Die Achatnen Kugeln: Roman

Part 15

Chapter 153,799 wordsPublic domain

Ging auf der schmalen Leiste des Bassins hin und her, atmete wie ein Pferd, zog die Menge im Krampf zusammen, quetschte sie aus, hieb das Bittere in ihre Visagen, machte Drohung, bestürzte Wut aus den Mäulern, donnerte, roch den Zorn aufgeballt. Faßte rückwärts, packte hinter sich den Kopf der Chimäre mit beiden Fäusten, fiel nach vorn, schräg, kam näher, tief herunter mit dem Gesicht gegen die Masse, war fast bei ihnen. Einigte sie in eine atemlose Pause. Sprach. Warf die Drohung aus den Augen. Scheinwerfer zuckten die Sätze. Sprach. Sie drangen in die Herzen. Sprach. Sie drangen durch die Kleider, die Hemden, die Röcke, trieben in die Pulse, gaben sich von Leib zu Leib. Das Blut bekam eine Bahn, einzige Wärme, gleichen Schlag. Floß den Boulevard hinauf, löste, machte Spiralen, schlug aus, blühte aus jeder Haut. Die Lawine brach los, Stöße kamen herunter, keilten gewaltig, drängten den Platz ab bis zum Kordon. Dort stemmte es sich zurück. Conti sprach. Die neue Woge wälzte heran, erstarrte. Sprach. Die Hände Schallbecher vor dem Mund. Erreichte größere Distanz, durchmaß mehr Menschen. Es rollte herunter vom Montparnasse. Daisy hielt mit beiden Armen am Sockelstein sich, die Beine wurden mitgerissen, der Leib drehte sich, die Augen kamen zum Himmel. Sie sah Di Conti, lächelte, faßte wieder Fuß. Der Druck der Dreikilometersäule platzte den Pfropfen, schmiß viertausend gegen die Seine. Conti sprach. Warf sich in die neue Welle, inbrünstig, verzehrte die Kraft, warb, zerfetzte, diktierte, sänftete, riß die Herzen plötzlich steil, unnachahmlich erschütternd, hoch, über sich mit beispiellos schmerzendem Ruck. Die Säule stieß weiter vom Boulevard herunter, warf, schoß die Menge vom Platz, stürzte sie gegen die Massen vor dem Kordon, Bäume, Laternen kamen über den Kolonnen gegen die Seine an. Stießen den Druck unaufhaltsam weiter. Gegen den Kordon Gendarmerie.

Er verschwand unter ihren Füßen.

Das Ufer herauf, rechts, links, ritten Kürassiere, Haarschwänze vom Kupferhelm auf dem Rücken tanzend, Karabiner auf dem Schenkel, warfen sich vor die Brücke, bewachten vor der Emeute des linken das rechte Ufer, das Herz der Stadt, Boulevards der Bourgeoisie. Die Wellen kamen, gedrängt, gedrückt, spieen heftiger an, schlugen wider die Gäule. Sie riefen: »Camarades, Freiheit, Hunde, Hunde.« Sie sahen in die kleinen dunklen Löcher, auf das Metall der Drücker. Der Stoß in ihrem Rücken stürzte sie in Massen gegen die Pferdeköpfe. Ein Pflasterstein flog. Es knallte. Steine stoben durch das Licht, sausten. Eine dünne Stimme rief: »Tirez.« Die Kürassiere zitterten, die dunklen Löcher hoben sich über den Schenkeln höher, steiler, feuerten in die Luft. Vom Blut der Stürmenden ging es hinüber auf die anderen, durchdrang sie, säugte sie. Die dünne Stimme schrie wie ein Triller. Ein Mann gab einem Soldaten die Hand. Die Säule stieß durch, ein ungeheurer Schrei. Körper an Körper gedrängt, Soldaten, Arbeiter, hatten einen Sinn nur, eine Richtung, gleichen Herzschlag. Ein spitzes Winseln, sie steckten brennende Zigarren dem Gaul unter den Schwanz, der Unteroffizier zeigte ein kalkweißes Gesicht, das Tier klatschte hinunter ins Wasser. Gäule zerstampft. Fraternisierend strudelte die Masse, wälzte über die kupferrote Abendbrücke in die Stadt.

