Die Achatnen Kugeln: Roman

Part 16

Chapter 163,382 wordsPublic domain

Die Arme standen etwas ab. Die Sonne kam. Eine Fahne wehte, das Georgskreuz, schon vorüber. Welch unendliche Kühle des Sommermorgens. Welche Frische des Blaues. Sie ging weiter. Der Staub ward rötlich. Die Riffe des Kessels ballten sich dunkel, unerreicht noch vom Licht. Sie ging. Gezackte Wolken am Horizont . . . Mövenflügel in Spiralen hoch sich schleudernd . . . die Eidern weich geschaukelt in der Bucht -- -- -- der Tag stieg, wölbte Licht. Aus der Wiese kam ein Gaul auf sie zugelaufen, hielt, hob das rosane frische Maul, legte es auf ihre Schulter. Lief davon.

Das Kupferbergwerk glühte aus dem Fels. Sand . . . Sonne leckte darauf . . . die Ebene kam. Oben das spitze Tal. Sie ging hindurch. Fahlweißes Licht prallte ihr entgegen. Sie stand vor dem Haus wieder, von der anderen Seite, das, ein Nabel, zwischen der Ebene und dem Gebirge lag. Aus einem oberen Fenster sah ein blauzerquollenes Gesicht. Ungetrübt durch Schmerz wehte es rein in ihr auf, durch sie hin. Die Liebe quoll verdichteter in ihr. Sie schlug die Augen auf. Mit unerbittlich weichen Buchstaben stand über dem Eingang vor dem Himmel geschrieben: Hilfe den Menschen.

Eine grelle Stimme: »Was wollen Sie?«

»Hinein.«

Der fünfte Abschnitt

Die zwanzigste Schüssel . . . sie hing das Tuch an den Ständer, goß den Zuber aus, stülpte die letzte auf die Neunzehn. -- »Durst.« Sie brachte Wasser an ein Bett. Sie schaukelte den Zuber in die Badewanne, ließ heißes Wasser einlaufen, nahm Soda, griff in Schmierseife, schlug Schaum mit einer Bürste. Nun kamen die Näpfe. Mit einem Zangenpinsel fuhr sie in den Hals der Urinenten, bog den Draht, schabte den Kalk innen ab. Das Wasser sprudelte. Sie wusch den Nachtstuhl aus. Die Tür weit offen . . . es dampfte nach Kaffee. Sie schaukelte das Wasser in die Wanne, wusch die Wanne aus mit Seife und Sand, schaukelte den Zuber mit den Henkeln auf der Wanne unter den Hahn.

Neues heißes Wasser . . . es lief nicht mehr. Sie schob den Schalter langsam herum und hielt ein Streichholz daran. Der schmale Gasofen an der Wand spie nach unten Ruß, nach oben die blaue Flamme, es donnerte. Sie sprang in die Flamme, schob den Schalter zurück. »Langsamer öffnen«, sagte eine Stimme hinter ihr. Sie öffnete langsam, entzündete das Holz. Der Ofen explodierte. »Langsamer sage ich . . .« Ihr rußiges Gesicht sah um. Langsam öffnete sie, die Stichflamme schoß in das Zimmer, das Gas knatterte irrsinnig, an der Decke das Licht losch aus.

»Schreiben Sie auf: der Ofen wird repariert.«

Sie nahm ihr Buch, notierte es. Es stand zum drittenmal mit Blei geschrieben. Jedesmal untereinander. Der Ofen wurde nicht repariert.

Die Türe fiel hinter dem Arzt.

In der Dämmerung wusch sie die Becken im kalten Wasser. Dann trug sie Bürste, Pinsel, Stuhl hinaus. Auf dem Gang standen Sechs vor einem Tisch in Hemden und wuschen sich Hals und Brust. »Meine Zahnbürste.« »Schlappmaul . . . meine.« Ein Rippenstoß . . . sie torkelten im Korridor. »Laßt mich durch.« Sofort wichen sie zur Seite. Das Klosett verschlossen: »nicht in Ruhe einmal scheißen . . .« Sie wartete ruhig. Sie bückte sich unter den Tisch. »Deine Zahnbürste -- -- --« Der Mann winselte. Im Klosett keifte es. In hängenden Hosen erschien er dann in der Tür, ungekämmt, rieb sich die Augen mürrisch. Als er sie sah, ging er auf die Seite, wich ihr aus, senkte den Blick. »Falle nicht,« sagte sie, »der Boden ist naß.« Die sich wuschen, tuschelten nur noch miteinander, Mund an Ohr. Sie machte das Fenster auf im Klosett, zog die Wasserspülung, wusch den Boden auf, rieb das Porzellan glatt. Der Schnee draußen schimmerte frostig. Sie schloß das Fenster.

