Part 5
Alf wagte nicht zu schießen. Ritten stumm nach Haus. Ostwind hatte sich an den Pappeln hochgewirbelt, war über den Wald aufgebrochen, losgesaust, wellig, weiß, fließend ohne Pause stürzte er herunter. Sie fuhren ihm in Jollen schnäbelnd mit der Pinne entgegen, flogen wie Weberschiffe herauf, herab. Er faßte herüber nach ihrer Hand, da ließ sie den Fock los, der Großbaum knallte ihm über den Kopf, er wandte, warf sich herum. Faßte wieder ihre Hand, ihren Namen, ihren Namen vernahm sie, spürte sie, es wickelte sie ein, das Segel flatterte um sie wie Vögel. Sie hielt sich fest. Sie hörte immer ihren Namen flüstern, bis das Segel gegen den Wind stillstand, er am Anlegeplatz stand, ihr die Hand hinhielt. Sie nahm sie nicht. Sah durch seine ametystblauen Augen. Er hatte Syg übersehen, als sie farbig war. Der Tochter Vaudreuils nun, adoptierter, geschätzter, machte er Reverenz, Verbeugung. Er war feig. Sie wandte sich um, drängte dem entgegen, was seine Augen an ihre band, ihre zu seinen hintrieb. Fühlte seine Hand rückwärts an der Schulter, seinen Atem, die Lippen. Die Augen standen im Dreieck. Ein grauer Schein stieß ihn zurück, verlegen, stotternd, rot. Armselig und zornig stampfte er auf. Sie ging schon hochmütig, entfernt. Langsam wich der Raum zwischen ihm, zwischen ihr. Die Ecke bog am Bootshaus. Sie eilte, sprang hinter den Büschen, eilte auf der Treppe. Sagte das Essen ab, krümmte die Schultern verzogen zusammen, wimmerte im Sofa. Gab es eine Pause, kam das Bild zurück. Sie verzog das Kinn, den Mund wie unter sauren Kirschen, Galläpfeln, die Haut schüttelte sich. Zog die Bluse herunter, das Mieder ab, streifte das Hemd über den Rock, wusch Wasser über die Brust und den Nacken. Zog sich aus. Sah zum Fenster hinaus, legte die Hände mit den Flächen fest ins Gesicht. Sah den bronzenen, gebogenen Körper aus dem Spiegel entgegenkommen. Da nahm sie die Kette ab mit den Kugeln, raffte sie zusammen, schob sie in die Schublade. Schloß ab.
* * *
Vom Hügel trieb der Fluß weit und schräg hinunter. Die weiße Fahne Torontos leckte darauf, Segel schossen in die Tiefe hinab. Der Mond schlug noch über die Felder. Die weißen Räder standen still im Himmel. Nach zwei Stunden ließ sie Alf halten, ritt in ein Waldstück, kniete, wusch die Brust, den Nacken in einem Quell. Sie horchte. Er flüsterte weiter, silberte, verschwand im Laub. Blumenprärien kamen, ein Orchideenpark. Der Horizont war manchmal gelb, fast seifig, eine Sonne wuchs daran sich hoch, sanften Rots, später nahm der Wind ihren Glanz an, stimmte sich wie ein weichkupfernes Abendinstrument, Oboe und Flöte. Mittags wurde er kalt. An dem Bahnhof verluden sie die Tiere. Zwei Tage darauf kamen sie an die erste Lager-Station. Ein Pavillon war reserviert, es gab viel Jagd. Alf packte aus, Teppiche, Säcke, Gepäck. Am Morgen mußte er einpacken, sie ritten den Tag, kamen in ein Dorf, übernachteten, kamen an die zweite Station. Alf ging ein paarmal im Viereck um den Raum herum, schwang die Arme, sah unter sich. Sie ließ nicht auspacken. Als er lange genug gewartet, ging er hinaus, stieg in seinen Schlafsack, mummelte sich, fluchte, kämmte am Morgen den Bart nicht. Vor dem Stall knöpfte er sich verdammend seine langen Gamaschen. Ritt den Morgen hinter ihr her, blieb immer hinten, kam nie an die Seite ihres Gauls. Sie hob die Hand, äugte nach einem Reh. Fluchs hielt er seinen an, starrte ebenso. Sie hörte ihn in den Bart reden. Sie rief ihn heran. Kurz blieb er auf gleicher Höhe, dann sockelte er zurück, fiel ab, blieb hinten. Mittags trafen sie einen Jäger. Er gab ihnen Brot, zeichnete mit dem Daumen, da ihm der Zeigefinger fehlte, einen Halbkreis in die Luft. Sie näherten sich den Ringen.
