Die acht Gesichter am Biwasee: Japanische Liebesgeschichten

Part 6

Chapter 63,824 wordsPublic domain

Es war in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, als der damalige Kronprinz von Rußland Japan bereiste und, gefolgt von verschiedenen japanischen Würdenträgern und begleitet von abendländischen russischen Offizieren, kam und den Biwasee von den Terrassen des Miideratempels bewunderte.

Es war am frühesten Morgen nach sechs Uhr, zu der Stunde, da die Japaner ihre vornehmsten Visiten machen. Der See lag wie ein großes silbernes Ei in der Sonne, -- ein großes Silberei, das sich funkelnd um seine Längsachse drehte. Über die Häuser Ozus rieselte der Silberglanz und blendete die Augen der Menschenmengen, die in der Seestraße Kopf an Kopf standen und den ausländischen Prinzen sehen wollten, wie er in der Rikscha vom Miideratempel zurückkam, -- den zukünftigen Kaiser jenes Landes, das so nah an Japan grenzte, und dessen Bewohner meistens hohe juchtene Stiefel tragen, so daß man hätte glauben können, alle die schwerbestiefelten Russen würden eines Tages dem kleinen Japan einen Fußtritt geben, daß es zerstampft sein würde wie eine Fliege auf der Diele.

Auch die Bewohner von Ozu, die in den Morgenstraßen aufgereiht standen, lächelten sauersüß, als dem russischen Kronprinzen vorauf in einigen Rikschas ein paar riesige, schwerbestiefelte russische Generäle fuhren, die während des Fahrens nichts von der Morgenschönheit des Biwasees zu bemerken schienen, sondern mit noch übernächtigen Köpfen wie feiste Dämonen in den kleinen Wagen saßen und halb eingeschlafen waren.

An einer Straßenecke war der Polizist Omiya in dunkler, europäischer Uniform postiert. Zum erstenmal hatte er seine Pfeife nicht in der Hand. Ein kleiner, kurzer Säbel hing an seinem Gürtel. Seine Mütze war tief in die Stirn gezogen, so daß ihn der glänzende Biwasee nicht blendete.

Nun kam der Kronprinz um die Ecke gefahren, und Omiya sollte die Hand an den Mützenschild führen und den russischen Zarensohn grüßen. Aber die Leute auf der Straße sahen plötzlich den russischen Prinzen im heftigsten Handgemenge mit Omiya; Omiyas kurzer Säbel blitzte und zerbrach dann wie ein Stück Glas und flog im Bogen in zwei Stücken über die Köpfe der Zuschauer in eine Seitenstraße.

Russische Uniformen und abendländische Fäuste sah man im Gewühl einen Augenblick danach um Omiya toben. Dann verbreitete sich die Nachricht von Mund zu Mund, von Haus zu Haus, von Ufer zu Ufer rund um den Biwasee, über ganz Japan, über Rußland und über Europa, -- die Schreckensnachricht, daß der Kronprinz Nikolaus von einem japanischen Polizisten in Ozu am Biwasee angefallen und durch einen leichten Dolchstich am Arm verwundet worden sei. Man erklärte diesen seltsamen Fall damit, daß der japanische Polizist in plötzlichem Irrsinn und unter dem Einfluß der Tobsucht gehandelt habe.

Der Irrsinnige sei dann nach der Tat aus seinem Haftlokal ausgebrochen und habe sich in einem Kahn auf den Biwasee geflüchtet. Und da alle Nachforschungen vergeblich blieben, und da es ein heißer, glühender Tag war, sagten die Leute, die Brise von Amazu habe den Attentäter in den See gelockt.

Omiyas kleiner Sohn wurde an diesem Tage gerade fünfzehn Jahre alt. Das ist das Alter, in dem die japanischen Kinder ihren Kinderrufnamen ablegen und einen Namen für ihre Mannesjahre erhalten. Aber Omiyas Frau verschob wegen des schrecklichen Ereignisses an diesem Tage das Namensfest ihres Knaben, bis sie Kunde haben würde von dem Verbleib ihres irrsinnig gewordenen Mannes.

