Part 12
Eine kleine Summe füllte sie in ihr Portemonnaie. Sie besaß einen Koffer noch und ein weiches helles Kleid aus indischer Seide. Sie schellte Marguerite, die Manikure. Vor dem Spiegel die Figur und den Kleidschnitt abmessend, bot sie ihr den Tausch an. Die lehnte ab, da es zu kostbar war, errötete, ließ sich langsam zwingen, küßte Daisys Hand. Mit kleinen Sachen ging sie auf die Straße, gab dem, jenem, Frauen, Kindern. Es reizte sie nicht, zu wissen, wer es besaß, denn jede Tat der Entäußerung entlastete sie zu Glück. Sie beschäftigte ein halbes Dutzend Agenten. Ihre Pariser Wohnung ward verkauft. Pferde untergebracht. Möbel, Schmuck versteigert. Die Summen festgelegt, geschlossen. Selig fühlte sie alles entgleiten. Dem prächtigen Körper eines verlotterten Mädchens, dessen Anmut sie rührte, schenkte sie ihr Kleid. Sie stand in Hosen plötzlich am Badestrand abends. Verlegen ging sie in die Kabine, sandte ein Kind mit dem Portemonnaie zu der Manikure. Das Kind kam mit einem Kleid, brachte das Geld zurück. Sie zog ihr Armband aus, es Marguerite zu senden, runzelte die Stirn und blieb eine Minute in einem merkwürdig erhellten Zustand. Darauf schenkte sie es dem Kind für sich selbst. Küßte es, tief getroffen. Mit der Entledigung zog die Einsamkeit des Reichtums aus ihr. Sie besaß noch zwei Ringe. Einen warf sie den Schwänen zu, vom Geländer, abends.
Der vierte Abschnitt
Vierzehn Tage wohnte sie Mont Martre, stieg hinab zu den Hallen, nach drei Wochen war sie Mont Parnasse, geriet in ein falsches Haus; ein Kind fiel die Treppe herunter, sie nahm es hoch, es schrie. Ein Mann brüllte sie von oben herunter an, ging in sinnloser Wut auf sie zu. Sie strich das Kind über den Kopf, legte es der Frau an die Brust. »Verzeihen Sie«, sagte sie, schlug die Augen herunter und ging mit einer Stille, daß der Mann, verstummt, sie grüßte. Sie wohnte Rue Bonaparte, die so eng war, daß vor der Ecole des Beaux Arts nur eine Linie der Autos vom rechten zum linken Seineufer durchfuhr, und die ohne Pause zitterte. Sie bewohnte die Hotels am Boulevard Sebastobol, wo Huren und Apachen nachts schrien. Sie ging durch die Straßen, früh, mittags, die Nacht. Beim Löwen von Belfort sah sie Ringer und Stemmer in Trikots unter den Bäumen turnen. Kokotten pfiffen ihr nach. Rue Richelieu schlugen Huren sie nachts, weil sie glaubten, sie breche marodierend in ihr Männerquartier. Abends in der Olympia Bar fletschten vierzig Mulattinnen die Zähne um sie, im Saale der roten Papageien und drei Kapellen drehte sie sich, tanzte, ging allein, als die Rudel schönbeiniger Frauen lachend aus der Revue mit dem Geruch ihrer Haut und der Tierbewegung der Hüften und langen Schenkel kamen. Auf Imperials rollte sie von Quartier zu Quartier, Liebespaare, Trunkene, Studenten mit zerrissenen Schuhen, Russen, alte Böcke, aufgegeilt hinter Midinettes her, neben sich. Im Hotel des Etrangers schrie ihr Nachbar in Herzkrämpfen auf. Sie saß drei Nächte, kühlte ihm die Brust mit Eis. Als er hochkam, beschloß er sie dankbar unter die Decke zu ziehen, griff in ihr Bein. Am Panthéon erschoß sich ihr Visavis, ein blonder Student, der morgens mit roten Lippen gleichzeitig wie sie die Milchkaraffe in Unterkleidern in seine Tür hineinzog, an Syphilis. Sie wohnte Rue Monsieur Le Prince, Vaugirard, Champollion, zählte die Schornsteine, Betrunkene an ihrer Tür, die Fenster, Mondaufgänge.
