Die acht Gesichter am Biwasee: Japanische Liebesgeschichten

Part 9

Chapter 93,604 wordsPublic domain

Der Russe läßt doch immer nur seine Beine gradaus marschieren und schießen, aber seine Augen im Gesicht sehen nichts als das Essen und Trinken vor dem Maul. Darum, wenn die Russen aus Port Arthur auf uns losmarschierten mit ihren schießenden Beinen, stellten wir uns ruhig zu beiden Seiten des Weges auf und ließen sie ruhig an uns vorbei. Dann gingen wir hinter ihnen her, jeder faßte einen Russen am Gürtel und drehte ihn einfach wieder gegen Port Arthur um, in der Richtung auf das Meer zu. Da sie einmal im Gehen waren und sich im Fressen und Saufen nicht stören lassen wollten, marschierten sie auf Port Arthur zurück und liefen dort über die Kaimauern ins Meer, wo sie ertranken. Die Armeen aus der Mandschurei aber, die aus dem Norden kamen, drehten wir nach Norden um, so daß sie ruhig zur sibirischen Eisenbahn zurückmarschierten. Und die Eisenbahnbeamten, im Glauben, der Krieg sei beendet und die Russen seien Sieger, fuhren die fressenden und saufenden Armeen nach Petersburg zurück, wo sie dann einzogen, immer noch in dem Glauben, daß sie die Sieger wären. In der Zeit besetzten wir die ganze Mandschurei, und das soldatenleere Port Arthur war unser.»

«So einfach war es aber doch nicht», sagte der Kohlenhändler, «denn erst mußten wir die russische Flotte zerstören, wobei ich einer der Haupthelden war.»

«Erzähle!» sagten die beiden anderen Helden.

«Da ist nichts zu erzählen. Das war die allereinfachste Sache von der Welt, die russische Flotte zu vernichten», wisperte der Kohlenhändler bescheiden wie eine Feldmaus.

«Eines Morgens dachte ich mir: heute zerstöre ich die russische Flotte, denn ich hatte Sehnsucht nach meiner Frau, und nichts als die russische Flotte hinderte mich, zu meiner Frau zu reisen.

Ich steckte mir eine Schachtel Streichhölzer ein, ein paar japanische Zeitungen und ein paar Stückchen Holzkohle. Ich schwamm von meinem Schiff an die Hafenmauer von Port Arthur heran, zündete mir ein Pfeifchen an, setzte mich auf einen Klippenstein und fabrizierte aus meinen japanischen Zeitungen kleine Papierschiffe, wie sie die Schulkinder am Biwasee machen. In jedes Schiffchen steckte ich ein Stückchen Kohle, das war der Schornstein des Schiffes; manche hatten auch zwei und vier Schornsteine. Die Kohlenstücke zündete ich an, und dann ließ ich meine Schiffe mit dem Südostwind auf Port Arthur los, und sie zogen an der Hafenmauer entlang. Meine kleine Papierflotte wurde augenblicklich von allen Leuchttürmen und Fernrohren auf den Leuchttürmen dem Admiral der russischen Flotte signalisiert. Die russische Flotte verließ sofort in Schlachtreihen den Hafen und umzingelte meine Zeitungspapierflotte. Tausend Schüsse hallten aus den russischen Schiffsbäuchen, und als sich der Rauch verzog, war natürlich meine Papierflotte untergegangen. Auf allen Rahen und auf allen Masten stellten sich nun die russischen Marinesoldaten in Parade auf, um dem sieghaften russischen Admiral ein dreifaches Hurra für seinen Sieg auszubringen.

Auf diesen Augenblick hatte ich nur gewartet. Denn ich wußte, die Russen hatten ihren Mut mit Schnaps angefeuert, und es mußte beim Siegesgeschrei der Tausende und Tausende von Soldaten eine Wolke von Alkoholgasen in der Luft entstehen, und diese Wolke konnte ich mit einem einzigen Streichholz in Brand setzen.

So war es auch. Das erste Hurra ließ ich sie zum Vergnügen schreien. Aber bei dem zweiten Hurra wäre ich beinahe selbst erstickt, -- so sehr stank die Luft nach Alkohol.

