Part 13
Sie blieb allein. Lief durch die Gassen. Erbleichte unter seinem Anblick, schloß sich ihm demütig an. Sie kamen ins Café, als Ly von einem Krampf ergriffen auf dem Rücken lag und schrie. Philippe ging auf sie zu und, indem er die Hand ausstreckte nach ihrer Stirn, gelang es, daß sie beruhigt aufstand. Daisy neben ihr auf dem Barstuhl. Renée verkaufte sich einem blassen Deutschen feilschend um ihre Taxe: hundert Sous. Sie frug nach Luison. Achselzucken. Sylvie, die mit einem Amerikaner zog, der ihr Opium ins Gedärm gab, eh er mit ihr schlief . . . »May?« »Die Krankheit.« »Riette?« »Die Krankheit.«
St. Denis.
Das Wort schlug wie ein Hammer sekündlich in ihre Seele. Verheerte, verwüstete sie, trieb Wut heraus und Auflehnung, bis sie flammte. Schlichtete ihr Glaube sich an Philippes Nähe sanfter und demütig, ein jeder Besuch, ein jeder Tag rieb sie an der Unvollkommenheit, dem Irrsinn der Welt. Bald sah sie nur noch so, daß sie Kontraste maß, Distanzen spürte, das Riesige, was die Menschen schied und sie unglücklich machte, nur als geringe Strecke, als kleine Unterscheidung empfand und unverstehend blieb an der Hartnäckigkeit, mit der gestempelte Dummheit das Glück hintertrieb.
Samstag verschwand Renée, sie sah sie nicht wieder. Abends brach eine kastilische Mimi zusammen, spie das Lokal voll Blut. Man warf sie in einen Karren, er rollte los. Herauf schwankte ein Beerdigungswagen, ein Auto mit bemalten Kokotten schnitt die Bahn. Da fiel sie ohnmächtig zurück, wie vom Blitz zerschmettert von dem einstürzenden Gefühl der Unzulänglichkeit ihres seitherigen Lebens.
Die Nacht kam sie zu Philippe. Er hatte die Augen weit und sehnsüchtig auf sie gerichtet, wie sie, das Licht über dem nackten Arm, hereintrat. Sie ging bis an sein Bett, kniete auf das Holz. Sie neigte sich zu ihm, und es fiel ihr schwer zu sagen: »Wäre es nicht schöner, Philippe, du hättest Ly geholfen, statt mit ihr zu gehen?«
Er schwieg.
Dann sagte er: »Ich kann nicht bestimmen, auch du nicht, was ihr Glück ist. Aber ich suchte zu helfen, als sie litt.« Es gab für ihn keinen anderen Weg.
Sie ging, sagte nie mehr ein Wort. Von ihrem Gesicht nahm stets sein Auge die Auflehnung hinweg.
Aber sie sah, wie das Café mit neuen Mimis sich füllte, wie die wieder verschwanden, zu rasch durchgekeltert, zerbrochen, verbraucht. Wie neue Wellen der Boulevard hereinwarf. Die Lues wütete. St. Denis sich füllte, gespeist aus tausend Lokalen, Schicksal sich vollzog, in der Maschine des Hospitals das Fleisch gesiebt ward, die beiden ersten Stadien noch mit Grazie vergingen, das dritte aber wie Pestilenz die jungen Körper durchwütete . . . . wie Verlebtes herausschoß, Angenagtes hineinkam, wie die Maschine kaute, fraß, schlang -- -- und nichts half an der Wurzel, nichts umstülpte, was gemeinhin half. Gott nicht unterstützte. Was blieb als helfen? Nachts bohrte ihr Hirn, sie schlug an die Wand, riß an der Tapete. Ging sie mit Philippe, gab sie Hingebung, Duldung, Erquickung. Ihr Lächeln bezauberte. Louison beantwortete es zwischen einer Hungerohnmacht. Madeleine schien es, sie empfange mit ihren Bananen Himmel, Musik, Freiheit. In Philippes Leben stand sie und fühlte, daß er es brach wie Brot, zu heben, finden zu lernen, Stärke in Ruinen zu bauen.