Sie wohnte Rue Gay Lussac. Ihr Geburtstag trüb Quai de Valmy. Kehrte zurück, als die Seine sie drückte, zu Mme Fleurquin, in das Zittern der Rue Bonaparte, Bäume schwankten Boulevard St. Germain. Square Monge erlebte die Überschwemmung. Rue des Bernardins verließ sie das Hotel im Kahn, half Emigranten retten, ward als Diebin verhaftet, lächelte sich frei. Ging auf die Mairie neunzehntes Arrondissement, vierundsiebzigstes Quartier, gab sich hin für Überschwemmtenhilfe, empfing ein ironisches Ziehen des Mundes, ging wieder. »Geben Sie, Notre Dame des Lorettes willen, einen Sou zum Métro, damit ich die Kaserne erreiche,« flehte in der Rue Pigalle ein Piou-Piou. Sie gab ein Fünfzig-Centimes Stück. Er lachte sie aus, suchte sie zu umarmen. »Kommen Sie, es ist warm darin,« sagte ein großer Mann, glaubend, sie friere, nahm sie mit in das Café Cluny, las die Zeitung, ignorierte sie, zahlte für beide, ging mit einem Gruß. Erstaunt suchte sie ihn drei Tage, fand ihn nie wieder. Sie wohnte gegenüber Ecole Polytechnique, wo nach Regen Abenddächer mit weißen ovalen Schilden blitzten, dumpf Seinehörner tuteten, sah die Zöglinge der höchsten Artillerieschule farbig an Kanonen seltsame Bewegungen machen. Saß Closerie des Lilas, hörte die Revolte der Kunst. Aux trois Poulards schlug ein Mann einer Frau durch den Schädel, nahe den Hallen, warf sich heulend über sie. Sie belauschte das Gespräch zweier Absynthe-Weiber, Ausgedörrte, die gleich Hyänen gegeneinander stürzten und von der Berührung des Fingers schon umfielen, in den Pausen der Schlacht, wo sie, unfähig aufzustehen, nebeneinander in der Gosse lagen. Sie machte dem Trio an der Sorbonne Platz, dem Star-Mann, dem beinlosen Singenden auf dem Räderbrett, dem jungen Louis, sie warfen ihr Schlüpfriges nach. Sie aß mit der Papageienverkäuferin, studierenden Negern, österreichischen Spitzeln, Lesbierinnen der Place St. Michel, mit spanischen Zöglingen der Schneiderakademie, Chauffeuren, Gasarbeitern, Deutschen.
Sie ging zum Löwen von Belfort, wo Ringer und Stemmer unter den Bäumen turnten. »Wie elend zum Kotzen dies Leben«, sagte ein gesunder Mann, der Postkarten verkaufte, mit weißen Zähnen lachte. Da brach eine fremde Frau in Tränen aus. »Haben Sie Hunger?« frug Daisy mit einem Blick auf den Ellenbogen der Frau; die aber stieß ihr durch das Kreisloch den spitzen Knochen in den Leib, schrie, fluchte, drückte sich hinaus. Sie wohnte Porte Maillot, wo Métros aus der Erde stießen, Menschenmassen aufquollen, Korsos zum Bois wallfahrten, selige Benzingerüche in Parkwipfeln schäumten, lange Frauenketten in Wagen unhörbar, mit Pelzen und süßen Pferden zu Wiesen zogen. Sie wohnte Impasse Bérthier, Rue de la Rochefoucauld mit der Grabesruhe und Sacré Coeur blitzend darüber mit weißen Türmen, Rosenkränzen, Zitronen. Moulin Rouge brannte das Parterre aus, vom dritten Stock sprang ein dicker Offizier ab, zerschellte unter dem Flammenschein. Sie wohnte Quartier Ternes, fleißige kleine Bürger arbeiteten in offenen Fenstern. Stand Champs Elysées vor Luxushotels, sah Autos anfahren, gepflegte Frauen, helle Glacés, Skunks, weiße wundervolle Füchse. Sah an sich herunter. Sah gespannter lang hinüber. Wohnte Rue Delambre, zweiter Hof, dritte Baracke, Numéro Vierundachtzig. Wohnte neben Jardin du Luxembourg. Wohnte Parc Monceau, diese Nacht selig von Bodengerüchen. Wohnte Bastille-Platz. Wohnte zwei Nächte nirgends. Wohnte St. Germain des Près, sah um sich Pfauenräder der Lichtkaskaden zum Himmel brennen über dem rötlichen süßen Straßengefieber, folgte einem Ruf, stieg zwei Treppen zu Musik, sah sich um, prüfte, wer gerufen, ging zurück. Am zweiten Tage hier folgte sie einer Bluse in ein Kaffeekonzert.
