Die acht Gesichter am Biwasee: Japanische Liebesgeschichten

Part 5

Chapter 53,769 wordsPublic domain

Und Ata-Mono lief zum Strand und stopfte sich den Mund mit Kieseln voll, weil er nicht mehr essen, nicht mehr reden, nicht mehr schreien und nicht mehr atmen wollte.

Halb erstickt lag er am Strande und haßte den neuen Baum und haßte China und haßte seine Sehnsucht nach der Unsterblichkeit.

«Ich will die Harfe vergessen», dachte er und lag in den letzten Atemzügen. Dann wurde ihm wohler. Wie beruhigend ist es doch, wenn man einen wilden Wunsch aufgibt! Man steigt herab, wie von einem wilden Pferd, und hat wieder festen Boden unter den Füßen.

Nach dieser beruhigenden Betrachtung richtete er sich gedankenlos auf, nahm die Steine gedankenlos aus dem Munde und schöpfte frischen Atem. Dann sprang er auf seine beiden Beine, streckte die Arme aus und lachte wieder zum ersten Male seit vielen Jahren. Und seine Stirn, die immer gegrübelt hatte, wurde blank und jung wie die aufgehende Mondscheibe.

«Ach, Mond, lebst du noch? Ich habe dich lange nicht gesehen.» Und Ata-Mono bewunderte die kleinste Muschel im Mondschein, die Grübchen im Sand und die Wölklein, die mit dem Mond zogen, denn er hatte seit Jahren nur Bäume und Baumrinden gesehen und alles andere vergessen. Und nun ließ er auch sein Gehör wieder zu sich kommen. Er, der nur mit den Augen an den Baumrinden gelebt hatte, horchte, wie das Dünengras raschelte, wie die Dünenmäuse miteinander wisperten, wie die Füchse hinter den Baumwurzeln bellten, wie die Eulen sich zuriefen und wie die Fische im Mondschein plätscherten. Und nachdem er sein Gehör befriedigt hatte, sagten seine Zunge und sein Gaumen zu ihm, seine Zähne und sein Magen und sein gekühltes Blut: «Weißt du, es gibt ganz andere Dinge zu essen, als Baumsaft und Baumrinde, wovon du dich jahrelang genährt hast. Hörst du nicht? In der Ferne gackern Truthühner im Schlaf. Und Schweine grunzen im Schlaf, weil ihnen der Mond auf die Rüssel scheint. Und Bauernhöfe sind in der Nähe, wo du Eier, Schweinespeck, gebackene Fische und Reis essen kannst. Und sehnst du dich nicht nach Wärme am ganzen Leib? Und hast du nicht dort, wo den andern Menschen ein verliebtes Herz sitzt, einen bitterkalten Fleck in der Brust?»

Ata-Mono seufzte tief auf, weil alles ihm wahr schien, was seine Sinne zu ihm sagten. Er stand auf und erinnerte sich, daß die Menschen Kleider trugen. Und er flocht sich noch in der Nacht ein langes Hemd aus gedörrtem Tang, und er war eitel genug und flocht sich Ketten aus Muscheln daran und Ketten aus Muscheln ins Haar, weil er den Dirnen, denen er begegnen sollte, zu gefallen wünschte.

Ata-Mono ging dann, als es kaum Tag war, unter den letzten Sternen fort vom Meere, wieder mit dem Gesicht in das chinesische Land hinein.

Bei dem ersten Bauernhaus standen drei Weiber an einem Brunnen. Die sagten freundlich: «Guten Morgen, Ata-Mono.» Und Ata-Mono dankte und war verwundert, daß man seinen Namen kannte, und er bat um etwas süßes Wasser.

Und während er noch wartete, bis der Eimer aus dem Brunnen stiege, ging eines der drei Weiber grüßend fort.

Der erste Becher süßen Wassers, den er seit Jahren trank, schien ihm so nahrhaft und so wohltuend, daß er glaubte, es würde ihn nie mehr dürsten. Und er sagte zu den Frauen:

«Ich werde euch später danken, wenn ich einmal reich werde.»

