Part 17
Zwanzigmal das Wasser leeren . . . Gestank. Das eitrige Wasser faulte unter der Hand. Geruch von Brake und Schlachthaus auf den Korridoren, Schweiß in den Krankenräumen . . . ein satanischer Sommer. Die Fenster, weit ausgehängt, lauerten auf Zugluft. Aus den Poren der Mauer kam Hitze. Die Kranken badeten in ihrem Schweiß, der sie anfraß. Die offenen Schenkel wurden brandig. Die Gurgeln wurden trocken, krächzten. Einmal begann einer zu schreien, besinnungslos. Sie stand neben ihm, gab ihm Packungen. Sie kam zu dem Fiebernden: »Nimm dir Wasser.« Er hob den Hals, konnte sie nicht ansehen, die umschlossenen, nie mehr zu öffnenden Augen winselten Dankbarkeit. Sie spritzte mit einer Blumenfontäne Wasser ohne Pause in die Luft. Dünner Regen kam aromatisch nieder, Trost einer Sekunde. Ein Atemzug Glück . . . vorbei. Durch das Zimmer fliegend, sah sie das glanzlose Auge des jungen Priesters. Erstaunt: »Auch Sie . . .« Er schüttelte den Kopf, kein Kleinmut, er lächelte, solches fiel schwerer ab, was ihm menschliche Gewöhnung gelernt, zu schätzen, dies: »Der Geruch.« Ihr linkes Augenlid senkte sich kurz. Sie brachte eine Flasche Eau de Cologne. Er entkorkte die Flasche, roch sie, Tränen schon in den Augen: dies war die Welt. Er drehte sich um. Am Ende bei ihrem Vorbeigehen senkte sich ein maulender struppiger Banditenkopf gebändigt. »Ein Gewitter kommt,« sagte sie, mit dem Leinentuch wehend zum anderen Ende, »den Abend wird es frisch vom Meer.« Im Nebenzimmer, wie Fledermäuse ausgetrocknet, hockten die Matrosen, sangen nicht mehr, Hunde mit trockenen Schnauzen. Lächelnd: »Geduld, Struppige . . . Wind.« Sie bekamen Ausdruck in die Blickwinkel, schielten sich an, stießen die Ellenbogen sich in die Seiten, grinsten, schaukelten auf den Stühlen. »Geduld«, sie wehte zeigend mit dem Tuch nach dem Himmel. Alle sahen hin, alle in Spannung, sahen nach einer Wolke. Der ganze Saal sammelte sich nach dem Himmel, lag auf der Lauer. Sie stand im Zimmer: »Mut.« Der Glaube trat aus ihr heraus. Trat in zwanzig Halbverweste. Vierzig Augen sahen auf sie, traten in sie ein mit ihrer Hoffnung, klammerten sich an sie, schauten gläubig, mit ihrem Mut gestärkt, nach der Erlösung. Rochen nicht mehr ihren Eiter, spürten nicht mehr Schweiß, der ihr Geschwür biß. Keiner, der haderte, niemandes Schmerzruf . . . ganz verhaltene Stille. Der Glaube von zwanzig Unglücklichen ballte sich heftiger als von tausend anderen, der Glaube von zwanzig Unglücklichen stand in dem Zimmer, wuchs in den Räumen. In allen Zimmern stand er auf. Bald das Ende der Qual, bald Wind und Mut, weiter das andere zu tragen. Ein kleiner Windhauch nur . . . welch ein Trost. Die Zimmer verbanden sich mit einer Schicht Vertrauen, die früher nicht herrschte. Die einzelnen kamen sich näher, fühlten sich als Genossen, lachten sich zu. Die Deutschen sangen wieder. Freude stand über den Betten. »Dank.« Sie rief zurück: »Mut.« Der Tag vorüber, die Nacht rot vor Hitze, der Morgen graublau, entsetzliche Last. Durch die Zimmer gehen, immer ein Lächeln. Hinaussehen zum Horizont. Die, die nachts nicht geschlafen, die halb irrsinnig waren vor Schmerzen, alle, die beginnen wollten zu lästern . . . alle einigten sich an diesem Lächeln, unternahmen nichts, wurden still, sahen hinaus auf den Horizont. Sie beruhigte, entflammte still, flüsternd von Ohr zu Ohr, wenn sie sich bückte: »Geduld . . . es kommt.« Der Glaube wuchs in den Zimmern, heftiger, tiefer . . . der Glaube der vierzig Augen stieg, die anderen glaubten, wuchs in die Räume, ballte sich den Tag . . . die ganze Nacht. Schaum am nächsten Morgen am Meer, am Mittag die lähmendste Stille. Gegen Abend wuchs ein Segel, schoß in den Himmel wie ein Gaul, bäumte, riß in einem Rad den Himmel als Strudel in sich . . . Blitze zuckten flatternd, irr . . . Kühlung kam. Die Augen geschlossen . . . die Hingabe erhob sich zu ihr, aller Gefühl: »Dank.«
»Wofür . . .?« Sie starrte hinaus.
