Part 2
Er mietete ein Rudel Gesindel, fuhr mit ihnen hinauf, ließ Hütten bauen. Bald kamen Eingeborene. Mit Negern, die er kaufte, gründete er den Kral. Dann warf er das Geld gegen den Urwald. Ein wütender Kampf bellte auf. Der Wald wucherte mit Sumpf und Pflanzen gegen ihn auf. Tag um Tag fraß seine Horde sich in den Wald. Er wirbelte die Äxte hinein, schnitt mit Feuer Lücken, brach Boden auf Boden ab. Er umzingelte mit einer Gasse, die die Kerle schlugen, die dicksten Plätze, hungerte sie aus, verwüstete sie, ging zurück, brach vor. Die Sklaven starben an Fiebern. Er schaffte neue Scharen, trieb sie gegen den Wald. Ordnete kleine Gruppen, fiel von den Seiten, vom Rücken gegen das nie angegriffene Urstück. Tiere jagten nachts heraus. Ein Löwe sprang durch das Dach seines Hauses. Er gab nicht nach. Fauchend mit den Stimmen seiner Tiere wich der Wald zurück. Nun sogen Weiden das Wasser aus den modrigen Ufern. Pflüge rissen in das Herz des Landes. Ochsenwagen zogen nach dem Strom, warfen das Holz in die Boote, nahmen Saat zurück. Meer von Weizen schlug in schönen Wellen gegen den Wald. Herden suchten morgens, Boden schlagend, den Strom. Das erste Boot fuhr nach Quibeck. Zehn folgten. Seine Wolle fuhr über das Meer. Schon war der Wald eine ferne Linie am Horizont. In Tonnen und Schuppen stapelten die großen Fischzüge. Er legte einen Gürtel Ablagerungshäuser an. Eines Nachts flog ein Vogel vom anderen Ufer herüber, seine Flügel hatten eine grüne Färbung. Als er am Giebel saß, begann das Dach zu brennen. Es war der dreizehnte Schuppen. Vaudreuil ritt zum Inspizieren. Er fand nichts. Nach drei Tagen ritt er denselben Weg, ließ es wieder aufbauen. Nach einem halben Jahr kam er an einen Zug, der Tonnen Fische hinunterschleifte. Er sprach mit dem Führer, sie bogen um eine Waldecke, da nahte ein Zug, es kam eine Prozession. Vaudreuil stieg ein wenig in den Bügeln, kniff die Augen. Dann führte er seine Leute zurück, in einem Hohlweg mit steilen Wänden ließ er eine Tonne leeren, ritt weiter ein Stück, dann wieder zurück. Sie erreichten den Weg, als die Läufer der Prozession auf den Fischen ausglitten. Sie fielen auf Rücken und Bauch, streckten die Beine hoch, die Zungen heraus, rauften sich an den Haaren. Die dicken Priester fielen auf den Hintern und rutschten auf den Fischbäuchen die glatte Bahn herunter. Geschoß kam auf Geschoß. Den Bischof warf sein Esel ab, er flutschte vorüber, schlug mit den Armen wie ein Häher. Vaudreuil zog weiter. Zwei Wochen darauf klopfte es nachts an sein Haus.
»Woher?«
»Quibeck«.
Sie machten dem Fremden ein Lager im Flur und lauerten im Halbschlaf mit schrägen Augen, daß er nichts unternehme. Am Morgen ging Vaudreuil über die Diele. Da stand der Fremde auf, griff in die Mantelbrust und reichte ihm ein Papier. »Ich will es quittieren«, sagte Vaudreuil, kramte in Papieren, sandte dem Bischof für die Exkommunizierung eine Verschreibung von seiner eigenen Hand. Sie ging auf eine violettblaue Sutane. War vor sechs Jahren ausgestellt.