Die Frauen verneigten sich vor Ata-Mono wie vor einem adligen Herrn und sagten: «Du bist der Reichste im Lande!» Und ihr Gruß und ihre Ehrerbietung machten, daß er sein Herz sich wieder erwärmen fühlte, als schiene ihm die Sonne in den offenen Mund.

Ata-Mono ging, gesättigt durch den Wassertrunk, von dem Bauernhof fort, tiefer in das Land, bewunderte die Reisfelder und die Maulbeerbäume und kam zu einer Ortschaft. Die bestand nur aus zehn Häusern. Aber nahezu dreißig Frauen standen am Eingang des Ortes. Und alle dreißig verneigten sich vor Ata-Mono. Er erkannte unter den Frauen jene, welche die dritte gewesen an dem Brunnen, an dem er vorher getrunken hatte, und die fortgegangen war und hier seine Ankunft angesagt hatte. Er staunte darüber, daß das geschehen war, und er wußte nicht, warum die Leute so viel Wesens aus ihm, dem Unbekannten, machten.

Eine Frau wurde rot und trat vor und sagte: «Unsere Männer sind bei der Feldarbeit und wissen nicht, daß du kommst. Nur wir haben es eben erst durch eine Frau erfahren, daß du nach China zurückkehrst.»

Er konnte vor Staunen nicht antworten und kaum danken, -- so tief verfiel er in Betrachtungen und erriet nicht, warum alle die Frauen Zeit und Lust hätten, sich um ihn zu kümmern.

Ata-Mono hatte noch nicht den Ort mit den zehn Häusern verlassen, da kamen ihm auf der Landstraße über den nächsten Hügel und über den zweiten Hügel und über den dritten und vierten Hügel schon neue Frauen und Mädchen entgegen. Immer empfing er dieselben Grüße, und immer wieder mußte er hören, daß die Männer bei der Arbeit seien.

Ata-Mono ging über den fünften Hügel. Dort standen schon Reihen von Frauen zu beiden Seiten des Weges. Die hatten sich gelagert und standen auf und verneigten sich. Ihre Reihen waren dicht gedrängt. Aber kurz vor Sonnenuntergang, am sechsten Hügel, dahinter die Hauptstadt der Provinz lag, standen die Frauen nicht nur am Wege, sondern saßen auch in den Zweigen der Bäume, und ihre Gesichter waren glänzend wie Lampen am Abend. Die oben in den Bäumen klatschten Beifall, und die, die unten standen, verneigten sich und murmelten Beifall.

Hundert Schritte vor dem Tor und den vier Türmen der Provinzhauptstadt, wo das Frauengedränge am Wege am dichtesten war, hörte Ata-Mono plötzlich einen allgemeinen Schrei des Entsetzens. Ein surrender Laut traf sein Ohr, und ein langer, schwirrender Pfeil sauste vor ihm in den Boden und stand senkrecht und zitternd fest vor seinem Fuß.

Er staunte, aber er ließ sich nicht in seinem Weg stören und tat drei Schritte weiter. Da stürzten schnell drei Speere vor ihm nieder. Der eine zerschellte an einem Baum, der zweite durchbohrte ein Weib am Wegrand, der dritte fuhr durch Ata-Monos Haar und riß die Muschelkette aus seinem Haar mit sich.

Gleich darauf sah Ata-Mono, daß die Frauen auf den vier Türmen des Stadttores in Aufruhr gerieten und von jedem Turm einen Mann hinunterstürzten.

«Was bedeutet das?» fragte Ata-Mono die zwei Frauen, die ihm zunächst standen.

«O, Herr, ein paar eifersüchtige Männer wollen Euch töten», sagte die eine der beiden Frauen eifrig; die andere lachte.

«Warum sehe ich nur Frauen und keinen Mann, der mich begrüßt?» fragte er weiter.

«O, Herr, der Regent hat befohlen: am Tage, wo Ihr vom Meere wieder nach China zurückkehren würdet, dürfe kein Mann sein Haus verlassen und kein Mann die Straße betreten, da die Eifersucht der Männer grenzenlos ist, und weil dich alle Männer hier hassen.»

