Part 10
Ein rotbärtiger Mann wartete. Der Vorsteher meldete das Verbot des Zuges. Der Parlamentarier ließ sich nicht sabotieren, stieg auf den Tender und verlangte eine Lokomotive. Das Personal machte ihm eine Ovation, fuhr sie heran. Es war Abend. Er redete von der Feuerung herunter. Dann gab er ganz behutsam Daisy die Hand, sie stieg herauf, bald waren die Lichter hinter ihnen. Sie fuhren durch die Provinz. Durch den Süden sprach er von Stadt zu Stadt. Dann kamen sie quer durch die Bretagne. Ein Telegramm rief ihn von St. Malo zurück. Wieder kamen Olivenbäume. Jeden Tag liefen rückwärtsgeschleudert erleuchtete Säle mit Menschenmassen zurück. Er kam aus dem Handdrücken der Komitees direkt in den Wagen. Sie gab ihm die Hände heraus, er stieg ein. Neue Chausseen bäumten sich, der Mond schwankte langsam durch die dünnen Alleebäume. Einmal küßte er ihr die Hand, sie lachte eine Zeitlang über seine Zärtlichkeit. Sie saß in der ersten Reihe, als in Valence er während des Sprechens die Budjetrede aus Paris erfuhr und eine wilde Kavalkade dagegen aufmachte. Er aß dann den ganzen Abend. Unterwegs stieg seine Wut. Abends nahten drei Laternen, sein Geburtsort Libourne. Seine Vettern erwarteten ihn mit den Weibern, die in Holzschuhen von einem Bein aufs andere sprangen. Sie staunten sie an, indem sie sich in den Taillen weit vorneigten, die Arme auf den Rücken schlugen. Er wurde verlegen, legte ungeschickt den Arm, daß sie fast zusammenbrach, auf ihre Schulter. Sie lächelte mit den Weibern, nahm sie unter den Arm. Als sie ihnen ein Schlafzimmer zu zweit anboten, lachte sie, ging hinaus und fuhr ins Hotel. Die Weiber klatschten auf die Schenkel, grinsten, verhöhnten den Rotbart. Er ging voll Wut ins Hotel, sie abzuholen, vor ihrem Gesicht begann er die Hände zu bewegen, als sei sie aus Glas. Er sprach kein Wort. In der Versammlung stellte er eine Resolution auf, die dem Budjetredner ein Wort ins Gesicht setzte, das man nur in Libourne verstand. Die Männer stampften wie die Ochsen und rissen die Mäuler bis gegen das Ohr auf. Sein Cousin Louis trug es aufs Postamt. Der Beamte weigerte sich. Da holte er den ganzen Saal, sie steckten die Gartenhütte an, legten ihn auf den Rücken und spritzten ihm aus einem Winzergummi Schnaps in die Gurgel, bis er es tickte. Am Mittag schlachtete er ein Schwein. Mit blutigen Armen stand er breitbeinig im Hof, hob den Kopf und sah sie mit seinen weit auseinanderliegenden Augen an, seine bloße Brust dampfte. Mittags spät saßen sie im Auto. Er strahlte und wagte sich zum erstenmal dicht neben sie zu setzen. Sie zog den Mund spitz, hob den Finger und streckte ihn nach dem Polster auf der anderen Seite. Sofort glitt er hinüber. In Toulouse zog er den Rock aus im überfüllten Saal, lief auf dem Podium herum und schrie wie ein Bär, er war fast heiser, sein Publikum raste. Dem Saaldiener schlug er in guter Laune auf den Rücken, der bekam einen Hustenanfall, wurde auf drei Stühle gelegt, bekam die Arme gehoben, den Bauch massiert. Sie ärgerte sich und beachtete ihn einen Tag nicht. Sie fuhren nach Nizza zu einer Kundgebung der italienischen Irredentisten. Da sie nicht mit ihm sprach, räusperte er sich nach der Uhr jede fünfte Minute. Sie sah hinaus. Die Bläue spielte um die Äste mit einer Leichtigkeit, als durchdrängen sie sich. Er benutzte den Augenblick, die Hand herüber auf ihr Knie zu legen. Zornig sah sie ihn an. Sein schwerer Nacken zog sich ein, die schmalen Augen wurden ängstlich. Er tat ihr leid, sie griff mit der Faust in seinen Bart, zog ihn von der einen Seite zur anderen, schüttelte ihn und ließ ihn fahren, er versuchte einen Griff wie nach einer Magd. Sofort zog er sich in die Ecke zurück, fragte traurig und kindisch: »Sie haben einen Zug um den Mund, was ist?« Sie lachte. Er schüttelte sich vor Behagen und strich den Bart glatt.
