten Seitencontouren der Papyrusdolde weichen deutlich von den straffen Aussenlinien der Nymphaeen ab, dem entsprechend auch die oberen Begrenzungslinien; die Kopfblätter des Papyrus sind nur kurz, während bei der Nymphaea alle Blätter bis zum oberen Rande gehen; endlich ist die Papyrusdolde mit einzelnen Strahlen gefüllt und die Nymphaeablüthe mit ihren spitzigen Blättern versehen.
nach Perrot-Chipiez, I, 468.]
Um noch aus einer späteren Epoche ein Beispiel anzuführen, ist hierneben ein Papyrusornament aus einer Schale des neuen Reiches abgebildet (Abb. 47). Hier sind nur aus Flüchtigkeit die Fussblätter fortgelassen, sonst ist die Darstellung genau wie die übrigen.
Decorativ wurde der Papyrus bekanntlich ungeheuer oft verwendet. Als Füllornament an den Scheinthüren des alten Reiches dienten zwei gegeneinander gelegte, zusammengebundene Dolden (Abb. 48). Auch noch im mittleren kommen sie so vor (Abb. 49). Als freie Endigung ist Papyrus in jeder Epoche verwendet worden: an Stühlen[48], Sceptern[49], Kahnenden[50] und Aehnlichem. Ferner ist er sehr häufig als Griff von Spiegeln[51], Wedeln[52] u. s. w. Hierbei soll nicht unerwähnt bleiben, dass neben der bisher geschilderten Papyrusform, die uns für unsere Säulenfrage einzig und allein interessiert, noch eine zweite Form vorkommt, die in der Ornamentik auch häufige Verwendung findet; nämlich die Form, welche durch Zusammenfassen einer Dolde am unteren Ende entstanden ist (Abb. 50).
Wie der Papyrus im Ornament äusserst häufig Verwendung findet, so ist er auch für die ägyptische Säule das beliebteste Motiv; auf 10 Säulen kommen etwa 8 bis 9 Papyrussäulen. Dies mag wohl daher kommen, dass der Papyrus die architektonische Idee der ägyptischen Säule, von der wir noch zu sprechen haben werden, am besten verkörpert und daher wohl den ägyptischen Künstlern für die Säulenform am sympathischsten war.
Bei diesen Säulen haben wir ähnlich wie bei den Nymphaeensäulen zu unterscheiden zwischen solchen mit geschlossenem und mit offenem Papyrusdoldenkapitell. Der früher gebräuchliche Ausdruck Knospensäulen für die geschlossenen Papyrussäulen hatte zwar so lange eine gewisse Berechtigung, wie man die Kapitelle dieser Säulenart als Lotusknospen gelten liess, da sie jedoch weder mit den Nymphaeenknospen und noch weniger mit Papyrusknospen etwas zu thun haben, muss auch der Ausdruck Knospenkapitell verworfen werden, und wir wollen lieber dafür die oben angeführten, genaueren Bezeichnungen anwenden.
Ferner haben wir auch hier wie bei den Nymphaeensäulen einfache und Bündelsäulen, die letzteren ganz wie dort in der Ueberzahl. Ja, man könnte sogar fragen, ob einfache Papyrussäulen nicht überhaupt nur ganz vereinzelte Erscheinungen wären, da nur verhältnissmässig wenig sichere Beispiele von solchen wirklich erhalten sind[53], und die abgebildeten immer die Frage offen lassen, ob der ägyptische Künstler nicht etwa nur eine Papyrusstaude gezeichnet hat, um sich die complicirte Darstellung eines Bündels zu ersparen, wie wir ja Aehnliches bereits bei den Nymphaeensäulen beobachten konnten. Auffällig ist es jedenfalls, dass alle einfachen Papyrussäulen bis auf zwei weiter unten noch anzuführende Beispiele stets Halsbänder zeigen, die im Grunde doch nur den Bündelsäulen zukommen sollten.
