Part 6
Es schien ihr, es müsse geschehen etwas, irgendwie. Sie empfand jede Wolke. Jede Linie der Küste legte sich hart um ihr Herz. Die Pause ging. Nebel häufte sich dünn vor das Land, Die Barkasse drang weiter in Flut, entfernte sich, heulte, stieß vor. Nichts geschah. Da überwältigte sie der traurige Gedanke mit solcher Gewalt, daß sie den Messingknauf des Geländers zwischen die Hände preßte, die Stirn zusammenbog mit aller Durchdringung, in der Schmerzlichkeit der Flucht noch die übersinnliche Kraft des Glaubens: nun reiße die Küste ab, komme herüber, hielte sie. Da schwand das Land. Der Schrei blieb in der Kehle, erstarrte. Die Faust ballte sich ihr in Haß. Wandte sich zornig ab vom Boden, den sie liebte. Haßte jede neue Luftschicht, jede Fahne, Gaffel, Signale um sich. Trank Gift mit dem Atem, der ihr von der anderen Seite entgegenströmte. Wandte sich aber mit tieferer Ablehnung weg von dem, was hinter ihr lag. Vorbei. Das Letzte. Die Augen brannten hell, grau. In rotem Nebel begannen Maschinen zu stampfen, pufften den Boden auf unterm Fuß mit kleinen rhythmischen Schlägen. Sie wandte sich um. Die Achseln zuckten. Das Meer vor ihr aufgewölbt von Glut.
* * *
Zwei Tage Nebel vermiesten, das Pack johlte, die Feinen wurden nervös. Ein Matrose griff fehl, stürzte aufs Deck. Ein Gaul brach aus, sprang ins Schwimmbad, brach den Hals. Abends im Zwischendeck schlug sich ein Dutzend um eine braune Hure. Einer hatte einen Bruch, einer schlug hin auf den Bauch, heulte und schrie »maman«. Ein Weib lief mit halbem Ohr und sammelnd durch die Klassen. Rotteten sich zusammen, spießten einen Alten auf die Arme: »Vieux Ga . . ga.« Eine dunkle Kugel schob aus dem Wasser, über ihr ein singender Tag.
Am abgesperrten Zipfel des Promenadendecks lagen drei Malariakranke. Zwei unterhielten sich den Vormittag, mittags wurden sie gereizt. Trommelten mit den Daumen, rauchten. Abends machte der eine Vorwürfe, gereizt, heftig, der andere pfiff leis. Der dritte schwieg.
Sah durch ein Glasfenster auf den Korso, langweilte sich am Geschauten, spiegelte sich allein in dem Glas: zerrissenes Gesicht, geschmeidigen Körper, rote Haare. Ein Mischling kam, schöner als ein Weib, flüsterte, verbeugte sich, kam mit Whisky. Der Mann deutete heftig aufs Glas, der Diener öffnete den Riegel, folgte dem Zeigefinger, sah eine Frau, einen hünenhaften Mann, nickte, verschwand. Kam in einer Viertelstunde zurück. Das Paar passierte von Norden her. Lackaugen vom Mann her wanderten herüber, blieben. Die Frau gähnte. Zwei Tage ging der Korso, zogen fern langsam Dampfer vorüber. Das Fieber sank, Temperatur ließ nach. Der Rote erhob sich. Ging am Arm des Dieners hin und her auf der Promenade, anderen Tags allein am Stock. Fiel auf, elegant, zerrissen, glatt, Augen voll Geist. Verschenkte Blumen, grüßte, ließ einen Windhund springen. Trug keinen Hut, die Haare glühend über dem pockennarbigen Gesicht gescheitelt. Eine Quintrone neben ihm, Chinchilla über der Schulter, schmalen blauen Auges, auf hohen Beinen.
Warf plötzlich die Quintrone ab. Benutzte einen Moment: Ging vor, ans Geländer, fuhr mit dem Tuch an die Stirn, knickte ohnmächtig gegen das Eisen, der Riese stieß einen kleinen Laut aus. In seinem Arm machte er die Augen auf, streckte sich lässig. Der Riese zog eine grüne Riechflasche, hielt den Arm rund, weich, damenhaft, den Kopf schräg. Er atmete rasch. Der Mischling Moki kam zu seinem Herrn, stützte den Roten. Der deutete aufs Meer, das violett erzitterte, drehte sich um: »Le Beau.« Lächelte.
