Part 4
Das Fräulein spielte große Kantilenen. Die Wochen wurden lang dadurch und hingezogen. Es war, es käme Erlösendes, Rufendes von fern. Erlosch wieder. Die Jahreszeiten änderten sich, öffneten wie Kapseln ihr Gehäus, gebaren, stäubten ab, doch das Geheimnis, das ihnen innelag, äußerte sich nicht. Das Haus ward eng unter vieler Musik. Sie schlug den Blick zum Plafond, haßte Klavier und blonde Haare, aber sagte es nicht aus Bedauern. Auch der Garten war schon Grenze und selbst das Hinundherreiten, das ins Wunderbare ging und endete, hatte schon das Bekannte, hatte Meilensteine, Hürden, an denen es zerschellte und vor denen das Weite erst brüllend vor Verhaltenheit lag.
Noch ritten sie um das Rondell, sattelten selbst. Schon lag der Zauber halb verblättert, reckte darüber her anderer sich schon bitter, lockender und schwerer im Blut aus der Unbekanntheit her auf, ohne daß man wüßte, welcher, woher. In einer Lichtung bekamen sie Durst. Syg fand einen Ahorn, schälte ihn an, bohrte ein Loch hinein. Aus einem dicken Halm sogen sie den gelblichen Zucker. Als sie, satt, nach den Gäulen sah, umdrehte, starrte Sygs Kopf glasig und eingefallen. Die Kupferhaut war molkig. Über ihrem Kopf saß unregbar mit vorgeschossenem Kopf, noch schwebend, die Schlange. Daisy sprang vor. Nun war ihr, sie fliege. Nun kam, erhob sich Unbegreifliches, streifte sie mit Seligkeit. Ein ganz leiser Schrei verließ den Mund, die Augenbrauen standen im Dreieck. Grau und kühl, flimmernd, neigte ihr Blick sich gegen den des Tieres. Der Baum raschelte, es pfiff und klapperte im Geäst. Auch Syg drehte sich nun ihr zu, weinte in ihre Hand. Aber sie fieberte noch auf dem Pferd, hatte Aufruhr in den Knien, wogte mit der Brust. Unglücklich verging die Nacht. Es war aufgestanden in ihr etwas, hatte sie gestreift, sie wußte nicht, wie, wo, welche Sache. Es hatte gebäumt und sich geduckt. Sie fror.
Die Siebzehnjährigen bestiegen einen Dampfer, den Brown gechartert hatte, weiß wie Porzellan. Sie reisten ins Innere. Das Fräulein, der Lehrer bezogen Kabinen. In hellen Kleidern lehnten die Mädchen am Reeling. Vaudreuil winkte herauf vom Land. Browns Arme schlugen Rudertakt. Daisy schmollte den Mund schief. Noch einmal: »Komm«. Vaudreuil lachte, schüttelte den. Kopf. Man fuhr los. »Pa kommt nicht mit«, sagte Syg. In Daisys Stirn fiel eine Locke: »Du solltest dich nicht weiß anziehen. Du bist zu dunkel. Nimm blau.«
Vier Tage fuhren sie den Lorenz hinauf, die Hitze um sich, weiß. Abends ankerten sie spät, um solang als möglich Fahrtwind zu haben. Dann kam die Nachthitze traumhaft. Die schwüle Ruhe lastete mit sprengender Unausgesprochenheit. Spät kam ein Dachs ans Ufer, hob die Ohren, legte den Kopf fast auf die Luft, so weich, soff dann. Als nichts zu sehen mehr, erhob sich das Schlürfen anderer Tiere. Mit jähem Luftdruck schwebte ein Fregattenvogel von den Wellen glatt übers Deck. Aus dem blauen Dunkel formte sich Figur, Geschehen. In weiten aufschwellenden Kreisen vollzog sich Manches, nicht gesehen, aber gewußt und geahnt. Das Ufer, das versackt drüben lag, spannte sich herüber, kam hergeschwebt, riß zurück. Das Gebrumm der Mücken über dem Schlafnetz steigerte sich, bis, mit allem verwoben, es eine Höhe erreichte, die sich selbst nicht mehr ertrug. Da schlugen aus der Spannung von Masten, Geländerspitzen, kleine blaue Flammen auf.
