Part 8
Dabei spürte sie, ihr Spiel war gut. Augen hefteten sich gefesselt daran. Atmosphäre der Erregung band sie an das Parkett. Es genügte nicht. Eine Traurigkeit, die ihr Bewußtsein nicht traf, da es spielte, das es ahnte aber, wölkte wie unter ihren Füßen herauf. Sie brachte es fertig, nebenher zu denken, zu wünschen und herzurufen, was die Inbrunst wecken konnte. Was ihr Schönes seither gegeben, Zärtlichkeit, Pa und Syg und Brown und das Porzellanschiff. Es blieb entfernt. Ihr Gehör verdoppelte sich, sie vernahm sich selbst. Ihr Auge schärfte sich, sie sah sich spielen. Das Bewußtsein spaltete sich, war nur zur Hälfte beteiligt. Da spielte sie. Dort sah sie Köpfe, beschaute es müßig: Die Florath, vorgebeugt, der Kopf eine schamlose Entblößung. Fribaurt mit weibischem Lächeln gebannt an ihr Bein. Guildendaal, über den Favorits Froschaugen, Holls nervöse spielerische Stirn. Sie sah, sie hatte sie im Bann. Doch sie selbst, sie selbst . . . Es sank ab vor ihr, verschwand in der Tiefe. Ein Riß ging durch sie, doch sie verstand. Sie spielte die Szene zu Ende, sie steigerte sich, schmiß die Effekte, sah den Erfolg in der Pupille der Florath. Aber in einer Traurigkeit, die ihr Herz erreichte, wußte sie, es genügte nicht. Der große Ruf versagte. Es war vorbei.
Was war ihr Beifall? Erfolg? Nichts drängte sich dazu. Sie wollte, daß ihr Spiel ihr inneres Wesen erfülle. Daß sich darin restlos und ohne Sehnsuchtsrest ergieße, was sich aus ihr hob und senkte, was sie gegen das Meer getrieben und darüber geführt. Sie suchte, daß es in ihr klar werde. Nicht daß sie nach außen Wirkungen leiste, deren Sinn sie nicht faßte. Dies war ohne Bedeutung. Es zählte nicht. Und nun begriff sie, daß nicht zu zwingen sei, was vor den Menschen sich versagte. Es war das Wunderbare, das aus der Mondnacht, am Fluß und aus den Büschen manchmal schwankte und sie erhob bis an die Spitze der Sehnsucht. So umflog es sie. Aber sie hatte keinen Teil. Was in rollenden Kreisen sehnsüchtig, lockend und treibend vor ihr sich schwemmte, das war noch nicht gefüllt. Doch dies da war nicht der Weg. Umsonst. Vorbei.
Es stürzte ab mit jähem Ruck. Wehmütig kam es, für was sie sich bemüht. Das Erwachen am Morgen, die Seligkeit des Schaffens, die Befriedigung und der Stolz. Es war noch nicht am Ende. Irgendwo lag es, noch unfaßbar. Blieb ein Zwiegespräch zwischen ihr und der Ulme. Weiter nichts. Kein Ziel, keine Erfüllung. Ein Irrtum der Weg. Verworfen. Was erfolgreich daran war, hatte für sie keinen Sinn.
So entzog sie sich dem Beifall, entriß sich den Menschen, sah Lewinskys gerötetes Gesicht, kam durch den Seiteneingang ins Vestibül, auf die Straße. Ging weiter. Menschen quollen aus Toren, Gehsteigen, Häusern. Hindurch. Sie hielt nicht. Es röchelte neben ihr. Ein Pferd. Sie strich ihm über die Stirn. Ein Licht schien grell heraus. Im Spalt saß ein Paar, sie weinte, er senkte den Nacken. Die Steife blieb um ihren Mund. Dennoch empfand sie, daß sie mit nichts tiefer verbunden als diesen beiden. Ein Strom faßte sich an von ihr zu ihnen. Und zurück. Eine Sekunde empfand sie den Anschluß, das Mitleid, es löste sie fast aus. Doch es währte nur kurz. War noch nicht so weit. Eiskalt vor Schmerz ging sie weiter, bis an den Rand gefüllt mit sich selbst, verschlossen wieder. Sie hatte einundzwanzig Jahre, die Brust war herrlich, der Körper braun, schlank, schön. Sie begann zu laufen. Alles fiel von ihr ab. Nur der Geruch ihrer Möbel, die Wände ihres Zimmers lockten, waren da, waren ein Punkt, der stützte, wohltat, barg. Im Vestibül saß das Fräulein und stickte. Sie hielt kurz an bei der Pforte. Dann ging sie langsam auf das blonde Geschöpf zu, fiel hin, tat den Kopf in ihre Knie. Die Schultern zuckten.