Vaudreuil badete, salbte sich ein Stück, zog Strohsandalen unter die Schuhe, es war Abend. Ging langsam zum Fluß, nahm ein Paddelboot, fuhr ab, legte, als der Flußwinkel überfahren war, an im Gebüsch, kehrte zurück, trat hinter einem Baum heraus mit einer Peitsche und verhieb Neger, die im Garten tanzten und seine Hüte trugen, entließ den Aufseher, der in der Küche sich Pasteten buk. Dann ging er über die Äcker zwei Stunden, bis er Wald erreichte. Eine halbe Stunde lang suchte er, die Nase wie ein Hund geneigt. Er fand einen Pfad, folgte ihm bis gegen Morgen. Dann schlief er ein wenig, lief den ganzen Tag weiter ins Innere. Es wurde Nacht, er roch Feuer, schlich sich heran, wartete eine Stunde, schnitt mit dem Messer Gestrüpp, verknotete Schlingpflanzen durch, machte einen Bogen, schaffte bis Mitternacht. Dann kam er an den Rücken eines Schattens, hob ein Tuch, war in einem Zelt, zündete ein Schwefelholz an, hielt es mitten in den Raum. Zehn Frauen saßen auf Fellen und schliefen. Eine stand auf, schlanker als die anderen, blies das Licht aus. Er nahm sie auf den Arm, trug sie durch das Lager in den Wald, das Kupfer ihrer Haut glänzte unter der Dunkelheit der Zweige. Sie kamen an sein Boot zum Fluß. »Naimi«, flüsterte sie. Ihre Augen der zahmen Antilope stellten sich in Rausch schräg gegen die Wipfel, die über den Mondwellen hingen. Das Rindenboot glitt unter Ästen mit singenden Vögeln. Ihre Haut roch nach ihren Speisen, nach Wildbret und Beeren. Er strich ihre junge Brust hoch. »Perlen«, sie lachte gegen die Hand, band sie in die blauschwarzen Haare. »Wie lange?« Er zuckte die Achseln. Ihr aus den flimmernden Schatten des Waldes heraus geformter goldbraun geschwungener Leib zitterte. Sie hob das Gesicht über den Rand. Da sah sie in den Mondwellen die Perlen, warf sich nach vorn in die Knie, herüber zu ihm, den Kopf auf seine Hände, die Zunge fuhr über seine Brauen, die sich im Dreieck zur Stirne spannten. Er weckte sie aus dem Schlaf: »Naimi«. Sie forschte erschreckt in seinen Augen; als sie Liebe sah, begann ihre Haut sich zu färben. Sie banden das Boot an. Die Sonne ging über sie. Manchmal erhob sie sich, sah scheu nach ihm hinüber. Am Abend fuhren sie weiter. Das Rindenboot schlürfte am Ufer hin im leisen Takt des Stroms. Der Mond brach weich aus allen Ästen. Ihre Brust war fruchtreif und klein, sie flüsterte, erschreckt. Er sah sie an. Sie schlief ein. Sie näherten sich seiner Ansiedlung gegen Morgen. Als sie erwachte, ihn erblickte, war ihr noch munter. Später hieb er ihr gegen die Schenkel. Sie sah seine Stirn, erbleichte, knackte zusammen. Beim Aussteigen drehte sie sich einmal noch um, ihr schmales Gesicht sah ohne Ausdruck nach ihm. Dann sprang sie in den Wald. Er trieb allein gegen sein Haus.
Er kam in seine Faktorei, kontrollierte das Schreiben der Aufladung. Da trat ein Herr herein, grau an den Schläfen. Er ging ein wenig gebückt. »Ich treffe Sie doch in Geschäften«, lächelte dünn. Vaudreuil verbeugte sich wortlos: »Courbisson«. Der Gouverneur nahm Vaudreuils Arm, sie gingen durch den Garten, das Haus, die Anlagen, ritten den Strom herauf, vorbei an den Ausladehäusern. Sie gingen um die Schuppen, Courbisson prüfte mit der schmalen Hand die Maiskolben, den Weizen. Er hob die Hand, beschattete das Auge, blickte ins Innere. Er beugte sich noch tiefer: »Sie wissen nicht, daß ich das, was hier geleistet, von Ihnen wollte, als wir das erstemal uns trafen. Dies alles war meine Absicht.« Er fuhr mit der Hand im Kreis herum. Dann nahm er wieder Vaudreuils Hand, er blieb bis zum Abend. Nach Tisch schlief er. Sie tranken Kaffee und spielten. Gegen die Dämmerung redeten sie monoton, einfach. Als es dunkel war, brachte Vaudreuil ihn zu seinem Schiff. Sie waren noch im Garten, und eine Kröte sprang schwerfällig über den Schuh des Gouverneurs. Er stand steifer: »Der Krach mit dem Bischof stellt alles in den Einsatz.« »Ich weiß«, sagte Vaudreuil. Der Gouverneur ging weiter. Von einem Baum knallte eine Frucht. Das Kinn des Gouverneurs berührte einen Augenblick die Brust. Dann hoben sich seine Achseln, er atmete tief. Am Schiff gab er ihm die Hand: »Besuchen sie mich.« Vaudreuils Brust hob sich hoch, senkte sich.
