Die acht Gesichter am Biwasee: Japanische Liebesgeschichten
Part 7
Oizo schlug sich mit der Hand vor die Stirn und lachte:
«Also dieser Baum und dieser Hügel sind gar nicht in Katata? Und nur die Wildgänse fliegen hier vorüber im Frühling und im Herbst?»
«O ja», sagte Graswürzelein nachdenklich. «Der Baum lebt wohl hier irgendwo und der Hügel auch irgendwo, denn nichts ist Zufall auf der Welt. Es war auch kein Zufall, daß ich das Feuer damals schlecht schürte, und daß die Vase schlecht trocknete. Nichts ist Zufall, sagen die Götter hier bei uns in Katata.»
Und während Graswürzelein das sagte, öffnete sie die Feuerluke, zerschlug den Krug am Boden, auf den sie das Schriftzeichen gemalt hatte, sammelte die Scherben und warf sie ins Feuer.
«Was machst du da?» sagte Oizo verblüfft.
«Ich habe zuviel geredet, und das ärgert mich», sagte Graswürzelein. «Deshalb zerbrach ich den Krug.»
Der Maler verstand sie nicht, reichte ihr ein Geldstück hin und sagte:
«Nimm dies einstweilen als Dank für deine Aufklärung. Ich gebe dir später mehr, wenn mir der Kaiser den Wildgänsesaal bezahlt hat.»
Und Oizo ging und packte seine Zeichnungen ein, um am nächsten Morgen nach Kioto zu reisen.
Aber Graswürzelein warf, als er sich abwandte, das Geldstück in das Feuer des Ofens, geradeso, als wäre es eine Tonscherbe. Und als ihr Oizo Lebewohl sagte und ihr nochmals dankte, sagte sie:
«Warum soll ich dir Lebewohl sagen! Ich weiß ja doch, daß du wiederkommen mußt.»
«Das wäre nur ein Zufall, wenn ich wiederkäme», sagte Oizo.
«Die Götter von Katata kennen keinen Zufall», murmelte Graswürzelein und blies in das Feuer. --
Der Maler ging nach Kioto und malte den Saal nach dem Gedankengang des Schriftzeichens auf silbergrauen Grund: den dämmernden Baum im Abend, die Hügellinie und grau und weiß die große Zackenschleife in der Luft, welche die fliegenden Wildgänse beschreiben.
Wie Oizo noch am Malen war, kam einer seiner Kameraden, ein anderer Maler, der auch draußen in Katata gewohnt hatte, und lachte ihn aus, weil er sich immer so geheimnisvoll in den Saal einschloß, den er malte, und die andern nicht wissen lassen wollte, wie der Schriftzug des Gänsefluges hieße.
«Du machst dich lächerlich, daß du dich hier einschließt und nichts von der Welt wissen willst als nur deine Malerei. Komm heute abend mit mir in die Theaterstraße von Kioto. Ich verspreche dir, daß ein Besuch in der Theaterstraße deiner Malerei mehr nützen wird, als du glaubst.»
Oizo, der die Aufrichtigkeit seines Freundes kannte, gab diesem nach und ging mit ihm schweigend in der Nacht vom Bergtempel hinab über die Brücke in die Stadt zur Theaterstraße, wo erleuchtete Budenreihen und farbige Lampen waren und große Leinwandmalereien in der Nachtluft wie Fahnen flatterten und Szenen aus den Theaterstücken schilderten.
Verblüfft blieb Oizo am Eingang der Straße stehen. Da war ein Papierlaternenverkäufer. Der hatte Lampen aus ölgetränktem Pflanzenpapier, und auf jeder Lampe war das Schriftzeichen des geheimnisvollen Gänsefluges gemalt, das er aus Katata mitgebracht hatte, das Schriftzeichen der Wildgänse, des Hügels und des Baumes, von dem er geglaubt hatte, daß es nur allein ihm, der Tochter des Töpfers und der Prinzessin bekannt sei.
Oizo schwieg und verbiß sich sein Erstaunen und dachte an irgendeinen spitzbübischen Verrat.