Vom Brunnen fiel Di Conti, einen Schuß in der Weiche. Von der unteren Seineseite durchstach eine Kompagnie von hinten enge Gassen, kam seitlings auf den Platz, trieb einen Keil in die dünne Masse. »Weg du«, schrie ein roter Bart. Eine Frau hielt vor Schmerz blaß die Hand zwischen die Knie. Die Masse floß in den Brückenstrudel, abgelenkt, gerissen. Das Denkmal ward umzingelt. Di Conti aufgehoben . . . hinter Bajonetten gesichert. Daisy warf sich auf ihn. Sie schlugen ihr eine Koppel auf den Kopf. Sie konnte die Hand nicht rühren, ließ nicht nach, biß sich in seinen Rock. Ein Druck kam auf ihren Kopf, das Gesicht von ihr ward schwarz, noch einmal flüsterte sie: »Conti --.« Die Masse begriff, schäumte auf, warf sich herüber, gegen den neuen Kordon, feuerte ihn zurück, Daisy ward zurückgetragen. Conti schleppten Soldaten durch die Gassen in die Métrohalle. Zu spät.

Aber er lebte. Zwei Tage war Daisy irrsinnig. Dann empfing sie. Kühl, Dame, Freunde nahmen ihre Hand: »Wir werden ihn befreien.« Deputierte sprachen: »Wir werden ihn befreien.« Der Schlag der Masse pulste herauf zu ihr: »Wir werden ihn befreien.« Sie hörte, die Verwundung wär leicht . . . Ihm werde des Volkes Stimme dauernder Ruhm. Sie reckte sich, steif, ging zurück, lachte. Ruhm? Bot man so Geringes? Glaubte jemand, dies sei ein Wort für dies Gefäß? Maß für diese Tat? Dies Geschenk für Narren und Kinder wagte Geschwätzigkeit hinzugeben für Blut? Behängte diese Maske ihn nicht zum Komödianten . . . stand sein Gesicht doch, das schlicht nur dem Ganzen wirkte, brüllend und wie aus Marmor vor dem Gewissen der Macht. Sie winkte ab, ging auf und nieder, steckte die Hände in die Taschen, die Augen im Dreieck. Ein eisgrauer Glanz kam aus dem Blick. Hinab mit Geschwätz und Trauer. Eins war zu tun, das Ziel erreichen, die Leistung verdoppeln, Angriff steiler schrauben, unbedingter sich mühen. Di Conti mußte frei sein. Hierfür war zuerst zu leben. Sie nahm es auf sich. Allein. Ging einen festen graden Weg.

Die Lichtflut stieß Breschen ins Dunkel. Die Seine floß gläsern unten. Sie sah einen Schatten, er löste sich von der Pforte und glitt an ihr vorbei. Sie drückte ihre Hand fest in seine, das Papier knitterte. Ein Wachtraum im Keller sprang auf, dreigezackt brannte ein grünes Gaslicht schmetternd gegen den Kalk. Sie legte ihre Hand auf den Tisch. Als sie sie zurückzog, blieb etwas.

Sie trat in das Büro ihrer Gesandtschaft. Sie ging durch drei Räume. Ihre Karte lief vor ihr. Fünf Minuten sprach sie mit einem eleganten Herrn mit exotisch flimmernden Augen. Sie gab ein Telegramm auf an ihren Vater. Darauf gab ihr der Herr seine Karte mit einigen Worten.

