Die Ägyptische Pflanzensäule

Part 2

Chapter 22,903 wordsPublic domain

Man sieht, das offene Lotus-Kapitell ist im alten Reiche häufig; ich möchte es daher nur für einen Zufall halten, dass aus dem mittleren Reiche uns nur ein Beispiel bekannt ist, und zwar ist dies eine gemalte Säule in Grab 5 des Ke-nacht zu Bersche (NEWBERRY, el Bersche, II, 15). Auch im neuen Reiche sind diese Säulen spärlich. Ich kenne die offenen Lotus-Kapitelle für diese Zeit nur von einigen abgebildeten Bouquetsäulen, z. B. aus Tell-Amarna, Grab 6, aus der Zeit Amenophis' IV. (Ende der 18. Dyn.)[21] und aus dem Grabe des Sen-nudem zu Theben (Dyn. 20).[22] Bei beiden kommt das offene Lotuskapitell mit den später zu erwähnenden Papyrus- und Lilienkapitellen zusammen vor. Das letztcitirte Beispiel giebt die Pflanze sogar farbig wieder. Thörichterweise hat hier aber der Maler dem Schafte der Säule die den Papyrusbündelsäulen zukommende Form und Theilung gegeben.

Für den Mangel an wirklich guten, ausgeführten Beispielen aus dieser älteren Zeit entschädigen uns aber vorzüglich durchgeführte, sehr reiche Kapitelle der uns augenblicklich beschäftigenden Gattung aus der Spätzeit. Eines davon aus Edfu ptolemäischen Ursprungs (Abb. 17) mag hier als Beispiel dienen. Es zeigt natürlich wieder die schon oben besprochene Eigenthümlichkeit seiner Zeit, indem es noch von den Stengeln der Blumen zwischen Halsband und Kapitell ein Stück sehen lässt. Dies Kapitell erklärt uns, was mit den älteren Abbildungen gemeint war. Vier grosse offene Lotusblumen sitzen dicht nebeneinander, dazwischen je drei Blumen -- eine grössere und zwei kleinere -- auf Zwischenstengeln, wie wir sie auch schon oben einmal bei den geschlossenen Lotuskapitellen beobachten konnten. (S. S. 8, Anm. 1.) Damit wäre es eigentlich genug, und die alten Muster wären erreicht. Dem ptolemäischen Künstler genügte dies jedoch wohl noch nicht, und so setzte er noch zwischen je zwei der schon vorhandenen 16 Blumen noch eine ganz kleine -- also im ganzen fernere 16. Auch führt er die Zwischenstengel tiefer herunter als die älteren Meister, da ja die Halsbänder, hinter denen sie stecken, tiefer sitzen als in älterer Zeit.

Der niedrige Abakus dieser Säule hat keinerlei Ornament und sitzt wie auch bei den übrigen Säulen ganz unorganisch auf dem Kapitell. Er hat eben nur eine constructive Function und ist meist so klein, dass er bei den weit ausladenden offenen Kapitellen von unten kaum zu sehen ist.

Somit hätten wir die Entwickelung der geschlossenen und offenen Lotussäule durch die ganze ägyptische Baugeschichte verfolgt und wenden uns nun zu der Pflanze, welcher die zweite Art der ägyptischen Nymphaeensäulen nachgebildet ist.

b. Nymphaea caerulea L.

Die Nymphaea caerulea hat, wie unsere Abbildung (Abb. 18) zeigt, ein von dem der Nymphaea Lotus wesentlich verschiedenes Aussehen. Stengel und Blätter sind noch am ähnlichsten, nur dass die Blätter ohne Zähnung, also ganzrandig sind. Die Knospen sind jedoch spitzig, während die von Nymphaea Lotus elliptisch waren; auch sieht man unten schon etwas von dem gelblich schimmernden Fruchtboden. Die vier Kelchblätter der Knospe und Blüthe sind unten gelblich grün, höher hinauf ausgesprochen grün, von spitziger Form und mit kleinen, schwarzen oder röthlichen Haaren besetzt. Die wie bei Nymphaea Lotus regelmässig angeordneten Blüthenblätter sind ebenso geformt wie die Kelchblätter, und in der Farbe weiss mit violett sich abtönenden Spitzen. Nach den altägyptischen Abbildungen zu urtheilen, könnte es wohl sein, dass noch anders gefärbte Varietäten, nämlich solche mit ganz violetten bezw. bläulichen Blüthenblättern, früher in Aegypten heimisch waren.