Das Erregte ward nun lauschend, erwartungsvoll. Mit großen Augen überwanderte sie den Dunkelheitsbogen. Ihr Herz machte sich heran an jeden Laut, mit jedem Geräusch ging es hoch und tief. Schlug mit dem Gesäusel des abfahrenden Wassers an Backbord, mit jedem Astwedel, der schauerte. Doch kam es auch zurück. Sie fühlte in sich, als geschähe es in ihr, das träumerische Aufschnellen der Fische und das jagende Husch, wenn ein Nachtvogel die Seile durchschwamm. Irgendeinmal in solchen Nächten schlief man dann ein.
Nun kamen Inseln. Smaragdgrün und gelb war der Strom getupft. Sie loteten den Tag durch. Gemischtes aus unbekannten Blumen und Wasserfäule lag als Barriere davor, erstickte sie fast, als sie eindrangen. Betäubendes Labyrinth von Kanälen umgab sie. Die Inseln wurden kleiner. Ach diese, ach jene, deuteten sie, und schon war alles verwirrt, erkannten sie die erste nicht mehr. Sie sahen keinen Boden. Es wucherte nur. Nachts hingen Schlingpflanzen herunter, im Licht, wie Drähte gespannt, die wogten, durch die von Astlilien Kopfweh heruntersank und ein grausames Süßes, das sich kaum über dem Wasser trug, einsank, in die Wellen mischte, so schwer war es.
Morgens tat eine Bai sich auf. Silbern trat die Sonne aus dem Wasser am Horizont, der ruhig, endlos lag. Sie atmeten tief in das nun Geweitete, befreit. Am Mittag schwammen neue Inseln entgegen. Aus gewaltigen Grasbüschen wuchsen Bäume mit kalt geformten Blumen. Schlugen Brücken miteinander. Die Sonne war weg, der Himmel zu. Unten liefen Regenbogenfische. Oben schwirrten bunte Vögel, ohne Rast in Bewegung und Getön. Dazwischen wogte blauer heißer Dunst.
Abends kamen sie ins Freie. Sie liefen wehend zum Vorderschiff, winkten hinaus. Schrieen: »Das Meer!« Doch im Untergang brach sich die Sonne in einem gespaltenen Rubinfächer hinter neuen Inselherden. Sie griffen sich auf, sammelten sich, umtrieben sie mit Kanälen und Buchten, in denen sie irrten. Syg holte Daisy in der Nacht, sie schlichen im Schatten der Pflöcke bis hinter die Taurolle. Am Reeling stand neben dem Fräulein der Lehrer, sie sagten nichts, berührten sich nicht. Er wies immer mit dem Kneifer gegen das Wasser. Da unten schwamm aber auch nichts. Jedoch sprang später aus einem Baum eine Katze auf Verdeck, fraß neben der Küche zwei Hühner, die Matrosen machten Jagd, und das Tier sprang durch die Glasscheibe in Browns Kajüte. Die nackten Beine sehr verhaart, sonst nur im schwarzen Predigtrock fuhr er entsetzt mit verschlafenen Haaren auf dem Deck herum, bis man ihn beruhigte. In der Nacht fuhr das Schiff weiter, es gab ziemlich Licht von oben.
Morgens erst schlugen Himmel und Wasser entfernt fest zusammen und machten einen Kreis. Erst da ward es endlos. »Das Meer«, sagte Daisy.
»Es ist auf der anderen Seite.«
»Ich weiß Syg.« Sie machte einen Bogen, am Geländer saß Well, der Wolf des Steuermanns. Er legte den Kopf, als sie sich kauerte, auf ihr Knie.