Vom Zug kamen sie direkt ins Theater. Ein trentiner Dichter sprach eine Hymne an das italienische Meer. Der Raum war mit italienischen Flaggen geschmückt neben den französischen. Der Dichter trat einen Augenblick in die Loge, den Parlamentarier zu begrüßen. Ihre Blicke kreuzten sich einen Moment. Doch der Franzose stellte ihn ihr nicht vor. Sie sah einen Schatten von seinem Auge, als er hinausging. Die Verse langweilten den Parlamentarier, er wurde müde und schnarchte, aber er mußte bleiben, da er nachher sprach. Daisy stand auf bei der zweiten Nummer, ging leis hinaus. Sie ging durch das Foyer. Nun schritt sie gegen einen Spiegel, sah sich, erreichte die Treppe. Als sie den Pelz um den Hals fester zog an der Tür, trat mit zwei großen, aber langsamen Schritten der Dichter von dem Pfeiler. Sie nahm seinen Wagen.
Der Frühling stieg mit sehr blauen zarten Morgenstunden aus dem Luxembourg. An einem Abend, den die Boulevardbäume mit einer blassen Schwermut trugen, stiegen Ballone aus einem Hoteldach, stiegen mit kleinen Kerzen und erleuchteten an dem Ende der schwärmerischen Kurve den Himmel mit ihrem Namenszug. Vor Fontainebleau machte ein Torpedoauto eine ovale Schleife, ihr Wagen bremste und fuhr in den Graben auf zwei schleifenden Hinterrädern. Der kleine Spritzer hatte gedreht und verschwand hinter einer grauen Staubwand. Auf der Chaussee lag ein Strauß Narzissen mit einer italienischen Schleife. Später fand sie einen Brief darin.
Er kam am Morgen. Selbst sein Parfüm fragte nach ihren Wünschen, die er erriet, daß es sie bestürzte, denn er brachte ihr keine Geschenke, aber er lauerte auch auf das Unbewußte jedes Reizes in ihrer Seele. In seinen Arbeiten kam ihr mit aller Genauigkeit dieser und jener Tag und Gedanke wieder, nur aus der Frage zum Endgültigen geführt, entgegen. Seine Schöpferkraft sammelte sich in Verkleidungen um sie, er drang in das Dunkelste und Träumerischste ihres Lebens und erregte mit der tastenden Verführung seines Geistes. Sein Kopf war antik-haarlos, die Augen tief und umschattet, aber der Zauber seines Hirns verstrickte mit einer Überlegenheit, selbst wo er bat, daß er sich aufhob. Als sie ihn nicht empfing, sandte er ihr das Gedicht, das die Adria zur Revolte aufrief, aus dem Theater in Nizza, um ihr zu zeigen, daß dieser Ehrgeiz und sie das Verehrungswürdigste seien in seinem Leben. Die Aufrichtigkeit führte sie dicht zu ihm.
Der französische Staat ließ ihm als Gast Notre Dame allein läuten. Er kam zu ihr: »Es war keine Schönheit, da du fehltest.«
Er sagte drei Stunden vor Beginn der Premiere ab, denn Daisy lag an Grippe. Das Telephon rasselte ohne Unterlaß. Er stellte es ab. Vor dem Zimmer stand ein Boy, der niemand einließ.
»Drei Monate Reklame . . . .« flüsterte der eine der Direktoren, als sie den Boy bestochen hatten, im Salon. Er zuckte die Achseln, als sie den Tantiemensatz um fünf in die Höhe hoben. »Acht«, sagte der andere leis und bebend vor Wut, denn sein Gegenüber nahm den Finger nicht von der Lippe. Daisy schellte. Er ging hinein. Sie war aufgewacht: »Gehen Sie doch«. Er machte eine geringschätzige Gebärde, er sagte ihr, es läge nichts daran, denn diesen Ruhm verachte er, es gäbe nur jenen einen, der ihn in der Öffentlichkeit reize, und er wies auf das Gedicht, das sie auf dem Tisch liegen hatte. Er ging leis hinaus, als sie die Augen schloß.
