Chapter 25
Des Chevaliers Neugierde war zunächst befriedigt, und eine große Müdigkeit kam über ihn. Um sich eine Zeit zu geben, die wohl gleich eintretende Person sich anzusehen, setzte er sich in den Alkov zwischen Bett und Wand nieder. Er rechnete bestimmt darauf, wachend das Ende eines Abenteuers abzuwarten, das schlecht für ihn ausgehen konnte, aber er schlief sehr rasch ein.
Er wachte von dem kleinen Geräusch der Tür auf; die Kammerzofe hatte sie geöffnet.
"Geh zu Bett. Ich brauch dich nicht mehr. Aber weck mich sofort, wenn es meiner Mutter wieder schlechter geht."
Saint-Ismier hatte, aus dem Schlaf geschreckt, kaum Zeit, diese gehörten Worte zu verstehen. Der Bettvorhang öffnete sich; ein junges Mädchen stand da, einen Armleuchter mit zwei brennenden Kerzen in der Hand, die volles Licht über das Zimmer warfen. Ein ungeheurer Schrecken drückte sich in ihren Zügen aus, als sie hinter ihrem Bette einen blutbedeckten Menschen liegen sah. Sie stieß einen kleinen Schrei aus, stützte sich auf das Bett. Und starrer Schrecken verzerrte das Gesicht, als Saint-Ismier sich aufrichtete, um sie zu stützen. Nun schrie sie laut auf und sank, wie der Chevalier aus der Folge erfuhr, in Ohnmacht, erst auf das Bett, dann auf den Boden. Der Leuchter fiel und erlosch. Saint-Ismier wußte erst nicht, was tun; er war ratlos. Den letzten Rest von Schlaftrunkenheit abzuschütteln, setzte er sich mit einem Ruck auf. Er griff nach seinem Degen und horchte; alles war tiefste Stille. Er tastete nach dem, was ihm über die Beine gefallen war; fand eine Frau, die er für tot glaubte; er griff eine Hand, deren Kleinheit und zarte Haut ihn denken ließ, es sei eine Frau, die irgendein Eifersüchtiger getötet habe.
'Man muß ihr helfen', sagte er sich und hatte von diesem Augenblick wieder sein kaltes Blut. Der Kopf der Frau lag auf seinem Knie. Er zog es so vorsichtig als er nur konnte, zurück, hob das Köpfchen und bettete es auf einen Schemel. Er fand so viel Wärme unter den Achseln dieses Leibes, als er ihn hob, daß ihm der Gedanke kam, die Person dürfte nur infolge einer großen Verwundung ohnmächtig sein.
'Ich muß um alles in der Welt von hier heraus', sagte er sich. 'Da ist keine Hoffnung, mit dem eifersüchtigen Gatten oder dem wütenden Vater, dem diese Dame getötet wurde, vernünftig zu reden. Unmöglich, daß er nicht gleich zurückkomme, um zu sehen, ob seine Rache gelungen oder um den Leichnam wegzuschaffen; und findet er mich hier blutbedeckt und ich kann nicht sagen, wie hierhergekommen, so kann ihm leicht der Gedanke einfallen, sich auf meine Kosten unschuldig zu machen und mich als den Mörder dieser Dame zu bezeichnen; ich könnte nichts darauf antworten, das Verstand hätte.'
Mit größter Vorsicht erhob sich Saint-Ismier, ganz bedacht nur, der Dame nicht weh zu tun, die in der engen Bettgasse auf ihm lag. Aber da stieß sein Fuß an den Armleuchter, der mit großem Geräusch ins Zimmer rollte. Der Chevalier blieb stehen, unbeweglich und die Hand am Degengriff. Aber alles blieb still. Schritt um Schritt ging nun Saint-Ismier das Gemach ab, mit dem Degen die Wände abtastend. Es war vergeblich; er fand nicht Öffnung noch Tür; die von außen nur zu öffnende war ohne Gewalt nicht aufzubrechen. Von neuem öffnete er das Fenster. Da war weder ein Balken noch ein Gesims, die einen Ausbruch erlaubt hätten.
