Part 11
»O«, sagte Syg mit plötzlich ganz erhelltem Gesicht, »ich freue mich, daß du dies sagst.«, Sie gingen hinein, Daisy stumm vor dem Glücksgefühl, das diese Antwort ihr gab. Aber auf der Treppe zögerte ihr Fuß. Sie spürte, wie unrecht es sei, daß auch ihr Wunsch nur Syg halte. Aber sie sagte nichts.
Am nächsten Tag fuhr Syg im Métro zur Etoile, besuchte eine Dame in der Avenue Wagram, schloß das Tor, fuhr zur Seine, stieg an der Madeleine aus und suchte zur Oper zu ein Geschäft. Sie sah in ein vorübergleitendes Auto. Ein Herr sprang heraus, in höchster Erregung auf sie einsprechend, sie sah seinen Bart zittern, die Leute blieben stehen, als er schrie. Sie nahm ihr kleines Stilet, drängte ihn bis an den Rand, er sprang in sein Auto, verdeckte das Gesicht. Sie sah um. Ein Photograph knipste und kurbelte neben ihr. Ein Herr mit einem Notizbuch zog den Hut. Sie machte eine rasche gewandte Bewegung, glitt zwischen dem Haufen durch, mitten in ein Orchester, das vor dem Café konzertierte. Sie saß eine halbe Stunde vor einem Whisky. Dann fuhr sie heim.
Zwei Tage sprach sie kein Wort über den Vorfall. Sie lebte neben Daisy. Aber die Worte, die sie gehört und die nicht ihr galten, sondern Daisys Leben herausrissen aus Stunden, die sie nicht ahnte, entfielen ihr nicht. Nachts setzte sie sich neben Daisys Bett und sah sie stumm an. Aber die Worte spannten sich zwischen sie und die Schwester und trieben sie auseinander. Sie vermochte nicht mehr, den Blick unbefangen auf Daisy zu heften.
»Du hustest?« frug Daisy und fuhr aus dem Schlaf.
Syg schüttelte den Kopf. Daisy preßte die Lippen, als die Schwester schlief. Sie fühlte, wie die Unbefangenheit riß, die Ruhe wankte, sie bangte um die Schwester und wagte nichts zu sagen, denn sie fürchtete, daß dann das Helle aus dem Himmel falle und die Kraft daraus lösche. Sie lag lange wach. Plötzlich öffnete Syg die Augen, schloß sie wieder. Mittwoch Nacht sagte sie, daß sie reise. Daisy sagte kein Wort. Sie gingen nebeneinander durch den Garten, als sie fuhr. Zwischen den Winden und Bohnen stand mit hohen, schlanken Beinen der Gärtner. Sie stiegen ein.
Die Räder rollten.
Sie fuhr zurück.
Eine schmutzige Faust reckte sich in ihren Wagen. Sie nahm die Zeitung. Der Wagen stockte im Lauf eine Sekunde. Sie gab den Sou. Wieder spannten die Motore sich an. Sie las, ihre Lippen verzerrten sich. Sie verstand zum erstenmal. Ein maßloser Schreck, dann Zorn verdeckten ihr die Augen. Ekel schüttelte sie, daß sie die eine Hand mit der anderen festhielt und geschlossenen Auges zurück sich warf in das Polster. -- Sie sah die Karikaturen auf den Parlamentarier, sah die Photos, die die Kinos von seinem Überfall her spielten, sie begriff die Verwechslung . . . die Folies Bergères trugen die Nummer in ihrer Revue. In der Ecke unten unflätige Telegramme, die er aus der Provinz, wohin er vor dem Skandal geflohen, gedrahtet. Sie biß auf den Daumen vor Schmerz, der Wagen rauschte in den Garten.
Sie saß auf der Diele. Das tiefe Fenster hinaus nach dem Bassin lag wie ein niedergelassener Vorhang. In der Tiefe des Gartens stand Pony und arbeitete. Seine Beine und seine trainierte Brust wiegten mit den elastischen Ruten der Büsche und Stauden. Der Abendnebel flammte den Geruch der Erde rötlich um seine Hüften hinauf.
