Part 9
In der Dämmerung wachte sie auf. Die Vorhänge bogen sich auseinander. Le Beaus Kopf, sein Knie standen in der Morgenleuchte, er lachte, sprang herein. Er näherte sich ihrem Bett. Sie zitterte unter der frischen Luft. Er kam geschmeidig über den Teppich. Sie zog die Beine herauf bis unter die Brust. Aus seinem Mund kam so viel Frische und um die Raubtierzähne lag das Rosa des Fleisches so fruchtreif, duftend und voll schönem Saft, daß sie daran alles vergaß. Er hob sie mit den Kissen auf, schwebte sie schaukelnd hin und her, setzte sie auf den Diwan: »Sie werden auf die Zofe verzichten müssen.« Er schloß das Strumpfband an ihr Korsett.
»Was ist?«, frug Daisy, in Strümpfen und einem Beinkleid, das großfaltig mit dünnen zahlreichen Plissees ihre schmalen Hüften umzischte. Sie bürstete das Haar zurück, die Muskeln liefen aus dem Arm in den Rücken mit einer Kraft und Grazie wie Meer. Er hob den Mund in die freie Achselhöhle.
»Auch auf das Bad.« Er lächelte und stieß den Löffel in den Schuh. Er pfiff leise vor sich hin, suchte im Boudoir den kleinen Koffer, wählte in ihren Strümpfen, Dessous, warf zwei Necessaires hinein. Der Geruch der aufgewühlten Sachen erfüllte das Zimmer. »Wohin?«, frug sie ratlos, von innen lachend. Er schob Schubladen zu mit dem Knie, besah sich im Spiegel, riß sie an sich: »Du wirst es jede halbe Stunde dem Chauffeur sagen.« Alles gepackt. Er gab den Koffer durchs Fenster. Eine Hand faßte ihn draußen, während Daisy die Nägel einrieb. Vögel schlugen herein, immer lauter, zogen sich an Rufen höher, immer andere fielen ein, kreisten auf. Büsche dufteten herüber, herein mit einer Gewalt und Hingabe, daß sie stehen blieb, ergriffen, gehalten. Sie sah um auf der Terrasse, das Gitter, die Päonien. Sie faßte den Schaukelstuhl. Verweilte auf dem Tisch, dem Springbrunn, der Flosse eines Goldfischs. Le Beaus Arme faßten unter ihre Kniekehlen, der Schwung in die Luft riß sie los. Nun fing er an zu laufen, schrie wieder etwas, mit großen Sätzen, sprang in den Wagen. Unter den tutenden Raubvogelrufen der Hupe brach wie ein gläsernes Gebäude die Stille, das Haus, der Park mit einem Ruck entzwei.
* * *
Sie schwankte, schmiegte sich in die Atmosphäre, reckte sich, faßte Fuß. Wirkung ging von ihr aus. Ihre Wünsche erfüllten sich, eh sie sie dachte. Die Inbrunst einer Blutwelle hüllte sie ein, verließ sie nie. So stieß sie an alles, durch die Wolke verhüllt. Die Lippen hochrot, die Finger voll Gestein, fuhr sie auf der Rue de Rivoli. Sie hatte den Hauterfolg. Trotz dunkler Tönung war sie durchsichtiger als die französische, schimmerte weiß auf Silber. Zwischen alten Tapeten, in Musik, bei den gepflegtesten Frauen fiel ihre Bewegung, selbst wenn sie den Finger nur hob, den Fuß umrückte, wild heraus, schlug ein, machte sie zur Mitte, lenkte das andere ab, schob alles gegen sie. Es verwirrte am Anfang sie etwas. Doch schloß die Welle sie ab. Sie hatte nur Klang und Richtung nach Einem. Es genügte. Gab der große Schneider, während Ballen vor ihr sich häuften . . . Manekins paradierten, um ihren ermüdeten Blick zu erfrischen, durchs Fenster im Parkschatten das Bild eines tanzenden Balletts, erstaunte sie nichts mehr, es glitt ab. Vorüber strich es, neigten sich Akteure bedeutenden Namens, Dichter ihr, selbst d'Annunzios Nelke. Es ging durch sie, wenn Frauen heiße Blicke warfen. Es blieb nur Kälte und Hochmut, lehnten die Herren an der Brüstung, sagten Eitelkeiten in die Loge, hatten aber hinter dem Blick, flüsterten innen kaum verhehlt: bichette, loulou, ma crotte en or. Le Beau umspannte ihren Horizont mit hartnäckiger Leidenschaft, erfüllte das Erdenkbarste für ihren Körper, jede Möglichkeit ihrem Geist. Zofen im Korridor, Wagen, Diener standen dressiert auf ihren Blick, ihre Hand, ihre Haut. Seine Nerven lauerten auf die Ahnung eines Wechsels, heut stürzte er in die bunte Pfauflamme der Folies Bergères, morgen sah sie steifstes klassisches Theater, am Abend fuhren sie vorn auf dem Seinedampfer in Geruch von Bäumen und Wassernacht. Stieß etwas aus ihr gegen die Welt, stieß es auf Le Beau. Es gab keine unvereinigte Sekunde. Im Musée Cluny begeisterte sie sich an alten Spitzen. Sie besaß sie am folgenden Morgen.