Kaum flackte das Streichholz auf, so entzündete sich über dem Meer die Alkoholwolke, und eine Flamme pflanzte sich fort von Schiff zu Schiff; Mannschaften und Schiffe, vom Alkoholdunst erfüllt, explodierten unter Gekrach. Später sagten die Russen uns nach, wir hätten mit Stinkbomben geschossen und mit griechischem Feuer. Und es war doch nur ihr Alkoholatem, der die ganze Flotte verbrannt hat, als ich mein Streichholz anzündete.»

«Ja, sag mir aber», fragte mißtrauisch und kleinlich der Spielzeughändler, «sag mir, Kriegskamerad, wie konntest du die Streichholzschachtel trocken erhalten, als du von deinem Schiff nach Port Arthur geschwommen bist?»

Auch der Schilfmattenhändler nickte heftig und ungläubig und bezweifelte gleichfalls, daß eine Streichholzschachtel beim Schwimmen trocken bleiben könnte.

«Habe ich euch denn nicht gesagt», fuhr der Kohlenhändler sie grob an, «daß ich an diesem Morgen Sehnsucht nach meinem Weib hatte? Wißt ihr nicht, was Sehnsucht bedeutet? Sehnsucht haben heißt so heißes Blut kriegen, daß alles ringsum verdorrt.»

«Ja, dann verstehen wir, daß deine Streichholzschachtel im Gürtel nicht naß wurde, wenn du Sehnsucht nach deinem Weib hattest, Kriegskamerad», nickten der Spielzeughändler und der Schilfmattenverkäufer dem Holzkohlenhändler zu.

Der Vollmond war inzwischen langsam aus dem Schilf gerollt, betrachtete sich breit lachend die drei Überhelden und erzählte die Geschichte in ganz Japan weiter.

Das Abendrot zu Seta

Ein japanischer Winter am Biwasee ist nicht so kalt und nicht so schneereich wie die meisten deutschen Winter, aber doch liegt oft fußhoch eine weiße Schneerinde am Seerand, auf den Hausdächern und in den Gabeln der Bäume. See und Himmel sind dann vom Winterdunst eingewickelt. Der See liegt wie ein dunkles Zelt im Nebelrauch, und wie weiße Insektenschwärme kommen die Schneeflocken an. Ihr kreiselnder Tanz im Wind ist im Wintertag das einzige Leben am See, dessen Spiegel blind ist, auf dem sich kein Segel zeigt, dessen Schilffelder abgemäht sind, und der einer Wüste aus grauem Basalt ähnelt.

Die Japaner tragen in der weißen Jahreszeit drei bis vier wattierte graue und bräunliche Seidenkleider übereinander. Sie kennen keine Öfen. Nur eine kleine Kohlenglut in einem Messingbecken wärmt die hingehaltenen Fingerspitzen. Aber die Japaner haben viel Eigenwärme in sich. Sie sind gewöhnt an den Verkehr mit offener Luft in luftreichen, leichten Bambusholzhäuschen, hinter dünnen Papierwänden und Papierscheiben, gekleidet in den drei anderen Jahreszeiten in luftige Seiden und Kreppstoffe und eingehüllt in das bequeme Schlafrockkostüm, das den Gliedern Spielraum zu Eigenbewegung läßt. So sind sie ein gesundes warmblütiges Volk geblieben. Die Seele der Japaner ist ebenso warmblütig wie ihre reinlichen, gutgelüfteten und leeren Papierzimmer. Keine Möbelstücke sind in ihren Zimmern, der saubere Strohmattenboden des Gemaches muß alle Möbel ersetzen. Er stellt Tisch, Stuhl, Sofa und Sessel dar, ist handdick, aus dünnstem, feinstem Rohrmattengeflecht, ist nachgiebig, leicht elastisch, und du darfst ihn nur mit Strümpfen, nie mit Schuhen betreten. In diesen leeren Gemächern, deren Wände leicht getönte Bambusstrohfarbe, mehlweißes Papier oder gelbliche Naturhölzer zeigen, hebt sich das Menschenantlitz ab wie ein Porträt auf ungestörtem Hintergrund; und die Gesten der Menschen, in diesen leeren Gemächern, werden in den kleinsten Bewegungen wichtig und bleiben deiner Erinnerung eingeprägt, wie die Schriftzüge auf weißem Papier.