Damit fuhr sie die Champs Elysées hinunter, Bäume streichelten die Luft, Helligkeit und Süße wob in den Zweigen. Sie fuhr darunter hin, unbeteiligt. In einer Schleife glitt der Wagen ins Riesenbassin der Concorde . . . der Wagen glitt, bog, hielt. Über die Teppichstufen des Ministeriums. Aufgehalten, mit der Karte durchbrechend, gehemmt, vor Achselzucken, lächelnd, die Karte vor sich . . . sie stand in einem Salon. Ein schöner Mann im schwarzen Schnurrbart, der elegisch das Kinn rahmte, trat ein, stutzte. Sie ging mit raschen Schritten an den Tisch, legte ein Bündel in perlgeschmücktem Etui auf die Kante. Sein Blick leckte nach ihrem Hals, zögerte, fiel auf den Tisch, er verneigte sich, stieß eine Tür auf. Ein größerer Salon. In der Mitte eine Jungfrau, die auf einem Brabanter ritt. Die blaue Seide der Wände, der geschwungenen Stühle verwirrte, sie lernte die Teppichmuster, sagte immer ein Wort, ein Wort, ein Wort. Eine Stunde. Ein grauer schmaler Herr trat ein, hinkte, ein Monokel an schwarzer Schnur flog ins Auge. Er war nicht groß, kam langsam näher, äugte, bis er genau sie sah, schob mit drei Fingern einen Lehnstuhl zurecht, indem er ihn kaum berührte. In seiner mageren Hand spielte ihre Karte, er las, sah ihr mitten ins Gesicht. Blut schoß ihr auf unter dem jähen Anprall. Er sah auf die Erde neben seinem Schuh: »Ausländer? . . . Italiener . . . in der Tat.« Sie sah nur seine Brauen. Er notierte den Namen, flüsterte ihn nochmals, stand auf, ging ans Fenster, trommelte mit den Fingerspitzen ans Glas, murmelte, sah auf ein knallendes Buchenholz im Kamin zerstreut. Die Lippen Daisys saßen wie Tiere aufeinander, die Brauen seidenschmiegsam ineinander sich wölbend. Er trat zurück. Ein drittes Gesicht sprach mit ihr, die Stimme schlürfte etwas, stieß an die Zunge, die Handbewegung voll zarter Höflichkeit. Er führte immer, sie folgte. Lauernd. Erschreckt. Er blieb gleich. Kanadische Jagd, die Quadrille Fribaurts, er kannte es. Versailles wuchs zwischen seiner Geste, schmeichlerisch, mit Märzwind. Eine Fahrt über St. Malo. Er neigte das Kinn: daß die Oper Ballette belebe, welcher Zug. Er stand auf, ging zum Fenster, elastisch in dem Knie, hinkte nicht -- ob ihr Wagen warte, Pelze darin seien. Setzte sich wieder, ruhig, besorgt. Sie wartete, faltete die Lippen, daß es käme. Er spielte, lauerte, führte herauf, hinunter, eilte, pausierte, sie sah sein Gesicht nicht. Seine Grazie schmeichelte sich in ihre Haut. Plötzlich schlug er die weiße Hand, die nicht welk war, laß gegen das Knie, der Kopf fuhr auf, sein Blick prallte ihr wieder ins Gesicht. Sie stand auf. Er hob sich halb: »Wann darf ich den Wagen senden?« Sie knotete die Hände: »Neun Uhr.« Er läutete, als sie sich schon wandte, ein kakadufarbener Page öffnete geräuschlos eine Tapetentür.

Vierundzwanzig Stunden vorher speiste Conti, verdrehte die Iris, schwankte, bekam Kälte in die Finger, Blei in die Knie, verzerrte die Zähne über die Regie der dritten Republik, die selbst die Einrichtungen der Küche pragmatisch ordnete. Als Daisy morgens heimkam, war Di Conti tot. Sie kam hin mit einem Gehenlassen der Glieder, das alles hinter sich hat, abgeschüttelt, selbst ohne Erkenntnis und Bedeutung des Opfers, innerlich lediglich gerichtet auf das Ziel.

Sie bog die Lippen tiefer, versteinte an den Schläfen, zwischen Wange und Mund. Was konnte noch kommen? Ein Telegramm Fidleys: Pa tot. Sie legte das Papier auseinander, legte es zu dem anderen, frühstückte, badete, ließ sich massieren. Fuhr in den Luxembourg, fuhr zurück. Am Abend in die Oper, Verdi rauschte, Sommerhimmel erbrausten, sie speiste, schlief. Stand auf am Morgen. Nichts war zu schlagen. Je mehr sie spürte, was sie verlor, um so ungeheuerlicher fühlte sie aus sich brechen das Bewußtsein der Stärke und der Sammlung. Allein nun empfand sie, wie gefüllt und selbst sie war, voll, traubenhaft geschwellt, ausbiegend aus ihr mit einer Glut, die sie erblaßte. Di Conti war in ihr, mehr heute als je. Geballter als im Menschlichen. Unverlierbar. Vermächtnis besaß sie, beherrschte und durchtrieb sie unausdenkbar an Berufung. Sie ging gestärkt, wunderbar entzügelt. Eine Ruhe umgab sie, die den Schmelz der sehnigen Schenkel und das flimmernde Spiel der Hüften unter der kleinen Brust begehrenswerter, zarter heraushob. Sie verlor kein Glück. Sie besaß sein Werk.