Sie kleidete sich an im Boudoir: »Es reizt mich nicht, wenn Sie Ihr Vermögen verschwenden . . . noch weniger aber, wenn Sie sich exponieren. Polizei ist mir widerlich.« Er erbleichte ein wenig. »Es geschieht nicht Ihretwegen«, sagte er höflich. »Es ist eine Leidenschaft.«
Er griff in die Tasche, sein großer Körper funkelte in drei Spiegeln, das rote Haar war ein wenig in die Stirn gestrichen. Er gab ihr Briefe an sie, die auf verdächtige Weise kamen. Sie legte sie ihm vor, zurück, errötet vor Zorn, der seidene Unterrock umglockte sie, als sie sich bog. Er lachte. Das Haus ward Mitte von Versuchung. Sie gaben sich Handikap darum. Wo Daisy auftauchte, geschah ein Start. Breschen wurden versucht, leichte Minen gelegt. Le Beau suchte man zu übersehen. Er lächelte. Sie spürte es kaum. Ward es aufdringlich, schürzte sie den Mund ein wenig, ging darüber. Ihre Wirkung ward aufreizend; tauchte sie auf, war sie Zentrum, schloß um den Kreis, sich angliedernd, immer weiteres Herströmen. Vor der Oper fuhr mit rascher Biegung vor ihren Wagen ein fremder. Hände streckten sich ihr entgegen. Le Beau riß sie zurück. Nun trug er eine Falte, spürte Gefahr, streckte sich in eine wunderbare Abwehr. Es begeisterte sie, wie er Witterung nahm, ohne daß sie begriff, was vorging. Sie ruhte nur nach ihm hin. Als er bei ihr war, nachts, rief er etwas, sprang hoch und schoß durch das Fenster. Am Nachmittag, als er den Korridor querte, fing ein Diener an zu zittern, verbarg etwas, sank gegen die Wand. Er untersuchte nichts, hatte genug. Wartete nicht mehr.
Er löschte alle Lichter, ließ die Bedienung für den Abend ausgehn, veränderte sich, gab Daisy die Kleider einer kleinen Mimi, sich selbst die abgelegte Eleganz eines Alphonse. Durch den Garten aus dem Haus, im Boulevard tauchten sie unter. Wagen rollten, sie sprangen heraus, nahmen andere. Straßen schäumten auf, fielen donnernd zurück, Schatten bog sie in Parkviertel, Schleifen von Laternenstraßen schwangen vor ihnen stumm hinaus gegen das Ende. Sie griff nach seiner Hand, begriff plötzlich, wie es um sie herum sich sammelte. Nichts Freund war, nur Jagd. Aus der Weite, dem rotumhängten Horizont sammelte sich alles in sie zurück, verweilte eine Minute und schenkte sich ihm ganz hinein, wie nie. Als Reisende aus Tiflis bewohnten sie den Mont Martre, als kleine Juden zogen sie zur Concorde. Ein chilenischer Politiker führte im lateinischen Viertel sein Knie unterm Tisch an ihren Schenkel, zog es rasch zurück, winkte mit den Brauen, flüsterte mit seinem Nachbar. Um ihn lag eine Sinnlichkeit aufgespart, wie nur Weiber sie dicht an die Haut, an den Atem gebunden tragen. Erstaunt, abgelenkt einen Augenblick streifte sie ihn. Da öffnete sich der Mund, bebte mit den Lippen: »Zwei Uhr.« Das Blut wallte in ihren Hals, in ihren Kopf.