Am Morgen torkelten über die Felder eine Schar Weiber, kamen in die Umzäunung. Unter dem Schmutz erschien ihre weiße Haut. Sie kamen halbverhungert aus den Wäldern, wo sie breitschenkligen Huronen nachgelaufen waren, verlangten nach Essen. Sie waren derb und saftig, ihre Kleider von Dornen zerfetzt, manche fast nackt. Die meisten waren betrunken, schimpften vor sich hin. Er ließ sie hinaustreiben: Ein Neger erschien mit einem Seil, das ein anderer faßte. Eine nahm ein Federmesser und stach es ihm nach der Hüfte. Vaudreuil kam selbst heraus, langsam die Treppe herunter. Ließ die Sau auf einen Stuhl schnallen, schlagen. Die Neger rissen die Röcke hoch, schlugen ihr die Haut zu Striemen. Sie brüllte eine Weile. Dann ward sie still, verkroch sich in ihren Körper wie in eine fremde Hülle. Als sie losgebunden ging, öffnete sie den Mund, sang. Ihre Stimme war angenehm, nicht mehr rauh. Das Lied war von den Vorstädten von Paris. Vaudreuil ging die Treppe hinauf, er hatte sie im Rücken. Sie riß das Palais Royal vor ihm auf. Er biß die Lippen, aber er drehte nicht um. Sie hatte einen roten Strumpf. Dies verließ ihn nicht.
Im Sommer kamen die Meerwölfe ans Ufer, schlichen hinauf und schliefen. Sie fuhren mit ein paar Schiffen hinunter, kamen in der Dämmerung an, beschlichen die Plätze in der Frühe, hoben Gruben aus, versteckten sich, warteten. Als die Sonne heiß ward, pfiffen sie, sprangen heraus, liefen nach dem Strand und schnitten den Tieren den Rückweg ab. Dann schlugen sie sie mit Knüppeln tot. Die Tiere gaben kleine Pfiffe, wehrten sich in schnappigen Sprüngen mit dem Maul über die Luft rasierend. Müde von der Jagd ritt Vaudreuil in die Stadt, suchte ein schlichtes Haus, trat hinein zu Courbisson und aß mit ihm. Als er Abschied nahm, sah er, daß der Gouverneur sehr grau ward: Er lächelte. In der Hauptstraße standen vor kleinen Häusern europäische Weiber, hoben die Röcke, wiegten mit den Schenkeln und pfiffen. Er ging weiter, der Geruch gepflegten Fleisches war noch nicht aus ihm gewichen, und er, der die süße Frische der dunklen Weiber kannte, war der talentlosen Liebe, mit denen Frankreich überschwemmte, taub.
Der Mond kam aus den steifen, hohen Bäumen, er ging hinunter, das Pferd am Zügel, sah die Strecke an, kam bis an das Ufer, ritt es hinunter, wo der Lorenzo umbog. Da sah er zum erstenmal seit Jahren das Meer. Der Mond stürzte aus den Palmenwipfeln heraus, sank gegen das Wasser. Da brach aus ihm heraus, was er sieben Jahre bezwungen, was aber in der Reibung mit seinem Herzen wie ein Wolf gewachsen . . . er drückte sein Gesicht in den Bauch der Stute, zuckte mit den Achseln. Das Pferd hielt starr und hingebend, obwohl er den Hals mit den Armen ihm verschnürte.