Nun kamen sie weiter, sein Freund und er, zu dem größten Theater in der Mitte der Straße. Da zeigten auch die Theaterbilder außen an der Zeltbude rund um die Zeltwand den Flug der Wildgänse. Zugleich kam ein Straßenverkäufer zu den beiden Malern und bot ihnen ein Spielzeug an: aus Seidenwatte gearbeitete kleine Wildgänse, die an einer Seidenschnur hingen und, durch die Luft geschleudert, in Schleifenform dahinflatterten. Ein Perlmutterarbeiter zeigte ihm Lackkästchen, darauf der Flug der Wildgänse über Baum und Hügel ging, und alle diese Dinge prägten das Schriftzeichen aus, das wie eine Liebeserklärung jene Worte sagte:
Ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst mich nicht, weil du fortsiehst.
Ganz verstört, schwieg Oizo immer noch. Seine Stirn verfinsterte sich, und er blieb im Menschengedränge stehen und wollte seinem Freund entlaufen. Dieser hielt ihn am Ärmel fest und rief ihm zu:
«Laß dir doch erklären, woher ganz Kioto den Flug der Wildgänse und das Bild, das du malen willst, kennt.
Du weißt, ich wohnte in Katata bei einem Fruchthändler. Dessen Tochter brachte mir eines Tages in einer Porzellanschale einen kleinen Zwerggarten in mein Zimmer. Darin blühte ein ganz winziger Kirschbaum. Der Baum war nicht höher, als mein halber Arm. Hinter dem Baum war ein künstlicher Hügel aus Erde. Diesen kleinen Garten stellte sie am Abend hinter einen weißen Papierschirm, auf welchem mit schwarzer Tusche kleine Wildgänse im Schleifenflug gemalt waren. Sie zündete eine Lampe hinter dem Schirm an, so daß der Schatten des Zwerggartens, des Baumes und des Hügels, auf den weißen Schirm fiel und sich darauf abzeichnete und Garten und Gänse ein einziges Schattenbild zu sein schienen. Aber zugleich konnte man das Ganze auch für ein Schriftzeichen halten.
Ich verstand sofort, daß sie mich liebte, und daß dieses Bild eine Liebeserklärung sein sollte.
Ich kümmerte mich nicht um ihre Erklärung, nachdem ich den gesuchten Wildgänseflug von Katata, der eine Liebeserklärung darstellt, so deutlich gesehen hatte, daß ich ihn malen konnte.
Ich wollte am nächsten Tag abreisen, ging aber am Abend noch ins Teehaus, wo ich fünf von unseren Malern traf. Dem einen hatte eine Tänzerin den Wildgänseflug von Katata bereits erklärt, dem andern ein Fischermädchen, bei dessen Vater er wohnte, dem dritten und vierten und fünften andere Mädchen von Katata, so daß wir alle merkten: das Schriftzeichen des Gänsefluges war ein öffentliches Geheimnis der jungen Mädchen in Katata und wurde immer angewendet, als Zeichnung auf einer Vase, als Wandschirmbild und so weiter, wenn ein Mädchen von Katata einem Manne eine Liebeserklärung machen wollte.
Wir hatten das bis damals in Kioto nicht gewußt. Aber jetzt kennen das Schriftzeichen des Wildgänsefluges von Katata alle Kinder von Kioto, weil alle Maler das Geheimnis hier verbreitet haben, alle, die in Katata waren. Auch der kaiserliche Hof weiß es längst, und die junge Prinzessin ist bereits von dem ganzen Hof als lächerlich erklärt. Der Kaiser und die Kaiserin sollen sehr ärgerlich sein, und du selbst wirst deinen Kopf verlieren, wenn du den Saal fertig gemalt hast und dir einbildest, von der Prinzessin geliebt zu sein.»
Oizo dachte einen Augenblick nach, dann lachte er und sagte:
«Da ich die Prinzessin nicht liebe, wird mir der Hof doch nicht böse sein, weil ich den Wildgänseflug mit Lust an meiner Malerei malen wollte, und nicht mit Lust an der Liebeserklärung des Schriftzeichens.»