»Fribaurt«, sagte der Riese, sah nur den Diener. Le Beau lud den Riesen ein, zeigte ihm eine Sammlung Säbel. Ging mit ihm durch den Lesesaal, die Billardbälle. Gingen durch den Maschinensaal. Standen vor der schmiegsamen Wucht fressenden Metalls. Hörten die Pfiffe, schritten weiter. Ging mit ihm durch Regen übers Verdeck, sahen den Mond einschlucksen in grauen Brei, der innerlich geschwängert Blasen aufstieb, Ballone ins Meer setzte. Le Beau wickelte ihn ein, führte ihn im Kreis, in einer Spirale, streifte Moki, trieb ihn enger dem Willenspunkt zu, stieß ihn hinein.
Verlor Fribaurt, polierte er die Nägel. Gewann er in Bakkarat, Poker, Sieben, erschien Moki, servierte Zigaretten, Schnaps, Tee. Fribaurt juckte die Haut, der Blick schweifte rechts, schweifte links, hatte keine Konzentration, leckte über des Dieners Schenkel. Das Spiel blätterte auseinander, die beste Karte schlug gegen ihn zurück. Verlor. Spielte Paroli. Blähte die Nüstern, sog die Luft ein, die ihn verwirrte. Verlor. Rannte in Paroli. Verlor. Moki verschwand lautlos. Die Summe addiert. Fribaurt erbleichte. Schrieb einen Wechsel, legte ihn herüber. Le Beau rührte ihn nicht an. Polierte die Nägel, sah Fribaurt starr in die Pupille, führte ihn bis an den Rand der Spirale, in die er ihn schlug. Stellte ihn neben das Zentrum, stieß ihn endlich hinein. Sagte leis drei Sätze, abgehackt, deutlich, akzentuiert wie ein Ausländer. Fribaurt erblaßte ein wenig unter der Hypnose des Klangs. Erhob sich.
Nahm Daisy am Arm auf Deck wie eine Kusine. Die Namen fielen. Sie sah zwischen Pockennarben einen Blick, der elastisch in ihrem sich bog, ihn durchstieß, unter ihrem gestählten Zorn nicht brach. Von der harten, dunklen Stimme fielen Vokale mit glattem dunklem Wohllaut. Überrumpelt, gereizt sprang sie zum Englischen. Er folgte mit gleicher Gewandtheit, wie sein Körper, ihren führend, neben ihr ging, gebogen, nachgebend, hart, fordernd. Er stützte sich ein wenig auf den Stock. Ihr Schritt ward rascher, wogte auf und herab mit dem Schiffschaukeln. Er hielt. Über die Achsel sah sie zurück. Er beugte sich, hob ihr Tuch. »Holen Sie kalten Tee«. Es war heiß geworden. Er drehte um. Sie ging zur Kabine. Le Beau gab das Tablett dem Steward, warf sich in den Liegestuhl, wartete. In der Kühle kam sie herauf. Übersah ihn. Die Ablehnung traf ihn, verzog seinen Mund, lächelnd. Am Geländer spürte Daisy die Richtung eines Fächers, zog den Blick vom Rosafisch, der sprang, sah in die weiße Iris der Quintrone, während die Zähne hell sich öffneten. Sahen beide in das Aufzucken der Lichter, schlossen die Augen, sahen, wie das Schiff festlich, erhöht, auf eine Masse Lichter zufuhr, die höher wuchsen und stiegen und an ihnen vorbeiglitten. Die Dampfer tuteten, Lichtschnüre trennten sich, verblaßten. Fribaurt und Le Beau gingen vorbei. Die Kreolin neigte den Leib, sprach mit der ganzen Haut. Das Murmeln kam näher, spanische Missionsweiber psalmodierten, sahen in die Dämmerung, die fiel. Der Quibekaner flüsterte einer Frau zu, daß sie Regen beschwörten. Sie schrie auf. Er griff in der Dunkelheit fest in ihr volles Bein, damit die Bewegung ihn nicht verrate. Der Schrei deckte das Manöver. Am Schornstein applaudierten die Kanadier, sie gingen langsam hinüber.
