Die Achatnen Kugeln: Roman

Part 7

Chapter 73,857 wordsPublic domain

Viele Tage verließ sie das Haus nicht. Ihr Mut war so stark, daß der Mißerfolg sie nicht schlug, sie begriff ihn kaum. Er brachte sie nur deutlich zu sich, entfernte sie von dem Hin- und Herbewegen und legte sie fest. Sie sah durch das Straßenfenster, da ging gedämpft der städtische Verkehr der Grunewaldstraße, rasch, verwirrend, elegant. Sie ging zum andern, da war rauschender Park. Baumwipfel bogen sich im Wind ihr zu. Sie hob den Kopf entgegen dem Geräusch, hob ihm die Stimme entgegen. Es klang zusammen. Belebte sie, gab ihr Resonanz, sie kettete sich daran und bekam die Leichtigkeit, die sie selbst bezauberte und hinriß. Da war sie ganz enthalten in den Lauten, wenn sie allein sich preisgab dem Gefühl, das ausfloß. Da konnte sie Sätze biegen, Wonnen rauschen lassen in blanken Diphthongen, spielen mit Worten und ungefähren Dingen, die als Sternnebel um sie waren. Beglückt trat sie zurück.

Am vierzehnten Tag fuhr sie zur Florath. Die wollte sie ablehnen, sah das gute Kupee unten stehen, ward neugierig, winkte, sie hereinzuführen. Sie lag mit gelockerten Beinen auf dem Diwan, musterte Daisy mit den runden Wolfsaugen, leckte die Lippen und führte beide Arme verführerisch nach den hell gemalten Haaren. Daisy begann, ohne sich zu setzen, sprach, nicht lang, aber eindringlich. Beim ersten Laut spürte sie, es fehle, es stoße neben hinaus, was sie wollte. Als sie ins Gesicht der Schauspielerin sah, stürzten ihr Tränen in die Augen. Alles verließ sie. Kein Mut, keine Sicherheit. Mit kindisch unsicherer Haltung raffte sie ein Taschentuch auf, das ihr gefallen, und als sie wieder stand, sagte sie nach unten hin: »Ich hatte mich nicht in der Gewalt.« Wieder suchte sie jenen Ton, den sie seither immer besaß, der ihr eigentümlich war wie ihre Hand. Sie glaubte, sie träfe ihn, begann von ihm aus sich aufzuschwingen. Als sie unsicher ward, half ihr der Trotz zu einer intensiven Kraft. Einmal stockte sie, sah die große Frau auf dem Diwan zusammengerollt, sie nickte ihr zu. Sie fuhr fort, schleifte es weiter und brach ab. Die Florath reckte die langen Beine, erhob sich, zog die Knie an, sagte mit ihrer schwärmerischen Stimme: »Gibt es denn nichts, was Sie sonst befriedigt . . .«, kam mit langen Schritten auf sie zu. Sie sah auf, wollte, was sich sprengte in ihr, sagen. Es kamen nur Tränen, sie stampfte ein wenig auf. Als sie den Arm der Florath im Nacken fühlte, wußte sie, daß jene sie mißverstand. Sie schwieg, verschloß in sich das Geheimnisvolle, das sie sofort wieder sicher machte. Demütigung, Verzweiflung bisher, nichts war umsonst gelebt, sie fühlte, es ward klar. Noch machte an der Tür die Florath eine Bewegung mit dem Kinn, das rätselhaft herabkam: »Die Welt ist voll Möglichkeiten, reizvollen, wenn Sie die Ihren suchen . . .«, die runden Wolfsaugen überglitten sie lächelnd, die Hand glitt über ihre Brust. Sie verneigte sich. Auf der Treppe ward sie wieder zäh wie vorher. Gelang dies auch nicht, sie spürte unbedingt, unauslöschlich die Stimme in sich An der Straßenecke stand Moki. Aus dem Laden trat Fribaurt, bedrängte, behing sie mit Geschwätz. Sie log ihm Krankheit vor, erklärte ihre Unsichtbarkeit damit, frug ihn, als er nicht wich, nach dem Diener. Er schmollte mit den Lippen, verschwand. Zu Haus fand sie einen Brief. Er riet ihr, zu Löw zu gehen. Rivale Lewinskys. Sie wußte nicht, von wem. Der Goldfischteich glänzte aus der hellen Dämmerung. Sie biß die Lippen zusammen über den Eingriff, der in ihr Leben kam, der Garten stand geweitet wie ein Flußtal, Fischflossen glänzten manchmal weich und rasch.

