Die acht Gesichter am Biwasee: Japanische Liebesgeschichten

Part 2

Chapter 23,660 wordsPublic domain

«Wir wollen nicht neuen Ungehorsam auf dies Haus laden. Ich darf nicht weinen, wenn ich auch bis an die Augen voll Trauer bin. Meine Füße aber zittern, und ich kann dem Prinzen nicht entgegen gehen. Ich kann meine Füße noch nicht zum Gehorsam zwingen.

Wenn der Prinz dich fragt: 'Wo ist Hanake?', sage, und laß dir nichts merken, sage: 'Verzeihung, Sohn des Himmels, meine Herrin trauert um ihren toten Lieblingspapagei. Aber wenn meine Herrin des Prinzen Angesicht sieht, wird ihre Trauer zur Freude werden und doppelt glänzen, wie dein weißes Segelboot, o Herr, im Biwasee.'» --

Und wie der Schiller auf starrem, poliertem Porzellan glänzte Hanake bis zum Abend, so lange der Prinz in ihrem Hause war und mit ihr spielte. Und auch als sie ihr Scharlachkleid öffnete und ihren kleinen weißgepuderten Leib nackt in die Arme des Prinzen legte, sang sie Lieder und zwitscherte mit den Lippen. Der Prinz sagte am Abend:

«Dein Leib ist mir lieb, weil er kühl ist wie die Schneeflocken und mich aufweckt wie die Kälte am Wintermorgen.

Und nun singe mir noch zum Abschied das Lied vom Biwasee, das nur auf weiße Seide geschrieben werden darf.»

Die Singende Seemuschel saß hinter der Papierwand im Nebenzimmer, wo sie die Gitarre spielen mußte, so lange der Prinz die nackte Hanake umarmte. Aber als die treue Magd hörte, daß der Prinz das Lied von ihrer Herrin verlangte, das nur eine sehnsüchtig Liebende singen darf, da konnte sie sich nicht mehr des Schluchzens erwehren. Und während die Hände der Singenden Seemuschel auf der Gitarre spielten, wimmerte ihre schluchzende Brust.

Hanake, die in ihr Scharlachkleid schlüpfte, raschelte mit der Seide, damit der Prinz das Wimmern der Magd nicht höre. Dann wollte sie singen. Aber der Prinz fragte, ehe sie begann:

«Weint jemand hinter der Wand?»

«O nein», lächelte Hanake, «das sind nur Brieftauben, die ich in einem Käfig halte, und ihre Kröpfe glucksen, weil sie zu viel gefüttert wurden.»

«Singe jetzt!» sagte der Prinz.

Das Wimmern hinter der Papierwand verstummte, und Hanake sang das Lied:

Auf dem See steht ein weißes segelndes Boot. Mein Herz, mein leises, Mein Auge, mein heißes, -- Die Menschen, die einsam sind, Sind wie die Boote von Yabase, Die blaß hintreiben im Abendwind.

Hanake hatte während des Singens ihren Kopf in den Schoß des Prinzen gelegt und mit offenen Augen zur Decke gestarrt. Ihr Körper war in derselben Stellung wie an jenem Abend auf dem Biwasee im Boot, als sie mit dem Kopf im Schoß ihres Geliebten gelegen.

Plötzlich fährt Hanake, wie von einem Schuß getroffen, auf. Sie wirft die Arme in die Luft und fällt ohne Aufschrei auf die Diele, wo sie in tiefer Ohnmacht liegen bleibt.

Der Prinz wird blaß. Auf seinen Ruf kommt die Magd hinter der Papierwand vor. Der Prinz sieht die verweinten Augen derselben und denkt, daß Magd und Herrin wirklich in Trauer seien über den toten Papagei. Er ist erstaunt darüber und sagt: «Deine Herrin ist noch schwach von Trauer über ihren toten Papagei. Pflege deine Herrin; und wenn sie aufwacht, sage ihr, ich käme morgen abend und hundertmal wieder.»

