Die Achatnen Kugeln: Roman

Part 18

Chapter 183,687 wordsPublic domain

Sie grübelte den Abend, die Ausnahme drückte sie. Sie maß ihr keinen Sinn zu. In der Nacht wurde sie riesig: Es kam nicht an auf die Größe, nur auf den Sinn. Da sprang durch die Portiere der Windhund, den er ihr geschenkt, weil er ihn liebte, den sie zurückwies aus Rührung. Der schmale lange Kopf strich an ihrer Wange. Sie hielt, was Güte an Stefan sie fesselte. Kein Gedanke quälte mehr. Im Halbschlaf gegen Morgen fuhr sie auf. Ein Mensch litt um sie. Sie ertrug es nicht. Schleifte den Hund aus dem Nebenzimmer herein. Der Hund genügte nicht mehr. Sie schwankte, ging herum, besah ihr Ohr im Spiegel, pflückte Glyzinen am Fenster, bückte sich, wechselte die Farbe. Stieg die Leiter zum Bad hinauf, drehte ab, kam herunter, atmete, sah in den Park. Legte sich nieder. Erhob sich, packte einige Dinge in einen kleinen Koffer. Ging an die Portiere seines Zimmers, sah ihn schlafen, schwer, fest, Mücken um seinen Kopf. Sein Schicksal, das er kindlich nahm, wühlte sie so auf, daß sie erbleichte. Als er erwachte, konnte sie nicht vermeiden, vorzutreten. Als er den Arm reckte, war seine Not eine Sekunde so groß, daß sie ihn nicht verließ, hineinging wieder in sein Schicksal. Als sie erwachte in seinem Arm, hob sie den Kopf, lauschte, bog die Brust aus seinem Muskel, glitt herunter, sah zurück. Sah nichts mehr als das Unrecht, sah nur den Gefangenen, der litt. Nahm das Gepackte. Hörte einen Wagen in der Nacht rollen. Holte ihn ein. Kam in das Dorf, in die Stadt. Schrieb ein Telegramm, das Le Beau befreite. Hob die Brust, nun atmete sie sicher, sah zurück aus dem Wagen. Konnte nicht anders. Das flog nun in die Luft. Vorbei. Es mußte sein -- und getragen werden. Von beiden.

* * *

Der Wagen kam an eine Barriere, einen Bach, einen Fluß. Der Motor stockte. Am Mittag saß sie in der Nische über einem kleinen See. Die weißen Hotelwände prallten von Sonne . . . Sie denkt: Nun ist Le Beau frei. Er fragt: durch wen? Sieht die Depesche. Weiß: durch sie. Macht sich auf. Noch einmal fliegt seine Stunde. Das Auge blitzt vor Geist. Er fragt sich durch, beschäftigt Menschen. Er kommt an das Hotel, fordert. Sie will auch ihm dienen, seiner Enttäuschung sich unterbreiten, dem Geschlagenen nah sein . . . Ein Raum schiebt sich zwischen sie und den See. Sie schaut durch die geschlossenen Lider. Sie kommt gegangen über die Terrasse, geht durch das Zimmer des Ahnen, öffnet das Schiebfach, hebt die Kerze hinein. Sieht seinen Kopf, beginnt zu weinen. Eine Stimme aus dem Dunkel: »Ist es Sommer?« Sie ist tapfer, sagt hell: »Ja, Claudius.« Sie fährt mit der Hand über sein rötliches Haar: »Ché . . . mon ami . . . ché . . . doudoux.« Er lächelte: »Mit Gewalt macht es der andere nie.« Sie sagt: »Ich befreie dich.« Sie kommt mit einem Dolch, versucht das Fenster aufzubrechen. Unmöglich. Sie nimmt den Spaten, gräbt ein Loch von außen. Da steht Stefan im Fliederrondell, die Brust leuchtet phosphorisch, die Augen geschlossen. Sie stürzt in sein Zimmer, er liegt, schläft. Sie beißt die Zähne, zurück, stößt das Messer ins Schloß, das wie ein Kuhmagen gefächert ist, die Spitze bricht ab. Er ist bleich, lächelte aus dem verwüsteten Gesicht. Sie schreit laut: »Ich befreie dich.« Er lächelt mehr: »Das sollst du nicht.« Fast in der Ohnmacht fragt sie: »Was . . . was kann ich tun?« Sie ist außer sich. Sein Auge schließt sich:

»Denk an mich.«

»Ja.«

Es gelang. Pappeln gigantisch reckten sich vor bleiernem Himmel, Duft der Syringen lüstern auf die Terrassen gestreckt, sie kam aus Gebüsch. »Traurig?« »Nein, da du mich liebst.« Sie beginnt mit den Drähten, arbeitet eine Stunde, es ist der letzte Plan, in der Pause erschöpft: »Daß du so leidest.« Er hebt die an ihren Händen verkrampften Augen: »Leide ich, wenn du mich liebst?« Sie beginnt wieder, steif vor Verzweiflung. Sie schafft eine halbe Stunde, Uhren schlagen, der Haken faßt, es gelingt die Flucht. Ein Gewitter bricht über den Wagen, weiße geballte Kugel saust überm Himmel. Nun sind sie vereinigt. Sie haben ein Haus. Fischerboote laufen unter ihrem Fenster, Motore überspielen delphinisch die Bucht, der Fjord wird größer, schlägt sich auf. Sie sehen sich an. Wochen, Monate. Sie gibt sich jedem Druck seiner Seele, scheucht das Gewesene, Trauer fällt ab, Stille umgibt sie. Atmet er ruhig, beglückt sie es, streift seine Hand sie, fühlt sie sein Glück. Eine Nacht wartet sie auf ihn. Er kommt nicht, sie wartet die Minuten, Stunden, zählt die tickende Uhr. Am Morgen erscheint er Sie ruft: »Deine Frau?« Er winkt ab. Sie ist erledigt, kein Gedanke streift sie. Aber der Schatten gräbt sich in ihre Seele. Sie übergeht ihn. Im Unterdrückten wächst er. Sie bekämpft ihn. Sie hat diesen befreit, will ihm Jahre ersetzen, Glück, das er Jahre erstrebt, bereiten. Aber ihr Herz leidet mit der Verstoßenen, sieht den Ring im Traum an Claudius Hand vor der Demonstration, schreit im Schlaf. Sie kann nicht leben auf Kosten der Frau. Aber sein Gesicht ist heiß, beschwört sie, fordert Liebe. Sie lächelt, gibt ihm aufmerksamer. Doch er will mehr. Er will das Strömende, nicht das Bewußte. Nicht das gut Gegebene, will den freiwilligen Akt. Sie sieht auf ihre leeren Hände. Sie hat es nicht, verstellt sich, macht, als seien sie gefüllt. Allein er sieht ihre leeren Hände, schreit verzweifelt. Sie hört den Ton, er reißt den Raum weg.

Sie hebt die Lider . . . . -- --

Ein Traum erließ ihr, was sie mit Stefan an Partie gespielt, verloren, dasselbe mit Le Beau.

Die feinen samtenen Lider senkten sich über den eisgrauen Blick. Der schmale ovale Kopf hob sich scharf. Schrieb ein Billet, für den Fall, daß er käme, sie suche, das ihn zurücktrieb und ihn anfeuerte zugleich. »Du bist elend. Bin ich glücklich? Suche nach Befriedigung wie ich. Um dich wie um mich stehen Ungezählte. Der Gedanke, daß wir da sind, hilft uns beiden. Mehr kann der Einzelne nicht tun.« Sie packte, fuhr. Ihre Mission, ihr Abschweifung, war zu Ende. Sie kehrte zurück, der große Schwung riß sie zu sich. Die beiden, die ihr Blut unvergeßlich zuerst erregt, fielen aus, schieden, sie hatte geirrt, ins Einzelne sich verwirrt, versagt. Erkannte die magische Grenze der Kraft, die sie zurückzog. Wollte sich nicht verlieren, konnte nicht, apokalyptischer Hure gleich, dem, jenem, diesem, Schoß des Mitleids sein, sich verzetteln, sündigen gegen das Ziel. Sie reckte sich, befreit, jeder Verantwortung ledig gegen ihr Leben. Die beiden, die ihr Dasein immer gekreuzt, bis in die Tiefe der Demut durchgelebt ihr Schicksal, stürzten zurück. Was blieb: das Werk. Sie fuhr, stieg steiler. Saugte sich voll des Horizonts, der perlgrau vor sie sich schmiedete. War voll Gewinnst bis zum Rand. Trieb über die Nächsten ihres Bluts, die überwunden, dem Ganzen zu. Wie frei die Bahn vor ihr. Wie geschleudert die Straße gegen den Himmel hinaufgestreckt. Fuhr auf den Scheitel der Chaussee hinauf, fast schwingend. Gestrafft in jeder Muskel der Seele. Sicherer wie jede Sekunde, die sie gelebt. Angezogen auf der Sehne des eigenen Blutes ein Pfeil, der sich zum Losschwung spannte. Fuhr über den Scheitel der Straße. In der Senkung blieben die beiden: Wegweiser -- -- -- hin zu den Menschen. Da standen Tausende.