* * *

Pa tot. Fidleys Telegramme, Weisungen stäubten. Es geschah am Horizont. Syg einem Mann gefolgt. Es geschah in der Ferne. Ihr Mittelpunkt blieb unerregt. Der Körper hielt stand. Der Geist sah manchmal Bilder. Raffaelis Bruder, Arzt, sagte, wünschte, befahl Erholung. Sie machte eine kindliche Gebärde. Er verstand. Sie wurde klug verführt. Sie fuhr mit Briefen, Papieren Contis zu Freunden nach Kopenhagen. Der Platz der Zusammenkunft war leer. Die Fahrt im Zug war dumpf, ausgespieen fuhr sie, allein, dennoch voll Glut. Sie mußte weiter nach Christiania. Nach zwei Tagen stand sie am Hafen, traf Fribaurt nach einer schmerzlichen Sitzung. Er fuhr mit der Segelyacht nach einem ungewissen nördlichen Punkt. Sie nahm es sofort. »Ich komme mit.«

Die Tage füllten sich mit dem und jenem, Ungenauem, doch ungeheuer in der Berührung mit schrankenloser Natur, Menschen, deren Geist abgewandt war, mit denen der eigene sich schön traf beim Rauchen, dem Reffen der Leinen, Hinaussehen auf glatte See bis zu entfernten Dampferwolken. Inseln kamen. Riffe türmten sich wie steigende Esel. Gedörrte Fische hingen an den Felswänden, wie sie die Ufer hinausfuhren. Granit, Urblasen erstarrt, schaukelte bunte, rote, grüne Häuser wie Spielzeug. Auf den Klippen saßen Rypen: »ka . . . bauh.« Schneehühner: »j . . . ak -- j . . . ak.« Es rauschte. Ein Kreis mit heißen Wallungen bäumte um sie. Sie badeten in einem Fjord, abends ward das Wasser papageirot. Jerkins, Christianias größter Jäger, stieß auf ein Signal mit der Kupfertrompete dazu. Kam mit Schneeschuhen aus dem Gebirge. Stunden, ehe er einlief, sahen sie ihn im Glas oben wie ein metallenes Insekt flitzen in Stemmbogen und Telemarks. Ein Tal kam aus den Felsen gegen das Meer geflossen, grün, schwärmerisch. Sie übernachteten im Dorf. Am Ende, eingekeilt, schon zur Ebene zu, hing über Sandwüsten ein weißes, Licht schleuderndes Haus. Jerkins führte im Bogen heran, sein Finger überschrieb die Gegend: »Nördliche Lepra«. Der Kreis war verseucht. Er zuckte die Achseln unwillig, sah Daisy ins Gesicht, führte sie dennoch heran. Zerfressene Gesichter sahen aus den Fenstern: »Hüten Sie sich.« Ein Schrei. Sie gingen zurück, warfen den Fock aus. Das Morgenwasser zischelte . . . Die Nordsee leckte gierig, blau an Lee. Die Windtrommel saß in dem Segel, schmetterte.