Er sprang auf das Pferd, mit träumerischen Zügen trieb es langsam ins Wasser. Wo der Mondstrahl auffiel, spiegelte das Wasser wie Glas, das sich drehte: Das Schloß . . . mit buntem Kies, gebaut für die Zärtlichkeit der Frauen. Tiefe Fenster wühlten in der wollüstigen Blumendämmerung. Der Park stand voll vom Duft der Rosen und Jasminen. Schreibend früh morgens mit vier Sekretären, noch feucht von der Haut der Geliebten. Da schoß er Tiere. Warf den Körper in das Bassin, das ihn kristallen umschäumte. Dumpfe Nächte beim Kartenspiel durchschlug er mit schweißigem Haar. Ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm behängt . . . eine Intrige, die in London sich kraus entfaltete . . . mit großen Orden, den Degen am Fuß empfing er eine Fürstin, die Hand am Schlag und sie warf ihm Blicke zu durch das Glas, das er geschmeichelt nahm. Dann nichts tun einen Sommer, als den Himmel ansehn durch den Regenbogen der Tritone . . . er trieb das Pferd mit Schlägen; das seichte Wasser schäumte. Er hob es am Zaum hoch und zwang es tiefer in die Flut. Indem begann der Mund sich zu öffnen, zuerst leise im Rhythmus, dann schreiend sang er, was von der Hure in ihm war. Das armselige Lied befriedigte seine Sehnsucht tief. Als der Gaul versank, schwamm er weiter, der Mond lag auf weißen Wellen. Er sang nicht mehr, das Wasser schlug an seiner Kehle und erstickte seinen Ton. Sein Herz war so irrsinnig, daß, als der Mund die Flamme nicht ausspeien konnte der Sehnsucht, es pochte dumpf den Namen der Frau, das Übelste an Erinnerung, die er verachtet, um die er sich geschlagen und die er jedem Lakaien gegeben. Das hatte noch sehr Gewalt in ihm.
Als die Kraft ihn verließ und er unterging, kam Wehmut über ihn, er arbeitete sich hoch, kam mit dem Kopf gegen die Küste, den Mond im Rücken. Da, als er das Land sah, verließ ihn alles, er wußte nichts als Leben und das Gefühl des Atmens durchstieß ihn so, daß er weinte vor Gier, dazubleiben, die Arme zu strecken, nicht zu sterben. Er mühte sich dreimal verzweifelt, die Welle schlug ihn zurück. Keuchend erreichte er Grund, kam an die Küste. Fand sein Pferd, das mit dem Schweif schlug und wieherte. Sein Atem schlug wie eine Säule über den Sand. Er stöhnte, machte drei Schritte, erreichte den Gaul nicht, sondern fiel mit dem Gesicht auf die Erde, breitete die Arme aus, schlief an ihr wie an einer Frau.
Spät am Morgen wachte er auf, drehte sich, nahm das Pferd am Halfter und ging nach der Stadt. Er drehte sich nicht nach dem Meer um, sah es nie wieder. Am Eingang zu den Häusern stieg er auf, glättete seine Kleider und ritt durch. Am anderen Ende kam ein Reiter ihm entgegen, stellte seinen Gaul etwas schräg, daß Vaudreuil halten mußte. Courbisson reichte ihm die Hand. Einen Augenblick verweilte des Gouverneurs Auge auf Vaudreuils Stirn. Er sah, daß er grau geworden war an der einen Schläfe. Er, täglicher Kämpfe hart im Inneren bewußt, lächelte, sagte nichts. In der Nacht in seinem Haus wartete Vaudreuil am Fenster. Der Mond flog zärtlich aus der Waldnacht im Osten. Er sah ihm nach.
Wochen ließ er sein Geschäft laufen. Er sah nach, aber ohne die Schärfe des Blicks. Eines Tags widersetzte sich ihm ein Arbeiter ins Gesicht. Er nahm ihn mit sich in sein Büro. Sie sprachen zwei Stunden. Der Arbeiter kam heraus mit verändertem Gesicht. Nach drei Tagen übernahm er die Leitung einer Abteilung. Vaudreuil rüstete sich aus, schaffte zwei Wochen geheimnisvoll. Als er frühmorgens mit seinem Pferd den Garten verließ, stand der Arbeiter an dem Pfosten: »Nehmen Sie mich mit?« Vaudreuil ward zornig. Dann beherrschte er sich, sein Gesicht ward versteckt, starrte über die Bäume nach Norden. Er schüttelte abwesend den Kopf: »Ich muß hier einen Vertreter haben«, er gab dem Jungen, dessen Augen hell und ärgerlich über die Abweisung waren, die Hand. Mit ein paar Eingeborenen schlug er sich durch.