Sie warf die Hände gegen die Brust und empfand zum erstenmal, wie sie, gleich einem verlassenen Tier, allein sei. Sygs Zug glitt irgendwo in die Dämmerung und aus ihrem Leben. Sie blieb zurück, um eine Lüge beraubt, die sie sich vorgeredet jede Sekunde des Daseins und der Gegenwart der Schwester. Sie fröstelte. Jugend und Heimat fielen an ihr nieder, hart, als klirrten Ringe auf der Diele. Woran ihr Herz (sei es auch nur wie ein Traum) und unwissentlich trotz des Hasses gehangen, nun lag es nackt verschwunden. Mit kaltem Grauen empfand sie die Einsamkeit, aus der die zarten Gefühle weggeschwungen. Einsamer und verzweifelter schluchzte sie auf als jede Stunde, die sie gelebt.
Es kam ihr, wie lind es sei, wenn sie weinen könne. Aber sie konnte es nicht.
Es genügte noch nicht.
Sie fühlte sich frei und verantwortungslos mit einem Male. Aus der Tiefe des Blutes kam ein Strom, der sie zu einer Unbedingtheit zwang, deren zügelloses. Streifen sie zu Gelöstheit erhob, die den Atem benahm. Die Lippen bebten übereinander. Nichts hielt sie, bedingte ihr Tun, gab Verantwortung für ihre Handlung. Mit einer zerstörerischen Wollust empfand sie ihr Ausgestoßensein, das ihr eine Kühnheit verlieh, die sie fast berauscht empfand. Nun trat Pony aus dem Dampf ins Helle. Sie begann zu winken. Das Fenster lag wie eine aufgeschlagene Terrasse in dem Garten. Tritte schlichen herauf. Dogo schrie in seinem Ring und stieß die Flügel gegen die Wand, als zerbräche er Glas. Sie stand auf.
* * *
Zwischen dem dritten und vierten Tanz hob die Kleine, die zwischen den Stühlen schaukelte, stehend die Hand nach der Seite. Daisy ging hinüber. In der Toilette brannte eine weiße Flamme. Sie hob den Schleier, zog Rot über die Lippen. Im Spiegel sah sie die zögernd Eintretende. Ihre Augen trafen sich in dem Glas. In dem Gesicht der Tänzerin ging ein Schreck auf, sie flüsterte etwas und glitt zurück. Daisy ging zu Léons Tisch hinaus. Beim Hinausgehen fragte sie den Kabarettportier nach ihrem Namen. Sie bestellte sie in das Hotel. Sie kam und bat, zart wie eine Libelle, daß Daisy ihr den Mann nicht nehme. Sie sah zitternd auf den gefalteten wollüstigen Mund der Frau vor ihr. Daisy nickte gleichmütig, prüfte sie mit einem Blick, schenkte ihr Strümpfe, Hosen, Dessous. Oft, wenn sie abends frei war, kam Renée herauf, ein Band umgab sie. Bald hatten sie kein Geheimnis. Daisy wußte jede Bewegung des Attachés, seine Lieblingsworte, seine geheimen Sätze, aber es reizte sie nicht. Sie fuhr mit Léon baden, sie stieg in das Wasser, das ihren Körper aufsog; ihre Haut aus dem Wasser heraus selbst trübte ihm die Augen vor Erregung. Auf der Rückfahrt suchte seine Hand nach ihrer. »Das andere Ufer«, kommandierte sie, er mußte wenden. Sie ging am Abend mit Renée in den Florissant.