Als farbiger natürlicher Zimmerschmuck stehen in den offenen Schiebetüren die Ausblicke auf die maigrünen, sommergelben, herbstbraunen und winterblauen Landschaftsbilder, der Flug vorüberziehender Vögel, wandernde Wolken und Menschen. Unwillkürlich befürworten die leeren, farblosen Gemächer die Liebe zur farbigen Außenwelt. Die Welt, die immer im Türrahmen erscheint, wenn eine Schiebetür sich öffnet, wirkt im leeren Zimmer doppelt lebhaft als Landschaft oder als Mensch, der zu Besuch kommt; jeder Mensch wird zum lebenden Bild, wenn er sich zu dir auf die Leere der Diele zwischen die leeren Wände setzt. Man kann sich leicht denken, daß sich dann alle Landschaftsreize steigern und den Hausbewohnern so wichtig werden wie einer europäischen Hausfrau die Möbelstücke.

In den leeren Gemächern von Seta am Biwasee ist das Abendrot vor den Türen zu Seta eine Berühmtheit geworden, und das Abendrot von Seta gesehen haben, ist wie Bienenhonig dem Ärmsten und verspricht dir noch nach langen Jahren einen sanften Tod. --

In Seta lebte die Frau eines verarmten Adligen. Ihr Mann war im Krieg gegen die Europäer gefallen, ebenso ihre zwei Söhne. Diese Frau reiste öfters im Sommer oder im Frühling zur Kirschblütenzeit nach Kioto oder nach dem Wallfahrtsort Nara oder nach den heiligen Tempeln von Nikko, um dort im Gebet, in den Tempeln, an heiligen Orten ihrem Mann und ihren zwei Söhnen näher zu sein.

In Kioto, im Tempel der fünftausend Kriegsgenien, stehen in den zehn langen Reihen je fünfhundert aufrechte goldene Götter. Jeder Gott hat zwanzig bis dreißig Arme, schwingt Speere und Schwerter; und man sagt: sollte Kioto einmal von Feinden angegriffen werden und in höchster Not sein, dann ziehen die fünftausend Götter aus der langen hölzernen Tempelhalle aus und werden die alte Kaiserstadt verteidigen.

In diesen Tempel ging die verwitwete Frau am liebsten, denn dort traf sie im Gebet ihren Mann. Wenn sie vor den fünftausend Götterbildern niederkniete, sprach er in ihr Ohr wie ein Lebender.

Die feuerrote düstere und fensterlose Lackhalle, darinnen die fünftausend goldenen Götter nur von den riesigen offenen Türen beleuchtet wurden, gab der Witwe ein aufregend wohliges Gefühl. Wenn sie über die hunderttausend goldenen Speere und Schwertspitzen schaute, glaubte sie ein Kriegsgetümmel vor sich zu sehen. Von den zehn Reihen der Götter steht immer eine Reihe höher hinter der andern, so daß man sich vor einem Berg von Lanzen, Schwertspitzen, goldenen Armen und goldenen Heiligenscheinen befindet, als strömten dir goldene Götterscharen bergab entgegen.

Als die Frau eines Tages wieder im Gebetstaumel die Halle verließ, sah sie draußen auf dem Bretterweg, der an der hundert Fuß langen Halle entlangführt, einen Mann stehen, der sich, wie das die Japaner öfters tun, hier im Bogenschießen übte. Der Mann glich auffallend ihrem toten Gatten. Am einen Ende des Bretterwegs stand der Schütze mit dem altmodischen, mannsgroßen Bogen, am andern Ende des Bretterwegs war die weiße Scheibe angebracht, und an der ganzen Tempellänge entlang surrte der Pfeil des Schießenden. Trotzdem jetzt allgemein das Gewehr in Japan eingeführt ist, üben sich einige Japaner noch zum Vergnügen im Bogenschießen, und besonders ist der Bretterweg am Tempel der fünftausend Kriegsgenien ein beliebter Übungsplatz in Kioto.

