Die acht Gesichter am Biwasee: Japanische Liebesgeschichten
Part 3
Diese Auserwählte war sein persönliches Geheimnis. Kein Bewohner von Karasaki hatte sie je gesehen. Keiner der Menschen, die rings um den Biwasee wohnen, war ihr je begegnet. Nur Kiri allein wußte, wie sie aussah; aber weder seinem Vater noch seiner Mutter, «der Wolke vor dem Mond», erzählte er jemals von diesem Mädchen. Jetzt im März, im Vorfrühling, lag Kiri in einer Nacht allein draußen auf dem See, hatte eine Kienfackel am Kiel des Bootes befestigt, das große Netz ausgeworfen und ruderte langsam, vom rötlichen Feuerschein umgeben, über das Wasser, das schwarz wie Nachtluft war, und das ihm vertraut war wie die Diele seiner Elternhütte. In dieser Nacht rauschte der See nicht, und soviel Kiri auch horchte, kein Fisch rührte sich und schnellte auf. Es war, als sei der See drunten fischleer wie der Himmel droben. Trotzdem kein Nebel war, verwunderte sich der junge Fischer allmählich, daß ihm nicht ein einziges Fischerboot begegnete, und daß auffallenderweise nicht ein einziges Fackellicht von anderen fischenden Booten in der dunkeln Runde zu bemerken war. Nur Kiris Kienspan knisterte und paffte. Aber keine Welle funkelte, und zum ersten Male wurde es Kiri unheimlich auf dem altbekannten, treuen, guten See. Die Ruder ruderten widerstandslos, als zerteilten sie gar kein Wasser. Kiri zog zuletzt die Ruder ein und getraute sich nicht mehr, den See zu berühren. So oft er auch das Fischnetz hob, -- es war leer, und nicht die kleinste Seemuschel und nicht der kleinste Fisch, -- nichts hing in den nassen Maschen.
Wie Kiri noch lag und nach allen Richtungen horchte, um Geräusche von fernen Ufern aufzufangen, da er nicht mehr wußte, ob sein Boot auf der Seehöhe oder in Landnähe sei, da tauchte im roten Schein seiner Kienfackel am Kiel ein ovaler Fleck auf, ähnlich dem aufgehenden Mond über der Seelinie. Kiri griff erleichtert zu den Rudern und wollte dem blassen Fleck entgegenfahren. Aber sein Boot schien sich nicht mehr vom Fleck zu rühren, soviel er auch ruderte.
Nun wußte Kiri, daß eine der Seeverzauberungen über ihn und sein Boot gekommen war, daß der Seebann, vor dem sich alle Bewohner von Karasaki fürchten, sein Boot festhielt, und daß das blasse Licht, das durch den rotbraunen Fackelschein ihm entgegensah, das Gesicht eines Seedämons war, dem er nicht mehr ausweichen konnte.
Die Kienfackel hörte auf zu paffen, brannte eine Weile lautlos; dann schrumpfte ihr Licht ein, als wäre die Fackel ins Wasser gefallen. Und das alte vertraute Boot, in dem Kiri von Kindheit an geatmet, gearbeitet, gegessen und geschlafen hatte, war schwarz geworden wie die Nachtluft und wie das Seewasser. Kiri fühlte nicht mehr den Bootrand. Vielleicht war auch sein Körper jetzt Luft, bezaubert von dem fahlen Gesicht des Dämons, der nun erscheinen sollte. Kiri erwartete eine Schreckensgestalt, einen Seedrachen mit zackigen Flügeln, einen Riesen, der den Kopf nicht auf den Schultern trüge, sondern dem er aus dem Bauch wüchse, dort, wo sonst bei den Menschen der Nabel ist.
«Guten Abend, Kiri», sagte ganz einfach eine Stimme im Dunkel. «Warum hast du kein Licht an deinem Boot?» sagte die Stimme eines Mädchens. «Kannst du nicht etwas Licht anzünden? Ich habe meinen Feuerstein ins Wasser fallen lassen und bin auf dein Boot zugerudert, ehe deine Fackel auslöschte. Kiri, schläfst du? Höre doch und mache Licht!»
«Wer bist du?» getraute sich Kiri erleichtert zu fragen.