Der Papagei schrie lang und heiser. Sie kraute die gesträubten Haubenfedern. Der Schnabel kreuzte sich, orangen und grün flimmerte es aus der Ecke: »Dogo . . . Dogo.« Sie wandte sich von ihm um. Nahm ein gepreßtes Buch, schlug es auf. Neben Lewinskys gesalbter Glattheit stand das wohlwollende menschliche Gesicht Löws. Es zog sie an. Sie sah auf den Boden. Im Garten, sangen Nachtvögel herauf, schwebten ihr mit Wind Flüstern entgegen und nassem Buschzeug aus dem Blau. Sie spürte, daß der Brief sie gut leiten wollte, zog den Finger aus den Blättern, empfand im Schließen, wie es sich in ihr spannte, und daß vor diesem Kreuzweg Ja und Nein des Lebens stand. Dann hatte sie etwas plötzlich, was alles vertrieb.

Sie fuhr zu Lewinsky. Er hatte sie einmal besiegt. Zeigte, wie schön sie sei. Hinter der Höflichkeit reckte sich seine Macht. Er gab ihr ein anderes Buch. Sie wollte es zwingen. »Der Text ist nicht gut.« Ein anderes Spiel. Sie wechselte. Sie bäumte sich auf, klar und weitschweifend zu sein. Schon kämpfte sie gegen das Unfaßbare, da ging eine Tür hinter ihr, über den Spiegel huschte ein Schatten, eine dünne Bewegung. Es löste seine Oberfläche auf, er stand in Wellen, wurde tief und voll Horizont. Ein Springbrunn kam hereingeplätschert, ihr Mund spürte Blau und Goldregen und Baumbewegung. Es kam Geräusch der Ströme. Auf dem Ontario wogten Segel, hißten Fahnen, grüßten. Rührung und Hingabe legte sich in die Stimme, ward goldhell, posaunengroß, nun erlebte sich alles. Flog an den Drähten hinauf, sank zurück ins Blattgepischper. Trug eine Kraft, die schwoll und wuchs. Sprach zu den Tieren: Ihr Lieben. Zu den Weibern: ei welche Sonne da. Hatte den Ottawa im Traum, den Erddunst in den Nüstern der Vokale. Hatte ihr Herz. War voll. War da.

Ihr Auge frug nicht, ihr Mund hatte kein: Genügts? Lewinskys Kopf war entblättert. Macht, Höflichkeit, jede Maske war weg. Um die Lippen stand eine grausame, bebende Linie. Angst, daß ihm dies entgehe. Er versprach, was sie wolle: Erfolg, Geld, Ruhm. Der Spiegelschatten kam aus dem Polster, Stefan brachte sie an die Tür, hatte Ersticktes in der Stimme: »Erhielten Sie meinen Brief?« Sie zögerte, sah Gesenktes an ihm, der Brief war gut. Dann hob sie schmal das Kinn: »Nein«. Er lachte heiser durch die Zähne. Ihr Blick blieb verwundert.

Dies war der Durchbruch. Die Arbeit begann. Lewinsky zeigte klug, was ihr fehle, wie, was sie in sich trug, nur die Flamme war, die das Gerüst entzündete und in die obersten Logen der Erfolge trug. Das Gerüst war zu lernen. Sie sah ein, sie konnte noch nichts. Nun gab es nur dies. Von allem schnitt es sie ab. Keine Segelfahrten lockten, an keinem Zirkus entzündete sich die Lust nach dem Dampf der pochenden Pferdebäuche. Fort gingen die Bahnen, die Wagen. Sie blieb.

Die Brauen bogen sich vor Spannung. Das I schärfte, jagte sie in den Plafond gegen Dogo, daß er flatterte und es zurückschrie. Das A baute sie zu Brücken, weiten Wölbungen, die funkelten vor Kuppelschwung und Material. Aus dem O kamen schwingende Trommeln, ferne Gewitterstürze, die erregten. Die Leidenschaften der Wälder, das Sichsagen der Leiber brannte aus dem U. Die Diphtonge glitten dazwischen. Sie trat ans Fenster, die Hände, die Brüste am Gitter.