Angezogen in ausgebuchteten riesenschweren Halbkreisen spannten sich die Faktoreien, gleich Wellen anschäumend, gegen das innere Gebiet. Sie lagen voreinander, Herden gleich, sprangen vor, bestürmten sich, wurden wilder, angerissener, warfen mit dem letzten Halbring sich vor die starre Endlosigkeit, nieteten sich gegen Eis, Horizont, blaue Klippen. Sie kamen gegen den ersten. Sie mußten langsamer reiten, Alf kam nicht nach. Sein Schimmel ging, als lahme er. Sie hörte, er glitt aus Fluchen ins Gejammer: au . . you . . . wai! Spuckte und flennte. Sie ritt zurück, stellte ihn gegen ihr Gesicht. »Ich werde entlassen.«
»Troll dich.«
Sie ritt weiter. Alf geknickt hinter ihr. Er durfte nur bis zur zweiten Faktorei, nicht zu den Bögen. Die Junge vor ihm ritt, als sei er nicht da. Es machte ihm Kummer, er zog den Nacken ein, wurde flau im Magen. Folgte. Der erste Schuppen kam der dritten Linie, der zweite kam. Am vierten traten sie von rückwärts ein. Alf schlich ins Nebenzimmer, sie nach. Ein Angestellter hängte den Hörer des Telephons rasch ein, begann vor sich hinzusingen. Ein bärtiger Riese trat ein, begann zu lachen, aufs Bein zu schlagen, hatte lang keine Frau gesehen. Ein anderer flüsterte ihm Namen ins Ohr. Es war deutlich: Sein Erstaunen war frisiert.
Sofort bot er Jagdplätze aus, erstand sich ihre Beachtung durch Hartnäckigkeit, trat sein Zimmer ab. Es war schon geheizt. Sie sah sich mit Alf an. Offenkundig Komödie. Sie waren erwartet, ohne gemeldet zu sein. Sie blieb drei Tage, fing eine große Forelle, mit der sie eine Stunde kämpfte. Sah sich nicht sonderlich um. Sie ritten weiter. Wurden an der fünften Station schon erwartet. An der sechsten stellte man sich unwissend, ungläubig, die Falte des Vorstehers bebte, gefiel ihr nicht. Am Morgen machten sie einen Haken, kehrten zur fünften zurück. Sie war fast leer nun. »Was sind das für Pelze?« frug sie. Schwarze Arbeiter deuteten: für die Bay. Sie zog die Brauen hoch. Kein Wort. Alf bekam dunkelrote Schläfen und brummte vor sich hin vor Zorn. So liefen sie das Seil der Schuppen weiter, bis sie gegen die obere aufgespitzte Sichel kamen. Im Sand sahen sie immer eine Spur vor sich.
Sie schnitten ab, liefen nicht bis oben hin, sondern zogen eine Sehne in die Serpentine, kamen auf den neu geschwungenen Bogen, trafen Mittags die Spur wieder, frischer Abwurf zeigte: sie waren nah. Bald sahen sie einen Mann auf einem Esel, der zu entkommen suchte. Sie holten ihn ein.
Eine halbe Stunde ging es hin und her. Der junge Mann errötete tief, wilde Augen brachen sich um, staunten. Von selbst nahm er ein Papier, gab es ihnen. Sah noch einmal um, sie wiederholte ihm Wort für Wort, er prägte sich es ein, ritt auf seiner Spur zurück, murmelnd, daß er es nicht vergäße, jedes Wort im Mund haltend, wendend, beleckend, als sei es wertvoll, Gold, ein Stein.
Abends kamen sie zu Colonel Bol. Er hatte, ein alter Offizier, zwei Serpentinen unter sich, rollte die R, strich den parfümierten weißen Spitzbart, küßte ihr die Hand. Sie hatte ein Zimmer, verblüffend. Morgens früh strich sie mit Alf ins Gebüsch, es pfiff, durch die Lücke trat der Bursche mit dem Esel. Sie nickte. Er nickte wieder. Empfing ein Billet. Ritt nach Süden, zurück, immer rascher.
