Chapter 28
Es ließ ihm aber nach einigen Monaten die Fürstin durch ein Schreiben wissen, wie sehr sie sich über seine Fremdheit beklage, indem er so lange Zeit nicht nach Salerno gekommen wäre, sie zu sehen. Carlo antwortete, daß er mehr denn je von Liebe für sie erfüllt sei, doch hätte er Salerno gemieden, um sie nicht zu verraten und sie nicht beide um Leben und Ehre zu bringen. Dieser Brief mißfiel aber der Fürstin und sie schrieb ihm, er hätte sie immer besuchen sollen. Dieser Brief brachte Carlo in großen Zwiespalt. Ginge er nicht nach Salerno, so verlöre er die Liebe der Fürstin nicht nur, sondern sie würde ihn für untreu und falsch nehmen. Gehorchte er aber ihrem Wunsche, so würde ihre Liebe leicht bekannt werden durch einen Zufall oder den Ungestüm der Fürstin. Aber nach vielem Schwanken entschied sich Carlo, seiner Geliebten zu folgen, und er ging unverzüglich nach Salerno.
Den Fürsten, der sehr erfreut über Carlos Ankunft war, sagte dieser, daß ihm seine Feinde trotz des geschlossenen Friedens nach dem Leben trachteten, weshalb er in Salerno für kurze Zeit ein Asyl suche, während welcher Zeit er sich mit den Wissenschaften, den lange vernachlässigten, beschäftigen wolle. Solches sagte Carlo besonders der Vasallen des Herzogs wegen, die ihn mit mißtrauendem Auge ansahen. Der Fürst bot seinem geliebten Freunde einen einsam liegenden Ort seiner Herrschaft zum Aufenthalte an, aber Carlo sagte, er würde wohl auch am Hofe in Salerno selber einen Platz finden, der ihm erlaubte, sich seinen Studien mit aller Muße hinzugeben; nur daß er zurückgezogen lebe, möge ihm der Fürst erlauben, was ihm dieser gerne zusagte.
Die Fürstin aber wartete voll Sehnsucht der Nacht, da ihr Gemahl mit seinem Hofstaat ein Schauspiel besuchen wollte. Giovanna war die Wächterin, und es gaben sich die beiden Liebenden solchem Glücke hin, daß sie schier daran zu versterben meinten.
Ein Jahr lang genossen sie dieses Glück, wenn anders solche verbrecherische Liebe ein Glück genannt werden kann, und nicht der leiseste Verdacht fiel auf sie.
Da starb Carlos Vater, Galeazzo, und er mußte der damit verursachten Geschäfte wegen nach Neapel zurückkehren. In dieser Zeit ließ der Fürst seinen einzigen Sohn Antonello aus Neapel zurückkommen, wo er als Page dem König Ferrante bis zu seinem vierzehnten Jahr gedient hatte. An diesem Hofe herrschte die Liebe, und des Knaben Sinn war ganz von ihr erfüllt, denn er war heißen Blutes. Er verliebte sich in die lebhafte Giovanna, die wie zwanzig aussah, wenn sie damals auch schon fünfunddreißig zählte. Die Kammerfrau erriet sehr bald die Absichten des jungen Herrn Antonio und tat, als wiese sie ihn ab, um ihn noch stärker an sich zu fesseln. Die Fürstin, die dieses Spiel der beiden merkte, fürchtete, es könnte zur Entdeckung ihrer eigenen Liebschaft führen und verbot der Giovanna, sich mit ihrem Sohne einzulassen. Und sie drohte ihr mit Züchtigung, als sie merkte, daß Giovanna ihrem Verbote nicht folgte. Dieses war sehr unbedacht von ihr, denn sie hätte sich sagen müssen, daß es ihre eigene Ehre verlange, die Schwächen andrer zu schonen.