«Doch, doch», sagte sein Freund. «Du mußt fliehen, du mußt dich verstecken, bis der Tempel eingeweiht ist. Man wird den Saal der Prinzessin verschlossen halten und garnicht zeigen. Aber du mußt fortbleiben, bis man die Liebeserklärung der Prinzessin vergessen hat.
Ich rate dir, nimm ein Segelboot und halte dich einen Monat lang auf dem Biwasee versteckt. Auf dem weiten Wasser draußen wird dich niemand suchen, und du kannst den Booten ausweichen.»
«Ich trenne mich nur schwer von meiner Malerei», sagte der Maler Oizo. «Aber du hast recht. Ich will fliehen und will mich verstecken, bis der Saal der Prinzessin vergessen ist.»
Oizo verließ Kioto noch in derselben Nacht, kaufte sich ein Boot, das er mit Nahrungsmitteln versah, und zog dann hinaus auf den See.
Aber die Tage waren unfreundlich: es war Vorfrühling. Viele Tage lang lagen die Nebel wie Binden vor Oizos Augen, und er sah nichts und hörte nichts im Nebel als das Knirschen seines Bootes.
Eines Tages ließ er sein Boot treiben und sagte zu sich: «Ich will aussteigen, wo das Boot landet. Wenn ich nicht malen kann, tötet mich die Langeweile. Ich will wenigstens wieder einmal malen dürfen. Und wo jetzt das Boot landet, weiß ich auch, werde ich ein Bild finden, das mir längst in der Seele vorgeschwebt hat.»
Das Boot des Malers trieb im Abend an den Strand von Katata.
«O, unglücklicher Ort», sagte Oizo. «Soll ich also wirklich das Bild vom Flug der Wildgänse noch einmal malen? Ich will noch abwarten und sehen, was mit mir geschieht, wenn ich ans Land steige. Die Götter haben das Boot gelenkt, die Götter werden auch meine Schritte lenken.»
Der Maler stieg ans Land und ging über den leeren Strand, auf dem kein Schilf wuchs, sondern nur die gelben Schilfstoppeln vom Vorjahr standen.
«Hier sang das Schilf im Vorjahr, als ich fleißig war und Fische malte. Jetzt ist der Strand faul und tot, vom Winter verdammt, so wie man mich zur Faulheit verdammt hat.»
Plötzlich bückte sich der Maler und hob eine unscheinbare Seemuschel auf, die blau irisierend und rot irisierend mit weißer Innenschale und schwarzer Außenschale wie eine Blume hier zwischen den leeren Kieselsteinen am Strand leuchtete. Oizo wendete die Muschel in der Hand hin und her, schüttelte den Kopf, hielt die Hand an die Stirn und dachte nach und meinte zu sich:
«Wo habe ich nur diesen blau irisierenden Schein neben dem rot irisierenden Feuerschein hier in Katata schon einmal gesehen? Ich weiß gewiß, daß es in Katata war, wo ich diese beiden Farben unvergeßlich nebeneinander sah.»
Wie er noch dachte und seinem Gedächtnis noch nicht auf den Grund kommen konnte, kam ein japanisches Mädchen hügelabwärts zum Seewasser hin. Sie trug auf dem Kopf einen flachen Korb und schüttete den Inhalt des Korbes, der wie Erde aussah, ungefähr zwanzig Schritte von Oizo entfernt in den See.
«Was machst du da?» rief der Maler ihr zu.
Das Mädchen sah sich nach ihm um, streckte plötzlich die Arme von sich, stieß einen zischenden Schreckenslaut aus, als ob sie einem Geist oder einem Gott ins Gesicht sähe, hüllte ihr Gesicht in ihre Ärmel, kniete am Seerand nieder und steckte ihren Kopf ins Wasser.
Oizo rief: «Haben denn die Götter dir deinen Verstand genommen, weil du dich ertränken willst, Mädchen?»
Oizo sprang hin, und als er näher kam, sah er, daß das Mädchen sich eifrig das Gesicht wusch, und er erkannte an der einen Gesichtshälfte, die noch voll Ruß war, die Tochter des Töpfers, Graswürzelein, die aus dem Brennofen ihres Vaters die Asche in einem Korb an den See getragen hatte.