Ein Wagen traf ein. Ein Brief.
* * *
Das Verhängte lockte. Das Elend des Einzelnen, der ihr Blut berührt, riß sie von dem, was sie hielt. Der Brief hatte nichts von Gewalt, viel Unterwerfung. Ihr Herz rührte sich ihm zu. Sie unterbrach, reiste drei Tage, fuhr eine Mauer unter Oliven, hörte das Meer, traf in dem Park vor einem kleinen einstöckigen Schloß Stefan, den sie tödlich getroffen glaubte, er wandte sich um, warf eine Bananenscheibe weg, kam über den Rasen. Sie erstarrte, wandte halb um, voll Schmerz und Wut. Hörte seine Stimme. Er log nicht, sie kam nicht umsonst. Sie kannte sein Leben, das zwang, niederhielt, bebenden Boden mit den Beinen feststampfte, sieben Balken im Schweben hielt. Er hatte Minen um sich gelegt. Flog eine, sauste er mit. Er hatte genug, ließ sie fliegen. Es reizte ihn nichts mehr. Er lebte allein seit langem. Er wollte sie sehen, ehe er verreckte.
Ihr Herz war festgebohrt. Es genügte nicht. Sie drehte ganz. Seine Stimme holte sie ein. Das Raubliebende besaß einen Klang, der sie bannte: »Nimmst du mir den Rest Erlösung?« Sie sah das Zerrissene seines Lebens darin, das nun der Erfüllung nahe war. Schicksal, vom Tag, wo sie zuerst ihn sah, hineingeschrieben in jede Falte des Gesichts, erfuhr unerbittlich seine Bestimmung. Wie diese Fahrt seines Blutes nun landete in Reue, sich selbst verwarf, und das Starke sich hinschmiß und bat, ergriff sie mit Rührung, die alles hinüberneigte zu ihm, zagend und nicht ohne Befremden, doch bezaubert: »Gehen wir hinein.«
Sie stellte ihr Leben unter seines, trug im Unbewußten die Last, fühlte seinen Schmerz, seine Seligkeit, sah die Grenze, die bald alles schloß, kannte sie nicht, roch die Katastrophe, bäumte sich vor ihr, legte in ihn hinein, was ihm das Letzte klar machte, beruhigend, sicher, Aufflug und Klarheit.
Sie ritt sich die Schenkel wund, er sandte Reithosen und Salbe. Sie rieb sich die langen schlanken Beine. Durch Gras, durch Fliederhecken, ein Bogen. Ein verfallener Tempel, ein kupferner Mond darauf, Lusthaus der Frauen des passierten Jahrhunderts. Dahinter fielen Terrassen. Vor den tiefen Fenstern des Schlosses tauchten Tritone auf, warfen Wasserlanzen, bliesen aus Hörnern in den blauen Abend. Sie ging zurück, zog sich ins Zimmer, speiste, schlief, suchte ihn morgens. Er saß über Papieren, schrieb. Sie wich zurück. Er sah den Schatten, fuhr herum: »Du störst nicht. Nie.« Das Geschriebene flog vom Tisch. »Doch.« Sie wollte gegen seinen Willen, ihm es leicht machen, wandte sich. Er, ihr sich hingebend, wußte nichts anderes: »Bleib.« Sie blieb.