Die Magd verneigt sich vor dem Prinzen, sie verbirgt ihre verweinten Augen und lügt:

«Sohn des Himmels, verzeiht meiner Herrin! Aber der Tod ihres Papageis ging ihr nicht so sehr zu Herzen wie jetzt der Abschied von Euch. Die Trauer darüber hat sie gleich einer Ohnmacht überfallen.» --

Als Hanake wieder zu sich kommt, sieht sie fern im Abend über dem Biwasee das verschwindende Segel des kaiserlichen Bootes, und das Kielwasser treibt eine lange schwarzlinige Welle von der Mitte des Sees bis an Hanakes Haus.

Hanake murmelt: «Die Magd sagt: hundertmal wird er wiederkommen! Ich will lieber _hundert_ verschiedene Männer umarmen, ihr Götter! Erlaßt es mir, _einem_ Mann Liebe heucheln zu müssen _hundertmal_ hintereinander. Ich schwöre euch: ich will mich lieber auf dem Liebesmarkt zu Tokio hingeben, wo fünftausend Mädchen sich jede Nacht einem andern Mann anbieten. Aber erlaßt mir, o Götter, die Qual und bindet mich nicht hundert Nächte an den einen Mann, der sich einredet, daß ich ihn liebe.»

Die untergehende Sonne schminkte den Himmel wie das Gesicht eines Freudenmädchens. Karminrosig und violett silbrig färbten sich alle Wolken über dem Biwasee, wie die fünftausend Mädchengesichter auf dem Liebesmarkt zu Tokio.

Dann hörte Hanake lautes Gelächter, laute Männer- und Frauenstimmen, das Räderrasseln von kleinen Rikschawagen und das Geschrei von Kulis. Eine Schar ihrer Freunde und Freundinnen war in Wagen und Tragsesseln von der Landstraße hergekommen und rief jetzt von draußen ins Haus nach Hanake. Dann drängten die Gesichter ihrer Freunde und Freundinnen in das Nebenzimmer, und Hanakes Gesicht wurde wieder höflich und freundlich und unbeschrieben wie eine weiße Eierschale.

Sie warf noch rasch einen Blick aus dem Fenster. Das Segel des kaiserlichen Bootes war hinter der Seehöhe verschwunden. Der See lag gradlinig, und nur wie eine kleine, schwarze Schnur zog sich am Horizont das Kielwasser des verschwundenen Bootes hin. Die Kielwelle erreichte nicht mehr Hanakes Haus und verlor sich wie ein abgerissenes Band draußen auf der Seefläche.

Hanakes Herz war leichter. Sie trat aus dem Seegemach in das nebenanliegende Gemach, in das die Freunde hereindrängten. Das Haus war jetzt voll von zwitschernden Frauenstimmen und gurgelnden Männerkehlen, die den Atem auf japanische Sitte laut und achtungbezeugend einzogen.

Nachdem alle eine Weile voreinander auf den Knien gelegen hatten und sich verbeugt hatten, rutschten alle zusammen, bildeten einen Halbkreis um Hanake und hockten auf den Seidenkissen am Boden, und das Zimmer war laut wie ein Baum, in dem eine Sperlingschar plaudert.

Gerüchte, daß ein kaiserlicher Prinz sich nach Hanake umsähe, hatten sich bei den Freunden verbreitet; aber niemand wußte Genaues, und niemand wußte vom Besuch des Prinzen. Alle waren des Mordes wegen gekommen, der sich auf dem See in der Nähe von Hanakes Haus ereignet haben sollte. Sie wollten wissen, ob Hanake den Schuß gehört habe? Ob der Europäer fehlgeschossen oder auf den Japaner gezielt habe? Ob Hanake damals am Fenster gestanden habe? Und ob nach dem Schuß das Seewasser rot von Blut gewesen sei? --

Hanakes Gesicht verlor keinen Augenblick die starre Politur. Die Magd hatte ihr, als sie aus der Ohnmacht aufgewacht war, das Scharlachgewand ausgezogen und ihr ein blaues Gewand gereicht, auf dem nur Seewellen und Wolken eingewebt waren, und hatte die Schminke und den Puder erneuert und den klingenden Haarschmuck in ihrem Haar fester gesteckt, als man das Herannahen der Freunde hörte.