«Mach Licht, dann wirst du mich sehen. Du kennst mich gut, Kiri. Verstell dich nicht und erkenne mich! Erinnerst du dich nicht mehr», sagte die Stimme im Dunkel, «weißt du nicht mehr, wo wir uns zum letzten Mal verließen?»
«Nein, ich kenne dich noch nicht», gab Kiri zurück. Und sein Herz suchte in allen seinen Erinnerungen. Und wie er grübelte, wurde es seltsamerweise Tag, und Kiri sah keinen See, keine Ufer, -- er lag auf der Altane eines Hauses, das er gut kannte, aber in dem er lange nicht gewesen war; neben ihm auf einem flachen Seidenkissen saß ein schönes junges Mädchen und sagte: «Samurai, kennst du mich jetzt?» Und er sah sie an und grübelte wieder in seinen Erinnerungen und sah über das Altanengeländer einen Zwerggarten mit kleinen Brücken und kleinen Felsen. Und unter einer der kleinsten Brücken ging eben das letzte Stückchen der Abendsonne unter. Und Kiri grübelte, und der erste Stern erschien über dem lautlosen Zwerggarten. Aber der junge Mann erkannte das Mädchen nicht, und er erkannte auch das Haus noch nicht, trotzdem er wußte, daß es sein Haus war. Doch es lag nicht am See, und es war kein Fischerhaus. Es war das Haus eines Samurai, eines reichen Adeligen aus der Kriegerkaste.
Kiri betrachtete seine rechte Hand und sah, daß sie nicht mehr die grobe Hand eines Fischers war. Und Kiri grübelte und hörte plötzlich einen Laut, wie wenn aus vielen Tempeln viele Gongs andröhnen. Er fragte das Mädchen neben sich auf der Altane: «Welches Fest ist heute, weil alle Tempel rufen?»
«Es ist kein Fest», sagte das Mädchen und war rot und leuchtete wie eine Fackel, trotzdem kein Licht auf dem Altan brannte.
Und Kiri grübelte wieder. Aber die Tempelgongs schwiegen nicht, und auch die Erde unter ihm dröhnte wie ein Tempelgong und schien Kiri zu wecken und zu rufen.
«Es ist kein Fest, es ist ein Krieg», sagte Kiri plötzlich. «Was ist das für ein Krieg um die Tempel und auf der Erde?» fragte er von neuem das Mädchen.
Dieses wurde blaß und leuchtete weiß wie ein Metallspiegel und sagte: «Es ist kein Krieg, Kiri. Kein Krieg um die Tempel und kein Krieg auf der Erde.» Dabei bog sie sich über ihn, legte ihre Wange an Kiris Ohr und ihre Hand auf sein Herz.
Da wurde es still draußen um die Tempel, und auch die Erde schwieg. Die Sterne über dem Garten verschwanden, und Kiri hörte, wie ein leiser Regen begann. Es regnete ein Nachtregen. Und er sah mit offenen Augen, daß das Mädchen neben ihm aufstand, Diener hereinwinkte, ihn in eine Sänfte legen ließ und sich selbst zu ihm hinein in die Sänfte kauerte. Und der Regen regnete leise auf das Dach der Sänfte, wie das Getrippel einer tanzenden Frau. Dann standen die Diener, nach Stunden, schien es ihm, still. Man hob Kiri aus der Sänfte heraus. Er ließ alles geschehen und sah nur mit offenen Augen zu, daß man ihn in ein Boot legte. Es war ein vornehmes, großes Boot, ein Samuraiboot. Ein Goldlackhaus stand inmitten des Bootes. Eine große rote Laterne brannte am Kiel, und die Diener legten ihn auf die Diele des Goldlackhauses. Und Kiri hörte wieder den Regen auf das Dach trippeln, wie die Füße von hundert Tänzerinnen. Neben ihm saß das junge Mädchen, dessen Arme ließen seinen Nacken nicht los. Nur durch die offene Tür des Bootshauses sah Kiri an der roten Laterne, die ausgelöscht wurde und wieder angezündet, daß es Tag und Nacht wurde. Aber wie viele Tage und Nächte vergingen, das wußte er nicht.