Ihr Name flatterte zweimal im Flur. Sie stand neben einem Bett. Sie nahm zwei Beine, hob sie hoch. Die dicke Schwester, die den Kopf hielt, schrie den Mann an mit drohendem Baß, die andere band ihm die Hände fest. Der Schwären auf seiner Weiche juckte ihn so, daß er nun hüpfte im Bett. Die Dicke gab ihm Kaffee in den Mund, das Brot.

Sie fuhren die Betten in die Ecke. Achtzehn. Die freie Seite kehrten sie, wanden Lumpen um die Besen, wuschen auf, ließen trocknen, fuhren die Betten herüber, bewältigten die andere Seite.

»Daisy . . .« Bittender Ruf. Sie ging mit. Naga hing in ihrem Arm. Sie gingen über zwei Korridore in den höheren Stock. »Bist du müde?« Die Brust der kleinen festen Schwester schmiegte sich an ihren Arm. In dem Zimmer standen zwei Kolonnen Betten, alle belegt. Die Luft roch scharf nach nassem Tuch. Große Scheiben gingen ins Land. Aus jedem Bett ragte ein Bein, ein Arm . . . und lag in einem Gefäß mit Wasser. Naga hielt Bein um Bein, Arm um Arm. Daisy trug die Wannen hinaus, leerte sie von eitrigem Gerinnsel, scheuerte sie, füllte sie neu. Das siebente Bett . . . ein junger Mann warf sich im Fieber herum -- -- -- »Ja, wir werden deiner Mutter schreiben.« Das elfte Bett . . . die Fieberkurve gestiegen -- sie machte ein Kreuz auf das Brett, drückte auf einen Knopf. Der Kranke kannte die Bewegung, begann zu winseln, das Bein blau, geschwollen . . . er warf sich knirschend herum. Sie drückte wieder auf den Knopf. Jeder kannte die Bewegung. »Nur ein kleiner Schnitt.« Er lächelte ungläubig, sie nickte.

Ihr Name auf der Treppe.

Sie trug mit der großen breiten Schwester Mann auf Mann ins Bad. Sie hielt sie unter den Armen, die andere an den Knöcheln. Im Bad stand ein Schemel. Darauf lag wechselnd ein verbundenes Bein, ein Knie, ein Arm. Einer lag darübergekrümmt auf der Seite. Sie wuschen die Leute ab mit Seife und dicken Bürsten. Sie hoben sie heraus auf den Stuhl, trockneten sie mit den Fingerspitzen ab:

»Du hast Naga geholfen.«

Sie nickte.

»Sie soll es nicht tun, wenn sie der Aufgabe nicht gewachsen ist.«

»Ich habe nichts versäumt.«

Sie trugen einen anderen herein. Als sie schruppten, ging die Haut ihm ab wie einer Schlange. Er hatte sich gekratzt, »Du Schwein . . .« Er sah die große Schwester an, er sprach kein Wort. Daisy rieb vier Leuten den Rücken, die Schenkel ab mit Spiritus, gab Puder darauf, ging zu Nagas Station, setzte sich zu dem Fiebernden, horchte, sprach, schrieb . . .: »Liebe Mutter -- -- -- ich bin nicht schuld . . .«

Sie aß zu Mittag, ging vor das Haus auf einen Liegestuhl, deckte sich zu und schloß die Augen. Die Sonne brannte auf den Schnee und färbte ihr Gesicht. Sie ließ die Glieder sich lösen, Müdigkeit floß an ihr herab, halb schlafend flog ein Zug zufriedenen Liegens ihr an den Mund.

Sie stand neben dem Arzt. Ein neuer Kranker ward eingeliefert, ein junger Prediger, der entsetzt in die Brille des Arztes stierte: »Sie werden gut tun, sich damit auseinanderzusetzen, daß Sie hier bleiben. Die Welt draußen ist vorbei. Sie werden hier sterben. Wenn Sie so denken, werden Sie ruhiger leben, weil Sie ein kluger Mensch sind.«

Sie ging still mit dem Arzt hinaus, trat von dem Flur in das Nebenzimmer. Ein Raum dick voll Rauch. Gesichter schwankten mit Bärten zerfließend in der geballten Luft . . . deutsche Matrosen mit Scharbock von Grönland. Die leichte Abteilung, nichts gegen die Tragödie drüben. Gesang:

Isch un du Mir hawwe uns so gern un leck'st de misch bei Dag am Arsch da brauchst de kei Laddern.