Bol genoß. Seine Spirituosen waren etikettiert, er ließ die Wahl. Fuhr sie am Weiher, stand er am Ufer, klatschte Applaus. Einen weißen Hirsch gab er zum Abschuß ihr, den er von Woche zu Woche als Dessert sich aufhob. Lieh ihr seine Gummiwanne. Das Blockhaus roch nach Seife, Talkpuder, Wassern der Walstreet. Unter Glas wuchsen Blumen, die Wasserpfeife stand im Brennpunkt des Kreises Seidenkissen. In seinen Pelzschuhen, praktischer und wärmer, kaum größer als ihre, hielt sie auf dem Anstand. Auf den Teppichen tanzte Adimokuh, mit Säbelbeinen und Hängebauch, ein Negerzwerg. Er schleifte das Traurigste der Welt auf seinen Knien. Tränen besternten vor Lachen die Gesichter der Zuschauer. Bol lächelte. In seinem schmalen Kopf saßen Augen des Elefanten. Spielte Whist abends mit Daisy, brachte sie bis an ihr Vorzimmer, ging hinaus. Im Vorzimmer schlief Alf.
Donnerstags galoppierten sechs Gäule am umgerodeten Lagerplatz. Fidley, der junge, zog den Hut. Die Jäger des Lorenz schossen vor Freude Flinten ab. Der Bursche, der südlich geritten, drängte sich heraus, war brauner, stärker geworden. Ritten zur Station. Aßen Lunch, eine Stunde, zwei. Tranken die etikettierten Liköre, Wein und wieder etikettierte. Aßen Geflügel, Braten, Gepökeltes, Rauchfisch, Muscheln, Schinken. Tranken Kaffee. Danach stand Fidley auf, hob das Glas, trank es. Sah Colonel Bol an: »Du bist entlassen.«
Kreidehell, mit zitternden Armen warf der sich im Stuhl zurück. Fidley legte ein Papier auf den Tisch, hob die Faust: »Lump. Hund.« Langsam, vornehm richtete Bol sich hoch. Frug hochfahrend, mokanter Lippe, zur Seite geneigt, was den Irrtum ausmache. Fidley schlug auf den Tisch. »Die dritte Sektion betrügt. Die achte hat siebzig Prozent. Tosson liefert zur Bay.« In der Tür stand der junge Mann, der die Südlichen geholt.
Bol sah ihn nicht.
Wandte sich herum im Kreis, zu Daisy. Sie sagte: »Bei Versva verfaulen zehn Ballen. Im ersten Bogen fehlt ein Schuppen. Die Staffel Bol ist halb, wird ganz bezahlt.«
Da sah Bol den jungen Mann.
Stand auf, gefaßt, die Haltung gereckt, schön im Spitzbart, küßte Daisy die Hand, ging hinaus, schoß sich zweimal durch den Bauch.
Vaudreuils Brief, aus Fidleys Tasche, hatte Gemischtes, Anerkennung, Staunen, Lob, das verwischt und gedämpft kam, zuletzt Befehl: zurück. Sie wog den Brief. Ritt allein los, ihn in der Hand. Alf folgte. Sie putschte ihn zurück wie einen Hund. Er widerstand nicht. Wollte nicht bremsen. Nur bei ihr sein. Weiter hatte er keinen Wunsch, tiefer ging das Hirn nicht. Zum erstenmal gab sie ihm die Hand. Aufheulend nahm er sie. Sie kam an den Rand des Hochplateaus.