Ata-Mono sagte verwundert: «Ich habe seit Jahren keine Männer gesprochen. Warum hassen sie mich, und warum sind sie eifersüchtig auf mich?»

«Herr, Ihr wißt nicht, daß der Regent tief betrübt war, weil Ihr, der Ihr der Erste seid, der die Sprache der Bäume verstand, -- weil Ihr China den Rücken kehren wolltet.»

Ata-Mono staunte:

«Ich habe es niemand erzählt. Woher weiß der Regent, daß ich die Schrift der Baumrinden lesen kann?»

«Herr, man sah Euch ja täglich in Eurem Heimatort an allen Wegen, in allen Wäldern, wie Ihr laut die Sprache der Bäume entziffert habt. Die Menschen standen in Scharen um Euch und lernten von Euch das Lesen der Rinden. Und jetzt lesen alle unsere Männer und verstehen die Sprache der Bäume wie Ihr.»

«Sind sie deswegen eifersüchtig, eure Männer, weil ich der Erste war, der die Sprache der Bäume verstand?»

«O nein, Herr, sie sind eifersüchtig, weil der Regent am Tag, da Ihr China den Rücken wendetet und ans Meer gingt, geschworen hat, daß Ihr an dem Tag, an dem Ihr umkehren würdet und unter sein Volk zurückkehren, -- daß Ihr dann die Wahl haben würdet unter allen Frauen, ob verheiratet oder unverheiratet, ob hoch oder niedrig; ja, die Regentin selbst dürft Ihr als Frau Euch erwählen. Aber Ihr müßt Euch entscheiden, ehe die Sonne dieses Tages untergeht. Habt Ihr dann nicht gewählt, wird man Euch morgen töten. Der Regent will, daß Ihr, tot oder lebendig, jetzt im Lande bleibt, und daß Ihr nicht den Ruhm des Landes gefährdet, daß Ihr nicht auswandert oder eine Frau aus einem andern Volke wählt als aus dem unsern.

Die Männer, die vorhin von den Türmen gestürzt wurden, waren die Männer von den vier schönen Töchtern des Regenten; diese vier Männer wollten Euch töten, ehe Ihr die Stadt betreten hättet, weil sie bei Eurer Brautschau für ihre Frauen fürchteten.»

Ata-Mono sagte: «Alle hunderttausend Frauen des Landes sind mir willkommen. So wenig, wie ich jetzt mehr den Willen zur Unsterblichkeit habe, so wenig Willen habe ich zur Liebeswahl. Ich werde also morgen sterben. Warum bin ich nicht schon vorhin gestorben, als der Pfeil zielte und die Speere eine Frau töteten, statt mich zu töten?»

«Komm!» sagte das Weib, das ihm geantwortet hatte. «Lege deinen Arm um mich und verkündige mich als deine Frau. Dann wirst du nicht sterben müssen. Und ich will dir helfen, dir die Unsterblichkeit zu sichern, die du am Meer vergeblich erwartet hast.»

Ata-Mono fragte rasch:

«Kennst du die Rindensprache der roten Kryptomerienbäume?»

«Natürlich», sagte die Frau ebenso rasch. «Ich habe zwar nie einen solchen Baum gesehen, ich kenne aber seine Rindenschrift wie die Linien meiner Hand.»

Ata-Mono fragte noch rascher:

«Weißt du, wo die Harfe liegt, die ich suche?»

«Natürlich», antwortete ebenso rasch die Frau. «Alle Bäume erzählen es, daß die Harfe im kleinen, ewigen Feuerland liegt.»

«Weib, weißt du den Weg dorthin?»

«Natürlich. Ich werde ihn dir schon zeigen. Wenn du mich zu deiner Frau gemacht hast, werde ich ihn in Erfahrung bringen. Alles wird mir gelingen, wenn du mich liebst.»

«Wirst du mir treu bleiben, wenn ich dich heirate, und willst du die Unsterblichkeit mit mir teilen?»