Ihr Hirn jedoch bäumte sich dagegen und ihr Blut, das frisch mit den Dingen des Daseins strömte, daß er dem Ende der Tragödie sich nur hingab, in schon Zerschlagenem erst das Menschliche züchtete, statt an der Quelle groß und sicher die alten Schleußen zu zerschlagen und neue aufzubauen. Und mit Haß empfand sie seine große Begrenzung, die wohl das Eigentliche wollte und im Zerbrochenen gleich das Geläuterte sah, aber keinen Sinn hatte für Anfang und Ende des qualvollen Weges, der das Menschliche verdarb und vergeudete in einer ungeheuerlichen Preisgabe. Sie konnte nicht unterlassen zu denken, während er Madeleine sein Geld gab, ihre Geschwüre seien nicht, flöge ein Paragraph in die Luft; Guigui sei frei, blase ein Tapferer ein dünnes Vorurteil auf wie Seifenschaum. Wohl empfand sie süß aus jeder hilfreichen Bewegung, das Wichtigste sei, die Menschen zu bessern am Beginn, Menschen zu schaffen mit Vorbild und Beispiel, aber was half es, dauerte es Jahrhunderte. Ihr Herz, das mit tausend Fasern in die Zeit schlug, bewegte bei jedem Zusammenstoß mit dem Elend ihres Cafés, ihres Hotels, ihres Zimmers sie, einzugreifen, statt mitzuleiden, und der Irrsinn, der Hundert zerschmetterte, um wenige sinnlos zu heben, benahm ihr den Atem und ließ sie in Gedanken sündigen stündlich gegen seinen Sinn. Denn da im Umschwung des Daseins sie aus der oberen Kuppel des Theaters hinabgestürzt aus dem Willen ihres Blutes in die hintersten Parterre, empfand sie die Kontraste deutlicher und schicksalshafter wie er, der im Bodensatz nur lebend liebte und tröstete.
Und mit der Berührung des Primäraffekts erlebte sie erst die ganze Rundheit des Daseins und mehr als je klaffte ihr von dieser Tiefe ihrer Existenz nur die eine Losung: »Hilfe dem Menschen«, und aus Dreck und Kot und Unzucht kamen die Übersicht und die Entscheidung in ihr Leben.
Noch hielt sie seine Güte, noch brach nicht aus, was sich wehrte, noch rührte die Liebe zu ihm und sein Bild sie zu solchem Mitleid, daß sie nachts hinausschlich, seine Schuhe reinigte, dem Kaffee, wenn er morgens an ihrer Etage vorbei ihn sich durch den Garçon bringen ließ, einen Zucker noch, den er liebte, hinzufügte, wozu sie eine halbe Stunde harrend auf der Treppe stand. Sie mühte sich, in die Seineantiquariate zu laufen, Kolibris, Lederfransen und Muscheln zu kaufen, ihr Kostüm heller zu verzieren und ihren Tanz zu Schleifen zu bringen, die das Letzte, was Scham ihr noch ließ, preisgaben, damit sie seine Premiere sichere und ihm Ruhe gebe. Sie schwieg, während ihr Innerstes sich elementar schon empörte, rückte näher an ihn, schmiegte sich in seine verborgensten Falten, lebte selbst in seinem eingeschlafenen Gesicht.
Am Abend der Neuaufführung glühte der Kellereingang phantastisch. Die Stühle um zwanzig vermehrt. Sie stand im Kostüm halbnackt. Da arretierte ein Sergeant de Ville ihm die unersetzbare Sprecherin des Uhu. Das Spiel fiel aus sieben Minuten vor Beginn. Das Weib war im achten Monat, der Sergeant riß sie schleifend die Treppe hinauf.