Die Luft ward silberblau. Blüten rochen herüber in der Nacht. Im gläsernen Bauch des Sommers stand noch der Frühling mit Kastanie und Flieder. Es rauschte Tag auf Tag über die Hängematte. Morgens beim Frühstück frug Stefan: »Reiten wir?« Sie nickte. Kein Vorschlag, den sie nicht annahm. Nach einem Galopp schon sah er die dunklen Ringe unter ihrem Auge, verstand sie, ihre Woche, verlangte, daß sie sofort absteige: »Welch ein Irrsinn . . .« Doch sie log. Wozu Sorge noch mehr ihm geben, diese Stunden vergällen. Lächelnd: »Du irrst.« Weiterreiten unter Schmerzen. Reden mit frischen Lippen. Seine Schläfe lief dick an vor Qual.
Sie stand am Morgen früh auf, öffnete die Tür ihres Zimmers, ging hinaus auf den Rasen, die hohe Mauer entlang. Der Morgen, dunkelrot, verführte mit Pracht, sie ging um das Moorstück mit den dunklen Blumen, bog um den Pavillon. Sie stand unter den Palmen, kam zurück auf die Terrasse. An dem Rondell setzte ein Schmetterling sich auf ihre Achsel. Sie drehte sich herum, da trat Stefan hinter einer Figur vor. »So früh?« sagte er, der spät aufstand. »Nicht sehr!« sagte sie, verschwieg den Weg, den er ihr ansah.
Zwischen den Oliven stand die Sonne hell, klar. Der Horizont gewölbt, kreisrund und stählern, süß die Luft darunter, schwärmerisch die Verzückung des Abends. Eine Lampe auf der Terrasse . . . der samtene Rasen blau in der Dämmerung. Eine Syrinx flog über die Mauer. Sie stand auf, müde. Er begleitete sie bis an ihr Zimmer. Sie drehte sich halb um . . . er folgte nicht.
Sie lag die Nacht wach, in gelber Gardine schwamm der Mond. Das Silber der Stutzuhr im Dunkeln . . . Bilder entblößter Damen, degentragender Herren steif an den Wänden, undeutlich im Dunkel . . . ein Spiegel glomm tiefer und ungründiger in seinen matten Glanz hinein auf dem Toilettetisch . . . kein Geräusch. Kein Vogel. Sie horchte auf Laute. Still und abenteuerlich der Park. Sie wartete.
Den Morgen blieb sie lange liegen, wartete auf die Stunde seines Aufstehens. Als sie hinauskam, sah sie ihn über die Terrasse herkommen. Sie errötete. »So früh?« Er sah auf seine verstaubten Schuhe. »Nicht sehr!«
Ein weißer Blitz setzte über ihre Hängematte am Mittag, schoß über das Rondell, flitzte in den Mittelpavillon. Sie sprang ihm nach. Nach links war der Flügel geschlossen, nach rechts folgten Räume, große Zimmer, vorüber im Lauf bemalte Wände, goldene Rebstöcke, japanische Tapeten, Mosaike, silberne Leuchter . . . die Fenster gingen bis zu dem Rasen . . . da stand Stefan neben einer kleinen Fontäne mitten im Zimmer. Auf seine Schultern hatte ein weißer Windhund die Pfoten gelegt, seine Hand fuhr an dem geschmeidig zitternden Rücken herunter. Er sah ihr Gesicht in der Portiere, ging ungestüm auf sie zu, unterdrückte eine Wallung: »Nimm den Hund. Ich gab ihn weg, weil ich zu sehr ihn verzog. Heute kam er zurück --.« »Ach,« sagte sie, »nein, ich bitte dich, ihn zu behalten.