* * *

Sie ließ Minsk, kam mit Empfehlungen nach Kiew, sah Contis Liste nach, traf die Zentrale, ward nicht abgewiesen, mißtrauisch behandelt, trat in ein offizielles Büro, sah die Taktiken, kam durch politische Korridors höher, spürte den Gegenschlag, enträtselte ihn nicht ganz, fiel vor der letzten Erkenntnis, zog eine Meute Männer, über die sie gesprungen, hinter sich her, verschwand. Bedurfte nichts weiter, hatte den Kernpunkt nicht, spürte aber die Maschinerie, das System. Es genügte. Gab es nach Minsk, blieb acht Tage im Südviertel, schaltete die Organisation nach der offiziellen, verzichtete auf Begleiter. Legte das erste Hebelwerk, pumpte es entgegen, in der gespanntesten Atmosphäre der Länder, der verfolgenden, war im Vorsprung, da die Technik die gleiche, Kenntnis der anderen nur bei ihnen. Glitt die Fäden weiter, wechselte Pässe. Sah in den Listen nach, machte Abschriften aus Angst, sie zu verlieren, legte die mit Contis Handschrift in den Safe einer Mittelstadt. Folgte der Linie, Tyska legatione, Stockholm, in Upsala eine Verschwörung gegen Lund, tastete tiefer, traf den letzten Zirkel der Jungsozialisten, maß die Spannung zu Wallenberg drüben, Undên, Branting auf der Gegenseite. Tauchte in Genua auf, studierte Quarantänen, Auswandererbaracken, Krankenhäuser. Erhielt Verstärkung, Staffetten, Abwechslung der Reviere. Spannte ein Seil nach Minsk. Vervollständigte die Listen, füllte Skizzen aus. Kaufte ein kleines Haus Rue du Purgatoire, Genf, aus Holz, vier Zimmer. Setzte Gordon hinein, beobachtete durch die Zentrale jede Kaserne, jeden Offizier, Stimmung der Eingekleideten, führte darüber Buch, bohrte, trieb, jagte den Geist, Auflehnung, Umstülpung, Bessern in jede Lücke. Rue St. Jacques hinter der Sorbonne kontrollierte sich die Presse, Gerichte, suchte Menschen auf, setzte sie in Stand, sondierte, suchte, setzte sie ein, entflammte. Fühlte mit neuen Kräften die äußersten Spitzen radikaler Kräfte ab. Schob Raffaeli vor. Trieb weiter, wo Geistiges verkalkte, Soziales verfettete, Unehrliches scharfes Ziel verfälschte. Zog die Linie von hüben und drüben. Sah die Listen nach. Schuf eine Mauer, machte, wurde klar. Schoß Druckschriften durch die Netze, Löcher der zementenen Mauer, hörte die Explosion. Sah Bordelle Budapests, Kaschemmen Altonas, Vorhäuser Bergens. Tabellen, Pläne verquickten sich, es rollte sich mehr rundend ein Ganzes gegen die Hebel. Kam der Schlag, der schleuderte, fuhr es auf, glitt in die neue Form. Sauste die Schaukel herunter, flog die andere auf, schmolz die letzte Etappe des Unglücks, verengte sich die Distanz unter Menschen, erstickte Ungerechtigkeit, irgendwo war Paradies, weiter. Sah vieles, verstand an den Wurzeln Gutes, Gemeines -- alles fuhr in das Bild, das Conti in der Pupille trug von der Welt, das sein Hirn dachte: Umschwung der Erde. Traf im Coupé eine Frau, die zu kreißen begann, gab ihr ein Papier. Ein Mann sprach sie an, schlicht, sachlich, vornehm, strich über das schwarze Haar, erbat Mittel für eine Mission. Sie lächelte, das linke Auge schloß sich. Der Mann erbleichte, begriff ein Überlegenes, ohne daß er verstand. Sie setzte nur auf den großen Schlag, hielt dicht die Depots zusammen, verbesserte nicht. Wollte ändern. Traf nicht die Haut, wollte das Herz. Gab nicht verschlampter heuchlerischer Wohltätigkeit verlogener Gesellschaft einen Sou, tat nichts in verlorenes verspätetes Spiel. Sah in die Listen. Spürte durch die Zeilen das zischende vulkanische Geräusch aufsteigender Kräfte. Sie sagten ihr: Wohlfahrt der Massen. Sagten: Erleichterung der Bürden. Sie horchte: Bildung des Volkes. Verzog den Mund, höhnisch. Züchtete junges Fleisch, legte nichts mit lächerlicher Gebärde ins Faule. Ein Mann kam, eine Mütze mit Metallschild funkelte in den Händen. Sie unterzeichnete ein Papier: Administration des Prisons. Empfing ein Paket, »als ihr Eigentum bezeichnet«. Öffnete. Es waren die Haare, die Stefan bei der Flucht in die Berge ihr abschnitt, daß sie einem Jüngling glich. Er trug sie in seinen Kleidern. Sie kamen zurück. Sie lächelte, nur die Augenecken bebten. Führte die Fäden in ein Netz, legte es in Raffaelis Hand. Zog neue Linien. Vom Grabe Di Contis drang ungeheure Kraft. Gab Wind in sie, Sturm, nie Pause. Ging in ihre Sprache, ihre Ordnung, ihren Befehl, ihr Unterwerfen. Sein Geist schnellte von ihrer Zunge, trieb hoch, erwählte, forderte Unbedingtes -- ging in ihrem Bein, entzündete durch ihr Herz. Bauern starrten blöd auf die Agierende, lachten sich an breitmäulig, gespalten, gingen heim, vergaßen es nie. Traf mit ihrem Blick ins Schwankende, vollführte die Entscheidung. Stieß, wie als Kind die Schlange, Falsches zurück, riß Geeignetes an sich, mit sich hoch. Männer nahmen den Blick von ihrer Hüfte. Jünglinge gaben sich ihr mit einem Ruck vorbehaltlos: nimm. Sah die Listen, ließ die Zentren, teilte Kreise, Quadrate, suchte Provinz, begann Kleines, spritzte Agenten aus aufs Land, schuf Agitatoren, die es nicht wußten, ließ erkennen, hatte Vertrauensleute, die es nicht ahnten. Warf Summen in die Siedepole, weißglühende Spannung, Rußland, Indien. Blieb im Hintergrund, schaffte, verbarg sich, war kleine Agentin, wußte nicht, wann ereignet es sich, wann gewinnt mein Ziel. Sah in die Listen. Es genügte. Führte sie. Sie tat das Vermächtnis. Es war genug.