Jetzt reichten die Singende Seemuschel und die anderen Mägde den Gästen Tee und Pfefferminzzucker herum und kleine, winzige Kuchenwürfel.

Als die Schar der Fragen sich wie eine Dornenhecke um Hanake aufbaute, suchte die Singende Seemuschel nach einem rettenden Gedanken, um ihrer Herrin zu helfen. Sie lief fort, holte den toten Papagei, kam wehklagend herein und sagte:

«Ach, Herrin, seht, der Papagei liegt im Sterben!»

Aber wie war sie verblüfft, als Hanake sie abwies und lächelnd zu den Gästen sagte:

«Ich glaube, meine Magd ist irrsinnig geworden von der Ehre, die uns heute widerfuhr. Sie zeigt mir den Papagei, der seit gestern tot ist, und der uns heute schon helfen mußte, einen kaiserlichen Prinzen zu belügen.»

Im Zimmer wurde es still, wie wenn alle Spatzen aus einem Baum fortgeflogen sind.

Alle Gäste verstanden, daß der Prinz dagewesen war, alle verstanden, daß Hanake ihn nicht liebte; und daß man einen Prinzen belügen könnte, war ihnen auch noch verständlich. Aber welch ein Frevel, laut über den Sohn des Himmels zu spotten und einzugestehen, daß man ihn belogen hatte!

Als wären allen Gästen die Teetassen aus den Händen gefallen, und als wäre der Tee vergossen, so erschrocken saßen alle und starr. Keiner rührte mehr einen Teeschluck an. Und als Hanake mit kalten, glitzernden Augen sagte:

«Der Prinz wird nicht von dieser Lüge sterben. Ich bin auch nicht an seiner Liebe gestorben», -- da schlossen die Freundinnen vor Schreck ihre Augen. Die Männer richteten sich auf, und wie eine Schar Krebse, die nach rückwärts krabbelt, verließ die Freundesschar das Gemach, teils aus Furcht, weil in diesem Haus gegen den Sohn des Himmels gefrevelt wurde, teils erschrocken, vor Hochachtung, weil die Luft hier noch voll sein mußte von der Leidenschaft und der Nähe des kaiserlichen Prinzen.

Unter kaum hörbar gewisperten Entschuldigungen verließen die letzten das Haus, bestürzt und eilfertig, als wären die Zimmer des Hauses voll Feuer, das sie alle verbrennen könnte.

Hanake aber ließ das Zimmer aufräumen, ließ sich von der Singenden Seemuschel eine Schlummerrolle unter das Genick schieben, streckte sich auf der Diele aus und schlief fest ein.

Am nächsten Abend erschien ein Segel auf der Seehöhe. Es kam wie ein selbstbewußter Schwan lautlos auf Hanakes Haus zugeschwommen. Aber die Landungsbrücke bei dem Hause blieb leer. Nur die Köpfe der Schilfblüten bewegten sich und verneigten sich vor dem kaiserlichen Boot und vor dem Prinzen, der ans Land stieg.

Die Papierfenster und die Bambustüren von Hanakes Haus waren geschlossen und öffneten sich nicht, als der Prinz klopfen ließ. Wie eine Laterne ohne Licht lag am See das gegitterte Holzhaus mit den weißen Papierscheiben. Ein vorüberfahrender Schiffer in seinem Boot sagte den Leuten des Prinzen, daß Hanake am Morgen alle ihre Dienstboten entlassen habe. Sie habe ihr Haus zugeschlossen und sei nur mit einer Magd auf ihrem Segelboot in den See hinausgefahren; aber niemand wußte, wohin die Fahrt gegangen.

Das kaiserliche Boot kreuzte die ganze Nacht auf der Seefläche in der Nähe von Hanakes Haus. Aber die Papierfenster des Hauses blieben dunkel, und das lautlose kaiserliche Boot verschwand gegen Morgen hinter der Seehöhe.

Am nächsten Abend kamen hundert kaiserliche Segelboote von Yabase. Sie kamen an wie hundert weiße Fächer, die sich über den See spannten. Sie kreuzten über den ganzen Biwasee, während der ganzen Nacht, von Ozu bis Yabase, von Karasaki bis Katata, von Seta bis Amazu. Und als leuchteten sie in die Unterwelt des Sees, so zogen sie die hellen Scheinbilder der hundert weißen Segel durch die Seetiefe nach sich.