Zwischen orangenen Lampions drehten Matrosen und Mädchen. Als ihre Hüfte unter den anderen erschien und in der abendlichen Dämmerung in die Tanzschleife wogte, umgab sie Gedränge, Blicke, Augen. Ein großer Steuermann von der savoyischen Linie faßte sie, brach die Finger fast an ihren Korsettstäben. Sie tanzte mit starrem Blick, ihr Zofenkleid machte sie noch herber, sie bog in den Vorsaal. Er taumelte, fiel in das Knie, schäumte, erhob sich, sie führte, sie schwindelten, sie tanzten in den Garten. Er konnte sich nicht helfen und stammelte Flüche. Sein Kopf fiel auf ihre Schulter und er schlug sie auf den Arm. Sie ließ nicht nach, bis sie langsam mit zitternden Knien hineinging in den Dampf, der Mann besinnungslos auf dem Kiesbeet lag. -- Ein Kolonialoffizier erschoß sich, einen Ring von ihr auf der Brust, durch den er die Kugel gesandt hatte. Kam sie mit hochroten Lippen durch die Rue du Purgatoire, ward der See eine Tönung blässer, der Montblanc steiler am Horizont. Die Augen der Männer wanderten ruhelos nach ihr. Verkleidet im Mannskostüm bei einem Ball jeute sie im Kursaal, trat hinaus vor die Schnüre von Lichtern, die die Fassade umlohten, ihr Blick tauchte in den eines ganz jungen Studenten, er fuhr sie hinaus. Ihre langgeformten Knie, die eine wundervolle Sehnsucht in seine Seele zeichneten, verzückten ihn, daß er ins Wasser sprang und am Ufer schreiend davonlief. Sie ging mit zwei weißen Windhunden durch die Palmgefieder des Parc des Eaux Vives. Sie blieb stehen, kehrte langsam um. Auf einer Bank saßen Léon und Renée. Ein Zug seines Mundes erinnerte sie den Abend lang an Pony.
Sie fuhr zu ihm. Er hatte den Garten, den sie ihm geschenkt, geschnitten, begossen, bestellt. Ihren Namen mit Ranunkeln gesetzt, in die vier Bäume des Eingangs geschnitten. Auf der Höhe des Belchens ihr Wappen mit Steinen zusammengesetzt. All seine einsamen Tage erstanden als Monument seiner Liebe. Hinter dem Strohdach sank die Vogesennacht feucht und traurig. Sie stiegen hinunter am Morgen. Kuheuter und Wiesen rochen unter dem roten Mond, über dem Rhein lagen die Schwarzwaldtage mit silbernen Wolken. Über den Grat der Vogesen rollte die purpurne Kugel groß und träg.
»Hast du die Harmonika?« Er nickte. Nur ein scheuer Blick nach aufflatternden Vögeln zeigte, daß er Sehnsucht hatte. »Ich schreibe deiner Schwester«, sagte sie am Morgen. Sie arrangierte ihren Hutkauf, sogar eine Stelle und nahm ihm mit einem Brief die große Sorge. Aus den Weinbergen glühte blau die Sonne. Sie lockte unter seinem Fenster. Als er in die Hecke ihr nachstieg, ließ sie seine Lippen ihn aufmachen und legte ihm seidenschwarze Brombeeren eine nach der anderen in den Mund, der feucht und schmal und rot war. Seine Tierischkeit, die die einfältigen schönen Formen der Natur edel befolgte, gab ihr jeden Tag das Neue. Ringe kamen, Nadeln für ihn. Er spiegelte sich im Rücken seines Zigarettenetuis.
Er erbrach sich nachdem er zu viel gefressen. Sie saß an seinem Bett, er fürchtete sich vor dem Unbekannten, das ihm Leiden brachte, verehrte sie wie eine Mutter, indem seine Seele zum Schutz dicht an ihre sich schmiegte. Er tollte in die Gesundung, riß den Schwanz der Hühner aus, saß auf den Bäumen, ward traurig am Abend, wusch sich nicht, roch nach Schweiß und Erde, sie fand ihn schöner als je.