Die Frau zitterte vor Erregung, als sie den Schützen sah, der das getreue Abbild ihres gestorbenen Mannes war. Ihr Auge hatte einen unwiderstehlichen, leidenschaftlichen Ausdruck, und ihr ganzer kleiner Körper wurde wie ein Stück Magneteisen und zog den Mann nach sich, den sie anschaute.

Sie blickte den Schützen an, trat rückwärts wieder in die Tempelhalle zurück und ging an der untersten Reihe der Genien entlang, genau wissend, daß der Schütze Bogen und Pfeile wegstellen und ihr nachfolgen müßte. Sie kam in das dunkle Ende der Halle, wo Holztreppen ähnlich Leitern, verstaubt, uralt und düster, zu einer dunkeln Holzgalerie führen, die sich hoch unter dem Dach des Tempels über den fünftausend Genien hinzieht. Der Mann, der ihr gefolgt war, kam leise die dunkle Stiege herauf. Sie kauerte auf der obersten Stufe nieder und wollte ihn an sich vorübergehen lassen.

«Deine Augen können surren wie Pfeile», sagte der Mann und blieb neben ihr stehen.

«Du siehst meinem verstorbenen Mann ähnlich», sagte die Frau. «Deswegen habe ich dich angesehen.»

Der Mann atmete schwer. Er senkte den Nacken und flüsterte rasch:

«Wenn dich dein Mann so gern umarmt hat, wie ich dich jetzt hier umarmen möchte ...»

Er sprach den Satz nicht fertig, faßte die Frau flink, wie ein Affe eine Äffin, und die harte Tempeldiele wurde ihr Liebeslager.

Danach sagte die Frau leise:

«Was haben wir getan? Wir sind im Tempel der fünftausend Genien!»

«Wollust schändet keinen Tempel», antwortete der Mann. «Fünftausendmal will ich dich hier umarmen. Fünftausendmal wollen wir uns hier treffen.»

Die Frau schauderte vor Glück. In die geheimnisvolle Tempelluft und Tempeldunkelheit schienen außer den fünftausend Kriegsgöttern fünftausend Liebesgötter eingedrungen zu sein. Und sie sagte zu dem Mann:

«Wir wollen nicht wissen, wie wir heißen, wir wollen nicht wissen, wo wir wohnen. Wir wollen nicht verabreden, wann wir uns treffen. Wir wollen es den fünftausend Genien überlassen, daß sie unsere Wege zusammenführen. Und immer, wenn wir uns zusammenfinden, wollen wir nichts besprechen und nichts fragen und uns nur umarmen, wie wir uns hier umarmt haben.

Ich will nicht wissen, ob du ein wirklicher Mensch bist, oder nur eine Erscheinung, ähnlich meinem Mann. Ich will dich genießen wie die Abendröte, die jetzt über die Türschwelle dort tritt, und die wirklich und unwirklich ist zugleich.»

Die beiden hielten ihre Verabredung. Die Frau änderte nicht ihre Reisen und ihre Wallfahrten nach den andern Wallfahrtsorten. Und nachdem sie monatelang in Kioto täglich zu den verschiedensten Stunden den Tempel der fünftausend Genien besucht und täglich den Schützen dort getroffen, umarmt und geliebt hatte, reiste sie nach dem Wallfahrtsort Nara, ohne ihrem Geliebten bei ihrer Abreise ein Wort zu sagen.

In Nara war es Hochsommer. Die Wiese vor dem großen Zedernwald, darauf die feuerrote sechseckige Pagode steht, war umwimmelt von weißen, blauen und gelben Schmetterlingen. Im Wald bei den rotbraunen senkrechten Zedernstämmen stehen, dichtgedrängt wie Grabdenkmäler in einem Kirchhof, Steinlaternen in Gruppen und Gassen und begleiten alle Waldwege, dichtgedrängt wie versteinerte Völker. Schwarzbronzene Hirsche, von Künstlern als Statuen gegossen, ruhen auf Steinsockeln. Aber auch Hunderte von lebenden Rehen und Hirschen gehen in großen Rudeln zahm auf allen Wegen, zahmer als Hühner in einem Hühnerhof.