Unter ihr brach es ab, zackte, wirbelte ein Stück hinunter, ward dann eingeschlungen in das endlose Getöse, das in den Norden sich einfraß. Sterne tummelten darüber auf wie Sand, der hochgeblasen kreist. Serpentinen jagten zuerst noch in Schlingen voran, blieben dann hängen, schwach, dünn, nichts. Aus dem grauen blitzenden Gewell kam etwas gegen sie, dem sich etwas in ihr entgegenspannte in einer entscheidenden Bestimmtheit. Etwas trat aus ihr, machte sie leicht, entstammt, entgegenschwingend. Sie hielt den juckernden Gaul mit den Schenkeln. In ihrer Hand der Brief band sie. Wog schwerer, hemmte das Überfließende. Staute es zurück, hart und schmerzlich. Zog sie zurück. Das Herz, der Mann, der sie gezeugt, Geruch des Stroms, der Gartenerde band sich an sie, riß sie zurück. Der junge Fidley übernahm den ganzen Bezirk. Ihre Abreise feierten die Boys, salbten sich mit Bols Parfüms, drehten die Haare, die Bärte, pomadisiert, in die Höhe. Der junge Bursche trat herein, protestierte bös. Hatte Bol gehaßt, gehetzt, erledigt. Verbot ihn zu schänden, wo er futsch war, im Weiher eingescharrt. Fidley gab Daisy Bols Pferd, das so feste Hufe hatte, daß mans nicht beschlug.
Als nach halber Tagestour die Eskorde zurückgeritten, glitt ihr Gaul aus an einem Bach, sie fiel herunter, verstauchte sich die Sehne. Alf wollte auf seinem sie reiten lassen, der Schmerz machte sie ohnmächtig. Er ritt zurück. Aber obwohl sie in Decken gut und weich gewickelt lag, kam die Nacht Fieber über sie, durch die Zunge sausten Stiche immerfort. Eingeborenenweiber, von Fidley geholt, zogen sie aus, warteten sie, pflegten. Wuschen, suchten Pretiosen im Achselhaar, fanden ein Zeichen am Arm, Fisch und Pfeil darin, quatschten die Nacht darüber, speichelten, summten, suckelten darum hin und her. Sie gaben ihr Milch mit Wurzelzeug, hineingekocht. Die Nacht gab ihr warmen Schweiß. In wochenlanger Pflege malten sie ihr mit dünner Nadel eine Sonne um den Nabel mit Strahlen und Mondzeichen des Tages, an dem sie sie fanden. Kuriere kamen dreimal die Woche die Kette der Faktoreien herauf, holten Nachricht, ritten zum Lorenz wieder runter. Später lag sie in der Sonne vor dem Haus.
Dabei spielte sie mit Getier, Hunden, Vögeln. Einmal umschlich ein Fuchs das Küchenfenster, wo Hühner hingen. Sie lächelte, gluckste, entsetzt sprang er zurück. Da rief sie, heller bestimmender, er hielt. Sie lockte, er kam. Nicht ganz, aber er stand im Kreise ihrer Stimme, die wie ein Lazo ihn umschlug. Sie erbleichte, rückte zurück, lauschte dem Ton ihrer Stimme, der nachklang. Versuchte sie wieder, versuchte sie neu. Als ströme aus ihr hinaus, Gesichertes, Bezähmtes in ein Gefäß der Worte, das sie berauschte und erregte bis in das Dunkel ihrer innersten Grenzen. Es sang und schwang das Belastende herauf, machte es leicht, wirbelnd, später sanft und gelöst. Sie entspannte sich in dem Rausch, hatte eine Macht und eine Befreiung. Wundersame Ruhe machte ihre Tage lang, klar, gut.
Sie spielte mit den Weibern, Kindern durch die Stimme. Lernte das Organ anzupassen, zu biegen in jede Leidenschaft, alle Bewegung. Spürte ihr Herz klopfen, dann den stillen Mollton des Bluts. Lernte von den Weibern den Dialekt. Als sie zum erstenmal ausging, trieben die Kleinen hinter ihr her. Sie scheuchte sie, zog sie zu sich »Go« war: springen. »Fu«: erfroren fast halten. Mit Vögeln gab es andere Signale. Ein Hase hielt bezaubert von dünnem glasklarem Wimmern. Ein wenig blieb sie nachdenklich, ward traurig bei ihm, denn ihr kam in den Sinn Well. Sie kam schon bis zum Koniferenbaum. Dann bis zum Plateau. Das nördliche Flimmern tobte irgendwo unter ihr. Sie ging davon, ungerührt. Ging allein, verschmähte die Flinte, hatte Unlust zur Jagd. Allein im Gehen, Liegen, erfand sie Ton und Laut, der wie ihr Blut spritzte, säuselte und bebte. Gab sich hinein in Klang und Fülle der Vokale, als sei es ihr Anfang, ihr Teil, sich darin zu verbinden. So kam auch die Gegend ihr näher, wenn sie sie ansprach, du Strauch sagte, Silberlilie, lieber Dorn, mein Freund. Das wandte sich ihr zu dann, ward mit ihr gefüllt, lehnte sich hinüber zu ihr, empfing ihren Atem.