Das Fräulein saß da, die Beine auseinandergerissen. Das Gesicht von nichts tief gezeichnet, blöd und sinnig, an dünner Sehnsucht erstickt. Sie war übersehen im Leben, zu einem Bündel gemacht, das Mitleid umspülte, Verachtung, kleiner Lohn. Kompost für Überfluß, häßlicher armer Lappen. Badete nicht täglich, war schlecht gekleidet, roch nach Korsett. In ihrem Gesicht entbrannte ein Staunen: »Auch sie muß weinen.« Dumm sah sie in die Luft, stierte, faßte es nicht. Doch vom Elend einer Kreatur gereizt, gerührt, beginnt der ganze Erdball aufzuzucken, mitzuleiden. Sie heulte nicht. Es ging in die Hände. Die strichen sehr zart über den Kopf zwischen ihren spitzen Knien. Falteten die Strähnen auseinander, legten alles von ihr selbst Vernachlässigte, Versäumte in die Bewegung, flochten Zöpfe, berührten das Haar als seis ein Kind. So kam die Liebe über sie. Die Zunge machte einen Ruck, machte den Zug der Nurse, schnalzte, wiegte die Hüften, summte: »Do . . . do . . . do . . . Daisy.« Pfiffs auf den Zähnen. Eine Sehnsucht gebar sich riesengroß. Wollte gern ihren Backen an Daisys Wange legen. Aber rührte sich nicht, obwohls nie heißer in ihr gezündet. Wagte es nicht. Tat es nicht. Sie brachte das Mädchen hinüber, machte Licht, zog es aus, legte es ins Bett. Löschte das Licht. Morgens fuhr Daisy ans Meer.
* * *
Windstille war. An den zweitausend Metern Grundschnur fuhren Kähne raus, man zog die Angeln an, warf die Kabeljaus ins Boot. Zwei große Ewer hielten die Schleppnetze ein, ließen Bramsegel vor den Wind fallen, kamen gegen Land, hochgeschwebt. Seeschwalben überjagten Steingebröckel, zuckten am Wasser, hakten mit gebogenen Schnäbeln: griä. Jüns hielt eine geschwollene Aalmutter in der Faust, drückte den Bauch, spritzte durch den Eiergang junge Zentimeterfische, eins nach dem andern. Sie waren durchsichtig und quallig, ein Darm ging durch und Aderfäden. Sie lachte mit ihm. Wind ging den Abend los, pfiff leis, klatschte an, strudelte schon hundert Meter hohe Pfeifen und Rollen. Krebse schoben über Miesmuschelkolonien, rolzten, ballten sich, schossen hinunter. Regenpfeifer sausten über den Sand. Hahnenfuß und Binsenkraut verschlangen sich Die feigen Sturmvögel klatschten sich an Häuser und Raine. Strandnelken und Butterloch knallten gegen Dünengras, die Weidenstümpfe. Die Wimmermöve schlägt an, der korallenrote Schnabel fliegt vor dem samtdunklen Kopf, ehs dunkelt hört sich nur noch ihr Schrein: gräik . . . gra . . . ik. Das Meer steht toll verliebt die Nacht vorm Gedün, dehnt sich und schlägt hinten am Horizont sich fest, beißt dann ans Land, türmt sich haushoch davor. Die Bäume im Binnenland liegen platt am Boden, die Amseln haben sich verkrochen in Mauslöcher und Ritzen. Die Keller stecken voll Fledermäuse. Das faulende Leberzeug der Maischollen duftet weg. Die Fenster sind geschlossen, Kugelblitze laufen über die Dünung, die weißkochend vor dem zerwühlten Meerbauch hängt. Daisy legt sich. Die Nacht spielt das Getös geil mit ihrem Bein, ihrem Ohr, treibt in ihr Blut. Die Kiesel knirschen draus ineinander.