Einen warfen sie heraus neben ihr, zehn Meter unter der Erde, der zweite Keller, schrieen: »Sortez-le!! Peschärsche, Affenschwänze, Bauchzimbel, Irrgebrunste, Saligots!!« Im Rauch fiel ein Sergeant gegen die bemalte Kalkwand, weiß im Gesicht, beugte sich im Gesäß. »Rotz-Lumpen«, er verschwand. Ein ungarisches Violinstück kam aus der Ecke. Sie ging über den Boden, in dessen Lehm ihr Absatz leicht sank, saß nieder der Bühne gegenüber unter dem zweiten Lampion. Ein Rosablusenmädchen besah im Spiegel die Zungenwurzel genau und angespannt, schüttelte den Kopf lachend gegen den Rauch. Eine unsichtbare Stimme, siehe, rief: »Schlaf mit mir, süße Freundin.« Sie erhob sich und warf sich einer sanften Schwimmenden gleich in den Dampf.
Daisy stand mit ihr auf, ging zwischen gesäten Tischen, den Blick fest nach vorn. Ein altes Weib neben den Kulissen auf einem Faß zog über ihre schamlosen Beine einen Keuschheitsgürtel, stampfte im Tanz, grimassierte den Bauch, zwischen gelben Zähnen: »Elle avait un petit cadnaz . . .« Auf der Bütte in dem Winkel gegenüber schwang die Kitschfanfare eines militaristischen Fanfarengauls. Sozialisten schrien sich am Ausgang zu: »Allons Camerades«, stürmten, warfen die Bütte um, schwangen einen Kreis um die Alte. Daisy stand auf, ging weiter nach vorn. Sie saß in der ersten Reihe. Auf der Rampe über ihr stand ein Mädchen, und die ungewöhnliche Zierlichkeit und Anmut ihrer Beine machte ein Loch in den Lärm. Daisys Blick blieb lange an der Biegung ihrer Lippen, dem Schwung ihres Leibes, der kindlichen aufreizenden Geste, mit der sie sich entzog. Sie saß nun ganz an der Spitze des ersten Tisches. Als im Vorgang des Schattenspieles ein schwarzes Mädchen ohnmächtig ward, der Mittelpunkt des Abends unter Gemurre schwankte, sagte sie entschlossen: »Ich«, trat hinter das aufgespannte Leinentuch, fand dort Renée, die den Stoff ihres Kleides prüfte, ihre Augen dicht ansah, lachte und sie küßte, neben dem Conférencier Philippe.
Sie lieh ihre Stimme einem Schwan hin, der an Philippes Hand grotesk in Schatten verzogen auf der Fläche tanzte und es nicht unterließ, in heftigen Perfidien dem Präsidenten der Republik nahezutreten, den Abend zu retten.