Da überstieg der Zorn über das, was er am Guten verfehlte, an falschen Plätzen vergeudete und verpraßte und nicht aufhob für das Donnernde, das seinem Leben Ziel und Erhebung geben konnte, all das in ihr einen Augenblick lang, das an ihm hing. Geröteten Gesichts unter der Schminke bat sie heftiger, er solle sich wehren, nicht gefalteter Hand sich selbst zerstören und abbauen, statt zu schaffen. Aber er wehrte sie mit der Hand leicht ab und einem Ausdruck um den schöngeschlossenen Mund, daß ihre Hand, Verzeihung erbittend, die seine strich.
Aber sie verlor nicht das Gefühl, wie sehr die Unzulänglichkeit seines Lebens das ihre bedränge und daß sie sich zerstöre und fessele, lebte sie weiterhin wie seither. Sie verstummte verzweifelt. Sie empfand zum ersten Male die Ungenügendheit der Menschen, in denen die Führer taub und falsch gerichtet lagen und an denen zerbrach, was glühte.
Sie tanzte mit einem Lächeln, das sein Gesicht nicht ausließ, steigerte sich zu den schamlosesten Gebärden, hob Bauch und Schenkel, daß nichts ihr blieb, alles ins Publikum fiel an Reiz und Erregung ihres unbegreiflich schönen gebogenen Körpers. Während ihre Füße in Unzucht gingen, lobte ihr Mund nur sein Gesicht, forderte ihr Auge sein Lächeln.
Sie sammelte, durchbrach die knatternden Applause, stellte den gehäuften Teller vor ihn, strich über seine Hand. Ging.
In seinem Zimmer begann sie zu schluchzen. Sie sah sich um, verließ es.
Sie lebte vor Cafés, auf Imperials. Lebte Rue Richelieu, Rue Bonaparte. Kam Quartier Ternes, fuhr auf einem Karussell mit Affen am Etoile. Glühender Scheibe gleich sauste der Kreis des Daseins vorbei. Sie blieb draußen. Atemlos. Ohne Besinnung. Die Zähne aufeinander. Ohnmächtig Knie an Knie. Immer wars, es stürze wie über Terrassen das Gesehene und Erlebte ab von ihr. Ihre Verzweiflung trieb die hellsten Tage zurück. Der Papagei der Savoyardin im Luxembourg, der sie kannte und liebte und dessen Hals sie kraute seit Wochen in schöner Zärtlichkeit, rieb den grünen Kopf an ihrer Hand. Sie sah ihn nicht. Sie fuhr nach St. Germain. Vom Imperial brach die Stange vor der Station, ein Latschmützer sauste ab, hielt sich, stürzte eine alte Frau auf die Chaussee, sie brach die Beine, schrie aus kreisrundem Mund »Adolphe«. Kondukteur und Arzt herbei, der Apache bestach, blieb an der Ecke, höhnte: »un plomb«, der Schaffner warf das Bleistück wütend auf die Erde, ging mit roten Fäusten auf die Apachen, die die Zigaretten in den anderen Mundwinkel steckten, ihn über einen Zaun schmissen. Der Arzt reinigte sich, unter Gequietsch rollte ein Handwagen mit der Frau ab, die Männer sagten »merde«, schlenderten weiter. Die Vögel sangen toll. Aus einer blauen Woge trieb sich der Park gleich einer Wolke heran und stand zitternd in der duftenden Luft. Der Wind wogte golden um den Hochstieg der Sonne. Die Boskettes fluteten vor Licht. Sie nahm eine Bank. Hinter dem Brunnen ward der rote Strumpf eines Mädchens deutlicher, stieg, die Hand eines Mannes hob, der Rock flog auf wie ein Pfau. Als die kristallene Abendwölbung kam, hing eine rote Windfahne über dem Schloß, ein Mandelbaum, der fast weiß ward vor Hingabe, roch wie im Traum.
Frierend fuhr sie zurück.