Als jene Frau mit dem Bahnzug nach Nara kam, stand ein großes Gewitter über dem Wald. Aber sie fürchtete sich nicht, nahm am Bahnhof einen Rikschawagen, fuhr bis zum Eingang des Waldes und schickte den Wagen zurück.

Hier in Nara betete die Frau meist zu ihrem ältesten Sohn und kniete viele Stunden in der Halle des großen Daibutsu, welches eines der riesenhaftesten Buddhabilder Japans ist.

In einem roten mächtigen Holzbalkenhaus sitzt der haushohe Buddha, alt und schwerfällig geschnitzt, bräunlich vergoldet auf einer ungeheuern Lotosblume. Sein runder Kopf reicht bis unter das Dach des Tempels. Drei haushohe Flügeltüren stehen offen. Aber das Licht von den Wiesen draußen kann den mächtigen Kopf, der bis in die Dämmerung des Dachstuhles reicht, kaum erhellen.

Die Frau war in den Tempel getreten, kniete auf den Strohmatten nieder und vertiefte sich in ein stilles Gespräch mit ihrem verstorbenen ältesten Sohn. Da rollte der ferne Donner und war wie die näherkommende Stimme eines Gottes über ihr. Die schwüle Gewitterluft machte die große, dunkle Tempelholzhalle noch dumpfer, und der Geruch des Räucherwerkes und der Geruch der alten sonnengewärmten Holzbalken wurden der knienden Frau wie eine Last, als ob sich der schwere mächtige Buddha über sie böge. Und sie mußte an den Mann denken, der sie Tag für Tag in Kioto im Tempel der fünftausend Genien umarmt hatte.

Der Regen prasselte jetzt draußen auf das Tempeldach und auf die ungeheure Holzgalerie vor dem Tempel. Ein Blitz flog herein, und der große goldene Buddha erschien für den tausendsten Teil einer Sekunde hell bis unter das Dach.

«Ist es wahr, Gott», dachte die Frau, «daß die Wollust den Tempel nicht schändet, so laß den Mann aus Kioto eintreten und mich in Nara hier bei dir wiederfinden.»

Über die Holzgalerien draußen kamen jetzt Hunderte von Schritten, Schritte über die Wiesenwege, Menschenstimmen aus den Wäldern, Männer, Frauen und Kinder, lachend und kreischend, die, vor dem Gewitter flüchtend, in die Halle des großen Daibutsubildes eindrangen.

Die kniende Frau wollte wieder zu ihrem Sohn beten. Aber der Lärm des Regens, der vielen humpelnden Füße von Wallfahrern und der Menschenstimmen zerstreute sie, so daß sie unter die Gruppen der Leute an eine der offenen Türen trat und dem Sturzregen zusah, der die Landschaft in einen weißen Nebel hüllte.

Blitz um Blitz blendete sie, daß sie sich von der Türe weg gegen die Gesichter der Menschen wenden mußte, von denen einzelne Gruppen, weiß im finstern Tempel, bei jedem Blitz aufleuchteten.

Neben einer kleinen Frau und umgeben von einer Schar von Kindern, entdeckte sie plötzlich einen Mann, der ihrem Sohn, zu dem sie eben gebetet hatte, ähnlich sah. So müßte ihr Sohn jetzt aussehen, so seine Frau und seine Kinder, wenn er jetzt lebte und glücklich wäre.

Bei dem zweiten Blitz aber erschrak sie. Es war nicht mehr das Gesicht ihres Sohnes. Es war jener Mann aus Kioto mit seiner Familie, die hier vor dem Gewitter in den Tempel geflüchtet waren. Bei dem dritten und vierten Blitz erkannte sie ihn deutlich und sah weg.