'Ich hab mir wahrhaftig nichts vorzuwerfen, wenn mich dieser Zwischenfall auf der Flucht vor dem Gefängnis aufs Schafott bringt: ich hab mich selber gefangen gesetzt.'
Er horchte; es war ihm, als hätte er vom Bett her etwas sich bewegen gehört. Er tastete sich im Dunkel eilends hin. Es war die junge verwundet geglaubte Dame, die aus der Ohnmacht durch das Geräusch erwacht war, das er mit dem Fenster machte. Er nahm sie beim Arm und die Furcht brachte sie vollends zu sich. Da entriß sie ihm den Arm und gab dem Chevalier einen Stoß, so stark sie konnte.
"Sie sind ein Scheusal! Was Sie tun, ist grauenvoll! Sie wollen meine Ehre besudeln und mich dadurch zwingen, Ihre Frau zu werden. Aber ich weiß alle Ihre Absichten zu nichte zu machen. Gelingt es Ihnen, mich vor den Augen der Welt zu entehren, so geh ich eher ins Kloster, als daß ich eine Marquise von Buch werde."
Der Chevalier trat einige Schritte zurück auf die andere Seite des Bettes.
"Verzeihen Sie, Madame, die Angst, die ich Ihnen verursache. Zunächst kann ich Ihnen eine vortreffliche Neuigkeit berichten: ich bin nicht der Marquis von Buch, ich bin der Chevalier von Saint-Ismier, Kapitän im Regiment Royal-Cravatte, von dem Sie, wie ich glaube, nie reden gehört haben. Ich bin in Bordeaux heut abend um neu Uhr eingetroffen, und auf der Suche nach dem Hause der Miossens wurde ich von einem gutgekleideten Menschen mit dem Degen angefallen, auf der Straße. Wir haben uns geschlagen, und ich habe ihn getötet. Man hat mich verfolgt. Ich fand eine kleine Tür offen; sie führte in Ihren Garten. Ich stieg eine Treppe hinauf, und da ich mich noch immer verfolgt glaubte, stieg ich über einen Balkon in eine Antichambre. Ich sah Licht hier und trat ein, mit vielen Entschuldigungen für den Edelmann, den ich störte, und erzählte ihm, es war etwas lächerlich, laut meine ganze Geschichte, wie ich es eben jetzt tue. Ich starb vor Angst, für einen Dieb gehalten zu werden. Alle meine lächerlichen Höflichkeiten waren Grund, daß ich erst nach einer Viertelstunde merkte, daß das Bett leer war. Dann bin ich, scheint es, eingeschlafen. Ich wachte auf, als der Leib einer getöteten Dame über mich fiel. Ich griff eine entzückende kleine Hand; ich bin hier im Brautgemach eines sehr eifersüchtigen Edelmanns, dessen Geschmack und Reichtum zu bewundern ich alle Gelegenheit hatte. Ich sagte mir, der Eifersüchtige würde behaupten, ich hätte seine Frau umgebracht. Da legte ich Ihr Köpfchen, Madame, so zart ich vermochte, auf einen Schemel, und versuchte mein Letztes, aus diesem Gemach herauszukommen. Ich wiederhole, Madame, ich halte mich für einen sehr tapfern Menschen, und bin seit heute abend um neun zum erstenmal in Bordeaux. Ich habe Sie also noch nie gesehen, Madame, weiß nicht einmal Ihren Namen und bin in Verzweiflung über die Ungelegenheiten, die ich Ihnen mache. Aber Sie haben von mir wenigstens nichts zu fürchten.[sic! Fehlt: "]
"Ich tue mein Möglichstes, um mir Sicherheit zu geben", sagte die Dame nach einer Weile. "Ich glaube alles, was Sie mir sagen, aber doch kann der grausame Zufall, dessen Umstände Sie mir erzählen, mich meine Ehre kosten. Ich bin allein mit Ihnen in diesem Gemach, ohne Licht, und es ist drei Uhr nachts; es gehört sich, daß ich gleich meine Kammerjungfer rufe."