Gegen Mittag ward der Ontario tiefblau, spannte sich in gebogenem Spiegel hinauf und in seidiger Biegung abebbend hinab. Im glänzenden Himmel begannen Striche zu wachsen. Hoch über dem Horizont, fast wolkennah schwebten drei große Schiffe. Der Mittag ward voller, ging auf wie ein Gestirn, kam aus sich selbst und zerrann. Toste von Farben. Der Horizont ward dunkel von Glut. Es ballte sich die Weite, durchdrang sich und lud die Atmosphäre mit einem gepreßten ausschwingenden Atem. Segler nahten da und dort, hingen Fahnen heraus, bogen über das glashafte Seidene des Sees herab. Von eigenen Masten flaggten Fahnen, das Deck zog festlich, schmal dahin. Unter der Brise legte das Schiff sich seitlich. Well sprang auf, knurrte, schnappte nach ihrer Hand, sie zog ihn an der Gurgel wieder herunter. Schaumdünn zog Land in einer reinen weißen Wölbung heran. Hinter ihnen sammelte sich das Geweitete, schwang ab in Klarheit mit dem berstenden Geknäul. In der dünnen singenden Luft begann das Segel über ihr sich plötzlich zu drehen. Geräusch von Ruder und geschaufeltem Wasser fiel aus ihr heraus. Mit dem davonschwingenden riesigen Segel flog es in ihr hoch. Es bäumte sich wieder, überrannte sie, stieg aus ihr und gab sich hinaus, erschauernd, tastend, eine Sekunde. Als ihre Haut zu zittern anfing darunter, sprang das Knattern und Schäumen wieder in sie. Vorbei. Sie bebte. Wandte sich um. Das Gewesene nahm plötzlich Platz in ihr wie vorher. Aus einem Hafen kamen Drähte, Stangen, Schorne, schoben auf sie zu, fesselten sie mit ihrer Gegenwart an. Sie fuhren ein in Toronto.
Brown brachte ein Tuch. Es ging auf. An der Mole flaggte es viermal. Sogar eine Rakete schoß hoch und knallte. Darauf kamen Wagen hergerollt aus einer schrägfallenden Straße. »Sie kommen«, sagte Brown, rieb sich die Hände, schmunzelte verschmitzt, es ward eine harte Grimasse. Sechs Wagen standen nebeneinander. Junge Leute sprangen herum, hatten schiefe Helme auf den Köpfen, sammelten sich, stampften, stellten im Kreis sich um einen starken Burschen und schrien Hurras. Der junge Mann sprang im Satz an Bord. Brown fing ihn auf, umarmte ihn, zog ihn beiseite, wisperte, sprach, kicherte. Hinter seinen Gesten sah der Bursch herüber, schnitt Fratzen vor Ungeduld, trippelte, hob den Nacken, grinste ins Blaue. Brown brach ab, schnickte den Kopf, nahm ihn am Arm, führte ihn sorglich hinüber, stellte ihn vor. Sein Neffe.
Drei Stunden Zeit. Sie erkletterten Wagen, die Peitschen stäupten auf. Fuhren den Strand entlang, sahen die Muscheln angeschwemmt in Wällen, einen Fisch, den Dampfer Skania verkracht, die Kessel gespießt von Klippen. Sahen grünseidene geschnittene Rasen abgleiten, Blumenschlangen, geordnete Beete. Sahen von Basalt umstellt eine wütende Quelle, die trommelte, schlug, aufstieß, im Schweigen noch bebte. Machten einen Korso. Stiegen ab, empfanden, es war gut, war schön. Sahen sich in die Augen, sahen die Hände, die Hälse, lachten. Tranken Wein, Schokolade. Lächelten, als Browns Neffe den Lapin setzte, Brown abschob, bei ihnen landete, das Trittbrett abhieb im Schwung. Sahen seine Achseln, das Braun des Gesichts, die Hände. Sahen das weißhelle Blau um die Pupille. Fuhren durch Spaliere, hohe Drähte mit Gärten, die schwebten. Durch eine Palmenallee, Bosketts mit Hyazinthen, Springbrunnen, durch Berge Duft. Fuhren durch Straßen mit Riesenfelsen, die selbst Dynamit nicht zerknackte, unbeugsam blieben. Fuhren unter Hebelwerken, sausenden Oberbahnen. Fahren durch ein Dickicht, ahnten Lichtes, spürten Bewegung, sahen dünn wie Lippen Gesträuch sich spalten. Sagten: »Ontario«. Sahen den See.