Wohnte Trocadero, sah Flugzeuge silbern am Himmel surren. Rue du Château d'eau schlief sie bei der Concièrge, spielte abends in Porte St. Martin. Stand mit Heiligenbildern vor St. Sulpice. Wohnte Porte de Bercy, Bois de Vincennes. In einer Gärtnerei Neuillys goß sie Blumen, hütete ein Kind, bis es schrie und lief unter dem Schreien plötzlich davon. Stand fest vor der Porte Maillot mit »Intransigeant«, »La Presse«, empfing das Trinkgeld der Soldaten, hielt unter den Wasserpalmwedeln durchsausender Automobile, spielte Karten mit den Zollwächtern der Barrikade. War eine Negerin im Odeon, entblößte den Bauch und schwang ihn wie ein kupfernes Schild zwischen den zärtlichen Hüften. Hielt Narzissen in einem Kiosk der Place des Vosges. Stand auf dem Wagen der demonstrierenden Studenten der juristischen Fakultät, umbrüllt von Jugend, Benzin, Fleisch. Verkaufte »Les Trois Couleurs«, mit denen der »Matin« den Deutschland-Frankreich-Rekordflugpreis des »Journal« bekämpfte. Wohnte Rue St. Jaques, die barock vom Panthéon steil und dämmerig zum Boulevard de Port Royal steigt. Sah Madeleine aus einem Auto, verhüllte ihr Gesicht. Fiel zurück in das Getriebe, sah Gare St. Lazare die Auslandszüge über den starren Friedhof brausen, drückte Blériots schwielige Faust. Stieß im Louvre auf Guigui, die mit schwarzem Lorgnon, elegant gekleidet, an ihr vorbei auf einen zottigen Rumänen sich lanzierte. Sah die blauen Monde elektrischer Laternen die Sommernacht der Boulevards schwärmerisch durchschwimmen. Wohnte Tuilerien zwischen Hecken und Marmorbildern. Kam in ein Musikcafé, eine Geige riß ihr ins Herz, löste sie wundervoll auf und zog aus dem Verschütteten mit dem schon über das Menschliche hinausgehenden Hinreißenden ihrer Stimme sie in die Höhe. Sie ging hinaus, begann zu weinen, kam auf die Bahnhofsbank des Boulevard Montparnasse. »Kommen Sie«, sagte eine Stimme hinter ihr. Durch Tränen sah sie den Mann, der im Café Cluny neben ihr die Zeitung gelesen, ihren Kaffee bezahlt hatte. Atemlos nahm sie seinen Arm. Da sie ausgedurstet war nach einer menschlichen Stimme, wäre sie gefolgt, wäre sie rauher noch und befehlender gewesen wie diese. Verscholl.
* * *
Aus den Sonnenblumen des Rangunschen Weibergemeinschaftshauses brechend, schlug Stefan ihr die Arme um den Hals von rückwärts, drückte, schob einen Knebel in ihren Mund, warf sie auf einen Gaul, das Tier lag in den Knien, ein anderer Pferdekopf schob sich vor, sie war frei, da rasten die Gäule, eine Hand riß ihren Zaum. Sie ritten die Nacht durch. Ihre Augen zählten die Äcker, sieben Bäche, sie lauschte. Geräusche. Alarm. Wasserzüge leuchteten Metall. Mond über einem Ölbaum. Der Mann schlug Schleifen, ritt ein Stück mit ihr im Fluß. Der Küstenstrich war alarmiert, er ritt zurück. Eine Finte. Seine Ohren standen steif vor Anspannung. Die Gäule stoben durch Gestein zurück auf einen Hügel. Vor dem Himmel gebrochen hingen Bergzüge in die Weißnacht, darüber eine Kuppe wie ein Segel geflaggt. Hinzu trieben sie in Wälder. Als sie den Gurt durchbrachen, Zweige um sie schnellten, flammte die Sonne auf. Sie kamen an ein Bambushaus. Er stellte die Leiter an, ging in den Verschlag, zog die Leiter hinter ihr ab. Als er sich umdrehte, ward sie unwohl, die Periode erfüllte sie mit Nebel, warf sie um. Abends, als sie die Augen aufschlug, entdeckte er es. »Vier Jahre«, sagte er, seine Hände zitterten. Sie sah an seinen Fingern hinauf, hinab, schlief ein. Anderen Tages mußte sie reiten. Sie ritt.