Sie gingen eingehängt zum Boulevard St. Michel, überquerten den Platz, hielten an der Boulangerie. Trabten weiter. Stießen auf d'Harcourt, passierten, liefen zur Bar, standen vor der Luxembourg-Fontäne, gingen in die Source, trieben heraus. Wurden aufgehalten, Philipp erkannt, umringt. Studenten schwenkten die Biretts, drückten aus ihren Mimis süße Schreie. Einer löschte die Laterne, einer kitzelte den Sergant de Ville. Sie zogen durchs Croissant, grüßten mit Zuruf Jaurès, stoben im Hinterzimmer über das Klappern der Jetons, warfen einen Spieltisch um, beknurrt vom Haß der Tische hinaus. Zurück zu d'Harcourt. Dann zur Source. Reichere Studenten schrien den Mimis Preise zu. Im Panthéon fiel ein Mann klatschend auf einen rundoffenen lackierten Hurenmund. Damen von dreißig bis sechzig Franken stießen verächtliche Parfümwolken aus gegen die Mimis, die frech und ängstlich an den Armen ihrer Freunde schwebten. Auf dem Boulmich verdrehte die Mimi Madeleine die Augen, fiel um, blutete aus einem Achselgeschwür. Sie schafften sie in die Brasserie Lorraine, gaben sie ab, saßen um einen Tisch, klatschten in die Hände, hoch im Rhythmus, wieder herunter und dann monoton in einer Schleife. Daisy schlich hinaus, vermochte sich nicht zu entziehen, denn am Ausgang stieß sie neben der Kranken auf Philippe. Sein Gesicht, wie er, unermüdlich, helfend, gekniet, beschäftigt war, hielt sie fest. Sie beugte sich vor, ging überflüssig zurück. Renée tanzte schon auf dem Tisch, die blanken hellen Scheitel der Dänen blendeten in einem Kreis um sie, wieder sah sie ihre unvergleichlich schönen Beine. Man ging Rue des Ecoles, Notre Dame, eine Brücke, Place St. Michel, Rue St. Jaques, Rue des Etrangers, wühlte sich ins Dreieckkreuzfeuer der Lichter vor der Nacht-Boulangerie. Zwei wurden abgefaßt beim Gebäckdiebstahl. Die Spionin, die im Gewühl der aus allen schließenden Cafés sich hier um warme Hörnchen massierenden Massen lauerte, griff die Gelenke, die Kassadame keifte, vom Pult brüllte der fette Chef mit aufgeschlagenen Ärmeln: »Steck ihr Pferdäpfel ins Maul. Kanalsau.« Man riß einige mit aus dem Haufen, wechselte ein blombiertes Fünffrancsstück, warf ein Pißhaus um, rollte es über die Trottoirs. Man kam Rue Guijas. Die Droschke mit Madeleine kam an. Man rettete sich aus der Clique ins Hotel, trug Madeleine vornher, riß Renée aus den Armen der Studenten in den Chauffeurmänteln, knallte die Tür hinter sich zu, riegelte ab.
Sie stiegen durch die drei Hurenetagen zur sechsten der Artisten und Studenten, trugen Madeleine ins Zimmer Philippes. Er schlug sein Bett für sie auf, legte ein reines Taschentuch auf das Kissen. Beim Abstieg zum zweiten Stock in Renées Couloir gab es im dritten Skandal. Zwei Weiber, eine im Korsett, eine im Hemd, die schimpfte, standen vor zwei Männern mit Zylindern im Genick, die Kerzen hielten, und einer sagte: »Alte Sau . . .« Die Hure hieb zu, traf nicht den Hut, sondern das Licht. Das Dunkel stürzte, eine Tür knallte, es schoß. Aus den Gängen quollen Weiber. Männer in Pyjamas fluchten, drückten Knipslaternen. Atemloses Geschrei verwirrte alles, plötzlich lief man. An Daisys Körper griff eine Hand.
Sie flog an einen schlanken Körper, der sie rasend küßte. Erstarrt hielt sie in dem Zug, der sie einsog, in Besitz nahm mit den Lippen, plötzlich schrie sie. In Renées Alkoven aber schlief sie im Traum die Nacht mit jenem blonden Skandinavier, der die erste Nacht, wo sie auf den Mann traf, bei Le Beaus Umarmung ihr die Nacht zerfleischte, sie hinaushob über die Seligkeit des Franzosen und sie an eine Wonne hochstieß, gegen die nichts im späteren auch nur gering bestand. Der mit der Hand aus ihr streng heraushob, was ihr Schmerzen machte bis dahin. Er tat nichts, was ihr zurückgab, aber er küßte ihr Bauch und Bein, durchwühlte sie, ward blitzscharf am Rande des Körpers, aber im Gesicht milder, als er sie verließ. Dies blieb in ihrem Schlaf, so daß sie aus dem Traum mit dem Engel glücklicher und befreiter erwachte als je aus einer Männernacht. Sie stellte die Schüssel auf die Kiste, wusch sich, schüttete das Wasser in den Schacht, aus dem mit einer Wolke das Gekeif in das kurz geöffnete Fenster hineinstieß. Sie schloß auf zu Renée, sah Bewegungen in ihrem Bett, roch den Schweiß des Kampfes. Sie wartete still, geduldig. »Hundert Sous« im Nebenzimmer. Die Tür klappte. Sie trat hinein zu Renée, die sich müde im Rücken nach der Schüssel bückte. »Nein,« sagte Daisy mit unbegreiflichem Lächeln, »laß mich«, und sie hob die Schüssel auf ihre Knie und wusch Renée das Gesicht und die Brust. Erbleichend sah sie am eigenen Hals, wie sie sich vorneigte, die Dukatenkette vorschwingen. Es fehlte seit der Nacht eine Kugel.