»Zehne«, sagte der Direktor vom Fenster her, wo er mit den Nägeln das Glas zum Zittern brachte. Er schüttelte stumm den Kopf. Da bekam der andere einen Kopf wie ein Puter, der erstickt, hob die Stimme und schrie nach ihm: »Schieber«.
»Buffone«, er hatte Schaum auf den Lippen. »Marquis de la bouche.«
Mit einer aalglatten Bewegung gab er sofort nach, zog sie auf den Korridor, besprach sich, sagte zu, vergaß die Beleidigung -- denn er fürchtete, daß ihre Stimmen Daisy weckten.
Gegen Morgen kam er zurück, niedergeschlagen. Sie wagte nicht zu fragen, es schien eine Niederlage. Sie war frischer, machte Puppen aus den Kissenenden, schmollte mit ihnen, ließ sie tanzen, lächelte nach der Seite, bis er auf den Knien lag. Mit dem Frühstück kamen Zeitungen. Sie sah, daß sein Erfolg riesig war. Er sagte, da sein Blick den ihren nicht traf in der Loge, habe er die Niederlage gewünscht. Denn ihr Auge allein habe ihm sagen können, daß dieses Rufen bedeutend für ihn, ja eine Freude sei.
Er saß auf dem gelben Stuhl ohne Lehne und plauderte den Nachmittag mit ihr, den sie noch lag. Ein Brief kam, er erbrach ihn, biß die Zähne in die Oberlippe, drehte sich um und schlug die Hände vor das Gesicht.
Sie las den Brief. Er kam bis ans Bett, als die Augen sich trafen, sah sie, wie er schwankte. In der Tiefe, hinter den goldbraunen Ringen entfernte es sich. Zwei Falten preßten die Augenschlitze gegen die Nase. »Laß packen«, sagte sie.
»Du bist noch krank.« Sie nickte ein wenig und schellte der Zofe. Er senkte den Kopf, ging hinaus.
Im Zug schmerzte sie der Rücken bis zum Knie, dann die Arme. Wie sie sich legte, linderte sie nur die Sekunde. Im Tunnel verlor sich das Fieber, gegen Mittag kam es heftig zurück. Im Schlafwagen lag sie eine Stunde. Das Decklicht irrte in blauen Kreisen um sie. Sie setzte sich in die Ecke, in Decken gehüllt. »Laß dich nicht stören«, sagte sie. Seine Augen waren feucht, kalt nach innen gerichtet, wo er angespannt sich beschäftigte. Sie nahm eine Zeitung, hielt sie vor das Gesicht, als lese sie, damit er ihre Schwäche nicht sehe. Er hielt die Hände nebeneinander und sah durch die dünne Haut auf sie. Die roten Lichtreflexe machten eine unruhige Zartheit auf ihren Gliedern durch dies Transparent von rosanem Blut.
Sie kamen bei Regen an. Ein Kommissionär mit schwachsinnigen Augen umkreiste sie wie ein Hund und fing plötzlich mit den Armen zu drehen und zu schreien an. Hinten begann eine rasende Musik. Der Regen ward so toll, daß, als sie auf der Terrasse standen, über den Platz die Herangelaufenen mit hochgeschlagenen Kragen in die Cafés zurückstürzten. Schwarze Männer standen auf der Treppe, ein langer Frack warf vom Gaskandelaber den Hut hoch, knickte die Knie, fuhr hoch, stank aus dem Mund wie ein Fisch. Im Wagen begann Daisy zu weinen vor Müdigkeit. An der Ecke sah sie die dünne Erscheinung über den leeren Platz rennen.
Gegen Abend blickte sie vom Balkon, der Nebel erfrischte. Eine Ziegenherde kam aus der Nebengasse. Ein Radfahrer bog um und fuhr dem Leittier in die Beine. Es sprang um, jagte auf die Straße. Die Tiere liefen mit geblendeten Augen an die Häuser. Einige Geiße bockten, liefen irrsinnig im Kreis, warfen Kinder um, verletzten einen Gendarmen im Gesicht. Der Hirte suchte das Leittier, sprang durch die Gruppen und pfiff auf dem Fingergelenk. Da nahte Musik, alles verlief sich Die Musik hielt vor dem Hotel. Daisy ließ sich auskleiden.
