Die Achatnen Kugeln: Roman

Part 14

Chapter 143,726 wordsPublic domain

Ihr Mund hat einen hinreißenden aufbrechenden Zug. Das Auge sucht, hebt sich, erstarrt, sinkt. Von zwei Seiten durchwühlt sie den Menschenhaufen. Er fällt nicht vor ihr zurück, gleitet nicht mehr ab. Sie reißt, aus der Einsamkeit her gesammelt und hoch schon über jeder Enttäuschung, zu sich jetzt, was sie erwittert. Das Auge glättet, schmeißt auf, enthüllt, zerlegt . . . die Pupille sinkt. Innerlich voll Spannung, fiebernd erregt. Nach außen, von vieler Erfahrung her, demütig überlegen. Als Frau zieht sie den Mann an allen Instinkten, reizt ihn mit Geist, mit der Drehung der Hüfte. Spürt seinen Blick im Ausschnitt, im Nacken. Sieht den Mut seiner Erregung, führt ihn, zieht ihn nach, sieht endgültig vor Zielen, Aufgaben ihn entflammt -- spürt aber, mäßigt sie ihr Blut zu Kühle, ihn zurückgeschraubt im Thermometer seiner Begierde. Die Pupille sinkt. Sie bohrt von der anderen Seite sich ins Geheimnis. Selbst in der Maske des Mannes desavouiert sie ihn in seiner Beziehung zur Frau. Erst hinter dem Weib, das ihn aufschwänzt, in der Einstellung auf Bauch und Besitz ihn als Klasse sofort uniform macht (wohl auch riskant und alles in die Wagschale werfend, doch nur spielerisch und daher unbestimmt und ohne Verlaß), dahinter erst entdeckt sie den Mann. Ungestört von weiblicher Schwingung trifft sie die Nüchternheit seiner grauen Stunden, die Lüge seiner Frische gegenüber Weiblichem. Teilt seine Barnächte, Dürftigkeit seines Spiels, die Phantasielosigkeit seines Hirns. Außerhalb der Polspannung der Geschlechter empfindet sie die Indiskretion gegen jede Frau, seine Kameradschaft gegen das Weib. Sie konsumiert mehr Menschen, ihr Auge wird heißer im Erkennen, die Pupille sinkt. Ihr Leben wird rastloser. Sie weiß, der Mensch versagt, und Enttäuschung peitscht sie auf. Lauschend sitzt sie in den Ecken. Aufmerksam verfolgt sie die Ereignisse der Straße. Sie mischt sich, wo Meinungen kreuzen, Kräfte aufeinanderstoßen. In Nankingkleidern treibt sie sich am Hafen hin, kommt arbeitend an die, welche der Instinkt der anderen als Überlegene, Wollende, Visierende zeigt. Treibt mit Smith vier Tage um die Fischeransiedlungen, hört, öffnet ihr Ohr weiter, stärker, erreicht die Grenze. Starrt ihn an, die Pupille sinkt. Kehrt zurück zu den Baggern, Transportern, aufgeregter Meute in großer körperlicher Bewegtheit Schaffender. Schwenkt ab zu den Stillen, Vergrabenen, an Maschinen, in Kellern, Hangars Angeschmiedeten. Findet Abgegrenztes. Wo Ziele sind, schwach fundiert. Erstrebtes nur im automatischen Gang. Hinter dem Programm das Nackte, Ehrgeiz, Erfolg des Ich. Sie rettet sich in einem Bogen, mischt sich unter die Weiber, trägt Armband, Ringe, duftet, rauscht mit Dessous. Nur Holzbein, Titus und Zwicker denken, und die Ergebnislosigkeit solch nüchternen Schwungs stößt zurück. Doch sie läßt sich nicht schrecken. Die Menschen versagen. Aber sie hält nicht. Will. Muß.