Von einer hellen Flamme ist der Tag aufgerissen. Es ist der Wind, der blau, böig, bleibt. Es gibt Lärm, Stimmrufen. Ein Schellfischkahn, der getrieben, will beilegen. Es gelingt nicht. Sie stehen mit hochgekrämpten Hosen bis an die Hoden im Wasser, schreien und hantieren und es wird nichts draus. Sie kämpft sich durch den Wind gegen das Meer runter. Sie kommt durchs Getümpel noch geschützt, muß aber Schuhe, Strümpfe zurücklassen. An den Erlen hängt das Wassermerk fest, Berle und Hahnenfuß liegt klatschnaß. Im flachen Sand faßt der Wind sie, reißt unter die Röcke, nimmt sie vor, gattet sich an sie, schont den Busen nicht. Sie läuft gerötet durch die Tümpel. Taufrösche verschwinden schweigend, murren, grunzen hinterher. Feuerkröten wie aus einer Glasglocke donnern: ku . . . uh, lassen die angewachsene kreisrunde Zunge auf dem Paukenfell schlagen. Wasserläufer gleiten wie auf der Eisbahn über die Pfützen, in denen Flohkrebse, Steinsack, Laich liegt. Sie steigt, hält sich an Gras, versinkt im Sand, hält sich an Hahnenkamm, gelber Stranddistel. Wie sie den Kopf über den Damm hebt, kocht das Meer, rast drauf besinnungslos unter ganz blauem Himmel. Sie steigt gänzlich hinauf, bekommt einen Windschlag, springt hoch, lacht, fällt um, rollt zurück. Triebsand rutscht nach, verschüttet Knoblauchkröten unten, die wie Katzen jammern, sehr bunt waren. Eine Möve ist vom Sturm erschlagen worden. Zwölf Federn am Schwanz, die Brust pelzig im Gefieder. Der Wind hält durch, kommt jetzt vom Land, stößt das brüllende Wasser zurück.
Jüns wirft eine Muschel hin. Sie haben in dem Fischhaufen, Makrelen, Goldbutten, Affheringen, Schollen Aufruhr bemerkt, einen Seewolf mit grünlichen Jungen im Tang entdeckt. Voll rasender Wut wirft er sich, mit dem Schwanz hauend, herüber, beißt knackend die Muschel auf. Die Fischhaufen laufen schwammig aus, kriechen zum Strand und blenden mit den Schollenflecken. Die Milcher strotzen von Samen, die Weiber haben den Bauch voll Eier. Das Schellfischfleisch ist heller und weißer als das Fettbraun der Dorsche. Frauen heben den aufgestülpten Arm aus den Bütten. Kinder schmeißen die Körper in Kästen, hängen die Eingeweide an Angeln, fangen unter Wasser andere damit. Der Wind läßt nicht nach. Die Seeschwalben taumeln in Rudeln hoch. Der Strand ist freigeblasen.