Später drang rote Glut in die Fenster. Als er vom Balkon hereinkam, hob sie den Kopf aus den Kissen. »Die Unterbeamten«, rief er, schon im Salon. Sie schloß die Augen unter der Müdigkeit der Schlafpulver. Dann gingen im Nebenzimmer immer Türen, ein Organ sprach, als gurgle es den Mund voll, das schläferte ein. Die Türen klappten rascher, die Reden gingen wie ein Bad, es umplätscherte sie aus der Ferne. Sie hatte Durst, bog den Kopf zur Seite zum Trinken. Da sauste er vorbei, sie griff nach seiner Hand. »Deputationen«, flüsterte die Zofe. In der halbgeöffneten Tür, als sie hinausging, stand ein fetter Herr und verbeugte sich tief mit einem fiesen Lächeln.
Immer ging seine Stimme wie ein Uhrzeiger durch die anderen, die herumwanderten, leis klangen, bald spitz, manchmal quatschisch schäumten. Sie bekam Sehnsucht, ihn zu sehen. Sie sah ihn nur im Sprung. Später erwachte sie, es war Lärm auf der Straße, sie sah in sein überhitztes Gesicht. »Der vierte Zug«, rief er ihr zu, als er auf den Balkon stürzte. Als er zurückkam, frug sie: »Was war es«; sie hatte geschlafen in der Zwischenzeit. »Studenten«, stöhnte er. Sie verstand ihn nicht. »Was wollen sie?« »Provinzen.« Sie begriff im Halbschlaf die Zusammenhänge nicht mehr und schlief sofort ein.
Sie sah in tiefblauen Himmel, gewölbt und fließend wie Glas. Er stand an ihrem Bett. Sie sah hinunter. Singende irredentistische Vereine zogen zum Hafen. Der Schlaf hatte sie erholt, sie legte sich herum, um liegen zu bleiben. Er nahm sie an der Hand, sie stand auf. Beim Anziehen bekam sie Fieber. Sie hielt ihm den Puls hin. Er fühlte, verfärbte sich ein wenig, dann drehte er sich um. Sie sah nicht, was vorging. Es dauerte nur kurz. Dann sah er sie fragend an. Sie zog sich weiter an, eine solche Spannung lag in seinem Blick. Er hob sie hinüber ins Boot. Die Molen waren schwarz. Auf der Triere ward eine Fahne gelegt. Er trat darauf. Sie hörte jedes Wort aus dem Theater. Die Schärpen standen grell über den Hemden wie auf Schilder gelegt. In der weißen Glut platzten die Köpfe fast. Sie standen wie Zinkknöpfe, heiß und schwitzend. Um sie herum lagen Schiffe mit Tribünen, von denen die Photos unaufhörlich knackten. Ein amerikanisches Boot suchte ständig die Sperre zu durchfahren. Die Menge wartete, bis die Glocken den Berg herunterkamen. Dann schaukelten Tücher über dem Schwarz. Eine Brandung erhob sich am Ufer. Aus Marmor stieg ein Adler von der Klippe. Eine dumpfe Salve knatterte hinter der Halbinsel. Dann sprach er jene mystische Revolte, hatte die Hände gegen die Brust gestemmt, die Beine eine kleine Spanne auseinander. Auf seinem Kopf lag eine Entschlossenheit der Wollust, als wiege sein Hirn sich in dem Gedanken, den er mit großen Rhythmen durchmaß. Unter seinen Sätzen aber, die ihm die Höhe seines Lebens waren, kam aus der Tiefe des Meeres der Glanz langsam herauf. Aber wie er schloß, überkam sie eine sinnlose Traurigkeit, sie fiel fast zusammen.