Mischt sich in einen Streik, schmiegt sich an die Leitung, spürt, wittert, die Pupille sinkt. Schon mißt sie den Einzelnen, den sie sieht, auf seine Befähigung, richtet ihn nach ihrer Forderung, fast nach dem Geruch, durch den untrüglichen Instinkt, der sie vorwärts führt. Sie sieht einen Gentleman einen Hund mit Lebensgefahr retten, pflegen, säubern. Sie schließt sich ihm an. Sein gutes Herz sieht nur den blinden Einzelfall, spannt sich nicht aus. Sie zuckt die Achseln. Nicht genug. Die Pupille sinkt. Im Klub mit Abenteurern spürt sie Fabelhaftes, aber es vollzieht sich nur aus Rausch. Verschwenderisch, doch unbrauchbar. In der Tiefe die wilde Grimasse aus Kneipe und Bordell, die sich einsetzt und stirbt, nur Aufflammen ungezügelten Instinkts. Traf sie auf Ideen, waren es Schwächlinge, Schwärmer, die Locken nach der Sternansammlung schwenkten. Kein Handgelenk und Griff. Die Pupille sinkt. Sie sucht nicht für sich, denkt nicht für sich, wird unermüdlicher, gläubiger. Leid, das sie aus jeder Stunde anschreit, wirft sie nicht um, hetzt, feuert sie an. Empfindsam, gleich einem Apparat, zeichnet sich auf sie ab die Struktur des Daseins, sie mißt, urteilt, findet den Hebelpunkt -- weint, daß sie eine Frau ist. Lächelt über die Hilflosigkeit des Geschlechts, beißt den Mund fest und sucht heftiger, strackser. Schon wachsen Ansätze zu Plänen. In der Dürre des Erfolgs selbst beschwingt sich ihre Seele zu größerem farbigstem Feuer. Wohnt in Baracken, wohnt im Hotel als Dame, wohnt an der Quarantäne. Wohnt ein Stück im Lande. Sieht fischende Frauen im Abendlicht mit Bastkörben von Stein zu Stein springen. Boote vorüberfahren. Dampfer rauschen. In der Pension als Reiter. Seglerin des Hotels. Lernt aus jeder der Sekunden. Sieht den Saft aus der Erfahrung, bekommt schärferen Glanz, mildere Schönheit ins Auge, reift mit Brust und Hüfte in eine schlanke Rundung. Prüft, hofft, verwirft. Spannt sich in den Glauben mächtig zum Dehnen. Die Pupille sinkt. Das Lid hebt sich. Die Figur eines Kapitäns schneidet sich aus einem Dampfer. Der Schall eines Agitators verzückt erregt. Das Raunen einen Slowenen in einem asyle de nuit sinkt ins Blut. Die Haltung eines Kaufmanns zu seinem Diener verblüfft. Der Blick wird grau, das Dreieck spannt sich über die Stirn. Die Pupille erweitert sich, erschlafft. Sinkt. In einer Barnacht singt die unsterbliche Stimme eines Dichters die Brüderlichkeit. Am Meer ist seine Seele läpsch wie ein Schalet. Sie folgt einer Revolte. Es sind Betrunkene. Sie wohnt an dem Segelhalteplatz, beim Sport. Wohnt in einem kleinen Garten mit Holzhaus, wird braun wie die Eingeborenen, sieht die Haut der englischen, indischen, französischen Frauen. Folgt zwei singenden Vögeln. Die Heide schlägt sich um sie auf im Abend. In der stürzenden Dunkelheit bauen zwei Parteien ein Duell, legen Knipslaternen auf Steine, reißen zwei Lichtkegel zwei Figuren aus der Dämmerung.

Ein Schuß pitscht. Sie weicht zurück, fast umgeschleudert. Ein Auto biegt vor dem, welcher schießen will. Ein Arm aus dem Auto greift die Hand, schleudert die Pistole mit einer unbeschreiblich ablehnenden Gebärde auf den Rasen, springt hinaus, tritt darauf, reißt den Mann mit sich in den Wagen. Sie hört ihn sagen: »Ich habe andere Aufgaben für dich.«

Die Pupillen stehen weit in Kreisen glasig erhellt, offen, bekommen Facetten, glühen vor Licht.

Sinken nicht. Sie springt in den Wagen. Sie nehmen sie kühl auf. Sie sieht nur den einen. Sie sitzt den Abend zusammen mit Gordon, Raffaeli, Di Conti. Die anderen schweigen. Di Conti spricht. Gegen Mitternacht werden außer seinem die Gesichter mißtrauisch. Ihres glüht. Mit schief im schwarzen Bart gestrecktem Mund fragt Raffaeli: »Was geben Sie?« »Mich!« Gordon umreißt mit gierigem Blick ihre Figur. Raffaeli zuckt die Achseln, die Nase biegt sich skeptisch in den Flügeln, vibriert. Di Conti wiederholt die Frage kalt. Da lächelt sie, verschenkt sich an sein Gesicht mit aller grenzenlosen Hingabe. Die von keinem Sou des Angehäuften seither nahm und lebte, sperrt auf die gesamten Depots.