Sygs Tuch fiel.
Die Augen streiften, erzitterten. Drei junge Männer sahen nach einem alten Herrn, der ein Ei aufschlug, blieben daran, erröteten, drehten die Hälse zurück, schwiegen, wandten sich immer mehr um die Achse, verrenkten sich, sahen zuletzt in die Luft.
Daisy bückte sich, hob das Tuch selbst, ließ die Lider gesenkt, die Mundwinkel etwas erschlafft. Lehnte sich ins Polster. Sah Pferdeköpfe, Pferdehälse, Browns Manschetten kommen, näher, sich vorschieben, bog sich hinüber: »Zum Hafen«.
Ging rasch, behend, teilte Handdrücke aus, suchte den Kapitän, ersuchte, den Abend noch zu fahren, sah nicht zurück, pfiff dem Hund. Der Ontario lag wie Stahl. Zwei gelbe Segel flauschten groß im Mondschein vorüber. Das Wasser wellte, spielte um das Licht in riesigem Blaukreis. Sie schloß die Augen halb, zog den Kopf des Hundes in den Schoß, einen Zug Leids von der Braue nach der Stirn. Nicht um sich. Sie stand auf. Sie fuhren die Nacht durch, den Tag. Fuhren an Dörfern vorüber, wendeten, sahen sie das zweite Mal vorübergleiten. Kamen an eine Bucht, Gelächter erscholl beim Baden. Die Linie aber wich nicht von der Stirn, die sich zum erstenmal verbog, belastete, überschnitt. Sie fuhren nach Hamilton. Nach Oswego. Legten an bei Port Hope, stellten den Dampfer ins Dock, fuhren nach dem Huron. Zwei Stunden in der Bahn, erbleichte Daisy an den Schläfen, wimmerte hinter verbissenen Lippen, fiel in Ohnmacht, erwachte die Nacht, fiebrige Augen im Dunkel. Sie brachten Essen, Trinken. Sie starb fast unter dem Drängen. Gegen Morgen frug Brown: »Was willst du?« »Zurück«.
Sie hielt dort an sich drei Tage, saß still bei der Mahlzeit im Garten, fixierte manchmal das Auto, das kam, fuhr. Knüpfte nach dem Lunch eine Hängematte auf die Veranda, stieß den Laden zum Privatbüro zurück, schaukelte; als Vaudreuils Kopf über ihr war, sprang sie auf, eilte über die Diele, trat in das Büro, bat, daß er Syg adoptiere, stand mit ausgebreiteten Armen gegen die Wand.
Der Marquis blieb am Fenster, legte ein Messer auf den Papierstoß, schnickte das Kinn hoch, zweimal, sah auf das aufgeschlossene Gesicht der Tochter, aus der die Bitte troff, ein Leid sich weit erhob, starrte, nickte, aber sein Blut, das ohne Dünkel war, sträubte sich gegen das andere Blut, auf das sein Name, sein Blut sich legen sollte. Sagte: »Sie muß sich gewöhnen, noch mehr Schmerz aus ihrem Blut zu haben.« Tonlos, ohne Bewegung schlug Daisy die Lippe auf: »Sie würde es leichter tragen.« Ein Spalt warf das Lächeln des Vaters über sie, überlegen, kühl: »Das ist kein Vorteil.« Aber von ihrer Haltung ging es über ihn und was er vorbrachte hinaus: »Sie wird es stolzer überwinden.« Da beugte der Marquis den angezogenen Nacken, machte eine Bewegung mit der Hand, unwillkürlich, schwach, aber mit einer Bedeutung, die sie ehrte und grüßte. Sie wurde rot, das Straffe, das sie geführt zum Erfolg, zur Sicherheit, ließ ab, entfaltete sich in eine rührende Bewegung. Sie ging hinaus.
