Chapter 12
Es ist wohl wahr, daß einige Männer in diesem Konsistorium, die mehr Erfahrung in höfischer Art hatten, diese scheinbare Unempfindlichkeit nicht einem Mangel an Gefühl, sondern einer großen Verstellungsgabe zuschrieben, und diese Auffassung wurde bald nachher von den meisten Angehörigen des Hofes geteilt; denn es war nutzbringend, sich von einer Beleidigung nicht zu tief verletzt zu zeigen, deren Urheber zweifellos hochgestellt war, und später vielleicht den Weg zur allerhöchsten Würde verhindern könnte.
Was immer auch die Ursache dieser augenscheinlich vollständigen Unempfindlichkeit sein mochte, war es doch sicher, daß sie ganz Rom und den Hof Gregors XIII. mit einer gewissen Bestürzung erfüllte. Aber, um auf das Konsistorium zurückzukommen: als alle Kardinäle versammelt waren und der Papst selbst in den Saal trat, wandte er sogleich die Augen zum Kardinal Montalto, und man sah Seine Heiligkeit Tränen vergießen; was den Kardinal betrifft, so verloren seine Züge nicht ihre gewohnte Unbeweglichkeit.
Das Staunen verdoppelte sich, als im gleichen Konsistorium die Reihe an den Kardinal Montalto kam, sich vor dem Thron Seiner Heiligkeit niederzuknien, um über die Angelegenheiten, mit denen er betraut war, Bericht abzulegen, und der Papst, bevor er ihm zu beginnen gestattete, nicht sein Schluchzen zurückhalten konnte. Als Seine Heiligkeit wieder fähig war, zu sprechen, suchte sie den Kardinal zu trösten und versprach ihm dabei, daß dieses ungeheuerliche Attentat streng und schnell gesühnt werden solle. Aber nachdem der Kardinal Seiner Heiligkeit demütigst gedankt hatte, bat er ihn inständigst, keine Nachforschungen über das, was geschehen war, anzubefehlen, da er, was ihn beträfe, aus vollem Herzen dem Urheber verzeihe, wer es auch sein möge. Und unmittelbar nach dieser in sehr wenigen Worten vorgetragenen Bitte, ging der Kardinal zu den einzelnen Angelegenheiten über, mit denen er betraut war; als ob nichts Außergewöhnliches geschehen wäre.
Die Blicke aller beim Konsistorium anwesenden Kardinäle waren auf den Papst und auf Montalto geheftet, und obgleich es sicher sehr schwer sein mag, das geübte Auge eines Hofmanns irrezuführen, wagte doch niemand zu behaupten, daß die Miene des Kardinals Montalto die leiseste Bewegung verraten habe, als er die Tränen Seiner Heiligkeit so aus der Nähe sah, die -- um die Wahrheit zu sagen -- wirklich ganz außer sich geraten war. Diese erstaunliche Fühllosigkeit des Kardinals Montalto verleugnete sich auch nicht während der ganzen Zeit, die er mit Seiner Heiligkeit zu arbeiten hatte. Es ging so weit, daß der Papst selbst dadurch betroffen wurde und nach Schluß des Konsistoriums nicht umhin konnte, dem Kardinal von San Sisto, seinem Lieblingsneffen, zu sagen: Veramente costui è un gran frate! Wahrlich, der ist ein großer Mönch!
Das Benehmen des Kardinals Montalto war auch während aller folgenden Tage völlig gleichmäßig. Wie es Sitte war, empfing er die Beileidsbesuche der Kardinäle, der Prälaten und der römischen Fürsten, und keinem gegenüber, in welchen Beziehungen er auch zu ihm stehen mochte, ließ er sich zu irgendeiner Äußerung des Schmerzes oder der Klage hinreißen. Nach einer kurzen Darlegung über die Unbeständigkeit der menschlichen Dinge, die er mit Sentenzen und Zitaten aus der Heiligen Schrift oder den Kirchenvätern belegte, wechselte er kurz das Gespräch und kam auf die Neuigkeiten der Stadt oder auf persönliche Angelegenheiten dessen zu sprechen, mit dem er sich unterhielt, genau, als ob er seinen Trostspender hätte trösten wollen.