Sie bekam Sehnsucht nach Wasser, als nach einem Gewitter ein Bach neben dem Haus herabstürzte. Sie fuhren zurück, zusammen diesmal. Neben ihr zwischen den Hunden schritt Pony in weißen Hosen und Schuhen durch die Rue du Rhône. Er blieb am Geländer stehen, schaute träumerisch in den tiefblauen Schuß, der aus der Brücke kam, die Insel umrahmte und überschwungen blieb von unwahrscheinlichen Schwanenherden. Sie pfiff durch die Zähne. Zwei Passanten blieben stehen, sahen nach. An der Brücke flog eine Autotür auf, ein Herr, indem er die Kurve nahm, als sause eine Kugel in einer gebogenen Schiene, starrte sie an. -- Auf dem Balkon saß Renée im Lederstuhl, die Knie hochgezogen. Ihre Atropinaugen, tief untermalt, glänzten einen milden Schein, sie starrte auf Pony, flog darauf Daisy an den Hals. Der Abend schoß durch die Platanen. Renée legte die Gabel hin, kniff ein Fünffrancstück ins Auge, legte dem Kellner den Absynthstrohhalm über das Ohr und breitete die Arme aus. Pony sah auf das Wasser. Die Küste wich zurück. Schwärmerische Raketen überwanderten den immer neu geäderten Himmel. Ein Konzertstück wie eine rosa Wolke lag mitten im See. Auf den Fußspitzen wiegte Renée erwartend den ganzen Körper langsam über die Lehne, blieb einige Minuten von einem unaufhörlichen Zittern durchflossen. Plötzlich wühlte sie den Bauch in den Mondschein, bebte in der Wage der Hüften in einer pfeilschnellen Schwingung, tauchte aus dem Licht, fuhr mit einer kreisenden tollen überschwingenden Eile wieder hinein -- dann kamen die Lenden in ein glücklicheres beruhigtes Schweifen, die Muskeln des Leibes ebbten zurück und wurden spiegelglatt, fast ohne Atmung. Sie tanzte nur noch mit den Knien, die den Körper in einem fast gläsernen Taumel ertrugen. Die Hüften malten sich unbeweglich und zart in die Schatten. Nur der Rock rauschte, Daisy preßte dagegen, sie schwangen atemlos, ihre Leiber bedeckten sich, sie küßten sich -- »Warum brachtest du mich her?« frug Pony schauernd in ihrem Arm die Nacht. Sie lachte: »Reizt es dich nicht zu größerer Liebe?« Sie zog ihn auf ihren Mund: »Pony.« Er schloß die Augen.
Eines Nachts brachte sie von den Anlegeplätzen vor Versoix Jérôme mit, im Sweater ohne Kragen und Ärmel. Selbst wenn er flüsterte, war seine Stimme rauh und biß sich durch die Dunkelheit. Im Zimmer nebenan lag Pony, die Wand war so dünn, daß das Geräusch einer Fliege im einen Raum im anderen noch lauter scholl. Sie legte die Kleider langsam ab. Am anderen Tag mußte Jérôme sie rudern, hinaus, zurück, in die Rhône, um die Insel, dann immer um ihr Haus. Eine Kette von Schwänen verfolgte das Boot, ihre Weiße verblich am Abend mählich der Blässe ihrer schimmernden Haut. Sie sah immer auf Jérômes Nacken, wo die braunen Halsmuskeln wie Fächer zusammenschnellten. Abends ging sie einsam und allein nach Haus. Die Schwäne geleiteten sie noch eine Weile in der Dunkelheit am Ufer. Als Léon von der Gesandtschaft in Bern zurückkam, lag er verzweifelt im Boot vor ihr, berührte ihre Hände, ihre Schuhe. Sie schüttelte den Kopf. Sogar das Wasser erhielt eine Feierlichkeit und schäumte leicht in dunkler Erregung, wie sie mit langen braunen Beinen immer tiefer hineinstieg. Auf der Terrasse des Café du Nord ballte Léon die Hände und hörte auf zu atmen nach seiner Frage. Sie ging hinweg über Pony, schaute ihn einen Augenblick an, die Bernsteinkörper in seinen Augen ihr gegenüber erstarrten, sie ließ eine Sekunde schweben, dann sagte sie auf sein Drängen, wie er es wage, mit ihr zu reden, habe er doch Renée. Ihr Hochmut ließ ihn bei diesem Namen eine Bewegung machen, als lege er dies nebenhin als ohne Gewicht für sein Leben. Sie zeigte nichts, aber er strich sich damit aus ihrem Dasein. Aber Renées Geschrei machte sie müde am anderen Tage, denn sie tobte in ihren Zimmern, weil sie Léon liebte. Die Zarte irrte wie ein Vogel auf den Balkon gegen das Blaue und zurück in das Zimmer. Daisy sah sie lange an. Sie sagte kein Wort, gab ihr Geld und zwei Koffer. Am Abend ging sie zum Zug. Renée weinte gerührt an ihrem Hals. Als der Zug weg war, sah sie einen Männerschatten am Bahnhofeingang, sie nickte mit dem Kopf. Zu sich selbst.