«Treu bleiben?» fragte das Weib und schmollte. «Das ist das Natürlichste von der Welt. Das verspreche ich dir gar nicht. Aber die Unsterblichkeit werde ich natürlich mit dir teilen.» -- --

Ata-Mono betrat die Stadt nicht. Siebenundneunzig Schritte vor der Stadt, heißt es in den chinesischen und japanischen Chroniken, legte er seinen Arm um ein Weib. Aber nicht um das Weib, das er ausgefragt hatte, und welches immer so geläufig «natürlich» geantwortet hatte, sondern um eines, das daneben gestanden und zu allem gelacht hatte, melodisch und freundlich wie eine singende Glocke.

Diese Frau hatte Ata-Mono nichts versprochen, und die Länder ehren heute noch ihr Andenken und ihr singendes Lachen.

Als der große chinesische Weise und Wissende und sein lieblich lachendes Weib nach glücklichster Ehe hochbetagt starben, begrub man beide am Meeresstrande unter dem rätselhaften Baum, dessen Rinde Ata-Mono niemals entziffert hat. --

Hunderte Jahre nachher, als die Chinesen Japan entdeckten und den harfenförmigen Biwasee, als die große Harfe, im Lande des ewigen Feuers liegen fanden, brachte man dorthin ein Reis jenes unerklärlichen Baumes, zu einer Zeit, wo die Japaner noch in Blätterkleidern und mit ungekämmten Haaren das kleine Feuereiland bewohnten und die Chinesen dort die ersten Apostel höherer Bildung und Gesittung wurden.

Und wieder einige Jahrhunderte später, als die ersten chinesischen Buddhisten-Mönche die Religion des Pflanzen-, des Tierreiches und des Menschenreiches den Japanern gaben und sie die Verbrüderung aller Weltallwesen lehrten und Mönche den Miideratempel mit seinen Terrassen am Biwasee bauten, da erinnerte man sich wieder des rätselhaften Baumes, der nun durch die Jahrhunderte stark und mächtig geworden war. Und jeder, der zu dem Baum am Biwasee kam, sprach von Ata-Monos Geschichte, bis eines Tages ein japanischer Mönch geboren wurde. Dieser war der Erste, der die Rinde des alten, rätselhaften Baumes am Biwasee entziffern lernte, die bis dahin unleserlich geblieben war. Und er las zu seinem Erstaunen von der Baumrinde den Satz:

«O wisse, Mensch, und höre mich, der ich alt werde wie die Erdrinde! Mir und allen, welche so alt werden auf der Erde, steht die Liebe höher als die Unsterblichkeit.»

Und diesen Spruch las der japanische Mönch milliarden- und milliardenmal in die Kronenäste, in den Stamm und in die Wurzelrinden gegraben; bis zur tiefsten Wurzel drunten in der Erde sprach der Baum keinen andern Satz.

Nun erinnerte man sich auch, daß Ata-Mono, seitdem er glücklich mit dem lachenden Weibe lebte, nie mehr von der Unsterblichkeit gesprochen, daß er sein Weib niemals nach dem Wege zur Unsterblichkeit gefragt hatte. Und aus der Vergangenheit stieg das Lachen jenes Weibes, wie aus einem Grab, als Mönche eine Glocke gegossen hatten, die noch heute abends im Miideratempel geläutet wird, und deren Stimme wie die sanftgewordene Stimme von Jahrtausenden klingt, und die den singenden Ton eines glücklichen Weibes hat.

Der alte Baum ist heute nur noch ein Stummel, von Stelzen und Krücken gestützt. Zu dem Platze, wo er am See steht, führt ein hölzernes Tempeltor. Seine Zweige sind mit Tausenden von weißen Gebetszetteln behangen. Tausende von Pilgern aus Japan und China besuchen ihn, den Unsterblichen, der verkündet: «Die Liebe ist größer als die Unsterblichkeit», und nennen ihn «den Glücklichen», weil er Abend um Abend die kostbare Frauenstimme der Abendglocke des Miideratempels belauschen darf, die jenem weiblichen Lachen gleicht, bei welchem einst Ata-Mono den Wunsch nach Unsterblichkeit vergaß.

Sonniger Himmel und Brise von Amazu

Im brütenden Hochsommer ist der Biwasee wie eine gute, erquickende, milchreiche Amme, die Tausende von Japanern an ihrer Brust einwiegt.