Sie stand auf dem Sims, wusch mit Petroleum das Lambris, wusch das Fenster. Sie zog ein Spinnweb aus der Ecke. Sie kehrte die Asche der Zigarren am Boden zusammen, unter der Heizung jagte sie Flocken, putzte das Messing der Klinken. Immer ein freier Raum um sie. Immer der fremde Gesang. Die Männer kaum sichtbar in dem Qualm:

Isch un du mir hawwe uns so gern un leck'st de misch bei Nacht am Arsch da scheine der die Schdern.

Sie ging auf den Zehen an das Bett des Geistlichen. Sein Auge sah starr, gebrochen vor Melancholie in die Ecke. Er spürte nichts wie die Vernichtung. Hier Ende seines Lebens. Aufgezogen von einer schönen Frau, seiner Mutter, hier nun verfaulen. Unmöglich zu fassen, das konnte nicht sein, seine guten Glieder . . . dieser Mund, der schöne und tapfere Dinge sagte . . . wenn Gott war, so war dies unbegreiflich . . . ein schwaches Lächeln -- er glaubte es nicht -- . . . als die Lippen anschwollen, starrte er vor sich hin. Fassungslos dies große Ungeheure vor sich, sein Geist zu enge Öffnung, als daß so Maßloses sich in ihn schon so rasch ergösse. Zu klein sein Hirn für solchen ungeahnten Gott. Acht Tage lag er steif. Dann fraß ihn das Neue, indem es ihn an sich gewöhnte. Da gab er sich Wochen der Wut und der Anklage. Der Ausschnitt seines Zimmers, das Stück kümmerliche Landschaft ward ihm die Welt. Der Mond, entsetzlich aufsteigend . . . er würde ihn nie mehr sehen von anderem Ort, die Blumengerüche, der Dampf der regenbeschwerten Erde . . . ein Bauernmädchen, das vorbeiging . . . nichts zu halten, in die Ferne gerückt, nie zu berühren und zu haben . . . welches Schicksal. An das Fenster treten, dies alles inbrünstig sehen, nie haben werden, mit aller Wildheit begehren, kein Gott, der es ihm in die Hände geben würde . . . warum diese Grausamkeit . . . warum ihm . . . -- -- Jahre stiegen auf in dem Fensterbogen, entfalteten sich, zeigten jede Sekunde mit einer Eindringlichkeit, die die Augen schmerzte . . . Spiele der Jugend . . . eine schmale Frau trat an sein Bett, ein Garten abends . . . er hielt es nicht mehr . . . schrie. Daisy kam, stellte Wasser neben ihn, rückte einen Stuhl zurecht, legte Bücher darauf -- und ging. Er folgte ihr mit dem Blick, bog ihn zu dem Fenster. Da stand seine Jugend. Wie war es zu tragen . . . Nun litt er mit geschlossenem Gesicht. Als der Pendel durchschwang, der Kern des Leides durchlitten war, löste es sich in schmerzliche Seligkeit, er begann beim Abebben des Zorns eines Nachts zu weinen. Hell wie ein Kind. Das ganze Haus hörte ihn. Nach Wochen sagte er zu Daisy: »Wenn ich begreife, daß ein Körper wie meiner verfault -- -- wie soll ich fassen, daß Sie in einer Arbeit wie dieser leben können.« Da sah er ihren Blick zum erstenmal, der mehr Abgeschlossenes hatte mit den Dingen wie der seine, fuhr hoch. »Was wundert Sie?« fragte Daisy. Da begann sein Blick an ihrem sich zu erstaunen und zu kräftigen. Ihm schien Sterben nicht mehr schwer von dieser Sekunde. Sein Auge folgte dieser Schwester, wo es sie sah.

Der Arzt nahm sie mit in sein Kabinett: »Sie werden mir operieren helfen. Sie sind ohne Laune, ruhig.« Die große Schwester haßte sie von diesem Tag. Sie hetzte einen Saal auf. Nachts auf dem Korridor umarmte sie einer von hinten, fiel unter ihrer Parade schreiend zurück. Licht fiel auf sein Gesicht: »Ich sage es diesmal nicht dem Arzt.« Er verkroch sich. Auf diesen Mann konnte sie sich verlassen von nun ab, unbedingt.