« Er liebte ihn, wie konnte sie ihn nehmen! Blieb fest Beim Abendspeisen sah sie, daß er litt. Sie hatte ihn abgewiesen, um ihn zu freuen. »Verzeih«, sagte sie an der Schwelle ihrer Tür, berührte schwach seinen Arm, sah über die Schulter. Seine Hand zitternd am Pfosten. Die Tür schloß, er folgte nicht. Blumengeruch toll die Nacht. Schlaflos bei aufgerührtem Herzen. Wohin trieben solche Konflikte, helfen wollen und verletzen . . . annehmen und gegen das Opferbereite verstoßen . . . Leid auf jedem der Wege . . . Brausen der Springbrunnen in der Nacht . . . diese Erquickung. Sie sprang hinaus, löste am Bassin der Tritone die Matinee, tauchte in das Wasser. Eine Wasserrose trug eine Tauperle. Sie stieß daran, das Kristall flutete vor Licht, zerbrach, der Himmel ward erschüttert von diesem Fall. Die Büsche schlugen auseinander. Stefan im Pyjama, den Ginster auseinanderbiegend, oben über den Figuren . . sie schloß die Augen zitternd . . . sie sah auf. Stefan war fort. Nichts in seinem Gesicht, das davon sprach den Mittag. Keine Gebärde anders in diesem Kopf. An seiner Ruhe spürte sie die Gespanntheit vor dem Schlag. Sorgen, Trauer, die sein Hirn verwüsteten, die Erwartung der tötlichen Minute, vielleicht schon aus dem Wipfel eines Baums gezückt. Blieb er unrührbar, lief sie heftiger in ihn ein, erschütterte sie seine Haltung unbedingter zu ihm hin. Einmal schoß sein Blick unverhüllt von der Seite, sie sah ihn im Spiegel. Sofort bändigte er ihn wie ein Tier. Sie spürte, wieviel ihm fehle, was er unterdrücke und wie es ihn fast sprengte, daß er sich überwand, sie nicht nahm. Ihr Mitleid erreichte die Tiefe, der blitzhafte Aufriß seines Herzens, das demütig solche Kraft überwand, wies sie zu vertiefterer Aufgabe. Sie mußte den Himmel ihm schöner überrunden, sich unendlicher mit dem Blut unter ihn betten, ganz sich verschenken an das, was sie verschmähte. In der Nacht, als sie schlief, öffnete ein Gewitterwind die nach innen geschliffenen Rundfenster, stürzte sich auf sie, schreiend fuhr sie auf, ergriff den Leuchter, rannte los, sah Stefan an einer Portiere, lief in seinen Arm, entsetzt von Schlaf und Schrecken. Sein Arm kam. Entfesseltes schlang um ihre Taille, noch tastend, zag. Dem Zögernden unterzog sie sich, gab sich hinein. Ein seltsamer Ruf, es schwoll heraus, ihr Hemd schwand, ein Mund nahm ihren. Hände über ihrem Bauch, die langen Beine fuhr es hinunter. Die Kissen schwollen über ihr. Lippen zogen über ihren Leib, küßten die Sonne, die um den Nebel lag, alle Strahlen, die rot wurden. An jede Hautpore wuchs die Hand, unverlierbar nahm sie, ließ wieder, erfaßte Neues. Tiefster Schmerz durchjubelte die Hingabe. »Daisy.« Hell, hingegeben dem Schmerzlichen in der heiseren Frage, ohne Zögern: »Ja.« Die Hand über den Hüften griff zu, Nebel riß über den Augen. Haare lagen zerstört und locker um den Körper, dessen feuchte glänzende Bronze das Kerzenflackern überschwemmte. Sie lag, als er schlief. Sie lächelte über das Geschenk, das sie ihm gab. Es war das Letzte, was sie konnte. Vom verflossenen Gewitter duftet der Garten herein, durchbricht den Raum. Es war ihr, sie erreiche die verschlossenste Grenze seines Wesens, habe ihn erfüllt. Am Morgen öffnete er ihr den versperrten linken Flügel. »Ich sparte es auf bis heute.« Sie trat ein.