Léon griff sie stürmischer an, befreiter, beim Segeln, auf den Quais. Sie bedeutete ihn ruhig, daß das Opfer, mit dem er sich brüste, ihr nichts bedeute, denn es sei eine Selbstverständlichkeit und ohne die kleinste Verpflichtung für sie. Sie kam mit Pony wieder und den Hunden am Abend die Anlage her, als die Rhône sanft, tiefblau vorüberströmte, schon die Dämmerung aufnehmend, während ihr Anfang noch biegsam und stählern mit den Schneebergen glühte. Léon flehte sie an, Pony zu verlassen.
»Gab ich nicht Renée?« Es verstörte sie eine Sekunde, an die Tänzerin zu denken. Doch glitt es schon weiter, hinter sie. Sie zog die Augen an, daß sie schräg standen.
Am Morgen war sie verreist. Enttäuscht von der Brust eines glatten Fischers kam sie von Beaurivage. Der Morgen fiel prall und von seraphischer Bläue in die Schwebe getragen auf den weißen Ufersand. Erstaunt sah sie Genf wieder auftauchen. In der Betäubung des irrsinnigen Suchens fiel Gelebtes sofort hinter sie, Leidenschaften verschwammen wie nie geatmet nach Tagen. Die Landschaft der Woche vorher, das Haus, ihre Gedanken prallten schon im Wesenlosen. Als Léon, die Hand am Steuer, den Großschot in der anderen seilend, in ekstatisch erhellter Nacht, in der der Mont Blanc wie ein weißer Ballon schwamm, schwor, Pony zu erschießen, wenn sie ihn nicht verjage, sein Auge den fiebrigen Wahnsinn bestätigte, wies sie ihn zurück mit Nein. Kalt vor Zorn verließ sie ihn über die Drohung, mehr voll Liebe zu Pony wie je. In dieser Nacht weigerte sich Pony zum erstenmal, sein gequälter Körper gab ihm Mut, den sein Geist nicht hatte. Sie sprang aus dem Bett: »Gut . . . du wirst Bonnen wieder haben.« Am Abend kreuzte Léon Ponys Abreise, sie hatte ihn nicht begleitet. Er nahm einen Wagen, jagte. Er kam als Sieger. Auf dem Tablett kam mit ihm ein Brief, Daisy nahm ihn, als Léon eintrat und legte ihn sofort wieder zurück. »Welche Eitelkeit in Ihrem Gesicht«, höhnte sie und wandte sich um nach dem Shawl und dem Spiegel. Bestürzt, zerschmettert kehrte Léon um. Am Ende des Zimmers hielt er, nahm eine Vase und schlug sie hin, blickte starr und ging hinaus. Daisy trat auf die Rampe des dunkel gewordenen Hauses, um das die Brust des Wassers langsam stieg und fiel. Sie pfiff. Zwei grüne Lichter bewegten sich auf dem Anlegeplatz, stachen ins Wasser, kamen im Bogen heran. An Léon vorbei, strich Jérôme in das Haus. Plötzlich hob er den wirren braunen Kopf und lauschte. Im untersten Fenster sang eine weiche berückende Männerstimme: »Andulko me dite --vy se mne libite . . .« »Was ist das?« frug Jérôme. Sie lauschte. Pony war zurückgekehrt. Sie lachte, zog ihn wie einen Hammel am Fell. »Einer der Hunde?« frug sie ihn; er fletschte die Zähne. Sie bückte sich, hob den Brief auf. Die Schrift war von Syg. Sie ließ ihn in das pfaublaue Wasser hinunterflattern. Am Morgen brachte sie Pony selbst in die Bahn.