Ein Lehrer kam, der den ausländischen Akzent abschliff. Nach acht Tagen sagte die Zofe ihm, es sei genug. Lewinsky sandte andere. Sie verbrauchte viel und rasch. Fand sie, wo sie einhaken konnte, blieb sie zäh dabei. Das Regulieren von Zunge und Zähnen, das Siebenmaldurchsprechen der Rolle, bis die Figur sich entschälte, das Hartnäckige und Sichere, das war ihr Fall, dem blieb sie treu. Ein Lehrer wies ihr die Bewegung im Raum, teilte ihn geometrisch, wies ihr die Plätze dekorativ. Stellte ihr die Gebärden, zog eine Kurve. Sie sah vorbei. Er stülpte den Ärmel hoch, den Arm auf zur Ekstase. Sie machte es nach mit der Linken, die Rechte gähnte. »Wozu?«, frug sie Lewinsky mit ermüdeter Schmerzlichkeit. Da brachte er Statisten, belebte mit Fleisch, mit Blut das Zimmer, suchte durch Lebendes ihre Verwöhnung zu überwinden. Er machte ein Kabinettstück, bezauberte mit seiner eigenen Regie, hetzte das Zimmer, die Luft zu Drama. Sie lächelte. Sie nahm drei Stühle. Sowie sie aus sich selbst sich bewegte, kam Leben in das Holz, ward Aufruhr und Ergebung. Sie entflammte es. Er zog beleidigt die Unterlippe ein, grinste impertinent, als sie den Rücken kehrte. Ließ sie aber tun, was sie wollte. Überzeugt selbst über seine Eitelkeit hinaus.

Einmal gönnte sie sich Erholung, als Dogo schrie, sie ihn im Hemd mit Tintenfischen fütterte auf der Veranda und die Morgenkühle ihr unter dem Leinen den Körper hinauf tastend lockte. Sie ritt mit Guildendaal und Rotbefrackten eine Allee hinauf. Die Hunde rannten Hasen nach im Gras. Von einer Pappelreihe her hob sich ein Staubkreisel, flackte über die Äcker und Weiden herbei. Als er die Allee berührte, fingen zwei Drosseln an zu schlagen, unaufhörlich. Da wandte sie um, trabte ohne Abschied herum, wie im Spiel, kam nach Haus, empfing von rückwärts in die Einsamkeit das Durchflogene, gab sich hin an das Wehen der Gräser, das Summen, Vorbereiten und dann dem Ansprung des jungen Winds, entfachte sie. Mit glücklichen großen Augen und einer ganz beschäftigten Stirn versank sie in die Arbeit.

Besuche nahm sie nicht an. Selbst machte sie keine. Holl, da er Regie hatte, traf sie manchmal, doch wünschte sie Tips. Ging sie aus, war es mit Freude und Spannung schon auf die Rückkehr, wo die Distanz zur Arbeit sie frischer machte, angriffslustiger, heiterer im Spiel. Moki suchte ihr etwas zu überreichen, sie nahm es nicht. In einer Gartenstraße schlich ein Mann und riß an ihrem Beutel. Das kleine Messer aus dem Gürtel in der Hand, begann sie den Widerstand. Doch ließ sie fast im gleichen Augenblick den Beutel fahren, steckte das Messer ein. Sie hatte wichtigeres vor, um dies zu riskieren. Der Dieb lief. Sie kleidete sich um. Fuhr den Abend ins Theater der Florath. Die war nicht da in der ersten Szene. Im Hintergrund der Loge bereitete eine Frau sie vor, schilderte ihr Bein, ihren Busen. Ihre Laster. Da kam sie wie ein Tier, das Kleid schaukelte erregt um sie, als sei ein Abstand zwischen Haut und Kleid. Selbst im Unsichtbaren war ihr Körper entblößt. Es war, als säße ihre Seele in den Hüften. Alles strömte zusammen da, erhielt dort den Ausdruck der Verhaltenheit, der erregte bis zur Stummheit. Sie lächelte einen Mann zu Tod. Er verschwand mit seinem blonden Bart. Später dirigierte sie sich gegen einen Slawen mit Bauernschultern, an seiner Stumpfheit blieb sie hängen. Schwebte eine Herzspanne in der Luft, das Verhüllte knisterte um sie. Sie sog die Sprache in sich hinein, hinter dem Marmor leckte schon tosend die Glut. Die aalglatte Hüfte stand fast ruhig, sie spielte mit einer Dose. Ließ sie fallen. Bäumte, brüllte wie ein Tiger.