* * *
Das Wappen hielt sie fest, lang. Sie zündete die Kerze an. Schlug das Buch auf, zerfuhr es mit den Fingern, blickte um mit einem rätselvollen Gesicht. Einen Augenblick trat der Raum hinein. Sie sah nicht die Rebstöcke aus Gold. Fontänenwasser kam in die verzehrende perlmutterne Schale. Es kamen gerade Herren, golddunkle Bilder, Damen auf der altjapanischen Tapete und Jäger mit demantener Agraffe. Es kam ein Degen. Zersplittert, in den Trümmern gerahmt ein Spiegel mit dem Pistolenschuß in der Mitte. Es kam auf dem Tabourett in Wachs mit blauen Adern ein Kopf, eine rechte Hand. Es trat wieder aus ihr hinaus. Sie sah nur das Wappen. Es hielt. Es war das eigene, kam herauf aus den gestrichenen Jahrzehnten, wurzelte unten im Schoß der Generation. Ihr Blut griff zu, vermählte sich. Saß über holzgeschnittenen Signets. Es kamen ungeschickte, gestammelte Worte. Geschnörkelte Zeichnungen machten den Übergang unsicher. Hochmütige Sätze kamen, Buchstaben großer Form. Der Wahlspruch schien auf: Wenn ihr mit Männern spielt, so wißt mit wem . . . Und ist es mit Frauen, um was ihr spielt. -- Aus dem Buch stieg der Saft des Gelebten. Der Raum erhielt Gewalt. Aus den Blättern der Miniaturen quoll der angesammelte Atem der Generationen. Die Farbe der Gewänder bekam Gewalt und blühte.
Die Miniaturen platzten unter den Muskeln, die sich reckten. Der Stolz der Frauen sprengte die Taillen und die Sanftmut der Elfenbeinfarben. Die Wangen röteten sich unter dem Puder und glühten, Lider hoben sich schwarz und flammten sie an. Degen und brokatene Mäntel zuckten. Ein kühnes Auge traf sie wild. Ein Turban erschien mit den Augen der Gazelle darunter in der Galerie der Frauen. Von da ab waren die Köpfe ähnlich wie der ihre, wie ihres Vaters.
Sie sah den Ahnen, der dies Haus sich baute. Sein Körper war größer und gewandter wie der der anderen. Sein Gesicht glatt und gefurcht von zwei großen leidenschaftlichen Linien. Unter dem Feuer seines Auges fingen die Spiegel des Raumes zu leuchten an, in ihrem verschleierten Glanz begannen weiche Hüften der Frauen zu wiegen, braune Torsos schlangen sich dagegen. Atem wilden Genusses rauschte mit Lachen in der Seide. Dies Gesicht führte ihr Geschlecht auf den höchsten Punkt ihres Blutes.
Sie sah seine Schrift, seine Briefe. Frauenleiber wandten sich ihm zu und sträubten sich auf vor ihm. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle . . . ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die Luft. An einem heißen Abend begann er, dies Schloß zu bauen für den Sommer und die Zärtlichkeit der Frauen. Er stand davor, als er ankam. Die tiefen Fenster wühlten in der wollüstigen Nacht. Terrassen bogen sich kühl hinunter zwischen dem Taxus und den Hermen. Der Park stand wild voll Duft der Rosen und Jasminen. Fontänen bohrten sprühende Lanzen in die blaue Blumendämmerung. Ein Zimmer war erleuchtet mit vielen Kerzen. Er trat hinein. Am Morgen schrieb er mit vier Sekretären, noch feucht von der Haut der Geliebten. Dann ging die Sonne auf, er erhob sich und weckte sie aus Träumen von ihm. Da jagte er die Tiere. Die Sommer wechselten und fielen heiß herunter einer in die Spur des anderen. Da liebte er Dirnen. Er