«Was machst du da?» fragte Oizo noch einmal. «Ich hätte dich beinah nicht erkannt, Graswürzelein, weil du zur Hälfte schwarz und zur Hälfte weiß bist.»
Graswürzelein prustete das Wasser aus ihrer Nase, wusch sich die andere Gesichtshälfte rein, und während sie sich mit dem Innenfutter ihres Ärmels Gesicht und Hände trocknete, fuhr sie den Maler ärgerlich an:
«Ich wollte gar nicht, daß du mich erkennen solltest. Als ich dich hier so plötzlich am Strand stehen sah, nachdem ich die Ofenasche in den See geworfen hatte, und ich dir nicht ausweichen konnte, wollte ich mir den Ruß vom Gesicht waschen, damit ich dir unkenntlich bliebe. Denn du hast mich ja nur ein einziges Mal gewaschen gesehen.»
Und wirklich, Oizo konnte das weiß gewaschene Mädchen kaum erkennen.
«Du sagst, ich hätte dich einmal gewaschen gesehen? Ich habe dich immer nur schwarz gekannt.»
«Doch, doch», nickte Graswürzelein. «Erinnerst du dich nicht, Meister, da ich dir auf einer Tonvase den Flug der Wildgänse von Katata beschrieb? Erinnerst du dich nicht? Es war im Mondschein. Du saßt auf dem Altan und ich am Ofen im Hof.»
«Du warst rot und blau beschienen», sagte Oizo, «wie die Muschel hier, die mondblau und feuerrot in meiner Hand irisiert und leuchtet. Das ist das Bild, das ich hier malen will. Ich will dein Gesicht malen, blau vom Mond und rot vom Feuer beleuchtet. Und darum bin ich nach Katata gekommen.»
Graswürzelein lachte einen Augenblick. Dann aber wurde sie sehr ernst.
«Nein», sagte sie und schüttelte den Kopf. «Du darfst nicht mehr in unser Haus kommen. Ich habe das Feuer zu schlecht geschürt, so lange du da warst, und ich habe meinem Vater zu viele Tonvasen verbrannt.»
«Du hast noch einen Grund, den du nicht sagst», meinte Oizo. «Die Tonvasen will ich deinem Vater alle bezahlen, während ich dich male. Rede und sage deinen Grund, warum ich nicht mehr in dein Haus kommen soll?»
Graswürzeleins Wangen erröteten, und sie hielt rasch ihre Hände an die Wangen, um die Wangenröte mit den Händen zu verbergen.
Oizo sah staunend, wie schön das Mädchen war, und hörte, wie ihre Stimme wisperte und rhythmisch sang, während sie sprach, als ob das Schilf vom Vorjahr wieder um ihn sänge.
«Willst du nicht eine Bootfahrt mit mir machen, Graswürzelein? Es kommt eine lauwarme Luft über den See, und die Abende sind schon lang und hell. Ich glaube, die Wildgänse müssen bald wiederkommen.»
«Ja, bei den Göttern, das ist wahr», seufzte das kleine Mädchen. «Die Wildgänse möchte ich dir auf dem See zeigen, Meister.» Und ein Lachen blitzte in ihren Augen, so wie die nassen schwarzen Seekiesel blitzten. «Das ist die Luft der Wildgänse heute abend. Du hast sie nie vom See aus kommen sehen, Meister?»
«Nein, ich sah den Wildgänseflug nur vom Land, über Hügel und Baum.»
«Dann will ich ihn dir vom See aus zeigen», nickte das Mädchen eifrig; und ihr blasses Gesicht und ihre zitternden Hände redeten schnelle Sätze, die sie nicht aussprach.
Sie kletterte vor Oizo ins Boot, ergriff die Ruder und ruderte, ohne ein Wort mehr zu sprechen, lenkte das Boot, ohne den Maler zu fragen, wohin er wolle. Oizo fühlte und verstand natürlich an der Röte und Blässe des Mädchens, daß sie eine Herzensregung verbarg. Er blieb lautlos sitzen und horchte auf sein eigenes Herz, das ihm bis an den Hals schlug. Denn das Mädchen wurde in seinen Augen immer schöner, und er hätte es gern umarmt.