Sie schlug rasch ihren kleinen Fächer auf, versteckte ihr Gesicht dahinter, drängte sich aus dem Tempel hinaus und eilte mitten in den prasselnden Regen den Hügelweg hinunter in die graue, dampfende Sommerlandschaft. Weit weg stellte sie sich unter einen Zedernbaum, versteckt hinter einer Steinlaterne. Ihr Haar war vom Regen aufgelöst, ihr Fächer aufgeweicht. Sie hatte ihre Schmucknadeln aus dem Haar verloren, ihr seidenes Festkleid klebte an ihr wie eine Fischhaut. Sie weinte und weinte. Sie hatte doch nicht wissen wollen, ob der geliebte Mann verheiratet wäre, ob er eine Familie hätte. Sie hatte diesen Geliebten zu einem Gott, zu einer Erscheinung machen wollen, zu einer wollüstig gruseligen Tempelvision. Sie hätte sich gern blind geweint, um das Bild aus ihren Augen auszulöschen und den Schützen aus dem Tempel der fünftausend Genien nicht als Gatten und Familienvater sehen zu müssen.

Der Platzregen ließ nach, und die Spitze der roten sechseckigen Pagode, über den noch regendampfenden Wiesen, schien im Abendrot Feuer zu fangen. Das Abendrot ging durch die Wiesendämpfe, färbte die Zedernstämme rot, die Scharen der grauen, moosigen Steinlaternen braun wie Kupfer.

Das Abendrot beruhigte die Frau und gab ihr wieder den Glauben an inbrünstige Ungeheuerlichkeiten. Sie lächelte und fühlte sich rot durchtränkt von dem abenteuerlichen Licht und sagte ganz einfach:

«Die Blitze haben gelogen. Der Mann im Daibutsutempel eben war nicht der Mann aus dem Tempel der fünftausend Genien, den ich wie die Abendröte mit Inbrunst liebe. Er kann nicht zugleich hier und in Kioto sein, wo ich ihn gestern verließ, ohne ihm etwas von meiner Reise nach Nara zu sagen.» Aber sie getraute sich doch nicht, noch einmal zum Daibutsutempel zurückzugehen; und sich zu überzeugen, fehlte ihr der Mut.

Die Frau warf ihren zerknitterten Fächer fort, strich ihre Frisur glatt, schob ihren Gürtel zurecht und machte sich gesittet auf den Heimweg zum Bahnhof von Nara.

Sie reiste durch Kioto, ohne den Tempel der fünftausend Genien aufzusuchen, und ging nach Seta in ihr Haus zurück, tagsüber gepeinigt von dem Gedanken, daß der Mann, den sie in Kioto liebte, Frau und Kinder hätte. Sie wurde nur am Abend erlöst von dem fantastischen Abendrot, das sich über Seta in den wunderbarsten Blutlinienwellen hinzieht, so daß alles Unwahrscheinliche wahrscheinlich wird, so daß die Bäume blutrot wie Korallenwälder werden und die Hügel wie die Brüste und Körperlinien hingelagerter Männer und Frauen, als sei die Erde hier am Abend zu Menschenfleisch und Menschenblut geworden und kenne nichts als umarmende Wollust und Liebe. Die untergehende Sonne am Himmel ist dann in ihrer Röte nur wie eine kleine Kerze in einem roten Gemach, in dem sich zwei umarmt halten, wo das Licht keinen Sinn hat und keinen Wert, weil die zwei, von Leidenschaft entbrannt, sich mit geschlossenen Augen ohne Licht sehen.

Im Abendrot wurde der Biwasee rotgoldig glitzernd und wie von fünftausend goldenen Lanzenspitzen und goldenen Heiligenscheinen bewegt. Die Diele und die Wände im Hause jener Frau wurden düsterrot, als wären sie die uralten, düsterroten Balken des Genientempels in Kioto, als wäre in dem Hause der Frau irgendwo die geheimnisvolle, rote Balkentreppe, wo sie in der roten Tempeldunkelheit, auf der obersten Stufe, hinter dem hohen Geländer, Tag für Tag den Mann treffen könnte, der sie wie das Feuer der Abendröte schnell umarmte und nach der Umarmung wie die Abendröte in das Unbekannte wieder versänke.