Rom war besonders neugierig, was während des Besuchs geschehen würde, den ihm Fürst Paolo Giordano Orsini, Herzog von Bracciano, abstatten mußte, welchem das Gerücht den Tod von Felice Peretti zuschrieb. Das Volk dachte, daß Kardinal Montalto nicht so in der Nähe des Fürsten sein könne und unter vier Augen mit ihm sprechen, ohne irgendwie seine Gefühle zu verraten.
Als der Fürst den Kardinal besuchte, war eine ungeheure Menschenmenge auf der Straße und am Eingang; zahlreiche Höflinge erfüllten alle Räume des Hauses, so groß war die Neugier, das Aussehen der beiden zu beobachten. Aber weder an dem einen noch an dem andern vermochte jemand etwas besonderes wahrzunehmen. Der Kardinal Montalto hielt sich genau an das, was der höfische Anstand vorschrieb; er gab seinem Gesicht einen sehr bemerkenswerten Ausdruck von Aufgeräumtheit und die Art, wie er das Wort an den Fürsten richtete, war von Gefälligkeit erfüllt.
Einen Augenblick später, als der Fürst seinen Wagen bestieg und sich mit den Intimen seines Hofs allein befand, konnte er sich nicht mehr zurückhalten, lachend zu sagen: "In fatto è vero che costui è un gran frate! Es ist wirklich wahr, jener ist ein großer Mönch![sic! Fehlt: "] Als ob er die Wahrheit des Wortes bestätigen wollte, das dem Papst vor einigen Tagen entschlüpft war.
Die Klugen dachten, daß die bei dieser Gelegenheit vom Kardinal Montalto gezeigte Haltung ihm den Weg zum Thron ebnen müsse; denn viele Leute faßten über ihn die Meinung, daß er, sei es von Natur oder durch Tugend, niemandem schaden könne oder wolle, wenn er auch allen Grund habe, gereizt zu sein.
Felice Peretti hatte nichts Schriftliches, was sich auf seine Frau bezog, hinterlassen; sie mußte demzufolge in das Haus ihrer Eltern zurückkehren. Der Kardinal Montalto ließ ihr vor ihrem Scheiden die Gewänder, die Schmucksachen und überhaupt alle Geschenke aushändigen, die sie erhalten hatte, während sie die Frau seines Neffen war.
Am dritten Tage nach dem Tode Felice Perettis ließ sich Vittoria, von ihrer Mutter begleitet, im Palast des Fürsten Orsini nieder. Manche sagten, die Frauen wurden zu diesem Schritt durch die Sorge um ihre persönliche Sicherheit getrieben, denn die Corte[3] schien sie mit der Anklage zu bedrohen, dem Mord, der begangen worden war, zugestimmt oder zumindest vor der Ausführung von ihm Kenntnis gehabt zu haben; andre glaubten -- und das, was später geschah, schien diese Ansicht zu bestätigen -- daß sie den Schritt getan hatten, um die Heirat zu betreiben, da der Fürst Vittoria zugesichert haben sollte, sie zu heiraten, wenn sie keinen Gatten mehr habe.
Immerhin hat man weder damals, noch später den Urheber des Mordes an Felice feststellen können, obwohl jeder auf jeden Verdacht hatte. Die meisten schrieben indessen diesen Todesfall dem Fürsten Orsini zu. Man sagte allgemein, daß er von einer leidenschaftlichen Neigung für Vittoria ergriffen war; er hatte davon unzweideutige Anzeichen gegeben und die Heirat, welche folgte, war ein starker Beweis, denn die Frau stand so weit unter ihm, daß nur die Tyrannei leidenschaftlicher Liebe sie zur Gleichheit der Ehe erheben konnte. Das Volk wurde von der Auffassung auch nicht durch einen, an den Gouverneur von Rom gerichteten Brief abgebracht, den man wenige Tage nach der Tat verbreitete. Dieser Brief war im Namen Cesare Palantieris geschrieben, eines ungestümen jungen Mannes, der aus der Stadt verbannt war.