Als die Flüsse auf Rindenbooten durchfahren waren, kamen Steppen. Eines Morgens glänzte Weiß. Es war der Churchilriver, den noch kein Europäer sah. Er überschritt ihn. Zehn Tage weiter entdeckte er Pelztiere, durchforschte die Gegend, legte einen Schuppen, eine Kette Niederlassungen zur Küste an, brach weiter auf. Er kam zu einer Erdspalte, überstieg sie. Wie von Öl überglänzt, war die Ebene reich gegliedert von großen Seen. Wieder kamen Steppen. Am Rand blieben die Eingeborenen stehen und frugen achselzuckend, wohin er wolle. Er hieß sie schweigen und deutete nach Norden. Sie sahen ihn scheu an, folgten. Sie hatten drei Tage nichts zu trinken. Ein Indianer floh. Die anderen fingen ihn wieder. Er ließ ihn laufen mit so viel Verachtung, daß der sich hinwarf und flehte, er solle ihn nicht verstoßen. Aber er nahm ihn nicht weiter mit. Der Wilde folgte im Abstand, schlief, lagerte, aß mit ihnen. Am dritten Tag wurden die Stimmen heiser. Morgens tauchten drei blaue Punkte auf. Wilde nahten: hinter den Eisbergen sei das, was Menschen tilge . . . Er ward ungeduldig und schrie sie an. Sie senkten die Köpfe: er würde ein Greis, bis er die nördliche Küste erreiche. Sie wiesen Renntierhörnerkeule: es gäbe keine Tiere mehr zum Jagen, nur gefrorene Flüsse . . . Er zog die Brauen zusammen, daß sie im Dreieck standen. Es trieb ihn, er hatte keine Macht darüber.
Vier Tage zog er die Eingeborenen mit sich Sie froren die Zehen ab im Schnee. Sie wollten zurück. Er schalt: »Hunde.« Sie zeigten ihre Füße. Er riß die Brust auf. Sie neigten den Hals. Er entließ sie. Im Abstand nur folgte ihm der eine, den er verjagt. Eines Morgens fehlte auch dieser. An diesem Tage traf er Eskimos. Er machte ihnen Zeichen. Noch eh er zu trinken bat, grub er das Zeichen des Meeres in den Schnee. Sie schüttelten den Kopf. Er würde den Punkt nicht erreichen, wo die Unendlichkeit der Ebenen und die Einsamkeit seines Herzens Europa am nächsten seien. Er würde nicht den magischen Pol seiner Sehnsucht erreichen, den sein Herz unruhig suchte, ohne daß er wußte, zu welchem Ziel, in welchem Sinn -- -- -- er sah einmal den Kreis langsam herum, dann fiel er ab. Sie schleppten ihn mit sich südwärts. Als sie Lagerfeuer sahen, plünderten sie ihn aus, eh er ihnen schenken konnte, was sie nahmen, ließen ihn liegen. Halbverhungert wälzte er sich weiter, schrie und verlor die Besinnung. Am Morgen sah er, wie die Indianer aufbrachen, er erhob sich und winkte. Sie sahen ihn nicht. Als aber sein Leben dahinschwand mit den verschwimmenden Konturen der Zelte und Haarbüsche, kam die Kraft über ihn, daß er lief wie ein Ochse, sie erreichte, dort zusammenbrach. Sie pflegten ihn durch, zwei Monate lang. Es waren Iroquois. Als er gesund war, hob er nachts ein Zelttuch, sprang hinein, entzündete den Schwefelspan, hielt ihn in die Ecke. Eine Frau stand auf, der schlanke Brüste wie Zitronen saßen, die den Shawl mit einer gleitenden Leichtigkeit raffte. Sie hob den Kopf, blähte die Nüstern der bourbonischen Nase, als röche sie ihn, der Blick der wildsamtenen Antilopenaugen verdunkelte. Sie blies mit einer raschen, schönen Bewegung das Licht aus. Ihr Körper war glatt wie ein Fisch, golddunkel. Sie frug, wie lange, am Morgen. Er schüttelte den Kopf und nahm sie mit. Sie kam als erste in sein Haus. Der Arbeiter gab ihm die Übersicht der Bücher und trat ein wenig zurück. »Ich danke.« Vaudreuil gab ihm die Hand. Der Arbeiter errötete, aber, da Vaudreuil nicht weiter sprach, wies er nochmals auf das Neue, seine zehn Pfade am oberen Lorenzo, den Hafen am Ontario. Vaudreuil nickte.