In den kältesten Wintertagen konnten die Bewohner von Seta jene Frau zur Spätnachmittagstunde an dem geöffneten Fenster sehen, das auf das flüchtige Winterabendrot hinaussah, -- die Frau, die einen kleinen Fächer schwang, als wäre es ihr heiß im Abendrot, trotzdem der Schnee auf dem Geländer des Altans lag und auf den Dächern der Holzhäuser von Seta.

Auch wenn die Abendsonne im Winternebel keine Kraft zum Röten des Himmels hatte und nur wie ein kleiner Tropfen roter Kirschsaft das weiße Laken des Himmels betupfte, saß die Frau zwischen den zurückgeschobenen Papierwänden ihres Teezimmers und fächelte sich, als müßte sie das Abendrot mit jedem Fächerschlag anschüren.

Der Frühling kam, und die Frau fürchtete sich immer noch vor einer Begegnung mit dem geliebten Mann und vor einer Enttäuschung. Sie beschloß eine große Reise zu den Tempeln von Nikko zu machen, im Norden Japans, um dort zu ihrem zweiten Sohn zu beten.

Die kurzweilige Bahnfahrt dorthin zerstreute sie, und sie lachte sich unterwegs wegen aller ihrer Zweifel aus und war schon, ehe sie nach Nikko kam, ganz im klaren, daß der Mann in Nara niemals der Mann von Kioto sein könnte, daß sie sich einfach in der Ähnlichkeit getäuscht hätte. Und sie nahm sich vor, so bald sie von ihrer Wallfahrt nach Nikko wieder zurückkäme, wollte sie den Tempel der fünftausend Genien wieder aufsuchen und versuchen, den Schützen zu treffen, der ihr versprochen hatte, sie fünftausendmal zu umarmen.

Das Rasseln der Eisenbahnräder, das Vorüberfliegen großer Plakatfiguren: gemalter Männer und Frauen, die an den Bahngeleisen amerikanische Fahrräder, deutsches Bier, englische Grammophone anpriesen, das eilige Leben in den eisernen Bahnhofhallen, alle die vorüberhastenden Eindrücke gaben der entmutigten Frau neuen Wirklichkeitsmut, und sie begann sich innerlich zu verspotten und bedauerte den langen Winter, der damit vergangen war, daß sie sich nur vom Abendrot in Seta, aber nicht von ihrem Geliebten hatte umarmen lassen.

Die schieferblaue Bergwelt von Nikko mit einer Silbersonne über den silbernen Kiesbächen, mit blausteinigen Schluchten, deren Ränder von schwarzen zerzausten Kryptomerien umstanden sind, tauchte auf. Das liebliche Japan war verschwunden, und ein heroisches Japan lag hier, mit nasser Felsenschlucht, mit senkrechten weißen Wasserfällen unter einer Sonne, die einem weißen Metallspiegel glich. Wie kupferrote Wimpel hing das rotblättrige Frühlingslaub der Ahornbäume über den Gebirgswegen. Hie und da blühten auch ein paar rosige wilde Kirschbäume und an der Sonnenseite der Abhänge ganze Wälder von rosigen Kamelienbäumen.

Das Bergwasser der Nikkoschlucht aber glitzerte, als wäre es die eherne Kette eines Rosenkranzes, daran Tausende von Gebeten gebetet werden.

Die Frau suchte die Tempel auf, die auf grünen, dunkeln Waldterrassen mit blaubronzenen Dächern und rotem Gebälk wie verwunschene Waldschlösser unter bärtigen, tausendjährigen Kryptomerienbäumen liegen.

Viele Tempelwände sind mit kopfgroßen Chrysanthemumblumen aus erhabener Perlmutterarbeit geschmückt und leuchten in sieben Regenbogenfarben. Auf andern Wänden sind aus goldenem Lack in Relief erhabene goldene Löwen und goldene Tiger in springenden Stellungen gearbeitet. Auf andern aus rotem Lack rote Fasanen, aus grünem und blauem Perlmutter Pfauen, aus Elfenbein weiße Kaninchen und weiße Rehe und ganze Elfenbeinwände voll von weißen und bläulichen Päonien, umgeben von Schmetterlingsscharen aus Perlmutter.