"Verzeihen Sie, Madame, daß ich nochmals von mir spreche. Der Kommandant Rochegude ist mein Feind, und ich flüchtete nach Bordeaux, eines andern Duells wegen verfolgt, das ich vor einiger Zeit schlagen zu müssen das Unglück hatte. Ein Wort von Ihnen, Madame, kann mich auf die Feste Trompette bringen, und da jener, den ich tötete, sich gewiß aller Protektion erfreut, verlasse ich dies Fort nur auf dem Wege zum Richtblock."
"Ich werde vorsichtig sein," sagte die Dame, "aber lassen Sie mich nun gehen."
Sie schritt zur Tür, die sie durch ein Geheimschloß öffnete. Nun fiel sie mit dem festen Geräusch wieder zu, und Saint-Ismier war aufs neue allein, ohne Licht, gefangen.
'Ist die Frau häßlich und aus diesem Grunde böse,' dachte der Chevalier, 'so bin ich verloren. Aber sie hatte eine zarte Stimme. Jedenfalls werden Domestiken auf mich losgelassen. Da wird's nichts zu markten geben; ich steche den ersten nieder, der sich zeigt. Das schafft dann einen Augenblick Verwirrung, die ich nütze, die Stiege hinunter und auf die Gasse zu kommen.'
Er vernahm draußen Stimmen.
'Gleich wird sich alles entscheiden', sagte er sich.
Er packte mit der Linken einen Schemel, den er seinem Angreifer zwischen die Augen werfen wollte, und stellte sich hinter den Bettvorhang.
Die Tür ging auf. Er sah ein leidlich hübsches Mädchen eintreten, in der Hand ein Licht, mit der andern die Portiere haltend. Sie sah den Raum mit den Blicken ab und fand den Fremden nicht. Da lachte sie.
'Ich dachte mir's doch, daß es nur ein Scherz wäre. Sie wollten mich nur durch eine seltsame Geschichte am Schlafen hindern, gnädiges Fräulein.'
Da trat eine Dame ein, achtzehn oder zwanzig Jahre alt und von blendender Schönheit; doch blickte sie ernst und sogar ein wenig unruhig. Sie ließ die Tür zufallen und ohne ein Wort zu der zuerst eingetretenen Jungfer zu sprechen, machte sie ihr ein Zeichen gegen den Alkoven hin.
Als der Chevalier bloß die beiden Frauen sah, trat er, den Degen in der Hand, hinter dem Vorhang hervor. Aber der nackte Stahl und das Blut, das ihn bedeckte, machten Wirkung auf die Zofe, die sich ganz blaß ans Fenster zurückzog. Der Chevalier dachte weder an Gefängnis mehr noch an seine Duelle; er bewunderte die außerordentliche Schönheit der jungen Person, die aufrecht vor ihm stand und ein wenig bestürzt. Nun fiel heftige Röte über ihr Gesicht, und ihre Augen wurden groß vor Neugierde.
'Man möchte glauben, sie erkenne mich', dachte Saint-Ismier. Und dann: 'Ich bin nicht goldbestickt wie der junge Mann, den ich erstochen habe; er war neueste Pariser Mode. Aber vielleicht gefällt ihrem guten Geschmack meine einfache Eleganz.' Er fühlte sich von Respekt ganz durchdrungen.
"Das Dunkel war nicht günstig, Madame. Es ließ mir aber mein kaltes Blut. Erlauben Sie mir, daß ich meine Entschuldigungen wiederhole für die schrecklichen Ungelegenheiten, in die Sie mein Unglück gebracht haben."
"Sie erlauben, Herr Chevalier, daß alles, was Sie betrifft, auch von meiner Jungfer Alix gewußt wird. Sie hat viel Menschenverstand, alles Vertrauen meiner Mutter und ihr Rat wird uns nützlich sein -- Sie erlauben?"
Alix hatte mehrere Kerzen angezündet. Nun nahm sie auf ein Zeichen ihrer Herrin auf einem Stuhl neben dem Fauteuil Platz, in dem sich diese selbst niedergelassen hatte.