»Ist es nicht genug?«
Da sah Vaudreuil wieder über ihn hinaus wie am Morgen, als er aufbrach. Seine Sehnsucht hatte das Tätige nicht gestört. Er stapelte auf die Verträge von den großen Seen, die Abmachungen, die die Jagd am Sklavensee, am Makenziriver in seine Hand gaben. Nun flossen die Felle des Inneren nicht mehr zur Hudsonbay, nun durch ein neues Bett strömte das Innere zu ihm. Nun liefen die Pelze übers östliche Meer, nach Europa. Seine Besitzung am Lorenzo ein Strudel, der das Innere des Landes einsog und herriß. Was war das Bisherige gegen diese Leistung, diesen Horizont?
Er sah dem Arbeiter ins Auge: »Organisieren Sie es.« Der zog den Mund zusammen, bückte sich einen Augenblick, hielt dann erstarrt mit geöffnetem Mund. Dann ging er hart. Nach einem Monat brachte er das Geschaffene. Er sah auf: Wegweiser, Faktoren, Dolmetscher zogen ins Eis. Die faule Jugend war diszipliniert, stieg in siebenjähriger Probezeit zu höherer Stellung, zu Beteiligung, zu Prämien für besondere Leistung. Für Ausdauer stand Lohn, für Ehrgeiz Befriedigung. Er machte Kräfte frei in gerechtem Wettstreit . . . »Gut,« sagte Vaudreuil. Da nahm der Arbeiter seine Hand, sagte: »Verzeihen Sie.« Er wollte kein Lob mehr. Kein Trotz war mehr in ihm. Er diente.
Als die Frau ihm einen Sohn ins Bett warf, schreiend, daß die Mägde im Haus den ganzen Tag zitterten, schenkte er ihr eine Kette mit gewundenem alten Dukatengold.
Daran hingen drei achatne Kugeln.
Courbisson hielt ihn zur Taufe über das Wasser, obwohl die Mutter braun war, denn seine Schätzung für den Menschen war noch geringer als die für das Beispiel, mit dem Vaudreuil für das Volk schuf. Am Mittag kam ein Bote, der die Nachricht hatte, daß ihm die Heimkehr frei sei, daß unter anderem Gesetz die Stadt stände. Er ging zurück in den Schatten, wohin die Kerzen nicht langten. Er würde Ruhm haben, Vermögen, Macht, Frauen. Er sah durch das Fenster, wo die schwere Silhouette des Waldes noch sichtbar in der Ferne schwang. Es ging über sein Gesicht von oben nach unten, von den Wangen über den Mund. Der Gouverneur zitterte an der Hand, die den Hut hielt. Vaudreuil äußerte sich nicht.
Im Frühjahr verschwand er einige Zeit. Rastete an Feuern, an Seen, Flüssen, den großen Hauch des Daseins spürend, ging mit Zeit, mit Woche und Jahr. Der Erde und ihrem Rücken verschwistert, die ihn mit Blut und Saft bis ins Hirn durchspülte, gingen die Nächte über ihn, die Schwingen des Sternkreises, der Monde. Er sprang in dieses Zelt, er zündete Hölzer an, er verließ es. Er hob das Tuch im Wald, auf der Steppe. Nahm jene, dieses, schwankte, ließ liegen, holte zurück unter Lachen. Schichtete um sich in Zellen brausend Gelebtes, reich Durchgegangenes, hielt nicht an dieser, jener Frau, glich sich aus in der Bewegung.