Die Männer stechen draus Butten, Jungens hüpfen von Tümpel zu Tümpel und sammeln auf. Im Sand ist in der Ebbe viel geblieben. Froschkraut tastet wieder nach Grund, zuckt die Wurzeln zum Boden. Sattelmuscheln liegen fest, Wandermuscheln und wie Eier Steinbohrer. Das Wasser hat sich so gesenkt, daß die Pfahlgruppen von Ellern mit unsichtbaren Gärten auftauchen, von Miesmuscheln im Gezweig bedeckt. Schon fahren Kähne, die die Bäume aufzuziehen. Ein Taschenkrebs hängt an einem Rogen, schmaust, die Asseln zappeln da und dort. Das Riedohr stellt sich. Dahinter brummen die Kühe, die Körbe voll Kabeljauköpfen aufgeschüttet riechen, kauen und fressen. Schon stehen Segel drauf, Leberblumen fachen sich an, werden hell, trocken und sinken zurück. Sie geht nun durch Tang, Linsen. Seegras dörrt losgerissen unter der weiß und hoch stehenden Sonne. Sie kommt um die Düne. Nun hat sie weißen Sand unterm Fuß, der braunrosa sich eindrückt. Moosenten fallen hinter ihr ab. Auf den Granitklippen stehen blau und rot Gerüste. An Schwänzen hängen Fische in Bündeln daran, klinkern singend im Wind. Sie kommt an die Nehrung, muß steigen, fällt. Der kleine Schmerz macht sie irgendwie verrückt. Sie macht die Arme weit auf, preßt sie an die Seiten. Lachmöwen gauzen los. Eine Sturzentenschnur, blaugrün und weiß rauscht auf, zischt noch fern: rädzsch -- -- -- räb . . . wek. Da steht alles voll Tümpeln. Im Schlick lauern eingebuddelte Klieschen auf die Flut. Die flachen Bäuche wackeln im Flugsand. Die nach oben verschmitzt stehenden Augen zucken mit der Stikhaut, verschleiert. Sie kniet, schaut hinein: sie sind grau. Ihr Auge fällt in sie zurück. Sie hält das Tuch darüber: sie sind weiß. Die Uhr: sie sind gold. Hinter ihr gehen Raben herunter, hacken sie auf. Landkrabben nehmen Deckung, graben sich im Sand vor, greifen mit den Klauen die Sandhupfer. Sie lacht. Ein Faß steht da und Jüns mit Merlans, weißblitzenden Bäuchen. Hinter der Bucht liegen Raubschwalben, wie nachts, betäubt vom Wind mit ausgebreiteten Flügeln im erwärmten Sand. Nun stoßen sie hoch. Alles schwebt nachher, auch das Wasser schwebt in der Sonne, die es wie von unten her hochschaukelt und hält. Es wird groß und unermeßlich am Knick. Wie sie es so sieht, zum erstenmal wieder, ist sie klar und frisch. Gleichgewicht durchbricht ihren Aderngang, die Enttäuschung ist weg, der Wind war an ihr, hat in den Saft gegriffen. Die Warzen tun ihr weh. Sie neigt plötzlich sich zurück. Was an Hals zum Vorschein kommt, ist heller wie all andere Haut an ihr. Sie faßt hinter sich einen Baum. Der Rücken lehnt daran. Schon tritt der Saft, der nach oben rauscht, in ihr Blut. Die Hüften fangen an, eine Bewegung zu bekommen, werden entdeckt, glühen etwas. An der Schlankheit des Baums wie an einem Tierrücken gleitet sie ab in den Sand, die Knie geöffnet. Die Sonne schlägt ihr in den Leib. Die Schenkel biegen sich lang und schön, als schliefe sie. Sie zittert, etwas ist freier geworden, entschwebt, durchbrochen am Horizont. Himmel und Meer haben sich vereinigt, wölben sich herüber. Sie springt auf und lacht, die Haut ist glatter geworden, das Auge von innen her feucht.
Sie fährt zurück, findet den Wagen nicht, nimmt die Tram, steigt aus, um den Rest zu Fuß zu gehen. Auf diesem Stück Trottoir sieht sie von einer Menschenmenge vorbeigespült, in ihr langsam wandelnd, Caspare Symes. Sie bleibt angedonnert, wiegt den Kopf hin und her, als sei sie alt geworden. Dann reckt sie sich, fährt um, ihm nach. Sucht ihn zu erreichen. Sie bohrt sich durch, hört Schelte, Wut, sieht den Schirm, den eine Frau nach ihr sticht. Sie kommt näher, kann seine Schulter fassen. Alles an ihr ist durchblutet, entfacht. Da läßt sie die Hand sinken. Es fehlt ihr die Kraft mit einemmal, ihre Bewegung wird armselig, er aber wächst und steigt maßlos, daß sie erblaßt. Sie findet den Mut nicht, jetzt das zu fordern, was sie überging, als sie noch erstrebte, was sie nun abgeworfen. Es geht süß durch sie hin, während sie stehen bleibt. Sie tut eine große Tat, indem sie sich nicht rührt, fühlt sie im Blut; was sie opfert, erhebt sie. Sie nimmt etwas auf sich, während ihr Auge dunkel wird. Sie bleibt immer stehen, sieht ihn zum letztenmal für immer, weiß daß dies das Höchste ist. Er biegt um einen Wagen, betrachtet einen Erker, geht über die Straße, ist verdeckt. Taucht auf zwischen hellen Mützen, dann dreht er ab. Mit einer unnachahmlichen Bewegung des Halses zieht sie die Linie nach, als er um die Ecke geht. Dann ist es vorbei.