Die junge Dame schien Mißtrauen und Unruhe verloren zu haben. Sie begann die Unterhaltung damit, den Chevalier aufzufordern, seine Geschichte nochmals zu erzählen. Währenddem dachte Saint-Ismier:
'Allem Anschein nach hat diese Demoiselle Alix großen Einfluß auf die Mutter der jungen Dame, die wünscht, daß die Mama alle Einzelheiten dieser Nacht aus dem Munde dieser Alix erfahre.'
Aber etwas beunruhigte fortwährend den Chevalier: das schöne Mädchen machte ihrer Alix heimliche Zeichen.
'Wär's möglich, daß diese Frauen mich verrieten? Daß sie, mich hier durch Erzählen festhaltend, nur die Wache erwarten, nach der sie meinetwegen geschickt haben? Komme, was mag -- ich glaube, in meinem Leben habe ich keine schönere und eindrucksvollere Frau gesehen.'
Der Verdacht des Chevaliers wuchs, als die junge Dame zu ihm mit einem unerklärlichen Lächeln sagte:
"Wollen Sie mit uns in eine ganz nahe Galerie treten, Chevalier?"
'Weiß Gott,' dachte der Chevalier, 'was für eine Gesellschaft uns in der Galerie erwartet! Ich hätte Lust, das Fräulein zu erinnern, was mir bevorsteht, wenn man mich ins Gefängnis abführt.'
So klug zu denken bringt nur ein Mann in großer Todesnot fertig; es auszusprechen, konnte er sich nicht entschließen; er fürchtete die Verachtung einer Dame dadurch zu riskieren, die ein so großartiges Wesen zeigte.
Alix öffnete die Tür. Der Chevalier bot der schönen Dame den Arm, deren Namen er noch immer nicht wußte. Man schritt über den Vorplatz der kleinen Marmorstiege. Alix drückte auf einen im Zierwerk der Wand verborgenen Knopf und man trat durch die sich öffnende Geheimtür in eine weitläufige Bildergalerie; der Chevalier packte fest seinen Degen.
"Hier wollen Sie sich versteckt halten so lange, bis meine Mutter sich über die Vorfälle dieser Nacht unterrichten konnte, die Sie zu uns geführt haben. Es ist angebracht, daß ich Ihnen sage, in welchem Hause Sie sich befinden. Ich bin Marguerite, Prinzessin de Foix. Die Leute des Herrn Rochegude werden es nicht wagen, hier einzudringen."
"Es scheint mir ganz unmöglich, gnädiges Fräulein, daß der Chevalier mit Ihnen unter einem Dache wohne. Wird es bekannt, läßt es sich nicht mehr leugnen. Man muß eine Erklärung geben, und jede Erklärung ist tödlich für den Ruf eines jungen Mädchens, besonders wenn dieses Mädchen die reichste Erbin der Provinz ist."
"Vor drei Jahren, Chevalier, verlor ich in der Bataille von ** meine beiden Brüder. Seitdem ist meine Mutter plötzlichen und sehr beunruhigenden Anfällen unterworfen. Wie heute nacht wieder. Ich weilte bei ihr, währenddem Sie in mein Zimmer dringen konnten auf so sonderbare Weise. Diese Galerie enthält nur mäßig merkwürdige Bilder. Ich bitte Sie, sehen Sie sich einige davon an."
Der Chevalier blickte die Prinzessin an.
'Sie ist verrückt,' dachte er, 'wie schade.' Und er ging mit ihr ganz unter dem Eindruck dieser Meinung einige Schritte vor ein Bild.
"Hier sehen Sie einen jungen Krieger in einer heute nicht mehr üblichen Rüstung. Immerhin schätzt man das Bild des Malers."
Der Chevalier stand versteinert vor Erstaunen: er erkannte in dem Bilde sein eigenes Porträt. Er blickte auf die Prinzessin, deren vornehm ernstes Wesen unverändert blieb, nichts verriet.
"Mir kommt vor," sagte er nach einer Weile, "als sähe ich in dem Bilde eine zufällige Ähnlichkeit mit mir."