schoß die Saue. Das Pferd rannte unter dem Spiel seiner Schenkel. Kerzen blitzten um nächtliche Spiele. Lange Profile hingen wie Glas gegen den Schatten. Die Edelleute naher Höfe schwitzten um seinen Kartenschlag. Da fuhr er in Wagen. Da schlug er Hunde und küßte die Nägel ungeliebter Frauen. Ein einsamer Sommer umgab ihn ganz allein. Er wanderte, die Arme über die Brust gekreuzt, die Wege herauf, die Wege herunter. Seine Augenbrauen schoben sich im Dreieck zueinander. In einem zitronen trockenen Juli sah er auf der Landstraße ein braunes Kind, das in den Himmel lachte und nicht sprach. Er nahm es mit sich. Aus heißen Ritten warf er den Körper in das Bassin, das kristallen um ihn schäumte. Dumpfe Nächte durchschlief er mit schweißigem Haar. Mit großen Orden, den Degen zum Knie gesenkt, empfing er eine Fürstin, den Fuß am Schlag. Sie warf ihm Blicke zu durch das Glas ihrer Equipage, die er geschmeichelt nahm. Er diktierte Briefe, Befehle, Politik. Er arbeitete eine Intrige aus, die in London sich kraus gestaltete. -- Dann schlief er allein durch einen ganzen Sommer sich durch, locker in der Kleidung, zufrieden und still das Gesicht . . nichts weiter tuend, als den Himmel ansehen durch den Regenbogen der Tritone . . .
Das Buch blieb geschlossen, die Lider stellten sich nach innen. Der Raum trat aus ihr heraus, wie die Fenster sich öffneten alle in den Parkmorgen. Stefan rief herein, sie ging neben ihm. Blätter, Büsche, Esel tanzten vorbei. Sie gingen. Das Ende kannte sie, seine Arbeit, seinen Tod. Es hatte ihre Jugend durchdrungen, ihrem Dasein Luft gegeben, Liebe. Daher kam sie. Das Vorspiel war neu, unwichtig, aber bestimmend. Er ging vor ihr her, die gleiche Kurve unten am Rand des Geschlechts, der gleiche Schnittpunkt führte sie wie ihn. Aus dem Knax kam sein Werk. Sein Rausch wurde Sinn, als die Gegenströmung in seine Sehnsucht sauste. Die Summen zog er aus dem Entsagen. Sie reckte sich, spürte sich mit ihm durchblutet. Er ging vor ihr, war der Vordere, ließ ihr ein Vermächtnis. Sie lächelte, sicher genug in sich, aber die Rechtfertigung ihres Daseins aus dieser mystischen Quelle bog sie auf vor Befriedigung. Sie gingen. Luft strömte frischer, die Beeren leuchteten. Sie gingen rascher. Er hatte gelitten, geschafft, die Lippen zerbissen, ausgeschlagen, sie empfand jede seiner Minuten. Das Vermächtnis wuchs. Von Vaudreuils Herzschlag vorwärtsgeschnellt fühlte sie sich getrieben. Fortsetzung seines Handelns kam an sie nach der Pause des Geschlechts, nach der Ruhe. Sie führte zurück in die Gemeinschaft, was er restlos erwarb. Er eroberte. Sie half. Das Angehäufte veredelte nun. Er schuf Platz für Menschen, siedelte, schaffte Arbeit. Sie aber befreite, die Sklaven geworden in diesem Beruf. In ihrem Blut saß die Vertrautheit seines Schicksals so, als habe er sie gezeugt, erzogen, seine Adern hinübergeführt in ihre. Und jeder Tropfen Blut trieb, forderte, verhieß Vollendung, Wirkung, aufbäumenden Zwang zur Tat. Die neue Kraft, die bestätigte, bestürzte sie, machte sie gierig nach Tätigkeit, wenn diese Mission vollendet, die sie noch umfing. Sie neigte sich zur Seite, nahm Stefans Hand. Es würde vorübergehen. Sie gingen.