* * *
Sie stellte den Fuß in die Schnur des Vogelbauer und hörte zu. Zuckte die Achseln. Sie wollte nicht. Als Lewinsky sie bedrängte, drehte sie um, ihre Ringe klirrten. Die Karte der Florath wies sie ab. Sollte sie am Neid der Wolfsaugen sehen, wie sehr diese sie fürchtete? Vom Tisch entfernten sich Bücher und Rollen. Mit diesem Tag verschwand das all. Einen Augenblick kreuzten sich ihre Blicke mit denen des Fräulein. Ein rascher Blick suchte in ihren Wärme, klatschte ab. Daisys Augen wurden schmaler, visierten die Schleife ihres Schuhs. Dann frug sie, das Fräulein stammelte. Ging hinaus, kam wieder, legte ein Blatt auf den Tisch. Es war Dienstag. Daisy schrieb einen Brief. Dann legte sie das Blatt der Gouvernante beiseite, hob es wieder, als röche sie daran. Ging hinaus in den Garten. Donnerstag früh kam Le Beau. Am Abend besuchte er sie wieder. Als er ging, löste sich ein Schatten im Garten, er pfiff. Der Schatten bewegte sich hinter ihm. Freitag brachte er sie aus dem Theater, half beim Aussteigen, steckte den Schlüssel ins Gartentor. Als sie sich umdrehte im weißen bauschigen Mantel, küßte er sie mitten in die Brust. Er machte dabei einen kleinen Schrei, sein langer, katzenhaft geschnellter Körper riß ihren mit allen Muskeln in seinen hinein. Der Nebel dampfte um sie, abenteuerlich durchschwammen Gebüsche den Laternenschein des Wagens. Langsam und wild wogte ihr Leib gegen seinen, sie seufzte, schrie ein wenig, aber heiser. Auf dem Parkweg lag Dunkel. »Ich bekam heute deinen Brief«, flüsterte Le Beau. Sie verstand ihn nicht. Er war durch Zufall gekommen . . . Er wies auf den Schatten, Moki. Er hatte ihn hergegeben, selbst Fribaurt, sich schüttelnd zwar, aber er war so nie ohne Tip von ihr. Sie schloß die Lider, sah doppelt, schwankte, warf sich über ihn, zog mit den zarten Schultern den Kopf herunter, fand seinen Mund, öffnete ihn.
Nachts sah sie, im Traum, einen Mann. Der kam aus einer engelhaften Beleuchtung. Trat heraus, machte eine Bewegung, die ihr wehtat, aus dem Herz was herausriß. Es ward leer in ihr, Traurigkeit schwemmte sich hoch. Sie fing im Schlaf an zu weinen. Er sah sie zornig an, sie ertrug diesen Blick nicht. Er sah aus gleich einem Skandinaven, gescheitelt, blond, mit einer jungen gefurchten Stirn. Es fehlte nicht viel, er ähnelte Symes. Das machte ihr sofort Ruhe, sie schlief weiter, wachte aber über Tränen auf. Le Beau lag neben ihr. Ihre Hand an seinem Mund. Er streichelte ihr Knie, den Muskel des Schenkels, der sich straffte, als sie das Bein aufstellte. Er küßte ihre lange braune Hand. Küßte jeden Zwischenraum der Finger, hing an jeder Hautphase, sog sie an, als stürbe er mit ihr, löste sich kaum von der Pore hier, der Pore da. Küßte Kreise um die Gelenke, legte den Knöchel wunderbar damit frei, umflutete ihn mit den Lippen, empfing ihn dann im Mund köstlich und rasend erregt. Wo sie Flaum hatte, blieb er, es strich seine Haut, er atmete schwer, flocht ihn um den Finger. Über den Leib glitt die