Die nächsten Abende wiederholte sich das Schauspiel der hundert Segelboote, die Hanake suchen sollten, und die sich durch den Seenebel verteilten wie hundert weiße Seidenspinnerschmetterlinge, die in einem grauen, riesigen Spinnenwebnetz hängen geblieben wären. --

Jede kleine japanische Stadt eröffnet abends einen Liebesmarkt, der sich Yoshiwara nennt. Der Yoshiwara in Tokio ist einer der größten Liebesmärkte in Japan, wo die schönsten Mädchen vom Inland und aus allen Provinzen zusammenkommen, wo sich verwaiste Mädchen vom Ertrag der Liebe zu ernähren suchen, wo verarmte Mädchen mit dem Erlös der Liebe ihre alten Eltern zu erhalten suchen. Auf diesen Liebesmärkten verkauft sich die Liebe natürlich und schandlos.

Unschuldig und feurig, wie die Sterne der Milchstraße nachts am Himmel, beleuchten sich nach Sonnenuntergang die schöngepflegten, sauberen und breiten Straßen des Liebesmarktes. Das große eiserne Gitter, das den Stadtteil des Liebesmarktes von der Stadt trennt, steht, von Polizisten bewacht, weit offen. Hinter dem offenen Tor, in der Mitte der Eingangsstraße, zieht sich im Frühlingsabend eine rosige Wolke hin durch die Luft: die rosigen Blüten blühender Kirschbäume, welche in der Mitte der Straßenlinie eingehegt stehen.

Links und rechts von der Straße beleuchten die kleinen, einstöckigen Häuser mit milden, weißen, langen Lampionketten ihre Balkone.

Lautlos und feierlich und ruhig beleuchtet, liegt hier der Weg offen zu den fünftausend Mädchenschönheiten. In den weiten Seitenstraßen, welche die Eingangsstraße kreuzen, beginnt der Liebesmarkt. Hier stehen saubere, ebenfalls mit weißen Lampenketten erleuchtete Häuser. Die Erdgeschosse aller dieser Häuser zu beiden Seiten der Straße zeigen große, offene, vergoldete Gemächer. Die sind durch hölzerne Gitterstäbe wie goldene Käfige von der Straße getrennt und innen beleuchtet von elektrischen Glühbirnen.

In jedem langen Gemach sitzen in einer Reihe der Straße entlang dreißig bis fünfzig junge, schmalschultrige Mädchen, in blumige kostbare Seidengewänder gehüllt. Jede sitzt auf einem kleinen Seidenkissen, wie ein Schaustück in einem Schaufenster.

Die langen Reihen der weißgepuderten und rosageschminkten Gesichter, unter schwarzen, hohen Frisuren, die mit goldenen Nadeln bedeckt sind, enden nicht. Und Viertelstunde um Viertelstunde kannst du durch die Straßen gehen, vorüber an den Heeren der Tausende von jungen Mädchen.

Die Wände jedes Gittergemaches sind schwer geschnitzt. Aus Goldlack und rotem Lack stehen lebensgroße Bäume darin, springen lebensgroße Tiger und Drachen an den Lackwänden entlang, fliegen lebensgroße Kraniche und Paradiesvögel, größer als die kleinen Mädchen, an den Wänden der Gemächer hin.

Wie dreißig weiße Perlen, in einer Reihe aufbewahrt in einer goldenen oder roten Truhe, leuchten perlenweiß die eirunden gepuderten Mädchengesichter in jedem Gemach. Mal sitzen da dreißig in eisvogelblauen Gewändern, mit scharlachnen Blumen bestickt, mal dreißig in smaragdgrünen Gewändern, mit karmoisinroten Blumen bestickt, mal fünfzig in weißen Gewändern, mit regenbogenfarbigen Schmetterlingen bestickt, mal fünfzig in schwarzen Gewändern, darunter die Schleppen von rosa-, grün- und blauseidenen Gewändern abgestuft vorschauen.