Die Beispiele von ornamentaler Verwendung der Nymphaea caerulea sind ungeheuer zahlreich. Die blaue Nymphaea scheint die beliebteste Pflanze für decorative Zwecke gewesen zu sein. Aus dem alten Reich mag als Beispiel eine Reliefdarstellung aus Giseh, Grab 24 des Mer-eb (Abb. 19) aufgeführt sein. Aus dem mittleren Reiche kann eine farbige Darstellung aus dem Sarge des Mentuhotep (Abb. 20) und ein Stück von einem Wandgemälde aus Benihassan (Abb. 21) genügen; auf diesem sind auch Knospen und Blätter mit dargestellt. Auch ist hier nochmals auf das Titelbild von NEWBERRY's el-Berscheh, Theil I, zu verweisen, auf dem man gut den Unterschied in der farbigen Darstellung von Nymphaea Lotus und Nymphaea caerulea sehen kann. Die Verschiedenheit der Contourierung zeigt oben unsere Abbildung 2 sehr anschaulich. Von den zahlreichen Beispielen des neuen Reiches sind nur ein Fries aus Tell-Amarna (Abb. 22) und eine Innenverzierung einer blauen Fayenceschale (Abb. 23) gewählt worden; weitere Beispiele wird der Leser mit Leichtigkeit in den Publicationen und Museen finden.

Nebenbei soll noch erwähnt werden, dass die Blätter von Nymphaea caerulea ein beliebtes Motiv für Fächerformen[23] bildeten, da sie vermuthlich in früher Zeit selbst als Fächer Verwendung fanden. In der Schrift kommt das Blatt (s. Abb. 18 u. 21) als Silbenzeichen und als Zeichen für 1000[24] vor.

Aus den aufgeführten Beispielen können wir ohne Weiteres das entnehmen, was dem ägyptischen Maler als charakteristisch für Nymphaea caerulea aufgefallen ist: Das Blatt erhält fast immer seine richtige, naturalistische Form; Fälle, in denen es einmal etwas anders gezeichnet erscheint (Abb. 23), sind selten. Die Blüthe ist stets spitzig, grün mit gelblichem Fruchtknoten; die Härchen auf den Kelchblättern sind in zahlreichen Fällen durch Strichelchen wiedergegeben. Die beiderseitigen äusseren Umrisslinien der Blüthe sind wie in der Natur stets etwas steif und gerade; selten zeigt sich nur eine leise Biegung nach aussen. Die stets spitzen Kelch- und Blüthenblätter berühren natürlich in allen Fällen den oberen Contour.

Wir haben hiermit die Beschreibung der Darstellungen von Nymphaea caerulea erschöpft und kommen nunmehr zu der eigentlichen Aufgabe dieses Abschnitts, die von Nymphaea caerulea abgeleiteten Säulentypen zu bestimmen.

Es muss sogleich vorausgeschickt werden, dass ausgeführte Säulen mit Nymphaea caerulea-Kapitell überhaupt nicht erhalten sind; ein einziges Säulenfragment zeigt unter dem eigentlichen Kapitell eine Verzierung von plastisch nachgebildeten Blüthen und Knospen von Nymphaea caerulea[25], und zwei neuerdings im Arsnuphistempel zu Philae gefundene Säulentrommeln aus Ptolemäischer Zeit[26] zeigen Zwischenstengel mit Blüthen und Knospen von Nymphaea caerulea. Verschiedene Abbildungen lassen jedoch darauf schliessen, dass Säulen mit dem fraglichen Kapitell vorkamen. Und zwar nur Säulen mit offenem Kapitell; mit geschlossenem haben sich bisher noch keine nachweisen lassen. Die Knospe findet höchstens auf den Zwischenstengeln Verwendung.