Hand hoch, machte die Schwebung mit, die unerklärlich schön hinauflief, blieb an den zärtlichen Hügeln. Berührte wirbelnd mit dem kleinen Finger die Warze, sie spürte die Zunge. Das Zittern nahm ihr den Atem, sie stieß die Luft fest aus, und nun kam ihr Leib an seinen, entgegengeflogen, die aufgelösten Gelenke suchten Schutz an seinen. Ihr Blick brach, sie sah nur noch sein Bild unter dem Lid. »Sprich«, flüsterte sie. Es war zuviel. Er schwieg. Die Lippen trafen sich, bleich, wortlos. Sein Körper, ohne viel Fleisch und groß hingelegt, wie ein Römer, spielte auch in der Ekstase achtungsvoll mit, ward lasterhaft und verehrte zugleich. Die Küsse reizten sie langsam, wie er sie setzte. Sie verlor die Besinnung, blieb länger unter dem Bewußtsein, als er wollte, er küßte sie wieder heraus, preßte den Zahn in die Weiche, sog und fuhr mit der Hand die Rückenwirbel herab. Sie stürzte höher ins Unerträgliche: »Mehr«. Sein Kopf glühte zwischen ihren Knien. Seine Hände suchten ihren Rücken herunter, hielten das schmale Becken hoch. Ihre Haut ward nicht feucht, glättete sich unter den Umarmungen, dehnte sich so, daß er daran glitt wie an einer Frucht. Sie wimmerte nur noch, die Lenden zuckten. Da nahm er die Sehnsucht von ihr. Sie lag dann still, nur manchmal erschüttert von Schauern, die abflogen. Das Silber der Bürsten, der Draht der Ampel kamen in die Glückseligkeit. Die Vögel der Tapete musizierten paradiesisch durch die Seide, sie lächelte, drehte seinen Kopf dahin und streckte Wange an Wange, die Hände danach aus. Er flocht seine Kragenspange in ihren Flaum. Langsam begann er entzückte Dinge. Sagte über ihre Brust Vergleiche. Die schwarze kleine Warze der braunen Brust entflammte ihn wieder. Sie lauschte atemlos. Er erbebte unter seinen Worten, seine Hände entzündeten sich daran. So nahm er ihr Kinn, ihr Knie und genoß es mit den Augen, mit den Fingern. Durch die Dämmerung griff er aus der Schale eine der drei Kugeln, rollte sie über die Wade, die Bucht an der Lende, zwischen der Brust bis an das Ohr. Von da führte er es an den Mund, sie schluckte die Kugel. Er grub sie mit der Zunge heraus, küßte sie, steckte sie in die Tasche seines Pyjama. Der Wind warf die Gardine ein wenig auf, der Wind kam herein, malte dunkle rote Schatten auf die Bronzehaut. Sie erzitterte. Die Frauen ihres Geschlechts hatten die Steine alle vor ihr getragen, es gab eine Lücke im Hirn. Da kam seine Hand, suchte, liebkoste. Sie fiel zurück, stöhnend. Die Hand gewöhnte sich an eine Stelle des Fußes, strich weiter, blieb in der Mitte des Körpers. Die schlanken Hüften erbebten, hoben sich ein wenig. Ihm entgegen. Die Welle ging über sie.
Ein einzelner Baum stand wie Glas im Sternlicht, dann aber schwellte eine helle Flut heran. Sie zog den Kimono um den Hals fest. Die Terrasse bog sich mit den Stufen entgegen, krampfte sich unter dem Licht, was herauftrieb. Nun fiel das Tor zu. Sie schwenkte die Ampel noch einmal. Ging zurück, warf ihm eine Klavierwelle nach.