Die leichten Buchten des ovalen Sees und seine geschwungene Harfenlinie sind von farbig gekleideten Menschenkindern umvölkert, gleichwie von roten, grünen, blauen und weißen Käfern. Gruppen von Badenden spielen im Schilf, unschuldig nackt wie Neugeborene. Die Stimme der Wellen, die sonst Tag und Nacht raschelt, und die zischelnden Schilfstimmen sind alle überstimmt von dem Gekicher und Gerufe der Menschen in Ruderbooten und Segelbooten und von spielenden Menschengruppen am Kiesstrand. Bis in den Abend schallen die Rufe, und bis in den Mondschein der Sommernächte antworten sich die Menschenstimmen über dem Wasser, -- Mädchen-, Frauen-, Männer- und Kinderstimmen. Die große Harfe des Biwasees hat unter dem sonnigen Himmel ihre Wasserstimme eingetauscht gegen die Skala der Menschenstimme.

Nur am schläfrigen Hochsommermittag, wenn das Seewasser faltenlos mit dem sonnigen Himmel eins geworden ist und kaum noch eine dünne Haarlinie die Seehöhe von der Himmelshöhe trennt, dann ist da eine Sekunde, die jedem ewig im Gedächtnis bleibt, der einmal den Seesommer am Uferrand dort eingeatmet hat, -- eine Sekunde, die in die Einheit des sonnenglatten Sees eine Teilung bringt, als ob in einem lautlosen Zimmer, in dem zwei Glückliche umarmt Gesicht an Gesicht liegen, ein einziger Glückseufzer die Stille unterbräche und an ein fernes und künftiges glückliches Leben sich anschlösse. Das ist die Brise von Amazu, die wie ein großer Glückseufzer über den Hochmittagsee durch die Sommerstille kommt.

Die Brise von Amazu bringt eine Seespiegelung mit sich. Aus rosigen und bläulichen Perlmutterfarben steigt eine Gespensterlandschaft über der Seefläche auf. Mitten im hellen Mittaglicht verwandelt sich der See gleichsam in eine grünliche Wiese, überhangen von den Gliedern rosiger Kirschbäume, die sich im Hitzegezitter zu bewegen scheinen, und ferne Schilfspitzen verwandeln sich in die Silhouetten von Tänzerinnen, welche die zerbrechlichen Linien von japanischen Mädchen zeigen. Die Erscheinungen der blühenden Kirschbäume gleichen irisierenden Reflexen von aufsteigenden Wolkenrändern. Der Kirschengarten, in den sich der See verwandelt, ähnelt einer japanischen Perlmutterlandschaft auf bläulichem Silberlack. Dieses Seegesicht, das nur bei sonnigem Himmel und nur bei der Brise von Amazu und nur im Hochsommer erscheint, übt eine Zauberkraft auf Menschen aus, sagen die Japaner, so daß man über den Bootrand wie von der Schwelle eines Hauses hinaustreten und zu Fuß über die Perlmutterfläche gehen kann, ohne zu versinken, getragen von der Begeisterung, vom sonnigen Himmel und von der Brise von Amazu. In diesen höchsten Sekunden der See-Ekstase sollen Menschen von Boot zu Boot gegangen sein, Viertelstunden weit über das Wasser, ohne unterzusinken, ohne den Fuß mit einem Wassertropfen zu benetzen. Aber wehe denen, die nicht Schritt halten mit der Begeisterung des Sees, nicht Schritt halten mit den Glücksaugenblicken und der Glücksstärke des sonnigen Himmels und der Brise von Amazu.

Nur so lange die Brise währt, währt der Enthusiasmus des sonnigen Himmels, der den Menschen stehenden Fußes über das Wasser trägt. Legt sich die Brise, so läßt der sonnige Himmel die Wasserwanderer los, und sie werden vom See tiefer verschluckt als sonst Ertrinkende.