Der Biwasee lag wie Öl so glatt, und auch die Luft war wie Öl. Als legte man zwei Spiegel aufeinander, so lag der Spiegel des abendlichen Vorfrühlingshimmels auf dem Spiegel des Sees.
Graswürzelein legte plötzlich die Ruder ins Boot und sagte: «Still! Sie kommen!» Und gleich darauf wiederholte sie:
«Still! Sie kommen!»
Oizo wunderte sich, warum er denn still sein solle, da er nicht sprach. Er wußte nicht, daß seine Stimme fortwährend in den Ohren des Mädchens summte und ihr Blut unausgesetzt mit ihm redete.
Ihm selbst geschah jetzt das gleiche. Er fuhr auf und sagte:
«Still! Sie kommen!» Denn auch er hörte das Mädchen in seinem Blut reden, -- sie, die kein Wort sprach.
Dann war es, als wenn Ruderkähne hoch in der Luft mit großen Ruderschlägen herbeiführen, und als ob Mühlen sich drehten mit unsichtbaren Rädern. Und Laute, die nicht Musik, nicht Menschenstimmen und nicht Tierstimmen glichen, die aber feierliche Akkorde in die Stille über den See schufen, klangen irgendwo im unermessenen Abendraum, kreiselten, waren da, wurden im Abendgrau zu weißen fliegenden Erscheinungen, bildeten dann eine Kette über den Köpfen des Mädchens und des Mannes, zogen ein Spiegelbild im Wasser nach, wie eine Reihe weißer winkender Tücher. Die weiße Geisterkette beschrieb eine weiße Schleife am Himmel und eine weiße Schleife im Wasserspiegel und verrauschte wie ein musikalischer Windton und hinterließ Atemzüge von Befremdung, von Sehnsucht, als wäre die Luft mit unerfüllten Wünschen noch lange nach dem Vorbeizug der Wildgänse von Katata angefüllt.
Es war jetzt so dunkel auf dem See, als wäre die Dunkelheit wie ein zweites Wasser aus der Tiefe gestiegen und stünde über den Köpfen der beiden Menschen im Kahn. Es war nur noch ein Rest von der Tageshelle, klein wie ein durchsichtiges Ei, im Westen über dem Strand.
Oizo konnte nicht Graswürzeleins Gesicht sehen. Er tastete nach der Bank im Schiff, suchte ihre Hände, die er streicheln wollte. Aber sie hatte ihre beiden Hände in die weiten Ärmel ihres Kleides gewickelt, als hätte man ihr die Hände abgeschlagen.
«Gib mir deine Hände! Ich will sie dir wärmen, wenn du frierst. Oder fürchtest du dich vor bösen Seegeistern, daß sie dich an der Hand nehmen könnten? Hab keine Furcht, Graswürzelein! Du bist zu schön. Alle Götter müssen dich beschützen. Auch die bösen Götter werden gute Götter, wenn du sie ansiehst.»
«Was willst du von mir?» sagte das Mädchen. «Habe ich dir nicht den Flug der Wildgänse über den See gezeigt? Hast du nicht ihr Schriftzeichen lesen können, ihre Schrift aus Himmel und Wasserlinie?»
«Die Liebeserklärung?» fragte Oizo.
«Die Liebesabsage», flüsterte erregt und hastig die Tochter des Töpfers.
Und nun verstand Oizo, der Schriftzug hatte sich durch die Spiegelung, die im Seewasser dazu kam, in ein anderes Schriftzeichen verwandelt; und wenn die Mädchen von Katata dieses einem Liebhaber zeigten, so war er abgewiesen. Die Fluglinie der Wildgänse im Wasser und am Himmel, vom See aus gesehen, bedeutete in Sprachzüge übersetzt:
«Ich liebe nicht, daß du dich nach mir umwendest. Ich wende mich auch nicht nach dir um.»
Welch sonderbarer Zufall, daß der Wildgänseflug sich doppelt deuten ließ, je nachdem die Wasserspiegelungslinie sich einfügte oder nicht. Daß Graswürzelein ihn liebte und ihn nur necken wollte, als sie ihm die Absage gab und ihn vielleicht zur Annäherung reizen wollte, begriff Oizo sofort, denn die Luft um sie und ihn war wunderbar geschwängert von Verlangen und schweigender Zuneigung.