Die _ältesten Säulen mit offenen Nymphaea caerulea-Kapitellen_ kommen erst im neuen Reiche vor; es sind zwar in LEPSIUS' Denkmälern einige Kapitelle abgebildet, die man wegen ihrer spitzen Blätter für Nymphaea caerulea halten könnte, jedoch liegt der Verdacht nahe, der auch durch den Vergleich mit den noch vorhandenen Abklatschen bestätigt wird, dass die Publication in diesen Fällen ungenau ist und sich im Originale Nymphaea Lotus-Kapitelle dargestellt finden.

Unter Amenophis II. erscheinen die ersten Beispiele in Gräbern zu Qurna, merkwürdigerweise mit einer sonst nicht vorkommenden Zuthat. Zwischen Kapitell und Abakus ist nämlich eine Platte mit vier Löwen- (s. Abb. 24) oder an einer anderen Stelle mit Sperberköpfen eingefügt.[27] Unsere Abbildung stellt wohl wieder eine Bündelsäule mit offenem Kapitell und mit Knospen tragenden Zwischenstengeln vor. Letztere sind, wie wir das bereits bei anderen Darstellungen kennen, _neben_ die Halsbänder anstatt _durch_ dieselben gesteckt abgebildet. Zu bemerken ist, dass die Halsbänder bei diesen Säulen vielfach über einen weiteren Raum vertheilt sind, als bei anderen Arten üblich. Der Schaft ist meist ganz gerade, oft ohne jede Basis, jedoch kommen auch Schäfte mit Schwellung vor (Abb. 25), die irrthümlich von Papyrussäulen entnommen sein dürften. Bei dem zuletzt citirten Beispiel tritt uns zum ersten Male eine Eigenthümlichkeit entgegen, die an Säulen aller Gattungen unter der 18. Dynastie, besonders aber unter Amenophis IV. vorkommt: die von den Halsbändern abflatternden, verschiedenfarbigen Bandenden. Nach den Abbildungen, welche uns solche festlich geschmückten Säulen zeigen, lässt sich jedoch die Frage nicht entscheiden, ob diese Bandenden jemals in der eigentlichen Architektur eine Rolle gespielt haben und ob sie etwa in flachem Relief auf den Säulenschäften unter den Halsbändern dargestellt wurden. Nur bei den später zu besprechenden Palmensäulen findet sich Aehnliches, worauf noch unten (S. 48 u. 49) zurückzukommen sein wird.

Als letztes Beispiel einer offenen Nymphaea caerulea-Säule aus dem neuen Reiche mag hier noch eine solche (Abb. 26) aus einer Abbildung aus dem Grabe des Huj zu Qurnet Murrai dienen; dieselbe ist mit Farbenangabe publicirt; man sieht daraus, wie wenig sich die ägyptischen Architektur-Maler in vielen Fällen an die natürlichen Farben hielten.

Hiermit ist die Reihe der Beispiele natürlich noch nicht erschöpft, auch in etwas späterer Zeit kommt das offene Nymphaea caerulea-Kapitell noch vor, z. B. in der bereits oben bei Nymphaea Lotus citirten Bouquetsäule aus dem Grabe des Sen-nudem in der 20. Dyn.[28]; später jedoch scheint es ausser Mode gekommen zu sein. Aus der Spätzeit ist mir wenigstens kein Beispiel bekannt, wenn man nicht die schon oben erwähnten Säulentrommeln (Abb. 27) vom Arsnuphistempel auf Philae hierher rechnen will, welche Nymphaea caerulea als Blüthe und Knospe auf den dreifachen Zwischenstengeln zeigen.

Damit wären die Nymphaeensäulen sämmtlich besprochen; wir haben also drei Arten derselben: die geschlossene Nymphaea Lotus-Säule, die offene von derselben Pflanze abgeleitete und die offene Nymphaea caerulea-Säule. Wir müssen jedoch noch einer dritten Art von Nymphaeen, die zeitweise in Aegypten vorkam, Erwähnung thun, wenn auch nur um zu zeigen, dass sie ohne jeden Einfluss auf ägyptische Kunstformen geblieben ist:

c. Nymphaea Nelumbo L.

