Chapter 8
Schon begannen bei Hof alle Freunde der Familie degli Almieri zu sagen, wie befremdlich es sei, daß man ein Mädchen von so hoher Geburt, noch dazu es ehemals so barbarisch von seiner Familie geopfert, nun wieder verhindern wolle, von seinem Reichtum Gebrauch zu machen wie es wünsche, besonders wo dieser Gebrauch so unschuldig wäre. Von der anderen Seite verfehlten die Familien der älteren oder weniger begüterten Nonnen nicht, zu antworten, es sei zum mindesten sonderbar, daß eine Nonne, die das Gelübde der Armut abgelegt habe, sich nicht mit fünf Kammerfrauen zufrieden geben könne.
Der Großherzog wollte einen Klatsch, der die ganze Stadt in Aufregung versetzen konnte, kurz beendigen. Seine Minister drängten ihn, der Äbtissin von Santa Riparata eine Audienz zu gewähren, und da dieses Mädchen in seiner himmlischen Tugend und seinem bewundernswürdigem Charakter seinen ganz in die Dinge des Himmels vertieften Geist wahrscheinlich nicht zu der Kleinlichkeit eines so elenden Klatsches herablassen würde, müßte der Großherzog ihr eine Entschließung eröffnen, die sie nur auszuführen hätte. 'Aber wie könnte ich diese Entschließung fassen,' sagte sich der verständige Fürst, 'wenn ich doch durchaus nichts von den Gründen weiß, welche die beiden Parteien geltend machen können?' Übrigens wollte er sich auch nicht die mächtige Familie degli Almieri ohne hinreichende Gründe zum Feinde machen.
Der intime Freund des Fürsten war Graf Buondelmonte, der ein Jahr jünger als er war. Sie kannten sich schon von der Wiege her, da sie die gleiche Amme gehabt hatten, eine reiche schöne Bäuerin von Casentino. Graf Buondelmonte, reich, vornehm und einer der schönsten Männer der Stadt, war durch die außerordentliche Gleichgültigkeit und Kälte seines Charakters bekannt. Er hatte unverzüglich abgelehnt, Premierminister zu werden, was ihm Großherzog Ferdinand schon am Tage seiner Ankunft in Florenz angetragen hatte.
'Ich an Eurer Stelle, Fürst,' hatte ihm der Graf gesagt, 'würde sogleich abdanken; urteilt also selbst, ob ich der Minister des Fürsten sein und den Haß der halben Bevölkerung einer Stadt gegen mich entfesseln möchte, in der ich mein Leben verbringen will!'
Mitten in den Unannehmlichkeiten am Hofe, welche dem Herzog durch die Mißhelligkeiten im Kloster von Santa Riparata erwachsen waren, fiel ihm ein, daß er die Freundschaft des Grafen anrufen könnte. Dieser brachte sein Leben auf seinen Gütern zu, deren Pflege er mit viel Aufmerksamkeit leitete. Täglich widmete er der Jagd oder dem Fischen zwei Stunden, je nach der Jahreszeit. Niemals hatte man eine Geliebte bei ihm gesehn. Er wurde durch den Brief des Fürsten, der ihn nach Florenz rief, sehr verstimmt; er wurde es noch viel mehr, nachdem der Fürst ihm gesagt hatte, daß er ihn zum Vorsteher des Damenstifts von Santa Riparata ernennen wolle.
"Wißt," sagte ihm der Graf, "daß ich beinahe vorzöge, Premierminister Eurer Hoheit zu sein. Der Frieden des Gemüts ist meine Leidenschaft, und was glaubt Ihr wohl soll aus mir inmitten all dieser wütenden Schäflein werden?"
"Was meinen Blick auf Euch gelenkt hat, mein Freund, ist, daß man weiß, eine Frau hat niemals auch nur die Gänze eines Tags hindurch Eure Seele zu beherrschen vermocht; ich bin weit entfernt davon, ebenso glücklich zu sein; es fehlte nicht viel, daß ich die gleichen Torheiten fortgesetzt hätte, die mein Bruder für Bianca Capello begangen hat."
Jetzt begann der Fürst ihm vertrauliche Mitteilungen zu machen, mit deren Hilfe er seinen Freund zu verführen gedachte. "Glaubt mir," sagte er ihm, "wenn ich dieses so sanfte Mädchen wiedersehe, das ich zur Äbtissin von Santa Riparata gemacht habe, kann ich nicht mehr für mich einstehn."