Sie hatte nur noch eine.
* * *
Für Madeleine, die ins St. Denis-Hospital gefahren ward, sprach sie allabendlich im Schattenspiel Philippes Sätze. Ward seine Angestellte, Vertraute, Sekretärin. Sie erlitt das Kneifen ins Bein zwischen den Tischen durchgehend, Zurufe Besoffener, während sie sprach und ihre Stimme einen Schmelz annahm, der sie nie beflügelt. Sie schrieb unter der Petrollampe seine Briefe, sein Diktat. Sie schloß, war er weg, die Dachluke, räumte sein Zimmer, besorgte seine armselige Wäsche. Wurde ihr Auge verzerrt von Gesehenem, gab seines ihr Haltung. Rief er, Kommis und Louis zu ergötzen, die Nummern des Programms in fanatisch heldischer Pose, las sie zu Haus, was er schrieb. Ging sie mit ihm neben den Bahnen, verschleierte die Straße sich in wohltuenden Nebel. Als im Jardin des Plantes der Tiger aus aufgeklafftem Rachen heulte und sie mit ihm ans Gitter trat, sah sie die Jungen, nur an den Zitzen spielend, ruhig saufen. Er wehrte jede Hilfe ab, bot ihr als Ausgleich von seinen sieben Centimes, blieb streng dabei, als sie lächelte. Bald konnte sie nur tun für ihn, was er nicht merkte.
Am Tage des Bastillesturms gab er drei Vorstellungen. Am Mittag darauf kam sie in sein Zimmer. Er schlief auf dem Stuhl. Sie suchte bis mitten in das Zimmer zu kommen. Dann schlich sie hinaus. Nach einer Stunde kam sie wieder. Er schlief noch. Sie preßte das Kinn wider die Brust, weckte ihn, gab ihm den offenen Brief, ihre Augen trafen sich, er nickte.
Sie gingen durch den Park, wo Kinder kleine Segelboote fahren ließen, durch Rosahüte, Militärmusik, sanfte Alleen mit Dogcarts. Kamen in Gassen, Geruch von Fischen, Kartoffeln, süßlichem Kinderschmutz. Eine Wolke Karbol umstand sie. Eine Schwester mit spöttisch grünem Blick versagte den Eintritt, Philippe sah sie an, nahm ihre Hand. Sie schwankte, öffnete die Tür. Als sie eintraten, lauerte eisiges Schweigen, eine Frau wälzte sich lautlos auf dem Rücken im Kot. Zwei fuhren auf aus den linealstarren Bettkolonnen, schrien, mit Armen die Kissen zerreißend, nach dem Mann: »Reiß die Mempel aus! Schlammbeißer, Creusot!« Sie rülpsten, ihre Köpfe waren verbunden und geschwollen, Eifersüchtige sich wähnend, schmissen die im letzten Stadium Irren über sechs Betten, die sie trennten, sich ihren Schleim, ihre Wut ins Gesicht. Er trat heran, sie zu beruhigen, indem er die Schwester leicht zurückdrängte. Aber als er der einen sich näherte und das Gesicht herabsenkte, begann sie zu zittern, fiel auf den Rücken, zog das Hemd auf und stülpte den zerfressenen Schoß ihm entgegen. Er wollte etwas sagen, doch die Schwester riß ihn zurück, hinaus. Daisys Rock ward gezogen. Eine dünne Stimme: »Zu mir?« Aus grauenhafter Sehnsucht kehrte ein gläserner Blick wieder zum Plafond zurück. Die Frau vom Boden stieß sie zur Seite, lief bis an die Tür, wo der Mann verschwunden, wimmerte, brach zusammen, umfaßte mit den Fingern die Klinke, die er berührt. Links war die Krankheit schon Agonie bei einer Kette Betten, rechts saß ein Kind und lächelte, vierzehn Jahre. Nun kam Daisy zum Fenster, blieb fünf Minuten bei Madeleine, gab ihr Äpfel, Rosinen, Bananen, Brot. Dann gingen sie auf die Nachbarbetten zu, legte bald auf jenes Kissen, bald auf dieses Tuch Frucht, und wie sie austeilte mit einer Armbewegung, die fast nicht da war vor innerer Inanspruchnahme, begann, ohne daß sie sprach, es immer stiller zu werden. Als sie fertig war, peitschte ein Schrei, stand, stieß, zerbrach. Zwei neueingekleidete Mimis, die Kette mit der Indikation der Maladie um den Hals, die frech herein kamen, bekamen andere Augen, andere Bewegungen, zerbrachen irgendwie unter dem Schrei. Neben der Toten stand die Schwester. Madeleine sah auf das Grün im Garten, zurück zu Daisy, ließ ihre Hand nicht bis zur Türe. »Zu mir?« frug die gläserne Stimme, wandte das zarte Profil sich hinauf. In die geklemmte Tür noch zwängte Madeleine den Hals, sah Daisy nach, bis sie verschwand.