Sie ritt mit ihm, der unter holländischem Lampenhut das Kostüm des nördlichen Chinesen trug, um die Wette. Schlief bei Tage. Fuhren nachts in Lagerfeuer. Eingeborene zwischen spritzenden Spänen sausten, die Fäuste in den Augen, in die blonden Felder. Ölbäume zitterten erregt unten in Ebenen. Sprach kein Wort mit ihm, nur an seinen Händen sah sie die Sehnsucht von Jahren. Als sie wohl ward, kniete sie, beugte sich über den Kopf, der quadratisch geschlossen schnarchte. Beugte sich tiefer, roch ihn, empfand die Gewalt, schlug die Zweige zurück, auf Schuhspitzen und Handflächen schlich sie in eine Rinne, kam an den Rand, pfiff die Gäule, ritt nach der Küste zurück. Hielt am Mittag. Von ihrem Gesicht fiel ab, was sie gelebt das Jahr und was sie erwartete. Sie lauerte, überströmte sich mit Blut. Kehrte um, wandte den Rücken, schlug Stefan einen Pfiff, machte Bogen, führte die Gäule rechts und links am Halfter, rannte mit ihnen ins Wiesenwachs, ließ los . . . zwei Bogen sausten in den Horizont. Sie schlug sich morgens zu einer Karawane. Um sie Sand. Nach dem Berg zu. Allein.
Mitten trugen sie einen Alligator, vorn ein Parah mit Weibern für Bergradjahs. Die Armenier liefen beim Halt nach vorn, starrten in das Kattun. Daisy gab einem Ceylonier ein Messer für einen Esel. Er sah auf ihre Weiberhand, mißtraute ihr in dem Jünglingsrock mit abgeschnittenen Haaren, bedachte, es sei ein politischer Emissär, meckerte, sah Rebbach in der Beziehung, blieb treu neben ihr. Abends hob sich der Kattun des Vorderkamels. Hüften schaukelten prall und weiß. Ein Tuch fiel. Eine Auge grell nach Fleisch suchte das ihre, die Lider senkten sich, der Kattun verschluckte nicht das Zeichen. Es galt ihrer männlichen Kleidung, der tänzerinnenhaften Bronzeschlankheit. Am Morgen kreuzte sie eine Karawane. In der zweiten Reihe ritt Stefan auf sie zu, sie erstiegen einen Palankin, sie schloß die Augen. Wieder roch sie seinen Körper, dessen breite Muskeln sie fast zerbrachen. Demütig nahm sie seinen Zorn, seine Beglückung. Sie hoben sich aus den Knien. Der Kattun beim Vorderkamel stieg in die Höhe, das Zeichen des ersten Feuers kam. Dolche sahen in den erhellten Palankin. Wütend schlug der Kattun zurück. Das Weib heulte die Nacht, geschändet in ihrem Geschlecht, denn das Tun der beiden Männer im Palankin war ein Greuel. Am Gebirge bremsten sie, trennten sich von der Masse, schlugen sich in die Täler. Ein sanftes Gesicht wandte sich ihm zu, als sie allein hinter einer Düne standen. Allein die Fremdheit dieser Ergebung füllte ihn mit Mißtrauen so, daß er sie mehr beobachtete, als hätte sie Fäuste in sein Gesicht geschlagen. Doch sie tat keinen Laut, ergab sich und war in ihrem Erleiden und sich Schenken von einer Entferntheit, die ihn rasend machte hinter seinem steinernen Gesicht. Entfernte sie sich: »Halt«. Ging er vor ihr, sahen zwanzig Augen aus seinem Rücken. Führte sie, fraß sie sein Blick. Doch je mehr er sich bemühte, um so mehr gab sie sich ihm schrankenlos in die Hand. Allein er empfand auch hierin nur, was sie verschwieg.