Jedes Mädchen hat neben sich einen großen Porzellantopf, darin Holzasche um Kohlenglut liegt. Sie rauchen kleine silberne Pfeifen, in die nur eine Prise Tabak geht, nicht mehr, als Daumen und Zeigefinger zu einer kleinen Tabakkugel drehen können, und zünden diese mit einem Stückchen Kohle in feiner, silberner Zange an. Die eine frisiert sich vor ihrem kleinen Spiegel; die andere schreibt mit einem Tuschepinsel auf ihrem Schoß auf einem langen Reispapierstreifen einen Brief; die nächste trinkt Tee aus einer fingerhutgroßen Tasse; und wieder eine fächelt sich, und wieder eine andere liest in einem kleinen Büchlein einen Roman. Eine zupft eine Mandoline, und eine andere wispert ein Lied dazu. Eine kommt an das Gitter getrippelt, hebt vorsichtig ihre drei Schleppen, winkt vorsichtig ein paar Fremden; eine andere kommt an das Gitter und plaudert mit Mutter und Geschwistern, die zum Besuch auf der Straße stehen, freundlich und bescheiden.

Eine vielhundertköpfige Menschenmenge, Männer, Soldaten, Frauen und Kinder, ziehen gesittet, flüsternd und lächelnd, mit hell beschienenen Gesichtern, durch die erleuchteten Straßen, vorüber an den vergitterten Gemächern der Erdgeschosse. Und stundenlang bis nach Mitternacht wandern die Volksmengen jeden Abend vor den fünftausend Mädchen auf und ab, stehen als Besucher an den Gittern, treten als Besucher in die Häuser, kaufen sich Gesang, Musik, Tanz und Liebe, nachdem jeder Mann auf der Straße unter den Dreißig eines Gemaches seine Wahl getroffen hat.

Hier in eines der Häuser des Tokioyoshiwara trat Hanake mit ihrer Magd ein und blieb hundert Nächte, um hundertmal ihren Leib zu verkaufen, wie sie es den Göttern versprochen hatte, um sich dadurch frei zu kaufen von dem Gehorsam gegen den Sohn des Himmels.

Sie verkaufte sich jungen Männern, welche die Liebe kennen lernen wollten, und alten, von der Lebenssorge abgetöteten einsamen Männern, welche die Liebe noch einmal erleben wollten, ehe sie starben; sie verkaufte sich den in den Krieg gehenden Soldaten und den aus Schlachten heimgeschickten Invaliden; sie verkaufte sich Studenten, Handwerkern, Adeligen und Kulis. Nur den Ausländern, den Europäern und Amerikanern, verweigerte Hanake ihren Leib.

Aber eines Abends kam ein junger Amerikaner, ein hübscher Marineoffizier, in das Haus und forderte für sein gutes Geld vom Hausbesitzer Hanake. Es war in den Tagen, da die amerikanische Flotte im Hafen von Yokohama lag und die Amerikaner der japanischen Nation einen Ehrenbesuch machten. Vom Stadtgouverneur war der Befehl ergangen und an den Straßenecken angeschlagen: «Japaner! Ihr dürft nicht vor den Europäern ausspucken! Ihr dürft ihnen auch keine Stöcke in den Weg werfen, daß sie stolpern. Auf den Straßen sollt ihr nicht zu dicht neben den Europäern gehen, immer drei Schritte von ihnen weg. Ihr sollt alle europäischen Barbaren überhaupt höflich behandeln, als wenn sie gesittete Asiaten wären. In den Besuchstagen der amerikanischen Flotte soll kein Mädchen in den Yoshiwaras sich einem Ausländer verweigern dürfen.»

Hanake verweigerte sich trotzdem. Und da es gerade die hundertste Nacht war, in der sie den Göttern abgedient hatte, floh sie mitten in der Nacht samt ihrer Magd durch eine Hintertür aus dem Yoshiwarahause, ließ ihre Kleidung und ihren Schmuck zurück und eilte in ihren Alltagskleidern aus dem Yoshiwara. Verhüllt und unbemerkt, entkam sie im Gedränge der vielhundertköpfigen Menge. Sie trug nichts bei sich als einen kleinen Vogel in einem winzigen Käfig.