Nachts klirrte die Klinke, Le Beau ging dem Geräusch nach, auf nackten Sohlen entflog ein Umriß. Sie lockte ihn zurück. Aber er folgte, hatte endlich eine Spur, setzte auf diese Nummer, lief einer Figur nach im spitzen Hut, die am Boulevard bald hochschwamm, bald untertauchte. Daisy wachte. Schon drang das Licht vom Haus ab, ergriff in einer weichen Spirale Notre Dame. Die silberne Brust schwankte, die Rippen starr gebläht wie von Glas trieb die Kathedrale in die Mondwelle, glänzte mit Porzellan aus allen Fenstern und schwebte. Bald auch waren die Türme eingelullt. Das Licht stieg weiter, ergriff die Seine, das breite Flußband schwang am Horizont hinauf und Kähne liefen gegen die Sternbilder hin. Dann fiel das Licht in einen Park und hatte es mit den Bäumen, fiel kurz darauf gegen das Haus. Es ward fast weiß. Die Gurte der Balkone herunter von einem entfernten Haus her, wo die Linien der Eisenschnüre schon fast zusammentrafen in einem spitzen Winkel, kam ein weißer Ballen, geschnellt, gesprungen. Es schlug zwei Uhr. Er tauchte in Mauerschatten, schwang ins Licht, überkletterte Barrikaden, klammerte sich an die Hausfront. Das Licht hob ihn, spülte ihn herüber, er war am dritten Haus. Von unten stieg es herauf, der Schritt Le Beaus hielt vor der Tür. Er kam, die Stirn mit der Hand umklammert. Ein Sandsack hatte ihn in einer Torflucht, in die er folgte, zusammengeschlagen. Nach der Ohnmacht kehrte er sofort zurück, sie hatte nur zwei Sekunden gedauert, denn im Augenblick des Schlags wußte er, er müsse zurück. »Du mußtest zurück,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen, die Angst um ihn stieß sie gegen ihn hin. Sie umschloß seinen Nacken, trat mit ihm auf den Balkon, flüsterte seinen Namen in die Nacht, besinnungslos: »Chéri . . . doudou . . .«, umwärmte ihn mit ihrem Körper, liebkoste sein Ohr, seinen Mund.
Ein weißer Ballen bäumte zurück am Nachbarbalkon. Durch die halboffenen Lider sah sie gehetzt vom Teufel eine Figur im Nachtweiß zurückfliehen. Zerrissen in der Balkonecke lag ein Tuch, von Speichel feucht. Sie trug es hinein.
Sie konzentrierte alles auf Flucht. Er widerstand, schon halb in neuer Ohnmacht. Die Zähne entblösten sich gierig, er war im Kampf, blieb auf dem Posten. Sie streichelte ihn: er stand nicht auf. Sie frug, was er mehr liebe, seine Eitelkeit gegen Gefahr oder sie, Daisy. Schmollte mit dem Mund und lächelte, und lauschte, während sie überredete, auf jedes Geräusch. Sein Blick fiel in den Spiegel, blieb am Bild seiner Kopfkompresse, schüttelte fiebrig den Kopf. Sie bat. Sie befahl. Unter dem Ton zuckte er zusammen, durchschaute den Klang, wehrte ab: »Kein Mitleid«. Je tapfrer er sich wehrte, wuchs in ihr das feste Ziel: ihn in Sicherheit zu wissen, das andere all war Abgrund. Sie drehte den Plan um, kam mit List, während er fasziniert vor sich hinsah. Sie lockte ihn weg von seiner Fechterei. Sprach von seinem Haus, dem Park, den Zimmern. Sprach, wie alles zerfließe, die Jagd ihr Ruhe nehme und Freude, wie sie in Sehnsucht ihr Leben sich anders gedacht. Wo sie froh gewesen, ihm entgegengereist, sei dort gewesen. Sie sah in ihren Schoß. Er nickte langsam, schwer überzeugt.
Sie wartete eine Stunde, verriet ihre Erfolgfreude nicht. In seinem Haus war wenigstens ein Wechsel des Orts, parierte Gefahr. Sie fuhren dann Place St. Michel, nahmen den Métro, erreichten Mont Parnasse, fuhren umsteigend zur Etoile, nahmen einen antrabenden Fiaker, stiegen irgendwo aus in einer Gasse, deren Dunkel sie selbst unbekannt umschwirrte, liefen, an den Händen gefaßt, in den Schattenbogen, drangen in ihn ein so tief, daß hinter ihnen nichts blieb, alles zurückfiel, nicht die Idee einer Verfolgung in der Luft hing. Vor einer Taverne standen Wagen. Bis dorthin hielt Le Beau sich. Vorm Einsteigen schwankte er wieder. Sie legte, während die Gassen, Straßen zurückblieben, in das Schwindelgewoge um ihn den Körper, die Hand in sein Gesicht, ihren Mund an sein Ohr: »Ich bin bei dir.« Voll, scharf umrissen kam sein Gesicht ihrem entgegen.