Entsetzt, mitten in der Szene ging Daisy. Sie sah, was fehlte. Wie unheimlich jene mehr konnte wie sie. Lächelnd stumm in sich hinein, weil ihre Inbrunst größer war als die Routine der andern. Sie zog den Schluß: arbeitete heftiger, tief in die Nacht, schon gierig auf den Morgen.

Doch war die Nacht auf ihr heißes Decolleté gefallen, die Grippe in der Nacht zurückgerollt. Weinend, fiebrig, schleppte sie sich zum Diwan. Da stand die Aufgabe. Sie konnte nicht. Die Zofe schellte den Arzt herbei. Er frug nach Schmerzen, hielt an langen gepflegten Nägeln das Hörrohr ihr an die Brust. Sie delirierte: »Sie kann die Übergänge . . .« Der Arzt neigte sich herunter: »Nehmen Sie alle zwei Stunden ein Pulver.« Abends zur Zofe sagte sie: »Nehmen Sie drei.«

Achtundvierzig Stunden wimmerte sie, die Zofe verstand nichts. Am dritten Abend schlug sie die Augen auf, besann sich, bekam ein opaliges Licht hinein, wies auf ein Buch. Als sie es in der Hand hatte, fiel es ihr vor Schwäche heraus. Sie sagte: »Nehmen Sie vier.«

»Es ist zu viel.«

»Ich habe Eile«

Am fünften Tag war Sonne. Am achten kam sie in den Garten. In Zweigen und Flüstern bewegten sich sanft und weich die Sätze. Die Melancholie der Boskette träumte gold umrahmt vom Mondlicht. Ihr Entzücken entlud sich unaufhörlich quellend, gleitend auf einer wundervollen Bahn, der die Nachtigallen sich anschlossen, die aus dem abgeschüttelten Schlaf sich mit aller Inbrunst entfalteten in ihrer Elegie.

Fand im Garten, wo der Kies lehmig war, Spuren. Folgte mit dem Fräulein. Sie liefen durch den Busch zum Eisengitter. Sie zog an den goldgespitzten Lanzen. Drei gaben nach, machten ein Loch. Die Lanzetten waren angeschraubt. Nachts nun, wenn sie nicht schlief, ging auf der Straße der Schritt eines Passanten ruhelos auf und ab. Der Schritt gab Regen und Wolkenwind den Rhythmus, hallte, lief ohne Pause. Wo es schwarz war und undurchsichtig hinter dem Gebüsch, erschien ihr ein kreideweißes starrendes Gesicht manchmal, doch es war in ihr, sie sah es nicht nur draußen. Bei einer Pfütze blieb sie stehen, der Regenbogen darüber entführte sie, mit geröteten Wangen wickelte sich ihr auf ein Strom von Bildern, die zogen. Sie kehrte sich scheu ab. Holl warf das Mädchen an die Wand, stürzte herein, in jeder Hand Orchideen, verzweifelt, weil man ihn abwies. Sie öffnete die Fenster hinter ihm, das Szenenhafte nahm der Luft die Ruhe. Vaudreuil schrieb: Schlug Wechsel ihr vor, baute Pläne auf, was sie sehen, nehmen solle. Syg reiste nach Ägypten, kam an den Hafenstädten vorüber. Sie konnte mit. Es hob sich schmeichelnd vor ihr, die Schwester und der Bogen, der die Ferne einfügte in den Punkt, wo die Sehnsucht in ihr sich staute. Sie schluchzte eine Nacht. Dann war es vorbei. Sie ließ einen Hund in den Garten setzen, streichelte ihn und führte ihn am Gitter entlang. Die Spur ihrer Hände an ihm war noch nicht warm, da war er schon verschwunden. Sie empfing Lewinsky nach ihrer Krankheit erstmals, sprach nicht von dem Nächsten, der Arbeit, der Hoffnung mit ihm, sondern erzählte ihm, was all wünsche, sie zu entführen. Sein Augapfel ward grün, das Gesicht schwammig. Sie zeigte ihm die Gartenspuren. Er zuckte die Achseln: junge Leute schwärmten für sie. Er erzählte diese Geschichte, jene Geschichte. Erwärmte sich Sie sah ihm fest, forschend unter die Stirn. Dann schwamm es weiter, dies und alles. Sie warf sich der Arbeit hin.