Trat in eine Förderation, die kleine Huren erquickte, ihren Bauch ausruhte. Raffaeli schob den Mund schief im Bart: »Sie sind eine Frau.« Sie schüttelte die Haare, lachend, machte die Ausnahme, stellte sich gegen die Polizei der Gesinnung, sah das Blödsinnige wohl ihrer Handlung, in diesem Falle Aussichtslose der Besserung. Tat es dennoch, hatte zu viel hier gesehen, zu sehr selbst erlebt, konnte nicht warten, bis das Leben sich umdrehte, empfand Linderung im Gedanken, es werde gelindert. Belog sich, wußte es, sah Raffaeli an, er senkte das Auge. Sie zwang Vertrauen auch im Traum. Blieb sonst eisig. Blieb verborgen, Reisende, spanische Tänzerin, Studentin, Dame. Sah die Listen, folgte der Kurve, sie ging nach aufwärts. Noch nicht die Höhe. Erweiterte das Einzelne, vervollkommnete, verlängerte. Strich durch, verwarf, erneuerte, erhöhte. Gründete ein Restaurant Rue Monsieur Le Prince, wo gegen Ausweis Abgemühte ihres Geistes Essen erhielten. Gab Raffaeli das Schloß, bog den Rausch des alten Vaudreuil ein in den Sinn ihrer Existenz. Warf die Schatten der Frauen hinaus. Geschlagene ihres Schlachtfeldes gingen auf den Terrassen. Sie selbst sah es nie mehr. Studierte die Krankenhäuser großer, kleiner Städte, machte eine Tabelle, zog eine Gleichung, ward nachdenklich. Machte Verzeichnisse, wog ab. Gab unter der Boulmichlaterne einem schmalen Dichter aus Renées Genfer Kabarett zwanzig Francs, traf ihn die Nacht mit Mimis im Absyntherausch, traf ihn wieder Rue Guijas, schlug ihm Geld ab, gab Anweisung auf Brot: »Schwärmen Sie, ich bin nicht Pedant. Aber essen Sie, damit Sie tauchen.« Raffaeli schluckte, errötete, schloß die Augen zum Schlitz: »Verzeihen Sie wegen der Förderation.« Sie schlug einen Kreis um das Grab Di Contis, befreite. Sprach mit einem Sergeanten, ließ ein Haus reinigen, gab es einem Balten, machte damit eine Kulisse, brachte die Häuser an sich, besiedelte sie mit seinen Leuten, armen Menschen. Empfing, ließ gehen, erhielt, gab aus. Reiste, erschien wieder, blitzte auf, verscholl, kam mit neuem Plan, dichtete das Netz. Hatte einen Reiz auf Menschen, der unwiderstehlich entzündete, gierig machte, umschlug, die Augen veränderte, das Leben. Tätig machte mit ihr, fortzog, dienend, hochmütig vor Verantwortung. Reiste nördlich. Zog am Todestag Contis die Liste heraus. Verglich, zeichnete, ging ans Fenster, sah die Maste und Schorne steif nebeneinander, ein Wald gereckt. Schloß die Liste. Legte den Kopf zurück: Fast erreicht, fast erfüllt.