Über die Dienertreppe stieg sie zum zweitenmal ins Haus des, der sie zuerst aufgebrochen. Ihr Blut suchte ihn sofort. Hier lebten sie nun. Niemand wußte es, es drang nicht nach außen. Ein alter Arzt behandelte ihn von der Erschütterung. Sie wartete, bis dies vorüber war, dann lockte sie jeder Platz, selbst der fernste, denn dort war Sicherheit. Aber als selbst der Siebzigjährige beim Untersuchen eine Schmeichelei hatte für ihren Arm, brach sie in Weinen aus, verließ das Zimmer, warf sich auf ihren Diwan, schloß ab, öffnete nicht vorm Abend. Maß sich die Schuld zu, ihrer Haut, dem Wuchs, dem Duft ihres Haares, daß Le Beau leide. Denn um ihretwillen zog er sich Feinde, erlitt er Angriff. Sie spürte, so lange sie da sei, schiebe sich dies und dies zwischen ihn und sie und bohre ihn weg, weil sie auffiel, weil sie reizte. Er aber trat ein, faßte das überall an, sagte: »Liebe ich das nicht, warum verletzt du es?«
Sie traten in die Parklauben, der Sommerduft strich darin herum, sie blieb stehen, an der Stirn getroffen, machte die Augen zu, küßte ihn besinnungslos. Gewärtig eines Überfalls hielt sie den Kuß an bis zum Ersticken, sah lauschende Köpfe aus dem Rosenbeet kommen, Leitern nachts gegen die Wand sich stellen. Von der Silberkugel zwischen den Staketen, wogte aus der Metalltiefe Zwielichtiges, Schatten, gedämpftes Ungeheures heran, gegen sie. Dies drängte ihr Leben zusammen, zielte es in einer unbekannten Verdichtung gegen ihn allein. Bleich vor Erregung strömte sie ihre Seele mit der Zunge in seinen Mund. Dachte nicht, selbst nie im Halbtraum, der fremde, sehnsüchtige Glieder formt, an andere Männer, ja haßte sie, wurden sie aufdringlich deutlich in der Phantasie. Die geschmeidige Stoßkraft seines Körpers gab ihr jede Seligkeit, die ihr Körper verlangte. Er trieb sie höher noch, als sie vermochte, schleifte sie in die letzte Wollust, schon besinnungslos. Oft lag sie über seinem Gesicht nachts, bog die Haare ihm aus der Stirn, lauschte, ob sie sein Traum sei. Legte die Hand auf sein Herz und zog mit dem Finger ihren Namen auf die Haut der Grube. Ging er von ihr, nur in das nächste Zimmer, war ihr, es sei für immer. An ihrer Angst wuchs ihre Liebe höher, weiter, als sie von ihm empfand. Er gesundete, war gefährdeter, je mehr er sich bewegte. Mit jedem Tag ward ihr Auge größer, erwartender, eingestellter auf Unheil. Er aber blieb gleich, umschürfte ihr Fleisch mit Witterung, griff an, quälte sie, liebte sie ohne Änderung, ein Marder, ein edles Tier, voll Geist, der nie die Beherrschung verlor, nie mit ihr sich traf in einer Höhe, die nur die übersinnliche wahnsinnige Angst ihrer Seele erreichte. Da blieb das Männliche zurück, sank zurück, wenn er sich ihr ergossen, flog nicht zu dem erlösenden Wort, das ihr Mut gab jenseits der Umschlingung der Körper. Während sie sich noch auftat, ihm entgegenatmete, durch seine Umarmung das Hemmungslose durchbrach und aufgeschleudert flog in eine leiblose Ergriffenheit, spürte sie unter wütenden Küssen das Zurückgleitende, Fremde an ihm, das, was sich nicht gab: _den Mann_. Sie schlug verschleiert die schräg gebrochenen Augen auf: »Du mußt mich mehr lieben.« Schmeichelnd umwand sein Körper sie wieder, sein Geist begleitete seine Hände, gab ihnen Linde und glatte Bewegung, sagte ihr Worte der Liebe, toll, ausschweifender, als ihr Hirn es träumte, machte sie hingeflossen, in jeder Blutfaser geöffnet nach seinem Angriff -- er trieb sie in den Abgrund, erhob sie aus den kleinen Seufzern und Stammeln zu Geschrei, bis ihr Kopf besinnungslos ward . . . aber erwachend spürte sie unsinnige Angst um ihn, daß sein Herz das letzte Zerschmelzen kühle, und empfand verzweifelt, was er nicht zu geben vermochte, was fehlte, und daß sie ihn darum auch lieben mußte, mehr als er sie.