"Ich weiß nicht," sagte die Prinzessin, "aber dies ist das Konterfei des Raymond von Saint-Ismier, Fahnenjunker im Garderegiment. Vor vier Jahren wollte mein armer älterer Bruder, der Herzog von Condal, hier die Bildnisse aller jener Verwandten beisammen haben, deren Familien noch existierten. Du siehst, Alix, wie es wohl nicht unmöglich ist, daß meine Mutter einem unsrer Verwandten Asyl gewährt, dem Chevalier von Saint-Ismier, verfolgt wegen eines unverzeihlichen Verbrechens, eines Duells."
Bei diesen Worten lächelte Marguerite zum erstenmal und mit entzückendem Zauber.
"Es soll alles geschehen, wie das gnädige Fräulein wünschen. Es geht natürlich nicht, die gnädige Frau Prinzessin, Ihre Mutter, nach der schrecklichen Nacht, die sie gehabt hat, aufzuwecken. Ich bitte das gnädige Fräulein, mir Befehle zu erteilen, aber nicht Ratschläge von mir zu verlangen."
"Und ich verdürbe mir das außerdentliche[sic! statt: außerordentliche] Glück, das ich diesem Bildnis eines meiner Ahnen verdanke, wenn ich duldete, daß das, was das gnädige Fräulein einem leider sehr entfernten Verwandten schuldig zu sein glaubte, zu irgendeinem Schritt führte, den Mademoiselle Alix mißbilligt."
"Ja, wenn Sie fortwollen," sagte Marguerite mit reizender Anmut, "dann bin ich hinsichtlich des Mittels in großer Verlegenheit. Das Haus hat einen Torwächter, einen alten Soldaten, der den pompösen Titel Gouverneur führt. Jeden Abend muß unser Gouverneur die äußeren Tore sperren und die Schlüssel verwahren. Die kleine Gartentür, durch die Sie gekommen sind, ist jetzt zu. Heut nacht um zwölf sah ich, wie unser Pförtner alle Schlüssel meiner Mutter brachte. Sie liegen auf einem kleinen Tisch neben ihrem Kamin. Alix, willst du von dem Tisch den Schlüssel holen, damit wir den Chevalier hinauslassen können?"
"Bei Madame der Prinzessin wachen vier, fünf Frauen," sagte Alix, "und den Schlüssel zu holen, wäre das Unklügste, was wir tun könnten."
"Dann gib doch ein andres Mittel an, wie wir den Chevalier von Saint-Ismier, unsern Vetter, aus dem Hause bringen."
Man besprach manches, ohne Erfolg. Da machte Alix, von den Einwendungen ihrer Herrin in die Enge getrieben, zum Schlusse eine Unklugheit.
"Sie wissen, gnädiges Fräulein, daß das Appartement des Herzogs von Condal unberührt und unbetreten ist. Bei einem Bette liegt, wie ich weiß, eine seidene Strickleiter, die vierzig Fuß lang sein muß. Sie ist leicht, und ein Mann kann sie unter dem Arm tragen. Auf dieser Leiter steigt der Herr in den Garten. Ist er einmal da und entdeckte man ihn auch im Garten, so ist die Sache schon weit weniger kompromittierend für Sie. Es gibt doch so viele Frauen im Hause! Am Ende des Gartens, gegen die kleine Kirche vom fleischgewordenen Worte zu, ist eine Stelle, wo die Mauer nicht höher ist als acht Fuß; im Garten gibt's allerlei Leitern. Der Herr kann leicht die Mauer hinaufkommen und auf der andern Seite dient ihm ein Stück der Strickleiter."
Als die weise Alix mit ihrem Fluchtplan soweit war, lachte die Prinzessin hellauf.