Giovanna fand sich durch solche Behandlung schlecht für ihre treuen Dienste belohnt; sie nahm Abschied von ihrer Herrin und stellte sich unter Antonellos Schutz, der nun fünfzehn Jahre alt geworden war. Zu spät bereute Ramondina, und in ihrer Angst, jene möchte sie verraten, beschloß sie den Tod der Kammerfrau; einige ihrer Getreuen betraute sie mit dieser Tat. Als diese Leute nun Giovanna mit Dolchen angingen, erhob sie ein großes Geschrei, und es gelang ihr, zu entfliehen; sie rettete sich in die Kammer einer Magd, wo sie laut um Hilfe rief. Eine Menge Menschen lief zusammen, und als auch der Bargello erschien, flüchteten die Mörder in die Kirche San Mateo. Antonello, der auf das Geschrei herbeieilte, fand seine Geliebte in ihrem Blute. Er ließ die Kirche umstellen, um die Mörder zu fassen. Seine Mutter befahl ihm aber, sie entkommen zu lassen; was er versprach.
Er erzählte sehr unklug Giovanna von dem Befehl seiner Mutter. Da erfaßte die Kammerfrau großer Zorn gegen die Fürstin und sie erzählte Antonello die Geschichte seiner Mutter mit Carlo Caraffa. Antonello berichtete es sofort seinem Vater. Dieser wollte es von Giovanna selber hören, und sie erzählte ihm den Liebeshandel mit allen Einzelheiten, so daß er weder mehr an der Untreue seines Freundes noch an der seines Weibes zweifeln konnte. Er gebot Giovanna und Antonello tiefstes Schweigen.
Die Fürstin hatte von der Unterredung durch ihre Spione erfahren und machte sich auf Gift gefaßt, weshalb sie täglich Gegengifte und Elixiere einnahm. Auch Carlo sandte sie durch den Sohn einer alten Dienerin Botschaft von dem Vorgefallenen und ihren Befürchtungen. Aber des Herzogs Spione fingen den Boten ab, und er erfuhr so die Untreue seines Weibes aus ihrem eigenen Schreiben. Nun zögerte er nicht länger und gab ihr Gift, durch das sie ein schleichendes Fieber bekam.
Sie starb nach vierzehn Tagen. Dienstleute des Herzogs ermordeten Carlo in Neapel. Auch Giovanna traf seine Rache: er ließ ihre Wunden vergiften.
Als der Herzog von Salerno erfuhr, daß einer der vornehmsten Herren von Neapel, der ein schönes aber lasterhaftes Weib hatte, von der Unehre sprach, welche die Fürstin Romandina über das Haus Sanseverino gebracht hatte, da ließ der Herzog gegenüber der Kirche Santa Chiara einen prächtigen Palast bauen und über dem Portal sein Wappen anbringen. Den Wappenhelm krönten zwei Hörner, welche diese Schrift trugen:
Porto le Corna che ognun le vede. Altro le porta che non se lacrede.
Zu deutsch:
Ich trage Hörner, die ein jeder siecht. Ein andrer trägt sie und er weiß es nicht.
DIE NONNEN VON BOLOGNA
Daß die Klosterfrauen eine andre als die himmlische Liebe in ihrem Herzen tragen dürfen, dieses habe ich nie geglaubt, denn indem sie sich der irdischen Liebe ergeben, schänden sie nicht allein ihren Leib, sondern auch ihre Seele und jagen daraus die Gottheit, die in ihnen hausen soll. Aber ich habe oft gehört, daß manche Nonnen gegen ihren Willen ins Kloster getan wurden und daß diese, weit entfernt, Gott ihren Leib zu weihen, sich dafür entschuldigen wollen, daß man sie von der Welt abschloß.
Was ich nun erzähle, ereignete sich unter dem Pontifikat des Maffeo Barberini, der als Papst Urban VIII. hieß, und zwar in Bologna, wo des Papstes Neffe, der Kardinal Antonio Barberini, als Legat residierte.