Nachts kam er spät zurück. Zwei Arme fielen in der Pergola um seinen Nacken, eine Stimme, die kaum sprechen konnte, flüsterte seinen Namen. Zugleich strömte der Weiße-Flieder-Duft mit einem Hauch herunter, Dolden bebten am Parktor nieder und berührten ihre Gesichter. »Lieber«, atmete sie. Er hob ihr Gesicht ins Helle. Da hing es, nur sammelnd und aufnehmend, was sie erwartete, was auch kam. In den Tränen, die es übergossen, sah er mehr, als was sie bot. Es leuchtete tief in der Stunde und seinem guten Willen kam es entgegen herauf und er spürte ihr Warten, ihre Angst, die sie verschwieg. Sie hatte die halbe Nacht am Tor gewartet. In eins zerflossen gingen sie hinein. Weich von den Tränen und gerührt von seiner Milde mahnte sie sein Versprechen zum erstenmal die Nacht. Er spürte, wie schwer es ihr ward. Stand auf, hingegeben an solche Innigkeit, schob den Hochmut beiseite, brachte aus dem Nachtblau gelb aufflimmernd vom Fenster den Globus, legte ihn in ihren Schoß, brachte den lauen Blütenwind mit in ihr Bett: »Was willst du?«, frug er und bot ihr jeden Fleck, den sie benennen wollte mit dem Fingernagel. Dorthin führen sie morgen. Schon der Sonnenaufgang hieß Abreise, schon der Mittag Sicherheit. Ihre Liebe stieg aufs Äußerste. Sie verschmähte es.
Sie wählte nicht, nahm nicht. Sie schenkte ihm ihre Angst. Verzichtete auf die Ruhe, um zu leiden für ihre Liebe. Es war das Höchste. Unverlierbar nahm ihn ihr Auge; als sie ihm die Kugel zurückgab: »Ich will es nicht«, sagte sie, ihre Stimme trug keinen Laut mehr vor Verwebtheit. Legte sich zurück, unter ihm kaum mehr lebend, der über sie kam mit ungekannter Leidenschaft und grausamen Lippen. Was blieb noch, konnte noch kommen? Entzücken selbst der Tod.
Tage, Wochen kamen, gingen in der Erwartung. Sie lauerte auf eine Gefahr, die nicht kam. Manchmal glaubte sie sie nah, gewiß, schon im Vorsaal. Das stieg und fiel mit den Graden der Hingebung, die sie dem Mann verband. Manchmal, wenn sie ihm ferner war in ihrer Blutwoche, vergaß sie es, schrak aber dann zurück. Da die Wochen aber leer waren, ermüdete sich die Spannung, ihre Augen wurden beruhigter, matter. Menschen streiften das Haus, sie mischten sich an die ersten Vorposten heran, es ging ohne Zwischenfall. Ihr Name mit seinem hatte schon Patina in der Verschmelzung, keinen hörte man allein. Man achtete, nahm hin, was hier fest vereint schien, etwas resigniert, ein wenig gelangweilt. Es war ihnen fern schon, gegründet, kein Raub mehr. Nichts geschah. Kein Schrei, keine Hand gehoben zu ihrer Entführung. Niemand warf sich in Abenteuer. Die Lust umschlich sie kühl. Sie ermüdete mit einemmal. Aber Le Beau federte die Sicherheit erst recht, gab ihm knabenhafte Wildheit. Das Raubtierhafte, das verteidigte und lauerte, spielte nun mit dem Gefühl, tollte darin, daß er sie hatte. Allein der Bogen der Angst war zusammengewachsen mit ihrer Liebe. Es löste sich nicht ohne Lockerung auf dem Grund des Gefühls.