Die Sonne ging höher. Die Untergrundbahn rollte durch schmale Korridore. Sie empfand Le Beau durch die Körper, die sich zwischen sie keilten. Die Schienen gleißten stahlweiß, verschwanden. Die Türen knallten. Die Körper standen reglos aneinander gebäumt. Da sah sie in Stefans Gesicht. Er grüßte mit den Augen. Sie hörte seine rauhe Stimme gedämpft reden, aber es war zu weit, sie verstand sie nicht. Rückte gequält den Kopf zur Seite. Wie ein Vogel. Magnetisch wie eine Viper holte er ihn herum. Er hatte einen Koffer, einen Mantel, die Stirn flackerte. Er machte Zeichen. Sie verstand sie nicht. Die Station kam. Nun wuchs sein Kinn, strebte auf sie zu. Es gab keine Hemmung, der Gartenabend hatte ihr Leben irgendwie gebunden, aneinandergelegt. »Geben Sie . . . Geld.« Sie nestelte an der Tasche, drängte sie gegen ihn, er faßte sie. Der Wagen hielt an, Er brach sich die Schulter frei, der Ruck warf ihn brutal herüber. Nahm es mit allem auf. Ein Mann stand noch zwischen ihnen. Rasch: »Leben Sie wohl!« Sie ward verwirrt über ihre Kühnheit. Im Vorübergehen hörte sie seine Stimme, aber entfernt: »Es geht eben schlecht. Ich sehe Sie wieder.« Als der Zug anfuhr, sah sie durch die Scheibe, daß er, draus auf dem Perron vorwärts strebend, bleich war. Er sauste ab. Hinunter. Le Beau riß es hoch zu ihr. Sie zuckte ein wenig die Achseln. Ihr Ohr vergaß aber nicht, was der andere gesagt, ihr Auge nicht, wie entfärbt er war. Dann drehte sie sich herum, glitt auf Claudius zu, es war leer geworden.
Er brachte ihr Katzen, sie behielt eine. Sie spielte mit ihr im Garten. Zog einen Strich, rief, sie sprangen beide über das Hyazinthenbeet. Drüben, im Sprung, fing sie das Tier wieder auf. Es legte sich an ihre linke Brust, hielt sich mit den Pfoten am Schlüsselbein und reckte sich in die Kurve der Weiche. »Anjá«, rief sie, fuhr mit der Hand blitzschnell gegen den Strich durch das elektrisch aufschäumende Fell. Das Tier bäumte den Rücken, daß Vorder- und Hinterfüße nebeneinander standen, sah in die Luft, mit gerecktem Schweif. Laue Schatten lagen um die rostbraun fallende Sonne, Raben standen zwischen unruhvoll blauen Wolken.
Anjá sprang auf die Schulter, von dort in einen Baum. Gegen jeden außer Daisy ward sie feindlich. Sie tauchte auf, sprang, man sah sie nicht. Steckte den Kopf in den Lichtschein um ihr Haar, legte die Schnauze auf den Brustansatz. Aus dem Horizont kamen schwarze Punkte, ruderten herauf, begannen rauh zu schreien. Daisy gähnte, hielt Anjá nieder, daß sie nicht fauche, die auf ihrer Hüfte sonnte. Le Beau stand vor ihnen. Ein Hauch schoß in ihre Haut. Sie sprang auf, gab ihm rasch die Katze hinüber, gab ihm das Warme, das das Tier von ihrer Lende noch an sich trug. Die Nüstern schwebten nach außen. Anjá sprang zurück. Sie sah sie bös an, warf sie zurück an Le Beaus Brust. Das laue faule Treiben der Natur um sie, das scholl und geschah und sie umkreiste, schwang ab. In den Kreis war Blut getreten, ihre Schulter hing untrennbar an der Le Beaus.
Mittags querte sie einen Platz, kein Mensch ging durch die Glut, dünne Bäume wagten keinen Schatten, ausgedörrt, elend, daß Hunde nicht einmal sie näßten. Der Kies und Sand flimmerte trocken und müd. Plötzlich sah sie eine Figur, ein Gesicht. Es schien auf sie zuzugehen, ja fast in sie hinein. Sie wich aus. Sah sich um, in der Mitte des Platzes ging eine Frau, sonst niemand, da kam der Mann wieder auf sie zu aus der anderen Richtung, ging an ihr vorbei. Sie sah ihm nach. Langsam, den Kopf gesenkt, schritt er auf die Bäume zu, er hatte sie nicht gesehen. Es war das Gesicht des Traums. Ihre Augen drückten sie, als seien sie von Blut überfüllt. Sie stieß den dünnen Stock in den Sand und sah rasch auf. Der Mann war echt. Ihr Schreck hatte ihr eine Vision gegeben. Sie zuckte die Achseln, spürte die Müdigkeit, die voll und groß abschwemmt, von der Nacht her. Schlief ein den Abend, aber im Augenblick, wo der Schlaf den Halbtraum abtrennt und hinunterreißt, standen die Augen des Skandinaven über ihr, quälten sie.