AUS ITALIENISCHEN CHRONIKEN
ÜBERTRAGEN VON FRANZ BLEI
Ich kann mir denken, daß meine Zeitgenossen aus dem Jahre 1833 von den naiven und lebhaften Geschichten, die man hier in der Sprechweise einer Gevatterin wiedergegeben findet, wenig erbaut sein dürften. Mir liefert die Erzählung all dieser Prozesse und Hinrichtungen wahrhafte Daten über das menschliche Herz, über die man des Nachts im Postwagen gern nachdenkt. Es wäre mir viel lieber gewesen, ich hätte Geschichten von Liebeshändeln, Heiraten, klugen Erbschleichereien gefunden. Aber in solche Geschichten hätte, auch wenn ich deren gefunden hätte, die Eisenhand der Gerechtigkeit nicht hineingegriffen, und sie würden mir auch, fände ich welche, wenig vertrauenswürdig vorkommen. Immerhin sind gefällige Leute in diesem Augenblick bemüht, für mich derlei auszuforschen.
Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts hat die Eitelkeit, le desir de parestre, wie der Baron de Foeneste, sagt, in Frankreich einen dichten Schleier über das Tun der Menschen geworfen und insonders über die Motive des Tuns. In Italien ist die Eitelkeit von ganz andrer Art, dessen ich den Leser mit meinem Ehrenwort versichern kann; sie hat hier eine bedeutend geringere Wirkung. Man denkt im allgemeinen an den Nachbar nur, wenn man ihn haßt oder ihm nicht traut; Ausnahmen davon gibt es höchstens bei den drei oder vier großen Festen im Jahr; dann erzwingt sich jeder, der ein Fest gibt, sozusagen mathematisch des Nachbarn billigende Zustimmung. Es gibt da keine flüchtigen Nuancen, die man in jeder Viertelstunde des Lebens mit tödlicher Unruhe im Fluge sich erhascht und merkt. Man sieht hier keines jener unruhigen und magern Gesichter, durch welche alle Ängste einer stets leidenden Eitelkeit blicken, keines dieser Gesichter à la Vixault, Deputierter des Herault im Jahr 1833.
Diese italische Eitelkeit ist so sehr verschieden und so sehr viel schwächer als unsere französische, und dies hat mich darauf geführt, die nachfolgenden Klatschgeschichten abschreiben zu lassen. Meine Vorliebe für diese Geschichten dürfte jeden meiner französischen Zeitgenossen spaßig und gesucht vorkommen, die gewohnt sind, ihr literarisches Vergnügen und das Abbild des menschlichen Herzens in Werken wie denen der Herrn Villmain und Delavigne zu suchen. Dessen bin ich sicher, daß das heutige England, Deutschland und Frankreich viel zu zerfressen sind von Affektiertheit und aller Art Eitelkeit, als daß sie imstande wären, ein so scharfes Licht in die Tiefen des menschlichen Herzens zu werfen, wie es diese alten italienischen Berichte tun.
Ich muß gestehen, daß ich sehr wenig neugierig bin auf die Denk- und Lebensgewohnheiten der Bewohner von Ceylon oder von Neu-Holland. Diese Völker sind allzuverschieden von den Menschen, die meine Freunde und Nebenbuhler waren. Sie bringen mich zum Gähnen wie die Achille, und Agamemnone und die Helden Racines: ich kenne diese Herrschaften nicht. Aber ich schmeichle mir, die Franzosen und die Italiener meiner Zeit zu kennen; ich liebe das, was das Herz des Menschen darstellt, aber des Menschen, den ich kenne.
Rom, Palazzo Cavalieri
24. April 1833.
Man wird in dem Folgenden keine komponierten Landschaften finden, sondern wahrhafte Naturansichten. Die Wahrheit muß hier für alle sonstigen Vorzüge stehen; aber wir leben in einer Zeit, der die Wahrheit nicht genügt und die sie nicht genug pikant findet. Die sich in dieser Verfassung Geistes befinden, denen rate ich, jede Woche nur eine der folgenden Geschichten zu lesen, deren Sprache ich liebe; es ist die des Volkes, voller Pleonasmen und alle schrecklichen Dinge bei ihrem schrecklichen Namen nennend. Aber gerade dadurch schildert der Erzähler unbewußt sein Jahrhundert und dessen gemeinübliche Denkweise.