Sie ging spazieren, allein, ruderte einmal am Bois, ritt hin und wieder. Als ihre Schenkel den Gaul erstmals fühlten, traf sich ihr Herzschlag mit Entferntem, sie, wußte nicht mit was, war es ein Schwan im Uferduft, eine Mispel in der Pappelkrone, ein Auto, das den Horizont anrannte. Sie kam anders zurück. Als sie die Bibliothek kreuzte, wich ein bohnender Arbeiter aus, glitt ab, stürzte hinter ihr aufs Parkett, wobei er sich an ihrem Ärmel instinktiv hielt. Aufschreiend blieb sie zitternd an der Wand. Am Mittag in der Sonne lachte sie über die plötzliche Furcht, aber die komische Bewegung der Abwehr, die sie gesehen, verbreitete sich, machte sie düster, schweigsam. Ihre Liebe gliederte sich darin. Der Überschwang kehrte zurück. Der Schwung dämpfte sich. Was sie aus der innersten Tiefe gehoben, gefürchtet, die Angst und die Sorge, standen allein, kühl entfernt, die äußerste Spitze des, was sie durchlebt, war nichts, ein Betrug. Sie tötete diesen Gedanken und lächelte. Aber wartete nicht mehr in die Ferne, zitterte nicht mehr um ihn, wenn er ging und kam. Ein Gleichgewicht kam. Sie reisten.
Er frug nach Plänen, Wünschen, lauschte auf Ungesagtes, was ihr selbst nicht bewußt war, verwöhnte sie namenlos. Dirigierte die Reise, zeigte ihr kaleidoskopisch, kennerisch, abwechselnd, Wirkungen vertauschend, untermalend das Hauchdünne, verwischend das Grobe, die Schichtung der Welt, die man einsog, bewunderte, genoß. Suchte nach Flüssen, die im Rauschen ihr genehm, Wälder, deren Schattenfall ihrer Lunge lieb waren, Ebenen, die das Auto kielte, Gebirg, in dem der Aufschwung mit dem Tagaufgang über die Jacken rann. Doch einte die Landschaft sie nicht noch tiefer, die Bilder glitten harmonisch. Wo aber die Kontraste stiegen und rasten, gab es keinen Brennpunkt, in den ihr Gefühl zusammenfloß, sondern sie jagten auseinander, so dies und so das. An einem Abend sahen sie eine italienische Oper. In der Nacht sah Daisy Le Beau im hellen Licht neben sich.
Seine Beine wie aus Bronze spielten den Rumpf hinauf, der den Fechter zeigte, zusammengerissener und stählerner in der Spannung wie in den Marmorsälen die Ringer. Sein kluger Kopf war voll Geist, auch wenn die Lider sich schlossen. Sie sah es klar, zum erstenmal. Denn es trat in sie in dieser Nacht, zu sehen ohne Rausch und ohne Haß.
Das Licht flimmerte kühl, und es banden sich die Enden der großen Kantilenen der Sängerin an das Ende ihres erwachten Bewußtseins, und an der Höhe der Kantilenen ermaß sie die Höhe des, was sie erstrebt, erglüht, als ihre Stimme noch das Ziel war und ihre kindliche Sehnsucht glaubte, dort sei der Ruf. Sie drehte um. Sie sah den Körper neben sich, edel und schön wie wenige, auch liebte sie ihn. Sie fühlte alles, was von ihm zu ihr gekommen, Begeisterung, Hingabe und Wollust, aber es blieb unten. Genügte es? War es so viel, daß es sie erfüllte? Es war, was ein Mann an Liebe ihr geben konnte, fast mehr. Aber sie spürte wie Ziehendes, sie Beschwingendes und Reißendes die Spitze des abends eingeatmeten Gefühls über sich schweben, sah alles sich hinneigen nach der Höhe, erblaßt fiel ihr Kopf zurück. Die lange Strecke, die lag, zwischen dem, was sie erträumt und dem was sie erreicht und besaß, traf sie vernichtend. Lange lag sie kalt, halb schlafend. Ein Gesicht tauchte auf, sie lächelte, es verblaßte wieder. Lange lag sie gewiegt von Dingen, die sie streiften, nie entfachten. Aber im langen Wachen erkannte sie unerbittlich, wie leer ihr Zustand schwebe und daß dies nicht sie erfülle, und wie unendlich überlegen ihr Gefühl schon dem Augenblick geworden, in dem sie war.
Der dritte Abschnitt