Eines der Mädchen in dem Yoshiwara hatte ihr eine Stunde vor der Flucht den Vogel verkauft, eben als der amerikanische Offizier in das Haus trat. Im Schreck der Flucht hatte Hanake den Vogelkäfig krampfhaft in der Hand behalten, ohne ihn loszulassen.

Der Vogel war ein Nachtigallenmännchen und saß verblüfft in dem kleinen Käfig, denn er war eben erst von seinem Weibchen, mit dem er einen andern Käfig geteilt hatte, getrennt worden.

Die beiden Frauen wollten den Vogel unterwegs füttern, aber er fraß nicht. Sie reisten beide mit dem wunderlichen Vogel in der Nacht mit dem nächsten Zug nach dem Biwasee und kamen am nächsten Mittag wieder in Hanakes Haus am See an.

Die Magd öffnete die Fenster und ließ frische Luft durch die Kammern streichen. Es war Herbst geworden, und mit jedem Luftzug flogen welke Blätter von den Uferbäumen herein.

Das Seewasser zeigte nicht mehr die blaue Sommerfarbe, es war tiefgrün. Die Sonne stand schräg und warf gespenstige Schatten. Das lebhafte Schilf war abgemäht, und die Stoppeln standen lautlos und tot.

Aber Hanake wurde von der Herbstwelt nicht traurig gestimmt. Das Leben im Yoshiwara ging noch in lauten Bildern durch ihr Blut. Sie war täglich hundertmal bewundert worden, hatte hundertmal gefallen, hatte hunderttausendmal lachen müssen, ohne lachen zu wollen, war hundertmal umarmt worden, ohne eine Umarmung zu ersehnen. Die Bewunderung war ihrem Körper zur Gewohnheit geworden. Hanake wußte jetzt fast nicht mehr, warum sie einst aus diesem Hause hier am See fortgegangen war. Sie hatte den Tag mit dem Prinzen beinah ganz vergessen, sie hatte kaum noch den Abend mit dem Geliebten in Erinnerung. Sie hörte nur noch den Schuß im Ohr und sah sich noch im Boot auf dem Schoße ihres Geliebten liegen, wenn sie wollte. Aber sie konnte sich nicht mehr des Gesichts ihres toten Geliebten erinnern, nicht mehr seine Stimme erinnernd zurückrufen. Die Hunderte von Gesichtern und Stimmen, die im Yoshiwara Hanake bewunderten, hatten das Gesicht und die Stimme des Geliebten aus ihrer Erinnerung verdrängt. Hanake war auch darüber nicht traurig, nur verwundert.

Es wurde Abend. Die Magd hatte das Haus bestellt. Da bemerkte Hanake das kleine halbtote Nachtigallenmännchen im Käfig und dachte: «Ich will dich fliegen lassen, kleiner Vogelmann. Vielleicht fliegst du zurück ins Yoshiwara nach Tokio zu deinem Weibchen.»

Sie öffnete den Käfig. Da schoß der kleine Vogel heraus. Aber anstatt aus dem offenen Fenster zu fliegen, warf er sich wie ein Wütender in Hanakes Frisur und riß wie wahnsinnig geworden mit den beiden kleinen Krallenfüßen in den Haaren des erschrockenen Mädchens und fiel dann wie tot an Hanake herunter auf die Diele.

Hanake zitterte vor Schreck und sank in die Knie. Sie verstand, daß das Vogelmännchen, das sie von dem Weibchen getrennt hatte, sich an ihr rächen wollte und vor wütender Aufregung gestorben war.

Hanake hielt die Finger an ihr schmerzendes Haar. Aber es war, als sei der Liebesschmerz des Vogels in ihr Herz gedrungen und habe auch in ihrer Seele wieder alle Liebeserinnerungen geweckt.

In der Ferne auf dem See tauchten drei Segel auf. Sie zogen der Seelinie entlang, langsam, und verschwanden. Hanake erkannte, als sie vom See weg auf die weiße Wand ihres Zimmers sah, plötzlich wieder in der Erinnerung das Gesicht ihres Geliebten. Sie schauderte vor Entzücken.