Sie hatte das Zimmer über dem Operationsraum, eine Glaswand trennte diesen in Manneshöhe von ihr. Sie sah nachts einen Schatten, der die Instrumente beschmutzte und zerwühlte. Sie stand früh auf und ordnete es wie neu.

Es kam eine alte Frau, saß an dem Bett des Fiebernden: »Ist das mein Sohn?«

»Ihr Sohn.«

»Das ist ungeheuerlich.«

Der Kloß verdrehte die Augen, flüsterte, schlug die roten Deckel zurück, die, ohne Lider, nur im engen Schlitz sich noch öffneten. »Das ist ungeheuerlich. Das ist nicht mein Sohn. Das soll ein Mensch sein . . . Warum erschlägt man das nicht. Ist das Gottes Güte? . . . Mein Sohn, den ich auf die Steuerschule schickte . . .«

»Haben Sie den Mut, es leicht zu nehmen.«

»Sind sie wahnsinnig, Schwester?«

»So haben sie -- zum mindesten -- soviel Liebe, tapfer zu sein.« Die Frau blieb starr unter dieser plötzlich harten Stimme, neigte den Kopf. Daisy legte ein nasses Tuch auf die Augen des Kranken, wischte sie aus und ging. Sie ging durch den Flur. Auf der Schwelle saßen Zwei und droschen Karten: »Mitspielen . . .« Verschmitzte Gesichter. Sie lachte hell: »Ihr Dorsche . . .« Tief befriedigt brüllten die Zwei in sich hinein. Im Garten der Frühling. Grün überall leuchtend . . . Eine Amsel schlug an, hob den silbernen Lauf und bog ihn elegisch in die Höhe. Daisy wiederholte. Die Amsel pfiff die Läufe zarter und inniger zurück.

Die Uhr schlug. In einem weißen Zimmer allein stand eine Wanne. Der Zigeuner darin schlief, die Arme auf den Rändern aufgestützt. Sie band das Wachstuch weg, legte eine Glocke mit einem Rohr in das Wasser, sog an dem Schlauch, hing das Ende in einen Eimer, ließ Eimer auf Eimer heraus. Dann wusch sie mit Spiritus und Watte den Körper ab, immer im Bogen um die offenen Stellen. Sie nahm die Füße, rieb sie mit Äther aus und gab gelbe Vaseline darauf. Sie waren im Wasser wie Hirne geworden, weiß, tief gefurcht. Dann trug sie die Eimer heißes Wasser in die Wanne.

Der Kranke ließ seinen Urin hinein.

Sie setzte die Glocke an, leerte aus, goß wieder neues Wasser ein. Eine Stunde. Der Kranke sah zu, folgte jeder ihrer Bewegungen katzenhaft. Ein Pfarrer kam, wandte sich zu ihm, allein er schloß die Augen, als schlafe er. Als Daisy fertig war, grinste er und gab seinen Darm in das frische Wasser; Daisy sog das Wasser heraus, gab wieder neues zu. Wohltätiger Besuch kam aus der Stadt. Der Zigeuner zog das Wachstuch weg und zeigte, um zu größeren Geschenken zu rühren, seinen zerfleischten Körper. Die Dame schluckte, übergab sich noch im Zimmer und eilte hinaus. Daisy zog das Erbrochene auf, der Zigeuner warf wütende Blicke.

»Sie mißt mich falsch«, sagte er dem Arzt.

»So . . .«, sagte er und zog den Mund herunter. Der Zigeuner sah zur Seite.

»Scheißen«, rief er. Sie ließ das Wasser aus, zog den Gummiring unter ihm weg, schob den Stechnapf hinein. Es war eine Lüge. Sie gab ihm neues Wasser.

Er ließ den Arzt holen. Sie petze ihn . . . »Du Schwein«, sagte der Arzt und schlug ihn aufs Ohr. Zwei Tage darauf vertraute er der großen Schwester an, indem er weinte und sie zu Fragen zwang, er sei traurig, Daisy speise ihm sein Essen. Sie meldete es, der Pflicht folgend, dem Arzt. »Wie können Sie . . .?« Sie sagte gegen sein Brausen: »Das Statut.« Der Arzt untersuchte und gab dem Zigeuner wegen Verleumdung einen Tag Hunger. An diesem Tag speiste ihn Daisy mit ihrem Essen. Bei der Morgenvisite zeigte er es an. Seine Stimme lauerte auf den Verweis. Der Arzt tat ihm nicht den Gefallen, sondern bestrafte die Bosheit mit zwei Tage Hunger. »Es wird durchgeführt.« Ein Blick in die Runde. Die Tür fiel zu.