Einige Tage später, eines Mittags, als die Frau den Reis am Herd rührte, flog ein Kieselstein von der Straße her in den Reistopf.

Die Frau streckte den Kopf über die Altane des Hauses und sah einen in Lappen und Lumpen gewickelten Mann, der ein großes Bündel gemähtes Schilf auf dem Kopfe trug. Die Schilfhalme hingen so dicht vor seinem Gesicht und um seinen Kopf, bis auf die Schultern, daß Omiyas Frau nur ein riesiges Schilfbündel auf zwei Beinen wandelnd die Straße hinabgehen sah.

Sie schüttelte verwundert den Kopf. Die Seestraße war zur Mittagsstunde leer, und die Frau konnte nicht begreifen, wer den Stein durchs Fenster geschleudert hätte. Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. Sie fährt noch einmal mit dem Kopf über den Altanenrand und betrachtet nochmals den Gang der Männerbeine, die unter dem gelben Schilfbündel die staubweiße Straße entlangschleichen. Sie nickt und murmelt: «Das war Omiya.»

Den Stein, den sie schon vorher aus dem Reistopf herausgenommen hatte, wäscht sie jetzt rasch im Wasserbottich rein und betrachtet den Biwakiesel von allen Seiten. Sie erkennt darauf, als sie den Stein über dem Herdfeuer getrocknet hat, eingeritzte winzige Schriftzeichen und liest:

«Tue mit deinem Sohn, der nicht mein Sohn, sondern Amagatas Kind ist, dasselbe, was ich mit Amagata getan habe: töte ihn. Dann halte dich heute um Mitternacht bereit. Du mußt mit mir auswandern. Hätte ich den ausländischen Prinzen getötet und nicht bloß verwundet, so hätte ich Japan einen so großen Dienst getan, daß meine Vergangenheit reingewaschen wäre, reiner als dieser Kiesel des Biwasees. Das Attentat ist mir mißlungen, und ich bin der Mörder Amagatas geblieben und der Mörder der Schulkinder von Ozu. Ich bin aus Eifersucht um deinen Besitz mit Amagata vor Jahren auf der Seehöhe in Streit geraten, und er schlug seinen Kahn und ich meinen Kahn im Kampf um, und alle Schulkinder ertranken. Das hast du bis heute nicht gewußt. Du wußtest nur, daß ich dich zu deinem und meinem Verderben lieben muß. Ich habe dir vorgelogen, daß Amagatas letzter Wunsch war, daß du mich heiraten solltest, wenn er tot wäre. Er hatte mir zwar gesagt, daß er dich in Amazu besucht und verführt habe. Aber ich hatte doch nie geglaubt, daß ich den Anblick seines Kindes nicht vertragen könnte. Tötest du das Kind nicht, so werde ich es töten. -- Gehorche jetzt und rotte Amagata vollständig aus unserm Leben aus, indem du sein Kind beseitigst. Der Kampf zwischen mir und Amagata brach aus, als er mir in den Booten auf dem See erzählte, daß er dich besitze, wann er wolle, und dich bald aus Amazu holen und zu seiner Frau machen werde. Nachdem wir uns im Wasser müde gekämpft hatten, er und ich, und ich sah, daß alle Kinder ertrunken waren und mich selbst beinahe die Kräfte verließen, veranlaßte ich ihn, mich vom Ertrinken zu retten, indem ich sagte, der Verlust der Schulkinder sei mir größer als dein Verlust, und indem ich eine Gleichgültigkeit heuchelte, die ich niemals fühlte, und dabei erklärte, daß ich auf dich verzichten wollte. Amagata, der kräftiger war als ich, nahm mich dann auf seinen Rücken und schwamm mit mir stundenlang viele Seemeilen, bis ans Ufer.