Immer regnete der Regen, dieser seltsame Regen, der auch regnete, wenn die Sonne am Tage hereinschien, und auch nachts, wenn die Sterne an der Tür des Goldlackhauses standen, und der nur dann aufhörte, wenn das Mädchen neben ihm für einen Augenblick die Wange an seine Wange legte, die Lippen an seine Lippen und die Zungenspitze an seine Zungenspitze.
Allmählich aber wurde Kiri den Regen gewohnt, und eines Tages übte er keinen Bann mehr auf seine Glieder. Aber er sah an dem erschrockenen Gesicht des jungen Mädchens: es gefiel ihr nicht, daß er den Regen vergessen, daß er sich aufrichten und sich umsehen konnte.
Da fragte Kiri sie: «Wo sind wir?»
«In Japan, Samurai», sagte das Mädchen ausweichend.
Achtmal wurde die Laterne draußen ausgelöscht und achtmal wieder angezündet, und Kiri hatte wieder zählen gelernt. Am neunten Tag fragte er abermals das Mädchen: «Wo sind wir in Japan?»
«Auf dem Biwasee, Samurai», sagte das Mädchen.
«Sind viele Menschen auf dem See?» fragte Kiri.
«Samurai, nur ich und du und die Ruderer und ein paar Diener deines Hauses.»
«Aber ich höre viele Menschen auf dem See.»
«O Herr, es sind nicht Menschen, die du hörst. Das sind die vielen Füße des Regens.»
Kiri schwieg noch einmal eine Nacht lang. Aber als die rote Laterne am Morgen ausgelöscht wurde und der letzte Stern aus der offenen Tür ging, richtete er sich auf und fragte: «Wo sind wir auf dem Biwasee?»
«Wir sind auf der Höhe von Karasaki, Herr», antwortete das Mädchen. Aber ihre Stimme war vor Schreck nicht mehr ihre Stimme, und das Rascheln der Seide ihrer Ärmel war lauter als ihre Sprache. Kiri mußte noch einmal fragen, um sie zu verstehen, und er richtete sich auf und befahl mit seinen Augen dem Mädchen, zu bleiben und ihn nicht mehr anzurühren. Aber er hatte ihr nicht befohlen zu schweigen.
«Bleib doch bei mir, Samurai», sagte sie lauter und flehend. «Sieh, es wird bald wieder Nacht draußen!» Und sie hob ihre weißen Händchen aus den Ärmeln und langte nach den Zipfeln von Kiris Ärmeln und hielt sie mit ihren kleinen Händen fester als ein Dornbusch.
Da lachte Kiri über die Kraft der kleinen Finger, blieb aufrecht sitzen und hörte für eine Weile wieder den Regen.
Das Mädchen schmeichelte ihm und legte die Wange an seine Wange und sagte: «Was willst du draußen, Samurai, wo es immer regnet?»
Und ihre Hände und ihre Stimme brachten es noch einmal fertig, daß Kiri nicht aufstand und bei dem Mädchen sitzen blieb und sich schmeicheln ließ und sie liebkoste.
Aber in derselben Nacht noch, gegen Mitternacht, als die rote Laterne vom Kiel die Diele des Goldlackhauses rot beleuchtete, sah Kiri eine zweite Laterne, eine gelbe, neben dem Kiel aufsteigen, und er erkannte, daß es der gelbe Vollmond war.
«Wie kann es regnen», sagte Kiri zu dem Mädchen, «wenn der Vollmond draußen neben der roten Laterne scheint?»
«Es regnet immer nachts über Karasaki», sagte das Mädchen und war zwiefach von der Laterne und dem Mond beschienen.
«Du hast zwei Farben im Gesicht, als ob du lögest. Ich höre keinen Regen mehr.»
«O, hörst du nicht mehr den Nachtregen über Karasaki?» sagte das Mädchen, öffnete den großen Fächer und hielt ihn gegen den Mond und gegen die Laterne, so daß ihr Gesicht dunkel war.
«Ich höre keinen Regen mehr. Laß uns aufstehen, ich will den See und die Ufer im Vollmond sehen.»
«O, höre doch den Regen!» flehte das Mädchen. «Bleib!» Und sie hob wieder ihre kleinen Hände, um ihn zu halten.