Im Konvertitinnenkloster von Bologna waren damals zwei Nonnen von großer Schönheit und lieblicher Anmut, deren eine die Teverona hieß, die andre wegen der Farbe ihres Haares die Rote. Mit dieser Roten begann der Hauptmann Donato Antonio einen Liebeshandel, während ein Günstling des Kardinals, ein gewisser Carlo Possenti, sich mit Erfolg um die Teverona, bewarb. Beide beschlossen, die Nonnen zu entführen, worein diese gerne willigten. Sie bekamen weltliche Tracht und wurden nahe bei der Porta Carrese mit Hilfe des Grafen Ranucci, eines Freundes des Possenti, untergebracht bei einem gewissen Pallade, wo sie aber nur ein paar Tage verweilten, um in das Haus des Grafen Alessandro Maria Pepoli und von da in das Haus eines Dieners dieses Grafen gebracht zu werden.
Inzwischen war man der Missetat auf die Spur gekommen und eine genaue Untersuchung eingeleitet worden. Des Donato Bruder, der Oberst seines Regimentes war, schickte den Donato schleunigst nach der Romagna ins Quartier und versprach ihm, die Rote alsbald nachzuschicken. Possenti, der inzwischen Vize-Herzog von Segni geworden und nicht mehr in Bologna war, hoffte, man würde die Sache bald vergessen, worauf er sich seine Teverona nachkommen lassen wollte. Aber der Prozeß wurde sehr eindringlich geführt, so daß der Oberst für das Leben seines Bruders fürchtete; er verständigte sich mit dem Grafen Pepoli und die beiden beschlossen, die zwei Nonnen umzubringen, was auch geschah. Sie wurden im Keller ihres letzten Wohnortes bei dem Diener begraben. Solange Urban Papst war, wurde das Verbrechen totgeschwiegen, denn man vermutete in dem Kardinal Antonio den Anstifter, der die Nonnen geliebt und nachdem er ihrer überdrüssig geworden wäre, hätte er sie man weiß nicht wohin geschickt.
Als nun nach Urbans Tode Innozenz X. den Thron bestieg, standen die zahlreichen Feinde der Barberini auf und klagten den Kardinal vieler während der Regierung seines Onkels begangener Verbrechen an, und obzwar der Papst den Barberinis die Tiara verdankte, verfolgte er doch den Kardinal. Jener Graf Pepoli war inzwischen gestorben und das Haus seines Dieners wechselte den Besitzer. Der entdeckte die Leichen im Keller und erstattete Bericht an die Justiz. Pallade, bei dem sie zuerst gewohnt hatten, machte aus Angst und in Hoffnung auf die päpstliche Gnade ein offenes Geständnis. Darauf wurden am 30. Juli 1645 im Palaste des Kardinals Antonio in Rom jener Carlo Possenti und des Kardinals Haushofmeister verhaftet und nach Bologna gebracht. Auch der Oberst, Donatos Bruder, wurde eingezogen und mit Pallade und Possenti konfrontiert. Possenti starb ohne etwas zu verraten in der Folter. Auch der Oberst ertrug ohne ein Wort die Folter und der Haushofmeister erwies auf ihr seine Unschuld. Er wurde wie der Graf Ranucci nach Pataro verbannt.
Der Kardinal floh am hellichten Tage, als ob er einen Spaziergang machen wolle, nach Frankreich. Später söhnte er sich mit dem Papste aus. Von jenem Verbrechen an den beiden Nonnen war nie mehr die Rede.
DIE BRÜDER MISSORI
Die beiden Brüder Missori erfreuten sich der Gunst des Marchese del Monte, Ministers der Königin Christine von Schweden. Sie trieben was sie wollten in jenem Stadtviertel Roms, das die Königin während ihres Aufenthaltes in der Stadt bewohnte. Christine setzte alles Vertrauen in die Brüder und war gegen ihre Taten um so nachsichtiger als sie sich mit der Absicht trug, aus dem von ihr bewohnten Viertel eine Freistätte zu machen. Solcherart hatten die Gerichtsbeamten keinen Zutritt in dieses Viertel und die immer es versuchten, wurden umgebracht und in den Tiber geworfen. Hier in diesem Viertel fanden zumal alle Frauen, die aus irgendwelchen Gründen ihre Männer verlassen hatten, Zuflucht.