Gab sich der Ruhe hin, Tage, Wochen. Lebte, gab sich preis dem Hafen, dem ungeheuer Kommenden, Gehenden. Fühlte den Herzschlag des Bodens, Wiegen des Horizonts. Mit den Schiffen ging sie hinaus, kehrte sie voll zurück. Traf ein kleines braunes Kind, das die Antennen eines Dampfers visierte, wo die silbernen Sonnen der drahtlosen Netze blitzten. Nahm es mit, badete es, legte es zu sich, hörte die Nacht wieder Herzschlag an ihrem. Wachte, ward nachdenklich, suchte die Gleichung, die Tabellen. Fuhr hinauf über Christiania, fahles Licht prallte ihr entgegen. Die Schiebetür des Lazaretts tat sich auf. Sie sprach den Arzt, die Brillengläser standen scharf auf ihr, er prüfte, legte beiseite. Sie blieb ein paar Tage. Ihr Zimmer stand leer. Andere Pläne umgaben sie, andere Pflichten. Sie blieb dennoch. Sie war nicht draußen nötig, hatte erfüllt, was ihre weibliche Kraft konnte: angeschmiegt an die Aufgabe, diese vorwärts getrieben unhemmbar. Sie kleidete sich um, schritt hinunter zum Saal: »Ist Naga hier?« »Nein.« Am Morgen trat sie in das Zimmer des Zigeuners. Er starrte schweigend: »Durst.« Sie brachte Wasser. Er schiffte in die Wanne. Sie schöpfte sie aus. Grinsend ließ er seinen Darm hinein. Sie legte die Glocke ins Wasser, sog den Schlauch an, ließ altes Wasser heraus, neues hinein. Er lallte einen Fluch. Die Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Er sprach undeutlich. Sie ging in Nagas Saal. Daß sie fehlte. Gut . . . wie schön, das Leben heiter und reizvoll zu nehmen. Der Fiebernde zog an den Lidern. Sie gingen nicht mehr auf. Dunkelheit immer um ihn. Keine Mutter am Bett. »Deine Mutter?« »Tot.« Ihre Hand auf seiner Stirn . . . er erkannte sie. Licht ging hoch auf seinem Gesicht. Unruhige Schatten schwankten, wenn sie sie löste.