Da befahl Kiri ihr, die Hände in die Ärmel zu verstecken, und sagte: «Schweig!»
Zum erstenmal seit vielen, vielen Tagen und Nächten stand Kiri auf und fühlte wieder, daß er Füße, Knie, Schultern, Ellenbogen und eine atmende Brust hatte. Und aus dem schwülen Räucherwerk, das in dem Lackhaus brannte, trat er durch die offene Tür hinaus in das Boot, das sich bei Kiris aufstampfendem Gang tiefer ins Wasser drückte.
«Ich will nach Karasaki fahren!» rief er den Ruderern zu. Und als er sich gegen das Goldlackhaus umwandte, sah er oben auf der kleinen Altane des Daches sechs Frauen sitzen. Drei hatten kleine Holztrommeln, und drei hatten Mandolinen im Arm. Ihre Finger bewegten sich im Mondschein. Sie schienen zu musizieren. Aber seltsamerweise hörte Kiri keinen Ton mehr im Ohr, weder von den Trommeln, noch von den Mandolinen.
Kiri beachtete die Musikantinnen nicht lange, denn das Boot schoß jetzt auf Karasaki zu. Und ganz Karasaki schien ihn zu erwarten.
Auf vielen Masten am Ufer waren Laternen aufgezogen, und lange Ketten von farbigen Papierlaternen schillerten in der Luft und glitzerten im Wasser. Je näher sie kamen, desto festlicher hob sich das erleuchtete Karasaki aus der Nacht.
Kiri staunte eine Weile. Dann winkte er dem Mädchen, das drinnen noch immer auf der Diele des Boothauses hockte und sich nicht rührte.
«Komm und sieh, wie Karasaki uns empfängt!»
Ganz schwach hörte Kiri des Mädchens Stimme zurück:
«O, komm wieder herein, Geliebtester! Komm herein zu mir! Das ist der Nachtregen von Karasaki, der draußen im Mondschein glänzt. Es sind die Ketten der Regentropfen, die im Vollmond glitzern. Hörst und siehst du nicht den Nachtregen?»
Da stampfte Kiri ungeduldig, daß das Boot sich unter seinen Füßen noch tiefer ins Wasser senkte, und rief:
«Stehe ich nicht auf meinen zwei Füßen? Sehe ich nicht mit meinen zwei Augen? Fühle ich nicht mit meinen zwei Händen, daß die Luft trocken ist!?»
Da kam das Mädchen aus dem Boothaus und rief rasch zu den Musikantinnen auf das Dach hinauf:
«Spielt lauter! Bei allen Göttinnen bitte ich euch: spielt lauter!»
«Spielen die dort oben, oder spielen sie nicht?» fragte plötzlich Kiri.
«Zwei von ihnen spielten immer, Herr. Jetzt spielen aber alle sechs. Hörst du nicht, Geliebter? Höre doch! Komm in das Haus! Du hörst vor dem Ruderrauschen hier draußen nichts. Komm in das Haus!»
«Nein, ich höre nichts. Aber welches Lied spielen sie?»
«O Herr, sie spielen das Regenlied. Verzeiht! Sie spielen das Lied schon seit Wochen, um dich einzuschläfern, Herr. Ich habe gelogen, Herr.» Das Mädchen warf sich vor Kiri nieder. «O Geliebter, ich habe dich nicht von mir lassen wollen. Das ganze Land war voll Krieg. Die Samurais aus dem ganzen Land zogen in den Krieg. Seit Wochen tobt der Krieg. Als die Tempel den Krieg verkündeten, habe ich dein Schwert verstecken lassen und habe dich einschläfern lassen mit dem Regenlied und habe dich im Arm gehalten und habe dich in eine Sänfte bringen lassen. Und die Musikanten, die das Regenlied spielten, haben dich begleitet bis an den Biwasee, und ich habe ihnen befohlen, sich auf das Dach zu setzen, und zwei von ihnen mußten immer spielen, Tag und Nacht. Und ich habe dich nicht von meiner Seite lassen können Tag und Nacht, vor Furcht, daß dich der Krieg töte, wenn du ans Land gingest, und vor Furcht, daß der Tod dann mein Geliebter würde.