In diesem Brief sagte Palantieri, es sei nicht nötig, daß seine hochgeborene Gnaden sich die Mühe mache, anderswo den Urheber des Mordes an Felice Peretti zu suchen, da er selbst es gewesen sei, der ihn habe töten lassen und zwar infolge gewisser Differenzen, die vor einiger Zeit zwischen ihnen stattgefunden hätten.
Viele waren der Meinung, daß dieser Mord nicht ohne die Zustimmung des Hauses Accoramboni geschehen sein konnte; man beschuldigte die Brüder Vittorias, daß sie der Ehrgeiz, mit einem so reichen und mächtigen Fürsten in Beziehungen zu treten, verführt habe. Man beschuldigte besonders Marcello wegen der Verdachtsgründe, die durch den Brief gegeben waren, der den unglücklichen Felice nachts aus dem Haus rief. Man sprach auch von Vittoria selbst schlecht, als man sie ihre Zustimmung geben sah, so bald nach dem Tode ihres Gemahls den Palast der Orsini als zukünftige Gattin zu bewohnen. Man behauptete, daß es wenig wahrscheinlich sei, sich plötzlich so nahe, wie bei einem Messerstich, nebeneinander zu finden, wenn man sich vorher nicht, wenigstens durch einige Zeit, Waffen von größerer Reichweite bedient habe. Die Nachforschung über diesen Mord wurde von Monsignore Portici, Statthalter von Rom, nach den Befehlen Gregors XIII. geleitet. Man ersieht daraus bloß, daß Domenico, Mancino genannt, durch die Corte verhaftet, Geständnisse macht und ohne erst auf die Folter gespannt werden zu müssen, im zweiten Verhör, am vierundzwanzigsten Februar 1582, aussagt:
"Daß Vittorias Mutter an allem schuld sei, und daß sie durch die Kammerfrau aus Bologna unterstützt worden sei, welche gleich nach dem Mord Zuflucht in der Feste von Bracciano fand, in die als dem Fürsten Orsini gehörend die Corte nicht einzudringen wagte, und daß die Vollbringer des Verbrechens Macchione de Gubbio und Paolo Barca di Bracciano waren, lancie spezzate eines Herrn, dessen Namen man aus triftigen Gründen nicht nannte."
Mit diesen triftigen Gründen vereinten sich, wie ich glaube, die Bitten des Kardinals Montalto, der nachdrücklich ersuchte, daß die Nachforschungen nicht weiter getrieben werden mögen, und wirklich war nicht mehr die Rede von einem Prozeß. Der Mancino wurde aus dem Gefängnis mit dem Befehl entlassen, bei Todesstrafe unverzüglich in seinen Heimatsort zurückzukehren und ihn nie ohne eine besondere Erlaubnis zu verlassen. Die Freilassung dieses Mannes fand 1583, am Tage des San Luigi statt, und da dieser Tag auch der Geburtstag des Kardinal Montalto war, bestärkte mich dieser Umstand mehr und mehr in der Annahme, daß auf seine Bitte hin diese Angelegenheit so beendet wurde. Unter einer so schwachen Regierung, wie es die Gregors XIII. war, konnte ein derartiger Prozeß sehr unangenehme Folgen haben.
Die Bemühungen der Corte wurden hiermit eingestellt; trotzdem wollte Papst Gregor XIII. nicht einwilligen, daß Fürst Paolo Orsini, Herzog von Bracciano, die Witwe Accoramboni heirate. Nachdem Seine Heiligkeit der letzteren eine Art Gefangenschaft auferlegt hatte, erließ er für den Fürsten und die Witwe die Vorschrift, daß sie ohne seine oder seiner Nachfolger ausdrückliche Erlaubnis einander nicht heiraten dürften.