Dies währte Jahre, und die Königin zog sich die allgemeine Verachtung zu, da sie sich auf jene Mordbuben stützte, und vergeblich ließ der Papst sie durch mehrere Kardinäle ersuchen, die Verbrecher zu bestrafen; sie verharrte nur um so stärker auf ihren verbrieften Rechten eigener Jurisdiktion, als schlimme Ratgeber ihr einredeten, die Kardinäle wollten sie um ihre Herrschaft bringen.
Der Papst sagte immer nur: "Der höchste Richter wird hier Abhilfe schaffen", und er begünstigte mit dieser Schwäche das schändliche Treiben der beiden Brüder, die selbst davor nicht zurückschreckten, Kindern Gewalt anzutun. Täglich kamen neue Klagen, und so mußte der Papst doch dem Gouverneur den Befehl geben, sich der Brüder Missori zu bemächtigen; aber es war ihm dieses nicht gestattet, da sie den Titel "Garde der Königin" führten. Man mußte daher danach trachten, sie außerhalb des Bannkreises von Christinens Macht zu fangen.
Als dieses die Missori erfuhren, verließen sie das Viertel nicht mehr. Spione wurden von den Bravi der Königin erkannt, zu Tode geprügelt, erschossen oder in den Tiber geworfen. Der Marchese vermehrte die Wachen des Viertels um fünfundzwanzig Mann. Die Verbrechen nahmen Tag für Tag zu.
Nun gelang es einem der Königin wie dem Gouverneur befreundeten Kardinal, die Majestät mit guten Gründen zu veranlassen, daß die Brüder Missori den Kirchenstaat verließen, was sie auch taten. Nicolo wollte sich nach Neapel wenden, während Bernardino dem Großherzogtum Toskana den Vorzug gab, dessen Herr der Königin befreundet war.
Der Papst erhielt sofort Nachricht von dem Aufenthalte der Brüder und schickte gleich einen Kurier an den Großherzog mit einem Schreiben, worin er bat, zwei junge Leute auszuliefern, die von Rom nach Toskana gereist wären. Cosimo III. wußte nicht, daß sich die Brüder der Gunst der Königin erfreuten und ließ die Brüder in Livorno verhaften, von wo sie unter Bedeckung nach Rom gebracht und in der Engelsburg eingekerkert wurden. Erst dann erhielt Cosimo die Briefe der Königin, worauf er ihr schrieb, daß es ihm leid täte und wie es der Papst angestellt hätte, die Brüder in seine Hand zu bekommen.
Die Brüder waren getrennt untergebracht und mit schweren Fußeisen gefesselt. Bei ihrem ersten Verhör leugneten sie, Missori zu heißen und Brüder zu sein, aber zahlreiche Zeugen erkannten sie. Die Königin bemühte sich ohne Erfolg um ihre Freilassung; in eigner Person begab sie sich nach dem Monte Cavallo zum Staatssekretär, wurde aber nicht vorgelassen. Der Papst war für den Tod der Brüder, sowie sie als die Missori erkannt wären, auch ohne ihr eigenes Geständnis, causis nobis notis, wie er hinzusetzte.
Bernardino sah sich, zurückgeführt in seine Zelle, schon dem Tode verfallen; er schrie nach dem Kerkermeister. "Warum", schrie er, "hat man mir den Bart geschoren, mich in Eisen gelegt? Soll ich sterben? Laßt mich nicht in Ungewißheit." Aber der Kerkermeister sagte, dies seien nur rechtmäßige Prozeduren und keine Vorbereitungen zur Hinrichtung. Davon gewann Bernardino einige Beruhigung, die aber wieder schwand, als man das Fenster seiner Zelle vermauerte.
Viele hatten schon die Brüder erkannt, als ein Edler von San Stefano, der sie sehr gut zu kennen behauptete, erklärte, er könne die beiden jungen Leute, die man ihm hier vorführe, nicht als die Missori erkennen. Aber es half dieses nichts, denn der Papst hatte das Todesurteil unterzeichnet, und am 14. Januar 1685 begab sich der Marchese Strozzi nach der Engelsburg, um sich mit dem Kommandanten Massimi über die Vorbereitungen zur Hinrichtung zu verständigen. Als man Nicolo das Abendbrot brachte, fragte er: "Wer ist heute nach der Engelsburg gekommen?" Man sagte ihm, daß es nichts Neues gebe. Aber er war voll Angst und aß nichts.