Ringe in Blumen . . . sie gab die Buketts, ohne sie zu sehen, dem Zimmermädchen. Ein Kreuz mit Ametyst auf Rosenholz, vom Athos, lag auf ihren Kissen. Ein Pferd stände bereit, schrieb man. Léon schmiegte sich manchmal durch die Dämmerungsschatten draußen. Eine Yacht trug ihren Namen am Lee unter dem Fenster vorbei. Eine kalte Verschwendung trug die Luft jedem aus ihrem Leben zu, die erzittern machte, wer in ihren Kreis trat. Sie atmete, sah Augen, Tage, blaue Ausschnitte über dem Salève, kurz und farbig blitzten Blicke in ihren, schon entrann es zu anderem. Es floß zurück wie in einen Bogen, in dessen Kurve ihre Seele unermüdlich schwang. Irrsinnig eines Abends erstürmte Léon die Treppen, kam in ein Zimmer, wo sie las, streifte die Kleider ab. Sie eilte hinaus, schloß ab, klingelte. Er flehte. Sie wollte den Skandal. Dann überlegte sie, sie schloß einen Vertrag, legte ihm auf, daß er sie mitnahm auf die Gesandtschaft in Bern. Er kompromittierte seinen Namen, die Stellung. Doch er sah sie nur entfernt wie immer. Sein Diener erzählte ihm von dem Kreis und den Monden auf ihrem Leib, er ward ohnmächtig. Sie frug ihn nach seiner Arbeit, den Geheimnissen des Berufs, sein Leben. Seine Nägel ballten sich in die Handflächen, aber sie sah die geheimsten Akten. »Wäre ich eine Agentin?« Er zuckte die Achseln, schon war ihm alles gleich. Seine Familie steckte ihn in ein Sanatorium. Er folgte. Vorher bestach er die Zofe, erhielt eine ihrer Hosen, schluchzend fuhr er damit im Zug. Er hatte sie nicht gehabt. Er hatte wenigstens dies. Am Abend spielte sie in einen Mann verkleidet auf einem Kostümfest, an den »Kleinen Pferden«, verlor, konnte nicht alles zahlen, bat ihren Partner mitzukommen. Er wartete im Vestibül. Als sie die Treppe zurück herunterkam, erstarrte er. Sie kam als Frau.
Er neigte sich über ihre langen Finger. Wie sie in den Wagen stieg, sprang Jérôme hinter einem Busch heraus und schrie: »Hure«. Etwas blaß, unsichtbar durchglüht trat sie zögernd ein wenig zurück. Als sie ihn aber ansah, ließ er die Hände sinken, schlug sie um den Nacken und lief brüllend davon. Der Wagen rollte. Sie trat mit ihrem Partner ein Treppenhaus mit Marmor hinauf. Die rote Weste eines Dieners leuchtete hinauf neben ihr unter einem zehnkerzigen Halter. Die Fräcke im Saal glitten durch einen dünnen silberbläulichen Rauch, den der Atem des Tanzes und der Getränke schon zum Rausch gemacht hatten. Sie legte den Arm auf eine Schulter, der blasse Schein einer Nische umglitt sie. Ein Mund fiel auf ihre Achsel. Sie zuckte zusammen. Ihre Glieder wurden kalt und abwesend wie oft in unerklärlichem Wechsel. Sie starrte vor sich hin. Sie hatte einen Brief eingesteckt, als sie sich umzog. Es fiel ihr ein, sie öffnete ihn. Sie stand auf. Der Mann hielt sie. »Was?« Ein verzweifeltes Gesicht krallte sich in ihr Auge. »Hast du mich nicht wahnsinnig gemacht?« Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte ihn kaum bemerkt, ihre Gedanken kreisten irgendwo entfernt, es fiel ihr nicht ein. Mitten im Saal schrie der Mann ihr nach: »Hure« . . . Sie zuckte kaum merkbar die Schultern. Sie hörte es zum zweitenmal heute. Allein es drang auf keinen Punkt in ihr ein, der ihr Gefühl bewegte. Vorbei schon. »Ein Opfer«, lächelte ein übergroßer lässig gebeugter Herr im Monokel. Schon suchten an seinem Mund vorüber gleichmütig ihre Augen nach Neuem. Ein olivenfarbener Jüngling, der wie ein Mädchen tanzte, legte den Arm um sie. Lächelnd glitten sie Ring auf Ring herum, gewiegt von einer Klarheit der Füße wie nie in diesen Sekunden. An einer Ecke des Saals fiel ihr das zweifach gesagte Wort mit einem Mal ein und sie setzte sich. Es war, als zerschmetterte es etwas in ihr. Sie trat an das Fenster. Unten im Garten hörte sie deutlich eine Frau weinen. Das faßte sie wie mit Schrauben, sie glitt hinaus. Eine Bank. Es war, als ströme mit dem Weinen in dem Busch, ihr Leben weg, bräche ein wie in Eis, zerrinne haltlos zwischen ihren Händen. Sie sah, wie sie Stück auf Stück verloren hatte, unter dem Schmerzenston brach es zusammen. Sie versuchte nicht, sich zu wehren. Perlmutten flauschte im Mondschein ein Segel vorüber und rückte ins Dunkel. Zerfetzte Trümmer lagen um sie, was sie gesehnt, gedacht, begehrt im Blut . . . es knallte um sie zusammen.