»Dies ist ein Zuchthaus.«
»Aber auch von St. Denis sehen sie den Himmel«, sagte Philippe.
Ihr Blick blieb nachdenklich, zugeschüttet, an dem glänzenden Lack der Kinderhüte und dem weißen Crepe, der die Hemden der Croquetspieler leuchten ließ auf der Luxembourgterrasse, als streichle er empört ihre Zartheit.
Abends nahmen und sperrten Apachen unter Jeannot das Café Guijas ihres Hotels. Sie blieben mit einem Teil, während die meisten Studenten und Mimis durch den Keller flohen. Jeannot mit sympathischen Augen aß mit Kameraden um einen Tisch, drei standen Wache. Nach dem Dessert zog er die schmale Ly herüber, knutschte sie durch, fuhr ihr an den Bauch, lachte, legte sie aufs Billard. Alle umstellten es im Kreis, sahen zu, reichten ihre Röcke nach rückwärts. Jeannot strich seine Mouche, herrenhaft amusiert und wandte sich schon wieder ab, lachend über die Kuriosität der Hermaphrodite, als diese, außer sich, ihm einen Siffon an den Kopf schmiß. Kellner und Wirt, bleich vor Angst, dienernd vor Jeannot, schrien sie an. Der irische Aufwischer faßte sie wie ein Schwein, tat den größten Schimpf, warf sie aus der Tür. Sie wehrte sich, weinte, biß, kratzte, hielt sich an jedem Tisch, an jedem Arm. »Gut zum Schlafen, wäre sie nicht . . .« sagte Jeannot achselzuckend zum Ringkampf, dem er lässig zusah, wandte sich ab. Sie schlug vor den Scheiben in die Gosse, das Gesicht im abspülenden Regenstrom, wimmernd: »On m'a sortie.« »Fiaker?« frug ein Kutscher, der vorbeifuhr, gröhlte in sich hinein, hieb die Gäule um die Ecke. »Hilf«, sagte Daisy leis, als sie rangen. Aber Philippe blieb unbeweglich, bis sie im Schmutz lag, ging dann hinaus, tröstete sie, nahm sie am Arm, führte sie zurück vorbei an Jeannot, der die Pfauenbrauen zuckte, umdrehte, dem Iren mit der flachen Handkante ins rote Genick schlug, daß der in die Knie schoß und über ihn kindlich herüberlächelte.
Sie legten sie in Daisys Zimmer. Um Zwei klopfte es. Philippe brachte zwei Männer, einer betrunken, der andere fiebernd. Sie teilte die Matratzen. Sie machte mit Freundlichkeit Platz, haßte ihn nachts, morgens schlich sie in sein Zimmer, alles aus ihr stürzte in sein Wesen zurück.