Als ihr die Milz schwoll vor Feuchtigkeit, Fieber ihr Hirn verwirrte, trug er sie am Leib an einen Sonnenabhang. Das gesteigerte Blut wehrte sich, sie schlug ihm das Gesicht auf. Als das Licht das Fieber aus ihrem Körper warf, sah sie das Blut. »Ich schlug dich nicht«, sagte sie. Er schwieg. Da küßte sie seine Hand; »Verzeih.« Sie lag wie ein Kind an ihn geschmiegt. Er sagte nichts, denn er besaß.
Je mehr er besaß, um so stärker zog er sie in den Kreis, den seine Kraft um sie schloß und sie bedingungslos ihm gab. Bronzekörper fielen hinter sie zurück, Geschlitzte trieben Yaks auf Abhänge, tranken Alkohol, schrieen die Nacht. Er band sie mit jedem Gedanken, als es schneefrei ward. Ihren Willen schied er aus. Seinen pumpte er ein. Ihr Schritt ward bestimmt. Das Moos für den Fuß bezeichnet. Selbst ihren Gang, da das Unaussprechliche ihrer Ergebung ihn wie mit tausend Widerständen peinigte, regelte er nach Tempo, Biegung, er hätte versucht, sein Blut ihren Adern einzuführen, das dunkle Letzte suchend, was er besitzen wollte. Die Nacht nahm er ihr die letzte der achatnen Kugeln. Im Morgengewölk entblätterte die Spitze. Ein schnurgerader Weg in Fels gemeißelt blitzte hinauf. Links, rechts sausten Abgründe. Am Ende oben stand ein Bau. Zweimal stieß Stefan vor, kam zurück. Das drittemal war er bleich. Er untersuchte die Abstürze, den Stein, blieb die Nacht weg. Am Morgen kam er: Aus. Rot im Weiß des Auges. Die Hände hingen schlaff. Sein Mund murmelte die Stationen, die in vier Jahren die Sehnsucht ins Irrsinnige gesteigert: »Paris . . . Marseille . . . Kalkutta . . . Pegu.«
Sie lächelte, band den Gürtel schräg, torkelte, strich die Sandalen ab und ging mit einem kühlen Schatten neben sich los. Auf das Tor zu. Klopfte den vierfachen Rhythmus, es schloß sich hinter ihr. Sie glitt in die Welle, die im Kreis des Hofes brauste. Senkte den Kopf, schritt mit, strich nach zwei Stunden von der Peripherie, sah ein gelbes Band, kam in den zweiten Stern, sprach eine Minute, glitt durch die Barriere in die innere Drehung. Die gelbe Binde verschwand, bückte sich. Ein anderer wiegte an der Seite. Sie kam näher der Kuppel am Mittag. Der Kreislauf faßte sie enger um die Mitte, schlang sie ein, trieb sie in den innersten Kern, sie flog von Schleife in Schleife, glitt an ein Metall, es erzitterte, nach fünf Minuten kam sie bleich mit einer Tafel. Den Kopf gesenkt, die Welle nahm sie auf. Langsamer und vorsichtiger spie sie sie aus. Ihr Bein tat weh im Torkeln, aber das vergangene Jahr verließ sie nicht. Sie strömte durch das Brausen, die Flügel des Umschwungs geleiteten sie mählich, hochmütiger aus dem Herz des Sternes. Gegen Abend zog die Menschen-Mühle mit Schweigen, sie bog in die äußerste Peripherie, stand abgestoßen vor dem Tor.
Es war dunkel. »Komm«, sagte sie.