Da erst, wie angezogen von der anderen Stimme, konnte sie weinen und je länger die Tränen über ihr Gesicht strömten, fühlte sie, wie in ihr die Verzweiflung und das gierige Suchen brach. Sie fühlte sich elend wie nie, aber gleichzeitig verband sie ein Strom ungekannter Süßigkeit mit der anderen Weinenden. Es war ihr, wie, als sie erkannte, daß die Stimme versage, und jedes Leidende, jede Kreatur dicht ihr Herz berühre. Sie stand in einer wunderbaren Empfindung. Schon rissen die Wochen hinter ihr wie unwirklich und ihrem Wesen ungehörig sich ab und stießen ins Wesenlose. Aus der Tiefe des Elends aber zog sie ein Gefühl von einer ergreifenden Harmonie in die Höhe. Sie empfand, als stehe sie auf anderem Boden, wie plötzlich ihr Schicksal sich zusammenlegte mit Tausenden von Menschen, an die sie nie gedacht, daß ihr Schmerz sie erhob und verband, und daß, wie sie verzweifelt gesucht auf der Jagd und mit den greifenden Händen, in ihr lag mit einer stillen Verantwortung, die nichts übertraf. Sie sah die Welt plötzlich anders. Es stieg eine Kraft aus ihrem Elend, die sich in ihr bäumte. Ein Glücksgefühl überfloß sie. Demütig grüßte sie den Fall der Jetée, die Neigung der Berge, das träumerische Schleifen der Schwäne. Herauf kam der Kleinen Gesicht, aber die Schuld, die sie empfand, drückte sie nicht, sondern entflammte sie zur vollen Anspannung. Ihr war, als ruhe die Achse alles, was Hülfe bedurfte, in ihrem Herzen in dieser Nacht und ihr Herz drehte es in einem wunderbaren Stolz. Sie schaute lange unter der vorgehaltenen Hand ins Wasser. Ein Gesicht kam zurück von der glatten Fläche. Sie schauten sich an. Dann ging sie hinein.
Sie hatte ein anderes Gesicht gesehen.
* * *
Sie ließ ihre Sachen verteilen. Jérôme sandte sie einen Ring. »Ay . . . ay . . .« rief sie an der Gasse. Die arabischen Weiber küßten ihre Hände und Füße. Die Zofen kamen, nahmen. Die Bonnen gingen mit Ballen, zitternden Händen. Die Kostbarkeiten wurden versteigert. Die Depots sperrte sie. Die Spitzen rannen ihr durch die Finger. Eine frische stolze Hure in einem Kleid, daß ihrer Haltung zu gering war, zog sie aus dem Tanzsaal. Die Hosen, deren Plissees rauschten, in matter Seide zu Dutzenden fielen, durchfühlte sie mit der Hand, gab sie ihr. Mit jedem Stück, das sie verließ, schenkte sie sich zurück. Und die Wollust des Hingebens verband sie den Dingen um sie. Gebend lebte sie drei Tage und fühlte, wie unter dem Hinweggehen ihres seitherigen Daseins Freiheit in sie strömte.