* * *

Jeden Traum sah sie in seiner Hand schon fertige Waffe. Keine Ahnung, die ihm nicht schon zum Abfeuern geladener Plan. Sein Glaube war so ungeheuer, daß er ihn schon jenseits der Ekstase mathematisch beherrschte. Aus dem Herz die Flamme gerann ihm im Hirn. Seine Kühle war unbeschreiblich über dem barbarischen Feuer, das gebändigt darunter tobte. Selbst Raffaelis fanatische Unerbittlichkeit schmolz, Gordons nicht ausmeßbare Aktivität folgte nur seinem Druck. Ihr schwindelte, wenn der Tag sie in die fassungslose Nacht entließ, wo ohne die Gemeinschaft das Ganze in Schlagschatten zerrann. Ihm war, was sie als Entfernung der Welten ohne Brücke sah, aus ungeheurem Wollen geringe Distanz geworden, ihm gab es keine Hemmungen in seinem Bau. Hatte gewogen, geschaut, gedacht, die Rechnung gefertigt, die Summe gezogen. War kalt geworden, bedacht vor Ergebnissen. Trieb nun vor. Sah in dem Ruhenden, Daseienden, im Pathos bloßer Tradition den Feind, das Erwürgende, sprach gelassen gegen die Schwerkraft, gegen die Anziehung der Kräfte. Stemmt gegen die drehende Erde sich mit der Kühle des Überlegenen wie am Schalter eines Automaten. Ihr kam nachts, daß aus der ungeheuren Kraft seines Wollens, die alle überströmte, er in die See hinaus, die Tag und Nacht die Fahrt umschäumte, neue Bewegungen, seinen Rhythmus und Zweck dem Schiff, den Schornen und der Flutung diktieren könnte. Er stand am Schalter, wies ihr die Spannungen, die Drähte, sogar die Klingelzeichen der unterirdischen Erregungen. Der Traum machte ihr sein Bild wahnsinnig. Gordon, der von Marokko bekannt, verfolgt war wegen Desertion, Aufruhr, Agitation, ging morgens neben ihr auf dem Verdeck, ließ sie das Spiel seiner Muskeln spüren, Feuer und Lust seiner Kraft, in diesem Kampf zu führen. Doch Di Conti gewann ohne Kampf, besaß mit Nichts. An ihm fand sie die Lösung. Er drahtete vom Schiff, diktierte, erklärte, schrieb, zeichnete Karten, sah auf, lächelte beherrscht. Gordon trat mit englischem Backenbart aus der Kajüte, ging geschnellt auf den Ballen, sprach deutschen Dialekt, hatte einen Steckbrief wegen Agitation im Heer. Raffaeli sah das Meer nicht, sah nach innen. Das eigene Vaterland ließ Di Conti kühl, es lag an der Peripherie, entwickelte sich im Lauf des Zentralproblems, fiel später unter Raffaelis Durcharbeitung. Er selbst zielte aufs Herz Europas, stach nach Paris, um von dort das Blut in den Körper des Erdteils zu treiben. Für die asiatische Welle hatte er Aufmerksamkeit, nicht mehr, empfing Depeschen aus Genf, lauschte auf Berichte der Vertrauensmänner, verglich, maß die Stadien der Siedespannungen am Barometer, verglich die Leidenschaft der Massen, gab Ordres, zögerte, tat einen Ruck, setzte andere Spieler ein. Zielte zuerst gegen den Kitt, die umfangenden Reifen, die Macht, das Militär. Rettete darum Gordon, der den menschlichen Bruch und Riß trug, im Persönlichen so schwach zu sein, daß seine Eitelkeit ihn in eigenen Dingen das allgemeine verleugnen, in jede Tollheit sich werfen ließ. Hatte die Organisation es aufzuschälen, die Schaukel dann aufzutreiben, die aus Jahrhunderten rotierende Gesinnung zu stürzen, Massen aufzuwerfen, gerecht die Erde zu nivellieren. Das Leid der Irren, Kranken, Sklaven, falscher Sehnsucht endete hier. Sein Paradies war willkürlich, geschaffen, diktiert, es kümmerte ihn nicht. Gegen Raffaeli hatte er die Kühnheit zum weiteren Schritt, die Gerechtigkeit zu verleugnen, um sie endgültig einzusetzen. Sein fachlicher Befehl, der Definitionen verachtete und aus der Berechnung, die tausendfaches Gefühl ihm geformt, sprach, war bestimmender als Raffaelis Glut. Er kannte nur kalt Herrschende und Blinde, die sich nicht befreien konnten, da ihre törichten Herzen die Erkenntnis zum Handeln nicht zu fassen wagten. Er trug darum die Verantwortung seines Entschlusses mit präziser Automatigkeit. Zwei Tage vor der Landung kamen Nachrichten von Gärungen in Lyon, am folgenden putschte Marseille im Hafen, in Nancy erschoß ein Unbekannter einen Oberst. Mit zusammengepreßtem Herzen, zitternd, sahen sie das Land. »Es ginge nicht ohne Sie«, verbeugte sich durch die Dämmerung Raffaeli mit Schätzung und Verachtung zugleich auf das Geld, mit dem er arbeiten mußte. Es wurde dunkler, Laternen blitzten. Di Conti stand an der Reeling, hielt ein Papier in der Hand. »Gott selbst könnte sich nicht widersetzen. Wagte er das Sinnlose, seine Welt liefe taub aus. Eine furchtbare Gonorrhöe.« Er hatte den Kopf zurückgeworfen, sein Mund war blaß geworden vor Zusammengedrängtem. Die Nacht sprach er mit ihr zum erstenmal allein und lang. Sie ward erfüllt von dieser Stunde, daß ihr Leben sich verankerte in ihr. Nie verließ sie das, nahm Besitz von Blut und Kräften in einer Durchdringung, die fast den Mond und den Meerraum mit hineingab in sie. Bei der Ankunft wehte irgendwo eine Flagge. Ein Kind strauchelte und stieß Raffaeli. Der Portier hatte Briefe, nahm eine Perücke ab mit einem Zeichen innen. Drei Tage darauf meuterte ein Regiment in der Aube. Gordon wurde verhaftet. Di Conti schlug zu.