Sie wollte das Gesicht des Geliebten mit ihren Augen auf der weißen Wand festhalten. Aber die Gesichtszüge verschwanden, und die Erinnerung erlahmte wieder, und Hanake wurde verstört und tief traurig.

«Kleiner Vogel», seufzte Hanake, «zeige mir den Weg zu meinem Geliebten!»

Der kleine Vogelkörper zuckte plötzlich auf der Diele zusammen und flatterte taumelnd an die Papierwand. Dort stand in einer Nische neben einer Blumenvase ein winziger Lackkasten. Der um sich schlagende Vogel warf das Lackkästchen aus der Nische. Die winzige perlmutterbeschlagene Schublade des Kästchens fiel heraus, und der Vogel stürzte dann tot zur Diele. Aus der offenen Schublade aber flatterten im Windzug ein paar Seidenpapiere zu Hanake hin.

Zwischen den Seidenpapieren lagen kleine Stückchen des platten Schaumgoldes, womit die Japaner ihr Briefpapier schmücken. Aber Hanake verstand auch den tödlichen Wert, den das Schaumgold für den Lebensmüden hat. Rasch entschlossen, legte sie sich ein paar Blättchen des dünngefalzten Rauschgoldes auf die Lippen, tat ein paar Atemzüge und hüllte ihr Gesicht in die Ärmel ihres Kleides. Dann sank sie erstickt auf die Diele am offenen Fenster hin.

Den Nachtregen regnen hören in Karasaki

Kiri war der einzige Sohn der «Wolke vor dem Mond», -- so hieß seine Mutter. Sein Vater war Fischer, und außer einem Kahn und den Fischfanggeräten und einer kleinen, struppigen Strandhütte besaßen Kiris Eltern nichts.

«Doch wir sind reicher», sagte Kiri immer, «reicher als die Reisfelderbesitzer in den Bergen am Biwasee, reicher als die Kaufleute von Ozu. Unser Besitz ist größer als die Hauptstadt Kioto. Denn uns Fischersleuten gehört der ganze Biwasee und alles was darin ist; der Biwasee ist unser Königreich.»

In Karasaki verspotteten die Mädchen den Kiri, der stets den Biwasee als sein Eigentum aufzählte, wenn man von Geld und Vermögen sprach; und sie nannten ihn den Fischkönig von Karasaki.

Aber immer am ersten April, wenn alle Häuser eine Bambusstange aufs Dach oder vor die Tür stellten und der Hausvater meterlange Papierfische an der Stangenspitze befestigte, so viel Fische, wie ihm seine Frau in der Ehe Knaben geboren hatte, dann war immer Kiris trostlosester Tag gewesen. Auf ihrer Strandhütte zappelte nur ein einziger Fisch, während drinnen über den Dächern von Karasaki Hunderte von Fischen wie Fahnen die Luft füllten. Kiri fand sein Vaterhaus dann sehr traurig; und das Wort Fischkönig, das ihn sonst gar nicht ärgerte, schien am ersten April gar nicht auf Kiri zu passen. So lange er Knabe war, hatte er sich an diesem Tag versteckt und sich fern von Kindern gehalten, weil er sich für seinen Vater und seine Mutter schämte, die ihn als einziges Kind im Hause hatten und am großen Fischfesttage nur einen einzigen Fisch auf der Bambusstange vor der Haustür waagrecht im Winde flattern ließen.

Kiri war jetzt siebzehn Jahre und dachte ans Heiraten. Zwei Mädchen kamen für ihn in Betracht: eine kleine Teehaustänzerin, die nicht mehr jung war, aber etwas Geld beiseite gelegt hatte, da sie einmal sehr schön gewesen und gewisse Liebesumarmungen besser verstanden hatte als andere Teehausmädchen. Sie hieß «Perlmutterfüßchen» und war Kiri besonders von seiner Mutter und von seinem Vater dringend zur Ehe empfohlen.

Die andere war eine Traumerscheinung, ein Mädchen, von dem er immer träumte, wenn er den Nachtregen über Karasaki regnen hörte.