In Ozu verbreiteten wir das Märchen von der Brise von Amazu, das aber trotzdem kein Märchen ist, denn ich habe wirklich einen Augenblick mitten in der Mittaghitze die Erscheinung der Kirschbäume und der tanzenden Mädchen draußen zwischen Wasser und Himmel gehabt. Du kamst mir über das Wasser entgegen, und ich hielt dich glücklich in meinem Arm und verlebte in dieser Vision die unschuldig seligsten Augenblicke meines Lebens, bis plötzlich Amagata neben mir, eingeschlafen und traumredend, das Geheimnis deiner Verführung verriet. Ich versuchte ihn damals zu erwürgen, so wie ich ihn, trotzdem er mich gerettet hatte, noch in derselben Nacht in Ozu wegen der Liebe zu dir erwürgt habe.

Ich gestehe dir dieses alles heute ein, weil du mir hundertmal versichertest, daß du mich mehr als Amagata liebtest.

Mein Kampf gegen Amagata ist aber erst ausgekämpft, wenn sein Sohn nicht mehr am Leben ist. Ich liebe dich. Darum töte Amagatas Sohn, wie ich für dich getötet habe.»

So sprach die Schrift des Kieselsteines zu der Frau.

Der Reis verbrannte am Feuer, das Zimmer füllte sich mit Qualm. Aber der Rauch verzog sich bald wieder, denn das Herdfeuer ging aus, weil die Frau es nicht mehr schürte und den großen, flachen Stein in ihrer Hand hin und her drehte und die Schrift, die winzig gekritzelte, entzifferte.

Es wurde Nachmittag. Die Frau las immer noch. Wohl wunderte sie sich manchmal, daß ihr Junge, der draußen auf dem See lag und angelte, nicht heimkam und Essen verlangte. Aber der Stein in ihrer Hand, der die tiefsten Geheimnisse zweier Menschenleben zu ihr redete, machte, daß sie bald wieder Zeit, Ort und Wirklichkeit vergaß.

Plötzlich weckte sie ein Gerede auf der Straße, Stimmen sprachen unter dem Fenster den Namen ihres Sohnes und ihren eigenen Namen. Die Stimmen rannten fort und kamen wieder. Füße und Stimmen drängten an ihr Haus. Die Schiebetüre teilte sich, und die Stimmen drängten herein und umsummten sie, und die vielen Füße traten zu ihr heran, und ebenso das Gemurmel. Und sie dachte einen Augenblick: Ist der Reis wieder übergekocht, weil es so laut wird? Da kamen Hände zu ihr, die ihre Hände streichelten. Vor ihr legte man ein nasses, in graue Segeltücher gewickeltes Paket hin. Das roch nach dem Grundwasser vom Biwasee.

Und die Frau mußte an den Wasserkampf zwischen Amagata und Omiya denken und an das Gemurmel und Geseufze und Gegurgel und Geschluchze der ertrinkenden Schulkinder rings um die beiden kämpfenden Männer, und an Omiya, der schwächer war und auch am Ertrinken war, und an Amagata, der sie zur Mutter gemacht hatte, gleichfalls an einem heißen Tag, draußen im Boot auf der Seehöhe, und der dann aus ihrem Schoß zu ihren Füßen hinrutschte und nach dem Liebeskampf auf einem Haufen Segeltuch sanft einschlief, und den sie dann zudeckte mit ihrem Gewand. Der See war ihr Hochzeitsgemach gewesen. Der See konnte ihr nichts Böses tun. Was der Biwasee tat, war wohlgetan.

War das Amagata oder Amagatas Sohn, der jetzt starr vor ihr lag in dem nassen Segeltuch?

Die Frau lüftete mit ihrer kleinen, abgearbeiteten Hand ein wenig das Tuch des nassen Paketes. Da sah sie ein Endchen von dem Kleidersaum eines Knabenrockes, den sie selbst genäht hatte.

Sie sah tränenlos hin, ohne Erstaunen, und sagte zu dem Gemurmel und zu den vielen Füßen, die rund um sie waren:

«Es ist Amagatas Sohn. Der See hat mir Amagata damals geschenkt. Warum soll ich nicht heute ihm meinen Sohn schenken!»

Und das Gemurmel um sie verging allmählich, und die vielen Füße um sie gingen aus dem Zimmer. Und es wurde still, als wäre das Feuer zum zweitenmal im Herd ausgegangen.

«Mein lieber Sohn», sagte die Frau, die neben dem ertrunkenen Knaben kniete, «siehst du, hier ist ein Kopfkissen aus dem Biwasee.»