Diese von den bisher besprochenen Nymphaeen gänzlich verschiedene Art macht, wie die Abbildung 28 zeigt, überhaupt nicht den Eindruck einer Nymphaee. Die weit aus dem Wasser hervorstehenden, napfförmigen Blätter bilden ganze Gebüsche, aus denen die rosenartigen Blumen hervorsehen. Am merkwürdigsten ist der Fruchtstand, den Herodot[29] sehr ansprechend mit einem Wespennest vergleicht und den Neuere nicht übel mit der Brause einer Giesskanne verglichen haben.

Altägyptische Darstellungen von Nymphaea Nelumbo finden sich nicht, wohl aber haben sich einige auf Kunstwerken der Spätzeit nachweisen lassen. Im Ptolemäischen Tempel zu Esneh[30], auf dem Mosaik von Palestrina und auf der berühmten vatikanischen Nilstatue finden sich Exemplare von Nymphaea Nelumbo abgebildet; an der zuletzt erwähnten Stelle übrigens nur Früchte mit falschen Blättern. Dieses späte Auftreten von Nymphaea Nelumbo in den Darstellungen ist nicht weiter wunderbar, da die Pflanze, wie neuere Arbeiten[31] gezeigt haben in Aegypten ursprünglich nicht heimisch war, und auch heutigen Tages dort nicht mehr wild vorkommt. Herodot ist der erste, der um 450 v. Chr. über sie berichtet, und Prosper Alpinus, der um 1580 n. Chr. die ägyptische Flora beschreibt, erwähnt sie schon nicht mehr. Die Ansicht SCHWEINFURTH's scheint daher sehr annehmbar, dass Nymphaea Nelumbo durch die Perser aus Asien nach Aegypten eingeführt worden ist, sich aber auf die Dauer dort nicht halten konnte.

Das Fehlen von Nymphaea Nelumbo in der älteren Zeit, in der die Säulenformen sich bildeten, verbietet es also, irgend eine ägyptische Kapitellform auf die Blüthe oder, wie es auch geschehen ist, auf das Blatt dieser Nymphaea zurückzuführen.

* * * * *

Zum Schlusse der Besprechung wollen wir noch einmal kurz die Merkmale der Nymphaeen-Säulen zusammenstellen, durch welche sie sich von der ihnen gegenüberstehenden Kategorie der Papyrussäulen unterscheiden:

Die _Basis_ fehlt manchesmal, was bei Papyrussäulen nie der Fall zu sein scheint. Der _Schaft_ hat keine Schwellung und keine „Fussblätter”, wie wir sie bei den Papyrussäulen kennen lernen werden. Die _Zwischenstengel_ sind wie die _Hauptstengel_ mit Nymphaeenknospen oder Blumen gekrönt, deren Umrisslinien von denen der Papyrussäulen äusserst verschieden sind. Die „_Kopfblätter_”, d. h. die Kelchblätter des Kapitells gehen bis zum oberen Rande, während sie bei den Papyrussäulen wesentlich kürzer sind.

II. Die „Lilien”-Säulen.

Bei diesem Kapitel muss der Abschnitt mit der Beschreibung der der Säulenform zu Grunde liegenden natürlichen Pflanze in Fortfall kommen, da es bisher noch nicht gelungen ist, die betreffende Pflanze, welche als Wappenpflanze von Oberägypten ungeheuer häufig in der ägyptischen Kunst auftritt, botanisch sicher zu bestimmen. Wir werden daher gut thun, nur die Pflanze, soweit sie im Ornament vorkommt, zu analysiren und dann aus ihren Merkmalen zu zeigen, weshalb sie mit keiner der sonst gebräuchlichen ornamentalen Pflanzen identisch ist, und warum wir ihr am besten den Namen „Lilie” beilegen.