"Und was wäre dabei?" sagte der Graf, "Wenn es Euch als ein Glück erscheint, eine Geliebte zu haben, warum solltet Ihr dann keine nehmen? Wenn ich keine habe, ist es, weil mich jede Frau durch ihre Klatscherei und durch die Kleinlichkeit ihres Charakters langweilt, schon nach dreitägiger Bekanntschaft."
"Ich," sagte der Großherzog, "ich bin Kardinal. Es ist wahr, daß der Papst mir die Erlaubnis erteilt hat, auf den Hut zu verzichten und mich in Anbetracht der Krone, welche mir unvermutet zukam, zu verheiraten; aber ich verlange gar nicht danach, in der Hölle zu brennen, und wenn ich mich verheirate, werde ich eine Frau nehmen, welche ich nicht liebe und von der ich Nachfolger für meine Krone verlangen werde, und nicht die üblichen Süßigkeiten der Ehe."
"Darauf habe ich nichts zu sagen," entgegnete der Graf, "ich kann nicht glauben, daß der Allmächtige Gott seinen Blick auf solche Kleinigkeiten herabsenkt. Macht aus Euren Untertanen glückliche und ehrliche Leute, wenn Ihr es könnt und habt im übrigen sechsunddreißig Geliebte."
"Ich will nicht einmal eine haben," entgegnete der Fürst lachend; "doch ich wäre dem sehr ausgesetzt, wenn ich die Äbtissin von Santa Riparata wiedersähe. Das ist das vortrefflichste Mädchen der Welt und das unfähigste, nicht nur ein Kloster voll junger widerwillig der Welt entrissener Mädchen zu leiten, sondern selbst die verständigste Vereinigung alter und frommer Frauen."
Der Fürst hatte eine so tiefe Furcht, Schwester Virgilia wiederzusehn, daß der Graf davon gerührt wurde. 'Wenn er diesen vertrackten Eid bricht, den er geleistet hat, als der Papst ihm gestattete zu heiraten,"[sic! statt:'] sagte er sich, "[sic! statt: ']ist er auch fähig, für den Rest seines Lebens ein verstörtes Herz davonzutragen.' Am nächsten Morgen begab er sich ins Kloster von Santa Riparata, wo er mit der ganzen Neugier und allen Ehren, die dem Abgesandten des Fürsten gebühren, empfangen wurde. Ferdinand hatte einen seiner Minister ins Kloster gesandt, um der Äbtissin und den Nonnen die Erklärung zu überbringen, daß Staatsgeschäfte ihn verhinderten, sich mit ihrem Kloster zu beschäftigen und daß er seine Machtvollkommenheit für immer dem Grafen Buondelmonte übertragen habe, dessen Entschließungen unwiderruflich seien.
Nachdem er mit der guten Äbtissin gesprochen hatte, war der Graf von dem schlechten Geschmack des Fürsten skandalisiert: sie hatte nicht einmal gesunden Menschenverstand und war nichts weniger als hübsch. Der Graf fand die Nonnen, welche Felizia degli Almieri verhindern wollten, zwei neue Kammerfrauen zu nehmen, sehr garstig. Er hatte Felizia ins Sprechzimmer rufen lassen. Sie ließ mit Dreistigkeit antworten, daß sie keine Zeit hätte, zu kommen, was den Grafen amüsierte, den bis dahin seine Mission recht gelangweilt hatte und der seine Gefälligkeit gegen den Fürsten bereute.
Er sagte, daß er es ebenso liebe, mit den Kammerfrauen zu sprechen wie mit Felizia selber und ließ die fünf Kammerfrauen ins Sprechzimmer rufen. Nur drei stellten sich ein und erklärten im Namen ihrer Herrin, daß sie sich der Gesellschaft der zwei andren nicht berauben könnte, worauf der Graf von seinen Rechten als Vertreter des Fürsten Gebrauch machte und zwei seiner Leute ins Kloster eindringen hieß, die ihm die beiden widerstrebenden Kammerfrauen herbeibrachten; und er amüsierte sich eine Stunde hindurch über das Geschwätz dieser fünf hübschen jungen Mädchen. Die den größten Teil der Zeit über alle auf einmal sprachen. Erst hierbei, durch das was sie, ihnen selbst unbewußt, ihm verrieten, wurde dem Stellvertreter des Fürsten ein wenig klar, was im Kloster vorging. Nur fünf oder sechs Nonnen waren bejahrt, zwanzig etwa waren fromm, obgleich sie jung waren, aber die andern, jung und hübsch, hatten Liebhaber in der Stadt. In Wahrheit, sie konnten sie nur sehr selten sehen; aber wie machten sie es überhaupt möglich? Das wollte der Graf nicht die Kammerfrauen Felizias fragen, aber er versprach sich, es bald zu wissen, indem er Beobachter rings um das Kloster aufstellte.