Daisy folgte, setzte sich für ihn ein: »Warum?« Zwei Brillengläser funkelten sie an. Sie lehnte an den Tisch: »Er wird sein Leben im Wasser liegen. Sein Haß gegen alles andere ist natürlich. Aber -- Strafe wird ihn nie bessern.« »Nein,« sagte der Arzt »das ist nicht meine Sache . . . aber die Autorität wird gewahrt.« In diesen zwei Tagen ließ Daisy von Naga sich vertreten, tauschte mit ihr die Station. Sie wohnte in Nagas Zimmer. Ein Gartenbusch lehnte herein. Die Blumenterrasse dahinter schwoll herein, der Rasen roch. Morgens die Luft blau und gold, Vögel darin, die unsichtbar sangen. Im Garten Naga, in den Hüften gebeugt. Eine Eidechse lief über den Kies, grün, glatt, rollte sich über einen heißen Stein, hob die Augen, züngelte herauf, lief weiter. Naga bückte sich, huschte rasch, geschmeidig die Hand darauf, hob die Faust, aus der oben der toderschreckte Tierkopf, unten steif der Schwanz heraussah, federte den schlanken Körper herum . . . ein Gesicht fassungslos aufgegangen in der Freude. »Bleib«, sagte Daisy, ging hinauf auf ihre Station, besorgte das Nötige auf der Nagas, die hinter einem Busch saß, Wolken ansah, die aus dem Meer stiegen.

Zwei Männer kamen durch den Garten. Sie wiesen ihre Papiere. Sie kamen von einem spanischen Segler. »Scharbockabteilung. In vier Wochen kommt Ihr wieder raus.« Naga führte sie hinauf. Sie wurden ausgekleidet, gebadet, geräuchert, frisch gekleidet. Naga überwachte es. In der Nacht wiegte ein Gemurmel, lange halb undeutlich, als striche Wind mit Bäumen. Dann schwoll die Bewegung, die Wände des Gebäudes gaben sie weiter, echoten leis, knaxten. Stimmen schwebten hindurch, mischten sich. Plötzlich sang einer heiser und laut.

Naga ging dem Geräusch nach, blitzte mit der Laterne auf leere Betten, kam durch Tür und Türen näher. Sie stand vor dem Operationssaal. Den Schlüssel vergessen abzuziehen . . . sie erbleichte. »Coño«, rief der eine Spanier und warf seinen Mantel auf den Tisch. Links lagen Flaschen auf dem Boden. Eingeschmuggelt . . . zu wenig Achtung auf ihre Mäntel . . . der Garten. Sie ging hinein, rasch, fest. Die Fenster waren geöffnet, die Bettücher hingen als Flaggen hinaus. Patienten der Lepra mit Flaschen am Mund, taumelnd, in der Hand . . . die Spanier tanzend und krähend eine Orgie . . . Naga stand stumm eine Sekunde, verzog den Mund zum Weinen und ging starr auf den Spanier zu, riß an der Flasche, da ging der Schwarze in das Knie, zupfte mit kurzen Rucken an ihrem Rock, er fiel nieder, er preßte den Kopf an ihre Knie. Entsetzt fühlte sie den Druck, schon nach der Tür . . . Geheul . . . versperrt der Ausgang. Sie sah die Leine, hing sich daran, schellte Alarm, riß die Schnur ab . . . die Patienten machten Jagd, stöhnten ihr nach . . . um den Operationstisch. -- -- Da schnitt eine Stimme herein. Das Licht wurde dreifach, ein Reflektor glühte aus der offenen Tür. Weit geöffnet schrie der Mund des hereinkommenden Arztes. Sie wurde ohnmächtig. Schwestern, Gehilfen drangen herein. Der Spanier ward gefesselt, ein Lepröser in die Zwangsjacke gesteckt, er schäumte. »Still hinüber«; zwei kurze Befehle: »Me caco de la puñedra y jodida alma de la grandissima puda madre qué te caco . . .« Ein steiler Arm hob sich kurz vor Daisy, die ihn unter dem Tisch entdeckte. Hinaus . . . Einen Augenblick stand ein Kreis noch erregt plaudernd um den Arzt, der sich in Sublimat wusch. Dann gingen Türen. Als alles still war, öffnete sich leis Daisys Tür. Naga kam, schmiegte sich auf dem Bett an sie: »Ich kann nicht mehr . . .«