Das älteste Beispiel der Lilie findet sich auf der bekannten Darstellung des Königs Mer-en-rē'-Pepy bei Assuan (Abb. 29). Leider ist hier die LEPSIUS'sche Publication nicht correkt und in dem DE MORGAN'schen Catalogue des Monuments (I, 17, No. 78) die Ungenauigkeit der Zeichnung mit übernommen, ich habe daher die Darstellung an Ort und Stelle nochmals verglichen und hier corrigiert beigegeben. Danach scheint es also, dass bereits die später übliche Form der „Südpflanze” schon im alten Reiche gebräuchlich gewesen ist.

Aus dem mittleren Reiche sind die Beispiele zahlreicher: auf dem Throne der Statue Usertesen's I. aus Tanis (jetzt im Berliner Museum, Abb. 30) findet sich der Lilientypus deutlich. Fragmente der Lilien sind von dem Throne Amenemhet's III. zu Biahmu erhalten[32], an anderen Königsstatuen derselben Epoche[33] sind gleichfalls die Lilien stets deutlich charakterisirt.

Im neuen Reiche zeigt die Pflanze zuerst noch keine wesentliche Aenderung des Typus; selbst noch unter der 19. Dynastie kommen Lilien vor, die bis auf die Einrollung der beiden Seitenblätter den älteren Exemplaren völlig gleichen (Abb. 31 u. 32), jedoch sind auch noch in späterer Zeit Beispiele nachweisbar, die in nichts von den alten abweichen. Häufiger findet sich jedoch eine wohl unter der 18. Dynastie ausgebildete Variante mit je einem Anhängsel an jedem der beiden äusseren Blätter (Abb. 33).

Diese letztgenannte Form erfährt dann, vielleicht -- wie bereits SYBEL[34] annahm, unter asiatischem Einfluss -- weitere Ausgestaltung; der mittlere Kolben oder auch die Anhängsel vervielfachen sich, oder eine Art Palmette oder mehrere Voluten entwickeln sich aus dem Kelche, und Aehnliches. Diese manchmal recht abenteuerlichen Gestaltungen, die für die Ornamentik des neuen Reiches von grosser Bedeutung sind, interessiren uns für die Säulenfrage jedoch nicht, da derartige Gebilde erst an ganz späten Säulen auftreten; wir können uns vielmehr mit der Kenntniss der einfachen Lilie und der „Lilie mit Anhängseln” für unseren Zweck begnügen.

Die charakteristische Form derselben ist schnell beschrieben: aus einem dreiblättrigen, meist gelben Hüllkelch, der auf grünem oder blauem Stengel sitzt, erwachsen zwei schlanke, oben nach aussen überfallende Blätter von blauer, manchmal auch grüner Farbe; zwischen diesen äusseren Blättern erhebt sich ein roter, oben abgerundeter Kolben. Die gleichfalls kolbenförmigen Anhängsel sind auch stets rot. Die Pflanze hat also mit keiner der sonst bekannten ägyptischen Ornamentpflanzen irgendwelche Aehnlichkeit. Dass sie wirklich ein Gebilde für sich ist und nicht etwa nur eine Ableitung aus einer anderen Pflanze, zeigen schlagend die Kapitelle mancher „Bouquetsäulen”, bei denen die Künstler absichtlich die verschiedenen ihnen geläufigen Pflanzen vereinigten, um den Eindruck einer möglichst reichen Prunkarchitektur hervorzubringen. So z. B. die schon öfters angeführte im Grabe des Sen-nudem abgebildete Säule (Abb. 34). Hier hat der Künstler zuerst Nymphaea Lotus, dann Nymphaea caerulea, dann unsere Lilie und endlich Cyperus Papyrus dargestellt und somit fast seinen ganzen Formenschatz an Pflanzenkapitellen erschöpft.

Eine besondere Pflanze ist also die in Rede stehende jedenfalls; warum haben wir ihr aber den Namen „Lilie” gegeben? Weil sie am ehesten einer schematisch dargestellten Liliacee oder besser einer Irisart entspricht. Namentlich die überfallenden Blätter mit den Anhängseln erinnern an die äusseren umgeklappten Blüthenblätter mancher Irisarten, während der mittlere Kolben die inneren aufrecht stehenden Blätter versinnbildlichen könnte. Die später hinzutretenden roten „Anhänger” könnten vielleicht die Köpfe der Staubfäden darstellen, die bei manchen Irisarten unter den sich einrollenden -- allerdings inneren -- Blättern so geschützt liegen, dass nur die rotbraunen, kolbenförmigen Enden darunter hervorsehen.