Er erfuhr zu seinem großen Erstaunen, daß es intime Freundschaften unter den Nonnen gab und vor allem dies die Ursache des Hasses und der inneren Zwistigkeiten war. So hatte zum Beispiel Felizia als intime Freundin Rodelinde di P**; Celia, nach Felizia die Schönste des Klosters, hatte die junge Fabiana zur Freundin. Jede dieser Damen hatte ihre adlige Kammerfrau, welche mehr oder weniger in Gunst stand. Zum Beispiel hatte Martona, die adlige Kammerfrau der Äbtissin, deren Gunst dadurch erworben, daß sie sich noch frömmer als sie zeigte. Sie betete auf den Knien täglich fünf bis sechs Stunden zu Seiten der Äbtissin, aber diese Zeit wurde ihr sehr lang, wie die Kammerfrauen sagten.
Der Graf erfuhr außerdem, daß Roderigo und Lancelotto die Namen zweier Liebhaber dieser Damen waren, anscheinend von Felizia und Rodelinde; aber er wollte keine direkte Frage stellen.
Die Stunde, die er mit den Frauen verbrachte, erschien ihm nicht im geringsten lang, aber Felizia erschien sie endlos; sie fühlte sich durch diesen Stellvertreter des Fürsten in ihrer Würde beleidigt, der sie zu gleicher Zeit des Dienstes ihrer fünf Kammerfrauen beraubte. Sie konnte nicht an sich halten, und da sie von weitem den Lärm aus dem Sprechzimmer hörte, drang sie dort ein, obwohl ihre Würde ihr sagte, daß diese Art, aus einer ungeduldigen Laune heraus nun doch zu erscheinen, lächerlich aussehen konnte, nachdem sie die offizielle Einladung des Abgesandten des Fürsten ausgeschlagen habe. 'Aber ich werde das Gackern dieses kleinen Herrn wohl parieren', sagte sich die herrische Felizia.
Sie brach also in das Sprechzimmer ein, grüßte den Abgesandten des Fürsten sehr nachlässig und befahl einer ihrer Frauen ihr zu folgen.
"Signora, wenn dies Mädchen Euch gehorcht, werde ich meine Leute ins Kloster eintreten lassen und sie werden es sofort wieder zurückführen."
"Ich werde sie bei der Hand nehmen; werden Eure Leute wagen, Gewalt anzuwenden?"
"Meine Leute werden in dieses Sprechzimmer sie und Euch führen, Signora."
"Und mich?"
"Und Euch selbst; und wenn es mir beliebt, werde ich Euch aus diesem Kloster fortführen lassen und Ihr werdet in irgendeinem armen kleinen, auf dem Gipfel irgendeines Berges des Apennin gelegenen Klosters fortfahren an Eurem Heil zu arbeiten. Ich vermag dies und noch ganz andere Dinge zu tun."
Der Graf bemerkte, daß die fünf Kammerfrauen erbleichten; auch die Wangen Felizias färbten sich in einer leichten Blässe, die sie noch schöner machte.
'Dies ist sicherlich,' sagte sich der Graf, 'die schönste Person, der ich in meinem Leben begegnet bin, man muß die Szene länger dauern lassen.' Sie dauerte in der Tat gegen dreiviertel Stunden. Felizia zeigte dabei einen Geist und vor allem ein so stolzes Wesen, daß der Stellvertreter des Fürsten sich sehr damit unterhielt. Gegen Ende der Unterredung hatte sich der Ton sehr gemildert und Felizia erschien dem Grafen minder schön. 'Man muß ihr ihren Zorn wiedergeben', dachte er. Er erinnerte sie daran, daß sie das Gelübde des Gehorsams abgelegt habe und daß, wenn sie in Zukunft auch nur einen Schatten von Widerstand gegen die fürstlichen Befehle zeige, die er dem Kloster übermittle, er es für ihr Seelenheil nützlich halten werde, sie auf sechs Monate in das langweiligste Kloster des Apennin zu schicken.