Gregor XIII. starb zu Beginn des Jahres 1585 und da die von Fürst Orsini konsultierten Rechtsgelehrten geantwortet hatten, daß sie die Vorschrift durch den Tod des Herrschers, der sie verfügt hätte, für annulliert erachteten, entschloß er sich, Vittoria vor der Ernennung des neuen Papstes zu heiraten. Aber die Ehe ließ sich nicht so schnell schließen, wie der Fürst es wünschte; teils weil er die Zustimmung von Vittorias Brüdern haben wollte und es sich ereignete, daß Ottavio Accoramboni, der Bischof von Fossombrone, niemals die seine zu geben gedachte; teils auch, weil man nicht glaubte, daß die Wahl des Nachfolgers Gregors XIII. so rasch stattfinden würde. Tatsache ist, daß die Ehe erst am gleichen Tag geschlossen worden ist, als der Kardinal Montalto, den diese Angelegenheit so interessierte, zum Papst gewählt wurde, nämlich am vierundzwanzigsten April 1585, sei es, daß dies nur Zufall war, sei es, daß der Fürst zeigen wollte, er fürchte die Corte nicht ärger unter dem neuen Papst, als er sie unter Gregor XIII. gefürchtet hatte.
Diese Heirat beleidigte die Seele Sixtus V. tief (dies war der Name, den Kardinal Montalto gewählt hatte); er hatte schon die Denkweise aufgegeben, die für einen Mönch passend ist, und seine Seele zu der Höhe des Ranges erhoben, in den ihn Gott jetzt gestellt hatte.
Der Papst zeigte aber trotzdem kein Zeichen von Zorn. Allein als sich der Fürst Orsini am gleichen Tage mit der Menge der römischen Edelleute zum Fußkusse eingefunden hatte, mit der geheimen Absicht, in den Zügen des heiligen Vaters zu lesen, was er von diesem bisher so wenig deutlichen Mann zu erwarten oder zu fürchten habe, bemerkte er, daß zum Scherzen nicht mehr die Zeit sei. Der neue Papst hatte den Fürsten in einer eigentümlichen Weise angesehn, und hatte kein einziges Wort auf die Huldigung, die dieser an ihn richtete, geantwortet; daher faßte der Fürst den Entschluß, sofort zu ergründen, welche Absicht Seine Heiligkeit in bezug auf seine Person habe.
Durch Vermittlung des Kardinals Ferdinand von Medici, eines Bruders seiner ersten Frau und des spanischen katholischen Botschafters suchte er um eine Privataudienz beim Papste an und erhielt sie. Hier richtete er an Seine Heiligkeit eine wohleinstudierte Rede; ohne der vergangenen Dinge Erwähnung zu tun, sprach er seine Freude anläßlich der neuen Würde aus und bot Seiner Heiligkeit als treuster Vasall und Diener sein ganzes Vermögen und seine ganze Macht an.
Der Papst[4] hörte ihn mit außerordentlichem Ernst an und antwortete schließlich, niemand wünsche mehr als er, daß in Zukunft das Leben und die Taten des Paolo Giordano Orsini des Geschlechts der Orsini und eines wahrhaft christlichen Ritters würdig seien, daß sein eigenes Gewissen ihm am besten sagen werde, wie er früher zum Heiligen Stuhl und zu dessen Personifizierung dem Papst gestanden sei; daß er indessen sicher sein könne -- so gern ihm auch alles vergeben sei, was er gegen Felice Peretti und gegen Felice Kardinal Montalto habe unternehmen können -- niemals würde ihm verziehen werden, was er etwa in Zukunft gegen den Papst Sixtus V. unternehmen möchte; daher fordere er ihn hiermit auf, sofort alle Verbannten und Missetäter zu vertreiben, denen er bis heute Unterschlupf geboten habe.