Ohne sich zu besinnen, legte er seinen Arm um das kleine Weib und fand keine Abwehr. Graswürzelein versteckte nur beschämt ihr Gesicht in des Malers Brustgewand.
Oizo erzählte ihr rasch:
«Du weißt nicht, Graswürzelein, daß ich wie ein totes Holz draußen auf dem See seit Tagen herumtreiben mußte, daß ich es endlich nicht aushalten konnte, daß mir das Land verboten war, weil ich vor der Liebeserklärung der Prinzessin fliehen mußte. Aber jetzt, seit ich die Doppeldeutung des Fluges der Wildgänse weiß, kann ich den Saal der Prinzessin fertig malen, wenn ich die Spiegellinie im Wasser hinzufüge. Und niemand im Land wird mehr sagen können, daß die Prinzessin sich lächerlich gemacht hätte, sondern daß sie sich unnahbar machen wollte, wie es einer Prinzessin geziemt. Alle sollen dann im Saal das Schriftzeichen lesen:
Ich liebe nicht, daß du dich nach mir umsiehst. Ich sehe mich auch nicht nach dir um.
Dann komme ich wieder und baue in Katata mein Haus. Und du sollst nicht mehr den Ofen deines Vaters schüren. Du sollst neben mir sitzen bei meinem eignen Feuer. Und ich will dich malen, immer wieder malen, in dem Kleide des Vorfrühlings, am Strand, im Haus, im Mond, im Wasser, am Feuer. Und alle sollen sagen: das ist das glücklichste Mädchen von Katata. Sie ist auf allen Bildern im Vorfrühling gemalt, zur warmen Abendstunde, in der man den Flug der Wildgänse erwartet und verliebt sagt, auch wenn niemand redet: _Still! Sie kommen!_»
Da wickelte Graswürzelein ihre Hände aus den Ärmeln und umschlang Oizo.
Von Ishiyama den Herbstmond aufgehen sehen
Unter den zehn Teehausmädchen im Teehaus von Ishiyama war «Hasenauge» eines der unscheinbarsten. Sie war nicht feurig, sie tanzte auch nicht sehr lebendig, sie schminkte sich unordentlich und trug die vier Schleppen ihrer vier Seidenkleider nicht in der richtigen Abstufung übereinander. Aber sie konnte Geschichten erzählen, kleine winzige Geschichten, die nur fünf Minuten dauerten, aber fünf Tage zum Nachdenken gaben. Deshalb war sie in aller Unscheinbarkeit eine Kostbarkeit für das Teehaus in Ishiyama.
«Hasenauge» kannte dreitausend Geschichten allein über den aufgehenden Herbstmond, der, von Ishiyama gesehen, als eines der herrlichsten Schauspiele über den Biwasee gilt.
Ich will drei dieser nachdenklichen Geschichten hier wiedererzählen, die alle den Herbstmond von Ishiyama teils als Hauptperson, teils als Hintergrund haben.
Stellt euch vor, wir hätten eben in einem der kleinen Gemächer, im ersten Stock des Teehauses, auf den geglätteten Strohmatten des Fußbodens, auf dünnen, nur fingerdicken seidenen Kissen an der Diele Platz genommen. Die Schiebefenster zum See sind weit offen. Hinter dem roten Lackgeländer der kleinen Veranda liegt die Seeflut, wie ein Wasser, das bis ans Ende der Welt reicht. Zu beiden Seiten der Fenster zischeln Wassereschen. Ihre Blätter sind in der Abenddämmerung lang und schmal und flirren wie Libellenschwärme vor dem perlmutterfarbigen Seeglanz.
Es liegen auch ein paar Hügellinien hinter den Bäumen, die sind im Abend wie grünliche Glasglocken. Der Himmel ist spinnwebgrau und scheint hinter einem Zipfel des Sees leicht zu brennen, wie wenn man ein Streichholzflämmchen an einen Schleier hält. Die Helle kommt vom aufgehenden Mond, den deine und viele Augen jetzt auf den Altanen der Häuser von Ishiyama erwarten.