Daraufhin wurde Felizia prächtig vor Zorn. Sie sagte ihm, daß die heiligen Märtyrer mehr als dies durch die Barbarei der römischen Imperatoren gelitten hätten.
"Ich bin nicht Imperator, Signora, und ebensowenig brachten die Märtyrer die ganze Gesellschaft in Aufruhr, um zwei Kammerfrauen mehr zu bekommen, wenn sie ohnedies fünf so liebenswürdige wie diese Fräuleins hatten." Er größte[sic! statt: grüßte] sie sehr kalt und ging fort, ohne ihr Zeit zu einer Antwort zu lassen, und sie blieb wütend zurück.
Der Graf blieb in Florenz und kehrte gar nicht mehr auf seine Güter zurück; er war neugierig, zu erfahren, was eigentlich im Kloster von Santa Riparata vor sich ging. Einige Kundschafter, die ihm die Polizei des Fürsten beistellte, in der Nähe des Klosters und rings um die unermeßlich großen Gärten postiert, die es beim Tor, das nach Fiesole führt, besitzt, hatten ihm bald alles, was er zu wissen wünschte, mitteilen können: Roderigo L**, einer der reichsten und lüderlichsten Jungen der Stadt, war Felizias Liebhaber, und ihre vertraute Freundin, die sanfte Rodelinde, war die Geliebte Lancelotto P***s, eines jungen Mannes, der sich in den Kriegen, die Florenz gegen Pisa führte, sehr ausgezeichnet hatte. Diese jungen Leute hatten große Schwierigkeiten zu überwinden, um in das Kloster einzudringen. Die Strenge war verdoppelt worden, oder vielmehr, die alte Freiheit war seit der Thronbesteigung des Großherzogs Ferdinand vollkommen unterdrückt worden. Die Äbtissin Virgilia wollte die Ordensregel in ihrer ganzen Strenge durchführen lassen, aber ihre Einsicht und ihr Charakter entsprachen diesen guten Absichten nicht, und die Kundschafter des Grafen berichteten ihm, daß kaum ein Monat verginge, ohne daß es Roderigo, Lancelotto und noch zwei oder drei junge Leute, welche Beziehungen im Kloster hatten, dahin brachten, ihre Geliebten zu sehen. Die Unermeßlichkeit der Gärten des Klosters hatte den Bischof genötigt, nur die Existenz von zwei Türen zu dulden, die auf den weiten Raum hinter der Schutzmauer im Norden der Stadt führten. Die pflichtlosen Nonnen -- und diese bildeten weitaus die Mehrheit im Kloster -- kannten diese Einzelheiten nicht mit solcher Gewißheit wie der Graf; aber sie vermuteten sie und nutzten die Existenz solchen Mißbrauchs, um den Maßnahmen der Äbtissin nicht zu gehorchen, wenn es ihnen nicht paßte.
Es war dem Grafen klar, daß es nicht leicht sein würde, die Ordnung in diesem Kloster wiederherzustellen, so lang eine solch schwache Frau wie die Äbtissin Virgilia es leitete. Er sprach in diesem Sinne zum Großherzog, der ihn zur äußersten Strenge aufforderte, aber gleichzeitig nicht im geringsten gewillt zu sein schien, seiner ehemaligen Freundin den Kummer anzutun, sie wegen Unfähigkeit in ein andres Kloster zu versetzen.