Holte kleine Kinder, die an Konditoreien die Nase platt drückten, erfragte sie, erfüllte sie, nahm die Laute auf. Nahm von der Straße einen Bettler herauf, setzte ihn an ihren Speisetisch, wühlte in ihm. »Warum haben Sie Furcht?«, frug sie erstaunt. Erregt mit sich selbst redend, machte der sich pulde. Sie eilte ihm verständnislos nach, er war schon fern, sprang und lief.

Um zwölf Uhr schlief sie ein. Sie hatte Begeisterung auf der Zunge. Um Fünf erwachte sie. Alles war blöd und idiotisch. Schlaff sank sie zurück. Um Acht erhob sie sich, holte Frische und Lust aus dem Muster des Teppichs, dem Ton der Tapete. Im Schwanken erfuhr sie die Grenzen, erfuhr sie den Arbeitssinn. Stellte fest, wie weit sie vorkam, wie stark manches sie zurückwarf. Sie bemühte sich und erkannte, je näher sie kam einem Ziel, wie größere dahinter standen. Ihre Kindheit kam manchmal, rührte sie zu weichen Klängen. Manchmal fehlte sie, der Ton ging leer, verpuffte. Hatte sie etwas sicher, war es schon nicht mehr von Bedeutung, denn ein anderes hemmte. Sie lernte aus jedem Erfolg erst die rastlose Verantwortung, die Verpflichtung der Erfolge, das ungeheure kreisende Räderspiel der Kräfte, die sich bedingten und steigerten in einer nicht meßbaren Form. Sie sah, daß Ziel kein Punkt war und kein Ende, sondern nur Etappe, nur Weg, nur ein Stück der endlosen Bemühung, daß die Aufgabe wachse mit der Potenz der Kraft. Am Versagen spürte sie, was es bedeute genau wie beim Erreichen: heißer, heftiger zu streben. Aber manchmal, wenn nichts den Ausdruck ihr brachte, geschah das Wunderbare und Unerklärliche. Von dem Wind, von dem Grastau kam es. Von dem Teich stieg es auf die Veranda, vom Himmelabschnitt über der Ulme sank es blau und bebend. Da war es. Unverlangt und unerbeten. Es war da. Es umflockte sie hell, blau, klar und alles berührend, was sich danach in ihr streckte und sehnte. Das war das Äußerste und rauschte sie auf wie einen Baum.