Da sich jedoch bei den später zu besprechenden, sicher einfachen Palmensäulen auch Halsbänder zeigen, so kann man das Auftreten oder Fehlen der Halsbänder auch nicht als Kriterium für einfache oder Bündelsäulen ansehen. Trotz dieser Schwierigkeit haben wir die einfachen Säulen von den Bündelsäulen zu trennen versucht, müssen jedoch bei einigen der einfachen die Frage offen lassen, ob sie nicht besser zu den Bündelsäulen zu zählen sind.
Bevor wir nun in die Betrachtung der Papyrussäulen mit geschlossenem Kapitell eintreten, wollen wir, um Wiederholungen zu vermeiden, noch kurz auf die charakteristischen Unterschiede hinweisen, welche die Papyrussäulen von den Nymphaeensäulen trennen. Es sind naturgemäss dieselben, welche wir in der Ornamentik im allgemeinen beobachten konnten. Die _Papyrus_-Säule hat Blätter an der Basis, Schwellung des Schaftes am unteren Ende, dreikantiges Stengelprofil und kurze Blätter am Kapitell.
Die _einfache Papyrussäule mit geschlossenem Kapitell_ lässt sich, wenn anders wir die Abbildung richtig verstehen, schon im alten Reiche nachweisen. In den Gräbern zu Sawijet el Meitin erscheint bereits die Darstellung eines solchen Kapitells (Abb. 51). Mangels jeder inneren Zeichnung lässt sich jedoch weiter nichts darüber sagen, als dass die äussere Contour auf Papyrus zu deuten scheint. Ebenso steht es mit den Säulenabbildungen aus dem Grabe des Si-renpowet bei Assuan[54], bei denen man auch nur aus der äusseren Form schliessen kann, dass Papyrussäulen gemeint sein dürften. Ob in beiden Fällen wirklich einfache Säulen dargestellt sein sollen, mag unentschieden bleiben. Aus dem mittleren Reiche fehlen wohl nur zufällig Beispiele der äusserst seltenen einfachen Papyrussäule mit geschlossenem Kapitell, dafür sind im neuen wieder einige Exemplare nachweisbar.
Von einer wohl als Bündelsäule gedachten, aber nur mit einfachem Kapitell dargestellten Säule aus der Zeit Thutmosis' III.[55] aus Semneh abgesehen, kommen zwei sehr charakteristische Beispiele aus der Zeit Amenophis' III. vor, beide im Grabe des Cha'-em-hēt zu Qurna.[56] Es sind Beispiele von schlanken Holzsäulen an Baldachinen (Abb. 52); über der Erdhügel-Basis entwickelt sich mit sanfter Schwellung ein Papyrusstengel von spitzen Fussblättern umgeben, den sich nach oben verjüngenden Schaft fassen Halsbänder mit den in jener Zeit gebräuchlichen frei flatternden Bandenden unter dem Kapitell; dieses hat die charakteristische Form des geschlossenen Papyrus, der bis auf die zu kurz und zu rundlich angegebenen Kopfblätter naturgetreu wiedergegeben ist; ein kleiner unscheinbarer Abakus stellt die Verbindung mit dem Gebälk her. Das zweite[57] hier nicht abgebildete Beispiel gleicht dem ersten bis auf eine unwesentliche Abänderung am Halsband und bis auf die ihm fehlende Basis, die bei keiner ägyptischen Säule absolut notwendig zu sein scheint.
Aus derselben Zeit, dem Ende der 18. Dynastie, stammt noch die Abbildung einer Säule (Abb. 53), welche wohl auch hierher zu den einfachen geschlossenen Papyrussäulen zu rechnen ist, trotzdem die gedrungene Form gar nichts mehr von der Schlankheit dieser Säulenart hat, sondern vielmehr an die geschlossene Bündelsäule erinnert. Die übereinander greifenden Fuss- und Kopfblätter lassen jedoch nur die Deutung einer einfachen Säule zu, falls man nicht etwa einen Irrthum des alten Malers oder ein Herübernehmen von Formen der offenen Papyrussäule annehmen will.