Es kamen Schwäne und Musketen, hinter ihnen mit einem Wagen von der Bay her Syg. Sie brach in das Verweilen ein, die Windstille des Daseins brachte Unruhe, Ahnung irgendwie von Glück. Trieb Altes, den Lorenzfall herüber in das Spiegeln des Weihers, blieb aber entfernter als sonst. Wagte nicht das zu sagen, nicht jenes, denn sie befremdete Ungekanntes an Daisy, das Nicht-Miterlebte, der Schauer der Krankheit und der ihr entquollenen großen Säfte und Ideen. Das lag ein wenig dazwischen.
Fidley schloß den Wagen. Weiber heulten. Die kleinen Affen liefen eine Zeit noch neben dem Schlag. Dann fiel es zurück. Ein Stück Land schob sich vor sie, glitt auch zurück. Ein Staffel Matrosen erreichte sie. Dann faßte sie fest in die Mähne des Gauls, schrie fast und erbleichte nach innen in einem Schreck, des sie nicht bewußt ward.
Unten, unter Dampf lag ein Schiff.
Dahinter das Meer.
Der Bogen der Sehnsucht schoß ab, die Sehne brauste. Es trat aus ihr hinaus, kein Brief, der es hemmte, kein Gedanke, nichts. Irgendwo in der vor Blau zitternden Unbegrenztheit des Horizontes traf sich das Innerste ihres Blutes mit etwas, dem sie sich hineingab, in das sie verströmte, die Lider naß. Alles andere war Spiel, vergessen, lieb, aber ohne Gewicht. Als das Dunkle in ihr hinrann in das Ausschweifendste und Hellste, an dessen äußerstem Rand dünn die Erscheinung hing der Städte, Inseln, irgendeines ungeheuren Daseins, schlug die Schiffuhr. Es war fünf Uhr am Abend. Die Sonne hatte größte Kraft. Sie ritt bis an den Strand. Dort stieg sie ab.
Das andere ging fast traumhaft. Zu sehr war sie eingehüllt schon in ein fernres Geschehen, vor dem der jetzige Augenblick nur als Pause stand. Sie kamen in den Lorenz. Ein Auto wartete. Well sprang hoch. Der Steg. Palmen hingen herunter. Kanonen lösten sich. Mövenschwärme in Spiralen. Wagen wühlten hinter ihr ein Geschiebe. Männer kreischten Namen, Gepäcke. Sie fühlte des Hundes Druck am Knie. Sie bewegte schmerzlich eine Sekunde die Hände im Fell des Tieres. Dann kam der Ottava. Rauschte dunkel schon entgegen auf Kilometer. Das Rauschen lag in der Luft wie ein Schneefeld, sprang in Lawinen ihr leis entgegen. Die Mühlen rochen. Die Schreie der Nurse blieben hinter Bäumen stecken. Das Gittertor kam, vertraut mit seinem kalten Eisen. Glitt zurück.
Des Vaters Hand faßte die ihre. Die Treppe. Sein Mund im Kuß. Er hielt sie stürmisch mit steifen Armen weg, sie ganz zu beschauen, spürte aus allen Poren ihres Leibes ihre Richtung, das Hingewandtsein ihrer Seele. Er erbleichte, senkte den Kopf. Glitt über ihren Leib mit dem Auge, die Brust, den Hals, das zärtliche und hochmütige Kinn. In ihrem Auge saß, schlagend und aufgedonnert das Meer. Das Aufgesparte und Vorbereitete in seinem nach innen gekehrten Leben verstand den Ausbruch. Lächelte. Gab ihr den Arm. Sie gingen hinein.