Bernardino fragte, ob die Folterinstrumente in der Engelsburg seien. Der Leutnant Marzio antwortete, er sei zwanzig Jahre in der Festung und wisse nichts von solchen Werkzeugen. Bernardino bat um Tabak.
Am Tage, da man sie zur Richtstätte führte, den 15. Januar des Jahres, war der Platz vor der Engelsbrücke dicht besetzt von Sbirren, da man einen Rettungsversuch der Königin befürchtete. Deshalb waren die Kanonen auch nach dem Platz gerichtet und mit Kartätschen geladen. Auch war der Befehl gegeben, bei dem geringsten Zeichen von Unruhe zu feuern.
Die Missori kamen, der ältere voran. Er war mit seinen sechsundzwanzig Jahren ein Mensch von hohem Wuchs und schönem Ansehn. Seine Haare und Augen waren schwarz und die Farbe seiner Haut olivengrün. Sein Bruder, der ihm festen Schrittes folgte, war um drei Jahre jünger, hatte kastanienfarbnes Haar und einen rötlichen Bart, eine weiße Haut und lebhafte Augen. Beide trugen hirschfarbene Wamse, hellseidne Strumpfhosen und weiße Schuhe; ein grauer Mantel mit pfaufarbnem Futter fiel ihnen bis auf die Füße. Als Bernardino unter der Menge einen Freund erkannte, rief er: "Lieber Freund, wie siehst du mich wieder! Ich empfehle dir meine Seele, die bald ihrem Körper entfliehen wird!" Der also Angerufene fiel bei diesen Worten in Ohnmacht und kam erst wieder zu sich, als die beiden schon tot waren.
Sie hatten seit dem Morgen des vorigen Tages nichts gegessen. Bei der Kapelle an der Engelsbrücke bot man ihnen Nahrung. Bernardino wies sie ab, aber Nicolo nahm aus Gehorsam einen in Wein getauchten Zwieback. Er ging als erster in den Tod. Bernardino fiel in Ohnmacht, als er seinen geliebten Bruder verscheiden sah. Man brachte ihn rasch wieder zu sich. Er legte mit größter Ruhe sein Haupt selber auf den Block. Als der Kopf fiel, donnerte ein Kanonenschuß, wie zuvor bei der Hinrichtung Nicolos. Diese Schüsse waren eine besondere Gnade des Papstes, der während der Hinrichtung in seinem Schlafgemach auf den Knien zu Gott um das Seelenheil der Hingerichteten betete. Bei jedem Kanonenschuß sandte er dem Verschiedenen den Segen in articulo mortis nach.
POMPILIA COMPARINI
Der Abbate Paolo Franceschini aus Arezzo war wohl von edler Herkunft, aber nur sehr wenig mit Glücksgütern gesegnet. Doch besaß er genügend Geist, sein Glück zu versuchen, und begab sich nach Rom, wo er vom Kardinal Lauria als Sekretär bestellt wurde. Er gewann bald die Gunst des wegen seiner Gelehrsamkeit im heiligen Kollegium sehr geschätzten Kardinals, und ausgerüstet mit dieser Gunst wollte Paolo sein Glück und Ansehn damit fördern, daß er seinem Bruder eine reiche Frau verschaffe.
Der Bruder Guido war schon ein älterer Mann, von wenig gewinnendem Äußern und geringer Begabung. Er war Sekretär beim Kardinal Nerli gewesen, hatte die Stelle aber verloren, was für die Heiratspläne des Abbate nicht günstig war. Aber er hoffte, die Mängel seines Bruders durch die Vorzüge seiner eignen Person zu ersetzen. Nach mancher Umschau richtete er seine Absicht auf Francesca Pompilia, die einzige Tochter des Pietro Comparini und seiner Gattin Violante, die eine Erbschaft von zwölftausend Skudi zu erwarten hatte. Um so leichter erschien ihm diese Heirat fertig zu bekommen, als die Familie Comparini der seinen nicht ebenbürtig war.