»Geh in meine Kajüte.«

Der Schiffsjunge schloß die entzündeten Augen, kroch in die Kabine und schlief sich aus. Sie lag unter dem Segeldach und gab statt seiner acht. Das Steuer war angebunden, die Luft ging ganz stät. Die Lappin wurde aufs vordere Verdeck gerufen. Die Sonne malte auf den Holzplanken. Fribaurt und Jerkins lagen auf dem Bauch. Das Weib mußte sich legen, äugte schielend mit schrägen grünen Augen nach Daisy. Sie spielten Karten, lernten die Lappin zum siebentenmal an, schlugen Atouts auf den Boden, das Weib lauerte, bekam einen Rippenstoß, zuckte, legte klatschend mit fetter Hand ihre Karte nach. Die Segel schlappten plötzlich, klatschten hohl hin und zurück zum Großbaum . . . eine Musik umschwirrte sie . . . eine Wolke Papageitaucher, die wie Rypen zirpten, flog eilig nach dem Land. Jerkins schoß, auf dem Rücken liegend, eine Möve, die hinter ihnen her war, fischte sie herein, zog ihr, die schrie, Kopf und Atlas ein wenig auseinander. Vorbei. Er fuhr mit der Hand in den orangegelben Flaum und ließ die Federn einzeln zu Daisy fliegen. »Schöne Frau von der Seefahrt.« Fribaurt sang mit dunklem Bariton. Der schaukelnde Wind ließ nach, das Meer ward tierisch faul, eine Brise kam, schwand. Sie lagen still. »Welche Harmonie,« gähnte Fribaurt, stieß einen Pfiff aus, hielt die Shagpfeife in der Hand und warf die Karten auf, »wir haben maßlose Zeit, meine Freunde.« Das Segel aufgerefft, die Lappin in Hosen an der Gaffel mit klebriger Behendigkeit . . . der Tag stand still. Fribaurt band ein rotes Tuch um den Kopf. Jerkins hob das Weib hoch, legte es wieder auf den Bauch. Dann bluffte er wie toll, verlor einen Haufen Geld und lachte, bei jedem Verlust aus Vergnügen. Fribaurt lächelte ein Diplomatengesicht: »Zu grob.« Er legte auf: »Street.« Die anderen warfen zusammen, zuckten die Achseln. Plötzlich schob Jerkins auseinander, runzelte die Stirn, griff hinüber, legte die Karten der Lappin nebeneinander: »Zu früh . . . zu schick . . .« er bog sich vor Lachen über Fribaurt. Umgewendet: »Die Sau . . . die Sau . . .« Die Lappin kroch ein Stück davon aus Angst auf dem Leib. »Was hat sie?« Jerkins hob die Hand von der Kartenflöte. Sie wälzten sich zu zweit: »Royal Fluch.« Fribaurt zur Lappin geneigt: »Süße Freundin, welch verschwenderische Tollkühnheit des Glückes . . .« Jerkins teilte aus, schaute zu Daisy: »Die phantastische Quote . . . und hat es nicht gewußt.« Weißbrüstig hing eine Brise vor dem Meer. Geigen im Baum, ein dunkler Frühstrich vor ihr her wirbelte das Meer mit einem bläulichen Schatten, der Bogen sauste heran. Jerkins sprang auf, leierte am Großschot, die Lappin ließ das Segel zwischen zwei Tauen herab, Jerkins wickelte, machte einen Schifferknoten mit den Daumen, das Segel wechselte, flog hinaus . . . der Stoß kam und erzitterte jeden Nagel, Fribaurt schmiß das Ruder herum, tänzelnd lief das Boot, sie kamen dem Ufer näher, die Gaffel wechselte . . . nun fuhren sie in der Windschwankung parallel.

Das Ufer neben ihnen, ein hoher Damm, scharf vor den Himmel gelegt. Auf ihm fuhr in gleicher Linie wie sie ein Pferd. Es zog ein Karreol, flach und groß wie ein Kanoe. Drin saß ein Mann. Sie fuhren nebeneinander. Fribaurt deutete mit der Spitze der Pfeife nach ihm. Der Wind zog stärker. Die Blase des Segels neigte sich schaumig gegen das Wasser. In silbernem Regenbogen hing eine Springwelle an Lee. Sie starrten hinüber. Es war, als bewege sich keines, nicht sie, nicht das Pferd, . . . als blieben sie festgehaftet wie Brennpunkte in dieser Ovalen von Himmel und See. Fribaurt zog die Augen zu Schlitzen zusammen. Jerkins, die Hände vor dem Mund, die Brust aufgesogen wie ein Schwamm: »Hall . . . lo . . . o!« Sein Organ schlug den Wind mitten durch und traf drüben auf. Der Wall schickte vier Echos herüber. Keine Antwort von dem Mann. Jerkins quoll blau am Hals: »Hallo . . . y . . . lo!« Eine Pause zitterte, die dünnen Echos quirlten . . . dann kam die Antwort, kalt: »Holla!« Jerkins stand am Großbaum, klemmte die Wange ans Holz. »Haltet Ihr die Wette nach Aarvik?« Sie lauschten. Dann eine schneidende helle Stimme: »Am Arsch.« Sein Pferd sprang über eine Wolke, Staub ringelte sich in einer umgelegten Säule hinter ihm. Der Damm bog landeinwärts, eine rötliche Spirale. Daisy verstand nicht, was er norwegisch rief. Sie sah nach Jerkins. Er machte ein verschlossenes Gesicht. Der Schiffsjunge fletschte ein Grinsen von Ohr zu Ohr. Daran verstand Fribaurt die Antwort. Sein Schnurrbart zuckte, er wandte sich zu Daisy und lobte die Farbe der Mövenfedern.