* * *

Als sie den Boulevard heraufkam, stand, die Hände über den Augen, Raffaeli an der Ecke. Sie nickte. Er verschwand. Um zehn Uhr betrat sie das Cafe Rue Guijas. Drückte sich bis zur Wand, schob die Achsel vor. Vier Frauen standen am Schießapparat, zielten, schnellten den Hebel, schossen für einen Sou die Freimarke zum Café für vier. Sie gelangte ans Büfett, ein Mann stieg vom hohen Stuhl. Sie kletterte, der Neger im Hufeisen ließ eine Tasse in der Schiene gleiten, ein Porzellan mit Gebäck, erhaschte sie mit einem Schielblick, schob einen Brief nach. Sie hatte Röte an den Schläfen. Sah fest nach dem Eingang. Während Mädchen an den Wänden hingen, sangen, plärrten, Queues das Billard umkreuzten, trieb trotz der Frühe eine Unterschicht herein, breitete sich aus, füllte heftiger, ein Zittern durchlief die Körper der Gruppen. Sie drängte weiter. Auf der Erde wieder wand sie sich herum auf dem Absatz. Der Ire stieß sie zur Seite, brach sich zum Apparat durch, griff den Studenten am Apparat, der, eingeschossen, gewann, an seine Brust, stemmte ihn hoch, warf ihn hinaus. Sie sagte etwas, fast laut. Ein Mann nickte. Ein Mann sah sie fragend an. Sie gab ihm einen Zettel. Sie hörte Worte, helle, gedämpfte, zischten vorbei, schlugen vorüber. Eine Gruppe löste sich, ward um sie ein Kreis. Sie kniff die Augen zusammen, sah in die Höhe. Stieß ein Weib an, versehens, neigte rasch den Kopf, beglückte eine Sekunde mit den Augen. Hob rasch die Lider, schloß sie fest, öffnete groß und sah dasselbe in dem Gesicht eines großen Mannes. Sie durchdrückte die Welle, die auch um die Dominotische schon brauste. Mimis saßen, setzten, bauten, die sie nicht kannte. Wie von St. Denis hierher die Kette heraufschwang, ihr Gefühl faßte, der Rachen aufbrach, schlang, wütete in diesem Fleisch, glomm Stolz in ihrem Auge. Sicher ging sie vorüber. Etwas schwankte von ihr wie Trost fest um den Tisch. Ihre Hände berührten Hüften. Eine Stimme drehte sich ihr zu, ohne Ton, heiser wie Blech. Der Mund war noch schön: Ly. Es bohrte hinter den glasigen Augen, faßte es nicht, schluchzte in der Gurgel. Das Hirn faßte das Gefühl nicht, sie heulte auf, erkannte Daisy nicht genau, wußte nur dies und dies und die, nichts Eindeutiges, bückte sich: »Gib mir zehn Sous.« Sie gab. In der Bewegung der Hand erfüllte sie das Geben ganz zu Glück. Trat aus ihr hinaus, sie fühlte, daß in diesen Tag ihr Leben Fülle und Bedeutung erhielt. Zwei Männer hielten sie an, einer küßte ihre Hand. Sie hörte, während er sprach, Lys Stimme dahinter: »Combien . . .? Trapez mit dir -- Sau von Geiz . . .