Da sah sie: im Kreuzschein der großen Signallaternen bewegten sich Fribaurt und Le Beau wie Ratten, mit Brustschild und Maske, florettierend gegeneinander. Le Beau lag wundervoll in der Hüfte, bewegte sich in der Lendenwage nach oben gedreht mit fesselloser Kraft. Stieß vor, im Angriff, schien plötzlich müde. Übersah die Quintrone, die mit aller Haut atmend in seinen Blickkreis kam. Warf nur einen Blick seitwärts, der dirigierte Moki hinter seinen Rücken ins vollste Licht. Seine hitzig kalte, fast brausende Geschmeidigkeit verwirrte sich immer mehr in dem weichen unberechenbar eleganten Schlag, den Fribaurt in zu seiner Größe und Breite erstaunlichen fast mit dem Handgelenk gefächerten Etüden heraufwarf. Plötzlich machte Le Beau eine stumme eindringliche Geste. Mokis Körper schälte sich bronzeschmal aus der Dämmerung. Beau entblöste die Brust, fing Fribaurts unsicher schwankende Spitze in letzter Sekunde auf, pfiff von unten die Gegenlage, schleuderte aufspritzend das Florett des Gegners in die surrende Dunkelheit. Legte Brustschild, Maske ab, sagte Fribaurt kalt Schmeichelhaftes. Drehte Wasser an, wusch die Hände. Hob plötzlich den Kopf.
Sammelte das Gesicht zum erstenmal ganz, legte es in den Blick. Warf ihn mit einem wehenden Ruck herum, mitten in Daisys Gesicht. Entjungferte ihr Auge. Traf es mit einer Gewalt und Absicht in einer eindeutigen Sicherheit, daß sie wankte. Schmerz spürte, als durchstäche er sie. Ihr Blut aufflammen fühlte, zurückstürzen. In den Adern eine bäumende, auflösende Kraft. Sie gab den Blick nicht zurück, schloß über dem Vorgang die Lider herunter, ging mit dem Gefüllten rasch hinab, unsicher, überwältigt wie ein im Schlaf begattetes Tier, in der Haltung zart und süß, den Kopf mondhaft, nicht weinend, zur Seite gebogen.
* * *
Sie schnitt ihn. Er übersah es. Sie brüskierte ihn. Er sah es nicht. Sie reizte ihn, brachte ihn zu keiner Äußerung. Sie traf ihn auf Vorderdeck, drehte um. Am Lunchsaal strich sie ihn fast, sprach abgewendet zum Steward. Fuhr in seinen Satz, sprengte die Gruppe, in der er stand. Zeigte ihm ein Maß der Ablehnung, das sie derart steigerte, daß er ein Lächeln einmal abends darauf gab. Sie setzte die Kiefer fest aufeinander, behandelte ihn gleichgültig, suchte seine Nähe, die sie gemieden. Frug ihn nach der Zeit, lachend nach dem Barometer, scherzend, als glaube sie, es sei von der Jagd, nach den Narben seines Gesichts. Er nahm es gleichmütig, erinnerte in nichts an etwas, das traumhaft hinter ihrem Leben nun stand, sie trennte von allem. Sie aufhob und ungestüm machte nach einer Entfaltung. Ihr Drang nach Geben und Zurückströmen des Gefüllten war so groß, daß selbst die nichtssagende Bewegung ihres Ganges, die Haltung ihrer Zigarette eine Zugehörigkeit und Verbindung mit ihm annahm. Ihr nebensächlichstes Wort hatte eine Umkleidung, das ihn stach. Ihr Gespräch mit anderen nahm Richtung auf ihn. Er blieb gleich, unberührbar in seiner Glätte.