* * *
An der Tür sah sie ihn gebückt, er schob eine Kassette auf, vernahm ihren Namen, weich eingehüllt von ihm. Er zog die Nickelschlüssel, gebogene, drahtschlanke, barocke, wählte klirrend, schob auf, kam auf sie zu, sie ging entgegen. Er sprach beiläufig, ruhig, gewohnt: »Die Frauen trugen sie zur Hochzeit. Dann ihr Leben. Ich gebe sie dir früher.« Sie trug eine Kette aus gelbem geflochtenem Dukatengold, daran drei achatne Kugeln.
* * *
Lief stracks zum Schiff, winkte, kam näher, sprang auf das Brett, rief nach dem Steuermann. Sah seine Hand, die die Luke aufstieß, zerlegenes Haar, die Hemdsärmel, die Riemen, geblendete Iris. »Was willst du für Well,« sie deutete mit dem Fuß auf den Wolfhund. Er fuhr mit dem Unterarm über die Stirn, rieb den Handrücken über die Augen, zeigte rasch die Zähne, schüttelte wirbelnd die Hand. Nein. Sie kam in der Dämmerung wieder, hob die Luke, stieg zur Kajüte, stellte sich in die Tür, ließ sie offen. Fragte. »Nein«. Sie lachte, kokettierte, betastete sein Messer, das grüne Glas, den Wandkork, verzog die schelmisch gestreiften Wangen, sagte zweimal plötzlich: »Ich lasse Sie entlassen,« ging mit hängenden Armen. In der Nacht bellte es im Garten, ein Hund bellte wie auf der Jagd. Sie öffnete die Balkontüre. Well im Garten stand naß, triefend, außer sich. Sie öffnete unten die Haustür, ließ ihn herein, er legte den Kopf auf ihr Knie. Wie auf dem Schiff. Sie vergaß es nicht.
Ging früh zum Dampfer, trat aufs Brett, zog es ab, fuhr zurück, rief in die Luke, sah unten den Kopf des Steuermannes. »Ich bringe Well zurück.« Ging mit langen Beinen rasch hinauf. »Do . . . do . . . Daisy . . .,« schnatterte die Nurse, faßte ihr Kleid, küßte es, den Arm, schloß sie an den Busen an, schmatzte, schlug die flache Hand auf den Mund, tremolierte. Hatte von Vaudreuil ein kleines Haus, zwei Kühe, eine Magd. Klatschte in die Hände, summte still vor sich hin, trat mit dem rechten Fuß dazu auf. Im Gang tollte Well. Sie ließ ihn zurücktreiben. Saß allein in ihrem Zimmer, schob das Hemd ab, sah im Spiegel über dem bronzenen Körper die Kette mit den Kugeln, als liefe ihr Blut hinein, ihr Alleinsein, ihr noch Unbekanntes, Umschwebendes, ungeheuer Verhülltes, glänzender und kühler als ihre Haut, aber ihr zugehörig. Wie ihr Bein, ihre Warze, ihr Schmerz.
Der Steuermann am Morgen stand auf der Diele, zerknitterte den Hut, nickte mit dem Nacken, breitete das Maul aus, fletschte, hatte einen Sohn im Büro, spritzte Kautabak, fuhr Pelze seit Jahren, Schiffe, Städte, Stapel . . . kaute seine Frau heraus, gab ihr Reiz, Alter, ein schiefes Ohr, Zufriedenheit . . . riß den Hut hoch, die Tür auf. Well stob herein. Er war unbrauchbar. Sie hatte ihn verdorben. Er blieb nicht mehr. Er brachte ihn fluchend, Zwinkern in einem Auge. Sie suchte nach einer Note. Er nahm sie nicht, hätte ihn nie verkauft. Er wollte ihn nicht mehr. Gab ihn ab. Ging. »Gib ihm ein besseres Schiff,« sagte Daisy Vaudreuil, »ich will nicht, daß er mir schenkt.«
Den zehnten Dezember fuhren sie nach Montreal, hoben Syg aus dem Auto, hoben sie adoptiert hinein, kauften den Tag über, machten Kommissionen, besahen, beschauten den Mittag, stopften ihn voll, eilend, häufend, bis er abbrach, die Dämmerung kam mit Laternen. In einer Schwebebahn glitten sie aus ihnen heraus. Weiß eingenietet brach die Landschaft gegen den Himmel. Das Nachtlicht flog eisern über Kanäle. »Halt«.