Jetzt aber sehe ich, daß Friede am Land ist. Deshalb glänzt Karasaki festlich beleuchtet in der Nacht. Und ich bin froh, daß Friede wurde, denn dein Ohr wollte nicht mehr auf die Musik des Regenliedes hören, und ich fühlte seit Tagen, daß ich dich nicht mehr aufhalten könnte, wenn du die Musik nicht mehr hörtest und an den Regen nicht mehr glaubtest.
Sieh, Geliebter, jetzt kann ich dich nicht mehr verlieren. Jetzt können wir in unser Haus zurückkehren. Ich habe dein und mein Leben gerettet. Denn die Toten können sich nicht küssen, nur die Lebenden.
Was hast du, Geliebter? Blendet dich das Mondlicht? O, bei den Göttern, ich hatte doch kein Gift auf meinen Lippen, als ich dich küßte! Warum wirfst du dich auf deine Knie? Warum schüttelst du die Fäuste in die Luft? Warum wird dein Haar lebendig und sträubt sich wie bei einer Katze?
O Götter! Deine Augen quellen dir aus dem Kopf! Samurai, bist du vergiftet? Suchen deine Hände dein Schwert an den Hüften? Ich will dir's bringen. Verzeih, wenn ich dein Eigentum versteckte. Dein Schwert ist hier im Lackhaus, im Wandschrank.»
Während das junge Mädchen noch flehte, hatte sich der Mond bedeckt. Aber Kiris Gesicht leuchtete, als wäre es aus Phosphor. Seine Armmuskeln wölbten sich, seine Fäuste schlugen in die Luft, seine Brust keuchte:
«Mein Schwert!»
Dann stürzte er an dem Mädchen vorüber in das Lackhaus und zerbrach die Wandschranktür, die sich nicht sofort öffnete. Aber kaum berührten seine Finger das Schwert, das dort in seidenem Futteral lag, da fiel der Mann weich wie Schaum zusammen und warf sich schluchzend und weinend auf die Diele und preßte sein Schwert an seine Brust, als wäre es seine wiedergefundene Geliebte.
Eine Weile noch tobte sein Stöhnen, sein Schluchzen. Dann hob er sein tränenüberströmtes Gesicht, setzte sich mit gekreuzten Beinen ruhig auf den Boden, löste den Seidengürtel seines Obergewandes, zog das kurze Schwert aus der dicken geschnitzten Elfenbeinscheide, strich mit der äußerst feinen Schneide des Schwertes über den Haarbüschel an seiner nackten Brust, schnitt ihn glatt ab und lächelte eine Sekunde zufrieden über die gute, treue Schärfe des Stahls. Dann sagte er ruhig, beherrscht zu dem Mädchen, mit einem Tonfall und einer Stimme, als wäre nichts geschehen:
«Mach dich bereit! Wir müssen jetzt sterben!»
Das Mädchen, das ihm in das Haus gefolgt war, kauerte neben ihm, willenlos und bleich wie eine hingewehte weiße Feder. Sie antwortete ihm nur mit dem einen Wort:
«Geliebter!»
Aber diese Antwort brachte wieder den alten Sturm in Kiri herauf. Alle Muskeln an seinem Leibe zuckten, als würden sie von Zangen zerrissen. Darf je ein Samurai sein Schwert verlassen? Hatten nicht die Gongs der Tempel und selbst der große Kriegsgong, der tief in der Erde begraben ist, Kiri und sein Schwert vor Wochen gerufen? Die Erde hätte ihn mit ihrem Feuer verschlungen, wenn er nicht in den Krieg gegangen wäre; denn jeder Samurai ist der Sohn der Erde und der Sohn des Feuers. Beide Gewalten haben ihn geboren. Nur das Wasser hat nichts mit seiner Geburt zu schaffen. Dem Wasser ist er fremd, und es erkennt den Samurai nicht an, nicht den Krieger, denn das Wasser ist sanft und ausweichend. Und das Wasser ist der Tod des kriegerischen Feuers.
Nur auf dem Wasser konnte ein japanischer Samurai einen Krieg versäumen. Nur eingelullt vom Regen und fern von allen Ufern, konnten die Ohren eines Samurai den Kriegsgesang der japanischen Erde nicht mehr hören.