Er bediente sich als Vermittlerin einer Haarkräuslerin, die im Hause der Comparini arbeitete und dort vertraulich war. Er versprach ihr für ihre Vermittlung eine Belohnung von fünfzig Goldgulden, und die Frau machte sich gleich ans Werk. Sie redete mit Violante, die ihr versprach, mit ihrem Manne zu reden. Denn der Nießbrauch jener Erbschaft blieb der Familie nur für den Fall, daß direkte Nachkommen vorhanden waren. Der alte Comparini erklärte sich nicht abgeneigt, wenn es mit dem Besitze der Franceschini so stimme, wie sie ihm gesagt hätten.
Paolo drang auf Eile; er fürchtete, die Sache könnte ihm entgehen. Er ließ vom Kardinal Lauria den Ehevertrag aufsetzen, was dieser Mann aus Gefälligkeit gegen den von ihm geschätzten Abbate tat. Inzwischen hatte sich Comparini aber anderweitig über die Vermögensumstände der Franceschini erkundigt und die Auskünfte lauteten sehr verschieden von denen des Abbate und dessen Gewährsmänner. Es kam dadurch zu heftigen Auftritten zwischen Mann und Frau, die durchaus auf der Heirat bestand und sagte, daß dies nur Machenschaften von Neidern des Glückes ihrer Tochter wären. Aber der Gatte blieb um so kühler, je mehr die Frau in Hitze kam und sagte, er wolle durch die Verheiratung ja nichts gewinnen, aber auch nichts verlieren. Aber Pietro hatte innerlich längst seinem Weibe, das er zärtlich liebte, nachgegeben, denn er tat ihr immer jeden Willen. Violante aber fürchtete, er könne es schließlich doch noch durch gute Ratschläge von Freunden bereuen, und so beschloß sie, die Hochzeit ohne Wissen ihres Mannes statthaben zu lassen. Die Tochter, immer folgsam dem was die Mutter verlangte, war einverstanden. Man verabredete sich mit Guido, und frühmorgens wurden sie in der Kirche San Lorenzo getraut. Pietro war sehr aufgebracht, als er davon hörte. Doch war an der Sache nichts mehr zu ändern, und er richtete die Hochzeit in seinem Hause, gab seiner Tochter eine Mitgift von fünfundzwanzig päpstlichen Anleihescheinen und machte sie zu seiner Erbin.
Schon am Hochzeitstage war es zwischen dem Alten und den Brüdern zum Streit gekommen über die Vorteile, die den beiden Familien aus dieser Heirat erwüchsen, und man war übereingekommen, daß die Comparinis nach Arezzo übersiedeln und im Hause der Franceschini den Rest ihres Lebens verbringen sollten. Comparini überließ seinem Schwiegersohne auch die Verwaltung seines ganzen Besitztumes.
In Arezzo wurden die alten Comparini von den alten Franceschini und deren Sippschaft mit großer Liebenswürdigkeit empfangen, wie dies Brauch ist. Aber bald kam es zu Streitigkeiten und schließlich zu offnem Bruch. Guidos Mutter war eine anmaßende und geizige Frau, herrisch schaltend in ihrem Hause. Auf des alten Comparini Vorhaltungen antwortete Guido erst wegwerfend, dann drohend, was Violante in Wut brachte, die an Hochmut der alten Franceschini nichts nachgab. Sie begann Pietro zu quälen und fluchte dem Tag, der sie nach Arezzo gebracht habe und gab ihm alle Schuld, die sie selber hatte. Pietro, von Weibertränen eingenommen, fiel es nicht ein, seinem Weibe zu sagen, daß diese Ehe gegen sein Wissen und Wollen geschlossen worden wäre; er bat sie vielmehr zärtlich, doch die kleinen Unannehmlichkeiten hinzunehmen und abzuwarten, daß die Franceschini ihr Unrecht einsehen.