Damit sind die Exemplare der einfachen, geschlossenen Papyrussäule erschöpft. Aus der Spätzeit sind keine mehr bekannt, trotzdem geschlossene Papyrusdolden ganz in der Form der eben besprochenen Kapitelle an den Ptolemäischen Bündelsäulen zwischen anderen Pflanzen zu Haufen vorkommen.[58]
Die nun folgende Gattung der _Papyrusbündelsäulen mit geschlossenem Dolden-Kapitell_ ist in der ägyptischen Architektur so zahlreich vertreten, dass wir die bisher wenigstens angestrebte Vollständigkeit in der Aufführung der Beispiele schon von vornherein aufgeben müssen und nur die besten Exempel heranziehen können, an denen sich die im Laufe der Zeiten mit dieser Säulenart vorgegangene Veränderung am deutlichsten zeigt.
Das einzige und auch nur fragmentarisch erhaltene Beispiel aus dem alten Reiche (Abb. 35) können wir schnell übergehen, zumal da man wirklich nur raten kann, ob wir hier eine Papyrusbündelsäule der fraglichen Art vor uns haben.[59]
Um so besser sind aber die Beispiele aus dem mittleren Reiche, in welchem unser Typus besonders beliebt gewesen zu sein scheint und auch von den alten Architekten noch ganz verstanden wurde, während später, wie wir sehen werden, das Verständnis dieser Säulenart immer mehr abnahm, so dass endlich aus unseren geschlossenen Papyrusbündelsäulen Gebilde entstanden, die die Kunsthistoriker für Lotusknospensäulen ansehen konnten.
Als klassische Beispiele der zu besprechenden Art können die Granit- und Kalksteinsäulen gelten, welche zu dem Tempel aus der Zeit Amenemhet's III. vor dessen Pyramide bei Hawara gehörten[60] (Abb. 55). Acht regelmässig geordnete Stengel, deren Querschnitte nur die Deutung als Papyrus zulassen, wachsen aus der wieder als Erdhügel zu denkenden Basis hervor. An jedem einzelnen Stengel sieht man ein langes, spitzes Fussblatt, das bis über die dickste Stelle des bei Papyrus naturgemäss mit Schwellung versehenen Schaftes emporreicht. Unter dem Kapitell sind die sich verjüngenden Stengel durch fünf Bänder gefasst, über denen sich dann die acht geschlossenen Dolden entwickeln. Jede einzelne Dolde zeigt eines ihrer Kopfblätter, die anderen sind (ebenso wie schon bei den Fussblättern) im Innern der Säule auf der dem Beschauer abgekehrten Seite des Einzelstengels sitzend zu denken. Dass die geschlossenen Dolden im Kapitell denselben dreikantigen Querschnitt haben wie die Stengel am Schafte, ist nicht weiter wunderbar, da die geschlossene, von den Hüllblättern noch ganz umgebene Dolde in der Natur wirklich den Dreiecksquerschnitt aufweist. Der ägyptische Architekt hat die geschlossene Dolde ganz richtig dargestellt, nur hat er sich erlaubt, die Hüllblätter zu kurz wiederzugeben, wie das ja, wie wir bereits oben bemerkt haben, in der Ornamentik auch geschieht.
Auf dem Doldenbündel ruht dann der bei allen ägyptischen Säulen übliche, dürftige Abakus.
Wie das schon bei den Nymphaeensäulen zu beobachten war, so scheint auch bei unseren Säulen der Architekt das Gefühl gehabt zu haben, dass die zusammengebundenen Stengel sich nicht in ihrer Lage halten würden, wenn er nicht unter den Halsbändern ihnen eine sichere Packung verschaffte. Deshalb nimmt er auch hier wieder kleine Zwischenstengel und zwar acht Bündel zu je drei Stengeln. Diese werden besonders, im vorliegenden Falle genau wie die Hauptstengel mit fünf Bändern, unter den Dolden zusammengebunden und so hinter die fünf grossen Halsbänder hineingeschoben. Dass diese Zwischenstengel wirklich Papyrus mit Dolden sind, zeigen deutlich die allerdings nur an guten Beispielen vorkommenden Fuss- und Kopfblätter.