Sie wandte sich Fribaurt entgegen, holte den Klatsch herauf, trat ihn breit mit ihm, vermengte, versträhnte ihn, daß Le Beau schweigend hörte. Sie gähnte nicht mehr in des Riesen weibisches Gesicht. Holte neues heraus, Unerfindliches, Entferntes und breitete es hin. »Sie haben durch den Fächer bei der Quadrille einen Feind in meiner Familie. Mein Vater haßt Sie, daß er Sie fast liebt.« Sie lachte ein Lachen, das kein Lachen war. Das Schweigen neben ihr blieb. Sie lockte es nicht heraus. Sie übernahm sich im Grauen davor, schob Fribaurt in Dialoge, denen er kaum folgte, erreichte die Spitze des Erreichbaren: das Gespräch brach ab. Eine Pause fiel.
Da machte Le Beau eine Bewegung. Moki begann auf der anderen Seite herumzulungern, glitt auf eine Bank. Fribaurt stotterte, zog den Hut, verschwand Ihr Alleinsein machte sie wortlos, verlegen, fühlte sich verloren. Was sie in ihn überleiten, ihm zurückgeben wollte, den Zwang . . . es bog sich herum, ward Leere und Fassungsloses in ihr. Sie wartete, daß er ihre Hilflosigkeit erkenne, benutze. Allein er schmiegte sich nicht hinein, ließ den Augenblick verklingen. Es kam eine Ruhe über sie. Ihre Hände ballten sich ein wenig zusammen. Er änderte seine Stimme nicht. In der Nacht hörte sie sie im Schlaf, sie stieg mit ihr herauf ins Erwachen. Sie bog die Beine herauf, legte das Gesicht darauf in schmerzhafter Umarmung. Da schlug ihr die Stimme heiß ins Gesicht aus jedem Knie.
In ihre Augen, Schalen, legte er, was er wollte. Es war Schmiegsames, Zartes, das sich mischte mit Stahl. Auf ihr Gesicht schrieb er Vorgänge, ohne sie anzusehen. In sie hinein sprach er, ohne Widerstand. Nichts stieß ihm entgegen. Gewölbt stand ihm offen das Ganze. Er schmiegte sich hinein. Warf sein Leben hinaus ans Meer, es prallte zurück, umgab sie. Dämpfte das Gute, hob das Schwanken. Baute sich aus in ihr, langsam, gespannt, weich mit einer eindringlichen Unerbittlichkeit. Die Sonne ging in weißem Bogen. Lauschend bog sie sich über den Tisch. Langsam sammelte es sich bei ihm. Kam diesmal ohne Wucht, aber mit bis ans Schreien unterdrückter Süßigkeit. Er flüsterte zwei Worte. Sie gab den Blick langsam, schwer zurück. Nickte.
Sie stand nachts auf. Es schlug zwei. Die Tür der Kreolin schloß sich, bei Fribaurt glitt es heraus, dunkel und braun, verschwand. Sie ging die Treppe hinauf, sagte die Nummer der Kabine mit weißen Lippen vor sich hin, suchte mit den Augen, den Händen in der Dämmerung des Korridors. Ihr Arm blieb stehen. Ihr Bein, magisch gezogen, ging unter ihr weiter. Ihre Haut glühte mit einem Ruck. Da hörte sie neben sich in der Nische ein Geräusch. Sie bückte sich, durch die Luke kam Nickellicht vom Wasser. Hinter Gittern kamen die roten Augen kleiner Hasen an sie heran. Ihr Finger berührte die bewegte Schnauze. »Go . . .« Die Tiere hoben sich, neigten sich herauf. Begannen sich zu bewegen im Ruf, der sie traf. Ihre Stimme aber kam auf sie zu, umfaßte sie selbst wie von anderen gesprochen, breitete sich in ihr aus und verließ sie wieder in Seligkeit und Erfüllung. Was vorging, was sich sammelte aus ihr heraus im Ton, der sie umschwamm, brachte Ruhe in sie. Trieb sie in eine Klarheit. Stellte irgendwo etwas auf, dem plötzlich alles in ihr wie an Fahnen hingeweht sich zubewegte. Ihr Blut spannte sich dem entgegen. Es ging über alles hinaus. Trieb darauf zu mit der Kraft und der Inbrunst des Ziels. Sie lächelte. Kehrte zurück, fiel in Schlaf wie Traum.