« Bleich vor Angst ein Preuße vor ihr, sie steigerte ihn über die Taxe. Sie löste sich, schon war sie darüber. Nichts drückte sie mehr. Glühend flog es auf in ihr. Am letzten Tisch verwirrte sich ihr Auge in einen Glanz. Le Beau stand gegen die Wand, ein Mann neben ihm, der auf sie zeigte. Durch Gedränge und Stimmen hielt ihr Atem, ihr Sichsehen fest. Das Gefühl floß, sie wußte, es würde sie immer verbinden bis in den Tod. Das erste Erleben des Blutes hielt sie zusammen, nichts wischte das weg, keine Tiefe. Ein Trauring lag um seinen Finger. »Ruiniert.« Sein Auge war voll Geist, stolz. Über den Plafond strich es aus Jahren: Autos, Feste, das Haus des Boulevard Raspail . . . es lag zurück wie tot. Sein Blick tastete atemlos nach ihr, mißverstand die Pause, die sie ihm gönnte, bog eine Frage aus ihr heraus. Der Punkt, den sie festhielt, war der Eingang. Dorther füllte es sich mit einem Maß reifer und übermütiger Freude. Bleich sah er die Linie der Nase, zog die Luft nach, die sie zurückließ, ging mit dem Detektiv hinaus. Er hatte sie gesehen. Abgewandt, ihm gehörig, hoffnungslos. Sie aber, entzündet weit und hoch über ihm und seinem Lebenskreis, durchbrach die Barrikade von vier Männern, deren Leiber alles abhielten. Sie kam durch. Ein luftleerer Raum kam, ein Stern von Stühlen. Sie stellte sich daneben, kam endlich mit dem Rücken an die Wand.

Da begann ein Wirbel von der Tür her durch die Menge durchzufluten. Der Raum zitterte, die Luft kam ins Wogen, die Masse brach nicht. Eine Kette schob vorbei zu den Nischen, eh der Kern sichtbar ward. Sie wurde gegen die Wand geschüttelt. Fester sog sie sich an dem Eingang fest, mehr glühte ihr Auge dorthin, ihr Leib streckte sich unmerklich in diese Richtung. Dabei drehte die abgeschobene Kette neben ihr um, es gab freieren Raum, im Vorbeihuschen sah sie einen Augenblick Philippes Gesicht. Zum erstenmal grüßten sie gegeneinander wieder. Da sie nicht mit Worten dastand, unter denen sie litt, sondern wie an keinem Tage heute zur Höhe getrieben, entflammt, kam einen Augenblick Triumph in ihren Mund. Doch sie hielt ihn nicht. Wurde sanfter in den Lippen. Was sie erfüllte, gab ihrem Hochmut Duldung für ihn. Er hatte sie schauen gelernt, die Liebe gezeigt. Sie sah ihn abgeglitten von der steileren Aufgabe, rechnete nicht mit ihm, der sich lächelnd nach innen hinein abwandte . . . Schon löste sich ihr Auge hiervon. Im Vorderteil hob sich Tumult. Die Mitte drehte sich in einer Spirale, durchdrang sich. Aus der Eingangstür kamen Kommandos. Sie reckte sich ganz hoch. Bestimmungen erschollen. Parolen. Ein Schild schwankte. Meerhaft wogte die Gruppe. Noch höher, unbedingter wuchs sie in die Richtung. Häusernamen kamen herüber, scharf die Straßenreihen. Arme hoben sich. Die Masse zuckte auf, riß, ein Gang wölbte sich. Langsam trat ein häßlicher kleiner schwarzer Mann heraus, es traf sie das Auge Di Contis.