* * *
Das Lächeln hatte gewährt, Unausgesprochenem sich geneigt, bejaht. Es erlosch. Nichts gab Erinnerung daran. Es fiel in seine Augen wie in einen Schlund. Die Woche rollte zurück, wie gewohnt. Vaudreuil hütete sein Gesicht. Schenkte ihr ein neues Pferd, bestellte ein Reitkleid aus Leder. Griff vor, erwähnte Zukünftiges, das sich band an Ort und Zusammensein. Berief einen Unterrichter für ungewohnte Kreise, baute ihr Zimmer an, Tapeten kamen weiß geädert mit Gold. Besprach eine Überraschung für Sygs Geburtstag in vier Monaten. Malte den Stand der Rosenbosketts aus auf Papier, eine Pergola im Bogen vor den Terrassen, Fontänen, Vögel, glitzernde Fische, sprach vom folgenden Sommer, dem Herumgehen, dem Abend. Breitete die Zeit aus vor ihr, vor sich, uferlos, vorübergleitend über den augenblicklichen Zustand. Ohne Pause, ohne Intervall. Sah sie wenig, zwischen Mußestunden, bei der Mahlzeit, ging ohne Zögern von ihr. Ihre Erwartung allein spürte, wie tödlich er an den Sekunden hing. Sonntag bestellte er die Yacht nach dem Ontario. Sie bereiteten sich vor.
Montag früh berief er sie in das Büro, brach alles ab. Durch die Maske des gleichgültig gehaltenen Gesichts stieg von unten tief das Lächeln herauf. Gab Daisy von sich. Entfernte sie aus eigenem Entschluß. Löste sacht die Ventile von ihr, gab dem nach, was herausbrach, trieb Mauer und Wand zurück und bog sie hinter das draußen Strömende und Lockende zu einer tiefen Wölbung, in die er schmiegte, was aus ihr drang. Diktierte nicht. Folgte nur. Aber die Führung der Hand hatte die wissende Lindheit, die, nachgebend, bestimmt. So, als sei sein Plan, sein Wille, was er nur abbog, behütete. Widerlegte Widersprüche, die sie nicht erhob. Bewies Notwendiges, das sie nicht bezweifelte. Baute eine Verbindung, die nichts mehr löste zwischen ihm und ihr, indem er verstand und folgte, und das Kindliche, als es abtrieb, selber abhieb und damit unverlierbar sich gewann.
Als der Tisch beim Speisen ihr zur schrägen Scheibe ward, durch den Raum rotierte, Fidleys Pensionen, Schecks, Tips sie umflackerten, das Silber flimmernd wellte, wogte, Sygs Auge schmerzlich, neidlos, neugierig aufging, blieb ihr die Stimme Vaudreuils. Ruhig, gelassen wie im Nebel. Einen Augenblick ertrug sie nicht mehr den trostlosen Schmerz aus der Gefaßtheit des Tons, sie stand auf, wollte sagen, sie bleibe, nickte, schwieg, ging hinaus.
Sie lief um das Zimmer, betastete die Wand, den Kopf des Betts, die Girlande des Balkons. Der Garten. Wasserdunst lag, hob und senkte sich, ausgeatmet ihr entgegen von der Prärie. Hindurch, das Auto blinkte vor der Halle, stieß sich heraus, die gesiebte, durchlöcherte Brust fauchend, zermalmend die Luft. Sie beugte sich über den Fluß. Murmeln koste ihr entgegen, entzog sich ihr, floß tiefer, entfernter, uneinholbar. Drüben schleuderten am Rand des Vorstellbaren Schiffe, Städte, Bahnen sich vor ihr hin, rissen sie nach. Das Tiefe, Bleibende der Erde zog sie herunter, zu sich. Es ging nicht. Aber es riß zu Schmerz mit einer Stille, die verzehrte.
Sie legte sich auf den Bauch, senkte den Kopf zum Wasser. Über ihrem Nacken stand schwingend, kreiselnd in der Luft, aufziehend, Glück, Ahnung, in die sie hineinschwamm, sich hineinbegab, voll, ganz. Unter ihrem Gesicht brachen Tränen. Zwischen beidem lag sie, faßte die Binsen in die Hand. Sie wuchsen an ihrer Haut. Sie fühlte, erschüttert, wie sie sich vertauschte der Landschaft. Ihr Leib wuchs fest mit Geruch und Duft der Erde. Sie faßte das Gras, riß daran, es hielt. Sie tauchte die Arme ins Wasser, es war eins. Legte das Gesicht mit der Wange gegen den Weidenstrauch, den schlanken Baum, da blieb nichts übrig, was trennte, alles floß, verband sich, gehörte zueinander. Was trennte, riß entzwei.