Und sie schob dem Toten den großen, flachen Kieselstein, den sie immer noch in der Hand hielt, unter den Kopf.

«Ich sollte mich jetzt neben dich legen und für immer mit dir einschlafen, Kind. Der Biwasee war mein Hochzeitsbett. Er könnte auch mein Sterbebett werden, wie er deines geworden ist, Kind. Aber ich habe noch eine Rechnung zu machen. Dein Vater Amagata würde mich nicht als deine Mutter im Totenreich empfangen, wenn ich fortgegangen wäre von der Erde, ohne Omiya zu zeigen, daß ich immer Amagatas Willen tat. Auch wenn ich Omiya hundertmal sagte, daß ich ihn mehr liebte als Amagata, tat ich das, damit er Amagatas Kind nicht schlüge und Amagatas Kind nicht verhungern ließe.»

Dunkle Wasserflecken liefen von der nassen Segelleinwand über die Strohdiele der Stube. Und die untergehende Sonne leuchtete rot über den See draußen und rot über die Wasserflecken im Zimmer.

Die Frau nickte und saß weiß in dem abendroten Gemach, als könne ihr auch die Sonne kein Blut zum Weiterleben mehr geben.

Die Frau nickte und sprach: «Vergossenes Blut braucht nicht mit vergossenem Blut gerächt zu werden. Aber ich will Omiyas Seele in alle Winde ausschütten, daß sie nie mehr in seinen Körper zurückkehren kann. Ich will Omiyas Seele ausblasen, daß er hohl herumgeht und die Welt so leer sieht, als wäre der Biwasee ausgetrocknet. Und ein unendlich großes Loch ohne Glanz und ohne Welle soll den Platz von Omiyas Seele einnehmen.»

Die Nachtzikaden begannen vor den Fenstern zu singen, und die Seelandschaft draußen verflüchtigte sich in Dämmerung. Das kleine Zimmer mit der Leiche, mit der toten Asche auf dem Herde, mit den dunkeln Wasserflecken auf der Diele und mit dem regungslosen, blaßleuchtenden Frauengesicht neben der Leiche war etwas so Stilles im Weltraum, daß im Fensterrahmen die funkelnden Sterne am Nachthimmel dagegen wie gestikulierende, laute Menschengesichter waren, wie ein Volksgetümmel, das Kopf an Kopf mit glänzenden Augen vor den Fenstern ein Schauspiel erwartete.

«Nur warten, nur warten!» nickte die Frau den Sternbildern zu, die sie für Menschengesichter hielt.

Dann knackte die Diele der Altane. Ein Gewand raschelte. In der Hand eine kleine Blendlaterne, trat der ehemalige Polizist Omiya ein und ließ den Laternenstrahl im Halbkreis durch das Zimmer leuchten.

«Du hast ihn getötet! Gut. Komm!» sagte stoßweise seine Stimme. Und die Blendlaterne, als wäre sie Omiyas drittes Auge, schoß abwechselnd einen Strahl an die Decke und einen Strahl auf die eingewickelte Leiche am Boden.

«Komm! Wir haben nichts mehr hier zu suchen in Ozu. Wir müssen am Ende des Sees sein, ehe es Tag wird. Steh auf und nimm dein Kleid über den Kopf, daß dich niemand erkennt.»

«Setz dich hierher, ich habe zu reden!» antwortete Omiya eine Stimme, die er nie gehört hatte. Und er fragte unwillkürlich erschrocken zurück: «Ist Amagata hier?»

«Amagatas Sohn war hier», antwortete die Stimme, welche Omiya nicht von der Erde und nicht vom Himmel zu sein schien, -- eine Stimme, die war, als spräche einer der bronzenen Versunkenen, die wie Statuen auf dem Grunde des Biwasees stehen, einer von jenen, welche die Brise von Amazu überrascht hatte, und die verschlungen wurden vom Unglück.

«Wer bist du?» fragte Omiya. «Du bist nicht mein Weib, du, die da spricht.»

«Du hast recht. Es ist Amagatas Weib, das zu dir spricht.»