In ihrer Hand lag der Brief. Er las nicht, nickte, sprach schon zur Seite. Nur wie er zur Uhr, hastig und scharf, sah, bewies ihr, wie heftig er sie erwarte. Sie ging. St. Sulpice schlug halb zwölf. Quetschte sich durch die Haufen, eilte, bog in Rue Monsieur Le Prince. An der Ecke kam in das Fliegende, Stolze in ihr eine Traurigkeit, die ihr Gesicht rötete. Sie ging durch den sonnenleeren Garten, durch die Wolke Karbol. Stand an Renées Bett. Die Schwester beugte sich darüber, nahm ein Tuch weg. Das Gesicht im Krampf zerrissen, in der Mitte eine Höhle, aus der pilzig Fleisch wucherte. Die Lider fielen Daisy, sie suchte einen Ton. Fand keinen Ton. Die Schwester suchte Renée zu wecken. Unmöglich seit Tagen. Sie atmete, stank, sprach nicht mehr. Drei Jahre spannten sich von dem Gesicht zu dem ihren. Wie sie sich bückte, blitzte der Glanz vor ihrem Auge, mit dem, unvergleichlich und bezaubernd in der Schönheit der Beine, Renée die Hüfttänze in Genf gewiegt. Sie sah das andere nicht mehr, bog sich tiefer, mit dem Mund zum Ohr: »Es wird gut sein, Geduld.« Malte, schilderte, versprach, hörte nicht auf mit der Tröstung. Aber Renée hörte nichts, sperrte röchelnd den Mund kreisrund, roch nach fauligem Gewebe. Sie sprach weiter, sah verzerrt plötzlich das Gesicht, schwieg langsam, drehte um. An der Tür hielt eine Hand ihren Rock, aus dem Kopf eines jungen Mädchens traf sie ein verzweifelter Ausdruck: »Zu mir?« Zwei Augen kehrten starr enttäuscht, zur Decke zurück. Es traf, verwundete Daisy nicht.

Schatten fielen aus den feuchten dumpfen Gassen, in Lücken glitzerte gewitterig die Sonne. Sie spürte das Stück Schuld, das, neben der Welt, sie an diesem Kadaver trug, aber wie alles Elend dieses Tages löste es Freude in ihr, trieb in ihr hinauf, denn sie empfand es als Ende. Von hier begann das Glück. Freude ging über ihre Zunge, Verantwortung und Glaube machten eine Sicherheit in ihr, die undurchdringlich ward. Gordon befreit, Kasernen gestürzt, europäische Mauern gesprengt . . . neue Beziehungen trafen von Herz zu Herz. Es kam als Strom, sie empfand Contis Herz. Sie empfand, wie er sie besaß und erhob. Eilte, fing alles Unglück ein, nahm es mit, verarbeitete es . . . nichts konnte es antun ihrer Entzückung. Keine schöne Taube würde sinnlos zerstört, kein Schoß zertrümmert, kein Wahnsinn herrschte, tat Unrecht, verdarb, sie kämpfte sich weiter auf den Boulevard, traumhaft befestigt in klarer Ruhe, machte Bogen. Die Straßen hingen voll Gedränge. Um Eins kam sie Rue Guijas, sprang in einen Wagen. Sie hörte Erfolg. Streiks im Borinage, in Brest, in Perpignan, auf der Loire. Unruhen in Bordeaux. Eine rote Fahne auf Marseille. Sympathieausstand in Mailand. Meuterei in der Dauphinée. Sie bückte sich, legte die Stirn auf das Hebelrad, nickte, küßte Contis Hand. Um Zwei begann die Demonstration.