Sie spürte plötzlich, das war das Glück. Schon hinter ihr. Nun, wo erkannt, verdorben, verloren für immer. Je mehr sie sich trennte, um so schärfer schnitt sie der Schmerz, um so hemmungsloser brach dies Gefühl vor ihr auf. Dies war ihre Heimat, durchspülte sie mit Erdsaft, machte sicher, frei, groß. Was kommen sollte, versackte in Staub, bekam feindlichen Atem. Städte lockten nicht, Menschen fielen schal ab wie von Drähten, Dampferschrauben wühlten durch ihr Fleisch. Der Tag schien wie Tod, wenn sie sich löse. Kraft und Sicherheit gingen aus den Adern. Es brach auseinander in ihr. Teilte sich. Unaufhörlich ging es von ihr: Geruch der Bäume aus den Adern, mit singenden Vögeln, lieben Namen von Booten, Wolken, Formen der Wellen. Spaltete sich ab von ihr. Sie hob das Gesicht aus dem Gras.
Frühstückte. Das Nickel des Wagens saß in der Sonne gleich einem schwingenden Insekt. Der Horizont ward heller. Sie ging zurück ins Zimmer. Schloß die Schublade auf, wühlte aus der Ecke eine Kette aus gelbem Dukatengold mit drei Steinen. Zog sie um mit einer langsamen Bewegung. Im Spiegel schien es zurück. Das Rot des Achats leuchtete glatt und kühl. Ihre Jugend stand darin, das Entfernte. Was hinter ihr lag. Die Stille, die sehnende Ruhe des Blutes. Der Umkreis des so Erlebten spiegelte von den Rundungen herab, das Land, die Wiese, das Gras. Sie warf den Hals im Ruck herum. Trat hinaus. Biß die Zähne zusammen. Das Auto schlug an. Es ging nicht anders. Sie folgte.
Fuhren Schleifen, den Fluß durch. Hielten am Lorenz. Hinter Zypressen ihr Geburtshaus. Vaudreuil gab ihr den Arm. Das Tor zum Park. Elastisch gab Vaudreuil Platz frei, ging dann rasch vor ihr. Als sie seinen Rücken sah, begriff sie plötzlich, wie sehr er diese Frau geliebt. Fühlte, was sie versäumt, stand ohne wissendes Blut des Verlustes, ertrug, was sie nie an Mütterlichem besessen, ganz hell, in einer Sekunde. Die Überlast erhärtete ihr Herz. Feindlich ging sie durch den Garten. Zedern reckten um die Bleivase sich in das frühe Rot, Tau perlte in Ketten herab. Die Tür fiel zu. Zurück, Wind strich über die Mauer, senkte sich brausend einen Moment herein. Dicker Regen platschte aus einer Fichte. Der Wagen zog an. Bei Montreal verabschiedete sich Vaudreuil. Plötzlich, daß sie erblaßte. Zusammengepreßt: »Willst du mich immer lieben?«
»Ja, Liebling.« Sie gab ihm die kalte Hand. Tränen blieben hinter ihren Lidern. Fuhr weiter. »Nicht traurig«, spürte Sygs Hand herüberkommen, zuckte unter dem Schleier, zog ihn hoch. Zu dem blonden Fräulein: »Gehen Sie gleich aufs Schiff.« Die Koffer stapelten sich. Das Meer schäumte leicht. Von der Barkasse läutete die Glocke. Neigte sich, küßte Syg. Spürte an ihrem Leib den Geruch wieder des Waldblocks, des Spiels im Garten, der Betten, die nebeneinandergestanden. Sie atmete heißer, blieb eine Sekunde. Dann stieg sie ins Boot. Syg winkte. Es war neblig geworden. Pendelnd, unsicher schlug Sygs Kopf aus. Bald rückwärts, bald zur Barkasse, die vorwärts stieß. Winkte noch einmal. Drehte um. Über dem Wagen, den schiebenden Gäulen stand Abglanz von Blau, Berge, See. Ging ihnen zu.
Das Ende.