Sie ward seine Begleiterin, nichts geschah ohne sie. An Betten, bei Kranken war sie hinter ihm. Sein Ausdruck flog ihr an. Mit seinem Wort gab sie Erhebung. Sie stand unsichtbar, ein sorgender Schatten, vor seiner täglichen Existenz. Sie wies Renée aus dem Zimmer, die mit den Waden nach einem Literaten kokettierte, die Stunde störte, wo er sich gab. Sie stand an der Wand, las er seinem Publikum, Russen, Kranken, Bettlern, Studenten. Ihre Seele schwang mit, glühte fromm mit seiner, pries er das Unglück, das tiefer forme, Hunde inniger, Pferde schöner mache. Sie bewunderte ihn, wie er gab, schenkte, sich teilte und verdoppelte mit einer Freude, die seinem Gesicht nie die weiche Erfülltheit nahm.
Sie strebte, ihm zu gleichen.
Sie warf jeden Gedanken aus dem Hirn, der von seiner Richtung abwich, kasteite sich, übertraf eine Stunde mit der anderen. Sie gab das Letzte, was sie trug, den Ring an Ly, die ihn bewunderte wie eine Legende, ihn vor Freude in den Mund steckte, darauf biß und ihn fast verschlang. Sie begleitete ihn zu Guigui, sprach mit ihr hinter dem Gitter des Gefängnisses, vergaß nicht den Zug des Rehhalses am Eisen, kam über die Korridore mit ihm heraus und begann, als die Sonne herabströmte, zu weinen.
Doch die unbewegliche Güte seines Gesichts brachte sie ins Gleichgewicht zurück und sie vergaß die Auflehnung und den Druck, mühte sich stark zu sein, ihn zu übertreffen.
Sie mogelte Geld in seine Kasse, hungerte um ihn, kürzte den Schlaf, brachte ihm Menschen, die sie instinktiv auflas, in seinen Abend, gab ihm, wenn sie beschwingter ihm folgten, einen Wirkungskreis, der öffentlich ihm fehlte, da er Elend lobte.
Sie sah ihn, Vorbild, gerührt ins Letzte, den Vorschuß des Café-Konzert an ein Kleid Renées geben, Essen für Guigui. Er speiste auf einer Bank im Monceau, damit sie nicht sah, daß er trockenes Brot aß. Sein Bett lieh er aus, blieb die Nacht im Stuhl. Er sprach freundlich zur Concièrge, obwohl er wußte, daß sie seine Manschettenknöpfe stahl. Lächelte, als das Sopha unter ihm brach. Ging still neben Ly, ohne Protest, als sie unschuldig wegen des Ringes als Diebin abgeführt ward. Sie sah mit einem schaudernden Mitleid, wie er sich verschwendete, Unfruchtbares tat jeden Tag, ohne Tat und Ziel, das half, wie er Hohn bekam, belacht, verschimpft ward, aber unrührbar blieb in seiner Weise.
Die Liebe aber zu seinem Vorbild wuchs daran über jeden Begriff, wuchs an jedem höhnischen Lächeln, das man auf ihn zielte. Bedenkenloser stellte sie sich vor ihn. Sie suchte noch mehr, ihm alles leicht zu bereiten. Sie sah, wie er sich quälte, das neue Schattenspiel zu stellen, Ordinäres und Geistloses aus den Tageskämpfen zog, Unterleib und Hirn des Pöbels zu reizen, um so die armseligen Sous für sein Leben zu gewinnen, die er doch wieder weggab. Und schien ihr sein Kampf verfehlt und schlecht eingesetzt am ungünstigen Hebel in mancher Sekunde, so schien die Stärke, die ihn überwindend führte, doch ungeheuerlich im Großen, daß sie über alles hinweg sich diesem hingab, restloser bemüht, zu sein wie er, Übel zu vergessen, Trost zu geben, ihm Stütze zu sein. Sie überwand sogar, was schwerer schien wie das andere, was ihr Geist vollbrachte, sie überwand ihren Körper. Holte Leder und Federn, übte die Tänze ihrer Heimat, deren Bauchkonvulsionen hinrissen, um seine schwache Nummer zu stützen und gab ihren Leib den geilsten Blicken.
Aber ihr Hirn erreichte selbst in der Opferung kein Glück.
Sie konnte, wo er sie gelehrt, tiefer zu schauen, die Abgründe nicht mit ihren Händen zusammenschweißen, die aus der Not verfluchter Zeit und dem Zwang, sie zu lindern, sich ergaben, und Dienen und Helfen schlugen ihr gleich Gewichten aus der Hand, wenn bei aller Hingabe keine letzte Befriedigung kam.