Das Meer schäumte ein wenig, als sie zurückfuhren. So lange sie fuhren, streichelte er unter dem Mantel ihre Hand. Sie ging sofort in ihr Zimmer, schloß ab, kleidete sich aus. Dann sprang sie heraus, ließ sich anders anziehen, legte sich auf den Rücken. Im Nebenzimmer telephonierte er nach dem Arzt. Er verlangte Rom, einen Spezialisten, rief Summen ins Telephon, trommelte an ihre Tür. »Öffnen Sie«, sagte sie der Zofe. Im Halbdunkel beugte er sich über das Bett. Sie brachte den Blick nicht gegen seinen zum Fixieren. »Welches Unglück«, stöhnte er. Er fluchte, verwünschte den Tag, maß sich die Schuld zu, daß sie hierher gefolgt, aufs Meer gekommen. Sie lächelte. Das Telephon rief ihn hinaus. Im Dämmern sah sie auf dem Tisch etwas Helles. Es mußte vom Mittag liegen. »Schließen Sie«, sagte sie der Zofe. Sie machte das Telegramm auf, las, bückte sich, krümmte sich wie eine Katze.
Er klopfte an die Tür. Er rief durch das Schlüsselloch, er störe sie nicht, nur bitte er, daß sie den Arzt empfange, wenn er komme. Dann ward es still. Später kam er noch einmal, sie hörte ihn hin und hergehen, sein Schritt war beängstend leis, verhalten.
Nur sie habe Sinn für ihn, murmelte er. Er sprach lange mit sich, die Portiere dämpfte es. Auf dem Tisch stand sein Bild. Daisy sprang auf. »Der Arzt«, schrie es im Gang, im Nebenzimmer flog das Fenster auf, sie hörte einen stehenbleibenden Motor. Sie nahm eine Nadel, zielte dreimal nach dem Bild, steckte sie rasch in ihr Haar, sie kam durch ihre Tür zum Korridor, durch die zweite Treppe auf den Gang, dann in das Vestibül. Sie fuhr über Mailand nach Turin. Dann nach Lyon. Das Fieber ließ nach, sobald sie härtere Luft atmete, in einer Stunde war es vorbei. Von da fuhr sie bis Calais. Mit dem Fünf-Uhr-Dampfer kam Syg. Sie schritt mit dem Tuch, ohne aufzuhören, winkend über den Steg auf sie zu.
* * *
Der Mond flog, ein Vogel, durch den Apfelbaum; Die Syringen hingen schwer und rot über den Kies; Über den Hyazinthen strudelte die Luft in einer Kupferfäule. Zwischen den Zweigen des Gebüschs fing das Dunkel erst an und bebte. Bienen stürzten in die Höhe und von ihren übervollen Poren schaukelten hochgetragene Blüten langsam und taumelnd in das Wasser zurück. Die tiefgesenkten Gartenfenster brachen mit runden Quecksilberbogen aus den Säulen heraus. Die magische Tiefe des Glases blätterte sich nach innen in den schimmernden Kreisen und sog den Kiesweg mit den Tulpen in einer Spirale hoch und in sich auf. Aus der Gartenhütte taumelte ein Gegenstand mit unheimlichem Schütteln, schlug wild gegen den Apfelbaum, kam in den Mondschein, torkelte in ihm über die Wiese nach einer Maus. Dann hielt er, verdrehte die Augen, schrie »Do . . . go -- -- go. Dogo . . .«, schnurrte und steckte den Schnabel zwischen die Flügel. Der Mond, wie ein unsichtbar geschlagenes Schild, war weiß von Metall, zitterte durch den Himmel.
Dies alles brachte ihr die Heimat nahe, wenn sie Sygs Hand hielt. Sie gingen angeschmiegt durch den blauen Dunst der angefachten Nacht. Aber es trug sie nicht hinüber, sie hatte nur Abwehr. Die Unruhe war gewichen, sobald sie Syg sah und spürte. Dies aber, dachte sie im Bett, was sie froh machte, war nur die Gegenwart der Schwester, Sygs Figur und Stimme, vor deren naher Gewalt das Gelebte zurückfiel. Sie empfand Ruhe und Stille. Sie empfand sogar in Vaudreuils Grüßen das geheime Suchen und Fragen, aber sie war so sicher, daß sie sie unbefangen zurückgab.