Vor dir auf der Diele stehen offene Lackschachteln. In diesen sind gebackene Fische, Reis, Makronen, Wurzelgemüse und Geflügelstücke soeben heiß vor uns aufgetischt. Elfenbeinerne Eßstäbe liegen, wie lange Damenhutnadeln, daneben; und Hasenauge, welche dir Gesellschaft leisten soll, verpflichtet sich, dir eine ihrer Geschichten vom aufgehenden Mond zu erzählen, ehe das Essen kalt ist, ehe sich der Essensdampf verflüchtigt hat und ehe die große goldene Mondscheibe so hoch über den Seerand gestiegen ist, daß sie die Seelinie losläßt. Dabei sollst du dazwischen von den zwei Eßstäbchen, die sie ergreift, und aus der dünnen Porzellanschale, die sie mit Reis und anderen Speisen füllt, von Hasenauge selbst wie ein Kind immer mit ein paar Bissen gefüttert werden, und du bekommst aus einer Fingerhuttasse Tee und aus einer Fingerhuttasse Reisschnaps oder aus einem europäischen Glas japanisches Bier aus einer Flasche eingegossen, von bayerischen Brauern in Tokio gebraut. Vom Fenster kommt die Abendluft und der Fischgeruch des Sees herein, aber der parfümierte Puder von Hasenauges weißgetünchtem Gesicht ist stärker als der Seegeruch.
Hasenauge erzählt:
Der König hatte einst in Hakatate im Norden Japans einem Fischzug beigewohnt, bei dem man unter anderen großen Fischen auch ein Meerweib fing. Aber nicht eines jener guten Meerfräulein, die am Strand mit den Fröschen und Unken singen, sondern ein Tiefseeweib, das noch nie an der Wasseroberfläche gewesen war, das nie Land, nie Sonne, Mond und Wolken gesehen hatte.
Das gefangene Meerweib hatte einen mächtigen Goldfischschweif statt der Füße, ihr Haar war schwarz wie Schreibtusche und ihre Augen rot wie Kaninchenaugen. Es war dem König geweissagt worden, daß er drei Nächte ein Weib lieben müßte, das weder Sonne noch Mond gesehen hätte. Deshalb war er zum Fischzug mit seinen Leuten nach Hakatate ausgezogen, hatte besonders große Netze auswerfen lassen, um ein Meerweib der Tiefsee zu fangen. Der König wird sein Reich verlieren, wenn er ein solches Weib nicht drei Tage lieben will, lautete eine alte Prophezeiung.
Aber damit, daß man das Weib gefangen hatte, war nicht die größte Sorge vom König genommen. Jenes Weib, das ihn mit den roten Augen scheinbar blind ansah, das mit dem roten Schweif um sich schlug und ein paar Kähne des Königs zertrümmerte, jenes Weib, das nicht sprechen, nicht lachen und nicht seufzen konnte, drei Tage zu lieben, -- dies war eine so heroische Aufgabe, daß sich alle, die um den König waren, entsetzten.
Nur der König war ruhig, stellte sich am Ufer vor die Weisen seines Landes hin und fragte:
«Wie weit reicht meine Macht?»
«Deine Macht, o Herr, reicht über Himmel, Erde und Wasser.»
«Über alles, was darinnen ist?» fragte der König.
«Über alles Männliche, was im Himmel, auf der Erde und im Wasser ist», sagten die Weisen. «Nur das Weibliche läßt sich nicht regieren.»
«Gut, dann soll der Mond, der dort aufgeht, untergehen», rief der König. «Wenn ich allen gebieten kann, dann soll der Mond nie mehr in meinem Reich erscheinen, ehe er mir geholfen hat, dieses Fischweib hier in ein Menschenweib zu verwandeln.»
Der König ließ das Fischweib binden und in sein Zelt legen, ließ Essen und Trinken in das Zelt stellen und ließ die Zeltvorhänge fest hinter sich zuschließen, so daß es finster im Zelt war wie in der Meerestiefe.