Am zwölften Geburtstag seines Sohnes kam er von einer Kontrollfahrt. Er ging sofort in das Zimmer, wo von einem Hausmeister und Lehrer er das Kind erziehen ließ. Von dort durch die Diele, kam er ins Boudoir seiner Frau. Er sah sie vom Rücken, sie stand vor einem Spiegel und kämmte ihr Haar. Ihre Lippen leuchteten voll und rot, der Nacken fiel mit der Glätte der Schlange und als sie sich ihm zudrehte, standen ihre Brüste klein und gegen ihn gereckt. Da sah er eine Flechte an ihrem Scheitel weiß, trat zurück, erbleichte. Ging vor bis dicht an den Spiegel, sah über den straffen dunklen Zügen sein Haar hell durchblitzt, stürzte hinaus. Drei Tage trieb er wie irrsinnig durch das Haus, durch den Park.
Des Nachts brach er auf. Am Pfosten der Tür versuchte er seinen Muskel. Er warf ihn auf. Sein Gesicht ward sicherer. Am Abend schmerzte ihn sein Fuß. Er wurde kleinmütig, ging gesenkten Kopfes, setzte sich auf einen Stein. Als er die Stelle untersuchte, war es eine Quetschung. Sein Auge hellte auf, als er die Ursache sah. Er kam an den Elkfluß. Zog nördlicher. Kam an den Athalaskasee. Schuf die Riesenfaktorei am Winnipegsee, nun würden Tauschwaren in alle Eisbezirke laufen. Der Norden war aufgesprengt. Keine Aufgabe weiter . . . Am Morgen erhob er sich, drang weiter vor. Unsinnige Angst, daß das Alter nahe, daß er nicht mehr folgen könne, wenn sein Herz ihn hineinstieß in das Sehnsüchtige, Dunkle. Er übertrieb seine Kraft, sich selbst davon zu überzeugen. Er lag zwei Monate krank in einem Hüttenlager. Gekräftigt, sofort trieb es ihn hoch hinauf. Er kreuzte durch verschneite Prärieen am Hudson. Eingeborene wiesen ihn östlich, wo große Herden der Pelztiere seien, Ebenen mit hohem Gras, Ochsen mit gestreifter Haut und säulenhohen Hörnern sprängen. Aber sein Herz schlug: Nach Norden . . . Er werde sterben. Es kümmerte ihn nicht. Sein Blut klopfte dumpf gegen das Dunkle vor ihm, sein Herz kannte nur in ungeheurem Zittern einen Pol.
Er kam an einen Fluß. Aus der Entfernung einer Meile kam sanftes Geräusch. Er schlich sich an. Ein Graben deckte ihn.
Wie Affen standen Tiere um einen Baum. Sie stützten sich auf breite Schwänze, hatten die Vorderbeine an die Rinde gelegt. Mit weißen Zähnen sägten sie nach gleichem Takt den Baum durch zwischen den Spalten ihrer Gänsefüße. An der Ecke saßen zwei andere, machten Gesten, schrieen; womit sie andere warnten, über die Linie zu treten, in deren Radius der Baum wohl fiel. Nach dem Ufer zu zog sich eine geordnete Kolonne, die Äste trugen. Der Fluß war eine unmeßbare Wabe, aus der die Kegelhütten hervorstachen mit den Spitzen. Dazwischen ein Gewimmel von Tieren, die am Damm bauten, so weit er sah.
Auf dem Fluß schaukelten Rosaschatten, der Abend fiel langsam. Die Dämmerung hüllte das friedhafte Summen der beständigen Arbeit in stumme Seligkeit. Der Mond schwang darüber, es nahm kein Ende. Der Mond bewegte sich in der Elegie des tätigen Konzertes, der Baum fiel, aber er stürzte, als der brausende Rhythmus der Tiere auf der Spitze der Empfindung schwoll. In langen Kantilenen zernagten sie die Äste, bauten, schufen, langsam klang die Nacht mit allem Geräusch in die beruhigende Kraft des Tieres.