«Sagtest du nicht immer, daß du mich mehr liebst als Amagata?» sagte Omiya rasch.

«Du sagtest mir, Amagata hätte sterbend gewünscht, daß ich dich, Omiya, lieben sollte; darum heiratete ich dich, seinen Freund. Aber niemals habe ich dir gesagt und niemals dir gestanden, daß ich nur deshalb auf der Erde blieb, nachdem Amagata tot war, um sein Kind zu gebären, damit dieses so glücklich würde, wie ich glücklich war an meinem Hochzeitsmittag mit Amagata auf dem See. Das Glück, das ich in Amagatas Armen auf dem See draußen zum ersten Male genoß, wollte ich verlängern, wollte seinen Sohn gebären und nicht sterben, bis Amagatas Fleisch und Blut die Liebe kennen lernen würde und die glücklichsten Liebessekunden, wie ich sie gekannt habe. Amagata, mein toter Geliebter, sollte in seinem Sohn für mich weiteratmen.»

«Verflucht!» brüllte Omiya. Und seine Kehle gurgelte wilde Laute, wie die Kehle eines, der im dunkeln Wasser um sich schlägt und Wasser schluckt und schreien will und um sich speit und nicht Luft zum Schreien findet.

Dann verlosch die Blendlaterne. Es geschah scheinbar nichts im Dunkeln. Kein Seufzen, kein Schrei mehr. Doch fanden am Morgen die Leute von Ozu die kleine, blasse Frau des Omiya erwürgt neben der Leiche ihres ertrunkenen Sohnes.

Omiya aber blieb unauffindbar und ungestraft, was gleich ist mit der größten Strafe der Götter.

Der Wildgänse Flug in Katata nachschauen

In der alten Hauptstadt Kioto, in der ältesten Künstler-, Tempel- und Kaiserstadt Japans, hatten im Mittelalter viele Maler den Auftrag erhalten, die Gemächer eines Bergtempels zu bemalen. In diesen Tempel zog sich die kaiserliche Familie in den Sommertagen zurück und pflegte dort einige Wochen unter der Obhut der reichen Mönche zu wohnen.

Die Maler begannen ihr Werk. Einer malte einen Saal, wo Sperlinge in Scharen über die Wände flogen und sich in Reisfeldern und Bambushainen auf Halmen und Rohren schaukelten. Ein anderer Maler malte auf Silberpapiergrund einen Saal, wo große Meereswellen aufrauschten und die vier Wände umschäumten. Wieder ein anderer Maler malte einen Saal voll von Katzenmüttern und jungen Katzen, die in Blumenkörben spielten und die Blütenköpfe großer Päonien zerzupften.

Der erste Saal wurde der Sperlingssaal genannt, der zweite der Saal der schäumenden Wellen, der dritte der Saal der spielenden Katzen.

Der Kaiser und die Kaiserin, die an der Ausschmückung viel Anteil nahmen, ließen sich jedesmal, wenn ein Saal beendet war, in Sänften und mit großem Pomp zu dem Bergtempel tragen und verbrachten eine Teestunde in dem neuen Saal. Und sie nahmen öfters ihre jungen Prinzessinnen mit, drei an der Zahl. Und der Kaiser sagte zur ältesten eines Tages, als sie den Tempel wieder besichtigten:

«Wünsche dir einen gemalten Saal, mein Kind! Vielleicht haben die Maler die Freundlichkeit und werden von glücklichen Augenblicken begünstigt, dir einen Saal zu malen nach deinem Einfall.»

Die älteste Prinzessin, die einen kleinen japanischen Seidenpinscher auf ihrem Arm trug, mit dem sie spielte, wünschte sich einen Saal voll Schoßhündchen, die um sie spielen sollten. Und die Maler malten ihr diesen Saal.

«Nun wünsche du, mein Kind, was du gemalt haben willst!» sagte der Kaiser zur zweitältesten Prinzessin.

Diese wünschte sich etwas ganz Unmögliches: einen Saal, wo der Mondschein käme und ginge, und in welchem keine Farben sein sollten.