Sixtus V. besaß eine besondere Fähigkeit, sich beim Sprechen jedweden Tones, den er wollte, bedienen zu können; aber wenn er gereizt und drohend war, hätte man sagen können, daß seine Augen Blitze schleuderten. Sicher ist, daß Fürst Paolo Orsini, der immer gewöhnt war, daß die Päpste ihn fürchteten, durch die Sprechweise des Papstes, wie er eine ähnliche nicht in einem Zeitraum von dreizehn Jahren gehört hatte, so ernstlich zum Nachdenken angeregt wurde, daß er vom Palast Seiner Heiligkeit schleunigst zum Kardinal Medici eilte, um ihm zu erzählen, was vorgefallen war. Dann beschloß er, auf den Rat des Kardinals, ohne den geringsten Aufschub alle vom Gericht verfolgten Personen auszuweisen, denen er in seinem Palast und in seinen Staaten Unterkunft gewährt hatte, und er überlegte auch, wie er selbst schnell irgendeinen ehrenvollen Vorwand finden könnte, sogleich die Länder zu verlassen, die unter der Macht eines so entschlossenen Papstes standen.
Man muß wissen, daß Fürst Paolo Orsini außerordentlich umfangreich geworden war; seine Beine waren dicker als der Körper eines durchschnittlichen Menschen und das eine dieser ungeheuren Beine war von der Krankheit befallen, die man la lupa nennt, weil man ihr eine große Menge frischen Fleisches zuführen muß, welches man auf die leidende Stelle legt, sonst würden die bösen Säfte -- wenn sie nicht totes Fleisch zu verzehren bekämen -- sich auf das umliegende gesunde Fleisch werfen.
Der Fürst nahm dieses Übel als Vorwand, um sich in die berühmten Bäder von Albano, nahe Padua, im Bereich der Republik Venedig, zu begeben; er reiste mit seiner jungen Gattin Mitte Juni dorthin. Albano war für ihn ein ganz sicherer Hafen, denn seit vielen Jahren war das Haus Orsini mit der Republik Venedig durch gegenseitige Dienste verbunden.
In diesem sicheren Lande angekommen, dachte der Fürst Orsini nur daran, die Annehmlichkeiten eines wechselnden Aufenthalts zu genießen, und er mietete zu diesem Zweck drei prachtvolle Paläste: den einen in Venedig, den Palazzo Dandolo in der via della Zecca; den zweiten in Padua, das war der Palazzo Foscarini auf der prächtigen Arena genannten Piazza; den dritten wählte er in Salò, an dem reizenden Ufer des Gardasees: dieser hatte einst der Familie Sforza-Pallavicini gehört.
Die Herren der Republik Venedig vernahmen mit Freude, daß ein solcher Fürst in ihren Staat kommen wollte und boten ihm sofort eine sehr noble Condotta an: das bedeutet eine beträchtliche jährliche Rente, die von dem Fürsten dazu gebraucht werden müßte, ein Korps von zweitausend bis dreitausend Mann aufzustellen, dessen Kommando er zu übernehmen hatte. Der Fürst wies das Anerbieten sehr schnell ab; er ließ den Senatoren antworten: obwohl er sich durch natürliche und von seiner Familie ererbte Neigung in seinem Herzen zum Dienst der erhabenen Regierung geneigt fühle, erschiene es ihm doch, da er gegenwärtig an den katholischen König gebunden sei, nicht passend, eine andere Verpflichtung zu übernehmen. Eine so entschlossene Antwort brachte etwas Lauheit in die Stimmung der Senatoren. Zuerst hatten sie beabsichtigt, ihm bei seiner Ankunft in Venedig im Namen des ganzen Volks einen sehr ehrenvollen Empfang zu bereiten; auf seine Antwort hin beschlossen sie, ihn einfach wie einen Privatmann ankommen zu lassen.
Fürst Orsini, der von allem unterrichtet war, faßte den Entschluß, überhaupt nicht nach Venedig zu gehen. Er war schon in der Nähe Paduas, machte aber nun einen Bogen und begab sich mit seinem ganzen Gefolge nach Salò, in das für ihn vorbereitete Haus am Ufer des Gardasees. Er verbrachte dort den ganzen Sommer unter prächtigen und abwechslungsreichen Zerstreuungen.