Vermessene, die sich stärker glauben als das Glücksgefühl des sonnigen Himmels und der Brise von Amazu, und die auch nur eine halbe Sekunde das Glücksgefühl nicht aufgeben wollen, nachdem die Brise sich schon gelegt hat, schießen senkrecht zum Seeboden, von der Gegenkraft des einsetzenden Unglücks gepackt und versteinert. Man sagte, vom Unglück wie zu Eisen verhärtet und schwarz wie Meteorsteine stünden ihre Körper wie Statuen unten auf dem Seegrund.

Aber die größte Strafe dieser Vermessenen ist, daß solche jählings Versunkenen nie mehr geboren werden können, daß ihre Seelenwanderung abschloß, ehe ihre Seele sich zum Nirwana hob, und daß sie die dumpfesten Weltüberreste sein werden, wenn das ganze Menschengeschlecht zum Nirwana eingegangen ist.

«Die Brise von Amazu hat ihn verlassen» oder «der Brise von Amazu trotzen wollen», sagen die Japaner sprichwörtlich von Menschen, die das Glück, das sie verläßt, mit den unmöglichsten Mitteln festhalten wollen. Und sie schenken einem solchen Menschen, um ihn zu warnen, ein kleines, schwarzes Bronzeamulett, das nichts ist als eine schwarze, eiserne Träne. Dieser Eisentropfen sieht aus wie der Haarschopf eines Menschen, der senkrecht ins Wasser schießt. Hört ein Freund auf diese Warnung nicht, so sendet man ihm einen Fächer, darauf ein Mensch gezeichnet ist, der über Wellen wandert. Und ist ihm diese Warnung noch nicht genug, so singt man ihm folgendes Lied abends unter den Fenstern:

Gab dir heute der sonnige Tag, Als der See im Mittagsschlaf lag, Freude und einen glücklichen Sinn Und Götterkraft deinem Fuß im Schuh, -- Dann sieh jetzt vorsichtig vor dich hin. Glück währt nie lang, Wir sind um dich bang, Glück und Tod bringt die Brise von Amazu. --

Omiya und Amagata waren zwei Turnlehrer in Ozu und zogen mit ihren beiden Knabenschulen an einem Sommertage in Kähnen auf den Biwasee hinaus, den ganzen Tag an den Ufern entlang. Die Schulknaben konnten nicht schwimmen, aber nur wenigen fiel es ein, sich vor der schwindelnden Tiefe des Biwasees zu grauen, und sie füllten die Luft mit Gelächter.

Die Schulklasse eines jeden Lehrers war nicht groß und saß in je einem Kahn. Nun wird in Ozu erzählt: Die heiße Mittagsstunde kam, und die Kähne befanden sich auf der Höhe des Sees, wo man fast keine Ufer sieht, nur den bläulichen Hitzedunst in der Ferne. Die beiden Kähne schienen zwischen Himmel und Erde wie zwei abgeschossene Pfeile durch die Luft zu gleiten. Blau verschmolzen lagen der glatte Himmel und das glatte Wasser beieinander.

Da verwandelte sich vor den Augen der Kinder der See in jene unwirklichen Wiesen, wie sie sonst auf Bildern glatt gemalt und grünspanfarbig zu sehen sind. Kirschbäume stiegen auf, als käme der rosigste Frühling noch einmal in den Hochsommer herein, und kleine Mädchen in taubenblauen Gewändern klatschten rhythmisch in die Hände und umwandelten die dunkeln Silhouetten der Kirschbaumstämme. Bald gaben sie sich die Hände, bald breiteten sie die Arme. Einige knieten, andere glitten im Kreis um die Knieenden.

Die Lehrer und die Knaben konnten glauben, sie seien mit den Kähnen unter Kirschbäumen gelandet, in einer Seegegend, wo die Kirsche erst im Hochsommer blüht, und wo die Mädchen den Frühlingsgottheiten eine Tanzzeremonie ausdenken, um der lächelnden Kirschblüte zu huldigen.

Kein Knabe war zu halten. Alle verließen die Boote, liefen auf die Wiesen, kauerten im Kreis unter den Kirschbäumen und begleiteten mit rhythmischem Händeklatschen die Mädchenfüße.