Da starb der Kardinal Lauria, und Paolo wurde römischer Sekretär des Malteserordens; dadurch stieg sein Hochmut über alle Begriffe. Violante, selber zu herrschen gewohnt, wollte es nicht länger ertragen und bestürmte ihren Mann, nach Rom zurückzukehren. Die Franceschinis gaben ihnen für die Reisekosten noch eine Summe Geldes.
Alsbald in Rom setzte Pietro zu allgemeinem Staunen eine gerichtliche Denkschrift auf, worin er nachwies, daß Francesca Pompilia gar nicht seine leibliche Tochter sei, und er daher gar nicht verpflichtet war, die Mitgift auszuzahlen. Violante habe sich schwanger gestellt und ein von einer Hebamme für hundertfünfzig Skudi gekauftes Kind untergeschoben zu dem Zweck, ihrer Familie die Nutznießung der fünfundzwanzig Stück päpstlicher Anleihe zu erhalten. Sie hätte diese Täuschung sehr geschickt ins Werk gesetzt.
Diese Denkschrift Pietros wurde bald stadtbekannt und erregte mehr Unwillen als Erstaunen, denn man sagte sich, daß die Franceschini von diesem Schriftstück sehr beleidigt werden müßten. Die Franceschini überlegten, daß man, wenn Pompilia kein eheliches Kind sei, die Ehe nichtig erklären und so den guten Ruf der Familie wieder herstellen könne. Die Rechtskundigen, die sie darüber befragten, waren aber verschiedener Meinung und so trauten sich die Franceschini nicht an einen so zweifelhaften Prozeß. Was sie erreichten, war die Anerkennung von Pompilias ehelicher Geburt und damit die rechtsgültige Erbschaft der Anleihescheine. Dagegen appellierte Pietro beim päpstlichen Gericht und erreichte, daß die Franceschini wohl nur die Ausgaben jener Übertragung, nicht aber die Nutznießung des Fideikommisses zugesprochen bekamen.
Aller Haß der Franceschini wandte sich auf die unglückliche Pompilia, die in Arezzo zurückgeblieben war. Von den eigenen Eltern als Kind verleugnet, wurde sie von ihrem Gatten täglich mit dem Tode bedroht. Die sechzehnjährige Pompilia ertrug alle Grausamkeit, wie sie vermochte; als sie aber keinen Ausweg mehr sah, wandte sie sich an den Statthalter von Arezzo, aber ohne Erfolg. Nun warf sie sich dem Bischof zu Füßen, und dieser ließ den Guido rufen und mahnte ihn zu Versöhnlichkeit. Aber diese öffentliche Beschwerde brachte ihn ganz außer sich, und er drohte seinem Weibe, es zu töten, wenn sie es nochmals wagen sollte, sich zu beklagen. Da es aber in nichts besser wurde, wandte sich Pompilia an einen Schwager ihres Mannes, den Canonicus Conti, der ihren Jammer kannte, und bat ihn, ihr das Leben zu retten. Der Canonicus sah das Heil nur in der Flucht aus dem Hause; da er sich aber nicht die Feindschaft seiner Sippe aufladen wollte, empfahl er Pompilia, sich an den Canonicus Caponzachi zu wenden, einen Freund und entfernten Verwandten der Franceschini, einen rechtschaffenen und erprobten Mann. Dieser hatte nun erst Bedenken, eine Frau ihrem Manne zu entführen, wenn auch nur zu ihren Eltern, aber schließlich gewann ihn doch das Mitleid und er versprach seine Hilfe. Als diese nicht rasch genug kam, schrieb Pompilia an ihn, leidenschaftlich und schmeichelnd, doch nie derartiges, daß man daraus eine Verletzung ihres ehelichen Treugelöbnisses hätte lesen können, wie die erhaltenen Briefe zeigen. In einem dieser Briefe lobt sie des Caponzachis Bescheidenheit, in einem andern beschwert sie sich über einige frivole Gedichte, die er ihr geschickt habe und bittet ihn, ihr seinen Edelmut rein zu erhalten.