Das Gefühl durchdrang den Tag, machte Weichheit hingegebener an das Umgebende, das Umgebende tiefer verliebt in sie. Die Riesennelken der Beete brachen auf unter ihrer Berührung, die Zinnfiguren trugen ihr Lächeln, die Mauern wichen tief vor ihrem Blick in den Himmel. Das Tor fiel auf. Unter den Lerchen flog betäubend der Horizont auf. Bienen schossen in dunklen Bogen, die Wiese, die sie berührte, flammt gelb und zart. Sie gingen, nahmen auf, gaben aus. Liebkosten Rehe, scheuten die Saue auf, lachten sie zurück. Nahmen Pferde an der Ferme, trabten durch die Feigen, um den dreizackigen Wolkenberg, speisten Zwiebel, Butter, Brot, sanken im tiefen Schatten in Schlaf. In die violette Dämmerung ergoß sich ihre Ruhe. Kein Wort. Er hielt ihren Halfter, sie gaben die Gäule ab. Ein Fasan lief über den Weg, Pfaue gingen in einer Kette. Die Bäume der Allee fielen in rosane Glut. Stefan nahm eine Göttin, hob sie auf die Erde ins Gebüsch, stellte Daisy auf den Sockel. Sie senkte die Beine in einer von Anmut so erfüllten Bewegung, daß ihr Knie seine Stirn traf, dann seinen Mund. Sie spürte ihn, war plötzlich allein. Suchte, rief seinen Namen. Kam an den Pavillon, verwirrte sich in den Gladiolen, lief in der Gartenstrecke, kam an die Lichtung. Die Terrassen hingen beleuchtet. Ein Fest. Die Fenster hell, Springbrunnen fluteten durch die Nacht. Atemlose Stille. Ihr Name kam breit und voll Sehnsucht geworfen. Sie ging hinein in den Namen, besinnungslos.
Sie verließ ihn, ging hinaus, sah den roten Mond durch die Pappel schwimmen. Das Wasser. Das Bassin überschäumte weiß, bläulich ihre Haut. Tritone sangen über ihr. Den breiten Guß eines Löwen fing sie mit der Brust. Die Blumen schwelgten in der heißen Luft. Das silberne Füllhorn schäumte unter der Sichel. Es überkam sie Sehnsucht, mehr ihm sich noch zu geben, Furcht, etwas zu versäumen, Schreck, daß das Schicksal niedersause. Sie überließ sich dem Wasser. Langsam kam die Ruhe, die einbezog sie in das Geschehen der Nacht. Im Stillerwerden der Luft ward es klarer in ihr, bis sie den Ausgleich erreichte, wo nichts sie rührte, alles sie verband. Sie ging hinein, suchte, traf ihn in seinem Schlafzimmer, die Stirn am Fenster, er hatte ihr zugesehen. Sie lächelte. Ihr Blick sah hinter ihm im Kreis der Lampe eine Schale. Sie erbleichte. Zog zwei Kugeln heraus, nickte zu einer, hielt die andere sprachlos ihm auf der offenen Hand entgegen. Ihr Augen säumten sich, wurden klein.
Sie frug mit dem Blick.
Ihre Lippen trugen den Namen.
Heiser sagte er:
»Le Beau.«
* * *
Befreite er ihn, klappte das Messer, riß die Schlinge, flog die Mine, die ihn erledigte. Er hatte noch kurze Zeit, bis das Schicksal fiel, lebte, die Uhr in der Hand. Solange bedurfte er die Sicherheit gegen jede Möglichkeit. Er hatte Jahre sie gesucht. Paris, Marseille, Kalkutta, Pegu . . . hatte sein Leben umgestülpt, auf sie gerichtet, wurde gut an ihr. Was wog die Ausnahme gegen das Ganze? Nichts. Das Gewaltige seiner Änderung umfing sie, als sie verglich, trieb sie zu ihm, unter ihn: »Ich bin bei dir.«
Nachts stand der andere auf, forderte. Sie tat Unrecht, um Liebe zu erweisen. Sie hörte die fadendünne Stutzuhr, sah die Sonne prallen gegen die Rideaux. Wischte die Nacht weg. Aus den mähnigen, windgestrählten Sonnenblumen trat Stefan. Sie sah über ihm die Katastrophe. Was galt Überlegung vorm Tod. Es flog aus ihr, bedingungslos, hinweg.