Sie überschritten den Steg, ein schmales Tal schmiegte sich entlang, am Ende ein Tor. Die Türen sperrten, die Nacht zischte in der Laterne, die ihr Gesicht überflog, das Licht fiel auf die Tafel, das Gegentor schoß auf. Die Ebene lag vor ihnen. Sie lächelte. In seine Hand gab sie die Tafel, sie konnte sein Gesicht nicht sehen, später erst ward der Himmel heller, fiel weiß im Bogen gegen den Grenzfluß. Unter dieser Bewegung spürte er, daß das Unwägbare in ihr, was er gesucht und nie erreicht, solang er gezwungen, ihm näher nun, wo sie sich über ihn schwang, war als je. Dies schlug ihn ganz zusammen. Sie übersah es. Blieb die gleiche. Frug ihn nach Weg, Leitung, gab ihm die Führung, folgte ohne Zögern. Sprach ruhig zu ihm von Wäldern und Flüssen und Dingen, die sie umgaben. Von sonst nichts. Sie häufte alles auf ihn, was ihm das Ansehen, den Ausschlag, die Leitung gab. Als es ihn zu sehr bedrückte, ergab sich eine stillschweigende Harmonie, sie wünschte, er tat, aber sie zeigten, sprachen es nicht aus. Er verstauchte das Knie eines Tags. Sie blieb erschrocken, da fraß ihn das, was ihm Komödie schien, ans Herz, er brauste auf, die Schläfen wölbten sich, die Fäuste wuchsen. Sie aber unterzog sich dem ohne Betonung, demütig, nahm es hin wie vorher. Dies wischte seine Erregung weg, und von diesem Augenblick blieb er in einer gefaßten Ruhe, die jede Schwingung seines Blutes in einer ehrfürchtigen Entfernung hielt. In diesem Gefühl fand er sich wieder, wurde stolzer, sicherer, und so empfand er die Entfernung, die sie wirklich von seinem Erleben trennte und zu deren Aufstieg der große Weg ihn noch trennte. Von weißem Licht bespült, fast unirdisch in der Ruhe der Fächerabende kreiselte ihr Floß, dessen Ränder sie bewohnten. Der Himmel hatte die Farbe des Perlhuhns, seiden in der Berückung der Flötendämmerung. So entglitt sie ihm immer ferner, je tiefer er sie in Wahrheit erkannt und empfand, und indem sie das sprengte, was er bis zu diesem Tage als höchstes Vertrauen seiner Kraft in sich hielt, befreite sie in ihm die Freiheit, die mit schmerzlicher Glut ihn ganz erfüllte. Aus einem Abend stachen Dampferlichter. Unter senkrechter Flamme entzündete sich ein Hafen. Eine Stadt mit Musik, Cafés, Papierlaternen und Lichtern kam aus der Wölbung. Als sie in der Bahn abfuhr, sagte er wie im Garten Guildendaals: »Du bist der Wirbel, der mein Leben einfängt«, aber er sagte es mit einem schmerzlich veränderten, zu anderen Entschlüssen umgebrochenem Gesicht. Sie nickte zurück. Aus dem Aufschlag ihres groß bewimperten Auges blieb eine träumerische Bewegung in der Luft, die bald rot ward. Die Ebene glitt in dunklem Samt zurück, der Himmel berauscht, bebend wie eine Trommel, grau mit tierischem Glänzen der Fluß. Sie schloß die Augen und es kam nur das lösende Gefühl mit grenzenloser und gütiger Kraft: Schlaf.
* * *
Sie sieht ihren schmalen bronzenen Körper im tiefen Glanz des Spiegels erscheinen. Sie reißt das einzige, was außer der leeren Halskette an ihrem Leib ist, von ihrem langen Schenkel über dem Knie das Band, zieht die Schließen an. Verkauft die zwei Perlen. Im Palankin fährt sie ins Hafenquartier, klopft, verschwindet. Fährt im Männeranzug im Wagen zurück, mit dem kurzgeschnittenen Haar einem Mischling gleichend, zu einem Magazin, füllt einen Koffer, fährt zu einer Pension, nimmt einen Raum. Dort klirrt die Glocke des Rockes um ihre Hüften, zögert die wundervolle kleine Brust in der Bluse. Da reitet, ißt sie als Herr.