Der Zeitpunkt eines Aufenthaltswechsels war gekommen und der Fürst unternahm einige kleine Reisen, nach denen es ihm schien, daß er Anstrengungen nicht mehr so wie früher vertragen könne; er hatte Befürchtungen für seine Gesundheit und dachte schließlich daran, einige Tage in Venedig zu verbringen. Doch wurde er durch seine Gattin Vittoria davon abgebracht, die ihn veranlaßte, den Aufenthalt in Salò zu verlängern.
Viele haben gedacht, daß Vittoria Accoramboni die Gefahr bemerkt habe, der das Leben des Fürsten, ihres Gemahls, ausgesetzt war und daß sie ihn nur veranlaßte in Salò zu bleiben, in der Absicht, ihn später aus Italien fortzubringen, etwa in irgendeine freie Stadt der Schweiz. Durch dieses Mittel hätte sie, im Falle der Fürst starb, sowohl ihre Person, als auch ihr privates Vermögen in Sicherheit gebracht.
Ob solche Voraussetzung begründet war oder nicht, Tatsache ist, daß nichts von dem geschah; denn der Fürst wurde am zehnten November in Salò von einem neuen Unwohlsein befallen und hatte gleich die Vorahnung von dem, was geschehen sollte.
Er hatte Mitleid mit seiner unglücklichen Frau: er sah sie in der schönsten Blüte ihrer Jugend, arm an Gütern wie an Ansehen, zurückbleiben, von den regierenden Fürsten Italiens gehaßt, von den Orsini wenig geliebt und ohne Hoffnung auf eine neue Ehe nach seinem Tode. Wie ein großer Herr von Treu und Ehre machte er aus eigenem Antrieb ein Testament, in dem er das Vermögen der Unglücklichen sicherstellen wollte. Er vermachte ihr an Geld und Juwelen die bedeutende Summe von 100 000 Piastern, außerdem alle Pferde, Karossen und Möbel, deren er sich auf dieser Reise bediente. Den Rest seines Vermögens hinterließ er zur Gänze seinem einzigen Sohn, Virginio Orsini, den ihm seine erste Frau, die Schwester Franz I. Großherzogs von Toskana, geboren hatte und die er, mit Einwilligung ihrer Brüder, wegen Untreue hatte ermorden lassen.
Aber wie unsicher die menschliche Voraussicht ist! Die Verfügungen, welche Paolo Orsini traf, um diese unglückliche junge Frau vollkommen sicher zu stellen, brachten sie in Verderben und Untergang.
Nachdem er sein Testament unterzeichnet hatte, fühlte sich der Fürst am zwölften November ein wenig besser. Am Morgen des dreizehnten ließ man ihm zu[sic! statt wie sonst: ihn zur] Ader, und die Ärzte, die ihre Hoffnung in eine strenge Diät setzten, trafen die genauesten Anordnungen, damit er keine Nahrung zu sich nähme.
Aber sie hatten kaum das Zimmer verlassen, als der Fürst verlangte, daß man ihm das Essen serviere und er aß und trank wie gewöhnlich. Kaum war die Mahlzeit beendet, verlor er das Bewußtsein und zwei Stunden vor Sonnenuntergang war er tot.
Nach diesem plötzlichen Tod begab sich Vittoria, von ihrem Bruder Marcello und dem ganzen Hofstaat des verblichenen Fürsten begleitet, nach Padua, in den bei der Arena gelegenen Palazzo Foscarini, den der Fürst damals gemietet hatte.
Kurz nach ihrer Ankunft wurde sie von ihrem Bruder Flaminio aufgesucht, der beim Kardinal Farnese in vollster Gunst stand. Sie tat gerade damals Schritte, um die Auszahlung des Legats, das ihr Gatte ihr vermacht hatte, zu erwirken. Dieses Legat bestand aus 10 000 Piastern in bar, die ihr im Laufe von zwei Jahren ausgezahlt werden sollten, und zwar unabhängig von ihrer Mitgift und der Gegengabe und allen Juwelen und Möbeln, die in ihrem Besitz waren. Fürst Orsini hatte in seinem Testament verfügt, daß man ihr in Rom oder in einer anderen Stadt, die sie wählte, einen Palast im Werte von 10 000 Piastern und ein Landhaus im Werte von 6000 kaufen solle; außerdem hatte er noch vorgeschrieben, daß für ihren Tisch und für ihren ganzen Hausstand gesorgt werden müsse, wie es einer Frau ihres Ranges gebühre. Der Dienst sollte aus vierzig Leuten bestehen und einer Anzahl Pferden.