Elfmal schlug die Uhr, dünn und silbern. Der Ton ging hinaus, wo der Glanz nicht nachließ. Syg konnte nicht schlafen, legte sich herum. Sie lächelten sich in das Gesicht. Der große helle Raum stand voll Mondstaub. Vor dem Fenster schwankten Weidengerten auf und nieder, obwohl kein Wind ging, wie der bebende Rücken eines Tieres. Nun begannen im Boudoir die Silbersachen zu leuchten, die Bettseide wurde ein Netz von zartestem Weiß, nun stand der Mond mitten im Rahmenkreuz und durchstieß gelb und flutend das Fenster.
Daisy richtete sich auf, als lausche sie: »Und Well?« frug sie und horchte hinterher . . . »und Well? . . .« Syg sprang aus dem Bett. Der Balkon war mit wogendem Lichtnebel über den Kletterrosen zugezogen. Die Nacht wurde immer wärmer und durchsichtiger, schon traten die Figuren vor der hintersten Hecke deutlich heraus. »O«, flüsterte Syg und führte die flache Hand über das Geländer. Stück auf Stück der Jugend gaben sie sich in die Hände, hinüber, herüber wie Bälle, und spielten sie sich zu . . . die Bäume, die Gouvernante, die vertrocknete Fischkugel, den Ameisenbau. Wie sich die kleinen Dinge, deren zärtliche Erinnerung sie am sorgfältigsten erfüllte, aus ihrer Erinnerung hoben, schmolz sie das Gefühl zusammen, daß die Jahre hinaustraten zwischen ihnen . . . Tage flogen auf und hoben sich in sanften Farben wie aus Strohhalmen abgesandte Kugeln und schwammen in den Garten hinein. Im Scheitel der Nacht hing der Mond fröstelnd und starr.
Die Uhr schlug. Vögel sangen, den Kopf noch an der Brust, in das wollüstige Grauen. Das Gras begann zu leben, und der Tau glühte mit einer hingegebenen Leidenschaft an der Erde. Daisy bog sich aus ihrem Bett über Sygs klares Gesicht. Sie empfand, daß ihr Kopf wie ein Spiegel denselben Ausdruck trage. Sie empfand das Glück dieser Gegenwart mit einem berückenden Gefühl.
»Wie lange hattest du Fieber, Syg?«
»Acht Wochen.«
»Arme, doch wirst du in Firenze nichts tun wie liegen und blaue Luft atmen.« Sie legte den Kopf an Sygs Brust und liebkoste sie mit der Wange, denn die Erinnerung der Schmerzen, die Syg gelitten, quälte sie in dieser Stunde der Seligkeit mehr, als sei es ein eigenes Leid.
Die Uhr schlug. Syg gähnte; zog die Beine herauf und schüttelte die Locken, reckte die Arme. Sie war zu faul zum Aufstehen. Sie schellten nach dem Frühstück. Die Zofe brachte es zuerst Daisy an die linke Seite des mit breiten Stäben gegliederten Messingbettes. Sie wies nach Syg. Das Mädchen sah verwirrt von einer zur anderen. Sygs blaues Haar wallte um das ovale Gesicht, sie hatte das Kinn auf die Hand gestützt. Sie sah mit den Augen, die tief und wundervoll ausgeschnitten und mit leidenschaftlichen Schatten befiedert waren, dem Mädchen zu. In ihrem Weiß lag ein violetter Schimmer.
Sie wurden ohne Pause verwechselt. Die Bonnen kannten sich nicht aus. Der Kutscher stammelte. Ärgerlich rief Daisy: Pha . . . lux . . . Freunde vertauschten sie. Aber dies band sie nun erst aneinander, denn in jenem Wechseln der Körper und Erscheinung fühlten sie hingegebener die Harmonie. Sie lachten sich an vor dem Spiegel. Sie zogen sich verschieden an, machten sich unähnlich.
Syg trug die Haare hoch um einen dreigezackten Pfeil, Daisy zog sie unter einer Perle, die über der Stirn lag, halb über die Ohren und scheitelte den Kopf. Syg trug dunkle Seide. Daisy ging ganz weiß, der Wind schmiegte sich in die kleinen Blumen des Battists und der Boa.
Umsonst.