Aber hat ein Krieger einen Kampf ausweichend versäumt, so ist seine adlige Seele erniedrigt, seine Unsterblichkeit, die ihm als Held angeboren ist, wird ihm dann für immer genommen, und sein nächstes Leben ist das eines gemeinen Mannes aus dem Volke.
Doch das Schicksal gewährt dem Entehrten noch eine Gunst, wenn es der Zufall geben will und sein Mut, daß er im nächsten Leben als gemeiner Mann einen Heldentod stirbt, -- dann erlangt seine Seele wieder die alte Unsterblichkeit und den alten Adel seiner Vergangenheit zurück. Bis dahin aber muß er niedrig denken, niedrig handeln und ist nicht zu unterscheiden von den niedersten des Volkes.
Kiri sprach: «Weib, deine Liebe zu mir wurde der Tod meines Adels und aller meiner vergangenen adligen Leben. Aber du hast aus Liebe gehandelt, und Liebe ist vor den Göttern unstrafbar. Darum hoffe ich, daß mich die Götter begünstigen und dich und mich im nächsten Leben aus der Erniedrigung wieder zum alten Adel erheben.
Ich hasse dich nicht. Ich muß dich lieben trotz des Todes, den du uns antust.
Ich will zwei Fragen an das Schicksal stellen, ehe wir beide sterben:
Ihr Götter, könnt ihr durch einen Zufall drüben in Karasaki alle Lampen des Friedensfestes auslöschen, dann will ich euch glauben, daß ihr mir im nächsten Leben eine Gelegenheit gebt, durch Krieg ein Held zu werden. Trotzdem ich heute noch nicht verstehen kann, wie ihr dazu helfen wollt, da ich als niedriger Mann wieder geboren werde und dann nicht zum Kriegerstand gehöre und kein Schwert besitzen darf. Aber ihr Götter, euch ist nichts unmöglich. Gebt mir das Zeichen!» --
Die rote Laterne draußen am Kiel hob und senkte sich jetzt auf den Strandwellen von Karasaki. Bei jeder Senkung tauchten die Lichterketten des festlichen Ufers wie feurige Girlanden über die rote Laterne des Kiels und senkten sich wieder und verschwanden hinter den Bootrand.
Nach einer Weile tauchten die Lichter von Karasaki plötzlich nicht mehr auf.
Kiri wartete und wartete und sagte mit gedämpfter und bewundernder Stimme zu dem Mädchen:
«Geh und frage die Bootsleute, warum sie die Richtung geändert haben und nicht mehr auf Karasaki zufahren, wie ich befohlen habe. Denn du siehst: die hellen Ufer sind verschwunden, und der Kiel fährt in die Dunkelheit.»
Das Mädchen wollte gehorchen und zu den Bootsleuten gehen und fragen. Aber sie blieb unter der Türe stehen und sagte:
«Herr, ich sehe: es regnet. Der Regen hat die Festlichter von Karasaki ausgelöscht.»
Da fragte Kiri lachend:
«Ist es ein lauter Regen?»
Das Mädchen beteuerte:
«O, Samurai, es regnet wirklich dieses Mal. Es regnet laut.»
«Das ist der Regen der Götter. Aber ich höre ihn nicht», sagte Kiri feierlich und hielt den Atem an.
Das Mädchen setzte sich wieder zu Kiri, und beide lauschten. Von Zeit zu Zeit fragte der Mann das Mädchen:
«Wird der Regen lauter? Ich höre ihn nicht.»
Dann hüllte das Weib sein Gesicht in die seidenen Ärmel und schluchzte.
Kiri fragte:
«Fürchtest du dich vor dem Tode?»
«O Herr, mit dir zu sterben, ist kein Tod. Aber ich fürchte mich vor der Ungewißheit, ob die Götter mich im nächsten Leben mit dir leben lassen. Wenn du wenigstens den Nachtregen über Karasaki wieder hören würdest, dann würde ich das als Zeichen nehmen, daß die Götter mir verzeihen und mich im nächsten Leben wieder mit dir leben lassen.»
Und das Mädchen legte seine Wange an Kiris Wange. Da war es dem Samurai, als ob ihm die Ohren auftauten, und er sagte:
«Ich höre den Nachtregen über Karasaki. Und ich höre, daß wir uns wieder sehen und wieder lieben werden.»