Signora Vittoria setzte große Hoffnung in die Gunst der Fürsten von Ferrara, von Florenz und von Urbino und der Kardinäle Farnese und Medici, welche von dem verstorbenen Fürsten zu seinen Testamentsvollstreckern ernannt worden waren. Es ist zu bemerken, daß das Testament nach Padua gesandt und den Kapazitäten Parrizoli und Menochio vorgelegt worden war, den ersten Professoren dieser Universität und noch heute berühmten Rechtsgelehrten.
Fürst Luigi Orsini kam nach Padua, um sich dessen zu entledigen, was er in bezug auf den verstorbenen Fürsten und seine Witwe zu tun hatte und dann als Statthalter der Insel sich nach Korfu zu begeben, wozu er von der erhabenen Republik ausersehen worden war.
Zuerst entstand eine Schwierigkeit zwischen Signora Vittoria und dem Fürsten Luigi wegen der Pferde des verstorbenen Herzogs, von denen der Fürst meinte, daß sie, dem gewöhnlichen Sprachgebrauch folgend, nicht eigentlich Gebrauchsgegenstände seien; aber die Herzogin bewies, daß sie wie eigentliche Gebrauchsgegenstände anzusehen wären und es wurde beschlossen, daß sie bis zu späterer Entscheidung in ihrer Benützung bleiben sollten; sie stellte als Bürgen den Signor Soardi di Bergamo, Condottiere der Signoria von Venedig, einen sehr reichen und zu den angesehendsten seines Vaterlands zählenden Edelmann.
Es kam noch eine Schwierigkeit hinzu, die eine gewisse Menge Silbergeschirr betraf, das der verstorbene Herzog dem Fürsten Luigi als Zahlung für einen Geldbetrag ausgesetzt hatte, der ihm von diesem geliehen worden war. Alles wurde durch Rechtsspruch entschieden, denn der durchlauchtigste Herzog von Ferrara verwandte sich dafür, daß die letzten Anordnungen des verstorbenen Fürsten Orsini genau durchgeführt würden.
Diese zweite Angelegenheit wurde am dreiundzwanzigsten Dezember, der auf einen Sonntag fiel, entschieden.
In der folgenden Nacht drangen vierzig Männer in das Haus der Accoramboni. Sie waren in Leinengewänder von ungewöhnlichem Schnitt gekleidet, die so angelegt waren, daß man sie nicht erkennen konnte, wenn nicht an der Stimme; und sobald sie sich untereinander riefen, gebrauchten sie gewisse verabredete Ausdrücke.
Sie suchten zuerst nach der Herzogin, und als sie diese gefunden hatten, sagte ihr einer von ihnen: "Jetzt heißt es sterben."
Und ohne ihr einen Augenblick zu gewähren, während sie noch bat, sich ihrem Gott empfehlen zu dürfen, durchbohrte er sie mit einem dünnen Dolch gerade unter der linken Brust. Der Grausame bewegte den Dolch in allen Richtungen und fragte die Unglückliche mehrmals dabei, ob er ihr Herz schon berühre; endlich gab sie den letzten Seufzer von sich. Währenddessen suchten die anderen nach den Brüdern der Herzogin, von denen einer, Marcello, sein Leben rettete, weil man ihn nicht im Hause fand, der andre aber von hundert Stichen durchbohrt wurde. Die Mörder ließen die Toten auf der Erde, das ganze Haus in Tränen und Klagen zurück, und als sie sich der Kassette bemächtigt hatten, welche die Juwelen und das Geld enthielt, verschwanden sie.
Diese Neuigkeit gelangte schnell zu den Behörden von Padua, sie ließen die Leichen agnoszieren und erbaten von Venedig Verhaltungsmaßregeln.