Die Leistung atmete sich fort, ohne Gespräch, ohne Leitung. Das Geschaffene drang durch die Poren des Raums, durch die Straßen, die Stadt. Die Leistung erhielt die Ausbreitung, die Durchschlagkraft jeder Tat. Die Florath lud sie ein. Sie ging nicht. Lewinsky bat sie, sie kam. Bei Tisch warf Stefan Böhmer, der neben ihr saß, ein Billett zu. Nach drei Tagen erschoß er ihn. Das Lächeln, mit dem Böhmer das Papier geöffnet, begleitete sie einige Tage. Doch kam sie darüber, leicht, als sie sich bemühte, hinein in den Strom, der sie führte und weiterspielte. Erklomm solche Ausdehnung und Tiefe in ihm, daß Lewinsky den Schlußstrich zog. Er bereitete das erste Auftreten, legte Listen der Geladenen vor. Sie war glücklich den Tag, weich durch das Erreichte, spielte mit seinen Gästen, saß mit Holl bei Pharao, und, als sich vor Neid ihm die gebrannten Locken lösten, mit Fribaurt bei Quarante-et-un. Am Bassin traf sie auf Stefan. Er war versunken. Er hatte bis zum dreißigsten Jahr gekämpft, gelebt, zugeschlagen. Hatte die Kinnbacken angezogen, war damit über alles getreten, hatte alles sich, jede Laune, das Verbrecherische, Wüste zugebilligt. War wie ein Eber nach ihrem Leben gesprungen. Doch dieser Zug ging in die Luft. Er traf nichts. Stand erschüttert, verzaubert vor dem Widerstand. Sein Leben fiel von der Achse, formte sich darunter um, erhielt eine neue Einstellung. Es ging ums Ganze. Sein Auge drehte sich, besann sich. Hier war die Entscheidung. Er wollte sie erzwingen. Umlagerte sie von allen Seiten, spielte jede Note, die er beherrschte, zum Erfolg. Sie sah es nicht. Sie ging an ihm vorüber am Bassin. Er holte sie ein. »Ich war der Bettler.« Zerriß ihren Weg. Es war spielerisch, was sie unternahm. Sie gab nicht dem Elenden, half nicht dem Gestank. Sie durchforschte ihn nur und das war ihm widerlich. Sie trat zurück, wütend. Da sah sie an seiner Haltung: es war gut, was er wollte. Hinter ihm trat hervor, was er geleistet: er war das Gesicht in den Büschen, die Spur im Garten. An seinem Knie rieb sich der verschwundene Hund. Sie spürte die Kraft, die auf ihr Ziel eindrang, es formen wollte, abreißen, hinüberzwingen zu sich Es kam mit Beherrschung, gezähmt zu Güte fast, es machte sie aufsehn, bedenken, es rührte sie, sie reichte ihm zum Ausgleich etwas zurück, eine Lüge, einen Trotz: »Ich danke für Ihren Brief.« Langsam, leis. Es beeindruckte sie tief, wie er es nahm. Aber im gleichen Augenblick war nie der Widerstand stärker gegen das, was männlich sie hemmte, den Weg kreuzte. Sie hob sich, fast wild, übersprang es, schlug es zurück. Es blieb im Boskett, als sie darüber war. Kühle, Befreiung kam. Wie klar die Luft. Weich hingegeben, vom Erfolg und Sicherheit empfänglich und aufnehmend gemacht, sog sie Hyazinthen ein, die toll aufdufteten. Da sah sie zwischen Lampions einen Mann. Caspare Symes. Der Garten stürzte hell mit einer Flut Apfelbäume in die Nacht.

Aus ihrer Brust riß alles mit. Die Knie standen eng aneinander. Alles war Bewegung aus ihr hinaus. Nur sein dunkler Kopf kam. Sie nahm ihn auf, in die Hände, öffnete die hochmütigen Lippen. Sein Mund war schmal, weich. Sie gingen, es gab keine Leidenschaft, keinen Zorn. »Caspare«. Der Garten glättete sich in der Lichtwelle. Besinnungslos hing die Minute um sie, kam auf sie zu. Alles bot sich an, voll Glück. Die Büsche stiegen in dunkelrotem Ring bis zum Goldbogen auf. Die Äste flammten mit einem Netz von seidenen Strahlen an den Lauben. Die Schläfen lagen fest aneinander. Es kam die Obstflut. Da fielen Blüten ins Gras ohne Pause. Es war der Fall seines Bluts, das von der Ader seiner Schläfe herübersprang. Ihr Blut hörte auf und setzte in seinen Takt ein. In diesen Bogen spannte sich alles ein, das Ende sah sie nicht, aber sie spürte, daß es gegen den Rand ihres Lebens hinunter sich neigte. Aber von der anderen Seite kam zum erstenmal wieder die Jugend herauf. Unbefangen, ganz das Ohr erfüllt, kam von fern die Lawine des Ottava und die Flöße. Der Ontario schliff sich blau mit wiegenden Segeln. Dazwischen stand die Sekunde, in der sie atmete, als sei sie dem Vergangenen zugehörig. Da fielen die Rosaenden der Blüten sanft herab, die Erde wogte mit Wurzeln innen entgegen. Und die Bäume bewegten sich nach dem Tempo ihres Atems. So war durch das Blut, das zusammen floß, diese Zeit und die andere vereinigt. Das unbefangene Glück der Kindheit zog an diesem Glück, zog es hinüber, als sei es abgeklärt, schön geworden und still. Sie schloß die Augen, ein Arm faßte fest um ihre Brust.