Daisy stieg aus, sie suchten ihren Schleier, fanden ihn, stiegen ein. Am Trittbrett wandte sie sich langsam herum: »Nehmen Sie vor uns Platz, Fräulein.« Sie übersah den Lehrer, zog die Achseln ein wenig an, schüttelte sich, legte den Arm auf Sygs Schoß, die ihre Grausamkeit nicht begriff. Vor dem Schlafengehen gaben sie sich die Hand. »Du bist froh Syg?« »Ja.«
Der Winter nahm Kurve auf Karneval, steigerte mit jedem Tag, den er vortrieb, das Gedrängte, Erhitzte. Männerstimmen jauchzten aus Schlitten zu, die die Gegend überkreuzten. Aus Pelzen hoben, winkend, beringte Frauenhände Tücher. Schellen überflirrten die Nacht. Auf Stahlringen der Flüsse kerbten Kufe. Damen fuhren mit Meuten, die vorrasten, sich überschlugen, Haken bogen, von Lachen aufgereizt, verärgert wurden, bis sie sich verbellten am Schlag wie ein Wespenschwarm. Pistolen funkelten in Wintersonne, schossen Salut am Portal. Illuminiert, aus jedem Loch Licht stoßend, hingen die Häuser der Seigneurs am Horizont. Kostüme kamen, bliesen Tuben.
Vier Fackelträger stiepten die Glut durch die beißende Luft. Alf fuhr sie in einer Kurve vors Portal, die Pferde stampften in einer Wolke, spritzten Schaum. Syg trug blaue Kleider. Diener stürzten auf die Treppe, zwischen Kerzen über Treppen. Der alte Fribaurt führte Daisy. Syg hatte sein Sohn, dessen weibische Lippen lächelten, ihre Knabenhände nachbebten, als sie eine Orange ihm schnitt. Im hohen Fensterbogen sah Daisy sie vorbeischwimmen, ihre Zähne leuchteten, den Körper eingespannt in den Schwung des Partners, ihr Gesicht glatt wie Frucht. Sah Syg hineingleiten in Unbekanntes, ohne Widerstand, ohne Bewußtsein, aufklingen in der Saalluft, Fremdenlust, Manngetanz. Sie zog die leise aufschwebende Linie zwischen Auge und Schläfe mit dem Finger aus. Im vierten Gang der Familienquadrille blieb ihr Blick im Fenster, ihr Fächer fiel, ein kleiner Schrei, die Paare verwirrten sich, das Arrangement schoß zum Teufel, die Augen suchten an ihr. Sie deutete auf den Fächer, der alte Fribaurt küßte ihr, zornkochend, ehrfurchtsvoll die Hand. Sie aber suchte sich noch einmal hineinzubegeben in das Umfassende, das sie nicht faßte. Sie spannte sich ihm entgegen mit aller Kraft und suchte es zu erreichen. Nahm den Arm des spanischen Vetters, gab sich seinen Pas hin, der Eleganz seiner ungewöhnlichen Kurven, schaukelte, am Platz drehend, durch alle Voluten der Geschmeidigkeit, trieb mit ihm in die Entfesselung der letzten Äußerung ihrer Körper. Zog zugleich die Kraft an und den Willen, tastete, drang vor, erreichte nichts, erreichte Fremdes, glitt ab mit der Seele. Sein Knie schob sich zwischen ihre Schenkel. Sie ließ die Arme los, die Nasenlinie ward schärfer. An der Ballustrade erwartete sie Syg.