Sie tauschten den Puder, die Korsetts, die Rotstifte. Syg blaßte ab wie ein Pierrot. Daisy ging mit anmutig erhellten Wangen. Doch wie sie sich bemühten, stieg die Verwirrung. Da gaben sie nach, Syg hatte eine Grimasse, sie tauschten die Rollen.
»Sie baten mich, die Kette zu besorgen«, sagte ein junger Kanadier, reichte Daisy ein Etui.
»Es war meine Schwester«, sagte sie. Sie trug ein silbriges Abendkleid mit Schwarz, ging hinaus, Syg zu rufen.
Sie kam zurück mit Goldpuder und einem roten Samt. Er überreichte es ihr. Sie dankte. Die Tür ging auf. Syg kam in einem blauen Schneiderkleid wie von der Straße, gab ihm die Hand und frug: »Haben Sie meine, Kette, John?«
Verblüfft sprang der junge Mann auf: »Haben Sie noch eine Schwester und wel . . .« Syg klatschte in die Hände, nahm ihn bei den Ohren, schenkte einen Kognak ein.
Jeden Tag schob Syg die Abreise hinaus, jeden Morgen freute sich Daisy und jeden Abend litt ihr Gefühl, das um Syg Sorge trug und doch nicht vermochte, sich von ihr zu trennen. Die Tage gingen wie ein blauer Mond nach dem anderen am Fenster vorüber, und Dogo saß in jedem, auf dem Zweig des Faulbaums sich schaukelnd.
Fribaurt rief an auf der Durchreise, Syg nahm den Hörer. Er kam nach einer halben Stunde. Daisy empfing ihn. Er sah ihr von unten in die Augen, und da er ein geschärftes Ohr hatte für das herbere in Sygs Organ, frug er, den Rücken weich, hündisch, biegend: »Wozu die Komödie?« Sie gingen auf die Veranda. Sie hob den Finger an die Lippen.
Unter ihnen stand Syg, vor ihr ein junger, schlanker Gärtner. Sie tollte und sprang um ihn herum, verzog das Gesicht, schüttelte den Kopf. Sie frug ihn, er sagte etwas. Sie preßte die Hände in die Hüften, daß die Ellenbogen nach auswärts standen und lachte. Ihre Bewegungen waren in diesem Augenblick ganz unerlöst und kindlich. Dann frug sie wieder. Er sagte einen slawischen Namen und zischte. Sie schüttelte den Kopf und lachte noch heller. Sie faßte ihn unter dem Kinn, richtete sein Auge nach ihrem (denn er schlug es nieder) und horchte angespannt, dabei bewegte sie die Nüstern in Spott.
Er errötete, dann schrie er mit voller Stimme: »Zsigis«. Syg blieb ganz ernst, hob die Hand, fuhr ihm die Grenze der Stirn entlang, sagte ihm etwas ins Ohr und ging lachend die Treppen zur Veranda hinauf. Oben blieb sie stehen: »Pony« . . . rief sie. Er hielt an, wandte sich um, errötete und blickte hinauf. Dann wurde er ganz blaß. Sie winkte. Er ging.
»Warum nennst du ihn Pony?«
»Wegen der Haare.« Auch ihre Locken hingen gefächert in die Stirn.
Daisy preßte plötzlich die Hände fest zusammen: »Fribaurt fährt Donnerstag nach Italien . . .« Sie stockte. Mit einem seltsamen und nie gesehenen Ausdruck sah Syg an Fribaurt hinauf und wieder herab, zuckte kaum deutlich die Schultern. Aber Fribaurt, der stark nach einem süßen Wasser roch, sah es nicht, denn sein Blick folgte dem Gärtner, der in den Büschen verschwand.
Aber Daisy vergaß den Ausdruck nicht, mit dem Syg den anderen angesehen. Sie blieb den ganzen Tag dicht neben ihr, als ob schon die Entfernung eines Zimmers, der Raum einer Wand sie trenne.
»Ich danke, daß du bleibst«, sagte sie stockend, als sie in den breiten Mondstrom hineingingen. Sie kamen dreimal um das Bassin, dessen Rotunde in Marmor glühte. Das Gras war blau und Dogo hing in einem Kreis von Fächerschatten. Als sie um die Hecken bogen, stand der Mondschein gezackt als Segel über dem Garten, der unter ihren Füßen schwebte.