Es ist jedoch bei diesem Gleichstellungsversuch die eine Hauptschwierigkeit nicht zu übersehen, dass nämlich bisher keine Lilien- oder Irisarten in Aegypten nachgewiesen sind. Und die fragliche Pflanze muss doch im Alterthum so häufig oder für ihr Gebiet so charakteristisch gewesen sein, dass man sie als Wappenpflanze für Oberägypten wählte, im Gegensatz zu dem für sein Gebiet ebenso bezeichnenden unterägyptischen Papyrus, der allerdings heute auch schon aus ganz Aegypten verschwunden ist.

Wir wollen daher vorläufig in Ermangelung einer richtigen Bezeichnung den Namen „Lilie” nur zur leichteren Verständigung gebrauchen, bis die Botaniker die wahre Bedeutung der Wappenpflanze[35] Oberägyptens festgestellt haben werden.

Bei der eben gegebenen Aufzählung von Lilien aus verschiedenen Epochen wird es manchem Leser aufgefallen sein, warum das älteste Beispiel nicht genannt worden ist, zumal dies allgemein bekannt ist: die Lilien von den Thronen der Chefren-Statuen zu Giseh. Die absichtliche Fortlassung dieses Beispiels nöthigt mich zu einem kleinen Excurse über das Alter dieser Statuen.

Ueber Figur, Gesicht und Tracht des Chefren zu sprechen, ist hier nicht der Ort, auch nicht über die Inschriften, die Form der Hieroglyphen und die Art der Behandlung des Löwenthrones; uns wird hier allein das Vereinigungszeichen an den Seiten des Thrones beschäftigen. Da wir nach den oben angeführten Beispielen aus dem alten und mittleren Reiche, die sich namentlich für das letztere noch bedeutend vermehren liessen, genau wissen, wie ein solches Zeichen aussehen muss, so werden wir leicht sehen, wie es der Künstler der Chefren-Statuen missverstanden hat.

Das Zeichen der Vereinigung beider Länder besteht nämlich aus dem eigentlichen, bisher noch nicht gedeuteten Zeichen Sảm, das etwa einem Spaten nicht unähnlich ist: unten das bei guten Beispielen in vier Felder getheilte Blatt, dann ein horizontal gerippter Stiel und oben ein eckiges, flaches Stück. Auf der einen Seite desselben stehen am Fusse in spitze Blätter gehüllt oder auch in einem Wasserbecken[36] mehrere Exemplare der Nordpflanze, des Papyrus; zur anderen Seite, aus einem Zeichen [HG: **] ḥsp (Land, Gau) hervorwachsend, ebensoviele der Südpflanze, der Lilie. Von beiden Pflanzen ist je ein Stengel um das mittlere Zeichen geknüpft.

So _sollte_ das Symbol der Vereinigung beider Länder unter normalen Umständen aussehen. Und was ist auf den Chefren-Thronen (Abb. 36) daraus geworden? Das einzige, was richtig wiedergegeben ist, sind die Papyrusbüschel, alles andere ist mehr oder weniger falsch. Die Lilien sehen nicht so aus wie sonst üblich, sondern ähneln den Darstellungen von Palmen, die wir noch später kennen lernen werden; das Sảm-Zeichen hat eine Palmenbekrönung; die Blättchen am Fusse der Nordpflanze ähneln einem Geflecht, aus dem sich die Papyrusstengel herausdrängen, und die drei horizontalen Striche des ḥsp-Zeichens sind in drei dicht aneinander liegende Stricke[37] verwandelt, welche die Lilien zusammenzwängen. Auf den anderen Chefren-Statuen sind diese Darstellungen wenn möglich noch toller; auf ihnen hat die Palmen-Lilie sogar vier Blätter und ausserdem noch Halsbänder.