Abgelenkt, vorbeigeführt innen an ihm, gab sie ihm die Hand. Keine Miene zeigt, daß ihn etwas enttäuschte, Unter den Sätzen warb seine Stimme um sie, um jeden, er blieb gleich. Sein katzenhaft gestraffter großer Körper blieb neben ihr. Hörner heulten aus dem gegen die Wellen trommelnden Abend. Blinkfeuer stachen kreuzend ins Licht. Aus Landduft quollen roh, verquatscht, Hupen. Die Räder gingen langsam, fielen zurück, die Mole hing voll Menschen gedrängt, wimmelnd, sich verlierend auf der tiefen Fläche. Unter den rücklaufenden Wogen schellten die Bojen los. Das Schiff stand. Da sprang plötzlich ihr Herz.
Die Barkasse legte an. Zwischen gestapelten Koffern irrten Passagiere, auseinandergespritzt. Hände durchglitten ihre. Das Fräulein stieg auf der Treppe hinunter zum Wasser. Sie sah scharf nach dem Ufer. Es kam auf sie zu.
Sie gab Le Beau die Hand. »Wohin?« Sie wußte es. Er sagte: Paris. Lächelte plötzlich: »Wohin fährt ein Franzose . . .« Sie lachte über die Schulter dem Reeling zu. Sie sah zurück: Versäumtes, Verfehltes lag auf seinem Gesicht plötzlich gesammelt, Schmerzhaftes zog es tief in ihn hinein. Es blieb. Verließ sie nicht. »Leben Sie wohl.« Wind bewegte sein rotes Haar. Den Hut unterm Arm. Von unten sah sie ihn am Geländer verschwimmen. Zwischen den weißen Hosen der Kapelle brach der flackernde Untergang auf. Die Musik spielte über der Sonne. Die Barkasse legte sich fest an Land.
Der zweite Abschnitt
Da war Berlin, sie erkrankte an Grippe, ihre Umgebung fürchtete den schlechten Ausgang. Sie genas. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt ausgeschleudert, durchschwebte sie die neuen Schichtungen. Das Fräulein führte die Liste der Stunden. Die Tabellen verengten sich, gingen bis in die Nacht. Man holte sie. Sie schob sich selbst in das Drängen. Bald stand ein Defilé vor dem Haus. Mit Holl ging sie in Lewinskys Generalproben. Vom Bazartee kam sie mit Rosen, die Zofe brachte das Abendkleid ins Bad. Das Fräulein reichte die Tabelle. Sie runzelte die Braue etwas hinauf. Verreiste. Böhmer, Below traf sie bei der Holmberg, überging sie. Erlebte den Skandal, als Männer auf der Nizzapromenade sich um deren weißbemaltes Fleisch schlugen. Drei davon starben. Andere hätten sich gewälzt vor Wonne. Fuhr weiter. Drang von Schicht zu Zelle, lächelte. Es gab keine Grenze, Geld, Wille machten vor ihr alles frei, sie folgte traumhaft. Bei Utö kam von der Regatta Symes herauf, schlenkerte im Sweater auf sie zu. Sie sah zuerst vorbei, traf plötzlich seine Gestalt, spürte in den Knien, im Auge den Schlag, erblaßte. Lief am Strand auf und ab abends, allein. Reiste zurück nach Nizza die Nacht.
Bezauberte drei Tage von neuem die Holmberg, deren Hand schmeichelnd kam, fuhr mit ihr den Korso, dessen Blumenwoge symphonisch in den Himmelrand schlug. Ihr Blick hing fest irgendwo über ihr, zog etwas daraus fest in sich Die Gräfin fragte. Sie ward scheu, umschwebte mit dem Blick ihren Kopf, wich der Hand aus, verschwand. Sah in dem Parkfest eines dekadenten Mitteldeutschen Fürsten die Megrée auf gemeißelten Beinen kommen, auf einem Wallach, zwei Messer im Mund, abspringen, den Norweger Stefan umarmen, nicht tanzen, lachend abreiten. Der mit den eisernen Backenmuskeln wandte sich ruhig um, sah, überstürzte den Blick nach Daisy. Seit dem Tag war Stefan hinter ihr her, reiste Station auf Station nach, vermochte nicht zu bitten, versuchte einen Einbruch, setzte sich selbst herab, mußte sie unter Menschen ihn hören. Seine athletische Brust zuckte zurück vor ihrem grau geworfenen Auge. Sie sah ihn kaum. Sie gab sich hin, ließ sich aufnehmen wie willenlos, von diesem bald, von jenem Hauch. Kam es vom Meer, war es gut. Kam es vom Land war es gut. Ihr Gesicht selbst war verschleiert. Es war unsichtbar, was sich vollzog. Nur war das Obere deutlich nicht das Letzte. Etwas saß darunter, fest zusammengedrängt. Nur, je mehr sie sich dem Umstrahlenden anschloß, genoß, sog und hintertrieb, bedenkenlos die Stationen nahm, die sie umwölkten, war etwas in ihrer Hingebung, das sie dem so heftig Genahten tief entzog.