Alf auf dem Rücksitz kreuzte die Arme im Muff, Daisy führte, das Eis schimmerte rosa. An der Ecke der Bucht knirschte das Eis, flimmerte im Frühlicht, wurde tief, herb, hielt drei Meter, brach. »Pha . . . lux.«
Sie blieben sitzen. Alf kniete auf dem Eis, haschte die Schlinge, zog sie an. Riß dem Gaul die Adern am Hals zusammen, zog sacht, langsam den Hals des strampelnden Tieres hoch. Der Bauch schwappte, die Beine traten immer mehr Eis hinein. Alf machte eine gewaltige Bewegung, das Tier ward ohnmächtig, ruhig, ging unter. Nun zog ers herauf, schleifte es aufs feste Eis, schlug die Schlinge ab. Massierte die Schlagadern am Halsstrang. Das Tier röchelte, schnappte tief Atem, sprang plötzlich auf die vier Beine, fing sich in der Kandare. Sie fuhren weiter. Syg klatschte mit den Nägeln auf den Daumenballen. Da brach das Eis zum zweitenmal. Alf würgte das Tier, um es zu retten, zog es herauf, frottierte es ins japsende Leben zurück. Als sie auf das Haus zu hielten, zog Vaudreuils Auto, vom Lorenz her, die Schleife am Fluß. Sie stiegen zugleich aus.
»Zweimal mußten wir das Tier erdrosseln,« Syg küßte ihn. »Zweimal«, lachte Vaudreuil, schlitzte die Augen eng zur Seite. Daisy war bleicher, aber schöner, gespannter als Syg.
Der Winter kulminierte, schwang auf der Kurve noch, floß herunter. Ging vor den Fenstern irgendwie, irgendwo zu Ende, krepierte in den Mulden südlich, fraß sich satt noch hinter dem Waldgurt zum Hudson. Irgendwelches geschah, rauschte, färbte sich mit Männern und Frauen und Pferden hinter dem Glas, das ihrem Atem sich zuwölbte. Manchmal gings in der Nacht über den Horizont hin, wälzte sich, glühte sich breit aus, manchmal surrte es in der Saublutsonne, manchmal war es unter sackendem Schnee, brüllte um den Himmel, jagte an den Bäumen. Sie hob die Achseln, ging zum Stall. Das Eis sprang bis hoch in den Norden. Alf wartete mit Gäulen. Abends kamen sie von der oberen Mühle. Der Boden war fester. Blitzende Wolken flirrten zag und dünn herbei. Hirsche scharrten um eine verdeckte Quelle. Sie umschlich, kam heran, schoß nicht. Schoß einen Dachs, trug ihn ins Speisezimmer. Vaudreuil erlaubte den Ausflug mit Alf zu den ersten Faktoreien. Ihre Schenkel waren stark, sehnig, gereckt vor Grazie und Grausamem, die Hüften in beispiellos abfallender Glätte. Zwei Tage sattelten sie. Alf pfiff die Hunde heran, zurück. Ordneten, stapelten. Telephonierten, packten die Säcke für die Tiere, Teppiche, Pelze. Am vorletzten Tag kam ein Segler den Ottava herauf.
Unter den Hurras wimmelte es an Helmen am Anlegeplatz. Brown schwebte auf der Veranda, breitete die Arme, rief, was keiner verstand. Die Torontoner Studenten kamen in einem überlieferten Zug, vorn ein Dudelsack, dann zwei mit am Rücken gekreuzten Armen, hinten ein Trommler, ein Schaf, ein Kind, unterm Arm einen grün bemalten Hahn. Ans Tor kam der Marquis, empfing, lächelte ein wenig. Es waren Engländer.
Acht Tage fingen sie Fische. Lagen halbnackt auf den Balkonen. Schlachteten Ziegen, Schweine, Stiere. Tranken in einer Mondnacht eine Bowle, steckten eine Hütte an, fuhren mit Lampionruderern aufs Wasser, warfen um. Lungerten die Weiber um die Pavillons, schrien nachts, quietschten, machten Vaudreuil sein Schlafzimmer wechseln, kein Wort sagen. Spielten Dudelsack morgens, abends, boxten, schrien alle durcheinander, hieben aufeinander ein, entknäulten sich, zogen blitzschnell in Zweireihen singend ins Wasser. Spritzten, badeten, rauchten.
Mittags ritt Daisy mit Alf und Browns Neffen über einer Fuchsspur, folgten sie über einen Acker, trieben um einen Wald, durch einen Bach. Als der Mann ihn im Schuß hatte, wich er, als bocke der Gaul, zur Seite. Daisy kam ins Schußfeld, rümpfte die Nase über die Achsel, schoß nicht.