Der Graf kehrte nach Santa Riparata zurück, ganz entschlossen, äußerste Strenge anzuwenden, um sich so bald wie möglich der Last zu entledigen, die er unvorsichtiger Weise auf sich genommen hatte. Felizia ihrerseits war noch gereizt über die Art, wie der Graf zu ihr gesprochen hatte, und fest entschlossen, die nächste Zusammenkunft auszunützen, den Ton wieder zu finden, der für den hohen Adel ihrer Familie und für die Stellung passend war, die sie in der Gesellschaft einnahm. Bei seiner Ankunft im Kloster ließ der Graf unverzüglich Felizia rufen, um sich des heikelsten Teils seiner Arbeit gleich zu entledigen. Felizia kam, schon vom lebhaftesten Zorn bewegt, in das Sprechzimmer, aber der Graf fand sie sehr schön; er war feiner Kenner in diesen Dingen. 'Bevor wir dieses prachtvolle Antlitz verstören,' sagte er sich, 'lassen wir uns Zeit, es gut anzuschauen.' Felizia bewunderte unwillkürlich den verständigen kalten Ton dieses schönen Mannes, der in seinem vollständig schwarzen Kostüm, das er für die Funktion im Kloster schicklich fand, wirklich bemerkenswert aussah. 'Ich glaubte, weil er über fünfunddreißig Jahre ist,' sagte sich Felizia, 'daß er ein lächerlicher Alter sein würde, wie unsere Beichtväter, aber ich finde statt dessen einen Mann, der wirklich dieses Namens würdig ist. Er trägt freilich nicht die auffallenden Kleider, die einen großen Teil der Verdienste Roderigos und vieler junger Leute, die ich gekannt habe, ausmachten; in der Menge der Goldstickerei und des Samtes ist er ihnen sehr untergeordnet; aber wenn er wollte, könnte er in einem Augenblick über diese Art des Verdienstes verfügen, während die andern, denke ich, recht viel Mühe hätten, die kluge, verständige und wirklich interessante Unterhaltung des Grafen Buondelmonte nachzuahmen.' Felizia legte sich nicht genau Rechenschaft ab, was es war, das diesem großen, in schwarzem Sammet gekleideten Mann, mit dem sie sich schon seit einer Stunde von den verschiedensten Dingen unterhielt, einen eigenartigen Ausdruck gab.
Obgleich er mit Sorgfalt alles vermied, was sie hätte reizen können, war der Graf weit davon entfernt, ihr in allem nachzugeben, so wie es nacheinander die Männer getan hatten, welche diesem schönen stolzen Mädchen näher getreten waren, von dem bekannt war, daß es Liebhaber habe. Weil der Graf gar keine Absichten hatte, war er einfach und natürlich mit ihr, nur hatte er bis dahin vermieden, die Dinge, die ihren Zorn erregen konnten, näher zu besprechen. Trotzdem war es notwendig, zu den Forderungen der stolzen Nonne zu kommen; man hatte bereits von der Unordnung im Kloster gesprochen.
"In der Tat, Signora, was hier alles in Aufruhr versetzt, ist die in gewisser Hinsicht ja vielleicht gerechtfertigte Forderung, zwei Kammerfrauen mehr als die andern zu haben, welche eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten des Klosters stellt."
"Was hier alles in Aufruhr versetzt, ist die Charakterschwäche der Äbtissin, welche uns mit einer gänzlich neuen Strenge behandeln will, von der man niemals einen Begriff gehabt hat. Es kann ja sein, daß es Klöster gibt, wo die Mädchen wirklich fromm sind, die Zurückgezogenheit lieben und davon geträumt haben, wirklich die Gelübde der Armut, des Gehorsams und dergleichen zu erfüllen, die man ihnen mit siebzehn Jahren abverlangt hat; was uns betrifft, haben uns unsre Familien hier untergebracht, um den ganzen Reichtum des Hauses unsren Brüdern zu lassen. Wir haben keine andre Berufung, als die Unmöglichkeit, zu entfliehn und anderswo als im Kloster zu leben, da unsre Väter uns nicht mehr in ihren Palästen aufnehmen wollen. Übrigens, als wir diese in den Augen der Vernunft so nichtigen Gelübde abgelegt haben, waren wir alle ein oder mehrere Jahre Pensionärinnen im Kloster gewesen und jede von uns nahm an, den gleichen Grad von Freiheit genießen zu dürfen, den wir damals an den Nonnen sahen. Und ich versichere