Die mehreren dieser Geschichten sind wenige Tage nach dem Tode der armen Teufel niedergeschrieben worden, von denen sie Bericht geben. Meine Korrekturen versuchten, die Sprache etwas weniger dunkel zu machen, damit ich nicht schon beim dritten Lesen die Geduld verliere. Es ist ja überhaupt die Dunkelheit ein großer Fehler des Italienischen oder vielmehr der acht oder zehn italienischen Sprachen, von denen keine ihre Rivalinnen besiegt hat, so wie die Sprache von Paris die Montaignes getötet hat. So sagt man in Rom: vi vedrò domani al giorno, was in Florenz kein Mensch verstünde. Ich persönlich läse lieber eine Geschichte in englischer als in italienischer Sprache, sie wäre mir deutlicher.
Nur ein Volk, in dem die Stärke des unmittelbaren Eindruckes, wie in Neapel, und die Stärke der vom Geiste ohne Pause geförderten Leidenschaft, wie in Rom, so bedeutend war, vermochte es, in solch hohem Maße Affektiertheit und Eitelkeit zu unterdrücken oder auszuschalten. Ich bin nicht sicher, ob man außerhalb Italiens -- und Spaniens vor der Unnatur des 19. Jahrhunderts -- eine Epoche fände, kultivierter und interessanter als die der Riccaras, von denen Franklin berichtet, und doch wieder so sehr ohne Eitelkeit, daß das menschliche Herz fast bloß liegt. In diesem Jahre 1833 kann ich feststellen, daß man in Frankreich und besonders in England Totschlag vorwiegend des Geldes wegen begeht. Aber von den beiden armen Teufeln, die vorgestern hier hingerichtet wurden, hat der dreiundzwanzigjährige Vivaldi seine Frau umgebracht, weil er eine andere liebte, und der zweite, siebenundzwanzigjährig, hatte aus politischen Gründen einen Arzt erschossen, der wahrscheinlich ein Vaterlandsverräter war. Von Geldinteressen keine Spur.
Rom, 15. Mai 1833.
DER KARDINAL ALDOBRANDINI
I.
Paolo Santacroce, ein römischer Edelmann aus Fano, war wiederholt mit Bitten in seine Mutter gedrungen, sie solle ihn zum gesetzlichen Erben ihres Vermögens einsetzen. Da sie sich dessen weigerte, beschloß er, sie ums Leben zu bringen. In solcher Absicht schrieb er an seinen älteren Bruder Onofrio Marchese von Oriolo, der damals von Rom abwesend war, ihre Mutter beflecke durch ihre Ausschweifungen die Ehre ihres edlen Hauses und daß sie derzeit schwanger sei. In Wahrheit war die arme Frau wassersüchtig, wie sich nach ihrem Tode herausstellte. Onofrio schrieb seinem Bruder zur Antwort, er solle tun, was ein Edelmann seiner Ehre schuldig sei. Daraufhin erdolchte Paolo seine Mutter und floh nach Neapel, wo er bald darauf den Tod fand.
Diesem Verbrechen Pardon zu geben schien der Papst gar nicht geneigt, zumal kurz vorher der Brudermord des Marc Anton Massimi sich ereignet hatte und der Prozeß der Cenci wegen Vatermordes im Gange war. Papst Clemens VII. befahl strenge Untersuchung, zumal der Hauptschuldige fehlte; man fand die beiden Briefe der Brüder und alsbald wurde Onofrio verhaftet, gerade als er auf dem Grundstück der Orsini dem Ballspiel oblag.
Als des Papstes Neffe, der Kardinal Aldobrandini, von dieser Verhaftung hörte, gab er dem Monsignore Taverna, Gouverneur von Rom, den Auftrag, sich persönlich des Prozesses anzunehmen und versprach ihm durch Verwendung bei seinem Onkel den Kardinalshut, wenn es ihm gelänge, gegen Onofrio ein Todesurteil zu erreichen. Es tut aber selber Hut mehr Wirkung auf die römischen Prälaten als die Farbe des Goldes auf die Augen der Banditen. Der Monsignore Taverna tat getreu, wie ihm aufgetragen.