»Sie . . . da«, des Predigers Auge irrte unstät von ihr zum Fenster. Er sah die Welt hinter ihr, roch sie in der Luft, die sie noch umgab. Ein Bogen schlug sich von ihrer Schulter übers Meer: dort die Welt, unmeßbar gepreßt, verführerisch, sein Schicksal! Haß kam in seine Augen, brannte auf sie. Sie neigte sich zurück: »Glauben Sie es immer schön . . . leicht?« Er wollte es nicht hören: »Nur dort sein.« Sie lächelte: »Und dann?« . . . . . . . . . . Weiter. Auf und ab die Räume. Blicke gebannt an ihr . . . . . . die Hitze kam. Der Wind ihres Atems brachte Ergebung, Ruhe. »Wasser«, sie eilte, kühlte, verband. Wie leicht das Schwerste zu tragen, stand sie daneben. Welches Glück im Verzweifeln, sah man sie nur fern. Sie teilte aus, schlichtete, sprach zu, freundlich, unbewegt auch durch Trotz, Feindschaft prallte ab, ward Neigung. Die große Schwester kam in der Tür mit ihr zusammen. »Verzeih,« sagte sie, neigte den Kopf, »daß ich deine Instrumente einmal beschmutzte.« »Schon damals verzieh ich.« Die Schwester küßte ungeschickt nach ihrer Hand, traf sie nicht, sondern die Klinke. Aus dem Garten ein Zug . . . ein neuer Kranker, den Blick wie ein Fisch, resigniert ohne Kampf -- -- -- unmögliches Dasein. Sie stachelte ihn auf, zeigte ihm täglich das Neue, Buntes, geliebte Landschaft, Bilder von Karussells und Kirmis. Seine Sehnsucht wuchs, stieg, ward tödlich. Als sie vorbei war, gefestigt in dem Überwundenen, hatte er Heiterkeit. -- -- -- Sie machte Schaum aus Soda, Schmierseife, heißem Wasser. Tag auf Tag beginnend mit Schüssel und Schüssel . . . trotz der Hitze sangen die Matrosen: »Es kommt Gewitter.« Sie sagte es zehnmal, jedesmal mit erneut gesteigerter Kraft. In der Unmöglichkeit wuchs der Glaube nur stärker, verbreitete sich, trat aus. War das Haus eine Kasematte schmelzenden Bleies in weißer Hitze, lauschten schon halb erquickt die Insassen dem Regenfall, den sie versprach. Der Glaube der Männer stieg, stand in dem Raum wie eine Wolke. Der Blick des Predigers traf sie, erstaunt, ohne Haß. »Ich sollte nicht Kraft haben, zu dulden, wo Sie Ungeheures vermögen?« Sie schnitt ihm das Fleisch, legte die Messer hin: »Wie gering ist das alles.«

Nachts beim Füllen des Wassers fiel sie ohnmächtig um neben der Wanne des Zigeuners. Sie sah auf, erwacht. Die große Schwester drückte ihr ein kaltes Wasserkissen auf die Brust, schielte mit den Augen zwinkernd nach der Seite, ein noch nie erblicktes Lächeln um den harten Mund. Der Zigeuner saß in größter Erregung. Er hatte geschrieen, jetzt beruhigte er sich. Als sie allein mit ihm war, stammelte er, Sprechens kaum mehr fähig: »Die . . . vorher . . . schlug mich.« Er tanzte im Wasser auf und ab. Die Angst, sie zu verlieren, löste ihn. Er schlug in die Hände: »Bitte . . . bitte . . .« Dann schwieg er.

Der letzte Sieg. Auch diesen halbverfaulten Kretin, der vor Bösem strotzte, überwand sie.

In diesem Augenblick fühlte sie verzweifelt, daß etwas fehle. Schwer atmend ging sie durch den schwülen Raum. Die Luft vor der Küste war zusammengezogen von silbernen Nebeln. Die Erde, aufgetan, dampfte zarteste Glut. Sie ging, erschrak, öffnete sich mit maßlosem Entzücken: das Meer. Es lag hinter dem Schleier, schlug groß und dumpf. Ein Vogel flog auf, stob über den Boden, setzte sich wieder. Sie erreichte ihn. Er flog zur anderen Seite, wischte den Nebel zu großen Strudeln. »Rype«, rief sie ihm. Ein Hase mit hell leuchtendem Pelz. Der Bach geschliffen, stählern. Langsam das Rauschen einer schwimmenden Otter wie aus der Ferne. Die Gegend ging heller, von seinem Dunst ins Gespenstische zugezogen. Möven schlugen sich hoch. O Möven. Der Mond fiel platt auf das Wasser. Dunkelblau gemeißelt stieg das Meer, ungeheuer gereckt mit metallen gekühlter Wut. Die Möven, hochgerollt, hingen eine unbewegliche Schlange vor dem Himmel. Alles trug ihren demütigen Sieg ihr zu. Am höchsten Triumph spürte sie die Lücke. Es genügte nicht. Das Letzte fehlte. Woher?