Es war dunkel: »Wie lange hast du Kontrakt?«

»Oktober.«

»Geh sofort.«

Doch Augen kamen ihr im Kissen entgegen, die getröstet werden wollten, gehalten, die noch nicht gehen wollten: »Aber du kannst es doch. Arbeitest du nicht wie Vier. Hast du nicht Kraft, alle Sehnsucht zu verdrängen. Hast du dazu nicht mehr gesehen, erlebt wie wir?« Sie zog sie neben sich: »Der Wille genügt nicht. Nichts wird vom Ende aus begonnen. Geh, lebe. Kommst du nicht wieder, fandest du Gegebeneres für dein Schicksal. Kommst du wieder, ist nichts so entsetzlich, du trügest es nicht mit einem Lächeln.« Nagas verweintes Gesicht suchte auf dem Kissen nach ihrem. Tränen an ihrem Mund. Schluchzen . . . was sollte dies Kind hier. Erst hindurch durch das andere . . . was das Leben zärtlich und schön macht. »Geh.« Naga ging schlafen. Die Nacht darauf hatte Daisy Wache bei dem Zigeuner. Er stellte sich fiebrig, damit sie nicht zum Schlafen komme. Es klirrte im Nebenraum. Daisy ging hinein, schloß die Tür hinter sich, reichte Pakete hinaus, ein Kuß mit Tränen, die im Mund blieben. »Mut«, geflüstert ein heißes Wort zurück, kaum verständlich vor Weinen. Das Fenster geschlossen . . . zurück zu dem Zigeuner . . . auch dies vorüber. Naga würde nun fehlen. Kein Lächeln mehr im Hause sein.

Der Zigeuner fluchte. Sie lächelte, einzige Antwort. Bosheit verzerrte sein Gesicht, er klotzte wie ein Neger. Sie hatte ihn kurz verlassen . . . er beschimpfte sie. Sie hatte Unrecht, ihn eine Sekunde zu verlassen, sie nahm seinen Vorwurf hin: Du hast recht. Unbeugsam blieb ihr Mund durch seine Tücke. Er kam in Raserei, gab ihr jeden Fluch seiner Jugend. »Schlaf«, sagte sie mild. Er spie ihr in das Gesicht. »Du Armer.« Sie setzte sich in eine Ecke. Dunkel nun im Raum, halb licht vom Morgen. Ganz allein in der Nacht ihr Wachen . . . unendliche Stille ausgegossen in ihr. Die Fenstergardinen schwankten . . . Di Contis Atem ging mit dem Wind durch den Raum. Die Liebe ging auf in ihrem Gesicht. Sie saß bis tief in den Morgen.

Die Sonne kam weiß aus dem Meer. Das Wasser ward spiegelig grau mit einem dunklen Rand. Der Sommer auf der Höhe . . . das Wasser stank faulig. Die Hitze lag kreiselnd am Himmel. Sand, Meer, Gebirge: eine Ebene erstickendster Trockenheit, von der ein giftiger Hauch am Mittag gegen das Haus fiel. Aus heißem Bett, schlaflos, fiel sie morgens, die Nerven zitternd, in den Operationsraum . . . Puls halten, Apparate reichen . . . sie hielt an einer Zange ein Bein. Zwei Finger des Arztes bohrten im Fleisch, suchten einen Knochen. Da riß der Gummi des Handschuhs.

»Äther«, schrie der Arzt.

»Hier.« Er riß den Stöpsel ab, leerte es über die Hand, stöhnte auf.

»Jod . . .«, schrie er, die Augen quollen. »Schlafsenkel . . . Gans . . . ist das Jod?« Schon verbanden ihn andere. Über dem Waschbecken knurrte er weiter. Vor dem Weggehen warf er ihr einen wütenden Blick zu. Unter den anderen stehend nickte sie mit dem Kopf. Was war das Unrecht? Hätte sie nicht wissen müssen, daß er irrte, klüger sein wie er in der Stunde der Not . . . auch dies. War es ein Unrecht . . . sie nahm es mit in den Dienst. Es reichte nicht an ihre Ruhe.