Aber Kinder, die nichts vom Glückswechsel und von Beherrschung der Glücksekunden verstehen, können auch nicht auf den Augenblick der Windstille nach der Brise von Amazu achten.

Die lebhafte Brise, die mit den Kleidern der Kinder spielte, mit den äußersten Spitzen der Kirschbäume, mit den glitzernden Grashalmen der grünspanfarbigen Wiesen, legte sich plötzlich, und tiefe Lautlosigkeit trat ein. Vergeblich schrien die beiden Lehrer aus jedem Boot den übers Wasser wandernden Kindern zu: Kinder sind taub, wenn sie spielen. Kein Knabe kehrte zurück, als die Brise von Amazu sich legte.

Wie wenn ein Spiegel einbricht und die Glassplitter trübes Glasmehl werden und kein Gesicht mehr hergeben, das hineingeschaut hat, so blieben alle Schulkinder im See verschwunden.

Die beiden Schullehrer kamen drei Tage später, nachdem sie den ganzen See abgesucht hatten, ohne Kinder zurück nach Ozu, wo der Jammer um die verschwundenen Schulklassen so groß war, daß viele Väter noch in derselben Nacht Selbstmord begingen und viele Mütter hinaus zum See stürzten und sich ertränkten.

Auch der eine Lehrer, sein Name war Amagata, wurde am nächsten Morgen tot in seiner Wohnung gefunden, erwürgt von Nachtgeistern, sagten die Leute. Der andere aber mußte seine Schulstellung aufgeben und wurde Polizist.

Eines Tages beurlaubte sich dieser Mann, welcher Omiya hieß, und sagte, er wolle sich ein Mädchen zur Frau aus Amazu holen. Und als man ihn fragte, warum gerade aus Amazu, von wo doch das Unglück über ihn und Amagata gekommen sei, da schüttelte er nur den Kopf und sagte finster: «Auf Glück folgt Unglück und auf Unglück Glück. Darum muß das Mädchen, das ich liebe, aus Amazu sein und mir Glück bringen, weil ich dort mein größtes Unglück hatte.»

Wenige Tage später brachte Omiya auch wirklich auf seinem Kahn eine Frau aus Amazu nach Ozu, schloß sein Weib in sein Haus ein und zeigte es niemand.

Die Frau gebar einen Knaben. Der sah, als er größer wurde, dem ermordeten Lehrer Amagata auffallend ähnlich.

Nach der Geburt des Knaben trat eine Veränderung mit Omiya ein. Er vernachlässigte seine Frau, er vernachlässigte sein Haus, er vertrank sein Geld, er vermied es, sein Kind zu sehen, und trug immer in seinem Mund eine kleine, kalte Pfeife, die er nie anzündete, die er aber alle Augenblicke ausklopfte, als habe er sie ausgeraucht.

Dieses Klopfen der Pfeife des Polizisten Omiya war in ganz Ozu als Signal bekannt. Die Kinder flüchteten in die Häuser und versteckten sich hinter die langen Ärmel der Mütter, wenn am Ende der Straße das Klopfen der Tabakpfeife des Polizisten Omiya ertönte. Nachts schrien Knaben und Mädchen im Schlafe auf, wenn unter den Fenstern der Polizist vorüberging und seine Pfeife an die Hausecke pochte.

Ältere Leute, die nachts noch bei der Kerze lasen, löschten das Licht aus, wenn sie das Klopfen der Pfeife hörten. Junge Männer, die eben aus dem Teehaus heimgehen wollten, gingen bei dem unheimlichen Klopfen wieder in das Teehaus und bestellten sich eine neue Tänzerin und Reiswein, um nicht an das verrufene Klopfen denken zu müssen. Denn niemand in ganz Ozu wollte mit dem verrufenen Klopfen im Ohr einschlafen.

Aber mit dem feinen Takt der Japaner erzählte keiner dem andern in ganz Ozu, welche Plage ihm das Pfeifengeräusch des Polizisten verursachte. Jeder vermied, von etwas so Unangenehmem, wie die Vergangenheit und das Schicksal des Omiya gewesen, von neuem zu sprechen. Bis eines Tages ganz Ozu von Omiya erlöst wurde.