Jerkins warf das Ruder herum, halste, das Ufer zog sich tief zurück . . . um eine Halbinsel, einen kleinen Fjord. Der Berg hob sich von zwei Seiten. Auf der jenseitigen mitten in der Spirale peitschte der Fahrer sein Pferd, am Ende des anderen Abfalls lag unten Aarvik. Sie warfen Anker, gingen im Beiboot ans Land. Ein helles Wirtshaus mit einem Garten, die Terrasse mit Bäumen, dahinter die Ebene vom Morgen . . . die flimmerte . . . unten am Fluß mit roten Dächern Aarvik . . . idyllisch unter dem Berg. Auf seiner Spitze hob sich eine Flamme Staub, das Pferd kulminierte, die Karriole kam in die Schleifen des ihnen zugewandten abfallenden Teils, verschwand in einer Schlinge. Nach einer Viertelstunde klapperte sie an hinter dem Haus. Ein Schock Matrosen lungerte um die Kneipe, graue Zipfelmützen im Nacken. Der Wirt schmiß sie heraus. Sie drängten nach. Einer stieß mit dem Knie einer Magd in den Hintern, sie schrie: »Dumme Schicksen.« Der Wirt zeigte auf ein Holzbrett, sie schüttelten die Fäuste. Er nahm es herunter, hielt es sich vor den Bauch. »Ein kleines Faß,« schrieen sie, »wir scheißen auf das Verbot.« »Dåd og Pine . . .« mit Knie und Faust drückte sie der Wirt die Steintreppe runter. Sie maulten, einer zog den Wirt an einem Westenknopf neben sein rothaariges Gesicht und flüsterte in sein Ohr. Der Wirt brüllte auf, stieß ihn in den Magen, daß er wie ein Messer einknickte. »Kotzt Lumpen«, seine Zunge hing raus vor Wut, er trat dem Mann auf die Schenkel, der sich verkroch. Da fuhr die Karriole auf den Hof. Sie sahen den Aussteigenden nur vom Rücken. Er schrie durch den Radau, seine Matrosen rieben sich die Hände an den Hosen. Er rief nach dem Weg über die Brücke. »Abgerissen.« Wieder gab es einen kurzen Krach, da die Matrosen sich beschwerten. Der Wirt dienerte. Zwei der Leute schirrten den Gaul aus. Der Geprügelte riß plötzlich dem Wirt die Hosen auf die Knie. »Had djävelen . . . ich schlag dir in die Fresse.« Die Matrosen gröhlten, steckten die Hände in die Taschen und johlten, bewegten sich mit den Hüften vor und zurück. Ein Faß rumpelte. Der Fremde winkte, die Matrosen kicherten und verrollten sich langsam. Der Wirt verzog das Maul, stellte das Brett zur Seite, schielte giftig zu den Abtrollenden. Der Fremde warf seine Gamaschen einer Magd zu. »Hafer . . . mir ein Bett . . .« Der Gaul hob den Schwanz und strich einen großen Furz. Die Matrosen quakten herüber, schlugen sich die Schenkel vor Lachen. Der Fremde sprang ins Haus.

Jerkins schlenderte, die Hände in den Taschen, ins Haus, kam zurück. »Wer?« fragte Fribaurt. »Sven Mair.« Daisy bog sich zu Fribaurt: »Wer ist Sven Mair?« Fribaurt lächelte mit dem Schnurrbart, strich seine Hand mit der anderen: »Jerkins Feind.«

Die Zimmer lagen nach der Seite des Flusses. Eine lange Nacht voll Geräusche. Die Hunde bellten, wurden plötzlich still. Aus dem Bootshaus soffen die Matrosen in die Gegend, sangen, rollten langsam in ihre Kabinen. Kurz die Stimme des Fremden unter seinen Leuten, dann Stille wie Blei. Das Meer stand in uferlosem Schweigen. Die Felsen kühl und geheimnisvoll über dem Wasser, panische Stille . . . sie schloß unter ihrem Druck die Augen. Stunden gingen. Schlaf und Wachsein verschwebten in einander. Plötzlich riß sie wilder Spektakel auf. Sie eilte ans Fenster. Zwei Karriolen rollten vor das Haus. Die Nacht war weiß. Kupfriger Schein spann über die Landschaft. Drei Burschen bläkten die Zähne, schrieen:

»Sven.«

Schritte gingen über ihr, die Gesichter schauten hinauf. Ein Pfiff, ein gedämpfter Ruf von oben: »Skideriks.« Sie grinsten nach oben. Ihre Nasen, ihre Ohren, die Farbe der Augen -- alles sichtbar. Angelgeräte auf den Wagen, die Pferde bissen schaumkauend auf dem Eisen. »Sven . . .« Da trat er heraus aus der Tür unter ihr, ein Schatten lief vor ihm rasch über den bläulichen Boden. Er hatte Lachszeug über der Schulter, schmiß es in seine Karriole, krempte die Hosenbeine bis zum Bauch, nahm zwei Pferde, trieb sie in den Fluß. Schreiend warfen die aus den anderen Karriolen sich auf die Gäule. Der Fremde drehte sich um, sah nach dem dritten Gaul, bis an die Knie im Wasser. In der Helligkeit sah sie sein Gesicht. Da wuchs aus der Nacht der Schlag, hieb besinnungslos in sie, stürzte wie eine Feuersbrunst zum Herz:

_Dies Gesicht ähnelte Caspare Symes._

Sie ging vom Fenster zurück, fiel mit dem Rücken auf das Bett, hörte Pferdegeplätscher im Wasser, zwei Rufe, bleierne Stille. Im Plafond über sich sah sie das Gesicht. Sie warf sich herum. Eingebrannt im Boden glühte es sie an. Sie starrte durchs Fenster. Es füllte den Rahmen, peitschte sie auf. Erschöpft sank sie in die Kissen, schloß die Augen. Da stand es innen in den Lidern mit einer Zärtlichkeit des tiefsten Schmerzes und sah durch die Iris ihr in die Brust. Ihr Herz zog sich zusammen. Stunden, die sie lag. Kämpfte mit dem Kopf. Derselbe Ausdruck in seinen Zügen mit dem Unbekannten, der im Traum ihren Bauch umschlungen in der Nacht Le Beaus, im Traum des Hotels neben Renée. Mit tödlicher Schärfe riß ihr Dasein herauf, sie erkannte die Rechenschaft über ihr eigenes Lebens, die er brachte, kannte, forderte, ungestüm. Er schlug als Zentrum in den Kreis, den sie gelebt. Kein Leid, das sie gelitten, ohne daß es bestimmt war für dies. Keine Sehnsucht, keine Handlung, die nicht zielte in diesen magischen Punkt. Er hob sich, als sie am entferntesten schien, und wie von einem Wellenbrecher rauschte ihr Leben davor zurück. Nichts blieb außer ihm für sie: Dinge eitel, Menschen verworfen. Das Meiste umsonst getan. Höllischer Schmerz verzehrte ihr Auge, ihr Blut. So unerbittlich klar stand in dem Kontur das Glück, Bestimmung des Leibes, der Sehnsucht unerfüllbar, nicht erfüllt seither, . . . sie schrie um Gerechtigkeit, starr, ohne die Glieder zu bewegen, wandte sich an Gott, wandte sich ab, verzweifelte. Der Schmerz ward so tief, daß sie ihn nicht mehr ertrug, glaubte, sie sterbe. Da drehte er um und erfüllte sie mit Seligkeit, die alles an sich rief, was sie erduldet.

Langsam wuchs sie aus dem Zweifel, überwand ihre Sehnsucht, sah weit vor sich die Aufgabe, das Gestreckte, Winkende, Rufende, was sie größer füllte. Und je mehr es in ihr glühte und Di Contis Glaube und Ziel sich erhellte auf einer Seite, sank der Kopf auf der anderen, das Spiel der Wage ging hinab. Wohl lag zwischen dem Kopf und allem Geschehen eine Kluft, die nichts überbrückte: nur ihr Blut. Sie gab es. Litt. Gab es hinüber in das Unbedingtere, gab sich auf und ganz in die Aufgabe. Verzichtete. Sah zum ersten Male das Unbeschreiblichste, erkannte, am Nichtgewesen, an allem, was sie versäumte, ihr großes Glück. Gab es auf, ließ es. Legte den Kopf weinend in die Hände. Entsagte. Aus Di Contis Atem kam die Befreiung, lösend, hart, aber tief.

Das Silber zitterte heller. Sie lag, die Augen wie Stein. Dann stand sie auf, als ein Boot unten vorbeifuhr. Ging hinaus über die Schwelle.