Sie wimmerte, stieß den Fuß auf, beugte den Leib nach vorn, zog ihn zurück, drückte den Nacken ein paar mal zum Rücken. Dann riß sie sich los, öffnete die Lider, lief den Kiesweg hinauf, das Tor. Sie sprang in den Wagen, der zuerst stand. Ein lahmer Klepper. Sie weinte, brüllte in das Tuch des Kleids. Der Horizont war angefüllt von einem Donner: Caspare . . . es würde klingen bis in die letzte Süßigkeit alles, was noch kommen konnte. Sie hielt nicht an, fuhr weiter. Ihr Garten kam. Ihr Zimmer. Die Onyxschale mit den drei Kugeln, es stach stumm wie von Augen nach ihr. Der Park grollte den Wipfelwurf ihr zu: den Namen. Die Spiegel fauchten ihn ihr zu. Sie zuckte die Schenkel, legte die Stirn ans Glas. Verloren. Bis in die Todesstunde nicht einzuholen. Sie lächelte: es war nicht gewesen, war drüben vor sich gegangen, wo alles lag, was schön war, sie befreite, die Jugend. Bis in das Ende des Haares, bis in die Höhle der Achseln empfand sie: dies war das Höchste, ihr Glück. Träumte sie es zurück, lag tausendfach Geschichtetes dazwischen. Noch unerreichbar, Arbeit und Erlösung und Bemühung lagen vor die Möglichkeit allein geschichtet. Irgendwo wie ein Lichtkegel öffnete diese Sekunde die Ruhe, das Später, oder vielmehr das Zurück, den einzigen Glückszustand, als die Ströme das Kind umrauschten. Es war so weit, daß sie die Sekunde kaum noch mit dem Bewußtsein erreichte.

Sie stellte drei Stühle auf. Gab jedem einen Partner. Erhob sich daran, aber mußte sich bald unterbrechen, denn die Tränen kamen mit einer wilden Wucht, die sie umwarf. Sie lag nur und weinte. Erst nach Stunden, gegen Morgen, gewann sie die grausame Ruhe, die nötig war zu solchem Gespräch.

* * *

Das gab Öl in die Sätze, Mark in das Wort, die große Kraft in die Bewegung. Das machte einen Boden, aus dem das Spiel der letzten Tage reif und sehr süchtig schoß. Sie probte den Tag vorher, in einer saftigen Linie lag der Akt. Sie war gefüllt mit Zufriedenheit, ohne Triumph. Am Abend kamen ihr die Köpfe des Parketts wie ein Strudel entgegen. Sie ging vor ein Bild, vor einen Boudoirtisch, nahm die Puderquaste, ihr Körper rauschte sehnig und voll gedrängtem Saft. Als sie zu sprechen begann, verließ sie etwas.

Sie starrte in den Raum, faßte sich, sprach weiter. Sie ließ den Silberstift, das Spiel ging nun in Tragödie. Sie machte den Aufschwung. Aber unter dem, was geschah, hörte sie dumpf, daß ihr entflog, was sie suchte. Der dunkle Ton, der Erguß, das selige Gefühl des Hingegebenhabens in die Worte . . . es fehlte. Sie suchte. Fand es nicht. Die Stimme flog voll Schmerz, aber das Blut spielte nicht mit.

Sie wartete, verzweifelt. Sie zwang es. Ging auf und ab, ganz neu und unerwartet. Warf Worte ein, die der Text nicht hatte. Die Taille verjüngte sich zu einer Wildheit, die die schmächtige Szene anriß und dehnte. Die Souffleuse hustetete, verwirrt. Ihr Bein stand federnd, abgezeichnet im Kleid, ins bleiche Gesicht des Partners drang sie vor, zerstörte es. Brach mit Leidenschaft ein in das schwankende Schicksal, die die Gefühlshöhe erweiterte, ihren Ausbruch und die Dichtung abhob. Grenzenloser wurde unter ihr das Leere.