«O, Dank allen Göttern, und Dank auch dir, daß du mir verziehen hast, Samurai. O, könnte ich dir im nächsten Leben den Weg zum Krieg zeigen und dir dein Schwert wieder schenken.»
«Auch dieses werden die Götter erfüllen», antwortete Kiri, «denn wenn sie zwei Lebenden zwei Wünsche erfüllt haben, so legen sie die Erfüllung des dritten Wunsches als Göttergabe dazu.» --
Die beiden umarmten sich nicht mehr. Und der Samurai nahm sein Schwert, stellte es senkrecht gegen seinen eigenen Leib, drückte es an seine Eingeweide und zog den Harakirischnitt waagrecht durch seine Gedärme ...
Das Mädchen war leise aufgestanden und hatte sich hinter den Mann gestellt; als er umsank, fiel sein Kopf an ihre Knie und glitt sanft auf den Boden. Sie nahm das vom Blut verdunkelte Schwert dem Toten aus der Hand, stemmte es an ihr Herz und stürzte sich in die Schwertspitze.
Draußen tönte der Nachtregen auf das Dach des Bootgemaches, und der Kahn fuhr schurrend auf den Kiesstrand von Karasaki. Und die rote Kiellaterne stand still wie angemauert im Regen.
* * * * *
Dieses alles erlebte Kiri, der junge Fischer, jetzt, als er das Mädchen, das ihn auf dem See anredete, gefragt hatte: «Wer bist du?»
«Kennst du mich nun?» fragte die Stimme wieder aus dem Dunkel.
«Ich kenne dich wieder. Aber zeige dich nicht. Gib mir mein Schwert! Gib mir den Krieg! Ich bin ein armer Fischer jetzt.»
«Wirf dein Netz aus!» sagte des Mädchens Stimme.
«Es sind keine Fische heute nacht im See, und ich will nicht länger ein Fischer sein, seit ich weiß, daß ich einst ein Samurai war.»
«Wirf dein Netz aus!» sagte die Stimme wieder.
«Ich kann im Dunkeln nicht sehen», sagte der junge Fischer, «und ich habe keinen Feuerstein da, meine Fackel anzuzünden. Wie soll ich im Dunkeln wissen, wohin ich mein Netz werfe!»
«Wirf dein Netz aus und vertraue mir!» sagte noch einmal die Stimme.
Unwillig griff der junge Bursche nach dem Netz. Aber er warf es nicht mit gewohntem Griff über den Bootrand, sondern er schleuderte es in die Luft und sagte zu dem Netz:
«Geh zu den Göttern! Ich will kein Fischer mehr sein, seit ich weiß, daß ich ein Samurai war.»
Plötzlich begannen alle Netzmaschen wie ein Sternschnuppenfall in der Luft zu leuchten. Das fortgeschleuderte Netz wurde zu vielen elektrischen Blitzen und fiel wie ein blaues Maschengewebe aus elektrischem Feuer in den See.
«Gut, du bist ein gutes Netz und hast gehorcht», sagte Kiri stolz in die Luft. «Du hast Feuer gefangen, so wie ich Feuer gefangen habe, seit ich weiß, wer ich bin.»
«Greife ins Wasser und ziehe dein Netz wieder über den Bootrand! Dann will ich dir zeigen, was deine Arbeit sein wird, Samurai.»
Kiri griff aufs Geratewohl ins Wasser und zog einen blauglühenden Strick aus der Tiefe. Aber er fühlte, daß er keine Kraft besaß, den Strick nur um das kleinste höher zu ziehen. Es war, als lägen steinerne Berge in seinem Netz: der Strick rückte nicht von der Stelle.
«Deine Kraft wird über dich kommen zu deiner Stunde», sagte das Mädchen.
Aber Kiri war unwillig und schüttelte den Strick, verzweifelt über seine Ohnmacht.
«Binde den Strick am Bug des Schiffes fest und nimm deine Ruder und rudere!» befahl ihm die Stimme, und der junge Fischer tat so.
Und wie er ruderte, schien es ihm, als würde der See in der Tiefe hell.