Ihnen, Herr Vikar des Fürsten, die Türe der Mauer war bis Tagesanbruch offen und alle diese Damen sahen ihre Freunde unbehindert im Garten. Niemand dachte daran, diese Art des Lebens zu tadeln und wir alle glaubten, wenn wir erst Nonnen wären, ebensoviel Freiheit und ein ebenso glückliches Leben zu genießen, wie diejenigen unsrer Schwestern, denen der Geiz unsrer Eltern erlaubt hatte, zu heiraten. (In der ersten Unterhaltung hatte sie ihm ihr Verhältnis zu Roderigo und ihre andern Liebschaften -- es waren drei -- gestanden.) Es ist wahr, alles ist verändert, seit wir einen Fürsten haben, der fünfundzwanzig Jahre seines Lebens Kardinal war. Herr Vikar, Ihr könnt in dieses Kloster Soldaten oder sogar Dienerschaft, wie Ihr es neulich getan habt, eintreten lassen. Sie werden uns Gewalt antun, wie Eure Diener meinen Frauen Gewalt angetan haben, und das aus dem würdigen und einzigen Grund, weil sie die Stärkeren waren. Aber Euer Stolz darf nicht glauben das geringste Recht über uns zu haben. Wir sind mit Gewalt in dieses Kloster gebracht worden, man hat uns Eide und Gelübde im Alter von sechzehn Jahren mit Gewalt abgezwungen und endlich ist auch die langweilige Art des Lebens, der Ihr uns unterwerfen wollt, nicht im geringsten die, welche wir an den Nonnen dieses Klosters sahen, zur Zeit als wir die Gelübde ablegten. Selbst wenn man diese Gelübde als gesetzmäßig anerkennen wollte, haben wir doch höchstens versprochen, so zu leben wie sie, und Ihr wollt uns leben lassen, wie sie niemals gelebt haben. Ich muß Euch gestehen, Herr Vikar, daß ich Wert auf die Achtung meiner Mitbürger lege. In den Zeiten der Republik hätte man diese unwürdige Unterdrückung nie geduldet, die an jungen Mädchen begangen wird, die nie andres Unrecht getan haben, als daß sie in wohlhabenden Familien geboren sind und Brüder haben. Ich habe die Gelegenheit gewünscht, diese Dinge in der Öffentlichkeit oder wenigstens zu einem verständigen Menschen zu sagen. Was die Zahl meiner Frauen betrifft, liegt mir sehr wenig dran. Zwei und nicht fünf oder sieben würden mir reichlich genügen; ich könnte darauf bestehn, sieben zu verlangen, bis man sich die Mühe gegeben hat, den unwürdigen Betrug, dessen Opfer wir sind, abzustellen, wovon ich Ihnen jetzt einiges mitgeteilt habe; doch weil Euer Anzug aus schwarzem Sammet Euch sehr gut steht, Herr Vikar des Fürsten, erkläre ich Euch, daß ich für dies Jahr auf das Recht verzichte, so viele Dienerinnen zu haben, wie ich bezahlen könnte."
Graf Buondelmonte ward sehr ergötzt durch diese Aufständigkeit; er ließ sie andauern, indem er die lächerlichsten Einwände machte, die ihm nur einfallen mochten. Felizia antwortete mit entzückendem Feuer und Geist. Der Graf sah in ihren Augen das ganze Staunen, das dieses junge Mädchen von zwanzig Jahren empfand, als sie solche Albernheiten aus dem Mund eines scheinbar verständigen Mannes hörte.
Der Graf verabschiedete sich von Felizia und ließ die Äbtissin rufen, der er weise Ratschläge gab; er berichtete dem Fürsten, daß die Unruhen im Kloster von Santa Riparata beigelegt wären, erhielt viel Lobsprüche für seine tiefe Weisheit und kehrte endlich auf seine Ländereien zurück. Aber öfters sagte er sich: 'Es gibt also ein junges Mädchen, das wohl für das schönste Frauenzimmer der Stadt gelten würde, wenn es in der Welt lebte, und das nicht ganz wie eine Puppe urteilt.'
Doch im Kloster fanden große Ereignisse statt. Nicht alle Nonnen urteilten klar und scharf wie Felizia; aber fast alle jungen langweilten sich tödlich. Ihr einziger Trost war es, Karikaturen zu zeichnen und satirische Sonette auf einen Fürsten zu machen, der fünfundzwanzig Jahre lang Kardinal war und als er auf den Thron gelangte, nichts besseres zu tun wußte, als seine Geliebte nicht mehr zu sehen und sie in ihrer Eigenschaft als Äbtissin zu beauftragen, arme junge Mädchen zu ärgern, die der Geiz ihrer Eltern ins Kloster verstoßen hatte.