Sie hatte Sehnsucht, wußte nicht wohin.

Was Menschliches zu tun war, flammend war es getan. Sie war zufrieden. Nichts störte ihr Treiben. Im Lallen des leprosen Idioten formte sich glühend ein Glück. Hatte entsagt dem Eigenen. Nichts Einzelnes sog, lockte, begehrte. Entwichenes pries nur ihre Unermüdlichkeit. Kein Phantastisches, Gewähntes verwirrte. Dennoch fehlt das Letzte, stieg das Sehnsüchtige unerträglich. Dreieck spannte sich aus den Brauen, ihr eisgrauer Blick streifte das Meer.

Ihr Rücken stieß an etwas.

Ein Baum.

Der Saft zog in sie, ihren Leib, die Schenkel, das Herz. Das Meer ward ein Spiegel, scharf, nebellos: Smaragdene Inseln tauchten aus Fächern der Sonne. Abends kamen sie ins Freie. »Meer«, schrieen sie. Die Sonne sank blutrot über Herden neuer Inseln. Phalux. Der Ottava rauschte, Flöße und Feuer. Warum flog der Körper nicht über das Segel. Tausend Klüver wiegten auf dem Ontario, schliffen träumerisch den Horizont stahlblau . . . .

Sie senkte die Lider, hielt die Sehnsucht fest im Innern, sie durchdrang sie mit dem Saft in jeder Pore. Ihr Leib und der Baum hoben sich, ineinandergeflochten, zum schlankesten Instrument der Sehnsucht. Standen im Traumgrau der Landschaft aufgerichtet, eine Flöte. Der Klang des Blutes, weich sich hebend, nur nach Getrenntem gierig, war Schmerz des Rohrs nach der Weide, aus der es geformt. Wurde tigerhaft, stürzte durch die Gefäße, ein Aufschrei: zurück zur Heimat.

Der Morgen ging auf.

Ein Segelschiff bootete aus. Sie nahm es. Eine Stadt entschwand. Nebel rollten unter der Sonne. Unter braunen Segeln entschwand glühend das Kupferbergwerk in die Klippe. Noch einmal standen die Flaggen starr. Dann fraß das Meer mit einem Ruck das Ganze.

Stand am Schornstein, ging auf Verdeck mit großen raschen Schritten, schaukelte mit jeder großen Woge, ging hinunter, hinauf, es kam ihr entgegen. Der magische Pol ihrer Jugend streifte ihr zu, je näher sie rückte. Studierte Barometer, Karten, die Lotung. Traf Beamte, frug, sah den Kapitän, lächelte. Wind trug ihr Frische zu. Schaum, vom Bug heraufgeschlagen, legte sich köstlich auf ihre Haut, Schmelz blühte sie hoch. Abends unter der eingeholten Fahne kam es: Sie hatte Kraft verbraucht, ihr Leben hingegeben, Stück für Stück vergeben, gezahlt im Guten wie im Bösen. Die Spannung blieb wohl, die sie schnellte. Aber erst der Saft der Erde, aus der sie kam, durchdrang sie neu, strebte ihr entgegen. Kräftigte sie und machte sie schön, glühend, auf langen Beinen die zarterhaltenen Brüste, der wilde Zug um den demütigen Mund, die heißen großen Lippen: daß sie die Stärke habe, tätig und unermüdlich wachsend und handelnd zu warten, Di Contis Vermächtnis erfüllend, daß irgendetwas, Erdbeben, ein Komet, die faulige Erde (geschminkt zwar und kokottenhaft noch lächelnd in ihrer Raserei), durchwühle und stürze, daß Schicksal sich balle und sie selbst zurückkehre, die Maschine zu entfachen in den großen Kreis der Tat, gespeist aus dem Atem ihrer Jugenderde zu Mut und unentspannbarer Dauer.