Die Maler brachten auch diesen Saal zustande. Sie teilten einen Saal in zwei Teile. Die eine Hälfte sah nach Osten, die andere nach Westen, und jeder Saalteil hatte einen Altan. Von dem einen Altan sah man den Mond aufgehen, von dem andern Altan den Mond untergehen. Und weil das Auge der Prinzessin und das Auge des Mondes keine der sieben Regenbogenfarben dulden wollten, hatten die Maler Pflanzen und Bäume in jeden Saal mit brauner Sepia gemalt.

Nun wurde die dritte Prinzessin von dem Kaiser und der Kaiserin gefragt, was sie sich in ihrem Saal von den Malern gemalt wünschte.

O, sagte sie, sie wünsche sich nicht viel, nur einen Zug Wildgänse, die durch die Luft flögen, graue und weiße Wildgänse, im Zickzackflug, rund um den Saal. Aber jede Gans müsse so hinter der anderen fliegen, daß sie alle zusammen ein japanisches Schriftzeichen in ihrem Flug bildeten. Dieses Zeichen würde von einem bestimmten Baum und einer bestimmten Hügellinie und der Fluglinie der Gänse gebildet. Nur in Katata am Biwasee könnten die Maler den Gänseflug, den Baum und den Hügel zusammen treffen. Nur einmal, an einem Frühlingsabend, habe die Prinzessin bei einem Ausflug in Katata die Wildgänse so fliegen sehen, daß sich das wunderbare Schriftzeichen zwischen Himmel und Erde aus der Fluglinie der Gänseschar, aus der Silhouette eines Hügels und aus einer Baumlinie bildete.

«Und das nennst du ganz einfach?» sagte der Kaiser.

«Es war ganz einfach, als ich es sah», antwortete die Prinzessin.

«Es wird nicht zu malen sein», sagte die Kaiserin.

«Dann wünsche ich keinen gemalten Saal», sagte die Prinzessin.

«Und wie hieß das Schriftzeichen?» fragte der Maler Oizo, als der Kaiser und die Kaiserin ihm den Wunsch der Prinzessin erklärten.

«Das hat die Prinzessin vergessen», wurde ihm zur Antwort.

Die Maler zogen mit Reispapier und Tusche, mit Silberpapier und Goldpapier beladen nach Katata, um den Flug der Wildgänse zu studieren. Aber da es Juli war und keine Wildgänse um diese Zeit vorüberziehen, mußten sie warten bis Oktober. Und Oizo suchte inzwischen die Hügellinie und die Baumlinie. Aber da es Sommer war und die Bäume belaubt, und da die Hügel voll hoher Gräser wehten, fand er nirgends die Linie freiliegend.

Die Maler und der Maler Oizo studierten inzwischen die Fische, die in Rudeln im klaren Wasser stehen, und Bäume am Ufer, welche wie Schriftzeichen ins Wasser tauchen und sich in der Wasserspiegelung krümmen, und Wachteln, die in den Reisfeldern brüten, und Wachtelmütter, die mit ihren Jungen unter den Reishalmen picken. Sie brachten diese Bilder nach Kioto in den Bergtempel und dachten: Vielleicht gibt sich die Prinzessin zufrieden mit einem Wachtelsaal oder mit einem Saal voller Uferbäume und Fische.

Aber die Prinzessin schwieg und gab keinen Beifall, und auch der Kaiser und die Kaiserin schwiegen.

Da wurde der große Maler Oizo traurig und kehrte wieder nach Katata zurück. Dort wohnte er in dem Hause eines Töpfers auf einem Hügel. Der formte aus dem Ton der Katataerde Vasen, einfache weiße Vasen, die er mit grüner und blauer Glasur überzog, so daß sie spiegelten wie das grüne und blaue Uferwasser des Biwasees in den Frühlingstagen.

Der Töpfer hatte eine Tochter. Die war so jung und lebendig wie ein Aprilwind. Sie saß am Töpferofen, darinnen die Vasen und Tonschalen ihres Vaters gebrannt wurden. Sie hatte die Glut zu schüren und die Holzkohlen aufzufüllen, und davon war sie stets schwarz im Gesicht und schwarz an den Händen, daß der Maler Oizo sie eigentlich noch niemals gesehen hatte.