Es schwankte herauf und herab in dem Treiben, bald obere, bald untere Welt, Fahnen und Wagen, auch Meer. Sah Heringsdorf, Menschen bogen sich, verkrampften den Blick, sahen in die Sonne, neigten die Hälse, flüsterten, trieben Neugier aufs Gesicht. Durch solch gewölbte Gasse kamen Heroen: Lyonel, Böhmer, Brandt, Below. Umzischelt, vertuscht, aufgerissen. Vorbei. Sie lenkte den Blick kühl darüber, er trieb nicht ab, blieb nicht haften, kein Drang schlug dort hinaus. Sicher fast, in die Höhe gehoben, blieb er dort. Haftete. Sie spielte einen Preis im Single heraus. Das Lächeln, das sie zerstreut dem Preisrichter gab, lief durch Revuen, machte ihr Gesicht bekannt. Darauf, in Zopott, trat im Doppel Stefan gegen sie. Machte ihr Fehler hin, sie nutzte nicht aus. Schlug erstaunliche Drifs, sie bewunderte nicht. Schlug einen Ball gegen ihren Schenkel, mit einem Wehlaut sank sie zusammen. Seine Entschuldigung lenkte den Blick an ihm vorbei. Gewalt gegenüber war sie eisig verschlossen. In München schwärmte sie unter herber südlicher Sonne einen Festabend. Unter der Dielentür sah sie Caspare Symes, er sah sie nicht. Da schwankte ihr Gesicht, an den Molen des Innern brach sich es, schäumte herum. Sie stieg hinauf. Nahm den Spiegel. Ungewisses, Zögerndes stand vor ihr, schlug dort hinaus, woher sie kam. Sie bog ihr Gesicht auf, lernte eine Bewegung, die es zurückschlug, was tastend offen stand, hinein fuhr in die Tiefe. Das Harte, Gespannte, sammelte sich dichter unter dem Schleier, ward reifer, fiel fast als Frucht schon heraus.
Sie saß im Zirkus, wo Sägemehl und Pferdeschaum schwirrte. Mit Steinen um den verhaltenen Mund neben dem französischen Botschafter. Fuhr im Auto durch Eifel und Rhön, über Matten, zu den stählern gereckten Chausseebändern des Bennetrennen. Kinder, Frauen, hinter ihr her, hinter nie Gesehnem. Offiziere ritten neben ihr im Herbst. Im Lunapark verlor sie einen Ring, lachte. »Masseldoff«, flüsterte Holl. Sie sah zurück. Die Zeit staffelte sich darunter. Es ward klar. Was war das all? Nichts. Die Männer, es beschäftigte sie nicht. Hochmut sprang um den Mund, als sie aufsah. Was blieb, kannte sie.
Noch blieb sie in der Schwebe, blieb sich gleich, hingegeben noch wie stets dem, was bereits vorbei war. Unbestimmbar so auf Straße, Wagen, Park. Verdichtet aber im Innern. Sie hörte Stimmen, vernahm Dinge, hörte Stefan, Holls Regie. Wohlig streckte sie sich darin, es ging sie nichts mehr an. In Christiansand an einer weißen Mauer entschloß sie sich plötzlich, bestimmte die Rückkehr. An der Reede, von einem Schiff steigend, das kam, traf sie Symes. Er grüßte. Ihr Gesicht blieb kalt, wie sie es sich gelehrt. Aber Ohnmacht überfiel sie, so straff hielt sie unnatürlich die Maske. Es schlug sie den Fahrtmittag nieder, erweichte ihr Gesicht, das mit den heißen Wellen ging und kam. Gegen Abend warf sie den Aufruhr in sich nieder. Erreichte den Punkt wieder, wo ihr Blut hinhielt. Hielt die Richtung ein, verschärfte sie sogar aus Trotz über die Abschwenkung. Warf alles zurück auf das Zentrum. Der Schleier fiel ab. Das Gesicht fiel reifer heraus, suchend, ruhig, bestimmt.