Der Verkehr stockte. Um halb Drei sperrte Gendarmerie die Eingänge der Seitenstraßen. Die Seitenstraßen standen gepfropft mit Menschen. Der Boulevard stand kilometerweit schwarz. Fahnen zeigten die Kolonnen. Plakate riefen das Volk auf. Eine dünne Kette Polizei stand zwischen der wogenden Masse des Boulevard und dem Druck der Nebengassen. Um drei brach die Masse los. In der ersten Reihe Gordons Bild. Malerei gegen die Legion. Hinter den Führern mit Schärpen Di Conti. Der Zug schwankte, zog langsam zum Montparnasse, machte eine Schleife, stand um Vier wieder am Observatoire, eine Lawine. Um dreiviertel Vier waren die Häute gerissen, die Gendarmerie überschritten. Alle Seitenstraßen mit hermetischem Druck in den Boulevard hineingeplatzt. Die Masse brodelte an der Spitze. Einer sprang vor, reckte etwas, immer höher. Es schoß los.

Alte Gesichter kamen, junge kamen, Weiber. Straßenbahnwagen, hunderte, hintereinander, besät. Automobile dazwischen. Ohne Musik. Schritte gingen in dem Boulevard, vereinigten sich, gaben einen einzigen Ton, der sich band, hallte, brauste. Die hellen Normannen, ehemalige dunkle Soldaten, die Kokotten der Hallen, Apachen mit Tüchern, Araber, Studenten des Quartiers gingen in dem sausenden Ton. Er ward dumpfer in der Tiefe, schlug hinauf die Häuser. Die Straße vor dem Zug war ausgestorben, glühte. Vor dem Zug schlossen sich die Fenster, Läden der Verkaufshäuser rasten herunter. Die Kolonnen drängten sich, verbogen sich, kreuzten Rue Monsieur Le Prince, Rue Guijas, Rue des Etrangers. Aus den Gassen bohrten Keile herein. Ein Knabe von einem Baum schrie: »Es lebe die Freiheit.« Eine Lawine kam vom Luxembourg. Der Zug stockte, verdunkelte in der Gedrängtheit, löste sich ein wenig, ballte sich tiefer zusammen. Verfing sich in sich selbst, hing wie ein Haken im eigenen Fleisch. Sie brüllten sich zu: dein Kopf, deine Hand, die Schulter. Hand hing so dicht an Hand, daß sie sie nicht rührten. Eine Wolke Schweiß brach aus. Zwei große Fahnen flaggten über sieben Etagen herunter. Sie lasen die Inschrift, eine donnernde Stimme rief über den leeren Raum die Straße herauf etwas, das die erste Woge traf, sie bäumte. Die Häuser zitterten unter dem Druck, in oberen Stöcken klirrten die Scheiben. Die Fahnen hingen starr herunter, erregten, die Stimme ward lauter. Da brach die Masse, fast schreiend, schwankte, mußte nach vorwärts, dehnte sich auf die Seite, daß der Stein an den Hüften knirschte, bewegte sich, flutete. Laternen standen, Bäume im Weg. Eine Sekunde zitterte die Barriere. Dann gingen die Kolonnen als Fluß, strömten, unwiderstehlich. In ihrer Mitte hoch, vor den Wagen, den Autos, schwankten die Laternen, Bäume. Reißend goß es sich auf die Place St. Michel, füllte sie voll und rund.

Di Conti sprach.

Die Kühle war gerissen, die Flamme schlug vom Denkmalrand. Der Donner machte das gefüllte Platzbassin totstill. Er bückte sich wie ein Ringer, stieß den Arm zum Kreis, zwang die Stille noch tiefer herunter. Sprach. Formte im Reden die Gesichter unten, zerrte sie auseinander, wischte sie aus, entleerte sie. Riß sie rasend hinauf, verklärte sie langsam, füllte begeistert an. Zog die Reihen, sanft einander verschmolzen, dichter heran. Wuchs. Stieg höher, stand am oberen Rand des Denkmals, bog den Nacken zurück, rang einen Augenblick die Hände, entfaltete sich mit einer ungeheueren Bewegung, zog die Masse mit auf, warf sie auf, über sich ihre Herzen, stemmte sie höher, fabelhaft sich entfaltend, hoch die Arme geschleudert, wankte und wuchs mit der Last, die er hielt.

Sprach.