Oft saß er am Ofen bei ihr, wenn sie die Flammen schürte, und er zeichnete nachher die roten Korallenäste des Feuerflackerns. Natürlich wußte ganz Katata, daß die kaiserlichen Maler auf den Herbst warteten, bis die Wildgänse in den Oktoberabenden fortflögen. Und auch «Graswürzelein», wie die Tochter des Töpfers hieß, wußte, daß Oizo jetzt traurig war, weil er den Wunsch der Prinzessin noch nicht befriedigen konnte.

Eines Abends, als der Mond aufging und der Altan des Töpfers zwischen dem Mondschein und dem roten Schein, der aus dem Ofen fiel, zweifarbig beleuchtet, rot und blau wurde und Graswürzelein mondblau und feuerrot, zweifarbig beschienen, vor dem Ofen im Hof bei dem Altan saß, seufzte der Maler in seiner Altanecke ärgerlich und trotzig darüber, daß der Prinzessin nicht der Wachtelsaal und nicht der Saal der Fische gefallen hatte und auch der Kaiser und die Kaiserin darüber geschwiegen hatten.

Da kam die blau und rot beschienene Tochter des Töpfers und sagte:

«Seufze nicht, Oizo! Ich will dir sagen, was die kaiserliche Prinzessin denkt, und was sie will, und will dir auch das Schriftzeichen des Fluges der Wildgänse zeigen.»

Und Graswürzelein nahm eine Holzkohle, die neben dem Ofen lag, und zeichnete auf einen weißen ungebrannten Tonkrug ein paar Linien.

«Sieh her, Meister!» sagte sie. «Was heißt das auf japanisch, was ich hier schrieb?»

«Das heißt», sagte Oizo und betrachtete flüchtig den Krug mit dem Schriftzeichen, «ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst mich nicht, weil du fortsiehst.»

«Sieh, Oizo», sagte Graswürzelein, «dies denkt die Prinzessin, denn sie ist wahrscheinlich in einen Mann verliebt, der sie nicht ansieht. Und sie will das Schriftzeichen durch den Gänseflug in ihren Saal gemalt haben und will den Mann dann in den Saal führen und ihn von den Wänden ihren Willen lesen lassen. Denn sieh: das Schriftzeichen besteht aus drei Teilen. Sieh hier die Gabel eines vielfach gewundenen Baumes. Waagrecht durch die Gabel hindurch siehst du die Brustlinie eines ansteigenden Hügels und darüber die vielfach zackige Fluglinie einer unendlich langen Reihe von grauen und weißen Wildgänsen. Aber zugleich siehst du: die grauen Gänse verschwinden in der Dämmerung und unterbrechen die Linie, wogegen die weißen sich als Schriftzeichen vom Abendhimmel abheben.»

Oizo fragte erstaunt und mit ganzem Herzen zuhörend:

«Und woher weißt du, daß die Prinzessin gerade diesen Schriftzug meint: ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe, aber du liebst mich nicht, weil du fortsiehst?»

«Das ist ganz einfach», lachte Graswürzelein. «Mein Vater machte einmal eine Vase. Ich hatte aber den Ofen schlecht geheizt, so daß die Glasuren nicht gleichmäßig trockneten und sich seltsamerweise dieses Schriftzeichen bildete, indem der weiße Grund der Vase in Zickzacklinien durch die blaugrüne Glasur schimmerte. Flüchtig hingesehen, erschienen die weißen Linien wie ein Flug Wildgänse, die in einer Landschaft über Baum und Hügel hinflogen.

Die Vase gefiel einem Mönch, der sie sah und ausnehmend schön fand, da sie zugleich Bild und Schriftzeichen deuten ließ. Die Prinzessin hat wahrscheinlich diese Vase in einem Tempel gesehen, und man hat ihr gesagt, daß das Bild darauf den Flug der Wildgänse in Katata darstellt. Aber ich denke mir, daß das Schriftzeichen ihr mehr wert ist, als der Flug der Wildgänse», lachte Graswürzelein.