In der Nacht kam sie an. Im Bett früh telephonierte sie nach Lewinsky. Er war nicht im Theater, nicht in der Wohnung. Sie hörte vom Diener, wo. Fuhr zu Guildendaal aufs Morgenfest im Park. Suchte die Wiese ab. Sah Perlhuhnhunde, des Einladers breite Glatze über Favorits, sah eine Polonaise am Teich. Darin am Ende Lewinsky. Da setzte sie sich beruhigt. Doch unterbrach ein Skandal. Es kam ein Anruf: die Megrée hatte sich erschossen. Man rottete sich zusammen. Holl eiferte gegen Stefan, hetzte fanatisch, jetzt noch in ihre tierhafte Anmut verliebt. Kam Stefan vorbei, schwiegen sie. Man hatte den Mut nicht, es ihm zu sagen. Fribaurt kniete neben ihr, erzählte den Fall das drittemal. Sie sah in den blauen Himmelausschnitt zwischen den Rotbuchen: wie feig sie waren. Sie sah deutlicher nach Stefan. Eine Stunde blieb sie, überflog die Versammelten, hielt Zusammenhang immer mit einem Kopf. Plötzlich ging Lewinsky, sie sah den Hut in seiner Hand. Da stand sie mit einemmal leicht auf. Sie legte, schon halb herumgewandt, die Hand mit unnachahmlicher Lässigkeit auf Stefans Schulter: »Die Megrée ist tot.« Ihr Gesicht war anders wie das, was sie sagte. Fern nach anderen Dingen gewandt, erhielt die helle Schärfe eines Vogels. Am Wagen blieb ihr Kleid etwas gerefft hängen. Man sah ihr Knie. Sie fuhr die Allee hinaus.
Sie fuhr ein paarmal, um Zeit zu gewinnen, um das Viereck, nachdem Lewinsky vor ihr ausgestiegen. Ließ halten vor ihrer Villa, ging unter Flieder auf das gelb leuchtende Haus. Im Boudoir zog sie sich um, saß noch einige Minuten am Fenster. Über dem Kiesweg pflückte sie einen Zweig, schwang ihn hin und her. Der Gaul wieherte, als sie wieder losfuhr. Sie ließ sich nicht anmelden und wurde daraufhin abgelehnt. Da gab sie die Karte ab, die Türen gingen auf, im Arbeitszimmer stand Lewinsky, an ihr vorbei, ihn verlassend, ging Stefan. Sie stand an der Portiere und brachte Lewinsky aus der Fassung. Sie hatte ihn den Morgen getroffen, sich nicht annonciert, war plötzlich da. Sein Blick strich die Wände hinauf, da hingen große Männer seiner Zeit. Seine Haare waren in der Stirn geschnitten, er stieß mit der Zunge an, schlug die Arme über die herausfordernde Brust, um sicher zu scheinen. Er fragte, was sie will. Sie antwortet nicht, macht nur eine Bewegung, die sie ihm ganz öffnet. Erhebt ihre Stimme. Kein Mensch hat sie gehört. Sie fühlt sie schweben. Sie spricht eine halbe Stunde vor dem Gesicht, das an Höflichkeit aufrafft, was es kann. Sie fühlt die Vokale steigen, glänzen, singen. Es entspannt sich in ihr, vieles geht hinaus. Das Beste bleibt, ist gehemmt. Als sie eine halbe Stunde gesprochen hat, hebt sie das Auge auf zu ihm, erschrickt. »Es genügt nicht?« Er spaltet den Mund nach den Seiten, schaut herauf ihre Figur, herab. Kämpft einen Augenblick mit den Kinnmuskeln. Dann schüttelt er den Kopf.
* * *